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14. September 2009

Zitat des Tages: Yes, yes. Gähn, gähn

Yes, we gähn.

Aufmacher-Schlagzeile von "Bild" am 14. September 2009 zum "Duell" Merkel- Steinmeier.

Kommentar: Schön, daß jetzt auch den Kollegen von "Bild" der Kalauer eingefallen ist, der hier am 14. August zu lesen gewesen war.



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13. September 2009

Zettels Meckerecke: Wozu in aller Welt braucht eine Debatte zwischen Merkel und Steinmeier eigentlich vier eitle Journalisten?

In den USA gab es im vergangenen Jahr spannende Debatten zwischen den Kandidaten für die Präsidentschaft. In Frankreich haben sich die Kandidaten Nicolas Sarkozy und Ségolène Royal in einer denkwürdigen Debatte miteinander auseinandergesetzt.

Moderiert haben Journalisten.

Moderiert. Das heißt, sie haben ihr Augenmerk darauf gerichtet, daß die Debattierenden nicht allzu lang bei einem Thema verharrten. Sie haben auf die Einhaltung der Zeitkonten geachtet. Sie haben bei Unklarheiten gelegentlich einmal nachgefragt.

Mehr nicht. Denn die Akteure einer solchen Veranstaltung sind die Kandidaten. Je mehr sie miteinander streiten, je mehr sie im Gespräch ihre Positionen abgrenzen, umso mehr erfährt der Zuschauer.



Während ich dies schreibe, debattieren Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier miteinander.

Schön wär's. Tatsächlich sind es vier Journalisten, die sich in den Vordergrund drängen, die das Gespräch zu dominieren versuchen. Die sich benehmen, als sei das ihre Show. Deren oft einseitigen und suggestiven Fragen der Veranstaltung manchmal nachgerade den Charakter eines Verhörs geben.

Am weitesten treiben diese Unverfrorenheit, diese narzißtische Selbstdarstellung die beiden Öffentlich- Rechtlichen, Illner und Plasberg. Sie treten auf, als seien sie die Gesprächspartner von Merkel und Steinmeier.

Dabei sind sie nichts als Journalisten. Moderatoren sollten sie sein, nicht Agitatoren.

Nur, wer traut sich, sie in ihre Schranken zu weisen? Sie, die Politiker hochschreiben oder fertigmachen können?

Also erträgt man ihre Eitelkeit, ihre Arroganz. Also findet man sich mit jener Rolle des Volkstribunen ab, für die diese Leute zwar nicht angeheuert wurden und nicht bezahlt werden, die sie sich aber zunehmend anmaßen.




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3. Juli 2009

Zettels Meckerecke: "Schottische Schafe schrumpfen". Die globale Erwärmung und das Elend des deutschen Wissenschafts- Journalismus

Die Meldung ging gestern über die Ticker der Agenturen: Auf einer schottischen Insel namens Hirta schrumpfen die Schafe.

Diese Meldung hat natürlich auch die Wissenschafts- Redaktion von "Welt- Online" erreicht. Und dort hat wer auch immer - der Artikel ist nicht namentlich gezeichnet - etwas dazu zusammengeschustert, das exemplarisch das Elend des deutschen Wissenschafts- Journalismus zeigt.

Nein, nicht des gesamten. Aber wie da mit Fakten umgesprungen wird, als seien sie ein leerer Wahn, das ist leider gar nicht untypisch für das, was man in den Wissenschafts- Rubriken unserer Medien serviert bekommt.

Dies schreibt der unbekannte Wissenschafts- Redakteur von "Welt- Online":
Der Klimawandel lässt schottische Schafe schrumpfen. Diese Beobachtung britischer Forscher widerspricht der klassischen Evolutionslehre und veranschaulicht gleichzeitig die komplexen Auswirkungen der Erderwärmung.
Daran stimmt fast nichts.

