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16. September 2009

Wahlen '09 (17): Zwei Verlierer, drei Gewinner. Erosionen und Aufschüttungen in der deutschen Parteienlandschaft

Ob es am übernächsten Sonntag zu einer Mehrheit für Schwarzgelb reichen wird, kann niemand seriös vorhersagen. Es wird von der Tagesform abhängen; davon, ob noch das eine oder andere neue Thema auftaucht; vielleicht auch von einem Fehler, den sich einer der Spitzenleute auf den letzten Metern leistet.

Insofern bleibt die Wahl spannend. Verlierer und Gewinner andererseits zeichnen sich inzwischen einigermaßen deutlich ab. Verlieren werden die beiden Parteien, die den Namen "Volksparteien" immer weniger verdienen. Gewinnen werden die "Kleinen", die so klein nicht mehr sind.

Die SPD wird sehr wahrscheinlich ihr schlechtestes Ergebnis seit Bestehen der Bundesrepublik einfahren. Auch die letzte veröffentliche Umfrage (FG Wahlen, 11. September) sieht sie bei unter 25 Prozent; wie alle Umfragen seit Wochen. Sollte Steinmeier am Ende, sagen wir, 28 Prozent schaffen, dann wäre das schon ein großer Erfolg. Die SPD läge damit aber immer noch unter ihrem Allzeit- Tief seit 1949 (28,8 Prozent bei den Wahlen zum 2. Deutschen Bundestag am 6. September 1953).

Der Union dürfte es nur marginal besser gehen. In zwölf der sechzehn bisherigen Bundestagswahlen lag sie über 40 Prozent; ein Ergebnis, von dem Angela Merkel derzeit nur träumen kann. Wenn es gut für sie läuft, dann wird die Union ihre drei schlechtesten Ergebnisse (31,0 Prozent 1949; 35,1 Prozent 1998 und 35,2 Prozent 2005) vielleicht ein wenig übertreffen. In Anbetracht der Umfragen der letzten Wochen wäre es schon bemerkenswert, wenn sie über ihr viertschlechtestes (38,2 Prozent bei den Wahlen 2002) hinauskäme.

Das "Duell" am vergangenen Sonntag war also nicht nur - wie oft genug kritisiert wurde - ein Dialog der Vertreter von zwei Regierungsparteien; sondern es war auch die Präsentation der beiden großen absehbaren Verlierer des Jahres 2009. Und spiegelbildlich dazu sah man am Montag, als die Spitzenleute der drei Oppositionsparteien miteinander diskutieren durften, zugleich die drei vermutlichen Gewinner.

Nur ein einziges Mal in der Geschichte der Bundesrepublik hat die FDP mehr als zwölf Prozent geschafft; das war bei den Wahlen 1961, als sie für die Ablösung Konrad Adenauers durch Ludwig Erhard eingetreten war. Wenn nicht noch etwas ganz Unerwartetes geschieht, dann dürfte Guido Westerwelle den damaligen Gewinner Erich Mende deutlich distanzieren. Dreizehn Prozent sind der FDP schon fast sicher; fünfzehn Prozent sind keine unrealistische Erwartung.

Auf einen ähnlichen Erfolg dürfen sich die Kommunisten freuen. Als KPD hatten sie 1949 knapp sechs Prozent geschafft. Als ADF und DKP waren sie zwischen 1969 und 1983 weit unter einem Prozent geblieben. Als PDS lagen sie zwischen 1990 und 2002 nur ein einziges Mal (1998) mit 5,1 Prozent ganz knapp über der Fünf- Prozent- Hürde. Als Die Linke PDS schafften sie vor vier Jahren 8,7 Prozent. Diesmal dürften sie unter ihrem momentanen Namen Die Linke noch deutlich besser abschneiden. Ein zweistelliges Ergebnis liegt für sie im Bereich des Möglichen.

Auch den Grünen geben die derzeitigen Umfrage- Ergebnisse eine exzellente Chance, zweistellig zu werden. Jedenfalls dürften sie ihre beiden bisher besten Ergebnisse (8,3 Prozent 1987 und 8,6 Prozent 2002) übertreffen.



Die Großen werden kleiner; die Kleinen wachsen. Dieser sozusagen egalitäre Trend könnte die Quintessenz der Wahlen 2009 sein. Vielleicht gehen die Erosion auf der einen und die Aufschüttung auf der anderen Seite so weit, daß es künftig überhaupt nicht mehr sinnvoll sein wird, zwischen großen und kleinen Parteien eine Trennlinie zu ziehen. Die SPD dürfte am 27. September näher bei der FDP liegen als bei der Union; schon Äquidistanz wäre für sie ein Erfolg.

Wir Deutschen waren es seit den Wahlen von 1949 gewohnt gewesen, gewissermaßen zwei Hochgebirgs- Gipfel und eine Hügellandschaft vor uns zu haben. Am 27. September dürfte die Parteien- Landschaft eher einem einzigen Mittelgebirge gleichen; manche Berge höher als andere, aber doch nicht um Größenordnungen von diesen verschieden.

Woher kommt diese Veränderung? Wie meist in solchen Fällen kann man die Erklärung eher in einem langfristigen Trend oder eher in der aktuellen Situation suchen.

Aktuell werden die drei Oppositionsparteien dadurch gestärkt, daß sie eben Oppositionsparteien sind. In jeder funktionierenden Demokratie gibt es annähernd gleich viele Menschen, die mit der jeweiligen Regierung zufrieden und die mit ihr unzufrieden sind. Wenn eine Regierung einmal sechzig Prozent Zustimmung und nur vierzig Prozent Ablehnung erhält, dann ist das schon sehr viel. Meist liegen Regierung und Opposition näher beieinander.

In der zitierten Umfrage der FG Wahlen vom 11. September liegt die Regierung bei 59 Prozent und die Opposition bei 36 Prozent. Bei anderen Instituten ist die Differenz noch geringer; Forsa (Umfrage vom 9.9.) gibt der Regierung zum Beispiel 56 Prozent und der Opposition 38 Prozent.

So gesehen wären die Schwäche der Großen und die Stärke der Kleinen also nur Ausdruck der Tendenz der Wähler, eine Regierung nicht zu stark und die Opposition nicht zu schwach werden zu lassen. Aber ist das die ganze Erklärung?

