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21. August 2009

Wahlen '09 (11): Mögliche, wahrscheinliche und denkbare Koalitionen nach dem 27. September. Versuch einer Analyse

Eine einzige der Parteien, die Aussichten haben, wieder in den Bundestag einzuziehen, wird von niemanden danach gefragt, mit wem sie denn koalieren würde: Die Kommunisten. Sie werden in eine Volksfront mit der SPD und den Grünen gehen, falls ihnen diese angeboten wird; oder auch tolerieren.

Eigene Forderungen werden die Kommunisten nach dem Prinzip stellen, das sie in Hessen demonstriert haben. Dort stiegen die Preise, wenn die Partei gute Aussichten hatte, mit der SPD ins Geschäft zu kommen; und sie fielen in denjenigen Perioden, in denen die SPD sich spröder zeigte (siehe Zitat des Tages: Nicht verlesen; ZR vom 29. 7. 2008).

Bei allen anderen Parteien ist es derzeit weitgehend offen, unter welchen Bedingungen sie in welche Koalition gehen würden; eine in der Geschichte der Bundesrepublik vor einer Wahl noch nie dagewesene Situation. Welche Koalitionen sind möglich, welche wahrscheinlich und welche denkbar?

Zunächst muß zwischen zwei möglichen Wahlergebnissen unterschieden werden; was in der bisherigen Diskussion oft nicht geschehen ist.



Fall eins: Die Union und die FDP haben zusammen eine Mehrheit.

Dann könnte die Union zwischen einer schwarzgelben und einer schwarzroten Koalition wählen. Alles andere wäre unrealistisch. Eine Jamaika- Koalition käme nicht in Frage, weil ja gemäß der Voraussetzung schon Union und FDP eine Mehrheit hätten.

Die FDP könnte im Fall einer Mehrheit für Schwarzgelb möglicherweise zwischen Schwarzgelb und einer Ampel wählen; nämlich dann, wenn SPD, Grüne und FDP zusammen stärker sind als Union und Kommunisten.

Das könnte durchaus der Fall sein. Nach der aktuellesten Umfrage (Infratest Dimap vom 21. August) hätten SPD (23 Prozent), Grüne (13 Prozent) und FDP (15 Prozent) genau dieselbe Mehrheit von 51 Prozent wie CDU/CSU (36 Prozent) und FDP (15 Prozent) zusammen. Die anderen aktuellen Umfragen bieten ein ähnliches Bild (Allensbach, 18.8.: Schwarzgelb 51, Ampel 50,5; Emnid 19.8.: Schwarzgelb 50, Ampel 49; Forsa 19.8: Schwarzgelb 50, Ampel 49).

Bei ungefähr 5 Prozent für Sonstige würden diese Ergebnisse sowohl für eine schwarzgelbe Koalition als auch für eine Ampel ausreichen.

Wie würden sich Union und FDP entscheiden? Daran besteht so gut wie kein Zweifel. Die Kanzlerin hat immer wieder gesagt, daß ihr eine Koalition mit der FDP lieber wäre als eine Fortsetzung der Großen Koalition; zuletzt gestern sehr klar im Gespräch mit der FAZ,

Ebenso klar ist, daß die FDP eine Regierungsbildung mit der Union einer Ampel vorziehen würde. Guido Westerwelle hat das am vergangenen Sonntag noch einmal Gespräch mit der "Welt" bekräftigt.

Viel spannender ist die Frage, welche Regierung gebildet werden wird, falls Union und FDP die Mehrheit verfehlen; ein Fall, der angesichts des knappen Vorsprungs für Schwarzgelb immer noch so wenig ausgeschlossen ist wie vor fünf Wochen (siehe Wahlen '09: Es ist alles offen; ZR vom 14.7. 2009).



Fall zwei: Die Union und die FDP haben zusammen keine Mehrheit.

Für diesen Fall halten sich alle Parteien weit mehr bedeckt als für den ersten Fall. Realistisch sind, gegeben die aktuellen Umfrageergebnisse, die folgenden Möglichkeiten:

Erstens eine Neuauflage der Großen Koalition. Auf den ersten Blick spricht viel für diese Variante. Zum einen hätte diese Regierung eine stabile Mehrheit. Zweitens kennt man sich und hat leidlich gut - nach Ansicht der beiden Partner sogar erfolgreich - zusammengearbeitet.

Es ist so gut wie sicher, daß die Große Koalition in diesem Fall die Präferenz der Kanzlerin wäre. Eine Jamaika- Koalition hat sie im Gespräch mit der FAZ als "nicht erstrebenswert" bezeichnet. Schwarzgrün hat sie ausgeschlossen.

Trotzdem ist für den Fall, daß Schwarzgelb die Mehrheit verfehlt, eine Große Koalition alles andere als sicher. Das liegt an der SPD.

Die SPD hat mindestens vier Gründe, sich sehr genau zu überlegen, ob sie wirklich als Juniorpartner der Union weitermachen will:
  • Erstens hat ihr das schon in der zu Ende gehenden Legislaturperiode, als man "auf Augenhöhe" gewesen war, einen massiven Einbruch bei den Wählern eingebracht. Wer mit der Arbeit der Regierung zufrieden war, der tendierte dazu, dies der Union zu attribuieren. Wer unzufrieden war, wandte sich oft ganz von der SPD ab und den Kommunisten zu.

    Links und rechts brachen der SPD die Wähler weg. Von dem Wahlergebnis 2005 bis zu den aktuellen Umfragewerten hat die SPD als Resultat ihrer Regierungsbeteiligung ziemlich genau ein Drittel ihrer Anhänger verloren. Wo würde sie 2013 nach weiteren vier Jahren Schwarzrot sein?

  • Zweitens wäre sie mit sehr großer Wahrscheinlichkeit diesmal nicht mehr "auf Augenhöhe", sondern eindeutig der Juniorpartner. Daß die SPD, gegenwärtig bei 22 bis 23 Prozent, in den verbleibenden fünf Wochen noch die CDU (36 bis 37 Prozent) einholt, wäre schon wundersam. Das verstärkt für die Genossen noch das im ersten Punkt genannte Problem; und zwar erheblich.

  • Drittens sind es eben Genossen.

    Man ist 2005 zähneknirschend in die Große Koalition gegangen. Aber das war eine andere Partei als die heutige SPD. Bis zum 22. November 2005 war Wolfgang Clement als Doppelminister für Wirtschaft und Arbeit das mächtigste SPD- Kabinettsmitglied nach dem Kanzler; man kann sich das heute kaum mehr vorstellen. Zeitweise galt er sogar als designierter Nachfolger Schröders. Die SPD war damals die Partei der "Agenda 2010", deutlich weiter rechts stehend als die heutige SPD.

    Diese heutige SPD wurde zeitweilig von ihrer Linksaußen- Frau Andrea Nahles geführt, unter der Kurt Beck den Vorsitzenden geben durfte. Sie hat sich auf ihrem Hamburger Parteitag ausdrücklich zum Sozialismus bekannt; dem "demokratischen", versteht sich. Die starken linken Kräfte in der SPD werden alles tun, um eine erneute Große Koalition zu verhindern.

  • Und viertens schließlich könnten die Landtagswahlen am übernächsten Sonntag dazu führen, daß die Karten neu gemischt werden (siehe Wahlen '09: Es ist alles offen; ZR vom 14.7. 2009). Nach einer gestern in den "Tagesthemen" der ARD publizierten Umfrage wird die Union wahrscheinlich bei allen drei Landtagswahlen kräftig verlieren. Sowohl im Saarland als auch in Thüringen könnte es zu Volksfront- Koalitionen kommen. Falls das eintritt oder auch nur möglich erscheint, würde es denjenigen in der SPD, die eine solche Option auch im Bund anstreben, Aufwind geben.
  • Falls sich die SPD einer erneuten Großen Koalition verweigern sollte (was sicherlich nur unter heftigen internen Kämpfen gelingen könnte; aber es könnte eben gelingen) - welche Möglichkeiten bleiben dann?



