Posts mit dem Label Jugendgewalt werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Jugendgewalt werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

8. Januar 2009

Zettels Meckerecke: Die "einzigartig starken" 68er und die Leiharbeiter. Phantasien zu Krawallen von Jugendlichen

Das folgende sind die letzten Sätze eines Artikels von Michael Schlieben in "Zeit Online" mit dem Titel "Generation Krise". Der Artikel, vorgestern erschienen, gehört zu einem Dossier "Jugend in Aufruhr", in dem Mitarbeiter von "Zeit Online" sich mit tatsächlichen oder möglichen Jugend- Unruhen in diversen Ländern befassen:
Schon die 68er waren einzigartig stark, weil sich Studenten und Schüler mit Arbeitslosen und Leiharbeitern solidarisierten – und umgekehrt. Diese Mischung war es auch, die in Italien den "Marsch auf Rom" erst ermöglichte.
An dieser Textpassage ist so ungefähr alles falsch.

Erstens konnten sich Schüler und Studenten im Jahr 1968 schon deshalb nicht mit Leiharbeitern solidarisieren, weil es diese noch gar nicht gab. Die Leiharbeit wurde in Deutschland erst am 1.8.1972 eingeführt.

Zweitens dürften die Schüler und Studenten Schwierigkeiten gehabt haben, die Arbeitslosen zu finden, mit denen sie sich laut Autor Schlieben "solidarisierten". Im Jahr 1968 gab es in der Bundesrepublik genau 323.480 Arbeitslose; das waren 1,5 Prozent. Im Jahr 1969 sank die Arbeitslosen- Quote auf 0,9 Prozent (178.579 Personen).

Drittens: Selbst wenn es damals schon Leiharbeit gegeben hätte und wenn eine nennenswerte Zahl von Personen arbeitslos gewesen wäre - nichts lag den rebellierenden Studenten ferner, als sich mit solchen Leuten zu "solidarisieren". Und schon gar nicht dachten Arbeiter daran, sich mit den Studenten zu solidarisieren.

In Frankreich war das etwas anders; da gab es - vermittelt vor allem über den Transmissionsriemen der PCF und anderer kommunistischer Organisationen - den Versuch, so etwas wie eine Gemeinsamkeit zwischen Studenten und Arbeitern herzustellen. Mit geringem Erfolg; aber man versuchte es immerhin.

In Deutschland konnte davon keine Rede sein. Die Proteste richteten sich gegen den Vietnamkrieg, gegen die Verhältnisse an den Hochschulen, dann gegen die "Springer- Presse" und allgemein gegen "das Establishment" und den "Konsumterror".

Themen wie Arbeitslosigkeit spielten nicht die geringste Rolle. Erst Anfang der siebziger Jahre, als die K-Gruppen entstanden, versuchte man (vergeblich), "Arbeiter zu agitieren".



Ist es Beckmesserei, wenn ich das richtigstelle? Mag sein, aber ich halte es für nötig.

Erstens, weil hinter solchen Schnitzern ein mangelndes Verständnis für das steckt, was sich in den Jahren 1968/1969 abgespielt hat: Eine Kulturrevolution, eine Rebellion vieler aus der jungen Generation gegen die Werte ihrer Eltern, mit denen sie, in wachsendem Wohlstand und im Frieden aufgewachsen, nichts mehr anfangen konnten. Ich habe das in einer autobiographisch gefärbten Serie zu beschreiben versucht.

Zweitens, weil die zitierte Passage bezeichnend ist für den ganzen Artikel, und dieser wiederum repräsentativ ist für das Klischee, mit dem solche Jugend- Krawalle gern erklärt werden: Irgend etwas ist sozial schief gelaufen; die Jugendlichen sind ergo frustiert ("perspektivlos"), und aus dieser traurigen Situation heraus protestieren sie, greifen gar zur Gewalt:
Denn natürlich sind es nicht verängstigte Supergebildete, die immer zorniger werden. (...) Immer mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland wachsen in kümmerlichen Verhältnissen auf und haben immer weniger Chancen da rauszukommen.
So Schlieben; und er zitiert zustimmend Wilhelm Heitmeyer: "Nichts steigere die Wut so sehr wie das anhaltende Gefühl der Ohnmacht und das Gefühl, ohnehin nichts zu verlieren zu haben".

