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9. Juni 2008

Zettels Meckerecke: Wie "Spiegel Online" die NPD hochschreibt

Zu den klassischen Mitteln linksextremer Agitation gehört es, die "Gefahr von Rechts" zu übertreiben. Die Linksextremen brauchen die Rechtsextremen. Sie wachsen an ihnen, sie wachsen mit ihnen. Diese sind ihre Partner, die ihnen ideologisch so nah stehen und zugleich als Feindbild so wertvoll sind.

Nein, "Spiegel Online" ist nicht linksextrem. Brutus ist ein ehrenwerter Mann.



Im Augenblick lesen wir in "Spiegel Online" einen Artikel, der so beginnt:
KOMMUNALWAHLEN IN SACHSEN
Jeder Vierte wählte in Reinhardtsdorf-Schöna NPD

Rechtsruck in Sachsen: Die NPD hat ihr Ergebnis bei den Kommunalwahlen im Vergleich zu 2004 vervierfacht. In der Gemeinde Reinhardtsdorf- Schöna stimmten sogar mehr als 25 Prozent für die Rechtsextremen.

Kamenz - Reinhardtsdorf- Schöna, ein Örtchen in der sächsischen Schweiz, gilt ohnehin schon als Hochburg der NPD - doch auch hier, wie vielerorts im Land, legte die rechtsextreme Partei bei den Kommunalwahlen kräftig zu. Bei der Kreistagswahl am Sonntag ging mit 25,2 Prozent jede vierte Stimme aus der Gemeinde in der Sächsischen Schweiz an die NPD, wie aus dem vom Statistischen Landesamt in Kamenz veröffentlichten vorläufigen Ergebnis hervorgeht.

Besser schnitten lediglich die Freien Wähler mit 26,8 Prozent ab. Schlechter weg kam hingegen selbst die CDU (21,7 Prozent). Linke (15,6 Prozent), FDP (4,2 Prozent), SPD (3,7 Prozent) und Grüne (2,8 Prozent) liegen zusammen nur 1,1 Prozentpunkte besser als die NPD.
Es ist die klassische Methode unfairer Rhetorik: Man greift zu Beginn einen Einzelfall auf, der zu dem paßt, wovon man den Adressaten überzeugen möchte. Dieser wird damit für diese These gewonnen, bevor er überhaupt die Gesamtheit der Fakten kennt.

Dieser Einzelfall wird liebevoll ausgemalt und detailliert geschildert; auch das gehört zu diesem rhetorischen Trick.

Wer seinen Zuhörern einreden möchte, schwere Verbrechen hätten zugenommen, schildert zuerst einmal in allen Einzelheiten einen Mord oder einen Überfall. Das sagt zwar nichts über die Statistik, aber es soll den Zuhörer in eine Haltung versetzen, in der er vor lauter Angst und Empörtheit gar nicht mehr auf die Daten achtet; in der er jedenfalls bereit ist, sie im Sinn der These des Redners zu interpretieren.



In Reinhardtsdorf- Schöna haben gestern 749 Bürger an der Wahl teilgenommen. Sie haben keineswegs den Gemeinderat von Reinhardtsdorf- Schöna gewählt, denn bei diesen Wahlen wurden überhaupt keine Gemeinderäte gewählt, sondern nur Kreistage, Landräte und Bürgermeister. Daß "Spiegel Online" diese kleine Gemeinde herausgreift und ihr den gesamten ersten Teil seiner Berichterstattung über diese Wahlen widmet, ist also die pure Willkür.

Eine Willkür freilich, die den Effekt hat, daß der Leser das Weitere mit dem Gedanken im Hinterkopf liest: "Die NPD hat in Sachsen gefährlich zugenommen".

Hat sie? In einem seriösen Blatt, der "Leipziger Volkszeitung" (LVZ), kann man in einer dpa- Meldung lesen, wie diese Wahlen tatsächlich ausgegangen sind:
Klarer CDU-Sieg bei den Kommunalwahlen in Sachsen: Sowohl bei der Wahl der zehn neuen Kreistage, der zehn Landräte sowie der Bürgermeister dominierte die Union am Sonntag. Sie brachte auf Anhieb in sechs von zehn Kreisen ihre Landratskandidaten durch. Zudem stellt sie 123 von 282 gewählten Bürgermeistern. Das Ergebnis der Kreistagswahl wird erst im Laufe des Montags feststehen, die Auszählung wurde in der Nacht unterbrochen. Nach Auszählung in 507 von 509 Gemeinden kam die CDU auf 39,5 Prozent der Stimmen und übertraf damit ihr Ergebnis der Wahl in den alten Kreisen und kreisfreien Städten von 2004 (38,4).

Im Vergleich zur Kreistagswahl 2004 konnte vor allem die rechtsextreme NPD zulegen. Sie lag am frühen Morgen bei 5,1 Prozent (2004: 0,9 Prozent) und dürfte damit künftig in allen Kreistagen vertreten sein. Bei den Landratswahlen lag die NPD in zwei Kreisen sogar knapp vor der SPD: Im Landkreis Görlitz mit 7,3 Prozent sowie im Kreis Sächsische Schweiz- Osterzgebirge mit 7,8 Prozent.
Die NPD hat also in der Tat ihre Stimmenzahl erheblich erhöht. Aber auf gerade mal 5,1 Prozent.

Und die Kommunisten? Weiter LVZ:
Die Linke fuhr bei den Landratswahlen in neun von zehn Kreisen das jeweils zweitbeste Ergebnis ein. Nur im Landkreis Leipzig, wo die bislang einzige SPD-Landrätin antrat, konnten die Sozialdemokraten vor den Linken den zweiten Platz belegen. Bei den Wahlen zu den Kreistagen lagen die Linken kurz vor Ende der Auszählung bei 18,7 Prozent und dürfte damit im Vergleich zu 2004 - damals noch PDS - (21,6) eingebüßt haben. Die Wählervereinigungen wurden bei 12,1 Prozent (10,1) gesehen. Rang vier belegte die SPD mit 11,5 Prozent (13,6). Die FDP kam auf 8,3 Prozent (7,2).
Die NPD kam also bei diesen Wahlen hinter CDU, Kommunisten, Freien Wählern, SPD und FDP auf den sechsten Platz, mit etwas mehr als fünf Prozent der Stimmen.

Ja, aber sie hat doch ihre Ergebnis vom Frühsommer 2004 verfünffacht? Ja, das hat sie. Aber bei Kommunalwahlen geht es auch darum, wo eine Partei überhaupt antritt. Gegenüber den Landtagswahlen im Herbst 2004 hat die NPD ihr Ergebnis jetzt fast halbiert. Damals erreichte sie 9,2 Prozent.



Lohnt es sich noch, "Spiegel Online" schlechten Journalismus nachzuweisen? Viele Blogger- Kollegen verzichten inzwischen darauf. Auch ich tue es nur noch selten.

Aber "Spiegel Online" ist halt nach wie vor das größte deutsche Nachrichten- Portal. Man liest es, weil es aktuell ist und viele Informationen bringt. Da ist es vielleicht gut, sich von Zeit zu Zeit vor Augen zu führen, daß man mit jedem Klick auf "Spiegel Online" zugleich Adressat von politischer Agitation wird.



Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

5. Juni 2008

Zettels Meckerecke: Viel Alarm um nichts

Vor knapp einer Stunde, um sieben Uhr, wurde in den Nachrichten des ZDF noch immer von einem "europaweiten Atomalarm" geredet. In "Spiegel Online", unzuverlässig, wie es seine Art ist, wird (jedenfalls im Augenblick) durch die Wortwahl dafür gesorgt, daß der Leser sich sorgt:
Eine Gefahr für die deutsche Bevölkerung habe nicht bestanden, beteuert Umweltminister Sigmar Gabriel. (...) "Es gibt keine Auswirkungen auf die Umwelt und wir erwarten auch keine", behauptete der Leiter der slowenische Atomaufsichtbehörde, Andrej Stritar.
Ganz anders werden Alarmisten zitiert:
Die Umweltorganisation Greenpeace bezeichnete den europaweiten Alarm als "ungewöhnlich". Dies komme nur selten vor, sagte der Greenpeace-Atomexperte Thomas Breuer. (...) Das System sei als Reaktion auf das Reaktorunglück von Tschernobyl eingerichtet worden, erläuterte Breuer.
Also das übliche Spiel: Schon durch die Art, wie "Spiegel Online" eine Stimme zitiert (d.h. wie die einschlägigen Agenturmeldungen ausgesucht und/oder editiert werden), wird dem Leser suggeriert, ob man dem Betreffenden glauben kann oder nicht.



