13.10.12

Kurioses, kurz kommentiert: Hiwis, Prokrastination und die schwierige akademische Sprache

Pünktlich zum Semesterbeginn gibt es jetzt bei "Zeit-Online" etwas Nützliches an die Hand: Ein "Glossar für Studenten" mit dem Titel "Akademisch für Anfänger".

Aber oje!

Aufs Geratewohl habe ich einen Begriff aufgeschlagen: "Hiwi". Und was steht da? Da steht dies:
H wie Hiwi: Abkürzung für Hilfswissenschaftler, also Studenten, die parallel zu ihrem Studium an der Uni arbeiten.
Ach nein. "Hilfswissenschaftler" sind sie ja nun nicht, die Studenten, die für die Vorlesungen die Experimente aufbauen, die beim Erheben und Auswerten von Daten helfen oder beim Ausrechnen der Punkte in Klausuren.

Sie sind vielmehr Studentische Hilfskräfte. Wo kommt also die Abkürzung "Hiwi" her? Sie steht nicht für "Hilfs­wissen­schaftler", sondern für "Hilfswillige".

Das ist ein Begriff aus dem Zweiten Weltkrieg für Angehörige fremder Völker, vor allem aus eroberten Gebieten, die in irgendeiner Weise für die Deutschen gearbeitet haben - als Helfer der Wehrmacht, in der Verwaltung, als LKW-Fahrer usw. Anders als die Zwangsarbeiter taten sie das mehr oder weniger freiwillig; oft, um der Gefangenschaft zu entgehen oder ein etwas erträglicheres Leben zu haben.

In den Nachkriegsjahren wurden mit einigermaßen zynischem Humor die Studentischen Hilfkräfte als Hiwis bezeichnet. Es fehlte eine griffige Alternative zu der sperrigen amtlichen Bezeichung; und es gab damals noch viele Leute an den Universitäten, die sich an ihre Wehrmachtszeit erinnerten.

Anfangs war "Hiwi" noch ironischer Jargon und tauchte zum Beispiel in keinem schriftlichen Dokument auf; so wenig, wie später "Azubi" als Bezeichnung für einen Lehrling. Mit der Lockerung aller Formalien ab den frühen siebziger Jahren änderte sich das, und bald konnten man auch in Forschungs­anträgen, Stellenplänen und dergleichen von "Hiwis" lesen.



Daß, wer immer diesen Eintrag für "Zeit-Online" verfaßt hat, das nicht mehr weiß, ist in gewisser Art natürlich auch ganz erfreulich. Diese barbarische Zeit, in der die Hilfswilligen ihren Dienst taten, liegt jetzt so viele Generationen zurück, daß dergleichen in Vergessenheit gerät.

Dafür hätte sich noch vor zwanzig oder dreißig Jahren niemand etwas unter dem in dem Glossar auch aufgeführten Begriff "Prokrastination" vorstellen können:
P wie Prokrastination: Fremdwort für das Aufschieben von Tätigkeiten. Kann bei Studenten zur Überschreitung der → Regelstudienzeit führen. Das Wort stammt vom lateinischen Wort procrastinatio, das wörtlich übersetzt Vertagung bedeutet. Prokrastination wird dadurch begünstigt, dass im Studium jeder selbst entscheiden kann, wann er Vorlesungen nacharbeitet, für Klausuren lernt und Hausarbeiten schreibt.
Das Wort stammt aus dem Englischen (ursprünglich allerdings schon Latein, wie ein erheblicher Teil der englischen Sprache), wo es eine lange, bis ins 17. Jahrhundert zurückreichende Geschichte hat. Im Deutschen allerdings ist es erst rezent durch den Trend zur Dissemination elaborierter Anglizismen prävalent geworden. Früher nannte man das Bummeln.
Zettel



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