Was wirklich der Fall ist, erfährt man, wenn man die Pressemitteilung der Zeitschrift Science liest, in der die betreffende Untersuchung erschienen ist; wenn man deren Abstract zur Kenntnis nimmt und wenn man einen Blick in die Berichterstattung von Medien wirft, die eine Wissenschaftsredaktion haben, die diesen Namen verdient; zum Beispiel die New York Times oder Time Magazine.



Also, worum geht es?

Biologen, die sich für die Entwicklung von Populationen interessieren, nehmen sich gern eine Insel zum Studienobjekt. Dort sind die Populationen oft isoliert; es gibt wenige Veränderungen; man hat sozusagen Laborbedingungen vor sich, wie es sie sonst in der biologischen Feldforschung nur selten gibt.

Die Insel Hirta ist ein solches Beispiel. Dort findet man die Soay- Schafe; ursprünglich Haustiere, die aber, seit sie 1932 nach Hirta kamen, dort wild leben, ohne sich seither mit anderen Schafen gekreuzt zu haben. Nahezu die gesamte dortige Vegetation dient ihnen zur Nahrung. Also ein schön abgeschlossenes Biotop, wie es der Populationenforscher schätzt.

Das Durchschnittsgewicht dieser Schafe nun nimmt ab; darauf wurde man erstmals 2007 aufmerksam. Anhand vorliegender älterer Daten konnte man zurückrechnen, daß diese Veränderung seit mindestens 1985 im Gang ist und von damals bis heute dazu geführt hat, daß die Tiere im Schnitt 5 Prozent an Gewicht verloren haben.



Was ist daran nun wissenschaftlich interessant? Eine solche Veränderung kann im Prinzip zwei Ursachen haben:

Es kann sich um eine evolutionäre Veränderung handeln, also eine Veränderung im Genom (im gesamten Genmaterial) der betreffenden Population. Die Biologen nennen das eine Veränderung im Genotyp.

Es könnte aber auch sein, daß sich am Genmaterial nichts oder nur wenig geändert hat und daß lediglich innerhalb der Variationsbreite, die es in jeder Population gibt, bestimmte Individuen bessere Bedingungen hatten, sich fortzupflanzen. Dann ändert sich der Phänotyp, während der Genotyp unverändert bleiben kann.

Man kann sich das am Beispiel des Vogelflugs und der Ziegen auf Fuerteventura klarmachen: Zugvögel können innerhalb weniger Jahre ihre Flugroute ändern. Dabei verändert sich nichts in ihrem Genmaterial. Sondern dieses läßt verschiedene Flugstrecken zu - so, wie die Ziegen auf Fuerteventura mal schwarz, mal weiß, mal weißbraun gescheckt sind.

Diese Variationsbreite bewirkt, daß eine Ziegenherde sich optisch perfekt der dortigen Landschaft aus trockener, vielfarbiger Erde und Geröll anpaßt.

Eine solche Variantionsbreite gibt es auch bei Zugvögeln: Einige sind schon immer die eine Route geflogen, andere eine davon verschiedene. Wird nun eine Route günstiger, z.B. aufgrund klimatischer Änderungen, dann überleben mehr von denjenigen Individuen, die diese Route bevorzugen; und innerhalb weniger Generationen fliegt die ganze Vogelschar so.

Am Genom hat sich aber nichts geändert. Es ist eben von Vorteil, wenn die Tiere, die einen Genpool gemeinsam haben, doch individuell verschieden ausfallen; ob es Ziegen sind oder Zugvögel.



Oder Schafe? Das war die Forschungsfrage des Teams um den Biologen Tim Coulson vom Imperial College London. Mit Hilfe mathematischer Modelle versuchte man abzuschätzen, welcher der beiden Mechanismen den Gewichtsverlust der Schafe auf Hirta bewirkt hatte - eine Änderung des Genotyps oder nur eine Verschiebung im Phänotyp?

