15.10.12

Marginalie: Plagiatorin Schavan?

Die Affäre Guttenberg hat ihre Spuren hinterlassen. Seither ist Deutschland sensibilisiert für Plagiate in Dissertationen. Seither ist es nachgerade zu einem Sport geworden, Dissertationen von Prominenten auf Plagiate hin zu durchforsten.

Guttenberg hat in einem Maß plagiiert, wie viele (auch ich) das zuvor nicht für möglich gehalten hätten. Dieser Fall war eindeutig und ist von der zuständigen Kommission der Universität Bayreuth nach sorgfältiger Untersuchung als Plagiat bewertet worden; von einer Kommission, die sich dieses Urteil nicht leicht gemacht hat.

Was der Ministerin Schavan vorgeworfen wird, scheint, soweit das bisher bekannt ist, keineswegs so eindeutig zu sein. In der FAZ berichtet heute Heike Schmoll über den Stand der Dinge und kommentiert das Verfahren.

In die Prüfung der Dissertation Guttenbergs waren damals zahlreiche Wissenschaftler einbezogen. In die sechsköpfige Kommission "Selbstkontrolle der Wissenschaft" der Universität Bayreuth wurden zusätzlich zwei externe Experten berufen; Wolfgang Löwer, der Sprecher der Ombudsmänner der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), und der Konstanzer Philosoph Jürgen Mittelstraß. Die Kommission legte einen 42seitigen Bericht vor.

Zu Schavans Dissertation scheint hingegen nur ein einziges Gutachten vorzuliegen; dasjenige des Judaisten Stefan Rohrbacher. Durch eine Indiskretion gelangte es an den "Spiegel", der in seiner aktuellen Ausgabe (42/2012 vom 15. 10. 2012, S. 17 - 20) darüber berichtet.

Auf vier Seiten breiten vier Autoren, darunter der stellvertretende Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, den Fall aus. Ausführlich wird aus diesem einen Gutachten zitiert, das in den Besitz des "Spiegel" gelangt ist; auf welchem krummen Weg auch immer. Dabei ist auch den "Spiegel"-Autoren klar, daß damit keineswegs das Urteil gesprochen ist. Sie schreiben:
Das Wort des Gutachters ist nicht das letzte in dieser Sache, aber ein gewichtiges. Der Bericht geht an die weiteren Mitglieder des Promotionsausschusses der Philosophischen Fakultät, an drei Professoren, zwei wissenschaftliche Mitarbeiter, einen Studentenver­treter. (...) Dieser Rat entscheidet über die Aberkennung des Titels; die übrige Universität ist nicht direkt beteiligt, auch nicht das Rektorat.

Vor der Entscheidung des Rates müsste Schavan angehört werden, danach könnte sie klagen, nichts ist entschieden.
Ja eben. Nichts ist entschieden. Aber mit dem ausführlichen Bericht über dieses vertrauliche Gutachten, garniert mit zahlreichen wörtlichen Zitaten daraus, beeinflußt der "Spiegel" bereits jetzt die öffentliche Wahrnehmung des Falls. Er kann das tun, weil jemand aus der Heinrich-Heine-Universität, dem das Gutachten vorliegt, die Vertraulichkeit gebrochen hat. Heike Schmoll:
Das Gutachten wurde aus dem Promotionsausschuss einer Zeitschrift zugespielt, womöglich verkauft. Wie korrupt muss man als Wissenschaftler eigentlich sein, um derlei Indiskretionen zu begehen?
Guttenberg hatte es seinerzeit abgelehnt, sich vor der Kommission zu rechtfertigen, obwohl diese ihn eingeladen hatte. Der Ministerin Annette Schavan hat die Kommission bisher überhaupt noch nicht die Gelegenheit gegeben, sich zu den Vorwürfen zu äußern.



Die Indiskretion ist, wie Heike Schmoll zu Recht anmerkt,
... nicht die einzige Merkwürdigkeit im Düsseldorfer Überprüfungsverfahren, das im Nachhinein die konzentrierte Arbeit der Universität Bayreuth an der Dissertation des Karl-Theodor zu Guttenberg als geradezu untadelig erscheinen lässt. Sollte das Gutachten von einem einzigen Wissenschaftler stammen, entspräche das nicht den gängigen Verfahrensweisen. Das Vier-Augen-Prinzip, das bei der Beurteilung der Dissertation gilt, muss auch bei der Überprüfung von Plagiatsvorwürfen gelten.
Und andere Gutachter könnten durchaus zu einer anderen Bewertung kommen. Denn das, was der "Spiegel" aus Rohrbachers Gutachten an vorgeblichen Belegen für Plagiate zitiert, scheint sich eher in der Grauzone von Paraphrasen zu bewegen, wie man sie zwar vermeiden sollte, wie sie in wissenschaftlichen Arbeiten aber nicht eben selten sind: Ohne wörtlich zu zitieren, orientiert man sich auch in den Formulierungen an einer Quelle.

Auch die Verwendung von Sekundärliteratur ist gängig; man entnimmt dabei Informationen über ein Werk nicht diesem selbst, sondern anderen Autoren, die sich mit diesem Werk befaßt haben. Der "Spiegel":
Dieser Vorwurf zieht sich durch das Gutachten: Schavan wähle die Abkürzung, sie bediene sich aus der sogenannten Sekundärliteratur, den Büchern über die wichtigen Bücher, statt die Primäriteratur selbst durchzusehen.
So etwas mindert die wissenschaftliche Qualität einer Arbeit; aber ein Plagiat ist das für sich genommen nicht. Soweit man es dem "Spiegel"-Artikel entnehmen kann, hat Schavan ihre Quellen nicht verschwiegen; nur nicht jedesmal erneut auf sie verwiesen, wenn sie ihnen Informationen oder Bewertungen entnahm.

An einer Stelle gelangen die vier "Spiegel"-Autoren zu einer Einsicht, die sie nur leider nicht beherzigt haben:
Schavans Fall ist diffiziler, er erforder Beschäftigung und Verständigung über wissenschaftliche Regeln und Gepflogenheiten, bezogen auf die Disziplin, in der Schavan promoviert hat, und die Zeit, in der sie promoviert hat. (...) Das sind Fragen für die Wissenschaftler, teils so komplex, so detailliert, dass Laien dazu wohl am besten schweigen.
In der Tat.
Zettel



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