    Die Kanzlerin hätte, will sie weiter regieren, nur noch die Option einer Jamaika- Koalition. Sie hat diese - und sie ist in ihrer Wortwahl stets präzise - wie zitiert nicht ausgeschlossen, sondern nur als "nicht erstrebenswert" bezeichnet. Manchmal muß man sich zu etwas entschließen, auch wenn es nicht erstrebenswert gewesen war.

    Die FDP würde wahrscheinlich mit von der Partie sein, wenn auch nicht mit Begeisterung. Die Grünen aber werden sich auf eine solche Lösung allenfalls dann einlassen, wenn alle Versuche, gemeinsam mit der SPD zu regieren, endgültig gescheitert sein sollten.

    Die Grünen haben lange vor den Wahlen die Weichen für die Volksfront gestellt ("Die Linkspartei ist uns näher als die FDP"); siehe Rutsch, rutsch in die Volksfront, ZR vom 3. Mai 2008. Daß Hans- Christian Ströbele, der gegenwärtig mit dem Bild von Che Guevara für seine Kandidatur wirbt, Angela Merkel wählen würde, ist ebenso schwer vorstellbar, wie daß der Altkommunist Jürgen Trittin mit dem Freiherrn zu Guttenberg am selben Kabinettstisch Platz nimmt.

    Falls also die SPD nicht zur Fortsetzung der Großen Koalition bereit ist und die Grünen nicht willens sind, in eine Jamaika- Koalition zu gehen, dann bleiben die Optionen Ampel und Volksfront.

    Die Volksfront hätte für die SPD den Vorteil, in den Kommunisten einen willigen und pflegeleichten Partner zu bekommen; zumal, wenn es vorerst bei der Tolerierung bliebe. Aber die Nachteile dürften überwiegen. Zum einen ist mehr als fraglich, ob Steinmeier für eine solche Regierung zur Verfügung stehen würde. Sodann sind die beiden wahrscheinlichen Kanzler einer Volksfront, Andrea Nahles und Klaus Wowereit, noch nicht so weit. Beide setzen auf eine Volksfront 2013. Und drittens erinnert man sich natürlich an das hessische Debakel.

    Also wird die SPD auf die Ampel hinarbeiten. Also wird dann alles von der FDP abhängen. Und hier wird es nun wichtig, zwischen Fall eins und Fall zwei zu unterscheiden.

    Wenn sie die Wahl zwischen Schwarzgelb und Ampel hat, wird sich die FDP für Schwarzgelb entscheiden; selbst wenn die Mehrheit knapp sein sollte. Was aber, wenn sich die Optionen auf die Alternative Volksfront oder Ampel reduziert haben?

    Dann steht zum einen die FDP nicht vor der Frage, mit wem sie regiert, sondern vor der der Alternative, zu regieren oder weiter auf den harten Bänken der Opposition zu hocken. Das wird am Ende der kommenden Legislaturperiode dann 15 Jahre gedauert haben. "Opposition ist Mist" hat Franz Müntefering einmal gesagt. Vier Legislaturperioden Opposition sind ein Desaster; zumal für diejenigen Aspiranten auf ein Ministeramt, die danach nicht mehr ministrabel sein werden.

    Zweitens - und noch wichtiger - wird ein immenser Druck auf die FDP ausgeübt werden, zu verhindern, daß die Partei "Die Linke" regiert oder mindestens toleriert. Die Medien werden die FDP nachgerade beschwören, sich ihrer staatspolitischen Verantwortung nicht zu verweigern.

    Und so belastbar sind die bisherigen Festlegungen Guido Westerwelles nicht, daß sie nicht hinter die staatspolitische Pflicht zurücktreten könnten, die Volksfront zu verhindern; in Gottes Namen mittels der Ampel, wenn es denn gar nicht anders geht. Hier könnte nur eine formale und bindende Festlegung auf dem kommenden Wahlparteitag der FDP, unter keinen Umständen in ein Kabinett Steinmeier einzutreten, eine hinreichend hohe Hürde aufbauen.

    Ich hoffe, daß der Parteitag diese Hürde errichten wird. Denn eine solche Festlegung würde nicht nur sehr wahrscheinlich einen Kanzler Steinmeier verhindern, sondern sie würde auch manchem Wähler, der jetzt zwischen der FDP und der Union schwankt, die Stimmabgabe für die FDP erleichtern.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Der Reichstag. Vom Autor Norbert Aepli unter Creative Commons Attribution 2.5 - Lizenz freigegeben. Ausschnitt. Mit Dank an Gorgasal.

    12. Mai 2009

    Zitate des Tages: Links, links, links. Die Lage nach dem Parteitag der "Grünen". Nebst einer Anmerkung zu Wahlverwandtschaften

    Durchgesetzt in Berlin haben sich die Linken.

    Michael Schlieben gestern im "Tagesspiegel / "Zeit Online" über das Ergebnis des Wahlparteitags der Partei "Die Grünen" am vergangenen Wochenende.


    Welt Online: So links wie jetzt war schon lange mehr kein Regierungsprogramm der SPD, oder?

    Franziska Drohsel: Es ist eine soziale Antwort auf die Probleme der gegenwärtigen Zeit. Im Vergleich mit unserer Politik seit 1998 ist das Wahlprogramm eine Kurskorrektur in die richtige Richtung.


    Die Juso-Vorsitzenden Franziska Drohsel gestern in "Welt-Online" über das Regierungsprogramm der SPD.


    Das Programm ist offenbar derart links, das auch den Linken unter den Linken nichts Linkeres mehr einfällt.

    Thorsten Denkler gestern in "Süddeutsche.de" über den Entwurf für das Wahlprogramm der Partei "Die Linke".

    Kommentar: Wenn denn Wahlprogramme etwas besagen, dann hat es selten in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland drei Parteien gegeben, die besser in einer Koalition zusammenarbeiten könnten, als gegenwärtig die SPD, Die Grünen und die Partei, deren aktueller Name "Die Linke" ist.

    Guido Westerwelle hat es in dem Interview, das ich hier kommentiert habe, treffend gesagt:
    Das Programm von SPD und Grünen unterscheidet sich, von einigen sprachästhetischen Unterschieden abgesehen, nur noch in zwei Punkten von dem der Linken: Auslandseinsätze und Lafontaine. Sonst sind sie praktisch inhaltsgleich.
    Sollte, was zu hoffen ist, nach dem 27. September eine schwarzgelbe Regierung gebildet werden können, dann werden diese drei Linksparteien vier Jahre Zeit haben, sich in der gemeinsamen Opposition so aneinander zu gewöhnen, daß es 2013 einen Wahlkampf zwischen einem Linksbündnis auf der einen und dem bürgerlichen Lager, wie man es so nennt, auf der anderen Seite geben wird. Mit vermutlich Klaus Wowereit als dem Kanzlerkandidaten der Vereinigten Linken; vielleicht auch mit der Kanzlerkandidatin Nahles.

    Verfehlt allerdings Schwarzgelb die Regierungsmehrheit, dann gehen wir unruhigen Zeiten entgegen. So zerstritten, wie die Große Koalition inzwischen ist, kann man sich ein gemeinsames Weitermachen nur schwer vorstellen; zumal mit einer SPD, die nicht nur ungleich weiter links steht als 2005, sondern die noch dazu deutlich weniger Mandate haben wird als die Union. Die also die Rolle des Juniorpartners spielen müßte, statt, wie Müntefering es 2005 formulierte, "auf gleicher Augenhöhe" zu sein.

