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2. Mai 2009

Was fasziniert an Karl Marx? Anmerkungen zum "persönlichen Leseerlebnis" der Jungjournalistin Nina Pauer

"Marx lesen beruhigt. Ich habe ein Lesegefühl wie das letzte Mal beim Geschichtsbuch in der Schule. Keine Unübersichtlichkeit wie in der aktuellen Lage, keine schwammigen Prognosen für die Zukunft. (...)

Er will keine Verbesserungsvorschläge liefern, er beschreibt Prozesse, die so und nicht anders ablaufen werden. Fast wie ein Biologe, der ein Experiment erklärt. Die Revolution als Evolution. Sie schreitet voran, unaufhörlich, bis zu ihrem Höhepunkt".

So beschreibt eine junge Journalistin, Mitte Zwanzig, im aktuellen "Zeit- Magazin" ihr "Date mit Marx". Nina Pauer hatte sich eine Marx- "Ausgabe von 2008" besorgt, mit dem Titel "Kapital und Politik"; offenbar jene, die im Augenblick zum Schnäppchenpreis von 7.99 Euro bei "Zweitausendeins" zu haben ist. Ihr "Selbstversuch" bestand darin, daß sie Computer und Handy abschaltete, ja sogar auf den "Tatort" verzichtete und sich in diesen "dicke(n) rosa Wälzer" vertiefte.

Was für sie augenscheinlich ein bleibendes Leseerlebnis war, die Journalistin Mitte Zwanzig, die ihre Eltern aus der 68er Generation "richtig sympathisch" findet: "Den Satz von den 'Proletariern aller Länder' werde ich zumindest nicht mehr selbstgefällig als Floskel aus dem Geschichtsbuch abtun können. Was ist, wenn ich ihn als eine Aufforderung lese? An ein 'Wir', das für eine gemeinsame Sache aufstehen soll?"

Tja, was ist dann? Dann sind wir - wenn es vielen jungen Leuten so gehen sollte wie Nina Pauer - bald wieder so weit, wie wir 1970 waren.



Von den großen Religionsgründern war Karl Marx der kälteste. Der Marxismus entstand als eine säkulare Religion, wie geschaffen für das rationale 19. Jahrhundert.

Als sie sich im 20. Jahrhundert ausbreitete, also emotional wurde, traten sekundäre Religionsgründer auf, die besser als der Zyniker Marx die religiösen Affekte auf sich zu ziehen konnten: Stalin, Mao, Che Guevara beispielsweise. Sie genossen die hingebungsvolle Verehrung, die jedem Religionsgründer gebührt, die Marx selbst aber nie erfahren hat.

Der Marxismus - der pure, der nicht durch solche Stellvertreter massentauglich gemachte - ist eine Religion für Apparatschiks und Intellektuelle; vorzugsweise für solche, die Marx ähneln, kühl bis ins Herz hinan. In Deutschland hat der emotionslose Walter Ulbricht perfekt den marxistischen Funktionär verkörpert; Wolfgang Harich, der schneidende Befürworter erst der marxistischen Orthodoxie und dann der Ökodiktatur, ebenso überzeugend den intellektuellen Marxisten.



Die weltweite Jugendbewegung Ende der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts nahm in Deutschland die besondere Form an, die ich vor einem Jahr in diesem Artikel analysiert habe. Ein Aspekt blieb damals unerwähnt: Die Faszination, die von Karl Marx ausging.

Sie war umso erstaunlicher, als die "Bewegung" - anfangs die APO (Außerparlamentarische Opposition) genannt, dann "Studentenbewegung" - eigentlich im Ursprung gar nicht marxistisch gewesen war.

Ihre Wurzeln lagen in der pazifistischen, freilich von Kommunisten unterwanderten Bewegung "Kampf dem Atomtod", dann in der Bewegung zur Bewahrung der Bürgerrechte während der "Spiegel-Affäre"; schließlich in den ebenfalls eher von einer liberalen Grundhaltung getragenen Besorgnissen im Zusammenhang mit den Notstands- Gesetzen. Auch die schlechten Bedingungen an den deutschen Universitäten spielten natürlich eine zentrale Rolle. Alles eher bürgerlich- liberal als marxistisch. Mit Stoßrichtung gegen den Nazismus, gegen den Obrigkeitsstaat; aber ansonsten unideologisch.

Wie kommt es, daß diese Bewegungen sich innerhalb weniger Jahre derart dem Marxismus verschreiben konnten, daß zu Beginn der siebziger Jahre alles, was aus ihnen hervorgegangen war - von den gemäßigten Reformern auf dem rechten Flügel der Jusos über die Stamokaps und alle die K-Gruppen bis hin zu Joschka Fischers "Putztruppe" und der terroristischen RAF - sich als marxistisch verstand?

Es lag, meine ich, daran, daß diese Bewegungen sozusagen händeringend auf der Suche nach Sinn gewesen waren.

Es waren ja im Ursprung alles Gegenbewegungen gewesen - gegen die Atomrüstung; gegen die Bedrohung der Pressefreiheit in der "Spiegel"- Affäre; gegen die, wie man meinte, Gefährdung der Demokratie durch die Notstands- Gesetze; gegen die Zustände an den Universitäten.

Das ist zu wenig, um eine breite Bewegung zu tragen; zumal Jugendlichen ist das zu wenig. Es gab ein Bedürfnis nach einer, sagen wir, intellektuellen Fundierungen der eigenen Unzufriedenheit. Diese lieferte der Marxismus, diese Religion, die aus der Kälte kam.



Und mehr noch: Marx erklärte nicht nur, warum die Welt schlecht ist, warum man sich - so Adornos Formel - im "falschen Leben" befindet. Sondern er klärte zum einen darüber auf, warum es gar nicht anders sein kann. Und lieferte andererseits die tröstliche Botschaft, daß sich alles zum Besseren wenden werde. Wenn man nur ihm folgt, dem Karl Marx.

Das ist so, wie es sich für eine Religion gehört: Sie stiftet Sinn. Sie erklärt die Welt, sie sagt uns, was gut und böse ist, was richtig und falsch. Vor allem aber beinhaltet sie eine Verheißung: Wer glaubt und wer nach diesem Glauben handelt, der wird erlöst werden.

Bei Marx ist es die ganze Menschheit, der er die Erlösung im Kommunismus verheißt, wenn denn nur alles seinen mit wissenschaftlicher Gewißheit vorgezeichneten Gang geht. Einen Gang, der sich - ich habe das in diesem Artikel ein wenig mehr im Detail beschrieben - deshalb mit Sicherheit vorhersagen läßt, weil er den ewigen Gesetzen der Dialektik entspringt.

Aber Marx bietet diese religiöse Verheißung eben in einer intellektuell anspruchsvollen Variante an. Wer sich auf ihn einläßt, dem erfüllt sich der Wunsch, hinter die Oberfläche der Dinge zu blicken. Mit dem kalten Blick des Wissenschaftlers, so möchte es uns Marx glauben machen.

Wir erfahren, was es "eigentlich" auf sich hat - mit der Ware ("eigentlich" vergegenständlichte Arbeit), mit dem Preis ("eigentlich" der Wert, der sich nach der zur Herstellung gesellschaftlich erforderlichen Arbeitszeit bestimmt), mit dem Profit ("eigentlich" der Mehrwert, der daraus resultiert, daß der Arbeiter nicht etwa seine Arbeit verkauft, sondern seine Arbeitskraft, deren Preis sich durch ihre Reproduktionskosten bestimmt).

Und so fort. Wer sich durch das "Kapital" arbeitet, für den enthüllt sich die Welt, wie sie wirklich ist; er blickt hinter die Kulissen. Woran der Faust in seinem Monolog verzweifelt - zu wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält -, das liefert Marx seinen Lesern.

Das ist faszinierend; es ist intellektuell befriedigend; es verleiht auch leicht jene Haltung des Wissenden, des allen Anderen Überlegenen, die so charakteristisch für Marxisten ist.



Nur stimmt das ja alles nicht, was Marx sich ausgedacht hat. Es ist wirklich nur ausgedacht.

Daß der Wert einer Ware sich durch die zu ihrer Herstellung gesellschaftlich erforderliche Arbeitszeit bestimmt, ist keine Entdeckung, sondern eine Definition. Wir wissen nicht mehr über die Realität, wenn wir diese Definition übernehmen. Wir wissen auch nicht mehr über die Realität, wenn wir es Marx abnehmen, daß der Arbeiter nicht für seine Arbeit bezahlt wird, sondern für den Verkauf seiner Arbeitskraft. An der Höhe des Lohns und seinem Zustandekommen ändert das exakt nichts.

