21. Januar 2008

"Polizei prügelt Schwarzen". Eine Empörung seinerzeit. Dazu jetzt eine Recherche

Erinnern Sie sich noch an den Vorfall, der im Juni 2004 die ganze Welt empörte und der auch in Deutschland seine Wellen schlug? "Polizei prügelt Schwarzen" titelte damals zum Beispiel die "Berliner Zeitung". In ihrem Bericht hieß es:
Die jüngsten Video-Bilder aus Los Angeles haben Empörung ausgelöst: Ein afro- amerikanischer Mann rennt aus einem Auto, bleibt plötzlich stehen und hebt seine Arme in die Höhe. Es ist eine Geste der Kapitulation. Kurze Zeit später sieht man den Mann am Boden liegen, Polizisten sind über ihn gebeugt, einer von ihnen schlägt immer wieder auf den Mann ein. (...)

Die Männer - alles Weiße - würden umgehend entlassen und angeklagt, sollte sich der Vorwurf übermäßiger Gewalt bestätigen, kündigte Bürgermeister James Hahn an. (...) Zudem traf sich der Polizeichef von Los Angeles bereits mit Vertretern der verschiedenen Afro- Amerikanischen Gemeinden der Stadt. Sie fordern drastische Maßnahmen gegen die Polizisten, vor allem aber gegen John Hatfield, jenen Polizisten, der mit einer Taschenlampe auf den 36-jährigen Stanley Miller eingeschlagen hat.
Ich war damals, als die Bilder im TV liefen, auch empört über die, so schien es, offensichtliche Brutalität dieser weißer Polizisten gegen einen Schwarzen, der schon hilflos am Boden lag.

Jetzt bin ich wieder auf den Fall gestoßen, und zwar durch eine Kolumne von Steve Lopez in der gestrigen Los Angeles Times.

Auch Lopez hatte seinerzeit gegen den Polizisten Hatfield gewettert, der nach dem Vorfall aus dem Dienst entfernt wurde und inzwischen eine Umschulung zum Krankenpfleger macht, aber auf Wiedereinstellung klagt. Lopez hat den Fall jetzt nachrecherchiert und Interviews geführt; unter anderem hat er ausführlich mit Hatfield gesprochen. Und es stellte sich Überraschendes heraus.



Was den Vorwurf des Rassismus angeht, so hatte es von vornherein dafür nicht das geringste Indiz gegeben. Er entstammte schlicht dem Vorurteil, daß weiße Polizisten, die auf einen Schwarzen einschlagen, das aus Rassismus tun. Ein Vorurteil, das man seltsamerweise gerade bei Menschen findet, die sich sonst vehement gegen Vorurteile einsetzen.

John Hatfield weist, so schildert es Lopez, den Vorwurf des Rassismus nicht nur empört zurück, sondern er tut das auch mit guten Gründen. Hatfield ist mit einer Iranerin verheiratet, seine Mutter stammt aus Mexiko, und Trauzeuge bei seiner ersten Eheschließung war ein Schwarzer. Nicht eben das klassische Bild des weißen, rassistischen Polizisten, wie es seit dem Film "In der Hitze der Nacht" in den Köpfen festsitzt.



Wie kam es nun zu der Szene, die zufällig aus einem Polizei- Hubschrauber heraus gefilmt worden war und die soviel weltweite Empörung ausgelöst hatte?

Das Auto, aus dem der Mann - Stanley Miller - , wie es in der Meldung heißt, "rennt", war ein Toyota Camry, den er gestohlen hatte. Er war erwischt worden, und mehrere Polizeiwagen hatten seine Verfolgung aufgenommen.

Während der Verfolgung bückte Miller sich mehrfach, so als wolle er eine Waffe aufheben, sagte Hatfield. Der Polizist öffnete deshalb die Tür seines Wagens, um sie als Schutzschild gegen etwaige Schüsse einzusetzen.

Nach einer dreißigminütigen Verfolgungsjagd durch den Süden von Los Angeles hält der Dieb an und setzt die Flucht zu Fuß fort. Hatfield ist der Dritte in der Reihe der Polizisten, die die Verfolgung aufnehmen. Sie vermuten, daß Miller seine Waffe mitgenommen hat, denn er hält beim Laufen den linken Arm eng an die Brust gedrückt.

Dann ist er am Ende seines Atems. Er bleibt stehen und hebt die Hände hoch. Ein Polizist richtet zunächst die Pistole auf Miller, steckt sie dann aber wieder ins Halfter und versucht den Dieb zu packen. Die spätere Untersuchung stellte fest, daß das ein schwerer Fehler gewesen war; der Polizist hätte seine Pistole so lange auf Miller gerichtet lassen müssen, bis andere ihm Handschellen angelegt hatten.

Stattdessen kommt es jetzt zu einem Handgemenge, an dem sich Hatfield beteiligt. Am Ende befinden sich Miller und Hatfield beide am Boden. Hatfield kniet auf Miller und schlägt mit der Taschenlampe auf ihn ein. Das ist die Szene, die weltweit Empörung auslöste.

Hatfield sagt dazu, ein anderer Polizist habe gerufen, der Dieb hätte immer noch eine gun. In der Tat hätte Miller weiter seinen linken Arm unter seiner Brust versteckt gehalten. Um diesen Arm sei es ihm, Hatfield, gegangen, als er mit der Taschenlampe zuschlug. Offenbar wollte er dadurch erreichen, daß Miller den Arm freigab, so daß man ihm die vermutete Waffe abnehmen konnte.

Der Autor Lopez schreibt dazu, als er das Video gemeinsam mit Hatfield angesehen habe, hätte dieser ihn davon überzeugt, daß Miller noch keineswegs unter Kontrolle ("restrained") war, als Hatfield mit der Taschenlampe zuschlug.

Nach der Festnahme stellte sich heraus, daß die Vermutung, Miller hätte eine Waffe bei sich gehabt, irrig gewesen war.



Ich habe das Geschehen so detailliert geschildert, um deutlich zu machen, wie trivial es gewesen ist. Bei einer Festnahme wehrt sich ein Verbrecher, und die Polizisten wenden Gewalt an, "unmittelbare Gewalt", wie es in der deutschen Polizeisprache heißt.

Was man den an diesem Vorfall beteiligten Polizisten vorwerfen kann, das ist unprofessionelles Verhalten. Man hätte Miller offenbar, wenn man ihn mit der Pistole in Schach gehalten hätte, ohne Gewalt festnehmen können. Er hatte ja auch schon die Hände gehoben, sich also anscheinend ergeben gehabt.

Das ist aber auch alles, was von dem bleibt, was als angeblicher Fall von brutalem Rassismus um die Welt ging.

Und wie ging es in Los Angeles weiter?

Miller, der bei dem Handgemenge leichte Abschürfungen erlitten hatte, erhielt dafür eine Entschädigung von 450.000 Dollar. Für den Versuch, sich seiner Festnahme zu entziehen, wurde er zu drei Jahren Haft verurteilt.

Hatfield, der zuvor acht Jahre ohne Beanstandung Dienst getan hatte, wurde entlassen, nachdem ein Disziplinargericht ihm "unkontrolliertes Verhalten" vorgeworfen hatte. Er kämpft jetzt um seine Rehabilitierung.



Wie konnte es geschehen, daß ein Polizist wegen eines so geringfügigen Vergehens so hart bestraft wurde?

Lopez sprach darüber mit einer Bürgerrechtlerin und Polizeikritikerin, Connie Rice. Auch mit ihr sah er gemeinsam das Video an. Sie meinte, das Fehlverhalten der Polizisten sei auf mangelnde Ausbildung zurückzuführen.

Hatfields Schläge seien trotzdem nicht zu entschuldigen, und er hätte, sagte sie, z.B. eine vorübergehende Suspendierung verdient gehabt. Aber daß er gefeuert wurde, hält sie für falsch. Er sei ein Polizist gewesen, der sich um Jugendliche gekümmert, der beispielsweise Geld für ein Stipendien- Programm gesammelt hätte, das Kindern aus einkommensschwachen Familien zugute kommen sollte. "Einer von den Guten".

Warum also wurde er gefeuert, fragte Lopez die Bürgerrechtlerin Rice.
"The rules are different" in a high-profile incident, Rice said, especially one involving a black suspect and an African American community that sees the LAPD through an 80-year prism. There were protests at the time, comparisons to the Rodney King case and a call for heads to roll. "I think the pressure to respond to the community was huge."

"Die Regeln sind anders", wenn es sich um einen Vorfall handelt, der im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit steht, sagte Rice. Vor allem, wenn es sich um einen schwarzen Verdächtigen handelt und um eine afro- amerikanische Gemeinschaft, die das LAPD [die Polizeibehörde von Los Angeles; Anmerkung von Zettel] durch das Brennglas von 80 Jahren sieht. Es gab damals Proteste, Vergleiche mit dem Fall Rodney King und den Ruf danach, daß Köpfe rollen müßten. "Ich glaube, daß der Druck, auf die [afro- amerikanische] Gemeinschaft zu reagieren, immens war".
Das sagte nicht die Anwältin von John Hatfield, sondern eine Bürgerrechtlerin, die sich gegen Polizei- Übergriffe engagiert.



Am Ende seines Artikels stellt Lopez sich selbst die Frage, ob Hatfield denn nun hätte gefeuert werden sollen. Überraschenderweise - überraschend, wenn man seinen Artikel gelesen hat - antwortet er mit ja. Und zwar deshalb, weil der Polizeipräsident Bratton, der damals zwei Jahre im Amt gewesen war, hätte beweisen müssen, daß sich bei der Polizei von Los Angeles etwas geändert hätte.

Ich kann mich dem Zynismus, der in dieser Antwort liegt, nicht anschließen. Einem Polizisten ist offensichtlich Unrecht getan worden. So etwas kann aus meiner Sicht niemals durch politische Gründe gerechtfertigt werden.

Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet, auf den ich wegen der Erläuterung, die ich dort gebe, dieses Mal besonders aufmerksam machen möchte. Wie man sich im "kleinen Zimmer" registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

20. Januar 2008

Zitat des Tages: Heute wählt Cuba!

Die Kommunistische Partei Kubas schlägt weder Kandidaten vor, noch bewirbt, empfiehlt oder unterstützt sie einen einzelnen Aspiranten.

Der cubanische Botschafter in Deutschland, Gerardo Peñalver, über die heutigen Parlamentswahlen in Cuba, zitiert von Harald Neuber in der kommunistischen "Jungen Welt"; Titel des Artikels: "Kuba hat die Wahl". Lesenswert.

Lesenswert zum einen, weil man interessante Details über diese Wahlen erfährt. Zum Beispiel, daß es für 614 zu vergebende Sitze genau 614 Kandidaten gibt. Da wird den Wählern die Wahl aber schwer fallen.

Interessant ist es aber auch, wie positiv man bei den deutschen Kommunisten diese Art von Demokratie bewertet. "Denn tatsächlich hat das kubanische System nicht nur zum Überleben der Revolution beigetragen. Es wird als 'partizipative Demokratie' inzwischen in ganz Lateinamerika diskutiert", schätzt Neuber ein.

So, wie ja auch in der DDR, wir erinnern uns, das Für und Wider der dort bestehenden partizipativen Demokratie lebhaft diskutiert wurde.

Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

Marginalie: Warum hat MacCain in South Carolina gewonnen? Nebst einem Irenwitz

Das war eine vergnügliche Wahlnacht für mich alten Anhänger von John McCain.

Für McCain war es politisch und auch persönlich wichtig, gerade in South Carolina zu gewinnen. Dieser Staat war vor acht Jahren sein Waterloo gewesen, als er dort George W. Bush im Primary unterlag. Zuvor hatte er in Michigan triumphal gewonnen; mit South Carolina begann sein Abstieg.

Und jetzt hat er gegen einen viel schwierigeren Konkurrenten gesiegt, Mike Huckabee. Schwieriger deswegen, weil Huckabee das Idol der Evangelikalen ist, die in South Carolina sehr zahlreich sind.