Dagegen spricht, daß der einstige "Trend zum Zweiparteien- System" sich schon seit längerer Zeit umgekehrt hat. Bei den ersten Bundestagswahlen 1949 hatten Union und SPD zusammen 60,2 Prozent. Dieser Wert stieg danach kontinuierlich und erreichte 1976 mit 91,2 Prozent sein Maximum. Seither fällt er ebenso monoton ab: Bei den Wahlen 1980 lag er noch bei 87,4 Prozent, 1990 nur noch bei 77,3 Prozent und 2005 bei gerade noch 69,4 Prozent. Ganz ohne Große Koalition.

Welche Trends spiegeln sich in diesem umgekehrt U-förmigen Verlauf? Man kann darüber viel spekulieren.

Von einem "Zerfall der klassischen Milieus" sprechen Soziologen gern - des katholischen auf der einen Seite, desjenigen der Arbeiterschaft auf der anderen. Viel erklärt ist damit nicht; denn zu Volksparteien waren sowohl die Union als auch die SPD ja gerade dadurch geworden, daß sie über ihre klassischen Milieus hinaus Anhänger gefunden hatten.

Mir scheint die Erosion der Volksparteien eher so etwas wie eine Normalisierung zu sein.

Unter einem Verhältniswahlrecht ist eine Vielfalt von Parteien die Regel. Man kann das an der Weimarer Republik sehen, der italienischen Nachkriegsrepublik, der französischen Dritten Republik und der dortigen Vierten Republik. Erklärungsbedürftig ist nicht, daß wir jetzt auf ein Fünfparteiensystem zusteuern (oder sechs, wenn man CDU und CSU getrennt rechnet). Erklärt werden muß vielmehr der frühere Trend zum Zweiparteiensystem, obwohl wir kein Mehrheitswahlrecht haben.

Er mag am schieren Erfolg der Bonner Republik gelegen haben; am Erfolg vor allem ihrer Sozialen Marktwirtschaft. Über sie gab es einen breiten Konsens; wobei die Union mehr für den Markt und die SPD mehr für das Soziale stand.

Dieser Konsens endete mit dem Auftreten der Grünen, die Politik nicht als den Ausgleich von Interessen verstehen, sondern als ein Instrument zur Änderung der Gesellschaft und zur Erziehung der Bürger. Erst recht gilt das natürlich für die Kommunisten.

Die Grünen und die Kommunisten haben die deutsche Politik ideologisiert; mit Ausstrahlungen bis weit in die einstigen Volksparteien hinein. Nur die FDP steht noch gegen diese Ideologisierung. Das dürfte ein wesentlicher Grund für ihren gegenwärtigen Aufstieg sein.

Wohin er die FDP noch führen kann, ist im Augenblick ganz offen.

Die drei bisher "Kleinen" sind Parteien mit einem klaren Profil: Die Grünen und die Kommunisten stehen für zwei Varianten eines ideologisch gefärbten Etatismus. Die FDP steht ebenso eindeutig für eine offene, freiheitliche Gesellschaft.

Die beiden ehemaligen "Volksparteien" lassen ein solches Profil vermissen. Das war einmal ihre Stärke, weil sie dadurch integrativ sein konnten. Es könnte sich zunehmend als ihre Schwäche erweisen. Es könnte ihnen gehen wie den großen Warenhäusern, die vom Hosenknopf bis zum DVD-Rekorder alles im Sortiment haben: Der Kunde kehrt ihnen zunehmend den Rücken und kauft dort ein, wo das Angebot weniger gemischt ist.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Der Reichstag. Vom Autor Norbert Aepli unter Creative Commons Attribution 2.5 - Lizenz freigegeben. Ausschnitt.

25. Juni 2009

Zettels Meckerecke: Solarstrom aus der Sahara? Und schon sind die Ideologen am Werk

Warum soll man nicht in der Sahara Solarstrom erzeugen, der dann über Hochspannungsleitungen nach Europa gelangt?

Wenn es technisch realisierbar ist, wenn es sich kaufmännisch rechnet, ist dagegen so wenig einzuwenden wie gegen den Bau neuer Atomkraftwerke. Wie man Energie erzeugt, ist schließlich eine technische und eine wirtschaftliche Frage.

Ach nein, das ist sie nicht. Sondern in dieser zunehmend durchideologisierten Gesellschaft, in der wir leben, ist es eine Frage von Gut und Böse. Atomenergie ist böse, Solarenergie ist gut.

Also wird nicht sachlich das Für und Wider abgewogen, sondern die grünen Ideologen begeben sich, sobald eine solche Frage auftaucht, sofort in ihre Schützengräben, aus denen sie ihre Salven gegen jeden abfeuern, der sachlich zu diskutieren versucht.



Zu besichtigen an einem Interview zur Solarenergie aus der Sahara, das heute in "Spiegel- Online" erschienen ist. Unter Verantwortung des Ressorts Wirtschaft; aber wirtschaftliche Erwägungen kommen überhaupt nicht vor. Ob sich das Projekt rechnet, interessiert weder den anonymen Interviewer noch seinen Interviewpartner.

Diesen freilich braucht es auch nicht zu interessieren. Wolfram Lacher ist nämlich kein Ökonom, sondern "Analyst beim internationalen Beratungsunternehmen Control Risks". Er wurde interviewt, um Auskunft geben, wie sicher eine solche Stromversorgung aus der Sahara wäre.

Wägt er das Für und Wider ab, äußert er sich differenziert? Nein. Er reiht die Argumente aneinander, die für eine hohe Sicherheit sprechen. Das Interview will augenscheinlich gar nicht informieren, sondern es ist eines der Geschütze, mit denen aus den grünen Schützengräben gefeuert wird.

Schon der Vorspann macht das klar:
Lobbyisten behaupten, die Wüste sei terrorgefährdet. Unsinn, sagt Nordafrika- Experte Wolfram Lacher.
Auf der einen Seite finstere "Lobbyisten", die etwas "behaupten". Auf der anderen Seite ein "Experte", der "sagt", wie es ist.

Nun spricht er in dem Interview keineswegs von "Unsinn". Das hat sich der "Spiegel- Online"- Redakteur ausgedacht. Sondern er sagt, er halte die Gefahr terroristischer Anschläge "für nicht wahrscheinlich". Und: "Ich halte das Projekt Sahara- Sonne für ziemlich terrorresistent".

Ziemlich. Daraus bastelt die Redaktion von "Spiegel- Online" die Überschrift "'Die Sahara-Sonne ist terrorresistent'".