    Da die FDP im Begriff zu sein scheint, die Ampelkoalition ebenso auszuschließen, wie die Grünen am Wochenende Jamaika ausgeschlossen haben, wird es gleichwohl dann wohl zu einer Fortsetzung der Großen Koalition kommen müssen.

    Aber eine Koalition muß ja nicht vier Jahre halten. Sie wäre wie eine zwar fortbestehende, aber längst zerbrochene Ehe, während zugleich der eine Partner jemanden hat, den er heiß und innig liebt. Irgendwann gibt es dann eine Stunde der Wahrheit, in der, wie in Goethes "Wahlverwandtschaften", sich zusammenfindet, was zusammengehört.



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    18. Februar 2009

    Kurioses, kurz kommentiert: Kanzler Westerwelle? Nebst Zettels Wahlaussage

    Die SPD hat dieses Jahr die besten Chancen, sich weiter an der Regierung zu beteiligen, wenn sie die Flucht in die Offensive antritt und der FDP die Kanzlerschaft anbietet. Westerwelle wird Merkel dann schneller einen Korb geben, als andere bis 18 zählen können. Steinmeier kann Vizekanzler bleiben. Und Klaus Wowereit kann sich warmlaufen für 2013.

    Michael Schlieben heute in "Zeit- Online" in einem als "Glosse" rubrizierten Artikel.

    Kommentar: Mit "Glossen" ist das so eine Sache. Anders als bei einer Satire kann es sein, daß der Autor ernst meint, was er schreibt. Anders als bei einem richtigen Artikel legt er sich aber nicht fest, ob er es denn ernst meint. Kein unpassendes Format für einen Autor, der sich mit den Fakten schon einmal schwertut.

    Wie dem auch sei - natürlich wird Guido Westerwelle, einst im Mai (dem des Jahres 2002) schon einmal "Kanzlerkandidat", so wenig Kanzler werden wie Peter Sodann Bundespräsident.

    Derlei Kurioses wie damals diese Kanidatur hat er hinter sich gelassen, zusammen mit dem Guidomobil und den bemalten Schuhsohlen. Guido Westerwelle ist jetzt seriös geworden; so seriös, daß er nicht mit der Wimper zuckte, als Frank (vormals Frank- Walter) Steinmeier ihn bei der kürzlichen Buchvorstellung an jene Zeit der Allotria erinnerte. Nun ja, man war doch auch einmal jung.

    Also Spaß beiseite. Hinter der von Schlieben an die Wand gepinselten Kuriosität steckt ein ernsthaftes Problem; vielleicht das ernsthafteste der kommenden Wahlen: Was wird, wenn Schwarzgelb die Mehrheit verfehlt?

    Die SPD-Linke wird dann, Steinmeier hin, Müntefering her, die Volksfront versuchen. Sie wird sie versuchen, weil die "Basis" sie ebenso fordern wird, wie sie nach den Wahlen 1998 nach Rotgrün gerufen hat. So laut und so schnell, daß schon in der Wahlnacht die Option einer Großen Koalition, über die Schröder mit Rühe und Schäuble gesprochen hatte, vom Tisch war.

    Ob freilich die SPD-Linke stark genug und ihre Spitze entschlossen genug ist, die Volksfront durchzusetzen, ist eine andere Frage. Wowereit hat Zeit; erst recht kann Andrea Nahles gut bis 2013 warten; warum nicht auch bis 2017. Vielleicht wird also die SPD lange schwanken, wird sie Avancen nach dieser und jener Seite machen, wird sie "Schnittmengen ausloten", wie man das in einer seltsam schiefen Metapher gern nennt.



    Und was dann? Dann wird sie heranschleichen an die FDP, die Versuchung. Darf man Deutschland der Volksfront überlassen? Muß nicht vielmehr die FDP sich für das Gemeinwesen opfern, über ihren Schatten springen, nolens volens in eine Koalition mit Rot und Grün gehen? In Gottes Namen, um Schlimmeres zu verhüten?

    Nein, sie muß nicht. Denn wenn es nicht zu Schwarzgelb reichen sollte, dann wird es zur Fortsetzung der Großen Koalition reichen. Zu einer Koalition, in der CDU und SPD nicht mehr zwei gleichstarke Partner sein würden, sondern in der - falls sich in der Stimmung der Wähler bis zum September nicht noch Dramatisches vollzieht - die CDU der eindeutig stärker Partner wäre.

    Die Große Koalition wäre dann die Alternative zur Volksfront. Es wäre die SPD, die gefordert wäre, um des Gemeinwohls willen in eine Koalition zu gehen, die sich nicht gewollt hat. Und nicht die FDP.

    Viel wird davon abhängen, ob die FDP sich entschließen kann, eine eindeutige Wahlaussage zu machen: Daß sie nur unter Führung der CDU in eine Regierung eintreten wird. Bevorzugt natürlich als deren einziger Partner. Falls das Ergebnis das nicht erlauben sollte, dann unter Einbeziehung der Grünen.

    Wenn die FDP sich so festlegt, dann hat sie am 27. September meine Stimme. Wenn sie in diesem Punkt wackelt, dann werde ich sie nicht wählen. Denn eine Große Koalition unter einer gestärkten Kanzlerin Merkel ist mir entschieden lieber als eine "Ampel" unter dem Kanzler Steinmeier, in der zwei linke Parteien die Richtung vorgeben und in der die FDP allenfalls im Bremserhäuschen hocken würde.



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    31. August 2008

    Marginalie: Bruch der Großen Koalition in Berlin - und was dann?

    Was hier Ende 2007 zu lesen war, könnte jetzt Wirklichkeit werden: Ein konstruktives Mißtrauensvotum mit dem Ziel, im Bund die Vereinigte Linke aus SPD, Grünen und Kommunisten, also eine Regierung der Volksfront, an die Macht zu bringen.

    Was heute "Spiegel- Online" meldet, gibt Anlaß zu dieser Vermutung:
    Die Große Koalition in Berlin steht nach den Worten der Ministerpräsidenten Christian Wulff und Peter Müller auf der Kippe. Lasse sich Andrea Ypsilanti in Hessen mit Links- Stimmen wählen, werde die Union die Zusammenarbeit aufkündigen ... (...). Auch der saarländische Ministerpräsident Peter Müller spricht sich für den Fall einer Zusammenarbeit der SPD mit der Linkspartei in Hessen für eine schnelle Beendigung der großen Koalition aus.
    Diese Äußerungen sind deshalb interessant, weil der Zug in Hessen nach menschlichem Ermessen abgefahren ist. Die Kommunisten haben die Volksfront in der Tolerierungs- Variante abgesegnet. Die Grünen werden zustimmen. Daß es in der hessischen SPD in letzter Minute zu einer Palastrevolte gegen Ypsilanti kommt, ist denkbar, aber unwahrscheinlich. Dazu sind die Dinge zu weit gediehen.

    Also kann diese Warnung der beiden Ministerpräsidenten kaum darauf zielen, die Volksfront in Hessen noch zu verhindern. Sie wird kommen; jedenfalls als Versuch. Dieser mag scheitern, aber das würde wenig ändern. Ein Seitensprung ist ein Seitensprung, auch wenn es mit dem Vollzug nicht ganz klappt.



    Wenn Wulff und Müller sich derart massiv äußern, dann dürften sie folglich davon ausgehen, daß der Fall, vor dem sie warnen, eintreten wird. Also dann auch die Konsequenz, die sie fordern - das Ende der Großen Koalition?

    Die Union könnte angesichts guter Umfrageergebnisse, angesichts des desolaten Zustands der SPD und angesichts einer weiteren Belastung der SPD durch eine Volksfront in Hessen (ob nun nur versucht oder auch erreicht) versucht sein, die Koalition zu verlassen mit dem Ziel, daß es zu Neuwahlen kommt.