Zwei Männer treffen sich am Tresen. Nach dem ersten Whisky fragte der eine den anderen, was er denn für ein Landsmann sei. "Ire" sagt der. - Darauf der erste: "Ach, Ire. Na sowas. Ich auch. Darauf gebe ich einen aus." -"Aus welcher Stadt denn? - "Aus Kildare". - "Kildare? Das gibt's ja nicht. Ich auch. Darauf müssen wir einen trinken." - "Und wo sind Sie zur Schule gegangen?" - "Auf die Schule in der King's Road". - "Auf die Schule in der King's Road? Unglaublich, ich auch. Darauf heben wir einen." Und so fort. Es stellt sich heraus, daß sie dieselben Lehrer hatten, gleich alt sind, in die gleiche Klasse gingen.

Ein neuer Gast kommt in den Pub, sieht die beiden fröhlichen Männer am Tresen und fragt den Wirt, wer das denn sei. "Och, kümmern Sie sich nicht um die", antwortet der, "das sind die Zwillinge O'Ryan. Die besaufen sich mal wieder".



Dieser Witz gehört zum Standard- Programm der Wahlreden von John McCain. Warum erzähle ich ihn jetzt? Erstens, weil er mir gefällt und ich ihn immer schon mal in einem Artikel unterbringen wollte. Zweitens, weil es jetzt eine Gelegenheit gibt.

Denn John McCain erzählt auf seinen Veranstaltungen diesen Witz nicht einfach so. Sondern er leitet ihn ein mit einer Bemerkung wie: "Die einzige Gruppe von Einwanderern, über die man heutzutage noch einen Witz machen darf, sind die Iren".

Und da haben wir ihn, den John McCain, der in South Carolina gewonnen hat:

Einer, der sich über diese Herrschaft der politischen Korrektheit lustig macht, die in den USA ja noch viel schlimmer ist als bei uns.

Einer mit Selbstironie; denn er ist selbst Nachfahre irischer Einwanderer.

Und einer, der den Problemen nicht ausweicht; denn just das Thema "Einwanderung" hat ihm im Wahlkampf viel Ärger gemacht, weil er dazu eine für viele Konservative zu liberale Haltung einnimmt.



Kurz, was McCain so beliebt macht, das ist weniger seine politische Position als seine Persönlichkeit. Er ist aufrecht und ehrlich. Und das gefällt selbst Konservativen, die seine Haltung zu einzelnen Fragen gar nicht unbedingt schätzen.

So kommt es, daß - der erste Grund für seinen Erfolg - er auch in den evangelikalen Hochburgen im Nordwesten von South Carolina erstaunlich gut abgeschnitten hat. Natürlich haben dort die meisten Huckabee gewählt; aber McCain kam bei den Evangelikalen, wie Bill Schneider in seiner Wahlanalyse auf CNN sagte, auf einen beachtlichen zweiten Platz. Er bekam dort deutlich mehr Stimmen als umgekehrt Huckabee bei den Nicht- Evangelikalen.

Der zweite Grund heißt, laut Bill Schneider und den anderen Analysten von CNN, Fred Thompson. Dieser konservative Kandidat schnitt mit ungefähr 16 Prozent gut ab und wilderte damit in Huckabees Revier.

Andererseits ist Thompsons Wahlkampf insgesamt bisher nicht so gelaufen, wie er das erhofft hatte. Viele rechnen damit, daß er demnächst aufgibt. Wohin werden dann seine Wähler gehen? Wen wird er empfehlen?

Das sind zwei verschiedene Fragen. Thompson- Wähler sind von ihrer konservativen Haltung her eigentlich sozusagen prädestinierte Wähler Huckabees. Aber viele Beobachter rechnen damit, daß Thompson selbst, wenn er als Kandidat zurücktritt, seinen Wählern John McCain empfiehlt.

Warum? Weil er sein persönlicher Freund ist. So, wie sein persönlicher Freund aus dem entgegengesetzten Lager, der demokratische Senator Lieberman, schon vor Wochen, als McCain in den Umfragen noch ganz unten war, zu seiner Wahl aufgerufen hat.

Nicht Barack Obama, der damit Wahlkampf macht, sondern John McCain wäre ein Präsident, der die Amerikaner wieder zusammenführen könnte, über die Grenzen der politischen Lager hinweg, die sich in den vergangenen Jahren so erbittert bekriegt haben.

Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

19. Januar 2008

Zitat des Tages: Wolfgang Clement zur Wahl in Hessen

Wer es wie sie will, der muss sich klar sein: Das geht nur um den Preis der industriellen Substanz Hessens. (...) Deshalb wäge und wähle genau, wer Verantwortung für das Land zu vergeben hat, wem er sie anvertrauen kann – und wem nicht.

Der frühere Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) über Andrea Ypsilanti und die Wahlentscheidung in Hessen. - Kommentar: Warum sind es wohl die ehemaligen Wirtschaftsminister, die sich von der SPD abwenden? Karl Schiller (SPD) war von 1966 bis 1972 deutscher Wirtschaftsminister. 1972 trat er aus der SPD aus, nachdem er bereits von seinem Amt zurückgetreten war.

Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

Nokias empörende Entscheidung. Nokias rationale Entscheidung

Die erste, die spontane und sozusagen natürlich Reaktion war Empörung.

Da gibt es in Bochum eine Nokia- Fabrik, die gewinnbringend arbeitet. Die Mitarbeiter haben sich, so erfuhr man es aus den ersten Straßen- Interviews, große Mühe gegeben, es Nokia recht zu machen; gerade in den vergangenen Monaten. Sie haben sich abgerackert für dieses Unternehmen, so ähnlich sagte es eine Frau.

Und was macht dieses Unternehmen, dem diese gutgehende Fabrik mit ihren motivierten Mitarbeitern gehört? Es macht sie zu, diese Fabrik. Es kümmert sich einen Dreck um die menschlichen Tragödien, die es damit bewirkt. Ex und hopp. So geht man doch nicht mit Menschen um.

Das war die erste Reaktion, auch bei mir. Wut im Bauch. Eine Wut, die sich noch steigerte, als Weiteres herauskam.

Heraus kamen die Millionen- Subventionen, für die das Unternehmen die Hand aufgehalten hatte, nur um sich vom Acker zu machen, kaum daß die mit der Gewährung dieser Fördermittel verknüpfte Bindung erloschen war.

Heraus kam, daß man die Produktion in einen rumänischen Industriepark zu verlagern gedenke. Natürlich auch dieser wieder subventioniert. Bezahlt von uns, den Steuerzahlern, die wir den unersättlichen Brüsseler Subventions- Topf mit unserem sauer verdienten Geld füllen; ihn ständig nachfüllen müssen, damit die Euros aus ihm herausquellen können wie der Brei aus der Mühle im Märchen.

Und das Ganze wurde auch noch von einem Sprecher von Nokia, Typ Herrenreiter, in einem schneidenden Statement mitgeteilt, dessen Härte noch durch seinen finnischen Akzent unterstrichen wurde. Im Wortsinn sang- und klanglos mitgeteilt wurde das von ihm. So ungefähr wird es sich angehört haben, wenn die Opfer Stalins ihr Todesurteil vorgelesen bekamen.



Sie finden, lieber Leser, den Stil, in dem ich das beschrieben habe, unangemessen ironisch? Nein, ironisch soll er eigentlich nicht klingen. Worauf ich hinweisen möchte, das ist die Fülle an, sagen wir, Grund- Konstellationen, an nachgerade archetypischen Situationen, die da zusammenkommen.

Man könnte sagen, daß da Klischees erfüllt werden. Ich würde es weniger negativ ausdrücken: Es sind Frames, es sind Scripts, es sind Templates, die aktiviert werden; alles Begriffe, die man mit "Schema" übersetzen kann.

Und es sind nicht nur kognitive Schemata, sondern diese Schemata sind noch dazu reich an Emotionen.

Da werden Schwächere von Stärkeren aufs Kreuz gelegt; da wird all das ehrliche Bemühen mit Undank belohnt. Das weckt Mitleid, erzeugt Hilfsbereitschaft.

Da zeigen die Krupps brutalstmöglich ihre Macht über die Krauses. Klassenkampf- Phantasien werden wach.

Da tritt dieser Finne auf wie ein despotischer Aristokrat im "Zorro"- Film; es empört sich der Zorn der Ohnmächtigen gegen diese Arroganz der Macht.

Da entscheiden Fremde, die sich keinen Deut für unsere nationalen deutschen Interessen interessieren; wir scharen uns zusammen gegen diese Anderen, schließen die Reihen.

Und, das Bild der Bilder, von biblischer Kraft und Archaik: Da sind Heuschrecken über uns hergefallen, haben gefressen, was sie kriegen konnten, und ziehen jetzt weiter, um andernorts dem einzigen zu frönen, was sie können, nämlich fressen, verdauen und weiterfressen, bis alles kahl ist.



Ich will überhaupt nicht erörtern, wieweit diese Schemata in Bezug auf den aktuellen Fall zutreffen oder gar "wahr" sind. Das ist bei solchen kognitiven Schemata immer schwer zu sagen, weil sie einerseits ja nur dann aktiviert werden, wenn sie auf eine Situation in gewissem Umfang passen, und weil sie andererseits mehr enthalten als diese Situation selbst; weil sie über diese hinausgehen, sie anreichern, sie interpretieren. Sie repräsentieren mehr und anderes als die Wirklichkeit, aber sie sind auch nicht losgelöst von der Wirklichkeit.

Wieviel Wirklichkeit sie im jetzigen Fall enthalten und wieviel an Zutaten, das will ich, wie gesagt, unerörtert lassen. Ich möchte lediglich den bescheidenen Vorschlag machen, sie einmal, wenn man sich ihrer Wirksamkeit bewußt geworden ist, beiseitezuschieben, sie sozusagen zu suspendieren und die Situation nüchtern zu betrachten.

Dann sind, so scheint mir, einige Fakten unschwer zu erkennen:
  • Erstens, Nokia ist für die im Zusammenhang mit den Subventionen vereinbarte Zeit in Bochum geblieben. Danach war es frei, einen neuen Standort zu wählen.

  • Frau Thoben, Wirtschaftsministerin in NRW, hat gestern gesagt, Nokia habe Vereinbarungen nicht eingehalten, was die Zahl der zu schaffenden Arbeitsplätze anging. Das hat aber, wenn es denn stimmt, nichts mit der jetzigen Standort- Entscheidung zu tun. Frau Thoben hätte es schon früher rügen können und müssen. Es jetzt dem Konzern vorzuwerfen erscheint wie eine hilflose Straf- Aktion.

  • Zweitens, Investitionsentscheidungen sind keine moralischen, sondern kaufmännische Entscheidungen. Ein Vorstand würde gegen seine Pflichten verstoßen, wenn er einen unter kaufmännischem Gesichtspunkt ungünstigeren Standort einem günstigeren vorzöge.

  • Drittens, Handys werden in Deutschland, sieht man von dieser bisherigen Ausnahme Nokia in Bochum ab, so gut wie nicht mehr gefertigt. Ebenso, wie bei uns keine DVD-Player hergestellt werden, wie bis auf wenige hochwertige Nischenprodukte die gesamte Unterhaltungs- Elektronik dort produziert wird, wo die Arbeitskraft ungleich billiger ist als bei uns; also in asiatischen und osteuropäischen Ländern.

  • Mittels Subventionen eine deutsche Handy-Produktion am Leben zu erhalten, konnte vielleicht noch sinnvoll erscheinen, bevor Siemens das Handtuch warf. Im Nachhinein war es eine Fehlentscheidung; und Nokia macht jetzt nichts anderes, als sie zu korrigieren.