Ja, die Sonne freilich schon. Ob auch eine solche Anlage, ob auch die Hochspannungs- Leitungen, weiß niemand. Auch nicht der Experte Lacher, der das ja auch nicht behauptet. Man hat ihn zu einem Interview gebeten, in dem er offensichtlich vortragen sollte, was alles zugunsten einer sicherheitspolitischen Unbedenklichkeit gesagt werden kann. Das hat er getan.

Einseitig genug. Aber was dann die Redaktion daraus gemacht hat - "Unsinn", "Die Sahara-Sonne ist terrorresistent" - , das dürfte er wohl nicht erwartet haben.

Es gilt halt, aus den Schützengräben zu feuern. Es gilt, die öffentliche Meinung im Sinn der grünen Ideologen zu beeinflussen. Darin war "Spiegel- Online" schon immer sehr gut.



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28. Februar 2009

Zitat des Tages: Die Modernität des Islamismus

Because of its emphasis on returning to Islamic purity, and its apparent — indeed noisy — rejection of modernity, most people failed to notice how modern a phenomenon Islamism was, not just in time but in spirit.

(Weil er die Rückkehr zum reinen Islam betont und weil er scheinbar, ja lautstark die Moderne ablehnt, wird meist übersehen, was für ein modernes Phänomen der Islamismus ist - nicht nur von seiner zeitlichen Entstehung her, sondern auch, was seinen Geist angeht.)

Theodore Dalrymple in der Zeitschrift City Journal des Manhattan Institute in einem Aufsatz "The Persistence of Ideology" (Das Fortbestehen der Ideologie).

Kommentar: Der Islamismus ist keine Religion, sondern eine politische Bewegung. Er ist die letzte der totalitären Bewegungen des Zwanzigsten Jahrhunderts - nach dem Faschismus, dem Kommunismus und dem Nazismus.

Er ist eine Bewegung mit allen Kennzeichen des Totalitarismus:

Mit einer für alle Bürger verbindlichen Ideologie, die vor allem die "Gemeinschaft" betont (die Volksgemeinschaft, die sozialistische Menschengemeinschaft, die Gemeinschaft der Gläubigen (Umma)); die einen übergreifenden geschichtlichen Zusammenhang herstellt (des Kampfs der "Rassen", des Klassenkampfs, der Kampfs gegen die Ungläubigen); die das Heil verspricht; die eine Welterklärung liefert bis hin zur Erklärung dafür, daß es Feinde der betreffenden Ideologie gibt (weil sie "fremdrassig" sind; weil sie der Klasse der Ausbeuter angehören; weil sie nicht vom Licht des Glaubens erleuchtet sind).

Gewinnt eine solche totalitäre Ideologie die Herrschaft, dann schafft sie einen Einparteienstaat mit der vollständigen Überwachung der Bürger durch eine Geheimpolizei; mit Folter, Verschleppungen und Hinrichtungen als Instrumenten der Einschüchterung; mit einer staatlich kontrollierten Wirtschaft; mit dem Hineinregieren des Staats in alle Lebensbereiche, bis in die Familie, in die Gestaltung der Freizeit. (Für den Faschismus, der ja mit dem Nazismus nur wenig Ähnlichkeit hatte, gilt das alles nur teilweise).

Warum wird diese offensichtliche Übereinstimmung oft nicht gesehen?

Teils, scheint mir, weil unter dem Einfluß der Kommunisten das Phänomen des Totalitarismus als solches oft noch geleugnet wird. Die Kommunisten haben natürlich jedes Interesse daran, es zu leugnen, weil die offensichtlichen Übereinstimmungen zwischen dem kommunistischen und dem NS- Herrschaftssystem verschleiert werden sollen. Die simple empirische Tatsache des Totalitarismus wird als eine "Totalitarismus- Theorie" abgetan.

Was speziell den Islamismus angeht, mag Unwissen eine Rolle spielen. Daß der Islamismus eine Ideologie ist, die im 20. Jahrhundert entstanden ist, die also auf bestimmte Autoren und Gruppierungen zurückgeht, ist oft nicht bekannt. Viele meinen, der Islamismus verhalte sich zum Islam wie, sagen wir, der Kapitalismus zum Kapital.

Theodore Dalrymple geht vor allem auf einen der Väter des Islamismus ein, den Ägypter Sayyid Kutub, den Theoretiker der Moslem- Bruderschaft, auf die beispielsweise die Kaida wesentlich zurückgeht. Er zeigt anhand von Zitaten, wie Aussagen von Kutub bis in die Einzelheiten mit denen von Lenin übereinstimmen.



Dalyrymples hauptsächliches Thema in dem Aufsatz ist die Frage, warum das Zeitalter der Ideologien nicht mit dem Scheitern des Kommunismus zu Ende gegangen ist, sondern im Islamismus (und, wie er meint, im Ökologismus) seine Fortsetzung gefunden hat. Seine Antwort erscheint mir einleuchtend:
... in many parts of the world, the number of educated people has risen far faster than the capacity of economies to reward them with positions they believe commensurate with their attainments. Even in the most advanced economies, one will always find unhappy educated people searching for the reason that they are not as important as they should be.

... in vielen Teilen der Welt ist die Zahl der gut Ausgebildeten schneller gestiegen als die Kapazität der Volkswirtschaften, sie mit Positionen zu belohnen, die ihnen dem, was sie erreicht haben, angemessen erscheinen. Selbst in den fortschrittlichsten Volkswirtschaften wird man immer gut Ausgebildete finden, die unglücklich sind und die nach dem Grund dafür suchen, daß sie nicht so wichtig sind, wie es ihnen zustehe.
Diese Schicht, meint Dalrymple, sei der hauptsächliche Träger von Ideologien.

Eine sicher nicht neue These, aber eine, von der ich mir doch wünschen würde, daß sie allgemeiner anerkannt wird, als das bisher der Fall ist.

Es sind nicht die "benachteiligten Massen", die aus sich heraus anfällig für Ideologie wären. Dafür denkt der Angehörige dieser Schicht viel zu praktisch und realitätsnah. Sein Bedürfnis ist es nicht, Ursprung und Ziel der Geschichte zu verstehen, sondern seine Familie ordentlich zu ernähren und sich einen Fernseher und ein Auto leisten zu können. Kein Volk der Welt ist in seiner Mehrheit anfällig für Ideologie.