Das Ergebnis war, daß sich vermutlich genetisch wenig verändert hat, aber die veränderten Klimabedingungen - kürzere, weniger kalte Winter - dazu geführt haben, daß auch Schafe den Winter überleben können, die sich ein weniger dickes Speckpolster angefressen haben.

Weiter vermuten die Forscher, daß unter den veränderten klimatischen Bedingungen Schafe früher gebären; damit kleinere Nachkommen zur Welt bringen. Genetische Veränderungen könnten, so die Autoren, beteiligt sein, scheinen aber "wenig von beobachteten Veränderungen zu erklären".



Sie fragen, lieber Leser, wo denn das Meckern bleibt? Gemach, es kommt jetzt.

Der Autor von "Welt-Online" schreibt: "Der Klimawandel lässt schottische Schafe schrumpfen. Diese Beobachtung britischer Forscher ...". Nein, das ist keine Beobachtung, in keiner Weise. Die Beobachtung ist der Gewichtsverlust. Daß dieser auf den Klimawandel zurückgeht, ist eine Hypothese, die richtig sein kann oder auch falsch. Eine alternative Erklärung ist zum Beispiel, daß sich das Nahrungsangebot auf Hirta verändert hat, so daß die Tiere sich weniger gut mästen können.

In den Naturwissenschaften lernen Studenten im ersten Semester, daß man zwischen Beobachtungen und Hypothesen streng zu trennen hat. Beobachtungen müssen beispielsweise repliziert werden können; also von anderen Forschern bestätigt. An Hypothesen (und Theorien) werden ganz andere Anforderungen gestellt.

Der Autor von "Welt-Online" schreibt sodann: "Diese Beobachtung britischer Forscher widerspricht der klassischen Evolutionslehre."

Völliger Unsinn. Der Autor hat nichts, aber auch gar nichts verstanden. Es ging in dieser Untersuchung darum, ob in diesem konkreten Fall Evolution stattfindet, oder ob es sich um nichtgenetische Änderungen handelt. Die Hypothese von Tim Coulson und seinem Team widerspricht der Evolutionstheorie ungefähr so sehr, wie der Umstand, daß Vögel und Flugzeuge fliegen, dem Gravitationsgesetz widerspricht.

Nicht wahr, wenn ein Wissenschaftsredakteur einer der großen deutschen Tageszeitungen einen solchen Unsinn verzapft, den man keinem Erstsemester durchgehen lassen würde - dann ist das schon eine Meckerei wert. Und zwar eine laute. Und wenn er sich den Unsinn gar nicht selbst ausgedacht, sondern ihn von einer Agentur übernommen haben sollte, dann macht das die Sache keinen Deut besser.



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12. Oktober 2008

Zitate des Tages: "Europaweit unbeliebt"

Jörg Haider stirbt bei Unfall. Der europaweit unbeliebte Rechtspopulist war auf dem Weg zu seiner Mutter, als er beim Überholen von der Straße abkam.

Überschrift und erster Satz des Artikels der "Tageszeitung" über den Tod von Jörg Haider.

... der zynische Rechtspopulist, der kalt berechnende Hetzer

Michael Frank in seinem Nachruf auf Jörg Haider in der "Süddeutschen Zeitung".

Kommentar: Als der ehemalige Erste Stellvertreter des Ministers für Staatssicherheit der DDR, Markus Wolf, Ende 2006 starb, stand in der "Süddeutschen Zeitung" ein Nachruf, der menschlichen Anstand hatte.

Offenbar sind einige Journalisten der Meinung, daß zwar ein Kommunist den Respekt verdient, den man gemeinhin in einer zivilisierten Gesellschaft Verstorbenen schuldet, aber nicht ein "Rechtspopulist".

Siehe auch die Diskussion bei den Kollegen vom "Antibürokratieteam", vor allem die Beiträge von Dagny und FAB.



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16. Januar 2008

Marginalie: Fröhliche, unverschleierte Menschen

In der vergangenen Woche habe ich zwei Berichte aus dem Iran gelesen. Jeder für sich ist mitteilenswert, aber ihr gemeinsamer Informationswert erscheint mir größer zu sein als die Summe der Informationen aus jedem einzelnen.