So ist es mit allen den "wissenschaftlichen Entdeckungen" von Marx. Was er liefert, ist eine façon de parler, eine Weise, über die Welt zu reden.

Es ist Pseudowissen, das Marx bietet. Aber es ist nicht leicht, das zu merken. Die Faszination, die Nina Pauer offenbar während ihres Selbstversuchs mit Marx erlebt hat, könnte viele ihrer Generation befallen; so wie drei oder vier Dekaden zuvor die Generation der Achtundsechziger.

Sie könnte die heute Zwanzig- bis Dreißigjährigen wieder ergreifen, diese Faszination, weil dies die erste Generation ist, die die Praxis des Marxismus nicht mehr bewußt erlebt hat. Es gibt, so scheint mir, wieder die Bereitschaft, sich von dem alten Scharlatan verführen zu lassen.



Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Fotografie von Karl Marx aus dem Jahr 1875; bearbeitet.

31. Januar 2009

Renaissance des Marxismus. Die FDP im Aufwind. Was die Wirtschaftskrise so alles mit sich bringt. Steht jetzt der Sozialismus vor der Tür?

Überraschendes trägt sich in diesen Tagen zu, in denen die Krise langsam Fahrt aufnimmt.

Eine Ideologie, von der man schon dachte, sie sei im Orkus der Geschichte verschwunden, dringt auf einmal wieder vor; zwar nicht in die Wissenschaft, aber doch in die Feuilletons und in manche Seminarräume.

Eine Partei, die - so lange ist es noch nicht her - jedesmal das Erlebnis eines Erfolgs packte, wenn sie wieder einmal die Hürde der fünf Prozent überwunden hatte, nähert sich der magischen Marke von 18 Prozent.

Die "Süddeutsche Zeitung" bietet in ihrer Online-Ausgabe im Augenblick diese beiden Artikel an:
  • "Marx: Lesekreise an Unis - Frisches Kapital". Vorspann: "Quer durch Deutschland lesen Studenten wieder Marx. Sie wühlen sich durch 'Das Kapital' - und das alles in ihrer Freizeit. Die Finanzkrise macht es möglich."

  • "Politbarometer Januar - FDP im Höhenflug". Vorspann: "Im Beliebtheitsranking kann die FDP weiter zulegen, die Union sackt ein wenig ab. Dennoch behält Schwarz- Gelb eine klare Mehrheit. Bei der Kanzler- Frage vergrößert sich Angela Merkels Vorsprung."
  • Daß die Wirtschaftskrise Marx wieder aus der Mottenkiste hüpfen läßt wie ein Springteufelchen, ist vielleicht nicht verwunderlich.

    Daß ausgerechnet in der schwersten Krise des Kapitalismus seit 1929 die deutschen Liberalen sich in den Umfragen in selten erreichte Höhen erheben, mag schon eher überraschen.



    Marx ist wieder "in"; nicht nur an den Unis. Im aktuellen "Spiegel" debattiert dessen Redakteur Philipp Oehmke mit dem Schriftsteller Dietmar Dath, einem bekennenden Marxisten; inzwischen hat Oehmke das Gespräch auch noch zu einem Artikel in "Spiegel- Online" verarbeitet.

    Auszug aus dem Gespräch im gedruckten "Spiegel" (5/2009, S.132):
    Ohemke: Sie sind also für die Beseitigung des kapitalistischen Systems?

    Dath: Absolut.

    Ohemke: Und dann?

    Dath: Dann kommt ein System der gemeinschaftlichen, arbeitsteiligen, demokratischen Produktion auf dem Stand der höchstentwickelten Technik. Marx nennt das Sozialismus.

    Ohemke: War es nicht das, was gerade erst vor zwanzig Jahren untergegangen ist?

    Dath: Die bürgerliche Demokratie hat auch ein paar Anläufe gebraucht. (...) Es ist Zeit für die nächste Stufe.
    Wenn ich so etwas lese, dann fühle ich mich nicht um zwanzig, sondern um vierzig Jahre zurückversetzt.

    Damals war diese Meinung weit verbreitet: Die UdSSR, das sei ein erster, in der Tat mißlungener Versuch, den Sozialismus einzuführen. Aber im nächsten Anlauf - anliefen damals vor allem Cuba und Vietnam, aber auch auf Albanien wurden große Hoffnungen gesetzt, und natürlich China - werde der wahre Sozialismus entstehen.

    Das Ergebnis ist heute zu besichtigen.

    Der Glaube an den nächsten Anlauf, der den wahren Sozialismus gebiert, ist aber offenbar nicht auszurotten. Es ist wie bei einer Weltuntergangs- Sekte, die seit Jahrhunderten damit leben muß, daß der jeweils prophezeite Weltuntergang ausbleibt. Aber beim nächsten Mal ...



    Jeder weitere "Anlauf" in Richtung Sozialismus wird ebenso scheitern wie alle bisherigen, weil ein egalitäres Gesellschaftssystem, wie die Sozialisten es sich erträumen, nur mit Gewalt aufrechterhalten werden kann. Weil es damit zugleich ineffizient ist und Armut erzeugt.

    Läßt man den Menschen Freiheit, dann verhalten sie sich individuell verschieden, gemäß ihren Begabungen, Wünschen, Zielen und Interessen; und vorbei ist es mit der Gleichheit. Jede Lockerung der staatlichen Gewalt im Sozialismus führt zu einer Dynamik der Gesellschaft und der Wirtschaft, die den Sozialismus aushebelt. Die Entwicklung in China - inzwischen eines der Länder mit den krassesten sozialen Gegensätzen - illustriert das.

    Binsenweisheiten, sollte man meinen. Erfahrungen nach fast hundert Jahren, in denen man den Sozialismus zu realisieren versucht hat.

    Aber Träumereien sind nicht durch die Wirklichkeit zu widerlegen. Und zeigt nicht darüber hinaus die Wirklichkeit der jetzigen Krise, daß "Marx doch Recht gehabt" hat?

    Nein, das zeigt sie nicht. Jede Wirtschaftstheorie, nicht nur die marxistische, kennt das Phänomen der Wirtschaftskrise und erklärt es. Marx hätte nur dann "doch Recht gehabt", wenn diese Krise uns aus dem Kapitalismus heraus und hinein in den Sozialismus befördern würde. Sie wird aber nur Fehlentwicklungen des Kapitalismus korrigieren und ihn damit stärken.

    Womit wir bei der FDP sind.



    Während zum Beispiel in Frankreich, wie es dessen nationaler Tradition entspricht, anläßlich der Krise ein wenig Revolutions- Theater dargeboten wird, zeigt sich in den meisten anderen Ländern des globalen Kapitalismus nicht die Spur einer Hinwendung zum Sozialismus als Folge der Wirtschaftskrise. Weit und breit keine "revolutionäre Situation".

    Ganz im Gegenteil. Und für dieses Gegenteil steht zum Beispiel die wachsende Zustimmung, die in Deutschland gegenwärtig die FDP findet.

    Die Kommunisten, die in den Umfragen lange Zeit vor den Liberalen lagen, sind im aktuellen Politbarometer in den Rohdaten auf 7 Prozent abgerutscht. Die FDP hat - freilich auf Kosten der CDU - mehr als das Doppelte dieser Zustimmung: 16 Prozent in den Rohdaten. Gewichtet (in der "Projektion") sind das 14 Prozent für die Liberalen und 9 Prozent für die Kommunisten.

    Das deutet nicht eben darauf hin, daß die Deutschen aus der Krise den Schluß ziehen, die Zeit sei reif für den nächsten "Anlauf" in Richtung Sozialismus.

    Stattdessen erlebt die einzige liberale Partei in Deutschland einen Aufschwung wie selten in ihrer Geschichte. Wie kommt das?

    Es fällt mir nicht leicht, es zu erklären, weil ich es nicht erwartet hatte. Selbst in den USA waren die Wähler als Reaktion auf die Krise nach links gerückt; am Ende des Wahlkampfs galt Barack Obama als kompetenter in der Wirtschaftspolitik als der Republikaner John McCain.

    Mit dem guten Abschneiden der FDP bei den Wahlen in Hessen hatte ich gerechnet - aber als Korrektiv zu Koch, nicht als Ausdruck einer starken liberalen Stimmung im Lande.

    Warum also der jetzige Höhenflug der FDP? Vielleicht, weil manchen, die im allgemeinen die CDU wählen, deren Schwenk in Richtung Staats- Interventionismus inzwischen unheimlich geworden ist. Jetzt wird bereits die gesetzliche Regelung der Verstaatlichung von Banken vorbereitet.

    Es mag sein, daß der Ernst der wirtschaftlichen Lage solche Interventionen unvermeidlich macht. Aber Gesetze und sonstige Regelungen, die in einer Krise beschlossen werden, haben ja die Tendenz, ausgesprochen dauerhaft zu werden.