Vielen von denen, die Dalrymple die "educated people" nennt - ich habe das mit "gut Ausgebildete" übersetzt, denn gebildet müssen sie keineswegs sein - genügt das aber nicht. Sie erleben die Diskrepanz zwischen dem, was sie, die Absolventen einer Hochschule (oft auch nur einer Fachhochschule oder dergleichen), im Leben sind und dem gesellschaftlichen Rang und Einkommen eines ungebildeten Geschäftsmanns, eines Militärs, eines Anghörigen der Feudalschicht.

Mit kaum etwas kann man sein derart gekränktes Selbstwertgefühl so aufrichten wie mit dem schönen Gefühl, den Schlüssel zum Verständnis der Welt zu besitzen. Zumal, wenn man daraus das Recht ableitet, andere zu bevormunden und am Ende auch in der sozialen Hierarchie ganz oben anzukommen.

Dank des Glaubens an die Ideologie vom Volksschul- Lehrer zum NS-Bonzen, vom Dorfgeistlichen zum mächtigen Ayatollah, vom Studenten zum Polit- Kommissar. Solche Karrieren haben im Zwanzigsten Jahrhundert die totalitären Staaten geprägt. Heute findet man sie dort, wo Islamisten regieren.



Mit Dank an Thomas Pauli. Für Kommentare bitte hier klicken.

31. Januar 2009

Renaissance des Marxismus. Die FDP im Aufwind. Was die Wirtschaftskrise so alles mit sich bringt. Steht jetzt der Sozialismus vor der Tür?

Überraschendes trägt sich in diesen Tagen zu, in denen die Krise langsam Fahrt aufnimmt.

Eine Ideologie, von der man schon dachte, sie sei im Orkus der Geschichte verschwunden, dringt auf einmal wieder vor; zwar nicht in die Wissenschaft, aber doch in die Feuilletons und in manche Seminarräume.

Eine Partei, die - so lange ist es noch nicht her - jedesmal das Erlebnis eines Erfolgs packte, wenn sie wieder einmal die Hürde der fünf Prozent überwunden hatte, nähert sich der magischen Marke von 18 Prozent.

Die "Süddeutsche Zeitung" bietet in ihrer Online-Ausgabe im Augenblick diese beiden Artikel an:
  • "Marx: Lesekreise an Unis - Frisches Kapital". Vorspann: "Quer durch Deutschland lesen Studenten wieder Marx. Sie wühlen sich durch 'Das Kapital' - und das alles in ihrer Freizeit. Die Finanzkrise macht es möglich."

  • "Politbarometer Januar - FDP im Höhenflug". Vorspann: "Im Beliebtheitsranking kann die FDP weiter zulegen, die Union sackt ein wenig ab. Dennoch behält Schwarz- Gelb eine klare Mehrheit. Bei der Kanzler- Frage vergrößert sich Angela Merkels Vorsprung."
  • Daß die Wirtschaftskrise Marx wieder aus der Mottenkiste hüpfen läßt wie ein Springteufelchen, ist vielleicht nicht verwunderlich.

    Daß ausgerechnet in der schwersten Krise des Kapitalismus seit 1929 die deutschen Liberalen sich in den Umfragen in selten erreichte Höhen erheben, mag schon eher überraschen.



    Marx ist wieder "in"; nicht nur an den Unis. Im aktuellen "Spiegel" debattiert dessen Redakteur Philipp Oehmke mit dem Schriftsteller Dietmar Dath, einem bekennenden Marxisten; inzwischen hat Oehmke das Gespräch auch noch zu einem Artikel in "Spiegel- Online" verarbeitet.

    Auszug aus dem Gespräch im gedruckten "Spiegel" (5/2009, S.132):
    Ohemke: Sie sind also für die Beseitigung des kapitalistischen Systems?

    Dath: Absolut.

    Ohemke: Und dann?

    Dath: Dann kommt ein System der gemeinschaftlichen, arbeitsteiligen, demokratischen Produktion auf dem Stand der höchstentwickelten Technik. Marx nennt das Sozialismus.

    Ohemke: War es nicht das, was gerade erst vor zwanzig Jahren untergegangen ist?

    Dath: Die bürgerliche Demokratie hat auch ein paar Anläufe gebraucht. (...) Es ist Zeit für die nächste Stufe.
    Wenn ich so etwas lese, dann fühle ich mich nicht um zwanzig, sondern um vierzig Jahre zurückversetzt.

    Damals war diese Meinung weit verbreitet: Die UdSSR, das sei ein erster, in der Tat mißlungener Versuch, den Sozialismus einzuführen. Aber im nächsten Anlauf - anliefen damals vor allem Cuba und Vietnam, aber auch auf Albanien wurden große Hoffnungen gesetzt, und natürlich China - werde der wahre Sozialismus entstehen.

    Das Ergebnis ist heute zu besichtigen.

    Der Glaube an den nächsten Anlauf, der den wahren Sozialismus gebiert, ist aber offenbar nicht auszurotten. Es ist wie bei einer Weltuntergangs- Sekte, die seit Jahrhunderten damit leben muß, daß der jeweils prophezeite Weltuntergang ausbleibt. Aber beim nächsten Mal ...



    Jeder weitere "Anlauf" in Richtung Sozialismus wird ebenso scheitern wie alle bisherigen, weil ein egalitäres Gesellschaftssystem, wie die Sozialisten es sich erträumen, nur mit Gewalt aufrechterhalten werden kann. Weil es damit zugleich ineffizient ist und Armut erzeugt.

    Läßt man den Menschen Freiheit, dann verhalten sie sich individuell verschieden, gemäß ihren Begabungen, Wünschen, Zielen und Interessen; und vorbei ist es mit der Gleichheit. Jede Lockerung der staatlichen Gewalt im Sozialismus führt zu einer Dynamik der Gesellschaft und der Wirtschaft, die den Sozialismus aushebelt. Die Entwicklung in China - inzwischen eines der Länder mit den krassesten sozialen Gegensätzen - illustriert das.

    Binsenweisheiten, sollte man meinen. Erfahrungen nach fast hundert Jahren, in denen man den Sozialismus zu realisieren versucht hat.

    Aber Träumereien sind nicht durch die Wirklichkeit zu widerlegen. Und zeigt nicht darüber hinaus die Wirklichkeit der jetzigen Krise, daß "Marx doch Recht gehabt" hat?

    Nein, das zeigt sie nicht. Jede Wirtschaftstheorie, nicht nur die marxistische, kennt das Phänomen der Wirtschaftskrise und erklärt es. Marx hätte nur dann "doch Recht gehabt", wenn diese Krise uns aus dem Kapitalismus heraus und hinein in den Sozialismus befördern würde. Sie wird aber nur Fehlentwicklungen des Kapitalismus korrigieren und ihn damit stärken.