Natürlich können dies Ursachen für Protest und Gewalt sein; aber die Regel ist es keineswegs. Meist stecken hinter solchen Krawallen - so auch kürzlich in Griechenland - andere Ursachen und andere Motive.

Schlieben erwähnt in seinem Artikel als Belege für zunehmende "Jugendproteste" in Deutschland die Krawalle von Heiligendamm im Juni 2007. Aber deren Ursachen waren doch nicht Perspektivlosigkeit oder kümmerliche Verhältnisse, sondern die Wut von Linksextremen auf die Führung der G8-Staaten, die für "Neoliberalismus" und "Globalisierung" verantwortlich gemacht werden.

Als weiteres Beispiel nennt Schlieben die kürzlichen Krawalle an der Berliner Humboldt-Universität. Aber auch da ging es nicht um Ohnmacht oder kümmerliche Lebensverhältnisse; sondern es handelte sich um eine von kommunistischen Organisationen vorbereitete und gesteuerte Aktion mit Parolen wie: "Neugestaltung der Lehrpläne und der Bildungsdauer bis zum Abitur unter demokratischer Einbeziehung und Entscheidung durch SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern".

Nicht eben eine Parole für diejenigen, die "ohnehin nichts zu verlieren haben".

Bei solchen Aktionen wird linksextreme Politik mit Hilfe der Straße zu machen versucht; da geht es darum, Schüler "anzupolitisieren", um sie für die eigene Jugendorganisation zu gewinnen. In anderen Fällen - wie bei den Pariser Krawallen im März 2007 - sind es kriminelle Elemente, die sich in Randale, im Zündeln und in Attacken auf die Polizei üben.



Warum ist das Klischee von den armen Jugendlichen so weit verbreitet, die aus einer verzweifelten Situation heraus zu Protest und Gewalt greifen?

Ich weiß es nicht. Vielleicht steckt die marxistische Vorstellung dahinter, daß sich in derartiger Randale immer Klassenkämpfe manifestieren. Vielleicht liegt es an der sozialtherapeutischen Denkweise, die bei solchen Vorkommnissen die Schuld selten bei den Tätern sucht, stets aber bei "der Gesellschaft".

Vielleicht ist es auch schlicht gedankliche Trägheit. Was schon die Französische Revolution erklärt hat - daß die ausgebeuteten Armen in ihrer Verzweiflung zur Gewalt gegriffen hätten - , warum soll sich das nicht, ohne weiteres Nachdenken und weitere Analyse, auf jeden beliebigen derartigen Gewaltausbruch übertragen lassen?



Den letzten zitierten Satz habe ich leider überhaupt nicht verstanden: "Diese Mischung war es auch, die in Italien den 'Marsch auf Rom' erst ermöglichte". Schlieben meint doch nicht etwa Mussolini?



Für Kommentare bitte hier klicken.

12. Dezember 2008

Was ist eigentlich in Griechenland los?

Erinnern Sie sich bitte einen Augenblick an Ihre Schulzeit: Bei welchen Lehrern benahmen sich die Schüler schlecht, waren aggressiv, attackierten andere Schüler, vielleicht gar den Lehrer?

Natürlich bei schwachen Lehrern. Bei denjenigen, die sich scheuten - die vor allem, als sie neu in die Klasse kamen, verabsäumt hatten -, sich Autorität zu verschaffen. Lehrer überwiegend, die zu den Schülern freundlich und nett waren, die sie fördern und die ihnen helfen wollten.

Die bekamen es ab. Nicht aber die fiesen Lehrer, die Autorität hatten. Erst recht nicht die strengen, die zugleich einen guten Unterricht machten.