    Aber wird es das? Wahrscheinlicher ist es wohl, daß die Union mit einem solchen Schritt eine (vielleicht beabsichtigte) Steilvorlage für ein konstruktives Mißtrauensvotum liefern würde.

    Das hätte für die Parteien der Volksfront die Vorteile, die in dem seinerzeitigen Artikel von Ende 2007 nachzulesen sind: Sie könnte aus der Regierung heraus in den Wahlkampf 2009 ziehen - mit dem Amtsbonus einer Regierung, mit deren Ressourcen. Und sie könnte damit rechnen, daß Wähler sich sagen: Jetzt sind die Linksparteien nun einmal dran; geben wir ihnen also ihre Chance. Nicht schon wieder ein Wechsel.

    Jedenfalls könnten die Strategen der Linken auf eine solche Reaktion spekulieren. Möglich ist freilich auch, daß eine solche Entwicklung vielen Wählern der SPD die Augen dafür öffnet, was aus ihrer Partei geworden ist. Dann könnte die Volksfront eine einjährige Episode bleiben.



    Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    21. Januar 2008

    Zettels Meckerecke: Ein Gesetzentwurf von ungewöhnlicher Unverfrorenheit

    In den Parteien, auch denen der Koalition, gab es bisher unterschiedliche Auffassungen darüber, wie man die Arbeitslosigkeit am besten verringert.

    Jetzt haben sie aber ein Rezept entdeckt, das sie gemeinsam tragen, jedenfalls die Parteien der Koalition. Das betreffende Gesetz, schreibt Nico Fickinger heute in der FAZ, soll Ende der Woche im Bundestag verabschiedet werden. Heute findet dazu eine Anhörung von Fachleuten statt.

    Wie sieht ein Gesetz aus, von dem man mit Sicherheit erwarten kann, daß es die Arbeitslosigkeit senken wird? Elementary, my dear Watson. Es ist ein Gesetz, das Arbeitslose zu Nicht- Arbeitslosen ernennt.

    Wird die jetzige Vorlage Gesetz, dann werden "mindestens 58 Jahre alte Erwerbslose künftig nicht mehr als arbeitslos gelten, falls ihnen innerhalb von zwölf Monaten nach Beginn des Leistungsbezugs keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung angeboten wurde", schreibt Fickinger.

    Das ist ungefähr so, als würde ein Unternehmen seinen Schuldenstand verringern, indem es einfach bestimmte Schulden - sagen wir, die Steurschulden - aus den Verbindlichkeiten herausnimmt.



    Sie können sich nicht vorstellen, daß Union und SPD tatsächlich die Unverfrorenheit haben, auf diese Weise die Arbeitslosigkeits- Statistik zu verbessern? Lesen Sie den Artikel in der FAZ!

    Dieses geplante Gesetz ist ein Skandal, und zwar auf zwei Ebenen.

    Erstens wird eine bestimmte Altersgruppe diskriminiert. Fickinger zitiert dazu aus der Stellungnahme des Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschungs (IAB) für die heutige Anhörung:
    Nach Meinung des IAB verschlechtert die neue Arbeitslosendefinition die Position der mindestens 58 Jahre alten erwerbsfähigen Hilfebedürftigen, da sie "nach Ablauf von 12 Monaten ohne Arbeitsangebot automatisch nicht mehr als arbeitslos gelten sollen, selbst wenn sie erwerbsbereit sind und sich weiterhin arbeitslos melden wollen, zum Beispiel um ihre Chancen auf Förderung zu wahren".
    Ausgerechnet die SPD, die sich mit der Mindestlohn- Kampagne gerade einmal wieder als die Partei der Arbeitnehmer in Erinerung zu bringen trachtet, will es älteren Arbeitslosen zumuten, als nicht arbeitslos eingestuft zu werden, auch wenn sie verzweifelt nach Arbeit suchen. Man kann sich vorstellen, wie motivierend es auf einen 58jährigen Arbeitssuchenden wirkt, wenn ihm künftig von Amts wegen mitgeteilt werden wird, er sei gar nicht arbeitslos, weil er ohnehin kein Chance habe, noch Arbeit zu finden.

    Mit dem Wort "menschenverachtend" wird in unserem politischen Diskurs oft leichtfertig umgegegangen; hier scheint es mir am Platze zu sein.



    Das ist der Skandal auf der sozialpolitischen Ebene. Auf der Ebene der Arbeitsmarkt- Politik besteht der Skandal darin, daß der Begriff der Arbeitslosigkeit neu bestimmt werden soll.

    Nicht mehr, wer keine Arbeit hat, ist nach dem Gesetzesentwurf arbeitslos, sondern nur noch, wer keine Arbeit hat, obwohl Arbeit für ihn da ist.

    Das ist ungefähr so, als würde man als unterernährt nur noch Menschen bezeichnen, die eine hinreichende Aussicht haben, demnächst ausreichend Nahrung angeboten zu bekommen.

    Die Chuzpe, die hinter eine solchen Umdefinition steckt, ist kaum zu fassen. Wenn es zu wenig angebotene Arbeitsplatze gibt, dann reduziert sich nach dieser Defintion wie von Zauberhand auch die Zahl der Arbeitslosen!

    Die Bundesanstalt für Arbeit stellt das unverblümt fest: Trete das Gesetz in Kraft, dann werde letztlich "das Fehlen von Arbeitsplätzen zum Kriterium des Ausschlusses aus der Zählung als Arbeitslose", zitiert Fickinger aus ihrer Stellungnahme.

    Noch soll das nur für die Gruppe der über 58jährigen gelten. Aber ist erst einmal die Definition von Arbeitslosigkeit so geändert, daß der Arbeitslose, dem keine Arbeit angeboten wird, gar nicht arbeitslos ist, dann kann man sie ja leicht generell anwenden, diese Definition.

    Man brauchte dann nur noch darauf zu hoffen, daß in Deutschland auch allen anderen Altersgruppen so wenige Arbeitsplätze angeboten werden wie jetzt den über 58jährigen. Und schon würden wir weltweit an der Spitze der Vollbeschäftigung stehen, mit einer Arbeitslosigkeit von nahe null Prozent.

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    13. Januar 2008

    Randbemerkung: Was steckt hinter dem Konfrontationskurs der SPD-Führung?

    Was sich im Augenblick innerhalb der Berliner Koalition abspielt, das hat es so ähnlich erst zweimal in der Geschichte der Bundesrepublik gegeben:

    Das erste Mal im Oktober 1966, als das Klima zwischen den Koalitionspartnern CDU/CSU und FDP immer eisiger wurde. Am Ende verließ die FDP das Kabinett und erzwang damit den Rücktritt Ludwig Erhards.

    Das zweite Mal herrschte eine solche Stimmung wie jetzt in Berlin in der Endphase der Sozialliberalen Koalition im September 1982. Die damalige Krise endete mit einem konstruktiven Mißtrauensvotum, mit dem Helmut Kohl an Stelle Helmut Schmidts zum Kanzler gewählt wurde.

    Beide Male war immer deutlicher geworden, daß der "Vorrat an Gemeinsamkeiten", wie man damals sagte, innerhalb der jeweiligen Koalition aufgebraucht war. Es gab interne Kritik, es gab Spannungen, die an die Öffentlichkeit drangen. Es gab 1982 das berühmte "Lambsdorff- Papier", in dem der Graf Lambsdorff so schonungslos mit der Regierung abrechnete, als stünde man bereits in gegensätzlichen politischen Lagern.

    Es ging damals ähnlich zu wie in den letzten Wochen einer gescheiterten Ehe. Aber man ging doch immer noch respektvoll miteinander um. So etwas wie jetzt hat es damals nicht gegeben, weder 1966, noch 1982.