Und was war nun wirklich? Ausgerechnet in der "TAZ", einst das Leib- und Magenblatt der Alarmisten, findet man einen brauchbaren Bericht, geschrieben von Matthias Urbach. Er benutzte dieselben Agenturmeldungen wie "Spiegel Online", stellte sie aber zu einer sachlichen, informativen Meldung zusammen.

Danach ging die Aufregung - wieder einmal, füge ich hinzu - von der französischen AFP aus. "+++ Dringend +++ EU löst europaweiten Alarm nach Atom- Zwischenfall in Slowenien aus", meldete diese Agentur gestern um um 19 Uhr 45.

Wie der Zufall es wollte, lief in Berlin gerade ein Sommerfest von "Greenpeace"; dort sprach sich die Meldung wie ein Lauffeuer herum und wurde per Handy verbreitet.

Nur war die Meldung eine AFP-Ente. "Die EU-Kommission hatte keinesfalls Alarm ausgelöst, sondern lediglich eine Störfallmeldung über ihren Meldungsverbund ECURIE weitergeleitet", ist in der TAZ zu lesen. Der Leiter der slowenischen Atomaufsichtbehörde, Andrej Stritar, hatte den Störfall als "ungewöhnliches Ereignis" eingestuft; das ist die überhaupt niedrigste Stufe. Routinemäßig war das nach Brüssel gemeldet worden. Das ist alles.

Aber nicht für "Greenpeace", das noch aus jedem Mücklein einen Elefanten macht, wenn es hoffen kann, diesen spendenbringend durch die Manege tanzen zu lassen. Von der Gefahr einer "Kernschmelze" sprach vor einer halben Stunde ein Vertreter von "Greenpeace" im ZDF- Morgenmagazin.



Soweit wie gehabt. Leitmedien wie das ZDF und "Spiegel Online" besorgen mit Panikmache das Geschäft der Spendensammler von "Greenpeace". Business as usual.

Daß die TAZ da nicht mitmacht, sondern sachlich informiert, das allerdings ist für mich das Erstaunliche an der Nachrichtenlage zu diesem Thema, heute Morgen.



Nachtrag: Um wen es sich bei dem "Experten" von "Greenpeace" Thomas Breuer handelt, der mit seiner Warnung vor einer drohenden "Kernschmelze" soeben auch wieder im "Mittagsmagazin" des ZDF gesendet wurde, das hat Feynman in "Zettels kleinem Zimmer" mitgeteilt.



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20. März 2008

Zitat des Tages: Aus der Rede von Präsident Bush. Und vom Wegsehen deutscher Medien

The surge has done more than turn the situation in Iraq around -- it has opened the door to a major strategic victory in the broader war on terror.

For the terrorists, Iraq was supposed to be the place where al Qaeda rallied Arab masses to drive America out. Instead, Iraq has become the place where Arabs joined with Americans to drive al Qaeda out.

In Iraq, we are witnessing the first large-scale Arab uprising against Osama bin Laden, his grim ideology, and his murderous network. And the significance of this development cannot be overstated.


(Der surge [der "Vorstoß", also die Truppenverstärkung und anschließende Offensive; Zettel] hat nicht nur die Lage im Irak gewendet - er hat die Tür für einen wichtigen strategischen Sieg in dem umfassenderen Krieg gegen den Terror geöffnet.

Für die Terroristen sollte der Irak der Ort werden, an dem die El Kaida die arabischen Massen um sich scharen wollte, um Amerika zu vertreiben. Stattdessen ist der Irak der Ort geworden, an dem sich Araber mit den Amerikanern zusammentaten, um die El Kaida zu vertreiben.

Im Irak sind wir Zeugen des ersten großen arabischen Aufstands gegen Osama bin Laden, seine unerbittliche Ideologie und sein Netzwerk des Mordens. Und die Bedeutung dieser Entwicklung kann gar nicht genug betont werden.)

Aus der gestrigen Rede von Präsident Bush zum fünften Jahrestag des Beginns des Irak- Kriegs.

Kommentar: Wenn man sich die deutsche Berichterstattung zu diesem Jahrestag allgemein und speziell zur Rede des Präsidenten ansieht - der offen agitatorische Bericht von Marc Pitzke in "Spiegel Online" ist wieder einmal nur die zur Kenntlichkeit entstellte Variante des allgemeinen Tenors der deutschen Leitmedien - , dann hat man den Eindruck, diese Medien seien Opfer einer Nachrichtensperre geworden, die sie von der Entwicklung des letzten halben Jahres im Irak abgeschnitten hat.

Zu dieser Haltung des Wegsehens gehört, daß die dramatische Änderung der Allianzen, die sich bereits im Januar 2007 andeutete, die im März 2007 deutlich erkennbar war und die schon im Juni 2007 ihre militärischen Früchte trug, noch immer von den meisten unserer Medien nicht zur Kenntnis genommen wird. (Einen Überblick über die weiteren Beiträge der Serie "Ketzereien zum Irak", in der diese Entwicklung dokumentiert ist, findet man hier).

Eine Zeitlang konnte die El Kaida hoffen, zu so etwas wie der Kerntruppe eines allgemeinen Aufstands der Sunniten zu werden. Aber das ist lange vorbei.

Die sunnitischen Stämme in den Provinzen, in denen die El Kaida das versucht hatte - vor allem Anbar, Salahadin und Dilaya nördlich von Bagdad - erkannten sehr bald, welche mörderische und fanatische Besatzungstruppe da agierte und wo ihre, der Beduinen, wahre Interessen lagen.

Allerdings hatten die Beduinen zunächst auf eigene Faust die El Kaida bekämpft und gezögert, sich offen auf die Seite der USA zu stellen, solange diese am Verlieren zu sein schienen.

Das hat sich mit dem surge geändert. Inzwischen rekrutiert sich aus diesen Stämmen eine Anti- El-Kaida- Truppe (die "Sons of Iraq"), die bereits 91.000 Freiwillige umfaßt.

In unseren Leitmedien ist davon wenig zu erfahren. Kein Wunder, daß viele Leser es "Spiegel Online" abnehmen dürften, daß die Rede Präsident Bushs "Schönfärberei" sei.

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23. Februar 2008

Zettels Meckerecke: Vorsicht! Sie lesen "Spiegel Online"

Jeder, der "Spiegel Online" nutzt, weiß: Was dort steht, prüft man besser nach, bevor man es verwendet. Gerade habe ich wieder erlebt, wie dringend erforderlich das ist.

Da stand etwas in einem gestrigen Artikel, das einem die Haare zu Berge stehen läßt. Mindestens ein "Zitat des Tages" sollte das hergeben, dachte ich, als ich es gelesen habe:

Da hatte der SPD- Spitzenkandidat in Hamburg, Michael Naumann, einen Mann in sein "Kompetenz - Team" für die morgigen Wahlen berufen, einen Schweden namens Carl Tham. Zu ihm schreiben Per Hinrichs und Gunther Latsch, beide übrigens vom gedruckten "Spiegel", aus dessen Ressort Deutschland II:
Der 68-jährige Diplomat rief im Januar 2003 als schwedischer Botschafter in Berlin in einer Zeitungsanzeige zu einem Boykott israelischer Waren aus besetzten Gebieten auf. Begründung: Ein Kauf oder Verkauf israelischer Waren sei aktive Unterstützung für die illegale israelische Besatzung. (...) Die SPD verkauft den Israel- Boykotteur so: Er sei "dafür bekannt, dass er gern an den aktuellen politischen und kulturellen Debatten teilnimmt", so Naumann in einer Presseerklärung.
Das nun allerdings schien mir ein dicker Hund zu sein. Nicht nur, so dachte ich nach der Lektüre, nimmt Naumann so jemanden offenbar ungeprüft in sein Wahlkampf- Team auf - sondern dann kommentiert er dessen offensichtlich anti- israelische Haltung auch noch in dieser Weise oder läßt sie so kommentieren. Mit einer Formulierung, die man als nachgerade zynisch empfinden muß. Mindestens als den Versuch einer grotesken Verharmlosung.

Diesen Satz von Naumann also wollte ich als "Zitat des Tages" bringen, mit Hinweis darauf, daß er im Zusammenhang mit einem anti- israelischen Aufruf gefallen sei.