Jugendliche - viele Jugendliche jedenfalls - mögen die Randale. Nicht immer, vielleicht nicht heftig. Aber gemeinsam Krawall zu machen, seine Stärke zu demonstrieren, Regeln zu ignorieren, es der Autorität zu zeigen - das ist nun einmal ein Bedürfnis; ein vermutlich evolutionär sehr altes Bedürfnis von Heranwachsenden, die um ihren Platz in der Hierarchie kämpfen wollen.

Meist gelingt es den Autoritäten, das im Zaum zu halten, es vielleicht sogar in positive Bahnen zu lenken; es zu sportlichem Verhalten werden zu lassen, beispielswiese.

Mitunter mißlingt es. Dann gibt es Horden von Hooligans, von Autonomen, von Neonazis, von Antifas, von "protestierenden Studenten". Manchmal wird eine ganze Epoche von derartigen Leuten geprägt, wie die Jahre am Ende der Sechziger, als diese Aggressivität, diese Respektlosigkeit von Jugendlichen zu einer weltweiten Bewegung wurde. Ich habe sie erlebt und in einer Serie in diesem Blog zu rekonstruieren versucht.

Fehlten es diesen Studenten in Berlin und Paris, diesen pöbelnden und prügelnden "Roten Garden" in Peking damals an einer "Perspektive"? Litten sie unter Arbeitslosigkeit oder drohte ihnen diese?

Keine Spur. Ganz im Gegenteil. Sie waren die erste Generation seit Jahrzehnten, die in Frieden und wachsendem Wohlstand aufgewachsen war. Wer damals studierte, dem war , wenn er seinen Abschluß schaffte, eine gut bezahlte Position so gut wie sicher. Den Protestierenden ging es so gut wie kaum einer Generation zuvor.

Ihr Aufstand resultierte nicht daraus, daß sie zu leiden hatten, sondern daß sie in ihrem Leben ungleich weniger zu leiden gehabt hatten als die Generationen ihrer Eltern und Großeltern. Mit deren strenger, aus der Härte ihres Lebens entstandenen Moral konnten sie nichts mehr anfangen. Sie wollten Spaß; sie wollten "alles, und zwar sofort", wie ein Parole des Mai '68 in Paris lautete.

Und zum Spaß gehörte es, über die Stränge zu schlagen, die Autoritäten herauszufordern. Steine zu werfen, sich mit der Polizei zu prügeln. Zoff haben ist geil.

Manche heutige Hooligans sind regelrecht süchtig nach dieser Art von Erleben und kommen ohne die wöchentliche Schlacht mit anderen Hooligans so wenig aus wie der Junkie ohne seinen Schuß. Auch damals, zwischen 1967 und 1969, herrschte an vielen Unis ein Klima ständigen High- Seins. Meist ganz ohne Drogen; das Adrenalin kam aus der ständigen Aufgeregtheit, der Spannung, den "Kämpfen" (die sich freilich meist darin erschöpften, Professoren und Andersdenkende niederzuschreien).



Und jetzt in Griechenland? Die Leitmedien bieten uns fast unisono dieselbe Erklärung für die Straßenschlachten an, die Jugendliche seit einer Woche veranstalten: Das Klischee, das jedem einfällt, der null Ahnung von der tatsächlichen Lage hat. Wie es der "Stern" im Vorspann zu einem Artikel von Niels Kruse formulierte:
In dem Land ist eine ganze Generation zutiefst enttäuscht, ausgegrenzt, perspektivlos. Auf den Straßen Athens entlädt sich nun ihre Wut.
Im Artikel selbst erfährt man dann freilich wenig über Ausgrenzung und Enttäuschung, aber viel von den Personen, die Randale machen:
Exarchia im Zentrum Athens ... ist eine Nummer härter als Berlin- Kreuzberg oder Malasana in Madrid: Schon seit vielen Jahren gilt das Quartier als "verbotene Stadt" für die Polizei. (...)

