26.10.12

Marginale: Romneys Vorsprung und die Ohio-Verschwörung

Haben Sie schon von der Ohio-Verschwörung gehört? Über sie hat gestern die Washington Post berichtet. Nun gut, nicht eigentlich über die Verschwörung. Aber doch über die Befürchtung dieser Verschwörung.

Im US-Wahlkampf gibt es derzeit eine paradoxe Situation:

In den nationalen Umfragen führt inzwischen fast überall Mitt Romney mehr oder weniger deutlich; bei RealClearPolitics zum Beispiel mit einem Prozentpunkt Vorsprung und in den drei daily trackings von Gallup, Rasmussen und der Washington Post mit einem Vorsprung von jeweils drei Prozentpunkten.

Dennoch würde, wenn jetzt Wahlen wären, Barack Obama sehr wahrscheinlich Präsident bleiben; denn die meisten Berechnungen für das Electoral College, das Wahlleute­gremium, geben ihm dort weiter eine Mehrheit. Nach dem Modell von Nate Silver zum Beispiel hätte Obama derzeit 294 und Romney 244 Wahlleute.

Diese Diskrepanz liegt, wie in dieser Serie schon des öfteren beschrieben, an dem Winner-takes-all-Prinzip, daß alle Elektoren eines Staats dem jeweils Siegreichen zufallen, wie knapp auch sein Vorsprung ist.

Eine kritische Bedeutung kommt dabei dem Bundesstaat Ohio mit seinen 18 Wahlleuten zu. Bisher konnte noch nie ein republikanischer Kandidat Präsident werden, ohne Ohio zu gewinnen. Auch wenn solche Regeln, wie man es hier, satirisch aufbereitet, sehen kann, von begrenztem Wert sind - Ohio steht nun einmal in dem Ruf, diese Schlüsselrolle zu haben. Entsprechend eifrig befaßt man sich mit diesem Staat; bei den Parteien, in den Medien und natürlich auch im Internet.



Und damit sind wir bei der Ohio-Verschwörung. In der Washington Post berichtete gestern Bill Turque über dieses neueste Gerücht:

In Ohio werden am 6. November auch Wahlmaschinen benutzt werden. Zu den Herstellern dieser Maschinen gehört die in Austin, Texas ansässige Firma Hart InterCivic.

Im Aufsichtsrat dieser Firma nun sitzen drei Personen, die zugleich im Vorstand der Firma HIG Capital sind. HIG Capital wiederum hat Verbindungen zu Mitt Romney: Angestellte dieser Firma haben insgesamt 338.000 Dollar für Romneys Wahlkampf gespendet. Drei von ihnen haben früher einmal in Romneys Firma Bain gearbeitet. Und zu allem Überfluß hat in HIG Capital auch noch die Firma Solamere Capital investiert, die Tagg Romney gehört, einem Sohn Mitt Romneys.

Alles klar? Hart InterCivic baut Wahlmaschinen, die in Ohio eingesetzt werden. Hart InterCivic hat Beziehungen zu HIG Capital. HIG Capital hat Beziehungen zu Mitt Romney. Also ... Also was? Bill Turque:
The implication in some of the news media coverage is that through these links, Romney will have some leverage over the vote count in Ohio.

In einem Teil der Berichterstattung in den Medien wird daraus die Folgerung abgeleitet, daß Romney über diese Beziehungen die Möglichkeit hat, die Stimmen­auszählung in Ohio zu beeinflussen.
Das wird allen Ernstes befürchtet. Es ist das Remake einer Verschwörungstheorie, die schon 2004 im Umlauf war; damals sollen in Ohio Wahlmaschinen zugunsten von George W. Bush manipuliert worden sein.

Den Verschwörungstheoretikern bleibt ein Trost: Die Maschinen der Firma Hart kommen lediglich in zwei Landkreisen zum Einsatz, in Hamilton County mit der Stadt Cincinnati und im kleinen Kreis Williams County. Zusammen wohnen dort weniger als eine Million der 11,5 Millionen Einwohner Ohios.



Falls Sie sich für Verschwörungstheorien, ihre Mechanismen und ihren psychologischen Hintergrund interessieren, dann mögen Sie vielleicht einen Blick in die Serie werfen, die vor sechs Jahren zu diesem Thema in ZR erschien. Hier geht es zur ersten Folge.
Zettel



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