Nun zitierte ich aber grundsätzlich nichts aus "Spiegel Online", was ich nicht nachgeprüft habe. Zum Glück pflegen Presse- Erklärungen ins Web gestellt zu werden. Zum Glück gibt es bei Google die Phrasen- Suche. Also haben ich die Phrase "dafür bekannt, dass er gern an den aktuellen politischen und kulturellen Debatten teilnimmt" bei Google eingegeben.

Ergebnis: Zwei Fundstellen. Einmal trivialerweise der Artikel in "Spiegel Online" selbst. Und zum zweiten diese hier, die WebSite des Fraktions- Vorsitzenden der SPD in der Hamburger Bürgerschaft, Michael Neumann. Dort findet man die Presse- Erklärung, aus der Hinrichs und Latsch zitiert haben.

Lesen Sie sie bitte. Sie werden feststellen, daß es überhaupt nicht um den gegen Tham erhobenen Vorwurf geht. Sondern es werden drei Mitglieder des "Kompetenz- Teams" vorgestellt, unter ihnen Carl Tham. Die Presseerklärung ist undatiert, aber sie muß mindestens fünf Wochen alt sein, denn schon am 14. Januar 2008 wird in einer anderen Meldung Carl Tham als bereits in dieses Team berufenes Mitglied erwähnt.

Eine Passage also aus einer alten Pressemitteilung, in der logischerweise mit keinem Wort von den jetzt erhobenen Vorwürfen gegen Tham die Rede ist, montiert "Spiegel Online" so, daß der Eindruck entsteht, es handle sich um eine Reaktion auf diese Vorwürfe.

Freilich - wenn man genau liest, dann hat "Spiegel Online" nichts Falsches geschrieben. Lesen wir den entscheidenden Satz aus dem Artikel noch einmal und lassen wir ihn uns auf der Zunge zergehen: "Die SPD verkauft den Israel- Boykotteur so: Er sei 'dafür bekannt, dass er gern an den aktuellen politischen und kulturellen Debatten teilnimmt', so Naumann in einer Presseerklärung."

"Verkauft den Israel- Boykotteur" so, steht da. Es steht nicht da, daß das Zitat die Reaktion auf den Vorwurf des Israel- Boykotts ist; daß es überhaupt damit etwas zu tun hat. Es steht nicht da, wann denn Naumann das so formuliert hat oder hat formulieren lassen.

Man sollte schon genau lesen, was in "Spiegel Online" steht. Und dann noch zur Sicherheit googeln.

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16. Januar 2008

Marginalie: Fröhliche, unverschleierte Menschen

In der vergangenen Woche habe ich zwei Berichte aus dem Iran gelesen. Jeder für sich ist mitteilenswert, aber ihr gemeinsamer Informationswert erscheint mir größer zu sein als die Summe der Informationen aus jedem einzelnen.



Der erste Bericht stammt von Markus Wolff und erschien in "Spiegel Online" vom 7. Januar. Wolff reiste als Reporter nach Teheran und gewann unter anderem diese Impressionen:
Schon aus dem Autofenster war zu sehen, dass es dem Mullah-Regime nicht gelungen ist, alle Freiheiten, die es vor der Revolution 1979 gegeben hatte, einzuschränken und die Stadt komplett zu islamisieren. (...) Die Männer auf den Gehsteigen trugen Gelfrisuren, die Frauen Make-up, zehenfreie Sandalen und farbige Kopftücher wie modische Accessoires. (...)
Wolff besuchte dann eine Iranerin und berichtet:
Nachdem der indische Diener die Getränke serviert hatte, setzten wir uns auf die Veranda mit Blick auf den Pool. (...) Sie kritisierte die Mullahs und Präsident Ahmadinedschad, an dem sie weniger seine Politik als seine Unkultiviertheit störte, und zeigte anschließend auf ihrem Laptop Fotos von Freunden. Fröhliche, unverschleierte Menschen waren darauf zu sehen (...)
Und so geht es weiter im Text. So geht es munter weiter im Bericht dieses Reporters vom fröhlichen, glücklichen Leben in Teheran.

Er besucht den Inhaber eines Catering- Service ("Nicht die Buffets mit Kebab-Spießen und Tomatensalat, sondern mit Cognac abgeschmeckte Saucen, Kalbsfilet in Rotwein, Canapés mit Wildschweinwurst"). Er sieht sich in einem Flirt- Treff um ("Sie schoben ihre Sonnenbrille vom Nasenrücken in die Haare und wieder zurück und begannen irgendwann, mit den elegant gekleideten Mädchen zu sprechen").

Er besucht den Chef eines Jugend- Magazins, der ihm verrät, daß die Teheraner Jugend "billige Design- Drogen wie Crystal" konsumiere, und zwar "aus Langeweile". Am Ende geht er noch mit der Inhaberin eines Kosmetik- Salons aus, die sich dafür stadtfein macht:
An meinem letzten Abend wollte sie mir nun mit einigen Freunden ihr Lieblingsrestaurant zeigen. "Ich ziehe mich nur kurz um", sagte sie. Wenig später kam sie zurück – verhüllt in einen langen, schwarzen Tschador. Wie ein Model drehte sie sich einmal um sich selbst und lachte über die eigene Verwandlung.


Der zweite Bericht stand nicht in "Spiegel Online"; überhaupt nicht in der deutschen Presse, soweit ich sehe. Ich habe ihn aufgrund eines Hinweises (siehe Fußtext) bei der italienischen Nachrichtenagentur AKI gefunden. Er datiert einige Tage nach der Reportage von Markus Wolff:
Tehran, 10 Jan. (AKI) - Iran's supreme court has confirmed that two youths, found guilty of rape will receive 100 lashes each before being cast off a cliff (...). "This is a chilling sentence," said Iranian human rights activist and lawyer Mohammad Ali Dadkhah. (...) As recently as last week in Iranian Balochistan, five minority Sunnis had their hands and feet amputated, he noted. All five Sunnis were found guilty of the crime of 'moharebeh' or enmity towards Allah.

Teheran, 10. Jan. (AKI) - Das höchste Gericht des Iran hat bestätigt, daß zwei Jugendliche, die der Vergewaltigung schuldig gesprochen worden waren, jeder 100 Peitschenhiebe erhalten werden, bevor sie von einem Felsen in die Tiefe geworfen werden (...). "Das ist ein grauenhaftes Urteil", sagte der iranische Menschenrechts- Aktivist und Rechtsanwalt Mohammad Ali Dadkhah. (...) Er wies darauf hin, daß erst vergangene Woche im iranischen Teil Belutschistans fünf Angehörigen der sunntischen Minderheit Hände und Füße amputiert worden waren. Alle fünf Sunniten waren des Verbrechens der 'Moharebeh', der Feindschaft gegen Allah, schuldig gesprochen worden.



Zwei Seiten des heutigen Iran? Zwei Seiten, die gleichermaßen journalistisches Interesse verdienen?

Vielleicht. Nur, wie beurteilt man eigentlich heute die Journalisten aus westlichen Ländern, die in den dreißiger Jahren - beispielsweise zu den Olympischen Spielen 1936 - ins Nazi- Deutschland fuhren und berichteten, sie hätten dort fröhliche, zufriedene Menschen vorgefunden? Die das taten, ohne auch nur mit einem Wort die Rassengesetze, die KZs, die Verfolgung von Demokraten zu erwähnen?

Dank an Dr. Franz Hoffmann für den Hinweis auf den Bericht von AKI. Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

14. Januar 2008

Zettels Meckerecke: Das elende "Dschungelcamp" und das Elend des deutschen Feuilletons

"Trash" heißt in der ursprünglichen Wortbedeutung Müll oder Abfall; im übertragenen Sinn Schund oder etwas Schmutziges. Das Wort wird aber gern unübersetzt ins Deutsche übernommen; vor allem in den Feuilletons, in Filmkritiken und dergleichen. Dann verliert es meist seine im Englischen rein negative Bedeutung und bekommt etwas Schillerndes.

Es ist nachgerade Mode geworden, sich dazu zu bekennen, daß man Trash in einem gewissen Sinn mag, daß man schmutzige, gemeine, widerwärtige Filme oder Sendungen durchaus auf ihre Art schätze. Immerhin seien sie "ehrlich". Ohne falsche Rücksichtnahme, ohne einen uneingelösten künstlerischen Anspruch. Wohl gar "befreiend".

Kurz, der Schund wird, sobald man ihn Trash nennt, hoffähig gemacht.