Mitten in der griechischen Hauptstadt regieren die Autonomen. Aber auch Drogenbanden. Es ist eine Art Deal, den die Polizei mit den Gruppen geschlossen hat: "Wir lassen Euch hier in Ruhe, dafür lasst ihr den Rest der Stadt in Ruhe", sagt ein Bereitschaftspolizist.
Das ist ein Milieu, das nur auf einen Anlaß für Randale wartet. Der unglückliche Tod eines Jugendlichen - offenbar traf ihn ein Querschläger; daß ein Polizist ihn absichtlich erschossen hat, ist durch nichts belegt - war ein willkommener Anlaß dazu. Der schwache Staat lädt zum Krawallmachen ein; so, wie der schwache Lehrer die Schüler dazu einlädt, ihn zu quälen.

Hinzu kommen politische Auseinandersetzungen in Griechenland. Es hat dieselben Probleme wie das restliche Europa; größtenteils heftiger, weil die Produktivität geringer und die Anspruchshaltung der Bevölkerung in Relation dazu höher ist. Wegen der von der Regierung geplanten Rentenreform, wegen ihrer Ansicht nach zu geringen Löhnen hatten Gewerkschaften für den vorgestrigen Mittwoch einen Generalstreik geplant; schon lange vor dem Tod des Jugendlichen, der die Krawalle auslöste.

Kein "Aufstand der Jugend" also. Schon gar nicht hat Griechenland eine schlechte Regierung. Es hat im Gegenteil eine Regierung, die noch immer mit dem zu kämpfen hat, was vorausgehende sozialistische Pasok- Regierungen den Griechen eingebrockt haben.



Darüber kann man Informatives in der heutigen FAZ lesen. Im Interview mit Michael Martens beschreibt dort der Athener Soziologe Michael Kelpanides, Professor an der Aristoteles- Universität, die Lage in seinem Land.

In der Tat, sagt Kelpanides in diesem sehr lesenswerten Interview, sieht es an den griechischen Universitäten schlecht aus. Aber das ist nicht Schuld der jetzigen konservativen Regierung, sondern wesentlich das Ergebnis einer "Reform", die von der linken Pasok 1982 durchgesetzt wurde. Kelpanides:
Das Gesetz von 1982 hat die Lehrstühle abgeschafft und Fachbereichsorganisation eingeführt. Es hat die Habilitation abgeschafft und faktisch die Berufung zu einer fast beamtenrechtlichen Beförderung degradiert. Es entstand ein System, dass die Konkurrenz praktisch ausschaltete. (...)

Die Jüngeren, die nun ohne externe Konkurrenz mit der etablierten Automatik der Beamtenbeförderung mit praktischer Gewissheit die nächsten Stufen hinaufsteigen werden, wollen natürlich nichts von der Änderung und dem Verlust ihrer Privilegien hören. (...) Ich halte diese Abschaffung der Konkurrenz an den Hochschulen für eine gravierende Entwicklung, die sich langfristig verheerend auf die Qualität der griechischen Hochschulen auswirken wird.
Nicht besser steht es aus der Sicht von Kelpanides bei den Schulen, wo der Unterricht so schlecht sei, daß die meisten Schüler nachmittags Nachhilfe bekommen. Von Lehrern, die dadurch ein zweites Gehalt haben.

Mißstände gibt es also in Griechenland. Aber sie haben wenig, vermutlich gar nichts mit den jetzigen Krawallen zu tun. Kelpanides:
An den Aktionen, den Plünderungen, den Raubüberfällen und der sinnlosen Zerstörung wird evident, dass es sich um dumpfe, unartikulierte Gewalt einer unpolitischen Masse handelt, die von wenigen linksradikalen Sympathisanten der Terroristenorganisation "17. November" angeführt wird. (...) Insgesamt handelt es sich aber um eine kleine Minderheit.
Solche lautstarken, gewalttätigen Minderheiten bringen es oft fertig, sich als Sachwalter einer Mehrheit darzustellen. Vor allem im Ausland wird das gern so gesehen. "Vor allem Schüler und Studenten gehen auf die Straße. Die wenigsten gehören zur radikalen, autonomen Szene. Eine ganze Generation begehrt auf", behauptete zum Beispiel heute die "Deutsche Welle".

