19.10.12

Lylliths Zwitscherstubb: Türkischer Marsch

"Der Pianist Fazil Say ist ein begnadeter Musiker – und ein arroganter Kotzbrocken. Wann immer er sich öffentlich äußert, schwingt viel von jener Herablassung mit, mit der das kemalistische Establishment der Türkei seit Jahrzehnten über breite Bevölkerungsschichten und deren nichtwestlichen Geschmack gespottet hat".

So Daniel Bax heute in der taz. Der Islamerklärer der lustigsten Kopftuchgazette Deutschlands verspürt Schwingungen gefühlter Herablassungen, die ihn dazu beflügeln, den genialen Komponisten und Pianisten Fazil Say einen arroganten Kotzbrocken zu nennen.

Welch eine Karriere! Vor wenigen Jahren noch widmete Bax dem "scheuen Pianisten" ein paar nette Zeilen, die ohne diese Verbalinjurien auskamen.

Was hat sich geändert? Die Islamisierung der Türkei ist weiter vorangeschritten, und Bax marschiert mit, da passen verwestlichte Künstler nicht mehr zum Zeitgeist.

Um zu verstehen, was Bax unter Herablassung, Spott und Arroganz versteht, müssen wir den Künstler Say selbst zu Wort kommen lassen. An dieser Stelle ein großes Lob für die "Deutsch-Türkischen Nachrichten" (DTN), die eine Grundversorgung mit Informationen über die Türkei sicherstellt. Dort gab es vor einem Jahr unter der Überschrift Fazil Say: "Erdogan war noch nie in einem Konzert oder in der Oper" ein Interview mit dem Komponisten. Auszug:
DTN: Wer kommt zu Ihren Konzerten in der Türkei? Wer ist Ihr Publikum?

Fazil Say: Mein Publikum ist relativ jung, gebildet. Jünger als mein europäisches Publikum. Ich habe auch Konzerte in anatolischen Städten gegeben. In einigen Städten war das das erste Konzert überhaupt. Das Interesse war sehr groß. (...) Der faule Staat tut allerdings seit 70 Jahren nichts in diesen Regionen der Türkei. Östlich von Ankara gibt es keine Orchester oder Opernhäuser mehr. Professionelle Organisationen von Konzerttourneen gibt es auch nicht. (...) Mit einem guten Kultusminister und einem Bildungsminister könnte man vieles in der Türkei verbessern. Aber immer, wenn ich meine Ideen oder Kritik geäußert habe, sah ich eine Wand vor mir, eine aggressive Wand.

DTN: Woran könnte das liegen?

Fazil Say: Die Wahrheit ist: Die Türkei war ein Land mit einem kulturellen System, und die AKP zerstört dieses System. Dagegen wehre ich mich sehr hart, und viele Künstler tun das mit mir.
Man muss schon ein fanatisches Erdogangroupie sein, um den arroganten Kotzbrocken zu entdecken. Weiter die Kopftuchgazette:
Dass ein türkisches Gericht gegen Fazil Say jetzt aufgrund eines sarkastischen Twitter-Kommentars über einen Muezzin ein Verfahren wegen angeblicher "Verletzung religiöser Gefühle" eröffnet hat, ist aber schlichtweg lächerlich. Zu hoffen ist, dass die peinliche Anklage, die den Starpianisten nun in den Rang eines Helden der Meinungsfreiheit katapultiert hat, so bald wie möglich vom Tisch kommt.
So swingt es bei Baxens. Es wäre ja zu einfach gewesen, von einem Skandal zu schreiben. Denn es handelt sich um einen kemalistischen Kotzbrocken, bei dem die Gefahr besteht, dass er auch noch zum "Helden der Meinungsfreiheit" geadelt wird. Doch warum steht Fazıl Say überhaupt vor Gericht? Die DTN:
Die Staatsanwaltschaft hat ihn wegen kritischer Bemerkungen über falsche Frömmigkeit und Religion angeklagt. Say hatte im April dieses Jahres über den Kurznachrichtendienst "Twitter" scherzhaft abfällige Bemerkungen über den Islam verbreitet. So kommentierte er beispielsweise den hastigen Gebetsruf eines Muezzins mit den Worten: "Warum die Eile? Eine Geliebte? Oder steht Schnaps auf dem Tisch?" (...)

Er habe damit "die religiösen Werte, die ein Teil der Bevölkerung für sich anerkennt, öffentlich herabgesetzt".
Weitere Einzelheiten kann man in diesem Artikel der DTN lesen. Paragraph 216 des Türkischen Strafgesetzbuches sieht für derartige Vergehen eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu einem Jahr vor.

Für die Musikfreunde: Zu den Schwingungen.

Und dann geht es endlich zu dem in der der Überschrift versprochenen Türkischen Marsch.
Lyllith



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