Der erste Bericht stammt von Markus Wolff und erschien in "Spiegel Online" vom 7. Januar. Wolff reiste als Reporter nach Teheran und gewann unter anderem diese Impressionen:
Schon aus dem Autofenster war zu sehen, dass es dem Mullah-Regime nicht gelungen ist, alle Freiheiten, die es vor der Revolution 1979 gegeben hatte, einzuschränken und die Stadt komplett zu islamisieren. (...) Die Männer auf den Gehsteigen trugen Gelfrisuren, die Frauen Make-up, zehenfreie Sandalen und farbige Kopftücher wie modische Accessoires. (...)
Wolff besuchte dann eine Iranerin und berichtet:
Nachdem der indische Diener die Getränke serviert hatte, setzten wir uns auf die Veranda mit Blick auf den Pool. (...) Sie kritisierte die Mullahs und Präsident Ahmadinedschad, an dem sie weniger seine Politik als seine Unkultiviertheit störte, und zeigte anschließend auf ihrem Laptop Fotos von Freunden. Fröhliche, unverschleierte Menschen waren darauf zu sehen (...)
Und so geht es weiter im Text. So geht es munter weiter im Bericht dieses Reporters vom fröhlichen, glücklichen Leben in Teheran.

Er besucht den Inhaber eines Catering- Service ("Nicht die Buffets mit Kebab-Spießen und Tomatensalat, sondern mit Cognac abgeschmeckte Saucen, Kalbsfilet in Rotwein, Canapés mit Wildschweinwurst"). Er sieht sich in einem Flirt- Treff um ("Sie schoben ihre Sonnenbrille vom Nasenrücken in die Haare und wieder zurück und begannen irgendwann, mit den elegant gekleideten Mädchen zu sprechen").

Er besucht den Chef eines Jugend- Magazins, der ihm verrät, daß die Teheraner Jugend "billige Design- Drogen wie Crystal" konsumiere, und zwar "aus Langeweile". Am Ende geht er noch mit der Inhaberin eines Kosmetik- Salons aus, die sich dafür stadtfein macht:
An meinem letzten Abend wollte sie mir nun mit einigen Freunden ihr Lieblingsrestaurant zeigen. "Ich ziehe mich nur kurz um", sagte sie. Wenig später kam sie zurück – verhüllt in einen langen, schwarzen Tschador. Wie ein Model drehte sie sich einmal um sich selbst und lachte über die eigene Verwandlung.


Der zweite Bericht stand nicht in "Spiegel Online"; überhaupt nicht in der deutschen Presse, soweit ich sehe. Ich habe ihn aufgrund eines Hinweises (siehe Fußtext) bei der italienischen Nachrichtenagentur AKI gefunden. Er datiert einige Tage nach der Reportage von Markus Wolff:
Tehran, 10 Jan. (AKI) - Iran's supreme court has confirmed that two youths, found guilty of rape will receive 100 lashes each before being cast off a cliff (...). "This is a chilling sentence," said Iranian human rights activist and lawyer Mohammad Ali Dadkhah. (...) As recently as last week in Iranian Balochistan, five minority Sunnis had their hands and feet amputated, he noted. All five Sunnis were found guilty of the crime of 'moharebeh' or enmity towards Allah.

Teheran, 10. Jan. (AKI) - Das höchste Gericht des Iran hat bestätigt, daß zwei Jugendliche, die der Vergewaltigung schuldig gesprochen worden waren, jeder 100 Peitschenhiebe erhalten werden, bevor sie von einem Felsen in die Tiefe geworfen werden (...). "Das ist ein grauenhaftes Urteil", sagte der iranische Menschenrechts- Aktivist und Rechtsanwalt Mohammad Ali Dadkhah. (...) Er wies darauf hin, daß erst vergangene Woche im iranischen Teil Belutschistans fünf Angehörigen der sunntischen Minderheit Hände und Füße amputiert worden waren. Alle fünf Sunniten waren des Verbrechens der 'Moharebeh', der Feindschaft gegen Allah, schuldig gesprochen worden.