    Was prominente Vertreter der Sozialdemokratie im Augenblick gegen ihren Koalitionspartner CDU/CSU veranstalten, stellt alles in den Schatten, was die FDP 1966 gegen Erhard vorgetragen und in die Öffentlichkeit gebracht hat, und 1982 gegen den Kanzler Helmut Schmidt.

    Über den Fraktionsvorsitzenden Struck berichtete Reuters gestern:
    Struck unterstellte Koch, er sei insgeheim froh über den Angriff auf einen Rentner, weil er damit ein Thema für die Landtagswahl am 27. Januar bekommen habe. Eine von der CDU gewünschte Entschuldigung lehnte der Sozialdemokrat mit den Worten ab: "Die kann mich mal."
    Gewiß, es ist Wahlkampf in Hessen. Aber Struck ist kein hessischer Wahlkämpfer, sondern er ist der Vorsitzende einer der beiden Koalitionsfraktionen. Sein Job ist es, die Koalition zusammenzuhalten, nicht Öl ins Feuer zu gießen.

    Dasselbe gilt für den Vizekanzler. Auch Steinmeier drischt in letzter Zeit auf die Partei seiner Kanzlerin ein, als sei die Koalition ein Porzellanladen und er als Elefant in denselben hineinbefördert worden.

    Und nicht auf die Partei seiner Kanzlerin drischt Steinmeier ein, sondern inzwischen auch auf diese selbst. "Vizekanzler keilt gegen Kanzlerin" titelt die SZ. So ist Erich Mende nicht mit Erhard umgegangen und Genscher nicht mit Helmut Schmidt, als sie das Ende der jeweiligen Koalition betrieben.

    Man hat den Eindruck, daß Steinmeier sein Image des bedachtsamen Staatsmanns gegen das eines kämpferischen Kanzlerkandidaten eintauschen will, so schnell es nur geht. Bevor es zu spät ist, sozusagen.



    Wozu zu spät? Wie schnell wird sich wohl entscheiden, wer gegen Merkel antritt? Und wird er in einem Wahlkampf antreten, oder vielleicht als Kandidat eines konstruktiven Mißtrauensvotums?

    Mit anderen Worten: Geht es wirklich nur um den Wahlkampf in Hessen? Ich halte das für sehr unwahrscheinlich.

    Zum einen, weil das, was man der hessischen CDU vorwerfen kann, ja nicht unbedingt just von den drei Personen vorgebracht werden müßte, von denen der Fortbestand der Berliner Koalition abhängt - Struck, Steinmeier und Parteichef Beck, der als dritter der Musketiere degenschwingend durch die Gegend tänzelt, elegant, wie es seine Art ist.

    Zum anderen, weil es nach den Wahlen am 27. Januar sehr gut eine Situation geben kann, in der weder Schwarzgelb noch Rotgrün eine Mehrheit haben. Und für das, was dann passiert, werden jetzt die Weichen gestellt.

    Dann wird es, sieht man von exotischen Ampeln ab, zu entscheiden sein, ob CDU und SPD schweren Herzens zusammengehen, weil es halt sein muß, wie 2005 in Berlin. Oder ob dann Frau Ypsilanti sich ans Kleingedruckte hält und zwar, ihrem Versprechen gemäß, nicht eine "rot-rote" Koalition eingeht, aber eine Volksfront bildet; vielleicht vorerst in Gestalt einer Duldung von Rotgrün durch die Kommunisten.

    Wenn sich eine solche Alternative zwischen einer Großen Koalition und der Volksfront in Hessen nach dem 27. Januar stellen sollte, dann wird es entscheidend auf das Klima zwischen den Parteien ankommen. Was Struck, was Beck und Steinmeier im Augenblick betreiben, ist eine geradezu mutwillige Verschlechterung des Klimas zwischen der SPD und der Union. Nicht nur in Hessen, sondern zwangsläufig auch im Bund.



    Wenn es in Hessen zur Volksfront in der einen oder anderen Gestaltung kommt, dann wird die Krise in Berlin zur Existenzkrise der Koalition werden. Dann braucht die SPD nur noch einen Vorwand, um zusammen mit den Grünen und den Kommunisten die Kanzlerin per konstruktivem Mißtrauensvotum zu stürzen.

    Welche Vorteile das für die SPD gegenüber der Option hätte, bis 2009 in der Großen Koalition zu bleiben, habe ich vor sechs Wochen hier erläutert. Zitat aus diesem Artikel:
    Die Versuchung dürfte also groß sein, es mit einem konstruktiven Mißtrauensvotum zu versuchen. Allerdings muß das gut eingefädelt werden, um nicht als ein Putsch gegen die beliebte Kanzlerin Merkel wahrgenommen zu werden. Dazu müßte die SPD ein Thema finden, ein soziales am besten, das sich zum Bruch der Koalition eignet. Mindestlohn für alle, beispielsweise. Da kann man leicht die Auseinandersetzung so weit treiben, daß man empört die Koalition verlassen kann.
    Zitat aus der SZ von gestern:
    Nach dem Willen von SPD-Politiker Olaf Scholz und seiner Partei soll die Neufassung von zwei Gesetzen die Grundlage für die Einführung von Mindestlöhnen für alle Arbeitnehmer schaffen. In einer internen Unterlage aus dem Arbeitsministerium zu dem Gesetzesvorhaben heißt es: "Mindestlöhne können damit in jeder Branche entweder auf der Grundlage des einen oder des anderen Gesetzes festgelegt werden. Es bleiben keine 'weißen Flecken'."
    Und es bleibt nicht die Koalition mit der Union.

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    30. Juni 2007

    Randbemerkung: Lockerungsübungen. Oder wie man Koalitionen vorbereitet

    Während die Große Koalition sich der Agonie nähert, beginnen beide Seiten mit Lockerungsübungen.

    Wenn politisch umgesteuert werden soll; wenn gar Bündnisse angesteuert werden, die als undenkbar galten, dann ist der erste Schritt immer, eine sozusagen unverbindliche Diskussion zu entfachen. Schön, daß wir einmal darüber reden.

    Was darüber geredet wird, wer was sagt - daß ist zweitrangig. Entscheidend ist, das geneigte Publikum an das Thema zu gewöhnen; seine Gedanken, seine Vorstellungen eben erst einmal zu lockern.



    So haben das die Strategen Genscher und Lambsdorff gemacht, als es 1982 mit der Sozialliberalen Koalition nicht weiterging. Ich erinnere mich an ein Rede Genschers im Bundestag, in der er sinngemäß sagte, man stehe zur Koalition, so wie man früher auch zur Koalition mit der CDU gestanden habe. Die FDP habe mit der SPD gute Politik gemacht, so wie sie früher auch mit der CDU gute Politik gemacht habe.

    Er sprach nicht von einem Bruch der Koalition mit der SPD, bewahre. Aber allein dadurch, daß er die Erinnerung an die frühe Koalition mit der CDU ins Spiel brachte, lockerte er die Gedanken in Bezug auf eine neue derartige Koalition. Erst reden, dann handeln - da ist die Devise bei derartigen politischen Manövern.



    Geredet wird immer gern zum Wochenende. Für die Sonntagszeitungen. Und weil in der nachrichtenarmen Zeit das Gerede von den Journalisten dankbar aufgenommen wird.

    Also redete jetzt Wolfgang Schäuble über ein mögliches Bündnis mit den Grünen. Er preist ihnen dieses Bündnis an wie ein Handy- Anbieter seine Flatrate: "Wenn die Grünen aus ihrer Sicht den bestmöglichen Koalitionspartner suchen, dann kann es nur die Union sein."

    Also redet jetzt in der SPD der Klaus Wowereit, redet die Andrea Nahles.