Manchmal wird er gar ästhetisiert. Die Ästhetik des Häßlichen, Baudelaire, Benn, Sie wissen schon. Manchmal will der Autor, der sich zu ihm bekennt, auch nur zeigen, daß er kein verklemmter Mucker ist.

Oh nein, er hat seinen Spaß am Primitiven, nicht wahr, wie wir ja alle, und ist stolz darauf, es zuzugeben. Da soll ihm mal einer kommen und den moralischen Zeigefinger heben. Der ist wohl noch nicht in der Postmoderne angekommen, dieser Spaßverderber.



RTL sendet im Augenblick die dritte Staffel einer Serie namens "Ich bin ein Star, holt mich hier raus". Das, was da geboten wird, als widerwärtigen Schund zu bezeichnen wäre ein unverdientes Lob. Es ist, wenn denn dieses Wort noch einen Sinn hat, inhuman.

Menschen - erwachsene Menschen, keine abenteuergeilen Jugendlichen - werden dazu gebracht, irgendwelche schwachsinnigen "Prüfungen" zu bestehen. Entscheidend daran ist, daß sie etwas Abstoßendes tun müssen - Insekten essen, sich von Straußen behacken lassen; dergleichen.

Dinge also, die Jugendliche manchmal Schwächeren abverlangen. Man kennt das bei Asozialen, bei Rechtsextremen. Man weiß, daß es solche sadistischen Rituale beim Militär gibt, in manchen Internaten, und führt es auf mangelnde Erziehung zurück.

Das, was in solchen Milieus unter Jugendlichen verbotenerweise geschieht, das also tun jetzt Erwachsene auf Anweisung der Produzenten und der Regie dieser Sendereihe. Freiwillig, natürlich; sie können ja jederzeit gehen.

Warum tun sie es? Ich weiß es nicht; niemand weiß es vermutlich. Jedenfalls sind die Medien randvoll mit Hinweisen darauf, daß es sich um arme Schweine handelt - um einstige Stars, die schon lange keine mehr sind; um Möchtegern- Stars, die nie einer geworden sind; um Leute, die, indem sie sich erniedrigen lassen, auf Publicity hoffen, vielleicht auch auf das Geld, das sie brauchen, weil sie eben kein Star mehr sind oder nie einer wurden.

Das ist alles traurig genug. Es ist abstoßend, daß ein TV-Sender es bringt; es ist erbärmlich, daß viele Menschen sich offenbar - die Quoten scheinen gut zu sein - an diesen infantil- sadistischen Bildern delektieren.

Aber nun gut, daß so etwas gesendet werden darf, ist der Preis der Freiheit. Die einzige angemessene Reaktion darauf scheint mir zu sein, sich nicht weiter darum zu kümmern; so, wie man ja auch um die Schmierereien an den Wänden öffentlicher Toiletten kein Aufhebens macht.

Aber da haben wir ja die Ästhetisierung des Schmutzes, da haben wir die angeblich befreiende Wirkung des Trash.

Da haben wir ja noch das deutsche Feuilleton. Und deshalb kümmere ich mich doch darum. Nicht um diese erbärmliche Sendung, sondern um die Reaktion darauf, die mir nicht weniger erbärmlich vorkommt.



Es gibt diese Reaktion auf diversen Ebenen.

Ganz unten ist, wie könnte es anders sein, die Ebene, für die "Spiegel- Online" repräsentativ ist. Dessen Autor Dennis Kayser tut so, als reagiere er auf diese Sendung exakt so, wie es deren Macher vorgesehen haben: "Das Treiben der ins Urwald-Camp gesperrten C-Promis verschafft dem Betrachter ein schönes Gefühl der eigenen geistigen Überlegenheit."

Die führt er uns dann vor, seine geistige Überlegenheit, der Dennis Kayser. Zum Beispiel so:
"Oposium? Is dat 'n Tier?", wandte sich Ex- Nationaltorhüter Eike Immel etwa ratlos an seine Mitstreiter, als es um die Fleischration fürs Abendessen ging.
Tätärä!
Julia "Ich heirate eine Familie" Biedermann, die nach erfolgloser Kür im Gummikatapult wiederholt den Urwaldboden küsste statt eine Schatztruhe zu ergattern, wollte ihre, wie sie sagte: "Bumserfahrungen" ausgerechnet an Dschungelkollegin und Ex- Erotik- Aktrice Michaela Schaffrath weitergeben.
Tätärä! Tätärä! Tätärä!
Barbara Herzsprung, die zwar wenig redete, sich allerdings aus unerklärlichen Gründen das Dessert ins Gesicht schmierte. Oder Björn Hergen Schimpf, meist brabbelnd in sich selbst versunken.
Ein dreifach donnerndes Helau!



Nun gut, "Spiegel-Online" stellvertretend für das deutsche Feuilleton zu zitieren, wäre so unfair, als würde man die Pommes- Bude von Heine Schmitz in Herne als repräsentativ für die deutsche Gastronomie betrachten.

Gehen wir also höher. Gehen wir gleich ganz hoch. Gehen wir ins Feuilleton der FAZ. Dort treffen wir auf das, was Stefan Niggemeier zum "Dschungelcamp" zu sagen hat.

Zuerst könnte man meinen, auch Niggemeier spiele nur den TV-Gucker aus der Zielgruppe, der sich am "schönen Gefühl der eigenen geistigen Überlegenheit" hochzieht. Jedenfalls lassen Sätze wie dieser das vermuten:
Die, nun ja, Charakterdarstellerin Michaela Schaffrath heulte zum Abschied, die Sängerin Lisa Bund, als sie über einem Abgrund baumelte, weil sie von einer dünnen Brücke gefallen war, und Sänger Ross Anthony heulte am nachhaltigsten, zuletzt, weil ihm in der Nacht am Lagerfeuer alles zusetzte: die Feuchtigkeit, der Dreck, die Viecher.
Ja, da schlägt das Herz doch höher, wenn Menschen so weit gebracht werden, daß sie heulen. Und wenn man sich das mit dem schönen Gefühl geistiger Überlegenheit, vor der Glotze hockend, reinziehen kann.

So weit hat es Niggemeier noch nicht über das Niveau von Dennis Kayser geschafft; für die FAZ also zu wenig. Drum geht's jetzt nach oben, aber steil:
Man kann dieses Verächtlichmachen der Mitwirkenden, dieses Hochfest der Häme natürlich abstoßend finden. Aber es hat etwas sehr befreiendes und ehrliches, auf das im heutigen Plastikfernsehen übliche Geheuchel zu verzichten. Das Angenehme ist: Es trifft keine Unschuldigen, und der Spott ist gerade einmal ein kleiner Ausgleich dafür, dass der Großteil dieser Leute sonst jeden Tag in irgendwelchen Shows und Magazinen sehr ernst genommen wird.
Was nun allerdings schlicht die Unwahrheit ist; ein paar Zeilen zuvor hatte Niggemeier noch geschrieben: "Es ist nicht schlimm, wenn man die meisten Namen der "Stars" (...) noch nie gehört hat". Es sind eben gerade nicht diejenigen, die jeden Tag in Shows und Magazinen ernst genommen werden; sonst würden sie sich ja nicht dieser Erniedrigung unterziehen.

Aber Niggemeier hat noch einen Trumpf im Ärmel. Nicht nur findet er offenbar, daß es erfolglosen Schauspielern und Entertainern recht geschieht, wenn sie buchstäblich wie der letzte Dreck behandelt werden - er erfreut sich auch noch daran, auf wie hohem Niveau das geschieht:
Der Vorwurf des "Trash"-Fernsehens führt ohnehin in die Irre, denn kaum eine Show wird so professionell und gleichzeitig liebevoll produziert wie diese.
Liebevoll! Wer hätte das gedacht.

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3. Januar 2008

Zitat des Tages: "Rassisch gemischt"

His contracting firm is in charge of building a €7 million mosque in a racially mixed neighborhood of Duisburg called Marxloh, in North- Rhine Westphalia.

"Spiegel Online International" über den Bauunternehmer Kissel. Der Artikel ist eine Übersetzung einer Story im aktuellen gedruckten "Spiegel". Dort lautet der betreffende Satz allerdings: "Das Bauunternehmen errichtet für voraussichtlich sieben Millionen Euro eine Großmoschee in Duisburg-Marxloh". Ohne Rassenmischung.

