30.10.12

Marginalie: Wird sich der Wirbelsturm "Sandy" auf die Wahlen in einer Woche auswirken?

In genau einer Woche, am 6. November, wählen die USA den neuen Präsidenten; dazu ein neues Repräsentantenhaus und ein Drittel der Senatoren. Werden diese Wahlen von dem Wirbelsturm "Sandy" (ein Hurrican ist er inzwischen nicht mehr) beeinflußt werden? Nate Silver hat sich gestern mit dieser Frage befaßt.

Eine erste Auswirkung betrifft die Umfragen. Dort, wo der Strom ausgefallen ist, finden sie nicht mehr statt. Der IBD/TIPP Presidential Daily Tracking Poll beispielsweise publiziert derzeit keine Umfragedaten mehr.

Da "Sandy" vor allem in Staaten mit einer Mehrheit der Demokraten wütet, könnte das die Umfragen beeinflussen; Silver schätzt einen Effekt in der Größenordnung von einem Prozentpunkt. Aber die Institute sind gewohnt, ihre Daten zu gewichten und könnten einen solchen Effekt bei ihren Projektionen leicht berücksichtigen.

Schwerer wiegt es, daß aufgrund der jetzigen Schäden möglicherweise in einer Woche in den betroffenen Staaten weniger Wähler zur Wahl gehen. Das könnte sich negativ auf Obamas Gesamtergebnis bei den Wählerstimmen (popular vote) auswirken. Da diese Staaten aber fast durchweg sichere "blaue" Staaten sind, werden deren Wahlleute dennoch an Obama gehen, so daß sich an seinen Wahlchancen nichts ändern dürfte.

Ein dritter Aspekt ist, daß eine solche Katastrophe einem Präsidenten Gelegenheit zu öffent­lich­keits­wirksamen Auftritten gibt; daß ihm andererseits ein Versagen bei deren Bewältigung auch schaden kann. Es gibt Untersuchungen dazu, wie sich das auf spätere Wahlen auswirken kann; aber nicht auf eine so kurz bevorstehende wie jetzt. Nate Silver enthält sich da einer Vorhersage.



Jedenfalls dürfte der Wahlkampf in diesem Teil der USA jetzt auf Sparflamme laufen; auch in den übrigen Bundesstaaten hat - man kann das zum Beispiel an der Berichterstattung von CNN sehen - der Wirbelsturm vorerst die Wahlen als Thema Nummer eins verdrängt.

Welchem der Kandidaten das schadet oder nützt, ist aber ganz unklar. In den Umfragen herrscht seit Mitte Oktober eine seltsame Stagnation: Romney hat Obama eingeholt und liegt meist minimal vor ihm. Aber sein Aufschwung (momentum) scheint gestoppt; er verharrt bei knapp über 47 Prozent.

Die Lage ist damit heute genauso, wie ich sie zuletzt am vergangenen Freitag beschrieben habe (Romneys Vorsprung und die Ohio-Verschwörung; ZR vom 26. 10. 2012): Bei RealClearPolitics liegt Romney mit 0,8 Prozentpunkten Differenz vorn, bei Pollster mit 0,3 Prozentpunkten. Die Washington Post sah in den letzten Tagen Romney bei 49 und Obama bei 48 Prozent, gestern aber beide bei 49 Prozent. Nur Gallup mißt bei den likely voters (denen, die wahrscheinlich wählen gehen werden) weiter einen deutlichen Vorsprung (51 zu 46 Prozent) Romneys.

Also weit und breit keine Dynamik. Das gilt auch für das Wahlleutegremium, für das Nate Silver unverändert einen deutlichen Vorsprung Obamas vorhersagt; mit derzeit 295 zu 243 Mandaten.

Falls sich "Sandy" überhaupt auswirkt, dann vermutlich so, daß sich angesichts eines gedämpften Wahlkampfs daran bis zum Wahltag weniger ändern wird, als sonst vielleicht möglich gewesen wäre.
Zettel



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.