    Die beiden freilich mit verteilten Rollen. Denn die SPD steckt in einem Dilemma: Die Kommunisten drohen ihr massiv Wählerstimmen wegzunehmen; also muß sich die SPD mit allen Mitteln gegen sie abgrenzen. Andererseits weiß die SPD, daß sie nach Menschenermessen nur in einer Volksfront wieder an die Macht wird kommen können. Also muß sie auch wieder den Weg zu den Kommunisten offenlassen.

    Nahles, die linke Flügelfrau der SPD, hat jetzt die Aufgabe, linke SPD-Wähler bei der Stange zu halten; also wettert sie gegen die Kommunisten, was das Zeug hält. Wowereit, der Chef einer rotroten Koalition, darf andererseits den Boden für die Volksfront bereiten, deren Chef auch im Bund er natürlich gern werden würde.



    Und die Umworbenen?

    Die Kommunisten haben immer klargestellt, daß sie für jede Regierungsbeteiligung zu haben sind. Sie wären andernfalls auch die ersten Kommunisten seit Lenin, die nicht jede Gelegenheit nutzen würden, den Fuß in die Tür zur Macht zu bekommen, und sei es auch nur ein Stückchen.

    Ministerien erobern, dort Genossen einschleusen, hier und da Machtstrukturen aufbauen - das ist das Ziel der Kommunisten in der jetzigen Phase des Kampfs für eine neue DDR.

    Und die Grünen? Von ihnen hört man wenig zur Koalitionsfrage. Sie sind von beiden Seiten umworben, können sich also zieren wie eine Schöne, der zwei hoffnungsvolle Freier den Hof machen.

    Aber sie dürften noch einen anderen Grund zur Zurückhaltung haben: Die Koalitionsfrage könnte sehr wohl die Grünen zerreißen, wenn sie sich erst einmal konkret stellt. Ein Ströbele, ein Trittin in einer Koalition mit Merkel und Schäuble - das ist schwer vorstellbar. Aber auch eine Christine Scheel, einen Fritz Kuhn oder eine Katrin Göring-Eckardt in einer Koalition mit den Kommunisten kann man sich nicht recht vorstellen.

    In Frankreich haben sich immer mal wieder Parteien der Mitte in ihren linken und ihren rechten Teil gespalten. Das geschah vor etlichen Jahren mit der altehrwürdigen liberalen Parti Radical, und es ist jetzt mit der UDF geschehen, deren rechtsliberaler Flügel unter neuem Namen mit Sarkozy zusammenarbeitet, während ihr linksliberaler Flügel, angeführt von François Bayrou, als Mouvement Démocrate in der Opposition ist.

    Die Grünen sind eine Generations- und eine Bewegungspartei. Die Bewegung ist erlahmt, die Generation nähert sich dem Rentenalter. Aus meiner Sicht wäre es nicht schade, wenn diese Partei sich in ihre Komponenten zerlegen würde.

    Liberale wie Scheel, Kuhn, Metzger wären bei der FDP bestens aufgehoben; Leute wie Ströbele und Trittin bei den Kommunisten; die gemäßigten Linken wie Renate Künast bei der SPD. Und wer weiß - christlich Motivierte wie Katrin Göring-Eckardt könnten vielleicht sogar in der CDU ihre politische Heimat finden.

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    19. Juni 2007

    Randbemerkung: Große Koalition - wird die Agonie noch zwei Jahre dauern?

    Dafür, daß niemand sie gewollt hatte, hat diese Große Koalition anfangs ihre Sache ausgezeichnet gemacht.

    Das lag an einer Kanzlerin, die sich als weit bessere Politikerin erwies, als man es ihr zugetraut hatte. Es lag daran, daß sie dadurch ihre innerparteilichen Widersacher, allen voran Friedrich Merz, aus dem Spiel werfen konnte.

    Es war aber auch ein Verdienst der SPD, deren Führung anfangs ernsthaft entschlossen gewesen waren, das Urteil anzunehmem, welches lautete: "Gemeinsam zum Erfolg verurteilt".

    Nur zeigt sich nun, daß der Erfolg dieser Regierung von vielen Wählern - natürlich zu Recht - der CDU zugeschrieben wird.

    Müntefering hat sich von der Ultra- Linken Andrea Nahles demontieren lassen, die vielleicht die erste Bundeskanzlerin der Volksfront werden wird. Nichts rechtfertigte es nach seinem Rücktritt als Vorsitzender der SPD noch, daß er weiter Vizekanzler blieb. Er lebt, was seine Macht angeht, vom guten Willen der SPD.

    Der honorige Demokrat Matthias Platzeck, sein Nachfolger, der mit Angela Merkel vermutlich bestens hätte zusammenarbeiten können, kapitulierte - entnervt; ob man das nun somatisch oder psychisch akzentuieren möchte. Ein Mann, der einmal sinngemäß gesagt hatte, Berufspolitiker werde er nie werden.

    Der ebenfalls honorige Demokrat Kurt Beck hatte nach menschlichem Ermessen den Gipfel dessen, was zu leisten er in der Lage ist, erklommen, als er der Ministerpräsident des schönen Landes Rheinland- Pfalz geworden war. Ihn sich im Kreis von Bush, Sarkozy, Putin vorzustellen übersteigt jedenfalls meine Imagination.



    Halb zog sie ihn, halb sank er hin.

    Die SPD ist ausgezehrt. Sie war nach der Katastrophe des "Rotgrünen Projekts", das der abwegige Versuch einer Restauration der Siebziger Jahre gewesen war, im Jahr 2005 am Ende angelangt, sozusagen sanatoriumsreif. Schröder wußte, warum er sich nach den Wahlen vom Acker machte.

    Aber sie sinkt nicht nur, die SPD. Sie wird auch gezogen; von den Kommunisten. Sie spielen zunehmend die Rolle des "Anwalts des Kleinen Mannes", die traditionell die der SPD ist. Und diese ist hilflos, weil sie, solange sie regiert, sich verantwortlich verhalten muß statt demagogisch.

    Wie desolat die Situation der Koalition inzwischen geworden ist, daß hat Peter Dausend in der "Welt" sehr genau geschildert.



    Was spricht dafür, die Agonie noch zwei Jahre durchzustehen? Was spricht aus der Sicht der SPD, der CDU dafür, ein Ende mit Schrecken dem Schrecken ohne Ende vorzuziehen? Also schon wieder die Verfassung an ihre Grenze zu strapazieren, um einer Regierung ein Ende zu machen, die nicht mehr kann?

    Beide wissen, daß sie bei Neuwahlen nur verlieren können. Ein Scheitern ihrer Koalition würde die FDP, würde vielleicht die Grünen, würde sehr wahrscheinlich die Kommunisten stärken.

    Nun, das könnten beide hinnehmen - wenn sie denn am Ende einigermaßen sicher sein könnten, selbst die Regierung anzuführen.

    Aber die CDU muß fürchten, daß es zusammen mit der FDP nicht reichen wird. Und die SPD ist noch nicht reif für die Volksfront; vielleicht in zwei Jahren.

    Also werden beide durchzuhalten versuchen.

    Die SPD, weil sie diese beiden Jahre braucht, um die Volksfront vorzubereiten. Die CDU, weil sie hoffen kann, daß, sobald sich die Volksfront abzeichnet, dies ihr Wähler aus der Mitte zuführt, so daß es 2009 vielleicht doch zu einer schwarzgelben Mehrheit reichen könnte.

    Denn mit den Kommunisten zu koalieren, ohne daß das vor den Wahlen zumindest als Möglichkeit genannt wird, dürfte für die SPD nicht möglich sein. Hier liegt die Chance der CDU und der Liberalen.

    Es ist nötig, daß in Deutschland endlich eine Diskussion über die Kommunisten geführt wird, so wie sie über die NPD geführt wird. Die Doppelzüngigkeit dieser Partei muß zum Gegenstand des öffentlichen Diskurses werden. Das ist die Chance der CDU, der FDP.