    Womit wir bei der FDP sind.



    Während zum Beispiel in Frankreich, wie es dessen nationaler Tradition entspricht, anläßlich der Krise ein wenig Revolutions- Theater dargeboten wird, zeigt sich in den meisten anderen Ländern des globalen Kapitalismus nicht die Spur einer Hinwendung zum Sozialismus als Folge der Wirtschaftskrise. Weit und breit keine "revolutionäre Situation".

    Ganz im Gegenteil. Und für dieses Gegenteil steht zum Beispiel die wachsende Zustimmung, die in Deutschland gegenwärtig die FDP findet.

    Die Kommunisten, die in den Umfragen lange Zeit vor den Liberalen lagen, sind im aktuellen Politbarometer in den Rohdaten auf 7 Prozent abgerutscht. Die FDP hat - freilich auf Kosten der CDU - mehr als das Doppelte dieser Zustimmung: 16 Prozent in den Rohdaten. Gewichtet (in der "Projektion") sind das 14 Prozent für die Liberalen und 9 Prozent für die Kommunisten.

    Das deutet nicht eben darauf hin, daß die Deutschen aus der Krise den Schluß ziehen, die Zeit sei reif für den nächsten "Anlauf" in Richtung Sozialismus.

    Stattdessen erlebt die einzige liberale Partei in Deutschland einen Aufschwung wie selten in ihrer Geschichte. Wie kommt das?

    Es fällt mir nicht leicht, es zu erklären, weil ich es nicht erwartet hatte. Selbst in den USA waren die Wähler als Reaktion auf die Krise nach links gerückt; am Ende des Wahlkampfs galt Barack Obama als kompetenter in der Wirtschaftspolitik als der Republikaner John McCain.

    Mit dem guten Abschneiden der FDP bei den Wahlen in Hessen hatte ich gerechnet - aber als Korrektiv zu Koch, nicht als Ausdruck einer starken liberalen Stimmung im Lande.

    Warum also der jetzige Höhenflug der FDP? Vielleicht, weil manchen, die im allgemeinen die CDU wählen, deren Schwenk in Richtung Staats- Interventionismus inzwischen unheimlich geworden ist. Jetzt wird bereits die gesetzliche Regelung der Verstaatlichung von Banken vorbereitet.

    Es mag sein, daß der Ernst der wirtschaftlichen Lage solche Interventionen unvermeidlich macht. Aber Gesetze und sonstige Regelungen, die in einer Krise beschlossen werden, haben ja die Tendenz, ausgesprochen dauerhaft zu werden.

    Da sollte man gegensteuern, für die Zeit nach der Krise. Es könnte sein, daß diese Überlegung manchen traditionellen CDU- Wähler veranlaßt hat, jetzt die FDP zu bevorzugen.



    Die Titelvignette zeigt Adam Smith. Für Kommentare bitte hier klicken.

    15. Dezember 2008

    Zitat des Tages: "Schnee wie seit Jahrzehnten nicht mehr". Statt globaler Erwärmung eine neue Eiszeit?

    Im Süden Österreichs schneite es in den vergangenen Tagen so stark wie seit Jahrzehnten nicht mehr, berichtet das Österreichische Fernsehen (ORF). In Norditalien und im südlichen Kalabrien sorgten heftige Schneefälle am Sonntag für ein Verkehrschaos. In Nordspanien behinderten stundenlange Schneefälle den Verkehr, im französischen Zentralmassiv fiel nach heftigen Schneefällen bei zehntausenden Haushalten der Strom aus.

    Aus einer heutigen Meldung in "Spiegel- Online".

    Kommentar: Zeichen einer globalen Abkühlung? Widerlegung der Hypothese von der menschengemachten globalen Erwärmung?

    Es wäre albern, einen kalten Winter so zu interpretieren, oder fünf oder zehn kalte Winter. Innerhalb eines stabilen Klimas wird es immer auch kalte und warme Winter geben, wird es auch mal weniger und mal mehr Stürme, Hurricans, Überschwemmungen geben.

    Nur daß uns, seit die globale Erwärmung eine quasi- religiöse Überzeugung und eine politische Ideologie geworden ist, jede Flut wie das Hochwasser der Elbe 2002, jeder Hurrican wie Katrina in New Orleans 2005 als angeblicher Beleg für die globale Erwärmung verkauft wird. Nach derselben Logik, mit derselben Berechtigung müßte man extrem kalte Winter wie den jetzigen als Beleg für eine bevorstehende Eiszeit werten.

    Es hat in den vergangenen Jahren eine Erderwärmung gegeben; das läßt sich messen. Ob es sich um eine vorübergehende, vielleicht schon wieder ihrem Ende zugehende Schwankung handelt oder um den Beginn einer dauerhaften Veränderung, weiß niemand. Über die Ursachen gibt es Hypothesen, plausible und weniger plausible, mehr nicht.

    Es scheint, daß man diese simplen Sachverhalte immer wieder einmal in Erinnerung rufen muß, angesichts der Propaganda, die in diesem Bereich die Wissenschaft überlagert. Bis hin zum Umwelt- Bundesamt, das auf eine skandalöse Weise Wissenschaftler, die von der momentan mehrheitlichen Meinung abweichen, als unseriös verunglimpft.

    Da werden abweichende wissenschaftliche Meinungen als "Desinformation" verleumdet. Den Wissenschaftlern wird unterstellt, von der Industrie bestochen zu sein. Da maßen sich Leute, die von Physik so viel Ahnung haben wie ein Nilpferd vom Schachspielen, zu beurteilen an, welche Klimatologen Recht haben und welche Unrecht; sogar ein abgebrochener Soziologiestudent behauptet, das ganz sicher zu wissen.

    Man glaubt sich ins Mittelalter zurückversetzt, als über die Richtigkeit wissenschaftlicher Auffassungen als ein Frage von Rechtgläubigkeit oder Ketzerei entschieden wurde.



    Ich halte es für wahrscheinlicher, daß wir uns in einer Phase langfristiger Erwärmung des Erdklimas befinden, als daß das nicht der Fall ist; ich halte es für wahrscheinlicher, soweit ich die Diskussion der Fachleute verfolgen kann. Ich halte es auch für wahrscheinlich, daß es dabei einen menschengemachten Anteil gibt. Hier wie dort muß ich mich als Laie darauf verlassen, daß eine wissenschaftliche Mehrheitsmeinung in den meisten Fällen richtig ist.