Nein, keine Generation begehrt in Griechenland auf. So wenig, wie die Rostocker Krawalle anläßlich des G-8-Gipfels in Heiligendamm eine Aktion "der deutschen Jugend" waren. So wenig, wie in Frankreich die Brandstiftungen und Plünderungen durch kriminelle Banden das Werk "der Jugend der Vorstädte" gewesen sind.



Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Foto des Eingangs zur Akropolis, vom Urheber MM für die Public Domain freigegeben.

23. Januar 2008

Zitat des Tages: "Die fangen Sie nicht mehr ein"

Das sind verwahrloste, im Kopf verwahrloste Menschen. Die fangen Sie nicht mehr ein. (...) Die bessern Sie auch durch das Wegschließen nicht mehr.

Wer sagte das über jugendliche Intensivtäter? Ein erzkonservativer amerikanischer Vertreter von zero tolerance? Ein CDU- Wahlkämpfer in Hessen? Nein. Das sagte gestern im Sender Phoenix in der "Phoenix-Runde" der Bezirksbürgermeister von Berlin- Neukölln, Heinz Buschkowsky (SPD).

Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

15. Januar 2008

Marginalie: Eine "explodierende Diskussion". Die Wiederkehr des Verdrängten

Wahrscheinlich überschätzen viele Deutsche den Anteil von Ausländern und Einwanderern an der hiesigen Kriminalität, vor allem der Gewaltkriminalität Jugendlicher.

Überschätzen? Ja, wieso denn? Wie kann das sein, wo doch unsere Medien sich immer große Mühe gegeben haben, diese Kriminalität nicht hochzuspielen? Wo doch Politiker sich gehütet haben, sie zu thematisieren? Sich davor jedenfalls gehütet haben, bis es zu der jetzigen, wie es Stefanie Galla in einem lesenswerten Artikel treffend nennt, "explodierenden Diskussion" gekommen ist?

Wie kann es sein, daß die Menschen etwas überschätzen, was ihnen doch so wenig nahegebracht oder gar aufgedrängt wurde?

Ja eben. Sie überschätzen diese Kriminalität - behaupte ich; Zahlen sind mir nicht bekannt -, gerade weil darüber nicht so ausführlich, nicht so detailliert berichtet wird, jedenfalls bisher wurde, wie beispielsweise über die ähnliche Kriminalität rechtsextremer Gewalttäter.

Denn es gibt keinen besseren Nährboden für Gerüchte als den Eindruck, daß man über ein Thema nicht ehrlich informiert wird.

1947 führten die Harvard- Psychologen Gordon Allport und Leo Postman eine klassische Untersuchung zur Ausbreitung von Gerüchten durch, insbesondere in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Ihre Ergebnisse besagten, daß Gerüchte umso stärker sind, je mehr das Thema als wichtig wahrgenommen wird - und je mehr man sich über die Fakten im Unsicheren gelassen fühlt (ambiguity).



Hand aufs Herz, ist es Ihnen auch schon so gegangen? Sie lesen im Lokalteil Ihrer Zeitung von einer Messerstecherei, vom Überfall von Jugendlichen auf einen Erwachsenen. Alle möglichen Einzelheiten stehen in der Meldung. Nur nicht, ob die Täter oder Verdächtigen Ausländer oder ausländische Herkunft waren. Dann fängt man an zu rätseln, nicht wahr? Sucht nach versteckten Hinweisen.

Manchmal kann man erfolgreich zwischen den Zeilen lesen. Unsere lokale Zeitung macht es sich oft einfach, indem sie die Namen ermittelter Tatverdächtiger zwar durch Pseudonyme ersetzt, diese aber zum Schlüssel macht. Da steht dann "Ali X. (Name geändert)" oder "Sergej Y. (Name geändert)"; dergleichen.