    Da sollte man gegensteuern, für die Zeit nach der Krise. Es könnte sein, daß diese Überlegung manchen traditionellen CDU- Wähler veranlaßt hat, jetzt die FDP zu bevorzugen.



    Die Titelvignette zeigt Adam Smith. Für Kommentare bitte hier klicken.

    8. Januar 2009

    Zettels Meckerecke: Die "einzigartig starken" 68er und die Leiharbeiter. Phantasien zu Krawallen von Jugendlichen

    Das folgende sind die letzten Sätze eines Artikels von Michael Schlieben in "Zeit Online" mit dem Titel "Generation Krise". Der Artikel, vorgestern erschienen, gehört zu einem Dossier "Jugend in Aufruhr", in dem Mitarbeiter von "Zeit Online" sich mit tatsächlichen oder möglichen Jugend- Unruhen in diversen Ländern befassen:
    Schon die 68er waren einzigartig stark, weil sich Studenten und Schüler mit Arbeitslosen und Leiharbeitern solidarisierten – und umgekehrt. Diese Mischung war es auch, die in Italien den "Marsch auf Rom" erst ermöglichte.
    An dieser Textpassage ist so ungefähr alles falsch.

    Erstens konnten sich Schüler und Studenten im Jahr 1968 schon deshalb nicht mit Leiharbeitern solidarisieren, weil es diese noch gar nicht gab. Die Leiharbeit wurde in Deutschland erst am 1.8.1972 eingeführt.

    Zweitens dürften die Schüler und Studenten Schwierigkeiten gehabt haben, die Arbeitslosen zu finden, mit denen sie sich laut Autor Schlieben "solidarisierten". Im Jahr 1968 gab es in der Bundesrepublik genau 323.480 Arbeitslose; das waren 1,5 Prozent. Im Jahr 1969 sank die Arbeitslosen- Quote auf 0,9 Prozent (178.579 Personen).

    Drittens: Selbst wenn es damals schon Leiharbeit gegeben hätte und wenn eine nennenswerte Zahl von Personen arbeitslos gewesen wäre - nichts lag den rebellierenden Studenten ferner, als sich mit solchen Leuten zu "solidarisieren". Und schon gar nicht dachten Arbeiter daran, sich mit den Studenten zu solidarisieren.

    In Frankreich war das etwas anders; da gab es - vermittelt vor allem über den Transmissionsriemen der PCF und anderer kommunistischer Organisationen - den Versuch, so etwas wie eine Gemeinsamkeit zwischen Studenten und Arbeitern herzustellen. Mit geringem Erfolg; aber man versuchte es immerhin.

    In Deutschland konnte davon keine Rede sein. Die Proteste richteten sich gegen den Vietnamkrieg, gegen die Verhältnisse an den Hochschulen, dann gegen die "Springer- Presse" und allgemein gegen "das Establishment" und den "Konsumterror".

    Themen wie Arbeitslosigkeit spielten nicht die geringste Rolle. Erst Anfang der siebziger Jahre, als die K-Gruppen entstanden, versuchte man (vergeblich), "Arbeiter zu agitieren".



    Ist es Beckmesserei, wenn ich das richtigstelle? Mag sein, aber ich halte es für nötig.

    Erstens, weil hinter solchen Schnitzern ein mangelndes Verständnis für das steckt, was sich in den Jahren 1968/1969 abgespielt hat: Eine Kulturrevolution, eine Rebellion vieler aus der jungen Generation gegen die Werte ihrer Eltern, mit denen sie, in wachsendem Wohlstand und im Frieden aufgewachsen, nichts mehr anfangen konnten. Ich habe das in einer autobiographisch gefärbten Serie zu beschreiben versucht.

    Zweitens, weil die zitierte Passage bezeichnend ist für den ganzen Artikel, und dieser wiederum repräsentativ ist für das Klischee, mit dem solche Jugend- Krawalle gern erklärt werden: Irgend etwas ist sozial schief gelaufen; die Jugendlichen sind ergo frustiert ("perspektivlos"), und aus dieser traurigen Situation heraus protestieren sie, greifen gar zur Gewalt:
    Denn natürlich sind es nicht verängstigte Supergebildete, die immer zorniger werden. (...) Immer mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland wachsen in kümmerlichen Verhältnissen auf und haben immer weniger Chancen da rauszukommen.
    So Schlieben; und er zitiert zustimmend Wilhelm Heitmeyer: "Nichts steigere die Wut so sehr wie das anhaltende Gefühl der Ohnmacht und das Gefühl, ohnehin nichts zu verlieren zu haben".

    Natürlich können dies Ursachen für Protest und Gewalt sein; aber die Regel ist es keineswegs. Meist stecken hinter solchen Krawallen - so auch kürzlich in Griechenland - andere Ursachen und andere Motive.

    Schlieben erwähnt in seinem Artikel als Belege für zunehmende "Jugendproteste" in Deutschland die Krawalle von Heiligendamm im Juni 2007. Aber deren Ursachen waren doch nicht Perspektivlosigkeit oder kümmerliche Verhältnisse, sondern die Wut von Linksextremen auf die Führung der G8-Staaten, die für "Neoliberalismus" und "Globalisierung" verantwortlich gemacht werden.

    Als weiteres Beispiel nennt Schlieben die kürzlichen Krawalle an der Berliner Humboldt-Universität. Aber auch da ging es nicht um Ohnmacht oder kümmerliche Lebensverhältnisse; sondern es handelte sich um eine von kommunistischen Organisationen vorbereitete und gesteuerte Aktion mit Parolen wie: "Neugestaltung der Lehrpläne und der Bildungsdauer bis zum Abitur unter demokratischer Einbeziehung und Entscheidung durch SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern".

    Nicht eben eine Parole für diejenigen, die "ohnehin nichts zu verlieren haben".

    Bei solchen Aktionen wird linksextreme Politik mit Hilfe der Straße zu machen versucht; da geht es darum, Schüler "anzupolitisieren", um sie für die eigene Jugendorganisation zu gewinnen. In anderen Fällen - wie bei den Pariser Krawallen im März 2007 - sind es kriminelle Elemente, die sich in Randale, im Zündeln und in Attacken auf die Polizei üben.



    Warum ist das Klischee von den armen Jugendlichen so weit verbreitet, die aus einer verzweifelten Situation heraus zu Protest und Gewalt greifen?

    Ich weiß es nicht. Vielleicht steckt die marxistische Vorstellung dahinter, daß sich in derartiger Randale immer Klassenkämpfe manifestieren. Vielleicht liegt es an der sozialtherapeutischen Denkweise, die bei solchen Vorkommnissen die Schuld selten bei den Tätern sucht, stets aber bei "der Gesellschaft".

    Vielleicht ist es auch schlicht gedankliche Trägheit. Was schon die Französische Revolution erklärt hat - daß die ausgebeuteten Armen in ihrer Verzweiflung zur Gewalt gegriffen hätten - , warum soll sich das nicht, ohne weiteres Nachdenken und weitere Analyse, auf jeden beliebigen derartigen Gewaltausbruch übertragen lassen?



    Den letzten zitierten Satz habe ich leider überhaupt nicht verstanden: "Diese Mischung war es auch, die in Italien den 'Marsch auf Rom' erst ermöglichte". Schlieben meint doch nicht etwa Mussolini?



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    6. Oktober 2008

    Zitat des Tages: "Gemeinsam das 'Kapital' lesen". Erlebt der Marxismus jetzt eine Renaissance?

    ... sind Linke aus ganz Deutschland vom 1. bis zum 5. Oktober nach Hörste bei Bielefeld gekommen, um unter dem Motto "Marx neu entdecken" gemeinsam mit Wissenschaftlern über die Analyse und Kritik des Kapitalismus zu diskutieren. Sie bereiten die Kapital- Lesebewegung des Studierendenverbandes Die Linke.SDS vor. An 30 Hochschulen werden sich ab Oktober Studierende treffen, um gemeinsam "Das Kapital" zu lesen. (...) Eine derartige Kapital- Lesebewegung gab es seit Jahrzehnten nicht mehr.

    Die kommunistische "Junge Welt" in ihrer heutigen Ausgabe.

    Kommentar: Seit Jahrzehnten nicht mehr? Vermutlich seit zwei Jahrzehnten nicht mehr. 1989 schien es vorbei zu sein mit dem Marxismus. Jetzt steht ihm möglicherweise eine Renaissance bevor.