  • Man kann nun viertens, wie es die Kommunisten und die sogenannten Globalisierungsgegner oder -kritiker tun, das alles kritisieren, es als Auswüchse eines inhumanen Kapitalismus geißeln usw. Rezepte, wie man es denn anders machen könnte, lassen diese Kritiker vermissen; außer der Weltrevolution. Man kann ja den Rumänen oder den Chinesen nicht Löhne auf unserem Niveau verordnen.
  • Solange wir im Kapitalismus leben, wird die Globalisierung, wird im Zeitalter der globalen Kommunikation und des globalen Verkehrs das Entstehen einer Weltwirtschaft, das Entstehen großer Wirtschaftsräume wie der EU so wenig zu verhindern sein, wie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, im Zeitalter der Eisenbahn und des Telegraphen, das Entstehen nationaler Wirtschaftsräume in Europa hätte nach Belieben unterbunden werden können.

    Erstmals können Länder der früher so genannten "Dritten Welt" und können Länder, die in kommunistischer Armut und Unterentwicklung gelebt hatten, ähnlich hochwertige Güter herstellen wie wir. Sie können sich, wie es immer der Traum der "Dritte- Welt- Bewegung" gewesen ist, damit aus ihrer Armut befreien.

    Sie können es nur tun, indem sie ihren einzigen Vorteil, das niedrige Lohnniveau, ausschöpfen. Die jetzige Entscheidung von Nokia reagiert auf diese Situation.



    Also, alles in Butter? Nein, keineswegs.

    Künstlich am Leben halten kann man einen Standort nicht, den das Unternehmen selbst nicht erhalten will. Aber man kann sehr viel dafür tun, daß den Betroffenen das Ende ihrer bisherigen Arbeitsstätte so wenig schmerzhaft wie möglich wird. Man kann und muß über Sozialpläne verhandeln, über Abfindungen, über Kredithilfen und andere Hilfen für die Betroffenen. Auf kommunaler Ebene muß natürlich geprüft werden, welche anderen Unternehmen man ansiedeln kann.

    Das alles geschieht in Deutschland üblicherweise, wenn eine Schließung droht.

    Und es ist bei uns noch etwas anderes üblich, woran sich der internationale Konzern Nokia nun allerdings überhaupt nicht gehalten hat: Wenn ein Unternehmen eine Schließung plant, dann knallt es sie nicht auf den Tisch, sondern es deutet erst einmal eine solche Möglichkeit an. Dann wird verhandelt. Die Gewerkschaften, die zuständige Landesregierung könne zeigen, wie sehr sie sich für die Interessen der Menschen einsetzen. Die Betroffenen können "etwas tun", indem sie Reden anhören, Plakate und Fahnen schwingen, vielleicht gar streiken.

    Das alles ändert zwar fast nie etwas an der Schließung, die ja aufgrund rationaler Kriterien erfolgt. Aber es macht sie doch psychologisch erträglicher. Und es bringt manchmal das Unternehmen in eine Situation, das eine oder andere Zugeständnis nachzuschieben, was Abfindungen usw. angeht.

    Dieses Ritual hat Nokia schnöde verweigert. Ökonomisch kann man den Verantwortlichen des Konzerns nichts vorwerfen. Aber psychologisch haben sie sich wie gefühlskalte Psychopathen aufgeführt.

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    18. Januar 2008

    Zitat des Tages: Riesensauerei

    Was Nokia in Bochum vorhat, ist eine Riesensauerei. Ich habe heute mein Büro gebeten, mir ein anderes Handy zu besorgen.

    Der SPD-Fraktionsvorsitzende Peter Struck. Kommentar: Ich empfehle, darauf zu achten, welche Politiker sonst noch ihr Nokia- Handy angeblich zurückgeben. Es gibt selten so gute Gelegenheiten, die Heuchler und Demagogen zu erkennen.

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    Der Papst und die Sapienza. Don Camillo und Peppone, nebst 30 Aktmodellen

    Die Art, wie ich mir als Kind Italien vorstellte, wurde wesentlich durch ein damals sehr beliebtes Buch geprägt, "Don Camillo und Peppone" von Giovanni Guareschi. Der Erfolg führte zu Fortsetzungen und zu Verfilmungen; man sieht diese Filme, mit Fernandel als Don Camillo, noch gelegentlich im TV.

    Das einzige, immer wieder variierte Thema dieser Bücher und Filme ist die skurrile Haßliebe zwischen diesem Don Camillo, einem etwas eigenwilligen Priester, und dem kommunistischen Bürgermeister Peppone.

    So ganz falsch war das Italienbild, das ich damals, in den fünfziger Jahren, aus dieser Lektüre gewann, nicht. Denn die Auseinandersetzung zwischen dem Kommunismus und dem politischen Katholizismus, zwischen der Democrazia Cristiana und dem Partito Comunista d'Italia, prägten in der Tat das damalige Italien.

    Lange vorbei in einer Zeit, in der Kommunisten und Katholiken gemeinsam im Kabinett Prodi sitzen? Man sollte es meinen. Aber das, wovon jetzt zu berichten ist, klingt so, als spiele es zur Zeit von Don Camillo und Peppone.



    Es begann im November vergangenen Jahres damit, daß der Rektor der Sapienza, der größten Universität Roms und einer der größten der Welt, das Programm für die Feierlichkeiten zur Eröffnung des 705. Akademischen Jahrs Anfang 2008 bekanntgab. Darin hieß es, der Papst sei eingeladen, bei dieser Gelegenheit eine Vorlesung zu halten, "ma dopo la cerimonia di inaugurazione", aber erst nach der Zeremonie der Eröffnung des Akademischen Jahres. Das war so festgelegt worden, weil es gegen eine unmittelbare Einbeziehung der Rede des Papsts in die Zeremonie Einwände von Professoren gegeben hatte.

    Von dieser Einladung erfuhr ein gewisser Marcello Cini, hoch in den Achtzigern und emeritierter Professor der Theoretischen Physik.

    Emeritierte Professoren haben erstens Zeit und zweitens die Neigung, sich auch mit Dingen zu befassen, die sie fachlich nichts angehen.

    Also setzte sich der Professor Cini hin und schrieb einen geharnischten Brief an den Rektor der Universität. Darin drückte er seine "indignazione" über die Einladung des Papstes aus, über diese "incredibile violazione della tradizionale autonomia delle università", die unglaubliche Verletzung der traditionellen Autonomie der Universität durch diese Einladung.

    Religion und Wissenschaft hätten nichts miteinander zu schaffen, indignierte sich der emeritierte Physiker, nicht ohne Galilei und Darwin zu erwähnen. Die "clamorosa violazione", die lauthalse Verletzung dieser Trennung, werde in der ganzen Welt verstanden werden "come un salto indietro nel tempo di trecento anni e più", wie ein Sprung zurück in der Zeit, um dreihundert Jahre, wenn nicht mehr.

    Damit hatte der Emeritus eine Bewegung angestoßen, die nun ihr Eigenleben entfaltete. Hatte Cini sich noch mit akademischer Zurückhaltung geäußert und gegenüber dem Rektor lediglich sein Unverständnis der "motivazioni della Sua proposta tanto improvvida e lesiva dell'immagine de La Sapienza nel mondo" geäußert, der Motive für eine dem Ansehen der Sapienza so abträgliche Absicht des Rektors, so geriet der Protest bald in andere Hände.

    Nämlich in die von Studenten und von Kommunisten. "Und/oder" von Kommunisten, sollte ich wohl schreiben. Eine Kostprobe des "Protests" von Kommunisten kann man zum Beispiel auf dieser englischsprachigen Website "anarchistischer Kommunisten" lesen. Da erfährt man, wie es eine Woche "antiklerikaler Debatten und Aktivitäten" gegeben habe; wie das Rektorat "besetzt" worden sei, wie Gebete parodiert wurden.

    In der SZ kann man noch von anderen Aktionen lesen, mit denen der hohe wissenschaftliche Standard der Sapienza von deren Studenten gegen den Papst verteidigt wurde; beispielsweise wurde angekündigt, eine Statue der Minvera als schrillen Transvestiten zu verkleiden und die Universitäts- Kapelle mit Dessertwein zu entweihen.

    Wie man es eben tut, wenn es gilt, Rationalität, Humanität und strenge Wissenschaft zu bewahren.



    Es gibt zu diesen Aktionen in der schönsten Tradition des Kommunisten Peppone drei Nachspiele. Das erste ist allgemein bekannt: Der Papst sagte seine Rede ab; die Wissenschaft hatte mit den ihren kommunistischen Jüngern eigenen Methoden obsiegt.

    Das zweite Nachspiel kann man zum Beispiel im San Francisco Chronicle lesen: Der Professor Cini ist glücklich über seinen Sieg. Die Mittel, mit denen er errungen wurde, scheinen ihn, den Humanisten, weniger zu interessieren: "I thought, and I continue to think, that his visit was ambiguous and an attack on the independence of culture and the university." Er denke nach wie vor, daß dieser Besuch fragwürdig gewesen wäre und ein Anschlag auf die Unabhängigkeit der Kultur und der Universität.

    Das dritte Nachspiel findet man in einem heutigen Artikel der London Times beschrieben; sozusagen das Satyrspiel nach der Tragödie. In Rom streiken nämlich die Aktmodelle. Sie forderten "berufliche Anerkennung" und feste Anstellungen statt stundenweiser Bezahlung. Über ihren Protest schreibt die Times:
    Yesterday the models kept their clothes on for a protest at a ceremony inaugurating the academic year at La Sapienza, Rome’s main university. The main speaker at the ceremony was supposed to be the Pope, but the Vatican cancelled his visit because of alarm over student protests against his conservative views on science and ethics. About 30 models posed at the university entrance in imitation of famous art works, including Botticelli’s Venus, Degas’s ballerinas and Rodin’s The Thinker.

    Gestern behielten die Modelle ihre Kleider an, um bei der Zeremonie zur Eröffnung des Akademischen Jahres der La Sapienza zu protestieren, der größten Universität Roms. Der Hauptredner bei der Zeremonie hatte der Papst sein sollen, aber der Vatikan sagte den Besuch ab, weil man wegen studentischer Proteste gegen seine konservativen Ansichten über Wissenschaft und Ethik besorgt war. Ungefähr 30 Modelle posierten am Eingang der Universität und ahmten dabei berühmte Kunstwerke nach, wie die Venus Boticellis, die Ballerinas von Degas und Rodins Denker.
    Ist das nicht ein sehr symbolträchtiges Ende dieser Affäre? Der Papst vertrieben, und dafür demonstrieren Aktmodelle für ihre feste Anstellung?



    Ach ja, und um welche Rede des Papsts ging es eigentlich? Was hatte er denn sagen wollen, was die Studenten zu ihre "Protestwoche" und den Emeritus Cini zu der Angst motivierte, es stehe ein Anschlag auf unsere Kultur bevor?

    Man kann diese nicht gehaltene, diese aber keineswegs ungehaltene Rede hier nachlesen.

    Eine Rede, gegen die ich durchaus Kritisches einzuwenden habe; vielleicht einmal bei Gelegenheit in einem anderen Artikel. Daß diese Rede aber die Aufregung und die "Aktionen" der letzten Tage ausgelöst hat - das könnte wirklich ein Kapitel aus "Don Camillo und Peppone" sein.

    Inklusive dem Ende mit den Aktmodellen. Das hätte dem Guareschi bestimmt gefallen.

    Dank an Meister Petz für den Hinweis auf das Thema. Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    17. Januar 2008

    Marginalie: Kollektive Führung beim "Spiegel"?

    Als Stalin tot war und niemand den Kampf um die Nachfolge für sich hatte entscheiden können, erfanden die russischen Kommunisten die "kollektive Führung". Erst waren es Malenkow und Chrutschtschow, die kollektiv führten, dann Chruschtschow und Bulganin.

    Natürlich dauerte das nur für eine Übergangszeit, bis einer gewonnen hatte. Von 1958 an war es wieder vorbei mit der kollektiven Führung; Chruschtschow war Alleinherrscher geworden.