Zwei Seiten des heutigen Iran? Zwei Seiten, die gleichermaßen journalistisches Interesse verdienen?

Vielleicht. Nur, wie beurteilt man eigentlich heute die Journalisten aus westlichen Ländern, die in den dreißiger Jahren - beispielsweise zu den Olympischen Spielen 1936 - ins Nazi- Deutschland fuhren und berichteten, sie hätten dort fröhliche, zufriedene Menschen vorgefunden? Die das taten, ohne auch nur mit einem Wort die Rassengesetze, die KZs, die Verfolgung von Demokraten zu erwähnen?

Dank an Dr. Franz Hoffmann für den Hinweis auf den Bericht von AKI. Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

9. Juni 2007

Randbemerkung: Ein erstaunlicher Sender - "Al Jazeera English"

Seit Ende vergangenen Jahres ist ein neuer Nachrichtensender im Stil von CNN auf Sendung: "Al Jazeera English". Ich habe ihn erst jetzt entdeckt, als ich wieder einmal einen Sendersuchlauf gestartet habe.

Ich habe nicht viel von ihm erwartet. "Al Jazeera" - dieser Sender taucht ja bei uns meist in den Nachrichten auf, wenn es um Verlautbarungen oder Videos von Terroristen geht.

Nun habe ich diesen Sender einige Tage regelmäßig gesehen. Und bin aus dem Staunen nicht herausgekommen.

Berichterstattung nicht allein über den Nahen Osten, sondern über Ereignisse weltweit. Mit einem Schwerpunkt fast eher in Asien als in der arabischen Welt.

Eine weitgehend faire, objektive Berichterstattung. Keine pro- westliche, das ist wahr. Aber eben auch keine anti- westliche.

Heute hat zum Beispiel David Frost erst eine Sprecherin der Palästinenser interviewt und anschließend die israelische Botschafterin in London. Er hat - soweit ich das beurteilen kann - beide gleich hart und gleich fair befragt, wie es die Art guter britischer Journalisten ist.



Gestern habe ich ein Interview von Anand Naidoo gesehen, einem anderen Star- Journalisten, den "Al Jazeera" eingekauft hat.

Der Befragte war der senegalische Präsident Abdoulaye Wade, ein knorriger, herrischer Einundachtzigjähriger. Nach Jahrzehnten in der Opposition, nach Gerichtsverfahren und Gefängnis war er am Ende, vor sieben Jahren, doch noch an die Macht gekommen.

Er sagte unter anderem sinngemäß, die Ölpreise seien so stark gestiegen, daß jetzt die entwickelten Länder - er nannte die USA, Europa und interessanterweise auch China - die zusätzlichen Kosten für Afrika übernehmen müßten.

Naidoo hielt dem entgegen, daß es ja auch afrikanische Ölstaaten gebe, und daß die Erlöse aus deren Erdöl überwiegend auf Schweizer Konten der Herrschenden landeten, statt für die Entwicklung Afrikas eingesetzt zu werden.

Darauf antwortete Wade - ich bezeuge es, was ich wohl muß, weil es so absurd ist - , er habe die Frage nicht verstanden, weil anscheinend der Ton gestört sei. Daraufhin wiederholte Naidoo die Frage. Und nun antwortete Wade, indem er etwas über die Preisbildung auf den Ölmärkten erzählte.

Auf die Frage ging er auch beim zweiten Anlauf mit keinem Wort ein. Naidoo resignierte wohl an dieser Stelle; jedenfalls hat er die Frage nicht ein drittes Mal gestellt.



Also, mir scheint, es lohnt, "Al Jazeera English" zu verfolgen.