    Bestätigt nicht die gegenwärtige Finanzkrise Marx? Krisenhaftigkeit des Kapitalismus. Das Kreditwesen als Mitverursacher von Krisen:

    "Gleichzeitig beschleunigt der Kredit die gewaltsamen Ausbrüche dieses Widerspruchs, die Krisen, und damit die Elemente der Auflösung der alten Produktionsweise" - dieser Satz aus dem Dritten Band des "Kapital" mag dem Marxisten in diesen Tagen als hellsichtige Prophezeiung erscheinen.

    Nur ist der erste Teil des Satzes ja eine Binsenweisheit. Und das im zweiten Teil Behauptete, die prognostizierte "Auflösung der alten Produktionsweise", ist heute so wenig in Sicht, wie das zur Zeit von Marx der Fall war.

    Der Kapitalismus erzeugt Krisen, das ist wahr. Der Sozialismus ist eine einzige Krise.

    Fehlentwicklungen führen im Kapitalismus zu Krisen, die manchmal einen sanften, manchmal, wie jetzt, einen eruptiven Charakter haben. Ihre Folge sind Korrekturen, Anpassungen, Differenzierungen, wie das griechische "Krisis" (Unterscheidung, Entscheidung, Trennung, Wende) das ja auch ausdrückt.

    In einem Wirtschaftssystem, das weitgehend ohne Rückmeldungen funktioniert, wie dem des real existierenden Sozialismus, können solche offenen Krisen lange ausbleiben. Die Fehlentwicklungen laufen unkorrigiert weiter, bis sie gar nicht mehr korrigierbar sind und das ganze System kollabiert oder, wie man es 1989/90 gern nannte, "implodiert".

    Daß ein planwirtschaftliches System weniger anfällig für Fehlentwicklungen wäre als das kapitalistische, ist eine Mär. Aber Sagen sind ja langlebig.

    Jetzt lesen sie also wieder ihren Marx, die linken Studenten. Und manche werden sich wieder, wie einst vor vierzig Jahren, vom Blitzen und Donnern seiner Sprache verführen lassen.



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    24. Mai 2008

    Deutschland im Öko-Würgegriff (7): Sie sagen Öko und meinen Mammon. Nebst einem Exkurs über rote und grüne Linke

    In B.L.O.G. hat kürzlich Rayson auf den Zusammenhang zwischen Verkehrsgesetzgebung und den Einnahmen hingewiesen, die dem Staat aus Bußgeldern erwachsen.

    "Sie sagen Gott und meinen Mammon" sagte man früher, als noch die Religion zur Bemäntelung materieller Interessen diente. Heute nimmt der Staat dafür beispielsweise die Verkehrspolitik. Vor allem aber ist das Zauberwort "Öko" ein Sesam-öffne-dich für den Geldbeutel des Bürgers.

    Nicht genug mit der Ökosteuer, mit den uns auferlegten Zwangssubventionen für Windräder und Solaranlagen. Auch die Abgas- Politik eignet sich trefflich, dem Bürger Geld aus der Tasche zu ziehen.

    Die naheliegende Idee besteht darin, umweltschädliche Autos höher zu besteuern. Das nützt, nicht wahr, der gebeutelten Umwelt. Vor allem aber nützt es dem Staatssäckel.

    Dieser für den Staat erfreuliche Nebeneffekt ist zwar umweltpolitisch nicht im Geringsten zu rechtfertigen. Denn selbst wenn man mit "Steuern steuern" möchte, kann man das ja aufkommensneutral tun. Man kann umweltfreundliche Automobile um soviel entlasten, wie man Autos mit unerwünscht hohen Emissionen stärker belastet. Der Käufer kann das in seine Kaufentscheidung einbeziehen.

    Aber das wäre ein schöner Finanzminister, der es sich entgehen lassen würde, bei dieser Gelegenheit gleich auch die Steuerlast zu erhöhen.

    Also wollte das Finanzministerium, so stand es gestern in der "Süddeutschen Zeitung", nicht nur Neuwagen statt nach Hubraum künftig nach Emissionswerten besteuern, sondern auch bereits zugelassene Wagen mit einem CO2-Zuschlag belasten.

    Nun werden diese schon auf den Straßen rollenden Autos ja nicht umweltfreundlicher, wenn ihre Halter höhere Steuern zahlen müssen. Und wer ein solches Auto fährt, der wird auch nicht aufgrund einer höheren Besteuerung einen Neuwagen kaufen, den er sich nicht leisten kann.

    Es handelte sich also um den dreisten Versuch, bei Gelegenheit dieser geplanten Umstellung gleich die Finanzen des Bundes ein wenig zu verbessern.

    Um den Versuch. Jedenfalls vorläufig. Denn laut der Meldung der SZ wurde dieses "Klima- und Energiepaket", über das das Bundeskabinett auf seiner Sitzung am kommenden Dienstag hatte beschließen sollen, von der Tagesordnung abgesetzt.

    Der Hintergrund ist, laut SZ, eine Intervention aus dem CSU-geführten Wirtschaftsministerium, das darauf beharrt, "den Fahrzeugbestand von Steuererhöhungen zu verschonen".

    Vielleicht setzt sich Michael Glos ja in diesem Punkt endgültig durch. Dann haben wir wieder einmal davon profitiert, daß das Kabinett noch zur Hälfte aus nichtsozialistischen Ministern besteht. Wie eine solche Entscheidung ausfallen würde, wenn schon Sozialdemokraten, Grüne und Kommunisten regierten, das kann sich jeder ausmalen.



    Diese Verquickung von Umweltpolitik und dem Versuch, heimlich die Steuern zu erhöhen, ist nur ein kleines Beispiel für einen weit allgemeineren Sachverhalt:

    Die Umweltpolitik wird zu einem Hebel, mit dessen Hilfe der Staat nachgerade beliebig seine Einnahmen steigern, seine Macht ausbauen, seine Bürger zu unmündigen Untertanen machen kann, die als Objekt staatlicher Erziehungsversuche dienen sollen.

    Vergangenen Donnerstag ist in der Washington Post dazu eine Kolumne von George F. Will erschienen, die diese Neigung des Staats, die Ökologie zu Mehrung seiner Macht und seiner Einnahmen zu nutzen, trefflich beschreibt. Auszüge:
    What Friedrich Hayek called the "fatal conceit" -- the idea that government can know the future's possibilities and can and should control the future's unfolding -- is the left's agenda. The left exists to enlarge the state's supervision of life, narrowing individual choices in the name of collective goods. Hence the left's hostility to markets. And to automobiles -- people going wherever they want whenever they want.

    Today's "green left" is the old "red left" revised. Marx, a short-term pessimist but a long-term optimist, prophesied deepening class conflict but thought that history's violent dialectic would culminate in a revolution that would usher in material abundance and such spontaneous cooperation that the state would wither away.

    The green left preaches pessimism: Ineluctable scarcities (of energy, food, animal habitat, humans' living space) will require a perpetual regime of comprehensive rationing. The green left understands that the direct route to government control of almost everything is to stigmatize, as a planetary menace, something involved in almost everything -- carbon.

    Das, was Friedrich Hayek die "fatale Einbildung" nannte - die Vorstellung, daß die Regierung die Möglichkeiten der Zukunft kennen kann und die Entfaltung der Zukunft kontrollieren kann und sollte - , ist die Agenda der Linken. Die Linke existiert, um die staatliche Überwachung des Lebens zu mehren und dabei die Wahlen, die dem Einzelnen bleiben, im Namen kollektiver Güter einzuengen. Von daher die Feindseligkeit der Linken gegenüber Märkten. Und gegenüber Automobilen - Menschen begeben sich, wann immer sie wollen, dorthin, wo immer sie wollen.

    Die heutige "grüne Linke" ist eine neue Variante der alten "roten Linken". Marx, auf kurze Sicht ein Pessimist, aber auf lange Sicht ein Optimist, prophezeite sich verschärfende Klassenkämpfe, meinte aber, daß die Dialektik dieser geschichtlichen Gewalt in einer Revolution gipfeln würde, die materiellen Überfluß und eine spontane Zusammenarbeit der Art hervorbringen werde, daß der Staat abstirbt.

    Die grüne Linke predigt Pessimismus: Unvermeidbare Knappheiten (von Energie, Nahrungsmitteln, dem Lebensraum für Tiere und Menschen) werden ein dauerhaftes Regime umfassender Rationierung erfordern. Die grüne Linke hat verstanden, daß der direkte Weg hin zu einer staatlichen Kontrolle von so gut wie allem darin besteht, etwas als eine globale Bedrohung zu stigmatisieren, das in fast allem enthalten ist - Kohlenstoff.
    Wohl wahr. Wobei zumindest in Europa ja, angesichts des real existierenden Sozialismus, den roten Linken die Utopie vom Absterben des Staats ebenfalls schon lange abhanden gekommen ist.