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23. November 2007

Zitat des Tages: "Abstand zwischen Obama und Clinton wird kleiner" (sagt SPON)

Barack Obama holt auf: Im Rennen um die Präsidentschafts- kandidatur der Demokraten verringert sich der Abstand zwischen dem schwarzen Politiker und der Favoritin Hillary Clinton.

"Spiegel Online" heute unter der Überschrift "Abstand zwischen Obama und Clinton wird kleiner".



Hier einige aktuelle Umfrageergebnisse:

Fox News: Vom 23./24.10. bis zum 13./14.11. stieg Clinton von 42 auf 44 Prozent und fiel Obama von 25 auf 23 Prozent.

Gallup: Vom 2./4.11 zum 11./14.11. fiel Hillary Clinton von 43 auf 44 Prozent, aber Obama verlor von 18 auf 16 Prozent. Er fiel damit hinter Al Gore mit 17 Prozent zurück.

Der American Research Poll maß vom 9./12.10. zum 9./12.11 einen Anstieg um je einen Prozentpunkt für Clinton (45 auf 46 Prozent) und Obama (von 20 auf 21 Prozent).

Der Cook Political Report/RT Strategies Poll fand für Clinton vom 13./16.9 zum 8./11.11. einen Anstieg von 33 auf 36 Prozent. Obama lag zu beiden Umfrageterminen bei 22 Prozent.

Die Ergebniss von AP/Ipsos Poll: Clinton fällt vom 1./3.10. zum 5./7.11. um einen Prozentpunkt (46 zu 45). Obama fällt um drei Prozentpunkte von 25 auf 22 Prozent.

Im NBC News/Wall Street Journal Poll steigt Clinton vom 7./10.9. zum 1./5.11. um drei Punkte von 44 auf 47 Prozent; Obama nimmt um zwei Punkte von 23 auf 25 Prozent zu.



Wie kommt "Spiegel Online" also zu seiner absurden Behauptung?

Einige wenige Umfragen zeigen, wie es der Stichprobenfehler nun einmal mit sich bringt, auch eine leichte Verringerung des Abstands zwischen Clinton und Obama. Die Behauptung, daß "Obama zunehmend an Boden" gewänne, stützt "Spiegel Online" auf eine einzige Umfrage, die von Reuters/Zogby Poll. Danach stieg Obama vom 24./27.10. zum 14./17.11. von 24 auf 27 Prozent. Clinton lag zu beiden Terminen bei 38 Prozent.

That's all.

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18. November 2007

Randbemerkung: Rutscht der "Spiegel" jetzt nach links?

In den letzten Jahren haben sich der "Spiegel" und "Spiegel Online" immer weiter voneinander entfernt; sowohl, was die journalistische Qualität angeht, als auch in der politischen Linie.

Während der "Spiegel" unter Stefan Aust die Krise, in die er Anfang der neunziger Jahre geraten war, schnell überwand und heute wieder seinem Ruf als eines der international führenden Nachrichten- Magazine gerecht wird, gedeiht bei "Spiegel- Online" ein Agitations- Journalismus, der Nachricht und Kommentar vermischt.

Im Stil der "Tageszeitung" ("taz") werden Nachrichten so formuliert - oder auch schon mal, wie gerade erst wieder, so umformuliert -, daß die LeserInnen gleich mitgeliefert bekommen, wie sie diese Nachrichten politisch zu bewerten haben. Parteilicher Journalismus also, wie er (in einer freilich extremeren Form) in der DDR in der Sektion Journalistik der Karl- Marx- Universität Leipzig allen Nachwuchs- Journalisten der DDR eingetrichtert worden war (der Journalist als "kollektiver Propagandist, Agitator und Organisator").

Man kann zwar auch gegen die "Spiegel"- Story als Publikationsform einwenden, daß in ihr Nachricht und Meinung nicht getrennt werden. Hans Magnus Enzensberger hat das ja schon 1957 getan. Aber das ist dem Format "Nachrichten- Magazin" nun einmal eigen, seit Henry Luce 1923 das Time Magazine erfand.

In den international führenden Nachrichtenmagazinen wie Time und Newsweek wird das so gehandhabt, daß der Autor oder die Autoren einer Geschichte zwar die Freiheit haben, den Stoff unter einem bestimmten Blickwinkel darzustellen, daß es aber keine für alle verbindliche "politische Linie" gibt.

So hat es Augstein (trotz seiner Bemerkung aus der Zeit der turbulenten siebziger Jahre, der "Spiegel" sei ein "lberales, im Zweifel ein linkes Blatt") immer gehandhabt; wenn auch sein Einfluß auf das Blatt nachließ, je mehr er sich aufs Altenteil zurückzog. Als in den sechziger Jahren einmal Redakteure des "Spiegel" nach ihrer politischen Präferenz gefragt wurden, outeten sich viele als Sozialdemokraten, etliche als Freie Demokraten, einige als Christdemokraten.

Diese Vielfalt der Meinungen ist unter Aust im "Spiegel" allmählich wieder hergestellt worden. Unter seiner Leitung wurde der "Spiegel", der in den siebziger und achtziger Jahren immer weiter nach links gerückt war, wieder zu einem Nachrichtenmagazin nach dem Vorbild des angelsächsischen Journalismus. Das führte naturgemäß zu Konflikten. Es führte dazu, daß linke Redakteure wie Harald Schumann und Gerd Rosenkranz das Blatt verließen.



Nun also wird Aust gehen. Und die Linke wittert die Chance, den "Spiegel" wieder auf linken Kurs zu trimmen. Dazu muß man jemanden als Nachfolger pushen, dem man zutraut, eine solche Wende hinzubekommen.

Dieser jemand ist auch schon gefunden. Er heißt Mathias Müller von Blumencron. Unter seiner Verantwortung pflegt "Spiegel Online" diesen agitatorischen, vor allem gegen die USA gerichteten Stil. Ihm darf man zutrauen, auch den "Spiegel" auf diese Linie zu trimmen.

Also rührt die Linke die Trommel für ihn.

Die "taz" zerbrach sich am Freitag den Kopf über mögliche Nachfolger Austs. Alle (di Lorenzo, Schirrmacher, Franziska Augstein, Kleine- Brockhoff) wurden mehr oder weniger süffisant niedergemacht. Nur - aparte Idee - Gerd Rosenkranz und Harald Schumann als Doppelspitze kamen besser weg. Und dann derjenige, den die "taz" als "den Einzigen" bezeichnet: Mathias Müller von Blumencron: "Blumencron ist zudem im Grunde das Gegenmodell zu Aust. (...) Intern würde der Spiegel also nach links rücken."

Ja gewiß doch. Also rührt einer der Autoren des "taz"- Artikels, Oliver Gehrs, gleich auch noch in einem Interview mit "n-tv" die Trommel für Müller von Blumencron.

Unter Aust sei der "Spiegel", findet Gehrs, "restaurativ und bürgerlich und gestrig" geworden. Er sei "in seiner politischen Bewertung sehr erratisch" geworden, ja "politisch gesehen überhaupt nicht mehr verlässlich gewesen". Was wir wohl so verstehen dürfen, daß Gehrs die Parteilichkeit vermißt, die klare linke Linie. Was ist dagegen zu tun? Gehrs weiß es: "Der 'Spiegel-Online' - Chef Mathias Müller von Blumencron wäre der richtige Nachfolger".

Und die "Frankfurter Rundschau" stimmt ein: Mathias Müller von Blumencron sei "ein gewandter Profi" dem mit "Spiegel-Online" "eine einzigartige Erfolgsgeschichte" gelungen sei und der ergo "gute Chance auf die Nachfolge Austs" habe.



In den gut dreißig Jahren, in denen das Modell der "Mitarbeiter KG" existiert, hat es meist funktioniert. Das lag im wesentlichen daran, daß erst Augstein selbst und dann Stefan Aust, den Augstein der Redaktion oktroyiert hatte, ein starkes Gegengewicht zu den jeweiligen Vertretern der Mitarbeiter bildeten. Beide haben immer auf Liberalität, auf Qualität und auf Verkäuflichkeit geachtet.

Jetzt werden erstmals die Mitarbeiter mit ihrem Anteil von 50,5 Prozent den entscheidenden Einfluß auf die Bestimmung eines Chefredakteurs haben. Wenn es nach der "taz", nach Oliver Gehrs, wenn es nach der "Frankfurter Rundschau" geht, dann wird das mit Müller von Blumencron einer sein, der die Tradition von Augstein und Aust wohl kaum fortsetzen dürfte.