    In den meisten Fällen; keineswegs immer. Bis zum Experiment von Michelson und Morley im Jahr 1887 glaubte die gesamte physikalische Fachwelt, daß es einen Äther gibt. Sie irrte.

    Weil ein Irrtum auch einer großen Mehrheit von Fachleuten stets möglich ist, brauchen wir die offene, vorurteils- und wertfreie wissenschaftliche Diskussion. Es muß immer sichergestellt sein, daß es nicht nur mehrere alternative Meinungen gibt, sondern daß auch jeder Beteiligte die Meinungen der anderen achtet. Zum Wissenschafts- Prozeß gehört es, zu akzeptieren, daß möglicherweise jener Andere die Sache richtig sieht und man selbst falsch.

    Es ist in der Wissenschaft so wie in der Politik, wo immer eine demokratische Opposition bereitstehen sollte, um die Regierung zu übernehmen, falls die regierende Partei versagt. Wissenschaftliche Minderheiten müssen ihre Theorien entwickeln, ausbauen, für sie eintreten können, weil diese sich jederzeit als die richtige Alternative erweisen können.

    Noch sieht es danach aus, daß das gegenwärtige Standard- Modell richtig ist. Vielleicht hat ja aber am Ende doch jemand wie Robert W. Felix Recht, der unverdrossen Hinweise auf eine globale Abkühlung sammelt, Hinweise gar auf eine bevorstehende neue Eiszeit.

    Eine WebSite, täglich mit Meldungen aktualisiert, die gegen die globale Erwärmung sprechen. Sehr empfehlenswert als Antidos gegen die Propaganda, die uns eine fortschreitende globale Erwämung und einen Treibhauseffekt als bewiesene Tatsachen darzustellen versucht.



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    28. April 2008

    Zettels Meckerecke: Der Wahnwitz der Pendlerpauschale. Wohin es führt, wenn man die Steuerpolitik ideologisch mißbraucht

    Die CSU will, speziell deren Chef Huber will die Entfernungspauschale wieder einführen, die auch die "Pendlerpauschale" heißt. So wird es jedenfalls heute berichtet.

    "Pendlerpauschale" wird die Entfernungspauschale seit 2001 genannt, als sie als ein Steuergeschenk aus dem rotgrünen Füllhorn über alle Pendler ausgegossen wurde, ob sie nun mit dem Auto fahren oder nicht.

    "Pendlerpauschale" benennt den Wahnwitz, der in die Steuergesetzgebung eingeführt wurde, als die rotgrüne Regierung damals beschloß, das, was bis dahin Steuerhinterziehung gewesen war, zu legalisieren; ja geradezu dazu einzuladen.

    Jetzt gehe ich aber zu weit, finden Sie? Nein.

    Es geht um Werbungskosten. Werbungskosten sind, so sagt es das Einkommensteuergesetz, "Aufwendungen zur Erwerbung, Sicherung und Erhaltung der Einnahmen".

    Aufwendungen. Also das, was man wirklich ausgegeben hat. Das Geld für das Papier zum Beispiel, auf dem der Schriftsteller seine Manuskripte ausdruckt und den Computer, auf dem er sie erstellt. Die Kosten für Fachliteratur beim Lehrer; für das Benzin, das der Außendienstler verbraucht, um zum Kunden zu kommen.

    Solche Kosten kann der Steuerpflichtige vom zu versteuernden Einkommen abziehen, denn dieses Geld konnte er ja nicht für seinen Konsum ausgeben. Er setzte es vielmehr ein, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen; vergleichbar den Betriebsausgaben eines Unternehmens.

    Jeder, der Einkommensteuer zahlt und Werbungskosten geltend machen kann, weiß, daß es in diesem Bereich viele Versuchungen zum Schummeln gibt. Privat erworbene Bücher werden als Fachliteratur abgesetzt; Privatfahrten als beruflich bedingte Fahrten usw. Es werden überhöhte Rechnungen ausgestellt und der Betrag als Werbungskosten geltend gemacht.

    Das ist Steuerhinterziehung. Es ist Steuerhinterziehung, weil man Ausgaben als Werbungskosten deklariert, die einem gar nicht oder nicht als Werbungskosten entstanden sind, oder die man nicht in der angegebenen Höhe hatte.



    Um nachprüfen zu können, ob die angegebenen Aufwendungen auch wirklich entstanden waren, verlangt das Finanzamt Belege. Auch für die Fahrten zwischen Arbeitsplatz und "häuslicher Wohnung" tat es das, bevor die "Pendlerpauschale" erfunden wurde.

    Wer vor 2001 mit der Bahn fuhr, der mußte die Fahrkarten vorlegen. Wer mit dem Auto fuhr, mußte seine Kfz-Nummer angeben. Dann allerdings wurden die Fahrtkosten pauschalisiert, da sich die Kosten eines Kfz nur schwer so aufschlüsseln lassen, daß man sie für die Fahrten zur Arbeit getrennt berechnen kann. Die Pauschale war aber so bemessen, daß sie ungefähr die tatsächlichen Kosten für ein durchschnittlich teures Auto traf.

    So war es bis zum Jahr 2001. Mit der Änderung des Einkommensteuergesetzes - des Paragraphen 9, Absatz 1, Satz 3, Nummer 4d, um genau zu sein - im Jahr 2001 wurde es hingegen legal, Werbungskosten in die Steuererklärung einzutragen, die dem Steuerpflichtigen gar nicht entstanden sind.

    Das war die ausdrückliche Absicht des Gesetzgebers, als er bestimmte, daß der "Abzug der Pauschale bei den Einkünften aus nichtselbständiger Arbeit ... für alle Pendler (gilt), unabhängig von der Höhe der tatsächlichen Aufwendungen und gleichgültig, ob sie zu Fuß, mit dem Fahrrad, dem Motorrad, mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Kraftwagen zur Arbeitsstelle gelangen."

    Das Ziel dieser Gesetzesänderung war es, Pendler dazu zu bewegen, nicht mit dem Auto zu fahren; jedenfalls nicht als Einzelner, mit dem eigenen. Es sollte ein Anreiz geschaffen werden, Fahrgemeinschaften zu bilden, das Fahrrad oder den ÖPNV zu benutzen, kurze Entfernungen vielleicht gar zu Fuß zurückzulegen.

    Die Kosten, die dadurch dem Steuerpflichtigen nicht entstanden, konnte er gleichwohl in Form der Pendlerpauschale steuermindernd geltend machen.