    Ein Exponent dieser roten Linken, Wolfgang Harich, ist so etwas wie das Bindeglied zur grünen Linken.

    Er war auch in DDR-Haft ein Anhänger des diktatorisch regierenden Sozialismus geblieben, war aber intelligent genug, zu erkennen, daß für dieses System angesichts der Realitäten nicht mehr gut mit dem Versprechen geworben werden konnte, daß seine Bürger besser und freier leben würden als im Kapitalismus.

    Also ersann er 1975 eine neue Rechtfertigung für die Diktatur: Angesichts der künftigen ökologischen Probleme bedürfe es "autoritärer Strukturen" wie in der damaligen DDR:
    Wobei es dann selektiv zu unterscheiden gilt zwischen solchen Bedürfnissen, die beizubehalten, als Kulturerbe zu pflegen, ja gegebenenfalls erst zu erwecken bzw. noch zu steigern sind, und anderen, die den Menschen abzugewöhnen sein werden - soweit möglich, mittels Umerziehung und aufklärender Überzeugung, doch, falls nötig, auch durch rigorose Unterdrückungsmaßnahmen, etwa durch Stillegung ganzer Produktionszweige, begleitet von gesetzlich verfügten Massen- Entziehungskuren.
    Das waren die Kontrollphantasien eines überzeugten Anhängers der DDR. Sie könnten heute als Grundlage für ein linkes Regierungsprogramms verwendet werden.

    Wäre es nicht an der Zeit, Wolfgang Harich endlich als den anzuerkennen, der er war - der erste große Theoretiker des real existierenden Ökologismus, so wie er sich gegenwärtig entwickelt?



    Links zu den früheren Folgen dieser Serie findet man hier. Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    27. Juli 2007

    Hinweis: "Der Weg zur liberalen Gesellschaft"

    Unter diesem Titel hat Libero in "Zettels kleinem Zimmer" einen sehr interssanten Beitrag geschrieben, dem ich viele Leser und vor allem viele Kommentare wünsche.

    20. Juni 2007

    Randbemerkung: Kann uns Gunnar Heinsohn die Hamas erklären?

    Im Transatlantik-Forum weist Michael Kreutz sehr zu Recht auf die Aktualität der Überlegungen von Gunnar Heinsohn für die gegenwärtigen Ereignisse im Gaza- Streifen hin.

    Aktuell sind sie, diese Überlegungen zum youth bulge, die besagen: Militanz junger Männer entsteht dort, wo viele von ihnen eine schlechte Lebensperspektive haben. Und das gilt in einer kopfstarken Generation für die zweiten, dritten usw. Söhne einer Familie.

    Also "wählen sie den Soldatenberuf", wie man früher gesagt hätte. Sie schließen sich einer Terrorgruppe an, gehen in eine Miliz, die sie versorgt, in der sie Ansehen und Selbstbestätigung finden.



    Das ist eine jener Überlegungen, denen eigentlich niemand widersprechen kann.

    So einleuchtend, wie daß religiöse Gewalt in religiösen Gegenden wahrscheinlicher ist als in Gegenden, in denen die Religion kaum eine Rolle spielt.

    So einleuchtend, wie daß Revolutionen dort wahrscheinlicher sind, wo es starke Klassenunterschiede gibt.



    Diese letztere, marxistische Vermutung ist ja gewiß nicht falsch. Sie ist nicht falsch, solange man sie so versteht, daß das ein Faktor ist, der - zusammen mit vielen anderen - eine Rolle spielen kann.

    So meinen es die Marxisten natürlich nicht. Sondern der Satz "Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen" ist für sie der Schlüssel zum Verständnis der Weltgeschichte.

    Mit anderen Worten, ein komplexes Wirkungsgeflecht von Variablen wird auf die Wirksamkeit eines einzigen Faktors reduziert.

    Ebenso scheint es mir mit der von Heinsohn vertretenen These zu sein. (Erdacht hat er sie nicht; sondern er nennt Autoren wie Huntington als die Urheber; das "angelsächsische Denken", das "relativ unbekümmert zum demografischen Argument" greife).

    Daß ein Bevölkerungs- Überschuß in der jungen Generation die Gefahr von Militanz in sich birgt, ist sicherlich plausibel, und Heinsohn hat dafür viele historische Beispiele zusammengetragen. Aber nicht belegt scheint mir zu sein, daß das der Hauptfaktor oder gar der einzige Faktor ist.

    Eine Bevölkerungs- Struktur ähnlich der in den arabischen Ländern gibt es in vielen Ländern der Welt, in denen keine Bürgkriegs- Armeen am Werk sind. (Hier ist z.B. die Bevölkerungspyramide von Brasilien). Sie sind nicht islamisch, und sie sind nicht so arm wie die meisten arabischen Länder.

    Plausibel erscheint mir, daß mindestens diese drei Faktoren zusammenkommen müssen, damit es zu diesem Ausmaß an Militanz kommt, wie es jetzt in Gaza zu sehen ist: Die demographische Struktur, ein sozialistisches oder sonstwie rückständiges Gesellschaftssystem, und eine traditionell militante Religion.

    Um diesen Beitrag zu kommentieren und zu diskutieren, ist in Zettels kleinem Zimmer ein Thread eingerichtet.

    11. Juni 2007

    Marginalie: Utopie, Ideologie und die Attraktivität der PDS

    Fünf junge SPD-Politiker aus Niedersachsen, so zitiert die "Tagesschau" einen Zeitungsbericht, wollen von der SPD zur Linkspartei wechseln.

    An sich nicht überraschend - die niedersächsischen Jusos haben traditionell einen zum Kommunismus tendieren Flügel; zur Zeit Gerhard Schröders als Juso- Chef nannte man sich "Antirevisionisten".

    Aber die Begründung, die eine der Abtrünnigen gegeben hat, sollte man doch mit Verstand lesen. Es handelt sich um
    (...) Elaine Hamilton, die bis Juli 2006 als niedersächsische Juso-Landesvorsitzende fungierte. Die 28-Jährige habe ihren Schritt mit "perspektivischen Fehlentwicklungen in der SPD" begründet. Die Partei sei inzwischen "ideologie- und utopielos" und habe mit ihrem Bremer Entwurf für ein neues Grundsatzprogramm endgültig mit dem Prinzip des demokratischen Sozialismus gebrochen, sagte sie der Zeitung.
    "Ideologie- und utopielos" sei sie, die SPD. Nun, Ideologie wird Frau Hamilton in ihrer neuen Partei finden. Utopie nicht. Schließlich ist die PDS eine marxistisch- leninistische Partei und nicht ein Verein von Utopisten. Keiner hat sich mehr über utopische Ideen lustig gemacht als Karl Marx.



    Immerhin - es ist schon interessant, wie attraktiv Vielen offenbar heutzutage die deutschen Kommunisten erscheinen. Während ihre französische Schwesterpartei, einst die größte Partei Frankreichs, bei den gestrigen Wahlen noch nicht einmal mehr fünf Prozent bekommen hat, sind die deutschen Kommunisten kräftig im Aufwind.

    Warum? Ich glaube, weil es uns wieder gut geht in Deutschland.

    In schlechten Zeiten, wie sie in Frankreich herrschen, wählt man vernünftig.

    Geht es gut, geht es erkennbar mit der Wirtschaft aufwärts - dann leistet man sich den Luxus der, nein nicht Utopie, aber doch Ideologie.

    7. Januar 2007

    Ist der Kommunismus am Ende?

    In der Euphorie der Wendezeit 1989 / 1990 herrschte ein großer Zukunftsoptimismus. Der Kanzler Kohl prophezeite am 1. Juli 1990 "blühende Landschaften" in den neuen Bundesländern. Wir seien von Freunden umzingelt, befand der Verteidigungsminister Volker Rühe. Man träumte von einer Verkleinerung, manche gar von einer Abschaffung der Bundeswehr. Man freute sich auf die Friedens- Dividende.

    Deutschland lag mit dieser Stimmung nur im allgemeinen Trend. Der Kommunismus galt als erledigt. Neue Gefahren schienen nicht zu drohen. Es war dieser Zeitgeist, der Fukuyamas The End of History 1992 zu einem Bestseller machte, weltweit.



    Heute sind wir, with the benefit of hindsight, klüger. Vom Ende der Geschichte ist keine Rede mehr. Stattdessen zeichnen sich neue historische Konfrontationen ab: Die zwischen Freiheit und Islamismus, die zwischen den USA und China.

    Ob sie einmal die Intensität der Konfrontation zwischen dem Ostblock und der Freien Welt von den fünfziger Jahren bis zum Ende der achtziger Jahre annehmen werden, weiß niemand. Jedenfalls geht die Geschichte weiter. Nichts Neues unter der Sonne.