Ist das nicht unwürdig, daß der Leser, als lebten wir in einem unfreien Land, zwischen den Zeilen lesen, daß die Zeitungen zwischen den Zeilen schreiben müssen, weil die schlichte Berichterstattung anstößig wäre?

Verboten ja nicht, aber eben anstößig. Anstößig sogar in einem gewissermaßen halboffiziellen Sinn, denn es gibt da die Richtlinie 12.1 des Deutschen Presserats (vollständiger Text als PDF-Datei hier):
In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründeter Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber schutzbedürftigen Gruppen schüren könnte.
Gut gemeint, zweifellos. Nur ist es eben eine - wenn auch freiwillige - Einschränkung der unzensierten Berichterstattung, die der Leser, die der Zuschauer erwartet.

Man teilt ihm mit, ob eine Gewalttat mit dem Messer oder mit einem Schlageisen begangen wurde, ob sie vor einer Diskothek oder an einer Haltestelle geschah, wie alt das Opfer war und so fort. Und das, was ihn doch logischerweise auch interessiert, wird ihm bewußt vorenthalten - zu welcher Gruppe denn der Täter oder der Tatverdächtige gehörte.

Das erzeugt Mißtrauen, es bereitet damit den Boden für Gerüchte, für Mundpropaganda. Man traut nicht mehr den üblichen Informationsquellen, sondern glaubt dem, was die Leute so reden. Und die reden viel.

Das Ergebnis dieser illiberalen, eines freiheitlichen Staats unwürdigen Informationspolitik ist das Gegenteil dessen, was man damit bezweckt: Die auf Gerüchte angewiesenen Menschen glauben das Schlimmste.

Jedenfalls besteht die Gefahr, daß sie es tun. So, wie nach den Untersuchungen von Allport und Postman die Gerüchte im Zweiten Weltkrieg wucherten, weil die Regierung wahrheitsgemäße Informationen zurückhielt.



Jetzt also haben wir die "explodierende Diskussion". Wir erleben das, was Sigmund Freud die "Wiederkehr des Verdrängten" nannte.

Zu Freuds ersten Beobachtungen dieses Phänomens gehörte das Verhalten einer Patientin seines Freundes Breuer, die unter Hypnose eine zurückliegende traumatische Situation wieder durchlebte - mit heftigen Ausbrüchen von Affekten. Solche Ausbrüche können zu dem führen, was Freud und Breuer "Katharsis" nannten, eine "Reinigung". Das setzt freilich, wie Freud später hervorgehoben hat, die rationale Auseinandersetzung mit dem voraus, was da an Verdrängtem wiedergekehrt ist.

Wir haben jetzt die Chance zu einer rationalen Diskussion. Führende Journalisten wie Frank Schirrmacher beginnen sie wahrzunehmen. Politiker wie Claudia Roth versuchen eine rationale Diskussion freilich nach Kräften zu verhindern.

Von Roland Koch übrigens, der jetzt Attacken auf sich zieht wie weiland Winkelried bei Sempach die gegnerischen Pfeile, habe ich noch keinen einzigen unsachlichen Satz zu diesem Thema gehört oder gelesen. Auch gestern bei einer Befragung im Hessischen Fernsehen war er wieder ein Muster an Sachlichkeit.

Überhaupt ist es ja interessant, wie dieser hessische Wahlkampf im Augenblick verläuft: Roland Koch thematisiert eine Sachfrage. Die SPD thematisiert Roland Koch.

Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

14. Januar 2008

Zitat des Tages: "Seltsame Parallele"

Die seltsame Parallele zwischen Neo-Nazis und kriminellen jungen Muslimen ist offenkundig: Sie reicht von der Herabwürdigung und Verfolgung aller Minderheiten bis zum Dekadenzvorwurf an die Mehrheit.

Frank Schirrmacher in der FAZ. - Die Parallele ist in der Tat offenkundig. Nur - wieso hält Schirrmacher sie für seltsam?

Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

2. Januar 2008

Marginalie: Seltsame Serien

Das erste Mal ist es mir in den achtziger Jahren aufgefallen. Da war infolge eines Chemie- Unfalls bei Basel Gift in den Rhein geraten, was großes Aufsehen erregte. In den Wochen danach häuften sich ähnliche Fälle. Es war wie verhext. Mal war der Rhein wieder betroffen, mal ein anderer Fluß.

Zwei seltsame Serien dieser Art haben wir zum Ausgang des Alten Jahres erlebt.

Erst häuften sich die Fälle von vernachlässigten, von verwahrlosten Kindern.

Und in der letzten Woche des Jahres passierte dasselbe mit Überfällen Jugendlicher auf ältere Menschen. Es begann mit dem Überfall von zwei jugendlichen Kriminellen auf einen Rentner in der Münchner U-Bahn. Binnen einer Woche hat sich die Tat wiederholt, nur daß es diesmal nicht um Rauchen ging, sondern um zu laute Musik. In Berlin wurde ein Mann von Jugendlichen zusammengeschlagen, weil er diese gebeten hatte, keine Knallkörper auf den Bahnsteig zu werfen.



Waltet da ein geheimnisvolles Gesetz der Serie? Nein, natürlich nicht. Das Gesetz, das da waltet, regelt, was von den zahllosen Nachrichten, die täglich in der Lokalpresse und im Polizeibericht stehen, von den Agenturen übernommen wird und damit in die überregionalen Medien gelangt.

Natürlich wurden auch vor dem Sandoz-Unfall in den achtziger Jahren schon schädliche Abwässer in den Rhein eingeleitet. Natürlich gibt es immer wieder Fälle, in denen Eltern ihre Kinder vernachlässigen. Und selbstverständlich ist es bundesdeutscher Alltag, daß Jugendliche auf Erwachsene einprügeln, die sie wegen irgend etwas zur Rede stellen. Manchmal auch einfach nur so, weil sie Bock darauf haben.

Nur schaffen es diese Meldungen allenfalls vom Polizeibericht auf die Lokalseiten. In Großstädten meist sogar nur die des jeweiligen Stadtteils. Ich habe in unserem Lokalblatt Dutzende solche Berichte gelesen.

Wenn aber - aus welchen Gründen auch immer - ein solcher Vorfall bundesweit Aufsehen erregt, dann wird sozusagen der Filter der Nachrichtenagenturen entsprechend justiert. Sie vermuten jetzt ein Interesse an Meldungen dieser Art. Also übernehmen sie die entsprechenden Informationen von den Lokalseiten. Und schwupp! haben wir eine Häufung.

In solchen Fällen wird der Filter temporär so eingestellt, daß derartige Meldungen übernommen werden. Es gibt auch bestimmte gewissermaßen feste Einstellungen. Sobald bei Gewalttaten zum Beispiel ein rechtsextremer Hintergrund vermutet wird oder auch nur möglich ist, wird die Meldung sehr oft übernommen. Bei linksextremem Hintergrund ist das - nach meiner Beobachtung; ich kann mich irren - seltener der Fall. Und noch viel seltener, wenn es um gar nichts Politisches geht.



Um nicht mißverstanden zu werden: Dies ist eine Marginalie, nicht Zettels Meckerecke. Ich kritisiere dieses Verhalten der Agenturen gar nicht; sie tun damit nur ihren Job.

Aber der Leser sollte, wenn er sich sein Urteil bildet, schon ein wenig im Hinterkopf haben, wie selektiv das zustandekommt, was er morgens auf der Titelseite seiner Zeitung, was er bei "Spiegel Online" oder im Newsticker von "Welt Online" vorfindet.

Und unsere verantwortlichen Politiker sollten sich überlegen, ob jedesmal, wenn eine solche Sau durchs Dorf getrieben wird, gleich ein neues Gesetz nötig ist, das ihr Einfangen regelt.

Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.