    Beim "Spiegel" soll - so besagt es das jüngste Gerücht - nun, nachdem die Suche nach einem Nachfolger Austs bisher wie eine Schnitzeljagd bei Neumond in der Sahara verlaufen war, ebenfalls eine kollektive Führung her. Matthias Müller von Blumencron, Dauerkandidat, seit Austs Vertrag nicht verlängert wurde, soll der eine Kollektive werden, der andere Georg Macolo, auch er schon lange als möglicher Nachfolger Austs im Gespräch. Der eine ein Kandidat der Linken, von der FR ebenso hochgeschrieben wie von der TAZ; der andere eher der Mann Austs, ein ideologiefreier Macher.



    Doppelspitzen haben beim "Spiegel" Tradition. Die Ur-Doppelspitze waren Augstein und sein Zwilling Hans Detlev Becker, zuerst unter dem Herausgeber Augstein "Geschäftsführender Redakteur", dann Chefredakteur. Augstein war mehr für die große Linie zuständig, Becker war ein Detail- Fanatiker; der Hauptverantwortliche für die exzellente handwerkliche Qualität des "Spiegel".

    Später wurde die doppelt besetzte Chefredaktion beim "Spiegel" üblich. Sie bestand aus einem mehr "politischen" Chefredakteur und einem, der für die weichen Themen zuständig war; Erich Böhme und Johannes K. Engel waren das erfolgreichste derartige Team.

    Aber darüber, nein, nicht schwebte, sondern thronte Rudolf Augstein, der als Herausgeber im Grunde der Chef der Chefs in einer Dreier- Chefredaktion war.

    Als Aust Chefredakteur wurde und er allmählich Augstein faktisch beerbte, der sich immer mehr zurückzog, wurde das Dreiermodell unter anderen Bezeichnungen fortgeführt: Aust in der Rolle Augsteins, aber nur mit dem Titel "Chefredakteur"; die beiden stellvertretenden Chefredakteure Doerry und Preuß in den Rollen, die einst Böhme und Engel als kollektive Chefredaktion zugefallen gewesen waren.



    Das hatte sehr gut funktioniert. Die Last der Tagesarbeit war auf zwei Schultern verteilt; zugleich sorgte der über den beiden Thronende dafür, daß die beiden Chefs sich nicht in einem Rivalitätskampf à la "Kollektive Führung" zerrieben.

    Wenn die jetzigen Gerüchte stimmen, dann soll es nun sozusagen Böhme und Engel geben, aber ohne Augstein; oder Doerry und Preuß, aber ohne einen Aust über ihnen.

    Ungefähr wie die beiden römischen Konsuln scheint man sich das vorzustellen. Daß ein solches Modell funktioniert, wäre eine große Überraschung. Allenfalls zwei Busenfreunde könnten auf Dauer gleichberechtigt ohne einen ständigen Machtkampf miteinander auskommen.

    Mag sein, daß er von der "Mitarbeiter KG" beabsichtigt ist, der Machtkampf, nach dem Motto: Wenn sich zwei Chefs streiten, dann freuen sich die Mitarbeiter.

    Von einem "Kalb mit zwei Köpfen" schreibt ein Leserbrief- Autor zu dem Artikel von Michael Hanfeld in der FAZ. Mir fällt eher Platons Gleichnis für die Seele ein: Der Wagenlenker (der Verstand), der zwei Pferde (den Mut und die Begierden) steuert.

    Was man, sollten die Berichte stimmen, beim "Spiegel" jetzt plant, das ist sozusagen Platon - nur ohne Wagenlenker.

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    Marginalie: McCain, Michigan und Moneten

    Eine aktuelle Umfrage von Gallup für USA Today bestätigt, daß keiner der Kandidaten für die Präsidentschaft bei den Amerikanern so beliebt ist wie John McCain. 59 Prozent haben von ihm eine gute Meinung. Barack Obama erreicht zwar denselben Wert, aber von ihm haben 32 Prozent eine schlechte Meinung; von McCain nur 29 Prozent. Alle anderen Kandidaten liegen in den Beliebtheitwerten deutlich darunter.

    Dennoch hat John McCain in Michigan die Vorwahl verloren. Mitt Romney hat, wie die Washington Post schreibt, resoundingly gewonnen; frei übersetzt: Mit Pauken und Trompeten.

    Sein Sieg war so deutlich, daß CNN diesmal, ganz anders als bei den Vorwahlen in New Hampshire, schon wenige Minuten nach Schließung der Wahllokale den Sieger vermeldete; der vorhergesagte Abstand Romneys zu McCain kam dem tatsächlichen (39 : 30 Prozent) schon sehr nahe.



    Warum hat McCain in Michigan so enttäuschend abgeschnitten? Liegt es daran, daß dort für ihn ein schlechteres Pflaster ist als anderswo?

    Keineswegs. Vor acht Jahren, als er bereits einmal als Kandidat für die Präsidentschaft angetreten war, hatte er in Michigan einen glänzenden Sieg errungen.

    Lag es daran, daß Mitt Romney in Michigan einen persönlichen Bonus hatte; in seinem Heimtatstaat, in dem sein Vater George Romney ein beliebter Gourverneur gewesen war? Mag sein, daß das eine Rolle gespielt hat. Wie auch der Umstand, daß diesmal weniger Independents zur Wahl gingen, bei denen McCain besonders stark ist.

    Aber die Wahlanalyse, die Bill Schneider aufgrund der Exit Polls in CNN vorgetragen hat, weist auf eine andere, wichtigere Ursache für dieses Wahlergebnis hin: It's the economy, stupid. Kein anderes Thema nannten die Befragten so oft als ausschlaggebend für ihre Wahlentscheidung wie die Wirtschaft.

    Genauer: Was die Amerikaner zunehmend umtreibt, und was das zentrale Thema des diesjährigen Wahlkampfs werden könnte, das ist die drohende, die wohl schon im Gang befindliche Rezession.

    Harold Myerson sieht sie in der Washington Post nicht als eine der üblichen konjunkturellen Rezessionen, sondern als eine Strukturkrise der US-Wirtschaft; als eine Krise des Finanz- Systems und der Löhne, die seit Jahren stagnieren.



    Warum wirkte sich die Angst vor einer Rezession besonders in Michigan aus, und warum schadete sie besonders McCain?

    Michigan ist der US-Staat mit der höchsten Arbeitslosigkeit; ein Staat mitten in einer Strukturkrise ähnlich der des Ruhrgebiets vor einigen Jahrzehnten. Die Angst vor dem Verlust von Arbeitsplätzen ist dort also besonders groß. (Die höchste Arbeitslosigkeit der USA ist, nebenbei gesagt, mit 7,4 Prozent eine, die in Deutschland schon fast als Vollbeschäftigung gelten würde).

    Auf die ökonomischen Sorgen der Wähler von Michigan haben nun McCain und Romney radikal verschiedene Antworten gegeben.

    Romney hat versprochen, er werde als Präsident den Arbeitern in Michigan helfen, ihre jetzigen Arbeitsplätze zu erhalten. McCain hat gesagt, der Verlust von Arbeitsplätzen in bestimmten Branchen sei aufgrund der Globalisierung unvermeidlich. Er werde als Präsident für strukturelle Verbesserungen sorgen, die neue Arbeitsplätze in neuen Branchen schaffen würden.



    Romney versprach den Einwohnern von Michigan eine leichtere Zukunft als McCain; und das wurde ihm offenbar honoriert. Als er seine Niederlage eingestand und Romney gratulierte, bemerkte McCain dazu trocken, er werde weiter die Wahrheit sagen, auch wenn sie unangenehm sei.

    Nur, wollen die Amerikaner sie auch hören? Jemanden sympathisch finden und ihn zum Präsidenten wählen, das sind zwei verschiedene Dinge. Man traut John McCain zu, daß er ehrlich sagt, wie es ist. Aber traut man ihm, dem 71jährigen, auch die Kraft zu, es zu ändern? Ich habe da weiterhin meine Zweifel.

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    16. Januar 2008

    Marginalie: Fröhliche, unverschleierte Menschen

    In der vergangenen Woche habe ich zwei Berichte aus dem Iran gelesen. Jeder für sich ist mitteilenswert, aber ihr gemeinsamer Informationswert erscheint mir größer zu sein als die Summe der Informationen aus jedem einzelnen.



    Der erste Bericht stammt von Markus Wolff und erschien in "Spiegel Online" vom 7. Januar. Wolff reiste als Reporter nach Teheran und gewann unter anderem diese Impressionen:
    Schon aus dem Autofenster war zu sehen, dass es dem Mullah-Regime nicht gelungen ist, alle Freiheiten, die es vor der Revolution 1979 gegeben hatte, einzuschränken und die Stadt komplett zu islamisieren. (...) Die Männer auf den Gehsteigen trugen Gelfrisuren, die Frauen Make-up, zehenfreie Sandalen und farbige Kopftücher wie modische Accessoires. (...)
    Wolff besuchte dann eine Iranerin und berichtet:
    Nachdem der indische Diener die Getränke serviert hatte, setzten wir uns auf die Veranda mit Blick auf den Pool. (...) Sie kritisierte die Mullahs und Präsident Ahmadinedschad, an dem sie weniger seine Politik als seine Unkultiviertheit störte, und zeigte anschließend auf ihrem Laptop Fotos von Freunden. Fröhliche, unverschleierte Menschen waren darauf zu sehen (...)
    Und so geht es weiter im Text. So geht es munter weiter im Bericht dieses Reporters vom fröhlichen, glücklichen Leben in Teheran.

    Er besucht den Inhaber eines Catering- Service ("Nicht die Buffets mit Kebab-Spießen und Tomatensalat, sondern mit Cognac abgeschmeckte Saucen, Kalbsfilet in Rotwein, Canapés mit Wildschweinwurst"). Er sieht sich in einem Flirt- Treff um ("Sie schoben ihre Sonnenbrille vom Nasenrücken in die Haare und wieder zurück und begannen irgendwann, mit den elegant gekleideten Mädchen zu sprechen").

    Er besucht den Chef eines Jugend- Magazins, der ihm verrät, daß die Teheraner Jugend "billige Design- Drogen wie Crystal" konsumiere, und zwar "aus Langeweile". Am Ende geht er noch mit der Inhaberin eines Kosmetik- Salons aus, die sich dafür stadtfein macht:
    An meinem letzten Abend wollte sie mir nun mit einigen Freunden ihr Lieblingsrestaurant zeigen. "Ich ziehe mich nur kurz um", sagte sie. Wenig später kam sie zurück – verhüllt in einen langen, schwarzen Tschador. Wie ein Model drehte sie sich einmal um sich selbst und lachte über die eigene Verwandlung.


    Der zweite Bericht stand nicht in "Spiegel Online"; überhaupt nicht in der deutschen Presse, soweit ich sehe. Ich habe ihn aufgrund eines Hinweises (siehe Fußtext) bei der italienischen Nachrichtenagentur AKI gefunden. Er datiert einige Tage nach der Reportage von Markus Wolff:
    Tehran, 10 Jan. (AKI) - Iran's supreme court has confirmed that two youths, found guilty of rape will receive 100 lashes each before being cast off a cliff (...). "This is a chilling sentence," said Iranian human rights activist and lawyer Mohammad Ali Dadkhah. (...) As recently as last week in Iranian Balochistan, five minority Sunnis had their hands and feet amputated, he noted. All five Sunnis were found guilty of the crime of 'moharebeh' or enmity towards Allah.

    Teheran, 10. Jan. (AKI) - Das höchste Gericht des Iran hat bestätigt, daß zwei Jugendliche, die der Vergewaltigung schuldig gesprochen worden waren, jeder 100 Peitschenhiebe erhalten werden, bevor sie von einem Felsen in die Tiefe geworfen werden (...). "Das ist ein grauenhaftes Urteil", sagte der iranische Menschenrechts- Aktivist und Rechtsanwalt Mohammad Ali Dadkhah. (...) Er wies darauf hin, daß erst vergangene Woche im iranischen Teil Belutschistans fünf Angehörigen der sunntischen Minderheit Hände und Füße amputiert worden waren. Alle fünf Sunniten waren des Verbrechens der 'Moharebeh', der Feindschaft gegen Allah, schuldig gesprochen worden.