    Wie konnte es zum Beispiel geschehen, daß niemand aus der Union, aus der FDP dazu Stellung nahm, daß Oskar Lafontaine in den französischen Präsidentschafts- Wahlkampf eingriff, um die Kandidatin der Kommunisten zu unterstützen, zusammen mit einem Vertreter der orthodoxen Marxisten- Leninisten Italiens?




    Würden die CDU und die SPD sich dazu durchringen können, ihre gemeinsame Regierung zur Einführung des Mehrheitswahlrechts zu nutzen, dann wäre alles viel einfacher. Aber das wird ja noch nicht einmal diskutiert.

    27. Dezember 2006

    Frau des Jahres

    "Wer ist für Sie die Frau des Jahres?" fragt im Augenblick die Welt.

    Ergebnis nach knapp 10 000 Antworten: Platz 3 mit 11,1 Prozent für Ayaan Hirsi Ali. Auf Platz 2 liegt mit 12,1 Prozent Natascha Kampusch. Siegerin mit großem Abstand (21,2 Prozent) ist die Kanzlerin Angela Merkel.

    Gewiß sind Internet-Umfragen nicht repräsentativ. Aber ein Spitzenpolitiker, der versagt hat, würde auch in einer Internet-Umfrage nicht auf Platz eins landen.

    Angela Merkel ist eine erfolgreiche Kanzlerin, bis jetzt. Nicht nur wegen des Aufschwungs, sondern in meinen Augen vor allem deshalb, weil sie den internationalen Vertrauensverlust, den Schröders schaukelnde Außenpolitik mit sich gebracht hatte, nicht nur gestoppt hat, sondern sogar Deutschland eine starke Position zurückgewinnen konnte. Langfristig eine entscheidende Voraussetzung auch für wirtschaftlichen Erfolg.



    Es gab kürzlich hier eine interessante Diskussion über die Bilanz der Kanzlerin nach einem Jahr. Meine eigene, positive Bewertung fand nicht viel Zustimmung bei den Kommentatoren.

    Ich kann das auch nachvollziehen, weil die Kanzlerin eindeutig nicht die Politik macht, die sie im Wahlkampf in Aussicht gestellt hatte.

    Die Frage ist nur, warum. Ein kluger Kommentator, Boche, hat die Alternativen in der zitierten Diskussion präzise genannt: "Du glaubst, dass Merkel ganz anders würde, wenn sie könnte. Ich glaube, sie macht prinzipiell sozialdemokratische Politik, weil sie ihre liberalen Vorwahl-Ausflüge nie ernst gemeint oder vielleicht auch nicht verstanden hat."

    In der Tat - es ist eine Frage der subjektiven Bewertung, wie man die Diskrepanz zwischen dem, was die Wahlkämpferin Merkel vermittelte und dem, was die Kanzlerin der Großen Koalition tut, interpretiert. Meine Sicht ist, daß die Kanzlerin - als Naturwissenschaftlerin - gelernt hat, Daten nüchtern zu bewerten und aus ihnen die Folgerungen zu ziehen, die sie nahelegen oder vielleicht gar erzwingen.

    Sie ist meines Erachtens klug genug, um zu sehen, daß jede Spielart des Sozialismus, auch die sozialdemokratische, nur zu mehr Armut und mehr Unfreiheit führen kann. Aber sie ist - denke ich - eben auch nüchtern genug, aus dem Wahlergebnis 2005 die erforderlichen Konsequenzen zu ziehen: Selbst bei diesen Wahlen in einer Situation, in der Rotgrün so bankrott gegangen war, wie eine Regierung überhaupt nur bankrott gehen kann, reichte es nicht für eine bürgerlich-liberale Mehrheit.

    Das hatte, wahlstatistisch betrachtet, zwei simple Gründe: Erstens wählen nicht nur die Westdeutschen, sondern auch die Bürger der Neuen Länder. Zweitens haben wir das Frauenwahlrecht. Bei den Westdeutschen, bei den Männern hatte Schwarzgelb 2005 die Mehrheit. Bei den Ostdeutschen, bei den Frauen hatte - das muß man auch realistisch sehen - eine Volksfrontregierung aus SPD, Grünen und Kommunisten die Mehrheit.

    Politologisch betrachtet, lag ein wesentlicher Grund für das schlechte Abschneiden der CDU darin, daß sie ihren Wahlkampf weitgehend auf dieselben Wählergruppen abstellte wie die FDP.

    Das hat - in meiner subjektiven Sicht - der persönlichen politischen Haltung von Angela Merkel entsprochen. Aber es war, wahlstrategisch, eine Eselei. Zwei potentielle Koalitionspartner sollten so wenig, wie das nur irgend geht, um dieselben Wähler konkurrieren.



    Auch die jetzigen Umfragen ergeben in der Regel keine absolute Mehrheit für eine Regierung aus CDU und FDP. Eine solche Mehrheit (von der ich überzeugt bin, daß Angela Merkel sie will) ist nur zu bekommen, wenn die CDU ihre soziale Tradition pflegt (die sie ja immer hatte) und dabei in Kauf nimmt, daß liberale Wähler zur FDP abwandern.

    Eine sich liberal akzentuierende CDU, die im selben Revier Wählerstimmen jagt wie die FDP - das wäre das sicherste Mittel, die Wahlen 2009 zu verlieren.

    Das, denke ich, hat die Kanzlerin kühl analysiert. Und sich dabei nicht nur ihres naturwissenschaftlich geschulten Verstands bedient, sondern auch der Erfahrungen, die sie als Schülerin Helmut Kohls gemacht hat.

    Wenn sie jetzt weniger liberal auftritt als im Wahlkampf, dann liegt das also zwar offenkundig und vordergründig daran, daß sie nun einmal einer zur Hälfte sozialdemokratischen Regierung vorsteht. Aber ich denke, es ist auch eine strategische Entscheidung, die traditionelle Bandbreite der CDU nicht zu verengen. Es ist ja wenig erquicklich, das Richtige zu verkünden, wenn man es nicht auch durchsetzen kann.

    23. November 2006

    Deutschland im Herbst. Oder: Die VerSPIEGELte Presse

    Mal ehrlich - wer hätte damit gerechnet, daß Deutschland nach einem Jahr Großer Koalition so gut dastehen würde?

    Außenpolitisch haben wir wieder Gewicht; die antiamerikanische Politik der Rotgrünen ist Vergangenheit. Die Achse Moskau-Berlin-Paris liegt, vor sich hinrostend, auf dem Schrotthaufen der Geschichte. Innerhalb eines Jahres hat die Kanzlerin ein internationales Ansehen gewonnen, wie es selbst Helmut Schmidt und Helmut Kohl erst im Lauf von Jahren ihrer Kanzlerschaft hatten erreichen können.

    Die Wirtschaft boomt. Die Arbeitslosigkeit sinkt. Der Haushalt ist nach Jahren erstmals wieder verfassungsgemäß. Die Kriterien von Maastricht werden wieder erfüllt.

    Ohne die Großkotzigkeit der Schröder-Regierungen, ohne die immer wieder "nachgebesserten" Gesetze, ohne die ständig korrigierten unsoliden Prognosen, ohne windige Schlagworte à la "Agenda 2010", ohne diese ganze Schaumschlägerei, die Rotgrün kennzeichnete, arbeitet die jetzige Regierung zurückhaltend, solide und erfolgreich. Die Kanzlerin prägt mit ihrer Persönlichkeit diesen Arbeitsstil.