25. Februar 2007

"So macht Kommunismus Spaß" (2): Lektüren

Es hat etwas gedauert, bis die vor fünf Wochen angekündigte Fortsetzung zu meiner Rezension von Bettina Röhls "So macht Kommunismus Spaß" jetzt anhebt. Oder fast.

Das liegt daran, daß ich zum Thema zuvor das eine oder andere lesen oder wiederlesen wollte; vor allem Klaus Rainer Röhls Fünf Finger sind keine Faust und Stefan Austs Der Baader- Meinhof- Komplex; ein Buch, an dem Bettina Röhl - leider ungenannt - bei den Recherchen mitgewirkt hat. Ich habe auch damals, zur RAF-Zeit, sehr viel an Zeitungsausschnitten und dergleichen gesammelt, was ich jetzt wieder durchgesehen habe.



Nun also kann es zügig vorangehen. Hopefully

In der jetzigen Folge kurz etwas über diese Quellen.

Dann, in Folge 3, der Versuch einer, sagen wir, subjektiven Sicht auf Ulrike Marie Meinhof. Es hat mich selbst einigermaßen überrascht, zu welcher Beurteilung ich gekommen bin.

Teil 4 geht es (so ist es jedenfalls geplant) um die RAF, die mir umso verbrecherischer, umso inhumaner erscheint, je mehr ich mich wieder mit ihr befaßt habe.



Das, was Bettina Röhl über ihre Mutter schreibt, ist sehr sachlich. Bemüht sachlich, fast erschreckend sachlich. Es ist offensichtlich, daß sie versucht, ihre eigenen Empfindungen beiseite zu lassen und die Biographie ihrer Mutter so zu schreiben, wie das eben eine Journalistin tun sollte.

Auch Klaus Rainer Röhl hat sich in "Fünf Finger sind keine Faust" erkennbar darum bemüht, Ulrike Marie Meinhof Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Sein Buch ist nicht das eines Historikers, auch nicht das eines Journalisten. Es ist ein Stück Memoiren- Literatur. Wie jeder, der Memoiren schreibt, schildert Röhl die Ereignisse aus seiner Perspektive; sich selbst hervorhebend und exkulpierend, seine Mitstreiter lobend, seine Feinde denunzierend. So sind Memoiren nun mal.

Aber was Ulrike Meinhof angeht, ist das nobel und - soweit ich es beurteilen kann - auch zutreffend, was Röhl schreibt. Manchmal flapsig, oft oberflächlich, wie Röhl halt ist. Aber fair; ich möchte fast sagen: bewundernswert fair.



Und das Buch von Stefan Aust ist geradezu das Musterbeispiel eines herausragenden Journalismus - eines Journalismus von fast schon amerikanischer Qualität.

Er nimmt nicht Stellung. Er interpretiert nicht. Er teilt einfach die Fakten mit, die er recherchiert hat. Nicht auf der Seite der RAF, nicht auf der Seite der Strafverfolgungsbhörden. Er schreibt nicht, um zu beeinflussen. Er schreibt, um zu informieren.

Wenn eine Interpretation auf der Hand liegt, dann trägt er sie freilich schon mal vor. Meist in Form eines trockenen, ironischen Kommentars. Nicht mehr. Wo Fragen offen sind, da spekuliert Aust nicht, sondern er schreibt, daß Fragen offen sind. Er versteht sich als ein Faktenhuber; er überläßt es dem Leser, Folgerungen zu ziehen.

Als ich jetzt dieses herausragende Buch wieder gelesen habe, da habe ich zum ersten Mal verstanden, warum Rudolf Augstein diesen Stefan Aust als seinen Erben ausersehen hat.

Und warum es Aust es gelungen ist, den "Spiegel" aus seiner seinerzeitigen Krise zu führen.

Ein großer Journalist. Ein demokratischer Journalist, der verstanden hat, daß seine Aufgabe als Journalist nicht die Beeinflussung ist, sondern die vorurteilsfreie Information.