28.10.12

Zitat des Tages: "Reflexiv-dynamische Systemirritationen". Vier Gründe für schlechtes Deutsch in wissenschaftlichen Texten

Etwas überspitzt könnte man formulieren, dass nicht nur Politik nicht mehr ohne systemspezifische öffentliche Kommunikationsaktivitäten zu denken ist (sofern sie es in ihrer demokratischen Version denn je war), sondern ebenso die Beobachtung von Politik nicht mehr ohne die Beobachtung der reflexiv-dynamischen, von den Akteuren nur schwer kontrollierbaren Systemirritationen zwischen Politik und Politikbeobachter.
Ein Satz aus einem politologischen Text, den Marie-Charlotte Maas und der Linguist Valentin Groebner in der "Zeit" an den Pranger stellen.

Kommentar: In der Tat, das ist schlechtes Deutsch; wie auch die anderen Beispiele, die in dem Artikel analysiert werden. Warum ist in wissenschaftlichen Texten so oft schlechtes Deutsch zu lesen? Ich sehe vor allem vier Gründe:

Angeberei. Ein schwer zu verstehender Satz wie der zitierte erweckt beim Leser den Eindruck, daß er - der Leser, der ihn nicht versteht - offenbar dümmer ist als der Autor; der Autor im Umkehrschluß somit ein kluger Mann. Der Angeberei dienen vor allem zwei Mittel des schlechten Stils: Schachtelsätze, in denen der Leser sich gedanklich verliert, und Fremdwörter, die ihm nicht geläufig sind.

Faulheit. Gutes Deutsch zu schreiben ist nun einmal mühsam. Man muß an einer Textpassage so lange arbeiten, bis sie einfach, klar und treffend das ausdrückt, was man sagen möchte. Das Erste, das einem einfällt, ist in der Regel nicht so. Es ähnelte eher gesprochener Sprache; ist also "ins Unreine" geschrieben. Viele Autoren belassen es beim Unreinen. Sie verhalten sich wie ein Autobauer, der den ersten Konstruktions­entwurf für ein neues Modell bereits in Serie gehen ließe.

Tarnung. Drittens dient sprachliche Aufgeblasenheit dazu, Unklarheiten des Denkens zu verschleiern. Drückt sich jemand einfach aus, dann ist leicht zu bemerken, ob er etwas Schlüssiges sagt oder etwas Unausgegorenes, das hinten und vorn nicht stimmt. Eine komplizierte, eine vor allem auch mit seltenen Wörtern angereicherte Sprache verschleiert das. Sie baut eine pompöse Fassade auf, hinter der sich oft ein ärmliches Gedankengebäude verbirgt. Nur sieht man dieses eben nicht.

Das Echo. Der vierte Grund liegt auf einer etwas anderen Ebene: Schlechtes Deutsch wird in der Regel belohnt und anerkannt. Wer gutes Deutsch schreibt, der steht hingegen leicht als einer da, dessen Gedanken doch arg schlicht seien.

Nicht zufällig genießen Hegel, Fichte, Heidegger und Adorno in Deutschland ein fast ehrfurchtsvolles Ansehen; während ein glänzender Stilist wie Schopenhauer häufig unterschätzt wird. Wirft ein Student der Philosophie einmal einen Blick in die Werke von, sagen wir, Descartes, Locke oder Hume, dann ist er nicht selten verblüfft: Was, so einfach schreiben die? Und das soll große Philosophie sein?



Siehe auch die Serie Anmerkungen zur Sprache.
Zettel



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