10. August 2012

Marginalie: "Das Herz aus der Hose geholt". Meldet sich im "Fall" Drygalla jetzt doch noch eine liberale Öffentlichkeit zu Wort? Über einen Winkelried

"Das Herz aus der Hose geholt" lautet die Überschrift eines Artikels, den man aktuell bei "Süddeutsche.de" lesen kann.

Es geht dort allerdings um die Beachvolleyballer Jonas Reckermann und Julius Brink. Aber die Überschrift hätte - in ihrer ganzen unfreiwilligen Komik - ebenso auf den Artikel gepaßt, der im Augenblick unmittelbar darüber steht und der sich mit dem "Fall" Drygalla befaßt.

Dieser Artikel heißt, mit ähnlich mißglückter Metaphorik, "Scheinheiliges Wedeln mit dem moralischen Putzlappen" und stammt von Hilmar Klute, bei der SZ verantwortlich für die "Streiflicht" genannten Glossen.

Klute schreibt zu diesem "Fall" das Offensichtliche:
Als publik wurde, dass die deutsche Olympionikin Nadja Drygalla einen Freund aus rechtsextremen Kreisen hat, kam sofort die Frage auf, wie es Drygalla selbst mit den Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit halte. Ihre Antwort musste nicht abgewartet werden, denn es reichte schon aus, dass ein paar Tugendakrobaten Zweifel an der Gesinnung der jungen Frau hegten. Sie hat zwar nichts in der Richtung gesagt, im Gegenteil sogar jedwedem rechtslastigen Gedankengut abgeschworen. Doch allein der Verdacht genügt, um die ideologische Putzkolonne zu bestellen.
So ist es; und so ist es seit einer Woche bekannt. Sie konnten es am Freitag, dem 3. August, hier in ZR lesen:
Pau wirft Nadja Drygalla nichts anderes vor, als daß ihr etwas "nachgesagt wird". Und was man ihr nachsagt, das besteht lediglich darin, daß sie einen Freund habe, der NPD-Politiker ist.

Offenbar gibt es von Frau Drygalla keine einzige bekannte rechtsextreme Äußerung oder gar Berichte über eine Betätigung in der NPD. Nichts. Aber sie hatte "Kontakte" in Gestalt eines Mannes, den sie offenbar liebt.
Es war von Anfang an alles bekannt gewesen. Aber die Mehrzahl der deutschen Medien kümmerte sich nicht um die Fakten.

Diese Presse folgte einem linksextremen Blog, der die "Affäre" aufgebracht hatte, folgte linken und linksextremen Blättern wie der "taz" und der "Jungen Welt", folgte der Kommunistin Petra Pau, die als erste Politikerin gegen Drygalla aufgetreten war. Falls Sie das noch einmal nachlesen wollen - ich habe damals diese Kommentare in Auszügen zusammengestellt; Stand Sonntag Abend: Zitate des Tages: Rufmord; ZR vom 6. 8. 2012.

Jetzt auf einmal, nach einer Woche, kommen dieselben Medien, die diese Hexenjagd betrieben haben, auf den Gedanken, daß möglicherweise Sippenhaft und Gesinnungs­schnüffelei doch nicht das Richtige sind.

Am vergangenen Samstag hatte ich gefragt, wo eigentlich die liberale Öffentlichkeit bleibt (Hexenjagd. Noch einmal der "Fall" Nadja Drygalla. Wo bleibt die liberale Öffentlichkeit?; ZR vom 4. 8. 2012). Jetzt scheint sie sich doch noch hervorzuwagen, die liberale Öffentlichkeit. Jedenfalls hier und da.

Der "Tagesspiegel" hatte am Freitag zu den schlimmsten Scharfmachern gehört ("Die Ruderin ist entweder unglaublich naiv oder dumm oder selbst vom braunen Ungeist infiziert"). Es dauerte vier Tage, bis am Dienstag Harald Martenstein im selben Blatt das Offensichtliche schreiben konnte; immerhin war er damit ein Vorreiter.

Ebenfalls zu den Scharfmachern gehörte "Zeit-Online" ("... ist es unwahrscheinlich, dass Drygalla mit einem führenden Kader der norddeutschen Neonazis zusammen ist und dessen Ansichten über Rasse, Juden und generell die Ungleichwertigkeit von Menschen nicht zumindest toleriert? Neonazisein ist ... eine Lebenseinstellung"). Gestern haben in der gedruckten "Zeit" Jens Jessen und Daniel Cohn-Bendit das Selbstverständliche gesagt. Jessen:
Der Skandal besteht ... darin, dass eine Sportlerin für die politische Orientierung ihres Freundes in Sippenhaft genommen wurde.
Cohn-Bendit:
Ja, das ist wirklich absurd. Ich finde, die Frau kann eine Beziehung haben mit wem sie will
Eine Woche hat es gedauert, bis man das in den großen Medien lesen konnte; daß sich Journalisten bereitfanden, das zu schreiben, was von Anfang an auf der Hand lag, was jeder wußte.



Was ist passiert? Gab es anfangs eine, wie Jessen meint, "Schreckstarre"?

Ja wovor denn? Verfiel man in Schrecken vor dem Abgrund des Nazismus, der sich da auftat? Nein, man hatte Angst. Das Herz war in der Hose.

Nadja Drygalla wurde Kontaktschuld vorgeworfen; als ihr unentschuldbares Vergehen wurde ihr vorgehalten, vor Jahren eine persönliche Verbindung zu einem damaligen NPD-Mann aufgenommen und sie nicht beendet zu haben.

Wer immer sie verteidigte, mußte fürchten, seinerseits in Verdacht per Ansteckung zu geraten. Wer jemanden in Schutz nimmt, der Kontakt zu einem Nazi hat, ist der nicht am Ende selbst ein Sympathisant der Nazis? Das war, sozusagen, die Hose, in der das Herz liberaler Journalisten seinen natürlichen Ort gefunden hatte.

Wie kommt es, daß sich jetzt doch einige liberale Stimmen auch in den großen Medien regen?

Man kann dergleichen natürlich nicht beweisen, aber ich vermute, daß die Intervention des integren Thomas de Maizière den Ausschlag gegeben hat (siehe Ein Ehrenmann; ZR vom 7. 8. 2012).

Wenn dieser Mann, der Sympathie für Rechtsextreme ganz und gar unverdächtig, es wagen konnte, sich gegen die Hexenjagd zu wenden, dann konnten es auch andere sich trauen; sich sozusagen in die Gasse begeben, die dieser Winkelried geschlagen hatte.

Aber wie wird es das nächste Mal sein, wenn wieder Kommunisten eine solche Kampagne starten? Nicht immer findet sich ein Winkelried.­
Zettel



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