    Die meisten Hoffnungen der Wendezeit 1989 / 1990 haben sich erledigt. Keine Welt ohne Waffen. Keine Friedens- Dividende. Aber wenigstens das Ende des Kommunismus?



    Der Kommunismus, wie ihn Marx sich ausgedacht hatte, war eine Heilslehre, eine säkulare Religion gewesen. An die Macht gekommen, wurde er zu einer praktizierten Heilslehre, gestützt auf ein totalitäres Herrschaftssystem. Zunehmend dann ein totalitäres Herrschaftssystem, das sich zu seiner Aufrechterhaltung einer Heilslehre bediente.

    Und schließlich war er nur noch ein totalitäres Herrschaftssystem, in dem die Heilslehre lediglich zur Disziplinierung der Untertanen diente; als der Geßlerhut, den sie zu ehren hatten. Die Heilslehre hatte ihre Strahlkraft verloren. Das Herrschaftssystem aber wurde immer perfekter, basierend auf Einschüchterung der Untertanen, auf der Kontrolle aller Lebensbereiche, auf brutalem Vorgehen gegen jede Opposition.

    Ein solches auf Unterdrückung basierendes System verlangt freilich eine ständige Anstrengung der Herrschenden. Anders als in einem Gesellschaftssystem, das die Zustimmung seiner Bürger genießt, ist es nicht aus sich selbst heraus stabil. Der Herrschaftsapparat muß einen großen Teil der gesellschaftlichen Ressourcen dafür einsetzen, das System überhaupt zu erhalten.

    Es ist, wie jedes System, dessen Stabilität künstlich aufrechterhaltenen wird, ständig in Gefahr, instabil zu werden. Wie das koloniale Nordamerika 1776, wie das spätfeudale System in Frankreich 1789, und wie eben auch zwei Jahrhunderte später das kommunistische Kolonialreich und bald danach auch das kommunistische Mutterland.



    Der Aufstand gegen die kommunistischen Ausbeuter verlief ungleich unblutiger als der gegen die aristokratischen Ausbeuter damals in Frankreich; eine weitgehend friedliche anstatt einer gewaltsamen Revolution. Er schien noch dazu die Gewaltherrschaft gründlicher beseitigt zu haben; die Konterrevolution der Kommunisten blieb aus.

    Der Kommunismus war, so schien es damals, am Ende. Kollabiert. An seiner Unmenschlichkeit, seiner Ineffizienz gescheitert; auch seiner Unfähigkeit, sich der dritten technologischen Revolution anzupassen.

    Kommunismus, das war halt so'ne Idee gewesen. Und Tschüss. So dachten viele damals, vor gut 15 Jahren.



    Ich fürchte, wir haben uns geirrt. Wir haben uns in der Hochstimmung der Wendezeit in Bezug auf den Kommunismus ebenso geirrt, wie wir ganz allgemein mit der Hoffnung auf eine friedliche Welt, auf das Ende der Geschichte, falsch gelegen haben.

    Der Kommunismus ist keineswegs am Ende. Die marxistische Heilslehre dürfte erledigt sein; aber die kommunistische Herrschaftsmethode ist es nicht.

    Im Gegenteil:
  • In Lateinamerika entstehen mehr oder weniger kommunistische, jedenfalls dem kommunistischen Cuba freundlich gesonnene und von ihm beeinflußte Systeme. Am weitesten auf diesem Weg fortgeschritten ist Venezuela, wo - weitgehend unbeachtet von den Medien - der Übergang zur Diktatur des Proletariats vorbereitet wird.

  • In Rußland herrscht eine Machtelite, die aus dem Repressionsapparat der Sowjetunion, vor allem dem KGB, hervorgegangen ist. Es gibt keine Hinweise darauf, daß Putin und seine Leute noch an den Marxismus glauben (falls sie das denn jemals getan haben). Aber immer mehr Indizien weisen darauf hin, daß sie die kommunistischen Methoden der Machterhaltung so anwenden, wie sie das in ihrer Zeit im KGB oder anderen Sparten des kommunistischen Unterdrückungsapparats gelernt haben.

  • Das kommunistische Nordkorea dürfte den perfektesten Polizeistaat der Geschichte geschaffen haben. Kein Staat der Welt gibt einen größeren Anteil des BSP für das Militär aus (31 Prozent); jeder vierte Koreaner, schätzt CNN, arbeitet beim Militär.

  • Das kommunistische Vietnam erlebt gegenwärtig so etwas wie einen Frühkapitalismus. Aber die Situation bei den Menschenrechten hat sich keineswegs generell verbessert; im Gegenteil, es gibt neue Felder verstärkter Unterdrückung, wie zum Beispiel das Internet.

  • Und dann ist da China. Ein Land, das sich nach außen glänzend zu verkaufen weiß - man muß sich nur die Sendungen von CCTV 9 anschauen, um sich davon zu überzeugen. Ein Land, das ein Programm für eine Mondlandung vorantreibt, das mehr als achtzig Prozent der weltweit verkauften DVD-Player herstellt, das sich in wenigen Jahrzehnten vom Entwicklungsland zu einer der führenden Industrienationen entwickelt hat.

    Und ein Land, das von seiner kommunistischen Partei diktatorisch regiert wird; in dem eine allmächtige Geheimpolizei alle Lebensbereiche mindestens so perfekt kontrolliert, wie das die Stasi in der DDR getan hat. Über ein entsetzliches Beipiel dafür, was in diesem Staat möglich ist, habe ich kürzlich hier und in zwei vorausgehenden Beiträgen berichtet.
  • Er ist also nicht am Ende, der Kommunismus als totalitäres Herrschaftssystem. Er ist uns nur sozusagen aus dem Blick geraten.

    Kein Wunder: Aktuelle Bedrohungen gehen nicht von ihm aus, sondern vom Islamismus. Irans Atombombe, die für die Zukunft droht, löst mehr Besorgnis, mehr weltweite diplomatische Aktivität aus als die koreanische, die schon gezündet wurde.



    Möglich, daß das Ende des Kommunismus doch in absehbarer Zeit bevorsteht, auch wenn sich die Hoffnungen auf seinen schnellen Zusammenbruch als falsch erwiesen haben. Entscheidend wird wohl sein, ob es auf Dauer einen blühenden Kapitalismus in einem totalitär regierten Land geben kann.

    Aufbauen läßt sich der Kapitalismus in einem totalitären System. Das zeigen China und Vietnam; so wie auch in autoritären Systemen wie dem Chile Pinochets und dem Rußland Putins sich der Kapitalismus prächtig entwickeln konnte und kann.

    Aber wird auch ein moderner, dynamischer Kapitalismus auf Dauer mit einem totalitären Herrschaftssystem vereinbar sein? Es gibt Gründe, das zu bezweifeln.

    Der heutige und erst recht der zukünftige Kapitalismus kann nicht ohne den freien Fluß von Informationen funktionieren; kein totalitäres System kann aber andererseits Informationsfreiheit zulassen, ohne seinen Untergang herbeizuführen.

    Auch die Innovationen, die ein dynamischer Kapitalismus braucht und hervorbringt, sind auf Dauer nur in einer Atmosphäre der Freiheit zu bekommen; nur durch freie wissenschaftliche Forschung, nur durch freie Kritik und Gegenkritik, nur dadurch, daß keine Idee verboten, kein Ansatz von vornherein verworfen wird.



    Mit anderen Worten, den Fortschritt, den der freie Westen dank des freiheitlichen Rechtsstaats erreicht hat, aufholen, das kann auch ein autoritätes, sogar ein totalitäres System. Aber selbst Fortschritt schaffen, in den Wissenschaften, der Technologie - das kann kein solches System.

    Insofern gibt es langfristig, vielleicht mittelfristig Grund zum Optimismus. Aber vorerst - solange die chinesische, die vietnamesische Wirtschaft nicht innovativ zu sein brauchen, sondern ihre Erfolge dadurch erringen, daß sie bestehende Technologien billiger umsetzen - für die nächsten Jahre also, vielleicht Jahrzehnte ist mit dem Kommunismus weiter zu rechnen.

    26. Dezember 2006

    Ein Road Movie. Und Filme überhaupt

    Gleich zweimal lief in diesen Weihnachtstagen im TV das Road Movie aller Road Movies: The Straight Story von David Lynch. Der doppeldeutige Titel ist, wie so oft, in der deutschen Übersetzung hopps gegangen. (Seltsam - die albernsten Titel von US-Filmen werden in Deutschland auf Englisch übernommen. Wenn es aber mal wirklich ein schwer übersetzbares Wortspiel gibt, dann ausgerechnet findet der Verleih einen Titel, der gezielt danebengeht: "Eine wahre Geschichte"; dümmer geht's nümmer).