    Zwei Seiten des heutigen Iran? Zwei Seiten, die gleichermaßen journalistisches Interesse verdienen?

    Vielleicht. Nur, wie beurteilt man eigentlich heute die Journalisten aus westlichen Ländern, die in den dreißiger Jahren - beispielsweise zu den Olympischen Spielen 1936 - ins Nazi- Deutschland fuhren und berichteten, sie hätten dort fröhliche, zufriedene Menschen vorgefunden? Die das taten, ohne auch nur mit einem Wort die Rassengesetze, die KZs, die Verfolgung von Demokraten zu erwähnen?

    Dank an Dr. Franz Hoffmann für den Hinweis auf den Bericht von AKI. Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    15. Januar 2008

    Zitat des Tages: Was kommt nach dem Ende?

    Die Tür ist weit offen für das Ende dieser Koalition.

    Die Fraktionschefin der "Grünen", Renate Künast, heute über die Große Koalition. Daß deren Ende "in diesem Jahr" auf der Tagesordnung stehe, sagte sie auch noch auf dieser Pressekonferenz.

    Leider sagte sie aber nicht, was nach der Vorstellung der Grünen nach diesem Ende kommen soll. Da Neuwahlen faktisch ausgeschlossen sind, da Rotgrün im bestehenden Bundestag keine Mehrheit hat und da die FDP nicht im Traum an eine Koalition mit der SPD und den Grünen denkt - wie bekommt man dann wohl das Ende der Großen Koalition hin?

    Ihnen fällt da eine Möglichkeit ein? Bravo!

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    Marginalie: Eine "explodierende Diskussion". Die Wiederkehr des Verdrängten

    Wahrscheinlich überschätzen viele Deutsche den Anteil von Ausländern und Einwanderern an der hiesigen Kriminalität, vor allem der Gewaltkriminalität Jugendlicher.

    Überschätzen? Ja, wieso denn? Wie kann das sein, wo doch unsere Medien sich immer große Mühe gegeben haben, diese Kriminalität nicht hochzuspielen? Wo doch Politiker sich gehütet haben, sie zu thematisieren? Sich davor jedenfalls gehütet haben, bis es zu der jetzigen, wie es Stefanie Galla in einem lesenswerten Artikel treffend nennt, "explodierenden Diskussion" gekommen ist?

    Wie kann es sein, daß die Menschen etwas überschätzen, was ihnen doch so wenig nahegebracht oder gar aufgedrängt wurde?

    Ja eben. Sie überschätzen diese Kriminalität - behaupte ich; Zahlen sind mir nicht bekannt -, gerade weil darüber nicht so ausführlich, nicht so detailliert berichtet wird, jedenfalls bisher wurde, wie beispielsweise über die ähnliche Kriminalität rechtsextremer Gewalttäter.

    Denn es gibt keinen besseren Nährboden für Gerüchte als den Eindruck, daß man über ein Thema nicht ehrlich informiert wird.

    1947 führten die Harvard- Psychologen Gordon Allport und Leo Postman eine klassische Untersuchung zur Ausbreitung von Gerüchten durch, insbesondere in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Ihre Ergebnisse besagten, daß Gerüchte umso stärker sind, je mehr das Thema als wichtig wahrgenommen wird - und je mehr man sich über die Fakten im Unsicheren gelassen fühlt (ambiguity).



    Hand aufs Herz, ist es Ihnen auch schon so gegangen? Sie lesen im Lokalteil Ihrer Zeitung von einer Messerstecherei, vom Überfall von Jugendlichen auf einen Erwachsenen. Alle möglichen Einzelheiten stehen in der Meldung. Nur nicht, ob die Täter oder Verdächtigen Ausländer oder ausländische Herkunft waren. Dann fängt man an zu rätseln, nicht wahr? Sucht nach versteckten Hinweisen.

    Manchmal kann man erfolgreich zwischen den Zeilen lesen. Unsere lokale Zeitung macht es sich oft einfach, indem sie die Namen ermittelter Tatverdächtiger zwar durch Pseudonyme ersetzt, diese aber zum Schlüssel macht. Da steht dann "Ali X. (Name geändert)" oder "Sergej Y. (Name geändert)"; dergleichen.

    Ist das nicht unwürdig, daß der Leser, als lebten wir in einem unfreien Land, zwischen den Zeilen lesen, daß die Zeitungen zwischen den Zeilen schreiben müssen, weil die schlichte Berichterstattung anstößig wäre?

    Verboten ja nicht, aber eben anstößig. Anstößig sogar in einem gewissermaßen halboffiziellen Sinn, denn es gibt da die Richtlinie 12.1 des Deutschen Presserats (vollständiger Text als PDF-Datei hier):
    In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründeter Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber schutzbedürftigen Gruppen schüren könnte.
    Gut gemeint, zweifellos. Nur ist es eben eine - wenn auch freiwillige - Einschränkung der unzensierten Berichterstattung, die der Leser, die der Zuschauer erwartet.

    Man teilt ihm mit, ob eine Gewalttat mit dem Messer oder mit einem Schlageisen begangen wurde, ob sie vor einer Diskothek oder an einer Haltestelle geschah, wie alt das Opfer war und so fort. Und das, was ihn doch logischerweise auch interessiert, wird ihm bewußt vorenthalten - zu welcher Gruppe denn der Täter oder der Tatverdächtige gehörte.

    Das erzeugt Mißtrauen, es bereitet damit den Boden für Gerüchte, für Mundpropaganda. Man traut nicht mehr den üblichen Informationsquellen, sondern glaubt dem, was die Leute so reden. Und die reden viel.

    Das Ergebnis dieser illiberalen, eines freiheitlichen Staats unwürdigen Informationspolitik ist das Gegenteil dessen, was man damit bezweckt: Die auf Gerüchte angewiesenen Menschen glauben das Schlimmste.

    Jedenfalls besteht die Gefahr, daß sie es tun. So, wie nach den Untersuchungen von Allport und Postman die Gerüchte im Zweiten Weltkrieg wucherten, weil die Regierung wahrheitsgemäße Informationen zurückhielt.



    Jetzt also haben wir die "explodierende Diskussion". Wir erleben das, was Sigmund Freud die "Wiederkehr des Verdrängten" nannte.

    Zu Freuds ersten Beobachtungen dieses Phänomens gehörte das Verhalten einer Patientin seines Freundes Breuer, die unter Hypnose eine zurückliegende traumatische Situation wieder durchlebte - mit heftigen Ausbrüchen von Affekten. Solche Ausbrüche können zu dem führen, was Freud und Breuer "Katharsis" nannten, eine "Reinigung". Das setzt freilich, wie Freud später hervorgehoben hat, die rationale Auseinandersetzung mit dem voraus, was da an Verdrängtem wiedergekehrt ist.

    Wir haben jetzt die Chance zu einer rationalen Diskussion. Führende Journalisten wie Frank Schirrmacher beginnen sie wahrzunehmen. Politiker wie Claudia Roth versuchen eine rationale Diskussion freilich nach Kräften zu verhindern.

    Von Roland Koch übrigens, der jetzt Attacken auf sich zieht wie weiland Winkelried bei Sempach die gegnerischen Pfeile, habe ich noch keinen einzigen unsachlichen Satz zu diesem Thema gehört oder gelesen. Auch gestern bei einer Befragung im Hessischen Fernsehen war er wieder ein Muster an Sachlichkeit.

    Überhaupt ist es ja interessant, wie dieser hessische Wahlkampf im Augenblick verläuft: Roland Koch thematisiert eine Sachfrage. Die SPD thematisiert Roland Koch.

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    14. Januar 2008

    Gedanken zu Frankreich (21): Nicolas Sarkozy auf dem Weg in die Regenbogenpresse

    Ist sie schwanger? Haben die beiden heimlich geheiratet? Fragen wie diese pflegen in der Regenbogen- Presse abgehandelt zu werden, und die handelnden (oder vielleicht auch dann doch gar nicht handelnden) Personen sind im allgemeinen Royals, Stars und sonstige Mitglieder der High Society; oder der nicht ganz so hohen Gesellschaft.

    Staatspräsidenten gehörten bisher nicht dazu; schon gar nicht Präsidenten Frankreichs. Präsidenten, die seit Charles de Gaulle im Verständnis der Franzosen das Land selbst verkörpern; seine Grandeur, seine Würde. Alle haben sie sich würdevoll verhalten; von de Gaulle selbst und Pompidou über Giscard d'Estaing und Mitterand bis zu Chirac und.

    Nein, nicht "und Sarkozy".



    Vorbei, wie es scheint, die Tradition der Staatspräsidenten, die diesem Amtsverständnis folgten.

    Wie Nicolas Sarkozy sich benimmt, das irritiert die Franzosen zunehmend. "Würdelos" trifft es nicht ganz. Es ist eine Mischung aus Selbstverliebtheit, Distanzlosigkeit, Rastlosigkeit, die man zunehmend bei Sarkozy wahrnimmt und die zunehmend die Franzosen verstört.

    So hatte man sich das eigentlich nicht gedacht, als man ihn wählte.

    Man wollte einen Modernisierer, aber nicht einen, der gleich mit allen Traditionen seines Amts bricht.

    Man wollte nach Chirac, der am Ende die Spritzigkeit eines Neufundländers an den Tag gelegt hatte, einen dynamischen Macher. Aber doch nicht gleich einen, der hyperaktiv herumwieselt wie Louis de Funès in seinen wildesten Filmen.

    Man wollte einen vergleichsweise jungen Mann, und als Franzose rechnet man gewißlich damit, daß er nicht das Leben eines Büßermönchs führen würde. Aber daß der Präsident nun mehr wegen einer Liebesaffäre in den internationalen Schlagzeilen ist als wegen seiner Amtsführung - das hatten sie sich nicht vorgestellt, M Dupond und Mme Dupont, als sie Sarkozy wählten.



    Im aktuellen Nouvel Observateur hat Jacques Julliard die letzte große Pressekonferenz von Sarkozy zum Anlaß genommen, ein Porträt von ihm zu entwerfen; ein sehr treffliches, wie mir scheint.

    "Très vite, au cours de la conférence de presse du président, sous cette rafale de mots et d'idées, on a été gagné par le tournis. Le lien, le ciment? Il n'y en a qu'un, il s'appelle Sarkozy." Sehr schnell sei man unter diesem Wortschwall, diesem Ideenschwall, vom Schwindel befallen worden und habe sich gefragt, worin denn der Zusammenhang bestehe. Antwort: Es habe nur einen gegeben, mit Namen Sarkozy. Und weiter schreibt Julliard:
    Mais quel homme singulier que celui que la France a mis à sa tête au printemps dernier ! Cet étrange équilibre entre la confiance en soi et la vulnérabilité, dans des proportions qui varient à chaque instant, prend quelquefois des reflets pathétiques. Ce mélange d'inculture assumée et de vive intelligence; cette présence d'esprit exceptionnelle associée à une mauvaise foi triomphante; des dehors de mauvais garçon qui cachent parfois une naïveté charmante; l'empathie envers les êtres qui se met spontanément au service de son objectif du moment.

    Aber was ist das für ein singulärer Mensch, den Frankreich im vergangenen Frühjahr an seine Spitze gestellt hat! Dieses seltsame Gleichgewicht zwischen Selbstvertrauen und Verletzlichkeit, in ständig wechselnden Proportionen, nimmt manchmal pathetische Züge an. Diese Mischung aus einer zur Schau gestellten Unbildung und einer wachen Intelligenz; diese ungewöhnliche intellektuelle Präsenz, verbunden mit triumphierender Häme; das äußere Verhalten eines verzogenen Kindes, das manchmal eine charmante Naivität verbirgt; eine Hinwendung zu den Menschen, die sich ganz wie von selbst in den Dienst seines jeweiligen Ziels stellt.