    Der Staat lud dazu ein, ihm zustehende Steuern nicht zu bezahlen, indem man gar nicht entstandene Kosten ganz legal absetzen durfte.



    Die Ideologen hatten das Steuerrecht für ihre Zwecke zurechtgebogen.

    Auf Dauer war das finanziell nicht haltbar. Aber statt wieder zu der vernünftigen Regelung zurückzugehen, die bis 2001 gegolten hatte, zog man zum Januar 2007 die Notbremse und legte einfach fest, daß die Kosten für den Weg zur und von der Arbeit überhaupt keine Werbungskosten seien. Die berufliche Tätigkeit beginne erst, wenn man den Arbeitsplatz erreicht habe ("Werkstorprinzip"). Gnädig gewährte man, daß die Fahrtkosten ab 20 km "wie Werbungskosten" zu behandeln seien.

    Dies war eine nachgerade unverschämte Willkürentscheidung. Sie wird ja inzwischen auch verfassungsrechtlich geprüft; mit guten Aussichten, gekippt zu werden.

    Sie wurde getroffen, weil man sich dem Aufschrei der Ideologen nicht aussetzen wollte, der unweigerlich erschollen wäre, wenn man zur alten Regelung zurückgekehrt wäre und damit - in den Augen der Ideologen, in ihrer Propaganda vor allem - ausgerechnet das Auto, diesen blechgewordenen Satanas, wieder "steuerlich begünstigt" hätte. (Was freilich keine Begünstigung gewesen wäre, sondern nur die Wiederherstellung von Steuergerechtigkeit).

    Aber nicht diese Willkürentscheidung war der Sündenfall, sondern die Ideologisierung der Steuergesetzgebung durch die Rotgrünen im Jahr 2001.



    Eine Aufklärung über diese Hintergründe des jetzigen bayrischen Vorstoßes hätte ich mir zum Beispiel vom heutigen "Morgenmagazin" der ARD gewünscht. Stattdessen wurde die Berichterstattung - bezeichnend für diese Sendung - auf den Verdacht zugeschnitten, der jetzige Vorstoß der CSU sei wahlkampfbedingt.

    Das mag er ja sein. Auch ein Wahlkampf kann dazu motivieren, etwas Vernünftiges zu tun oder zu fordern

    Vernünftig nun allerdings wäre nicht die Wiedereinführung des rotgrünen Monstrums "Pendlerpauschale", sondern die Rückkehr zu der Selbstverständlichkeit, daß erstens auch Fahrtkosten Werbungskosten sind und daß sie zweitens in genau der Höhe geltend gemacht werden können, in der sie tatsächlich entstanden sind.



    Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    8. Januar 2008

    Deutschland im Öko-Würgegriff (3): Wie die Realität die Satire überholt

    Als ich im vergangenen Frühjahr die Serie "Überlegungen zur Freiheit" schrieb, habe ich gelegentlich ein wenig Brainstorming veranstaltet: Mich in die Gedankenwelt eines kleinen Öko- Diktators versetzend, habe ich überlegt, was man denn alles verbieten könnte.

    Eingefallen war mir zum Beispiel, daß man Standby- Schaltungen verbieten könnte; höhere Raumtemperaturen als, sagen wir, 21 Grad; das Rauchen im Auto; eine ungesunde Lebensweise. Und damit auch jeder die Satire merkte, habe ich ein Verbot gewollter Kinderlosigkeit hinzugefügt, dessen Ziel es wäre, der demographischen Katastrophe zu begegnen.

    Als ich das damals schrieb, es war der 11. März 2007, da ahnte ich nicht, daß ein Verbot von Standby - Schaltungen alsbald von Öko- Aktivisten in die Debatte geworfen werden würde; daß gar die Drogenbeauftragte der Bundesregierung ein Verbot des Rauchens im Auto allen Ernstes vorschlagen würde. Was ich als Satire gemeint hatte, war schnell von der Realität eingeholt worden.

    Das allerdings, was gestern die Realität bot, hatte damals selbst mein realsatirisch- brainstormendes Gehirn nicht hervorgebracht.



    Am 7. Januar 2008 hat es die "Berliner Zeitung" gemeldet:
    Vor dem Hintergrund steigender Öl- und Benzinpreise haben die großen deutschen Umweltverbände mittelfristig ein Zulassungsverbot für Neuwagen mit hohem Kraftstoffverbrauch gefordert. "Spritfresser müssen von den Straßen runter", sagte der Präsident des Naturschutzbundes (Nabu), Olaf Tschimpke, der Berliner Zeitung. (...) Auch die Deutsche Umwelthilfe und der Verkehrsclub Deutschland (VCD) halten ein Zulassungsverbot für sinnvoll.
    Ich fürchte, daß viele, die diese Meldung gelesen oder gehört haben, gar nicht die Ungeheuerlichkeit dessen merkten, was da verlangt wurde.

    Wir leben - man ist versucht, zu sagen: wir leben noch - in einer Gesellschaft, in der sich jeder die Waren und Dienstleistungen kaufen darf, die er haben will und die er sich leisten kann.

    Viele dieser Waren erzeugen, indem man sie nutzt, konsumiert, von ihnen den vorgesehenen Gebrauch macht, unerwünschte, aber unvermeidliche Nebenwirkungen.

    Wer sich zum Frühstück seine Toasts röstet, der verbraucht Energie. Würde er das Toast labberig- kalt essen, so wie man es halbiert im Imbiß zur Currywurst bekommt, dann würde er diese Energie offensichtlich nicht verbrauchen.

    Wenn er sich sein Frühstücksei kocht, dann verbraucht er Energie. Er könnte auch ein Loch hineinbohren und es austrinken; dann würde er diese Energie sparen.

    Wenn er dann mit dem Auto zur Arbeit fährt, dann verbraucht er Energie; er könnte auch, wenn es nur ein paar Kilometer sind, dorthin joggen.

    Ganz zu schweigen von der Energie, die er verbraucht, wenn er auf dem Heimweg ein Solarium aufsucht (könnte er nicht auch warten, bis die Sonne scheint?), wenn er zu Hause die abendliche Käsefondue auf dem Elektro- Rechaud erhitzt (schmeckt Käse denn nicht auch kalt?), wenn er dann, von der Arbeit erschöpft, vor dem Großbild- Plasma- Fernseher in den Sessel sinkt. Täte es denn nicht auch ein kleiner mit Umwelt- Sparschaltung?