    Ich mag Road Movies sehr. Vielleicht ist das Road Movie ja der schlechthinnige Film.

    Film, das heißt, daß man die Realität leugnet. Dazu gehört die Dunkelheit des Filmtheaters. Der Vorhang geht auf. Früher gingen sogar mindestens zwei Vorhänge auf. Erst hob sich der geraffte, dann ging der theatermäßige auseinander. Oder auch in umgekehrter Folge. Dann der Gong. Dann Pause. Dann langsame Verdunklung. Und dann war man eingestimmt. Entrückt. Weg vom richtigen Leben.

    Realistischer Film, Cinéma Vérité, gar der sozialkritische Film der Kommunisten, das ist eine große Dummheit. Ungefähr wie eine esoterische Wissenschaft oder wie eine ungerechte Jurisprudenz.

    Film ist, natürlich, unrealistisch. Kintopp halt. Die Realität hat man doch außerhalb des Kinos. Die Leute ins Kino einzuladen, damit sie dort etwas über "ihre Probleme", über "die Gesellschaft" lernen - welche unglaubliche Borniertheit. Welche Tristesse, welche Langeweile, diese politischen Filme.

    Welche Arroganz auch von denjenigen, die das propagieren und die sich, ganz hochnäsige Volkserzieher, damit darüber erheben, daß "Lieschen Müller" im Kintopp sich an der Bebilderung seiner Träume erfreut. Ja, was denn sonst?



    Film ist, trivialerweise, "Flucht aus dem Alltag", wie Theater überhaupt. Das Road Movie zeigt eine "Flucht aus dem Alltag". Insofern ist das Road Movie dasjenige Genre, in dem das Wesen des Mediums und sein Inhalt sich besonders nah kommen; the medium is the message, oder vielmehr: the message fits the medium.

    Ausbrechen, abhauen, weg. Das ist ein Urthema, der Jugend zumal. Man schippert los, ob als Argonaut oder als einer der Crew von Ulysses. Oder man zieht in die Welt als Parzifal, als Simplicius Simplicissimus, als der Grüne Heinrich, als Easy Rider.

    Oder als Seemann, der dann Heimweh nach Sankt Pauli hat, aber seine Heimat ist das Meer, und nur ihr kann er treu sein.

    Nur raus, was Neues sehen. Sicherheit aufgeben, um die Welt, aber natürlich vor allem sich selbst, kennenzulernen.

    Notfalls es sich zeigen zu lassen, wenn man es selbst nicht erleben kann, weil immobil. Wie Hans Castorp, der runter-, oder auch hochgekommene Parzifal. Die Karikatur, die dekadente Variante des Parzifal. Aber, eingewickelt in seine Decken auf seinem Balkon, bleibt er ja neugierig. Wie meist bei Thomas Mann die dekadente Variante eines großen Themas.

    Ich hatte das sehr heftig. Nur weg. Anderswo als am Heimatort studieren. In den Semesterferien ins Ausland. Mit fast keinem Geld irgendwie durchkommen. Als "Tramper" damals wußte man nie, wo man schlafen würde. In der Jugendherberge, das war gut. Im Abri Municipal, nun ja. Notfalls auf einer Bank oder einfach im Gras, warum nicht. Im Polizeigewahrsam, das war oft erstaunlich komfortabel, jedenfalls in Deutschland, mit einem guten Frühstück.



    In der Straight Story ist das alles genauso. Nur ist derjenige, der da loszieht, kein hoffnungsfroher Jüngling, sondern eine alter Mann.

    Das Klischee wird also gegen den Strich gebürstet. Er bricht nicht auf ins Leben, sondern er versucht, ein vergehendes Leben noch zu erhaschen. Oder zwei: Seines, das seines Bruders. Und er braust nicht los, sondern er kriecht und krabbelt, lächerlicher geht es ja nicht, auf seinem Rasenmäher über die Landstraßen.

    Das ewige Klischee also, nur daß alles anders ist. Das macht einen Film interessant: Er benutzt das Schema, variiert es aber. Reiten, reiten, reiten. But the man who "rides" - sitzt nicht im Sattel, sondern auf einem armseligen Gerät. Es ist alles erbärmlich, also wahr, also anrührend.

    Ein schöner Film. Wir haben ihn damals im Kino gesehen. Jetzt noch einmal im TV. Das war nur ein Abklatsch, weil eben ein solcher Kino- Kino- Kinofilm logischerweis nur im Kino richtig genossen werden kann.

    12. Dezember 2006

    Rückblick: Ein fiktiver innerer Monolog

    In einem kürzlichen Beitrag habe ich versucht, mich in die Gedankenwelt eines Kommunisten zu versetzen, den das Ende der DDR nicht in die Resignation getrieben hat, sondern der in der PDS weitermacht.

    Meine Kernthese war, daß aus der Sicht eines solchen Menschen überhaupt kein Grund zum Aufgeben besteht. Gut, der Sozialismus hat eine Schlacht verloren, aber damit doch noch lange nicht den Krieg. An der Richtigkeit der wissenschaftlichen Weltanschauung kann ein Rückschlag nichts ändern.

    Aber natürlich muß man sich den jetzt gebenen Bedingungen des Kampfs anpassen - also sich tarnen, die Naivität der Demokraten für die eigenen Ziele nutzen, so wie das schon Lenin getan hat.

    So, malte ich mir aus, denken die aufrechten, die ehrlichen Kommunisten, die die PDS beherrschen.



    Heute habe ich ein hübsches Aperçu dazu gelesen, und zwar im SPIEGEL dieser Woche, unter "Personalien", auf Seite 205. Die Familie Mischa Wolfs dankt jetzt schriftlich den Teilnehmern an der Trauerkundgebung.

    Und darunter steht, von Mischa selbst unterzeichnet: "Das letzte Wort ist noch nicht gesagt".

    Nein, das ist es nicht.

    Die ewiggestrigen Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg wußten, daß ihre Zeit vorbei war; sie waren Nostalgiker. Die ewiggestrigen Kommunisten der PDS haben noch lange nicht auf Nostalgie geschaltet.

    Das letzte Wort, so denken sie, werden sie sprechen.

    10. November 2006

    Zum Jahrestag des Mauerfalls: Ein fiktiver innerer Monolog

    Die DDR ist Vergangenheit. Ist die DDR Vergangenheit? Ich sehe keine Anzeichen dafür, daß diejenigen, die die DDR regiert haben, deren Ende als das Scheitern ihres Bestrebens ansehen, eine sozialistische Gesellschaft zu errichten.

    Das hat diesen Beitrag motiviert, eine Fiktion. Ich stelle mir einen Menschen aus der DDR-Elite vor, der auch nach der Wende noch politisch Karriere machen konnte. Sagen wir, er war in der DDR leitender Funktionär in einem Berufsverband, dem alle in diesem Beruf Tätigen angehören mußten, oder er war ein leitender Kulturfunktionär. Er war das nicht aus Opportunismus, sondern aus Überzeugung; ein Mensch, der an die Richtigkeit des Marxismus-Leninismus glaubt. Jetzt arbeitet er - so stelle ich es mir vor - immer noch an führender Stelle in seiner Partei, auch wenn diese sich inzwischen in PDS umbenannt hat und in Linkspartei.

    Ich stelle mir vor, was er denkt. Das Folgende ist also erdacht: Das, was Zettel sich denkt, was dieser von ihm gedachte Ex-Funktionär sich denkt.



    In welcher historischen und strategischen Situation befinden wir uns?

    Der Untergang der DDR und des gesamten real existierenden Sozialismus in Europa ist der bisher größte Rückschlag, den wir seit dem Beginn der kommunistischen Bewegung erlitten haben. Wir haben ihn teils dem Verrat Gorbatschows zu verdanken. Teils geht er aber auch auf schwere Fehler zurück, die wir beim Aufbau des Sozialismus gemacht haben. Wir müssen aus diesem Rückschlag die Konsequenzen ziehen. Aber die Konsequenz kann nicht sein, auf das Ziel des Aufbaus des Sozialismus zu verzichten.

    Wir werden über den Kapitalismus siegen, weil die unumstößlichen Gesetze der Geschichte es so bestimmen. Marx hat uns gelehrt, daß der Kapitalismus zum Untergang verurteilt ist und daß die Dialektik der Geschichte mit Notwendigkeit die Diktatur des Proletariats, den Sozialismus und schließlich den Kommunismus hervorbringen wird.