    Leser dieses Blogs werden sich erinnern, daß ich dem französischen Präsidentschafts- Wahlkampf Anfang vergangenen Jahres viel Aufmerksamkeit gewidmet habe; von einer ersten Bewertung der Chancen François Bayrous in Folge 5 der Serie "Gedanken zu Frankreich" bis hin zu einem kleinen Bericht über die Amtseinführung Sarkozys und die konstituierende Sitzung des neugewählten Parlaments in Folge 15.

    Anders als viele liberale Kollegen aus der Blogokugelzone war ich nie ein Befürworter Sarkozys, sondern hielt François Bayrou für den besten Kandidaten. Als Sarkozy dann nach der Passation des Pourvoirs, der Übergabe der Regierung ein Feuerwerk an Reform- Vorhaben entzündete, habe ich ihn zunehmend positiver beurteilt.

    Jetzt, so scheint mir, ist das Feuerwerk abgebrannt. Und unter den herabregnenden letzten letzten bunten Sternen und Kugeln steht ein wild fuchtelnder Feuerwerker.

    Nicht mehr so sehr eindrucksvoll. Interessant wohl wirklich mehr für die Regenbogenpresse.

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    Zitat des Tages: "Seltsame Parallele"

    Die seltsame Parallele zwischen Neo-Nazis und kriminellen jungen Muslimen ist offenkundig: Sie reicht von der Herabwürdigung und Verfolgung aller Minderheiten bis zum Dekadenzvorwurf an die Mehrheit.

    Frank Schirrmacher in der FAZ. - Die Parallele ist in der Tat offenkundig. Nur - wieso hält Schirrmacher sie für seltsam?

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    Marginalie: Wie die SPD auf Roland Kochs Strategie hereinfällt

    Wenn man sich die Umfragen der letzten Wochen zu den Landtagswahlen in Hessen ansieht, dann springt zweierlei ins Auge: Die Werte sind erstaunlich stabil. Und trotzdem steht die Wahl auf der Kippe.

    Die Werte sind erstaunlich stabil, was die Stärke der beiden bisherigen politischen Lager angeht. Hier die Ergebnisse seit dem 7.12. 07 in chronologischer Folge; jeweils CDU + FDP gegen SPD + Grüne: 47/41, 50/39, 49/41, 50/40, 49/44, 48/43.

    Diese Werte sind von verschiedenen Instituten erhoben worden; einen Trend in ihnen zu suchen wäre deshalb problematisch. Sie zeigen aber durchgängig einen Vorsprung von Schwarzgelb vor Rotgrün. Das ist die Stabilität der Lage vor den Wahlen.

    Die Instabilität kommt dadurch zustande, daß die Kommunisten um die 5 Prozent pendeln; ihre Werte für die 5 Wochen betragen 6, 5, 6, 5, 4, 5 Prozent.

    Schaffen es die Kommunisten in den Landtag, dann hat Schwarzgelb sehr wahrscheinlich keine Mehrheit. Erhalten sie weniger als 5 Prozent, dann ist eine Mehrheit für Schwarzgelb so gut wie sicher.



    Die einfache Konsequenz daraus für den Wahlkampf von Roland Koch lautet: Er muß so geführt werden, daß er die Kommunisten schwächt.

    Wie macht man das? Indem man erstens einen polarisierenden Wahlkampf führt. Polarisierung nützt immer den großen Parteien.

    Man macht es zweitens dadurch, daß man für die Polarisierung ein Thema wählt, bei dem die SPD und die Kommunisten so gut wie identische Positionen haben. Die Kommunisten müssen sich gegen die SPD profilieren, weil sie fast nur von ihr Wähler zu sich herüberziehen können. Ins selbe Horn zu stoßen wie die SPD ist keine Profilierung.

    Mit "Gewalt ausländischer Jugendlicher" hat Koch das für diese Situation ideale Thema gefunden. Gewiß, er zieht wilde Attacken der SPD und auch schon einmal Stirnrunzeln in der eigenen Partei auf sich. Aber er schafft die Polarisierung, die er braucht.

    Und er hat zugleich, wie hier beschrieben, ein Thema, das die eigenen Wähler mobilisiert, das zugleich aber auch Wechselwähler gewinnen kann.



    Das Erstaunliche ist, daß die SPD auf diese Strategie eingeht, ja auf sie hereinfällt. Sie tut Roland Koch den Gefallen, auf ihn einzudreschen, als sei er der Leibhaftige. Sie trägt damit zur Polarisierung bei, und sie macht Roland Koch noch zusätzlich die Freude, dessen Thema in den Mittelpunkt des Wahlkampfs zu rücken.

    Was ist eigentlich aus der Unterschriftenaktion der SPD zum Mindestlohn geworden?

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    Zettels Meckerecke: Das elende "Dschungelcamp" und das Elend des deutschen Feuilletons

    "Trash" heißt in der ursprünglichen Wortbedeutung Müll oder Abfall; im übertragenen Sinn Schund oder etwas Schmutziges. Das Wort wird aber gern unübersetzt ins Deutsche übernommen; vor allem in den Feuilletons, in Filmkritiken und dergleichen. Dann verliert es meist seine im Englischen rein negative Bedeutung und bekommt etwas Schillerndes.

    Es ist nachgerade Mode geworden, sich dazu zu bekennen, daß man Trash in einem gewissen Sinn mag, daß man schmutzige, gemeine, widerwärtige Filme oder Sendungen durchaus auf ihre Art schätze. Immerhin seien sie "ehrlich". Ohne falsche Rücksichtnahme, ohne einen uneingelösten künstlerischen Anspruch. Wohl gar "befreiend".

    Kurz, der Schund wird, sobald man ihn Trash nennt, hoffähig gemacht.

    Manchmal wird er gar ästhetisiert. Die Ästhetik des Häßlichen, Baudelaire, Benn, Sie wissen schon. Manchmal will der Autor, der sich zu ihm bekennt, auch nur zeigen, daß er kein verklemmter Mucker ist.

    Oh nein, er hat seinen Spaß am Primitiven, nicht wahr, wie wir ja alle, und ist stolz darauf, es zuzugeben. Da soll ihm mal einer kommen und den moralischen Zeigefinger heben. Der ist wohl noch nicht in der Postmoderne angekommen, dieser Spaßverderber.



    RTL sendet im Augenblick die dritte Staffel einer Serie namens "Ich bin ein Star, holt mich hier raus". Das, was da geboten wird, als widerwärtigen Schund zu bezeichnen wäre ein unverdientes Lob. Es ist, wenn denn dieses Wort noch einen Sinn hat, inhuman.

    Menschen - erwachsene Menschen, keine abenteuergeilen Jugendlichen - werden dazu gebracht, irgendwelche schwachsinnigen "Prüfungen" zu bestehen. Entscheidend daran ist, daß sie etwas Abstoßendes tun müssen - Insekten essen, sich von Straußen behacken lassen; dergleichen.

    Dinge also, die Jugendliche manchmal Schwächeren abverlangen. Man kennt das bei Asozialen, bei Rechtsextremen. Man weiß, daß es solche sadistischen Rituale beim Militär gibt, in manchen Internaten, und führt es auf mangelnde Erziehung zurück.

    Das, was in solchen Milieus unter Jugendlichen verbotenerweise geschieht, das also tun jetzt Erwachsene auf Anweisung der Produzenten und der Regie dieser Sendereihe. Freiwillig, natürlich; sie können ja jederzeit gehen.

    Warum tun sie es? Ich weiß es nicht; niemand weiß es vermutlich. Jedenfalls sind die Medien randvoll mit Hinweisen darauf, daß es sich um arme Schweine handelt - um einstige Stars, die schon lange keine mehr sind; um Möchtegern- Stars, die nie einer geworden sind; um Leute, die, indem sie sich erniedrigen lassen, auf Publicity hoffen, vielleicht auch auf das Geld, das sie brauchen, weil sie eben kein Star mehr sind oder nie einer wurden.

    Das ist alles traurig genug. Es ist abstoßend, daß ein TV-Sender es bringt; es ist erbärmlich, daß viele Menschen sich offenbar - die Quoten scheinen gut zu sein - an diesen infantil- sadistischen Bildern delektieren.

    Aber nun gut, daß so etwas gesendet werden darf, ist der Preis der Freiheit. Die einzige angemessene Reaktion darauf scheint mir zu sein, sich nicht weiter darum zu kümmern; so, wie man ja auch um die Schmierereien an den Wänden öffentlicher Toiletten kein Aufhebens macht.

    Aber da haben wir ja die Ästhetisierung des Schmutzes, da haben wir die angeblich befreiende Wirkung des Trash.

    Da haben wir ja noch das deutsche Feuilleton. Und deshalb kümmere ich mich doch darum. Nicht um diese erbärmliche Sendung, sondern um die Reaktion darauf, die mir nicht weniger erbärmlich vorkommt.



    Es gibt diese Reaktion auf diversen Ebenen.

    Ganz unten ist, wie könnte es anders sein, die Ebene, für die "Spiegel- Online" repräsentativ ist. Dessen Autor Dennis Kayser tut so, als reagiere er auf diese Sendung exakt so, wie es deren Macher vorgesehen haben: "Das Treiben der ins Urwald-Camp gesperrten C-Promis verschafft dem Betrachter ein schönes Gefühl der eigenen geistigen Überlegenheit."

    Die führt er uns dann vor, seine geistige Überlegenheit, der Dennis Kayser. Zum Beispiel so:
    "Oposium? Is dat 'n Tier?", wandte sich Ex- Nationaltorhüter Eike Immel etwa ratlos an seine Mitstreiter, als es um die Fleischration fürs Abendessen ging.
    Tätärä!
    Julia "Ich heirate eine Familie" Biedermann, die nach erfolgloser Kür im Gummikatapult wiederholt den Urwaldboden küsste statt eine Schatztruhe zu ergattern, wollte ihre, wie sie sagte: "Bumserfahrungen" ausgerechnet an Dschungelkollegin und Ex- Erotik- Aktrice Michaela Schaffrath weitergeben.
    Tätärä! Tätärä! Tätärä!
    Barbara Herzsprung, die zwar wenig redete, sich allerdings aus unerklärlichen Gründen das Dessert ins Gesicht schmierte. Oder Björn Hergen Schimpf, meist brabbelnd in sich selbst versunken.
    Ein dreifach donnerndes Helau!



    Nun gut, "Spiegel-Online" stellvertretend für das deutsche Feuilleton zu zitieren, wäre so unfair, als würde man die Pommes- Bude von Heine Schmitz in Herne als repräsentativ für die deutsche Gastronomie betrachten.

    Gehen wir also höher. Gehen wir gleich ganz hoch. Gehen wir ins Feuilleton der FAZ. Dort treffen wir auf das, was Stefan Niggemeier zum "Dschungelcamp" zu sagen hat.

    Zuerst könnte man meinen, auch Niggemeier spiele nur den TV-Gucker aus der Zielgruppe, der sich am "schönen Gefühl der eigenen geistigen Überlegenheit" hochzieht. Jedenfalls lassen Sätze wie dieser das vermuten:
    Die, nun ja, Charakterdarstellerin Michaela Schaffrath heulte zum Abschied, die Sängerin Lisa Bund, als sie über einem Abgrund baumelte, weil sie von einer dünnen Brücke gefallen war, und Sänger Ross Anthony heulte am nachhaltigsten, zuletzt, weil ihm in der Nacht am Lagerfeuer alles zusetzte: die Feuchtigkeit, der Dreck, die Viecher.
    Ja, da schlägt das Herz doch höher, wenn Menschen so weit gebracht werden, daß sie heulen. Und wenn man sich das mit dem schönen Gefühl geistiger Überlegenheit, vor der Glotze hockend, reinziehen kann.