    Gewiß, wir haben nun einmal keine liberalkonservative Regierung, sondern eine schwarzrote. Also gibt es manches, das wie eine Fortsetzung der rotgrünen Restaurationszeit anmutet, dieses nachgerade gespenstischen Versuchs altgewordener Linker, ihre Jugendträume aus den siebziger Jahren als Sechzigjährige in die Tat umzusetzen.

    Der bisher schlimmste Rückfall dieser Art war das unsägliche Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, das man im Grund nur mit einem difficile satiram non scribere kommentieren kann. Auch die Gesundheitsreform trägt diese rotgrüne "Handschrift"; obwohl sie zugleich auch diejenige der CDU trägt. Ob ein solches seltsames Palimpsest überhaupt realitätsfähig ist, bleibt abzuwarten. Ich glaube es eher nicht.



    Aber abgesehen von solchen Rückfällen und Einschränkungen hätten wir Deutsche doch jeden Grund, aufzuatmen und uns zu freuen. Der Mehltau ist weggeblasen. Deutschland ist erkennbar dabei, in die Gegenwart zurückzukehren, die Realitäten der Dritten Technologischen Revolution, der Globalisierung, der weltweiten Deregulierung und Liberalisierung zur Kenntnis zu nehmen und sich darauf einzustellen. Überall wird Deutschland reformiert; manchmal fast unter Ausschluß der Öffentlichkeit, wie bei der größten Universitätsreform in der Deutschen Geschichte, der allgemeinen Einführung der Bachelor-Studiengänge, die gegenwärtig stattfindet.

    Nur, was tun die Deutschen? (Nein, nicht die Deutschen; aber doch ein erschreckend großer Teil unseres Volks): Sie motzen. Sie verweigern dieser erfolgreichen Regierung ihre Zustimmung. Ja, gewisse Umfragen werden sogar so interpretiert, daß eine Mehrheit das Vertrauen in die Demokratie verloren habe.

    Quer durch die Medien wird das mit moroser Bedenklichkeit kommentiert. Politikverdrossenheit wird mal wieder konstatiert, unsere Zukunft wird in Frage gestellt.



    Berechtigterweise? Nein, gewiß nicht. Aber alle diese düsteren Kommentare sollten schon ernstgenommen werden. Nicht, weil sie berechtigter Ausdruck einer angeblichen deutschen Misere wären. Sondern weil sie eine ihrer wesentlichen Ursachen sind.

    In unseren Medien hat sich in den vergangenen Jahrzehnten das abgespielt, was ich ihre VerSPIEGELung nennen möchte.

    Eine Demokratie braucht eine investigative, eine gnadenlos alle Mängel aufdeckende Presse. Sie braucht auch eine Presse, die das Bestehende radikal in Frage stellt, die den Herrschenden nicht ihre Selbstrechtfertigungen und den Dummen nicht ihre Sottisen glaubt.

    Diese Rolle hat in der Bundesrepublik der SPIEGEL gespielt; seit ihrem Bestehen. Er hat sie hervorragend gespielt. Rudolf Augstein hat sein Blatt zu Recht einmal das "Sturmgeschütz der Demokratie" genannt.

    Was ein Lob ist; aber ja doch ein sehr selbstkritisches Selbstlob. Eine Presse, die in ihrer Gesamtheit aus Sturmgeschützen besteht, würde den demokratischen Rechtsstaat schnell in Schutt und Asche schießen.

    Also: Einen SPIEGEL brauchte die Bundesrepublik, sie brauchte ihn dringend. Kein Presseorgan hat sich um die deutsche Demokratie so verdient gemacht. Aber eine Presse, die durchweg investigativ, erbarmungslos kritisch, nur aufs Aufdecken von Mängeln gerichtet ist - die ist alles andere als der Demokratie zuträglich.

    In diese Richtung aber hat sich die deutsche Presse entwickelt. Investigativ sind sie heute alle, vom Stern über die taz bis zur FAZ. Von den "politischen Magazinen" im öffentlich-rechtlichen TV ganz zu schweigen, die von Anfang an so konzipiert gewesen waren; ein deutsches Unikum.

    Auch kritisch, nicht selten ätzend kritisch, sind sie alle. Selbst die Zeit, unter Bucerius und der Gräfin von angelsächsischer Fairness, stimmt heute oft ein ins Konzert der, nennen wir sie so: Pankritiker, also der die schlechte Wirklichkeit schlechthin Bejammernden, ein.



    Warum? Nun, only bad news is good news; das ist sicher ein wichtiges Motiv. Der Wettbewerb ist härter geworden. Neid ist das vermutlich stärkste Motiv von sehr vielen Menschen. Das Aufdecken von Durchstechereien, von Intrigen und von Versuchen Mächtiger, sich ungerechtfertigt zu bereichern - das ist ein sicheres Mittel, Leser zu finden, Quote zu machen. Es war früher das Alleinstellungsmerkmal des SPIEGEL und, auf einer anderen Ebene, der Boulevardpresse. Heute ist es das Erfolgsrezept eines großen Teils aller Medien.

    Aber natürlich kann die Presse nicht eine Unzufriedenheit erzeugen, wenn es dafür nicht eine reale Basis gibt. Viele Menschen in Deutschland, wie viele Menschen in ganz Westeuropa, haben Angst. Sie sind zu Recht beunruhigt, denn wir befinden uns nun einmal in einer historischen Situation, in der wir Westeuropäer es viel schwerer haben werden, als wir es in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hatten, unserem Goldenen Zeitalter.

    Wir vergreisen, wir sehen uns zunehmend mächtiger wirtschaftlicher Konkurrenz gegenüber, wir müssen mit Einwanderung zurechtkommen. Wir schienen den Reichtum gepachtet zu haben, und nun müssen wir ihn nicht nur mit der ganzen Welt teilen, sondern es besteht die reale Gefahr, daß wir ärmer werden. Wir sind nicht mehr besser als die anderen, und bald werden wir vielleicht viel schlechter sein.

    Die Angst vor einer derartigen Entwicklung versuchen viele Menschen an Personen festzumachen, an Institutionen; sie irgendwie zu konkretisieren.

    Sie versuchen, ihre Angst zu beherrschen, indem sie ihr Namen und Bilder zuordnen. Indem sie sie auf das Versagen bestimmter Parteien, auf die Schlechtigkeit der "politischen Klasse", auf die "Gier" der Manager und dergleichen zurückführen. So, wie unsere Vorfahren Dämonen oder den Teufel für das verantwortlich gemacht haben, dem sie sich ausgeliefert fühlten und das sie anders nicht begreifen konnten.

    Man muß also realistisch sein. In gewissem Umfang müssen wir mit einer negativen Grundstimmung vieler Deutscher leben; auch wenn wir - hoffentlich - 2009 eine liberalkonservative Regierung bekommen, die, wenn sie über mehrere Legislaturperioden Bestand haben sollte, Deutschland wieder ganz nach vorn bringen könnte. Eine neue Adenauerzeit, eine neue Kohl-Epoche ist durchaus möglich.



    Es sei denn, daß diese negative Grundstimmung uns 2009 eine Linksregierung beschert; bestehend aus der SPD mit den Grünen und/oder der PDS.

    Dann allerdings müßten auch diejenigen, die wie ich Optimisten sind, wohl ihre Position korrigieren. Eine erneute Linksregierung könnte Deutschland wahrscheinlich nicht überstehen, ohne daß wirklich der Niedergang eintritt, den jetzt viele fürchten.

    Aber noch bin ich Optimist. Bei Wahlen geht es ja immer nur um einen Swing von ein paar Prozent. 2005 waren es ein paar Prozent Dumme, die sich mit dem Gespenst des "Professors aus Heidelberg" schrecken ließen. Warum sollten es 2009 nicht ein paar Prozent Intelligente sein, deren Herz zwar links schlägt, die aber bereit sind, die Realität zur Kenntnis zu nehmen und die deshalb, sagen wir, liberal wählen?