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17. November 2007

Marginalie: Wie "Spiegel Online" manipuliert

Tony Blair hat sich in einer Dokumentarsendung der BBC zum Irak- Krieg geäußert. Die London Times bringt heute über diese Sendung einen Bericht. "Spiegel Online" (SPON) bringt heute einen Bericht über diesen Bericht über diese Sendung.

Wieweit der Bericht der Times den Inhalt der Sendung fair wiedergibt, kann ich nicht beurteilen, weil ich die Sendung nicht kenne. Aber ich kann beurteilen, wie fair SPON den Bericht der Times wiedergibt. Und Sie können das auch, wenn Sie sich die Mühe machen, die beiden Berichte parallel zu lesen.

Hier ein paar Handreichungen, die Ihnen den Vergleich erleichtern könnten. Übersetzungen in blau von mir. Passagen, in denen SPON von dem abweicht, was die Times berichtet, habe ich hervorgehoben.



Times:
In frank remarks in a BBC documentary, Mr Blair confirmed openly the belief of many of his closest supporters that he never used his position as America’s strongest ally to try to force Mr Bush down the diplomatic rather than the military route.

Mit freimütigen Bemerkungen in einer Dokumentation der BBC bestätigte Blair offen, was viele seiner engsten Weggefährten glauben: Daß er seine Stellung als der stärkste Alliierte Amerikas niemals dazu nutzte, Bush auf den diplomatischen statt des militärischen Wegs zu zwingen.
SPON:
Blair bestätigt damit selbst, was Feinde und enttäuschte politische Weggefährten stets vermutet und unterstellt haben: Dass Blair keinerlei Zweifel an der Richtigkeit des Feldzuges gegen Saddam Hussein hatte.



Times:

It was never a "bargaining chip" for him and he was never looking for a way out, he told David Aaronovitch, of The Times, in interviews for The Blair Years. "It was what I believed in, and I still do believe it," he said.

Es sei niemals eine "Spielmarke" für ihn gewesen, und er habe niemals nach einem Ausweg Ausschau gehalten, sagte er gegenüber David Aaronovitch von der Times in Interviews für "The Blair Years". "Es war das, woran ich glaubte, und ich glaube weiterhin daran", sage er.

SPON:
Der Labour-Politiker, der Ende Juni 2007 sein Amt an Gordon Brown übergab, gibt sogar unumwunden zu, seinen Einfluss als stärkster Partner der USA niemals genutzt zu haben, um eine diplomatische Lösung im Irak zu befördern. Er habe nie nach einem Ausweg gesucht, bestätigte er Aaronovitch. "Es war das, woran ich glaubte, und ich glaube das immer noch".



Times:

The documentary contains clear evidence that many of those around Mr Blair, including Sir David Manning, his foreign policy adviser, Jeremy Greenstock, Britain’s ambassador at the UN, Jack Straw, the Foreign Secretary at the time, and even Colin Powell, the US Secretary of State, had huge reservations about the rush to war. Mr Blair said: "In my view, if it wasn’t clear that the whole nature of the way Saddam was dealing with this issue had changed, I was in favour of military action."

Die Dokumentation liefert klare Belege dafür, daß viele aus Blairs Umgebung, wie Sir David Manning, sein außenpolitischer Berater, Jeremy Greenstock, der Britische UN-Botschafter, Jack Straw, damals Außenminister, und sogar Colin Powell, der US-Außenminister, gewaltige Vorbehalte gegen einen überstürzten Krieg hatten. Blair sagte: "Aus meiner Sicht war es so: Wenn es nicht klar war, daß das ganze Wesen der Art, wie Saddam sich in dieser Sache verhielt, sich geändert hatte, daß ich dann ein militärisches Vorgehen befürwortete."
SPON:
Blair gibt zu, dass er die Ratschläge seiner Berater und Minister in den Wind schlug, weil er glaubte, dass die USA das Richtige täten.



Times:
The programme also reveals that just before the key Commons vote on war Mr Bush telephoned Mr Blair and offered him a way out. Mr Blair explained why he had declined the offer.

Die Sendung enthüllt auch, daß Bush unmittelbar vor der entscheidenden Abstimmung im Unterhaus über den Krieg Blair anrief und ihm einen Ausweg anbot. Blair erklärte, warum er dieses Angebot ablehnte.
SPON:
Sein Glauben ging dabei so weit, dass er sogar ein Angebot von US-Präsident George W. Bush ausschlug, Großbritannien aus dem Krieg herauszuhalten.



So funktioniert Manipulation.

SPON hält sich thematisch an den Bericht in der Times und gibt auch keine andere Quelle an. Aber durch kleine stilistische Änderungen wird aus den Informationen, die Blair über sein damaliges Verhalten und seine Gründe gibt, ein "Bekenntnis" (SPON).

Das Umformulieren geschieht sehr geschickt. Nur wenige Ausdrücke werden verändert oder hinzugefügt; aber der Text bekommt durch sie einen ganz anderen Tenor als im Original.

Wenn es in der Timesl heißt, daß Blair offen etwas bestätigte, was viele seiner Weggefährten glaubten, dann wird daraus, daß er "selbst" bestätigt, was seine "Feinde und enttäuschte politische Weggefährten" "unterstellten". So wird aus der Mitteilung, die Blair gegeben hat, ein Eingeständnis gemacht. Seine Feinde und die von ihm Enttäuschten hatten also doch recht - das wird dem Leser suggeriert.

Wenn es im Original heißt, daß Blair etwas "sagt", dann macht SPON daraus, daß er es "unumwunden zugibt". Dem Leser wird der Eindruck vermittelt, Blair habe etwas Vorwerfbares, etwas Unrechtes getan, was er nun einräumen müsse.

Wenn er die Meinung seiner Mitarbeiter nicht teilte, dann wird bei SPON daraus, daß er sie "in den Wind schlug". Aus eine Meinungsdifferenz macht diese kleine Änderung ein schuldhaftes, mindestens leichtsinniges Verhalten.

Und die sachliche Mitteilung in der Times, daß Blair das Angebot Bushs ablehnte, sich nicht an der Invasion zu beteiligen, reichert SPON mit "sein Glaube ging dabei so weit" an. Dem Leser wird suggeriert, Blair habe nicht etwa aus Vernunft, sondern aus einem irrationalen Glauben heraus gehandelt.

Kurz: Der Leser der Times erfährt, daß Blair den Krieg gegen Saddam Hussein und eine Beteiligung Großbritanniens daran für richtig hielt und hält, und daß er das jetzt offen gesagt hat. Die Manipulation von SPON macht daraus das "Bekenntnis" falschen und schuldhaften Verhaltens.

Ein Student der DDR- Journalisten- Schmiede in Leipzig hätte für eine solche Probe parteilichen Schreibens vermutlich eine Eins bekommen.

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8. August 2007

Ketzereien zum Irak (19): Welcome to the club, Ullrich Fichtner!

David Harnasch hat in der "Achse des Guten" schon darauf hingewiesen; aber ich möchte das Thema doch noch aus meiner Sicht kommentieren:

Nachdem er bereits die erstaunlich informative und objektive Titelgeschichte des aktuellen "Spiegel" geschrieben hatte, hat der "Spiegel"- Redakteur Ullrich Fichtner jetzt in einem Online-Chat noch einmal mit Geduld und Faktenkenntnis viele Vorurteile und Irrtümer zur Situation im Irak zurechtgerückt.

Mich hat das besonders gefreut, weil ich mich - wie auch viele andere Blogger- Kollegen vor allem aus der liberal- konservativen Blogokugelzone - immer wieder einmal bemühe, authentische und zuverlässige Informationen über die Lage im Irak in Erfahrung zu bringen.

Seit Weihnachten 2006 gibt es dazu hier die Serie "Ketzereien zum Irak", deren bisherige Folgen über die in "Zettels kleinem Zimmer" zusammengestellten Links zugänglich sind.



Warum gibt es so wenige authentische Berichte aus dem Irak wie jetzt den von Ullrich Fichtner?

Zum einen natürlich, weil es bequemer und vor allem sicherer ist, den Irak von Dubai, Amman oder Kairo aus zu "beobachten", statt sich in diesen zu begeben.

Zweitens, weil diejenigen, die sich nach Bagdad trauen, dort dann in der Regel in der "Grünen Zone" festsitzen und wieder nur vom Hörensagen berichten können.

Das sind, so scheint mir, die beiden respektablen Gründe. Hinzu kommen allerdings zwei weniger ehrenhafte.