    So weit hat es Niggemeier noch nicht über das Niveau von Dennis Kayser geschafft; für die FAZ also zu wenig. Drum geht's jetzt nach oben, aber steil:
    Man kann dieses Verächtlichmachen der Mitwirkenden, dieses Hochfest der Häme natürlich abstoßend finden. Aber es hat etwas sehr befreiendes und ehrliches, auf das im heutigen Plastikfernsehen übliche Geheuchel zu verzichten. Das Angenehme ist: Es trifft keine Unschuldigen, und der Spott ist gerade einmal ein kleiner Ausgleich dafür, dass der Großteil dieser Leute sonst jeden Tag in irgendwelchen Shows und Magazinen sehr ernst genommen wird.
    Was nun allerdings schlicht die Unwahrheit ist; ein paar Zeilen zuvor hatte Niggemeier noch geschrieben: "Es ist nicht schlimm, wenn man die meisten Namen der "Stars" (...) noch nie gehört hat". Es sind eben gerade nicht diejenigen, die jeden Tag in Shows und Magazinen ernst genommen werden; sonst würden sie sich ja nicht dieser Erniedrigung unterziehen.

    Aber Niggemeier hat noch einen Trumpf im Ärmel. Nicht nur findet er offenbar, daß es erfolglosen Schauspielern und Entertainern recht geschieht, wenn sie buchstäblich wie der letzte Dreck behandelt werden - er erfreut sich auch noch daran, auf wie hohem Niveau das geschieht:
    Der Vorwurf des "Trash"-Fernsehens führt ohnehin in die Irre, denn kaum eine Show wird so professionell und gleichzeitig liebevoll produziert wie diese.
    Liebevoll! Wer hätte das gedacht.

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    13. Januar 2008

    Zitat des Tages: Kaderorganisation

    Wir haben in Hessen jetzt eine Kaderorganisation, die jede unliebsame Diskussionen abwürgt. (...) Dahinter stehen Sektierer, die von der untergegangenen DDR träumen.

    Der Kandidat der Partei "Die Linke" für die hessische Landtagswahl, Karl-Klaus Sieloff, laut "Focus" über seine Partei.

    Kommentar: Was haben Sieloff und die anderen WASGler sich denn bei der Fusion mit den Kommunisten vorgestellt? Daß die PDS als erste kommunistische Partei der Welt keine Kaderpartei ist? Oder daß sie, das Häuflein der Aufrechten, das schaffen würden, was die Ost-SPD nach 1946 nicht geschafft hat, nämlich aus einer Kaderpartei eine demokratische Partei zu machen?

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    Randbemerkung: Was steckt hinter dem Konfrontationskurs der SPD-Führung?

    Was sich im Augenblick innerhalb der Berliner Koalition abspielt, das hat es so ähnlich erst zweimal in der Geschichte der Bundesrepublik gegeben:

    Das erste Mal im Oktober 1966, als das Klima zwischen den Koalitionspartnern CDU/CSU und FDP immer eisiger wurde. Am Ende verließ die FDP das Kabinett und erzwang damit den Rücktritt Ludwig Erhards.

    Das zweite Mal herrschte eine solche Stimmung wie jetzt in Berlin in der Endphase der Sozialliberalen Koalition im September 1982. Die damalige Krise endete mit einem konstruktiven Mißtrauensvotum, mit dem Helmut Kohl an Stelle Helmut Schmidts zum Kanzler gewählt wurde.

    Beide Male war immer deutlicher geworden, daß der "Vorrat an Gemeinsamkeiten", wie man damals sagte, innerhalb der jeweiligen Koalition aufgebraucht war. Es gab interne Kritik, es gab Spannungen, die an die Öffentlichkeit drangen. Es gab 1982 das berühmte "Lambsdorff- Papier", in dem der Graf Lambsdorff so schonungslos mit der Regierung abrechnete, als stünde man bereits in gegensätzlichen politischen Lagern.

    Es ging damals ähnlich zu wie in den letzten Wochen einer gescheiterten Ehe. Aber man ging doch immer noch respektvoll miteinander um. So etwas wie jetzt hat es damals nicht gegeben, weder 1966, noch 1982.

    Was prominente Vertreter der Sozialdemokratie im Augenblick gegen ihren Koalitionspartner CDU/CSU veranstalten, stellt alles in den Schatten, was die FDP 1966 gegen Erhard vorgetragen und in die Öffentlichkeit gebracht hat, und 1982 gegen den Kanzler Helmut Schmidt.

    Über den Fraktionsvorsitzenden Struck berichtete Reuters gestern:
    Struck unterstellte Koch, er sei insgeheim froh über den Angriff auf einen Rentner, weil er damit ein Thema für die Landtagswahl am 27. Januar bekommen habe. Eine von der CDU gewünschte Entschuldigung lehnte der Sozialdemokrat mit den Worten ab: "Die kann mich mal."
    Gewiß, es ist Wahlkampf in Hessen. Aber Struck ist kein hessischer Wahlkämpfer, sondern er ist der Vorsitzende einer der beiden Koalitionsfraktionen. Sein Job ist es, die Koalition zusammenzuhalten, nicht Öl ins Feuer zu gießen.

    Dasselbe gilt für den Vizekanzler. Auch Steinmeier drischt in letzter Zeit auf die Partei seiner Kanzlerin ein, als sei die Koalition ein Porzellanladen und er als Elefant in denselben hineinbefördert worden.

    Und nicht auf die Partei seiner Kanzlerin drischt Steinmeier ein, sondern inzwischen auch auf diese selbst. "Vizekanzler keilt gegen Kanzlerin" titelt die SZ. So ist Erich Mende nicht mit Erhard umgegangen und Genscher nicht mit Helmut Schmidt, als sie das Ende der jeweiligen Koalition betrieben.

    Man hat den Eindruck, daß Steinmeier sein Image des bedachtsamen Staatsmanns gegen das eines kämpferischen Kanzlerkandidaten eintauschen will, so schnell es nur geht. Bevor es zu spät ist, sozusagen.



    Wozu zu spät? Wie schnell wird sich wohl entscheiden, wer gegen Merkel antritt? Und wird er in einem Wahlkampf antreten, oder vielleicht als Kandidat eines konstruktiven Mißtrauensvotums?

    Mit anderen Worten: Geht es wirklich nur um den Wahlkampf in Hessen? Ich halte das für sehr unwahrscheinlich.

    Zum einen, weil das, was man der hessischen CDU vorwerfen kann, ja nicht unbedingt just von den drei Personen vorgebracht werden müßte, von denen der Fortbestand der Berliner Koalition abhängt - Struck, Steinmeier und Parteichef Beck, der als dritter der Musketiere degenschwingend durch die Gegend tänzelt, elegant, wie es seine Art ist.

    Zum anderen, weil es nach den Wahlen am 27. Januar sehr gut eine Situation geben kann, in der weder Schwarzgelb noch Rotgrün eine Mehrheit haben. Und für das, was dann passiert, werden jetzt die Weichen gestellt.

    Dann wird es, sieht man von exotischen Ampeln ab, zu entscheiden sein, ob CDU und SPD schweren Herzens zusammengehen, weil es halt sein muß, wie 2005 in Berlin. Oder ob dann Frau Ypsilanti sich ans Kleingedruckte hält und zwar, ihrem Versprechen gemäß, nicht eine "rot-rote" Koalition eingeht, aber eine Volksfront bildet; vielleicht vorerst in Gestalt einer Duldung von Rotgrün durch die Kommunisten.

    Wenn sich eine solche Alternative zwischen einer Großen Koalition und der Volksfront in Hessen nach dem 27. Januar stellen sollte, dann wird es entscheidend auf das Klima zwischen den Parteien ankommen. Was Struck, was Beck und Steinmeier im Augenblick betreiben, ist eine geradezu mutwillige Verschlechterung des Klimas zwischen der SPD und der Union. Nicht nur in Hessen, sondern zwangsläufig auch im Bund.



    Wenn es in Hessen zur Volksfront in der einen oder anderen Gestaltung kommt, dann wird die Krise in Berlin zur Existenzkrise der Koalition werden. Dann braucht die SPD nur noch einen Vorwand, um zusammen mit den Grünen und den Kommunisten die Kanzlerin per konstruktivem Mißtrauensvotum zu stürzen.

    Welche Vorteile das für die SPD gegenüber der Option hätte, bis 2009 in der Großen Koalition zu bleiben, habe ich vor sechs Wochen hier erläutert. Zitat aus diesem Artikel:
    Die Versuchung dürfte also groß sein, es mit einem konstruktiven Mißtrauensvotum zu versuchen. Allerdings muß das gut eingefädelt werden, um nicht als ein Putsch gegen die beliebte Kanzlerin Merkel wahrgenommen zu werden. Dazu müßte die SPD ein Thema finden, ein soziales am besten, das sich zum Bruch der Koalition eignet. Mindestlohn für alle, beispielsweise. Da kann man leicht die Auseinandersetzung so weit treiben, daß man empört die Koalition verlassen kann.
    Zitat aus der SZ von gestern:
    Nach dem Willen von SPD-Politiker Olaf Scholz und seiner Partei soll die Neufassung von zwei Gesetzen die Grundlage für die Einführung von Mindestlöhnen für alle Arbeitnehmer schaffen. In einer internen Unterlage aus dem Arbeitsministerium zu dem Gesetzesvorhaben heißt es: "Mindestlöhne können damit in jeder Branche entweder auf der Grundlage des einen oder des anderen Gesetzes festgelegt werden. Es bleiben keine 'weißen Flecken'."
    Und es bleibt nicht die Koalition mit der Union.

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    12. Januar 2008

    Zitat des Tages: Die Wiederkunft des Messias

    Newsweek had a cover article so adoring that one wonders what is left for coverage of the Second Coming.

    (Newsweek brachte eine so verehrungsvolle Titelgeschichte, daß man sich fragt, was noch für die Berichterstattung über die Wiederkunft des Messias übrigbleibt). - Charles Krauthammer in der gestrigen Washington Post über diese Story in Newsweek. Krauthammers Kommentar ist lesenswert als rechtzeitige Impfung gegen die Obama- Anhimmelung, die vermutlich demnächst auch nach Deutschland überschwappen wird.

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    11. Januar 2008

    Marginalie: Sind die Türken eine Rasse?

    Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), Kenan Kolat, hat Roland Koch die Förderung von Rassismus vorgeworfen. "Er schürt rassistische Ressentiments in der Gesellschaft", erklärte Kolat, wie man beispielsweise in der SZ lesen kann. Ich finde diese Äußerung sehr verwunderlich.

    Man mag Roland Koch ja, weil er im Wahlkampf das Thema der Kriminalität ausländischer Jugendlicher thematisiert, Ausländerfeindlichkeit vorwerfen. Ich kann diese zwar nicht erkennen; mir scheint Koch eher kriminalitäsfeindlich zu argumentieren. Aber gut, er hat Sätze gesagt wie "Gerade bei Fragen der Gewalt haben wir ein besonderes Problem bei jungen Menschen mit ausländischer Herkunft", die man mit bösem Willen als ausländerfeindlich interpretieren kann.

    Aber Rassismus? Ja, sind "Ausländer" denn eine Rasse? Der Fremde ist nur in der Fremde fremd, hat Karl Valentin mit seinem unerbittlichen Scharfsinn gesagt. Und Ausländer in Deutschland haben nur gemeinsam, daß sie nicht aus Deutschland stammen.

    Nochmal ein "nun gut". Unterstellen wir, daß, da ein Großteil der Ausländer in Deutschland Türken sind, Koch sich auf Türken bezogen hat, wenn er "Ausländer" sagte.

    Ja, sind "Türken" denn eine Rasse?

    Wenn jemand, den Nazis nachplappernd, von einer "deutschen Rasse" spräche, dann würde man ihm das sehr zu Recht um die Ohren hauen; denn wir Deutsche sind, als Resultat unserer Geschichte, als Resultat von Wanderungsbewegungen, ein Volk, das genetisch alles andere als homogen ist. Nur schlimmste Nazis könnten auf den Gedanken kommen, kritische Äußerungen gegen Deutschland oder uns Deutsche als "rassistisch" zu bezeichnen.