    Wir sehen in unserer Gegenwart, wie die Widersprüche im Kapitalismus immer mehr zunehmen, wie er immer mehr an Massenloyalität einbüßt. Die Klassengegensätze verschärfen sich; immer mehr zerfällt die Gesellschaft in wenige Reiche, die immer reicher werden, und die Masse der Lohnabhängigen, die immer mehr ins Prekariat absinkt. So hat es Marx vorhergesagt, und so tritt es jetzt ein. In Deutschland vertraut bereits die Mehrheit nicht mehr der bürgerlichen Demokratie. Noch ist keine revolutionäre Situation erreicht, aber die objektiven Tendenzen der Geschichte bewegen sich auf sie zu.

    Es wäre abwegig, unwissenschaftlich und kleinbürgerlich, in dieser Situation das Ziel der Diktatur des Proletariats und der anschließenden Entwicklung hin zum Kommunismus fallenzulassen. Vielmehr ist das Scheitern des ersten Versuchs, einen realen Sozialismus in Europa zu schaffen, nur eine verlorene Schlacht, nicht der verlorene Krieg. Wir müssen jetzt klug sein, uns geschickt tarnen und geduldig warten, bis die objektiven Bedingungen dafür herangereift sind, wieder zum Aufbau des Sozialismus überzugehen. Wir müssen unter den gegenwärtigen Bedingungen parlamentarisch arbeiten und Machtpositionen erobern, die wir benötigen, wenn die sozialistische Revolution wieder auf der Tagesordnung der Geschichte stehen wird.



    Wie kam es zu dem schweren Rückschlag vom 9. November 1989?

  • Unserer größter Irrtum war die Hoffnung, der Sozialismus ließe sich in einem Staat aufbauen, der nur einen Teil Deutschlands umfaßte. Wir haben zwar mit allen Mitteln versucht, die BRD zur Anerkennung der DDR zu bringen, und hatten die SPD auch soweit. Aber die reaktionären Kräfte und vor allem das in ihren Diensten urteilende BVG haben das verhindert. Die BRD hat die DDR nicht als Staat anerkannt. Unsere Menschen lebten dadurch geistig immer zum Teil in der BRD. Sie verglichen die Lebensbedingungen im Sozialismus mit denen in der BRD, wie das Fernsehen sie ihnen vorgaukelte. Sie wollten latent immer Bundesbürger werden. Deshalb war unser Grenzregime erforderlich, das uns erst recht die Loyalität vieler unserer Menschen gekostet hat.

  • Unser zweiter schwerer Fehler war es, daß es uns nicht gelungen ist, die Produktivkräfte so zu entfalten, wie das im Kapitalismus geschah und geschieht. Die materiellen Bedürfnisse unserer Menschen konnten niemals hinreichend befriedigt werden. Das lag an einer Planungsstruktur, die die Möglichkeiten der modernen Technik der Kommunkation und Steuerung nicht genutzt hat.

  • Ein dritter Fehler war, daß wir uns antiquierter Methoden der Agitprop bedient haben. Das ND war langweiliger als der Rundbrief eines Kaninchenzüchtervereins. Die Propaganda in der "Aktuellen Kamera" war so plump und so durchsichtig, daß niemand sie ernst nahm und selbst treue Genossen sich aus dem Westfernsehen informierten. Wir waren propagandistisch schon lange nicht mehr auf der Höhe der Zeit, als die DDR zusammenbrach.



  • Was folgt daraus für unsere jetzige Strategie und Taktik?

  • Der Sozialismus ist für wenigstens eine Generation diskreditiert. Folgerung: Wir reden vorerst überhaupt nicht vom Aufbau des Sozialismus oder gar vom Übergang zur Diktatur des Proletariats. Wir stellen uns als eine soziale Partei dar, die die Sorgen der kleinen Leute ernst nimmt und die die kapitalistischen Ausbeuter bekämpft. Wir bekennen uns ausdrücklich zum Grundgesetz; so, wie es die DKP zu Zeiten der alten BRD getan hat.

  • In dieser jetzigen Phase geht es um dreierlei: Erstens die Organisation intakt zu halten. Zweitens Sympathie für uns zu gewinnen, uns als Partei der sozialen Gerechtigkeit, als Partei der Kleinen Leute zu profilieren. Und drittens geht es darum, zur Zuspitzung der Widersprüche in der jetzigen Phase des Imperialismus beizutragen, indem wir die SPD mit Forderungen unter Druck setzen, die bei ihrer Realisierung die Krise des Kapitalismus weiter verschlimmern würden, die andererseits aber auch die SPD nur schwer ablehnen kann, weil sie das Etikett "soziale Gerechtigkeit" tragen.

  • Wenn dann die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus wieder zu einem allgemeinen Zusammenbruch geführt hat, wie Ende der Zwanziger Jahre, wird sich das Kräfteverhältnis zu unseren Gunsten ändern. Irgendwann werden die Menschen vom Kapitalismus und der angeblichen Demokratie des bürgerlichen Staats so enttäuscht sein, daß sie Alternativen suchen. Sie werden sie teils bei den Faschisten suchen, teils bei uns. Es wird sich also wieder eine Situation ergeben ähnlich wie um 1930.

  • Ein Teil unserer Vorbereitung auf diese Situation besteht darin, daß wir schon jetzt alle politischen Kräfte rechts von der Sozialdemokratie als faschistisch oder faschistoid im allgemeinen Bewußtsein verankern. Das Ziel muß es sein, daß SPD und PDS als eine gemeinsame Linke wahrgenommen werden und CDU und FDP zusammen mit den Rechtsextremisten als reaktionäre Kräfte, gegen die wir Antifaschisten kämpfen. Es muß ein linkes Lager geben, zu dem wir gerechnet werden, und ein rechtes, zu dem von der CDU bis zur NPD alle rechts von der SPD gehören.

  • In der bevorstehenden allgemeinen Krise des Kapitalismus wird dann die SPD eher bereit sein, mit uns zusammenzugehen als mit den reaktionären Kräften. Jedenfalls dann, wenn wir alles getan haben, die SPD-Linke zu stärken. Damit ist die strategische Situation ungleich günstiger als 1930. Wenn es uns gelingt, die SPD mit uns in eine gemeinsame Front zu bringen, werden wir in diesem linken Bündnis sehr schnell die Macht übernehmen, so wie nach der Gründung der SED. Wir werden das dank unserer überlegenen Theorie und unserer ungleich besseren Organisation und Disziplin. Damit sind beste Voraussetzungen für eine erneute sozialistische Revolution gegeben. Auch Lenin hat aus einer extremen Minderheitsposition heraus die Macht erobert.



  • Wie wird dann der erneute Aufbau des Sozialismus aussehen müssen, damit er diesmal Bestand hat?

  • Nach der Wiedererrichtung des Sozialismus werden wir die Fehler der DDR vermeiden. Eine BRD, die uns die Loyalität unserer Menschen stiehlt, wird es dann ja nicht mehr geben. Wir werden die modernste Computertechnologie einsetzen, um die materiellen Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Wir werden uns in der Agitprop der medialen Mittel bedienen, die wir in der BRD erlernt haben.

  • Selbstverständlich wird es aber auch in diesem neu aufzubauenden Sozialismus weder ein Mehrparteiensystem geben, noch ein mit irgendwelchen Befugnissen ausgestattetes Parlament, noch gar eine Justiz, die von den Weisungen der Leitung unabhängig wäre. Gerade das Scheitern der DDR lehrt uns, daß wir unseren Feinden keinen Spielraum lassen dürfen. Der neue Sozialsmus wird viel mehr tun, als es die DDR jemals geschafft hat, um seinen Menschen das Bewußtsein von Zufriedenheit zu geben. Aber niemals darf ihnen auch nur der geringste Einfluß auf die Enscheidungen der Parteileitung und der Regierung gegeben werden. Der demokratische Zentralismus allein wird den Bestand des Sozialismus und schließlich den Übergang zum Kommunismus gewährleisten. Nur so können wir verhindern, daß uns erneut die Macht entgleitet. Wir werden uns den Sieg des Sozialismus nicht noch einmal aus den Händen winden lassen.



  • Soweit meine Fiktion; soweit mein Versuch, mich in die Gedankwelt eines Politikers zu versetzen, der der DDR bis zu ihrem Ende aus marxistisch-leninistischer Überezugung treu gedient hat und der nun in der Bundesrepublik Politik macht.

    Vielleicht ist sie ohne Bezug zur Realität, meine Fiktion. Ich weiß das nicht, denn ich kenne so jemanden nicht, habe also schon gar nicht Kenntnis davon, was er wirklich denkt. Ich habe mir nur einmal zu vorzustellen versucht, wie er denkt.

    Dieser Blog erscheint etwas verspätet, am 10.11. Wer ihn gar nicht ernst nehmen kann, der möge ihn als verfrüht lesen, als meinen Beitrag zum 11.11., dem Beginn der Närrischen Zeit.