In den USA haben bekanntlich die Demokraten der Invasion des Irak zugestimmt; auch Hillary Clinton hat zum Beispiel dafür gestimmt.

Als dann aber der Wiederaufbau nicht so verlief, wie man sich das vorgestellt hatte; als terroristische Gruppen entstanden, die teils einander, teils die irakische und die US-Armee bekämpfen; als es offensichlich wurde, daß die US-Truppen nicht so schnell würden abgezogen werden können, wie man es sich gedacht hatte - da kippte die Stimmung in den USA. Immer mehr Bürger wollen, wie seinerzeit beim Vietnam- Krieg, nur noch raus.

Verantwortliche Politiker wie der Präsident widerstehen dieser Stimmung; auch auf die Gefahr hin, drastisch an Popularität zu verlieren. Die Partei der Demokraten aber nutzte sie aus und nutzt sie aus. Nächstes Jahr wird ja ein neuer Präsident gewählt.



In Europa, zumal in Deutschland, grassiert ein Antiamerikanismus, der von dem seinerzeitigen Kanzler Schröder kräftig geschürt wurde und der in der Invasion des Irak das schlechthinnige Böse sah, veranstaltet von dem Bösewicht Bush.

Für die derart Eingestellten, unter den deutschen Journalisten vermutlich eine dicke Mehrheit, war und ist jeder Rückschlag der USA ein Triumph. Die Berichterstattung war und ist teilweise derart einseitig, daß sie - "Spiegel-Online" hat sich da besonders hervorgetan - oft mehr an den Journalismus der DDR erinnert als an eine um Fairness bemühte Arbeit.



Aber "Spiegel-Online" - das ist immer ein anderer, weit schlechterer Journalismus gewesen als der des gedruckten "Spiegel". Gewiß, auch in dessen Auslandsredaktion hatten - vor allem, als Carolin Emcke an der Irak- Berichterstattung beteiligt war - die Antiamerikaner zeitweise das Sagen. Aber es gibt beim "Spiegel" eben auch glänzende Journalisten, es gibt eine ausgezeichnete Chefredakion, es gibt Stefan Aust. Und es gibt das herausragende Ressort "Gesellschaft", zu dem Fichtner gehört.

Daß Fichtners Bericht als Titelgeschichte erschien, ist ein Glanzpunkt des klassischen, des objektiven und liberalen "Spiegel"- Journalismus. Welcome to the club, Ullrich Fichtner!

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22. Juli 2007

Marginalie: SPD-Kanzlerkandidatur - dog bites man, man bites dog

Was eine Nachricht ist und was nicht, das wird gern mit der Bemerkung des amerikanischen Journalisten John B. Bogart illustriert: "When a dog bites a man, that is not news (...). But if a man bites a dog, that is news".

"Spiegel-Online" bringt im Augenblick eine Meldung über eine Umfrage von TNS Forschung für den "Spiegel" zur SPD- Kanzlerkandidatur.

Vorn liegt Außenminister Steinmeier mit 21 Prozent der Befragten- Stimmen. Zweiter ist mit 18 Prozent Klaus Wowereit. Und erst an dritter Stelle folgt Kurt Beck mit 17 Prozent. Im Osten liegt Wowereit gar mit 25 Prozent auf Platz eins.



Daß Steinmeier vorn liegt, ist keine Überraschung. Dog bites man. Denn der Außenminister ist in Deutschland traditionell ungewöhnlich populär, weil er als jemand wahrgenommen wird, der parteiübergreifend die deutschen Interessen vertritt. Das war bei Schröder so, bei Scheel, bei Genscher, bei Kinkel und bei Fischer.

Die Man bites dog- Meldung ist natürlich, daß Wowereit vor Beck liegt und im Osten an erster Stelle. Noch vor einem Jahr sprach niemand von Wowereit, wenn es um die Kanzlerkandidatur ging. Er ist seither durch keine politische Idee hervorgetreten, noch weniger war er erfolgreicher als andere SPD-Ministerpräsidenten.

Aber wie Ziethen aus dem Busch ist Wowereit in die Reihe der Kanzler- Kandidaten der SPD gestürmt. Das einzige, was für ihn aus der Sicht eines Teils der Deutschen spricht, ist seine erklärte Bereitschaft, mit den Kommunisten zu koalieren.



Wie überschreibt "Spiegel-Online" die Meldung? Etwa "Wowereit vor Beck" oder "Wowereit im Osten auf Platz eins"? Nein. Die Überschrift lautet: "Steinmeier Favorit der Deutschen für SPD- Kanzlerkandidatur". Dog bites man.

Der "Spiegel" - ein Nichtnachrichten-Magazin?

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14. Juli 2007

Zettels Meckerecke: Wie man aus Schaumschlägerei Schaum schlägt

Günter Wallraff war immer ein Schaumschläger.

Er hat "Aktionen" veranstaltet, die ungefähr so seriös waren wie die Zaubervorstellungen von Uri Geller.

Jetzt will er also mal wieder Publicity, indem er ankündigt, in einer Moschee Salman Rushdie lesen zu wollen.

Natürlich heiße Luft, wie immer bei Wallraff. Wenn er es wirklich wollte, dann hätte er mit den Moschee- Leuten verhandelt, wie man sowas halt macht. Vielleicht hätte er ja eine kleine Moschee gefunden, die das erlaubt; wahrscheinlich nicht.

Aber dem Mann geht es um die Selbstdarstellung. Ärgerlich, aber nicht überraschend.

Ich habe seine ersten Artikel in "Pardon" gelesen. Er war immer so wie jetzt. Einmal hat er einen Pfarrer angerufen und ihm einen angeblichen Gewissenskonflikt vorgespielt.

Er hat auch damals schon in den Gesprächen die Unwahrheit gesagt und das als "Recherche" ausgegeben.



Nun gut. Es sagt viel über die siebziger und achtziger Jahre, daß dieser Mann einmal eine gewisse Prominenz erreichen konnte. Daß seine systematische Unwahrhaftigkeit bewundert wurde, statt daß man so jemanden verachtet hat.

Nur, was in aller Welt motiviert "Spiegel-Online", jetzt über die alberne Idee Wallraffs, der ja längst in Vergessenheit geraten war, eine Umfrage unter Prominenten zu veranstalten?

Und was motiviert die Befragten, auch noch zu antworten?

Wallraff schlägt Schaum. "Spiegel Online" schlägt daraus nochmal Schaum. Die "Prominenten", die was dazu sagen dürfen, kriegen sozusagen auch noch ihr Schäumchen.

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9. Juli 2007

Marginalie: Aktuell in "Spiegel Online"


  • Schäuble terrorisiert die SPD

  • Studie enthüllt brisantes Profil der G- 8-Kritiker

  • Mini-Dienstwagen, kein Heimbüro mehr, tagelang ohne Telefon: Simon Deckert wurde drei Jahre lang gemobbt.

  • Hessen spielt mit arbeitslosen Lehrern ein seltsames Spiel.

  • Der deutsche Schlager lebt - auf Mallorca

  • Es sind einzigartige Einblicke in das Leben: Eine britische Stiftung hat Zehntausende Medizinfotos und -zeichnungen im Internet veröffentlicht.



  • Nicht wahr, das ist unterste Schublade. Ein verkommener, ein verrotteter Journalismus.

    Ich weiß nicht, wer das zu verantworten hat; vielleicht wissen es Insider und können dazu etwas sagen.

    Es ist eine Schande, daß der gute Name "Spiegel" durch dieses Produkt, das immer peinlicher, immer unsäglicher wird, beschmutzt wird.

    Aust sollte sich endlich von diesen Leuten trennen, die nicht nur antiamerikanisch sind, sondern auch auf Proll- Niveau schreiben.

    Ich frage mich, nebenbei, was Henryk M. Broder, der ein ausgezeichneter, ein bewundernswerter Journalist ist, in dieser Redaktion der Unfähigen, der unsäglich Dummen noch zu suchen hat.

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    7. Dezember 2006

    Was sagte Gates gestern wirklich? Sie werden überrascht sein ...

    Gestern berichtete Spiegel online: "Der designierte Verteidigungsminister Robert Gates hält es unter den gegebenen Umständen im Irak für ausgeschlossen, den Krieg zu gewinnen." Sat1 meldete unter der Überschrift "Rumsfeld- Nachfolger gibt Irak- Sieg auf" über die Aussage von Gates vor dem Verteidiungsausschuß des Senats dies: "Die USA werden seiner Ansicht nach den Krieg im Irak nicht gewinnen." Und News.ch wußte zu berichten, Gates habe "die Frage, ob die USA den Krieg im Irak gewinnen könnten, mit einem 'Nein' beantwortet".