    Dasselbe gilt für die Bewohner Anatoliens, dessen Geschichte zu einem mindestens ebenso bunten genetischen Mix geführt hat wie die deutsche. Selbst wenn die Äußerungen Kochs ausländerfeindlich, selbst wenn sie gar türkenfeindlich wären, wären sie doch offensichtlich nicht rassistisch.



    Gerade in Deutschland, wo der Rassenwahn so unermeßliche Verbrechen verursacht hat, sollte man mit dem Begriff der Rasse nicht schluderig umgehen. Ob Herr Kolat sich bei seinem Rassismus- Vorwurf etwas gedacht hat, weiß ich nicht. Dumm dahergeredet hat er jedenfalls.

    Er ist freilich in, hm, ich will nicht sagen guter, aber doch angesehener Gesellschaft.

    Kürzlich habe ich auf einen Artikel in Spiegel Online International hingewiesen, in dem eine von Deutschen, Türken und Deutschen türkischer Herkunft bewohnten Gegend in Duisburg- Marxloh als "racially mixed", als rassisch gemischt bezeichnet wird. Der Artikel ist im wesentlichen die Übersetzung einer Story im gedruckten "Spiegel" der vergangenen Woche - nur daß dort just diese Aussage über die angebliche Rassenmischung oder Gemischtrassigkeit in Duisburg- Marxloh fehlte.

    Nun geht man in den USA mit dem Begriff der Rasse etwas anders um als wir Deutschen. Mag sein, daß derjenige, der diesen Ausdruck in die "Spiegel"- Story hineinredigiert hat, sozusagen amerikanischer sein wollte als die Amerikaner, die ihre Einwohner ja von Amts wegen nach Rassen einteilen (wobei aber die Türken keine Rasse sind, sondern caucasians wie Jens Jensen aus Eckernförde auch, der jetzt in Michigan Bier braut).



    Das Thema der Gewaltkriminalität Jugendlicher, das Thema einer unter ausländischen Jugendlichen erhöhten Gewaltkriminalität ist in Deutschland lange Zeit von der Öffentlichkeit zu wenig beachtet worden. Jetzt ist es in die öffentliche Diskussion gekommen; aufgrund eines Vorfalls, der das Problem mit anschaulicher Realität vor Augen geführt hat.

    Daß Roland Koch ein Problem, das offensichtlich die Öffentlichkeit beschäftigt, für seinen Wahlkampf nutzt, kann man ihm meines Erachtens nicht zum Vorwurf machen. Jede Partei tut das, wenn sie sich von einem Thema Punkte in der Gunst der Wähler verspricht. Das Problem ist die Jugendkriminalität; es sind nicht die in Deutschland lebenden Ausländer, und schon gar nicht ist es ein Problem von Rassismus.

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    Sollten die Max-Planck-Institute in die Universitäten integriert werden?

    In Deutschland gibt es drei Arten von Forschung: Die an Universitäten, die von Privatfirmen und privaten Instituten und die an den Max- Planck- Instituten (MPI).

    Die Forschungsbedingungen in den drei Bereichen sind radikal verschieden. Die im privaten Bereich sind unter sich wiederum so unterschiedlich, daß man wenig Gemeingültiges über sie sagen kann. Die an den Universitäten sind mäßig untereinander verschieden. Die Arbeitsbedingungen an den MPI sind sehr ähnlich und ungleich besser als an fast allen Universitäten.



    Die deutschen Universitäten sind bekanntlich fast alle staatlich; und der Staat, der für sie verantwortlich ist, ist das jeweilige Bundesland. Das ist so aufgrund der Kulturhoheit der Länder. Es hat in Deutschland aber auch eine lange Tradition; Universitäten wurden oft von Landesherren eingerichtet, die sich von ihnen zum einen einen Zuwachs an Ansehen und Wirtschaftskraft versprachen, die zum anderen dort ihre Juristen, Pfarrer und Studienräte ausbilden ließen.

    Das bringt es mit sich, daß die Arbeitsbedingungen an den Universitäten der einzelnen Bundesländer verschieden sind; je nach deren Wohlstand, je nach ihrer Liberalität.

    Es gibt auch Unterschiede je nach Alter und Geschichte der einzelnen Universitäten. An einer großen Universität eines reichen Bundeslandes, sagen wir an der Münchener Ludwig- Maximilians- Universität, arbeitet es sich komfortabler als an einer ehemaligen Pädagogischen Hochschule eines vergleichsweise armen Bundeslandes, die in den siebziger Jahre zur "Gesamthochschule" ernannt worden war.



    Ganz anders ist das an den MPI. Es gibt im Augenblick 78 solche Institute; die meisten in Deutschland angesiedelt, einige aber auch in Italien und Holland. Dort arbeiten rund 4.400 Wissenschaftler, unterstützt von ungefähr doppelt so vielen nichtwissenschaftlichen Mitarbeitern und von um die 10.000 Doktoranden und Postdoktoranden.

    Dieser Archipel Planck in der deutschen Forschungslandschaft ist nicht nur eine paradiesische Gegend, was die Relation von Nichtwissenschaftlern zu Wissenschaftlern angeht, und damit das Maß an Unterstützung, das die Wissenschaftler in ihrer Arbeit erfahren. Paradiesisch ist auch in aller Regel die apparative Ausstattung, ist die Möglichkeit, eigene Forschungsideen durch Doktoranden weiterverfolgen zu lassen, sind die Finanzmittel (jährlich mehr als 1,3 Milliarden Euro).

    Und paradiesisch ist für die meisten dort arbeitenden Wissenschaftler auch, daß sie keine Lehrverpflichtungen haben, daß weit weniger "Gremienarbeit" und Verwaltungsarbeit anfällt als an den Universitäten; kurz, daß sie ihre Arbeitskraft weitgehend der Forschung widmen können.



    In der FAZ hat sich vor ein paar Tagen eine Gruppe von Naturwissenschaftlern zu Wort gemeldet, und zwar mit einer vernichtenden Kritik an diesem deutschen System, das die Forschung zwischen Universitäten und MPI aufteilt, aber zu sehr ungleichen Arbeitsbedingungen.

    Drei der Autoren arbeiten derzeit an US-Universitäten. Dort gibt es eine solche Aufteilung nicht. Die Forschung findet ganz überwiegend an den Universitäten statt. Und zwar, wie der internationale Erfolg der US-Forschung zeigt, offenbar effektiv.

    Das System der MPI dagegen hat, so schreiben die Autoren, zahlreiche gravierende Nachteile; man kann sie in ihrem Artikel im einzelnen nachlesen. Was sie als eine grundlegende Reform vorschlagen, erscheint mir interessant:
    Zum einen sollte die Max- Planck- Gesellschaft das Harnack- Prinzip wieder stringent anwenden. Zum anderen sollten erfolgreiche MPI, deren Forschungsaktivitäten parallel zu jenen an Universitäten laufen oder laufen könnten, in unser Universitätssystem eingebunden werden. Als Universitätseinrichtungen könnten diese Max- Planck- Institute Sondereinrichtungen mit eigenem Budget sein, sozusagen Eliteinstitute der jeweiligen Universitäten; die Mitglieder erhielten volle Lehrberechtigung und abgestufte Lehrverpflichtungen.
    Das "Harnack- Prinzip" ist die ursprüngliche Konzeption, MPI jeweils ad personam für herausragende Forscher zu gründen, die dort freie Hand und alle Ressourcen haben, um ihre Ideen zu verwirklichen. Beispiele sind das "MPI für Verhaltensphysiologie" in Seewiesen, das für Konrad Lorenz und Erich von Holst gegründet worden war, und das Starnberger "MPI zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich- technischen Welt", das man für Carl- Friedrich von Weizsäcker und Jürgen Habermas geschaffen hatte. Beide gibt es nicht mehr.

    Solche exzellenten Forschungseinrichtungen für herausragende Wissenschaftler sollten nach Ansicht der Autoren erhalten bleiben; nicht aber die vielen heute existierenden MPI, die thematisch und nicht personell ausgerichtet sind. Diese sollten so in die Universitäten integriert werden, daß es einerseits den Universitäten zugutekommt - durch einen Zuwachs an herausragenden Forschern und Ressourcen, durch die sich dadurch ergebenden Möglichkeiten für ihre Studenten -; daß es andererseits aber auch diesen Forschungs- Einrichtungen dient.



    Warum würde eine Integration in Universitäten auch diesen Forschungs- Einrichtungen dienen? Bisher habe ich die Autoren des FAZ-Artikels referiert; jetzt möchte ich einige persönliche Überlegungen anschließen.

    Das System reiner Forschungseinrichtungen, wie es in den MPI realisiert ist, ist meines Erachtens ein Ausdruck etatistischen Denkens.

    Fast alle Staaten mit einer etatistischen Tradition haben Vergleichbares. In den kommunistischen Ländern waren es die Akademien der Wissenschaften, in die massiv Forschungsgelder flossen. In Frankreich ist es der Conseil National de Recherche Scientifique.

    Bezeichnend für ein solches System ist die Konzentration der Forschung zu jeweils einem Thema an jeweils einem Ort. Es gibt zwischen MPI keine Konkurrenz; jedenfalls ist es nicht beabsichtigt, daß verschiedene Institute zum selben Thema forschen. Jedes hat sozusagen seine Erbhöfe. Es ist im Grunde ein System wie im Feudalismus, oder eben im Kommunismus.

    Das ist in meinen Augen der eine schwerwiegende Nachteil dieses Systems. Er bedeutet ja nicht nur, daß Konkurrenz als Ansporn fehlt, sondern auch, daß bestimmte theoretische und methodische Ansätze von den jeweiligen Instituten monopolisiert werden. (Natürlich gibt es die Konkurrenz zu den Universitäten, natürlich die internationale Konkurrenz).

    Der zweite schwerwiegende Nachteil ist das, was viele dort Arbeitende gerade als einen besonderen Vorteil empfinden: Sie haben keine Lehrverpflichtungen.

    Das bedeutet zwar weniger Arbeit. Es bedeutet aber auch, daß diese Wissenschaftler in der Regel keinen Kontakt zu Studierenden haben, bis diese den Doktoranden- Status erreichen.

    Wer viele Kontakte mit Wissenschaftlern an Universitäten und an MPI hat, der wird immer wieder diese Erfahrung machen: In ihrem engeren Forschungsbereich sind die MPIler brillant, was ihre Kenntnis der Literatur, der Methodik usw. angeht. Wenn aber das Gespräch auf breitere Themen kommt, dann sind ihnen ihre Kollegen von den Universitäten fast immer überlegen.

    Nicht, weil sie von sich aus einen anderen Zugang zur Wissenschaft hätten. Sondern deshalb, weil sie als Lehrende gar keine Wahl haben, als sich mit dem Fach in seiner Breite und dessen aktueller Entwicklung zu befassen. MPI- Wissenschaftler sind wirklich in Gefahr, zu dem zu werden, was man einmal herablassend "Fachidioten" nannte; Universitäts- Professoren können sich das in der Regel gar nicht leisten.



    Ja, nützt denn aber diese Breite, mit der man an den Universitäten die Entwicklung des Fachs verfolgen muß, auch der Forschung? Sie tut es. Nicht nur, weil neue Ideen häufig erst entstehen, wenn man über die Grenzen des eigenen engeren Forschungsthemas hinausblickt. Sondern auch deshalb, weil nichts dem eigenen Denken förderlicher ist, als es gegenüber seinen "Schülern" zu entwickeln und zu diskutieren.

    An den amerikanischen Universitäten weiß man das. Mir ist noch kein amerikanischer Wissenschaftler begegnet, der glücklich wäre, wenn ihm alle seine Lehrverpflichtungen genommen werden würden.

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.