    Die Überschrift zu dieser Meldung von News.ch lautet (jedenfalls im Augenblick): "Robert Gates soll Aussenminister werden". Und so wahr wie diese Überschrift ist auch das, was die drei zitierten Medien - und viele andere, vielleicht im Gefolge von Agenda Setters wie Spiegel Online - über die Aussage von Gates vor dem Verteidigungsausschuß des US-Senats berichten.



    Gestern, als diese Meldungen herumgeisterten, habe ich vergeblich versucht, im Web das Wortprotokoll der Anhörung zu finden. Inzwischen ist es zugänglich, unter anderem bei der International Herald Tribune.

    Und wie zu vermuten - Gates hat keineswegs gesagt oder auch nur angedeutet oder impliziert, daß die USA den Krieg nicht gewinnen werden, daß sie ihn nicht gewinnen können, daß ein Sieg unter den gegebenen Umständen ausgeschlossen ist.

    Im Protokoll gibt es drei Passagen, in denen Gates zu diesem Punkt Stellung nimmt, und zwar in Beantwortung von Fragen der Senatoren Levin, McCain und Inhofe. Ich zitiere diese Passagen und füge jeweils meine Übersetzung hinzu:
    LEVIN: (...) Mr. Gates, do you believe that we are currently winning in Iraq?
    GATES: No, sir.

    LEVIN: (...) Herr Gates, glauben Sie, daß wir im Augenblick im Irak siegreich sind?
    GATES: Nein, Sir.


    MCCAIN: (...) I'd like to follow on just what Senator Levin said. We are not winning the war in Iraq. Is that correct?
    GATES: That is my view, yes, sir.
    MCCAIN: And therefore, the status quo is not acceptable?
    GATES: That is correct, sir.

    MCCAIN: (...) Ich möchte gern an das anknüpfen, was Senator Levin gesagt hat. Wir sind nicht dabei, den Krieg im Irak zu gewinnen. Stimmt das?
    GATES: Das ist meine Sicht, ja, Sir.
    MCCAIN: Und deshalb kann der jetzige Zustand nicht hingenommen werden?
    GATES: Das stimmt, Sir.


    INHOFE: (...) ... you were asked the question, "Are we winning in Iraq?" General Pace was asked that question yesterday. He said, no, we're not winning, but we're not losing. Do you agree with General Pace?
    GATES: Yes, sir, at this point.

    INHOFE: (...) ... Ihnen wurde die Frage gestellt: "Sind wir dabei, im Irak zu gewinnen?" Dem General Pace wurde gestern diese Frage gestellt. Er sagte, nein, wir sind nicht dabei, zu gewinnen, aber wir sind auch nicht dabei, zu verlieren. Stimmen Sie mit General Pace überein?
    GATES: Ja, Sir, im Augenblick.



    Es ging also bei allen drei Dialogen um die momentane militärische Situation im Irak. Jeder, der Englisch versteht, kann das dem Protokoll entnehmen. Es wurde nicht gefragt "Can we win?" oder "Will we win?", sondern "Are we winning?"; und beim ersten Dialog wurde das sogar noch durch "currently" unterstrichen - momentan, gegenwärtig, im Augenblick also.

    Folglich zog auch Senator McCain aus der bestätigenden Antwort von Gates den Schluß, daß die gegenwärtige Situation (der status quo) nicht hingenommen werden kann. Nicht hingenommen werden kann, so ist zu ergänzen, damit es nicht am Ende zu einer Niederlage kommt.

    Und folglich stimmte Gates der Aussage von General Pace zu, man sei nicht am Gewinnen, aber auch nicht am Verlieren.



    Auch aus dem übrigen Protokoll der Anhörung geht zweifelsfrei hervor, daß Gates es keineswegs für ausgeschlossen hält, den Krieg zu gewinnen. Ich empfehle allen, die die Zeit dafür aufbringen können, dieses Protokoll zu lesen. (Das Blättern geht schneller, wenn man die Version in 3 Spalten wählt oder gleich die Druckversion). Hier als Kostprobe ein Abschnitt aus Gates' einleitender Stellungnahme:
    Developments in Iraq over the next year or two will, I believe, shape the entire Middle East and greatly influence global geopolitics for many years to come. Our course over the next year or two will determine whether the American and Iraqi people, and the next president of the United States, will face a slowly, but steadily improving situation in Iraq and in the region, or will face the very real risk, and possible reality, of a regional conflagration. We need to work together to develop a strategy that does not leave Iraq in chaos, and that protects our long-term interests in and hopes for the region.

    Die Entwicklungen im Irak in den nächsten ein bis zwei Jahren werden, glaube ich, den ganzen Mittleren Osten prägen und für viele weitere Jahre die globale Geopolitik bestimmen. Unser Kurs über die nächsten ein oder zwei Jahre wird darüber entscheiden, ob das amerikanische und das irakische Volk - und der nächste Präsident der Vereinigten Staaten - sich einer langsam, aber stetig verbessernden Situation im Irak und in der Region gegenübersehen werden, oder ob sie sich der sehr realen Gefahr eines Flächenbrands gegenübersehen werden, der möglicherweise zur Realität wird. Wir müssen zusammenarbeiten, um eine Strategie zu entwickeln, die den Irak nicht im Chaos hinterläßt und die unsere langfristigen Interessen in dieser Region und unseren Hoffnungen für sie bewahrt.



    Man vergleiche das mit den eingangs formulierten Meldungen (und vielen seither; gerade eben hat die Tagesschau wieder gemeldet, laut Gates "sei der Irak-Krieg nicht zu gewinnen") - und man weiß, was man von diesen Medien zu halten hat.

    Mit anderen Worten, da hat es gestern mal wieder laut gequakt. Freilich quakt es diesmal - anders als bei den Enten, die ich kürzlich ein wenig geröstet habe - nicht nur aus Hamburg. Sondern es war ein Gequake allüberall zu vernehmen. Jedenfalls im Alten Europa.




    Es geht hier natürlich auch um ein Problem des Übersetzens:

    Die entscheidende Formulierung lautet We are currently not winning in Iraq.

    Also, grammatisch, Present Progressive. Das bedeutet jedenfalls nicht die Vorhersage, daß der Krieg verloren gehen werde, oder gar die kategorische Behauptung, er könne nicht mehr gewonnen werden; so, wie das von den zitierten Medien wiedergegeben wurde. Gates hat eben nicht gesagt We will not win in Iraq oder We cannot win in Iraq.

    Ich habe übersetzt, daß "wir im Augenblick nicht siegreich sind", daß - bei dem anderen Zitat - "wir nicht dabei sind, zu gewinnen". Man könnte auch übersetzen: "wir gegenwärtig nicht auf der Siegesstraße sind" oder "der Krieg nicht in Richtung Sieg läuft"; dergleichen.

    You are winning oder you are losing - das sagt der Boxtrainer seinem Schützling zwischen den Runden. Er beschreibt damit die Punktewertung, so wie sie im Augenblick ist. Die aktuelle Situation, den momentanen Trend.

    Er sagt dem Boxer aber damit natürlich nicht: Du wirst gewinnen. Oder: Du wirst verlieren. Oder gar: Du kannst nicht gewinnen.



    Er teilt ihm mit, wie die Dinge stehen, damit er sich darauf einrichten kann: Er ist auf der Verliererstraße, also muß er sich anstrengen, eine bessere Taktik versuchen.

    Genau das hat Gates mit seiner Äußerung in Bezug auf den Irak-Krieg ausgedrückt.

    Daß Medien - aus einem unverantwortlichen Journalismus heraus und/oder aufgrund mangelnder Kenntnis des Englischen - ihm das Wort im Mund herumdrehen und ihm zuschreiben würden, er hätte den Krieg für nicht gewinnbar erklärt - das hätte er vielleicht antizipieren können.

    Vielleicht übersteigt dieses Maß an Chuzpe, oder auch dieses Ausmaß sprachlicher Unfähigkeit, aber auch das, was sich selbst ein alter Fahrensmann aus der CIA ausmalen konnte.

    Anmerkung: Bei der Übersetzung des Dialogs mit Inhofe war mir ein Versehen unterlaufen, auf das mich zwei Kommentatoren hingewiesen haben; siehe die Kommentare. Danke! Der Text ist jetzt korrigiert.