    Lieber Leser, merken sie, wie umweltschädlich dieser skizzierte Durchschnitts- Bürger sich verhält? Fast jede Handlung, die er ausführt, könnte unter Umwelt- Gesichtspunkten optimiert werden.

    Man brauchte nur alles zu verbieten, was nicht optimiert ist - das Toasten, das Eierkochen, und so weiter und so fort. Das kann man am besten, indem man einfach den Verkauf der betreffenden Geräte verbietet.



    Warum tut man es eigentlich (noch) nicht? Offenbar deshalb, weil in unserer Gesellschaft das Recht des Einzelnen, sein Leben nach seinem eigenen Gutdünken zu gestalten, bisher ein leitender Wert ist. Selbst dann, wenn er sich dabei so verhält, daß es unter dem Gesichtspunkt der Auswirkungen auf die Umwelt nicht optimal ist.

    So ist es auch beim Kauf eines Automobils. Man kann sich für einen Wagen mit minimalem CO2-Ausstoß entscheiden, so wie man den Toast ungeröstet und das Ei ungekocht essen kann. Man kann sich auch auf den Standpunkt stellen, daß es das schönere Fahrerlebnis, den besseren Komfort wert ist, sich ein Auto zu leisten, das schwerer und schneller ist und das ergo mehr Benzin verbraucht und mehr CO2 in die Umwelt pustet.

    So war es jedenfalls bisher. Wenn es nach den Umwelt- Verbänden geht, die in der Meldung zitiert werden, dann kann man das bald nicht mehr; jedenfalls nicht in Deutschland. Dann bestimmt der Staat, und nicht mehr der Konsument, was er sich kauft.



    Ja, aber - so könnte man einwenden - hier geht es doch nicht nur um Energie- Verbrauch, sondern um CO2-Ausstoß. Schwacher Einwand. Denn das ist nur ein Unterschied an der Oberfläche. Fast jede rentable Energie- Produktion erzeugt auch CO2. Die nukleare nicht; aber die soll ja aus Deutschland verschwinden. Wer den vermuteten Treibhaus- Effekt bekämpfen will, der muß den Energie- Verbrauch ebenso einschränken wie den CO2-Ausstoß der Autos.

    Ja, aber ein solches Verbot träfe doch nur die wenigen Fahrer, die unbedingt diese SUVs haben wollen, die Porsches und Mercedes der Oberklasse? In der Tat. Und damit sind wir beim Kern dieser Realsatire.

    Denn hier wird etwas versucht, was für die Taktik derer, die Deutschland in den Öko- Würgegriff nehmen wollen, typisch ist: Man beginnt damit, den "Reichen", den "Gierigen", kurz den Unbeliebten das Leben schwer zu machen.

    Da werden die Schneisen geschlagen. Dort beginnt man damit, es als ganz normal erscheinen zu lassen, daß der Staat bestimmt, was der Bürger noch kaufen darf. Hat dieser sich erst einmal, vielleicht sogar mit wohligem Neid, daran gewöhnt, daß den Reichen ihr Konsum vermiest wird, dann ist die Zeit reif dafür, daß es auch ihm, dem Durchschnitts- Bürger, an den Kragen geht.

    Und dann werden wir vermutlich das als satirischen Hohn empfinden, was laut der Meldung der "Berliner Zeitung" der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH), Rainer Baake, auch noch sagte: "Es gehe nicht darum, den Menschen das Autofahren zu verbieten".

    Links zu allen Folgen dieser Serie findet man hier. Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    3. Juli 2007

    Randbemerkung: Energie, Vernunft, Ideologie

    Dem heutigen "Energiegipfel" bei der Kanzlerin lagen drei von Fachleuten erarbeitete und durchgerechnete Szenarien für die künftige Energiepolitik vor. Eines, das am jetzt geltenden Koalitionsvertrag orientiert ist. Eines, das darüber hinaus einen Ausbau regenerativer Energien vorsieht. Und ein drittes, das auf Atomkraft setzt und eine Verlängerung der Laufzeiten von AKWs zur Grundlage hat.

    Zu diesen drei Szenarien schreibt Michael Kröger in "Spiegel-Online":
    Die Schlussfolgerung ist ebenso eindeutig: Ohne Kernkraft sind die ehrgeizigen Klimaziele zwar auch zu erreichen, doch mit Atomkraftwerken, die kein Kohlendioxid freisetzen, gelingt der Kraftakt viel besser oder sogar über die Ziele hinaus - und vor allem ist es deutlich billiger. (...)

    Merkel betonte zwar in der abschließenden Pressekonferenz, sie habe den Vertretern der Wirtschaft deutlich gemacht, dass eine Änderung des Koalitionsvertrags bis 2009 nicht "absehbar" sei. Dort hatten sich SPD und Union darauf verständigt, an dem unter Rot-Grün beschlossenen Ausstieg aus der Kernkraft nicht zu rütteln.

    Merkel verwies aber noch einmal auf die drei Szenarien im verabschiedeten Abschlussdokument. Damit, so die Kanzlerin, bekomme man "ein Gefühl" für die "Wirkungen, die sich daraus ergeben". Im Klartext: Merkel setzt darauf, dass sich in der öffentlichen Wahrnehmung langfristig eine Trendwende in Sachen Atomkraft durchsetzen wird.
    Hoffen wir es.



    Die Deutschen und das Atom - das ist eine seltsame Geschichte der Angst, der Irrationalität, der politischen Agitation. Es gibt kaum ein Thema, bei dem die öffentliche Wahrnehmung und die Realität so weit auseinanderklaffen.

    Ich habe dazu, weil es so seltsam ist, hier im Blog vor knapp einem Jahr eine kleine Serie geschrieben, in der ich versucht habe, den Gründen für diese Seltsamkeit auf die Spur zu kommen.

    Am Anfang gab es eine nur allzu berechtigte Angst vor der Atomwaffe. Diese wurde dann - Freud würde von "Verschiebung" sprechen - sozusagen umgeleitet auf Atomkraftwerke. Die für die linke Agitation zugleich als Symbol für Verhaßtes dienten - High Tech, Großkonzerne, letztlich Kapitalismus.

    Die Spitzenpolitiker der vergangenen rotgrünen Koalition waren in ihrer Jugend fast alle in dieser "Anti- AKW- Bewegung" engagiert gewesen. Als sie - endlich, endlich, fast an der Schwelle zum Rentenalter - an die Macht kamen, war es für sie die Erfüllung eines Lebenstraums, die Nuklearindustrie zum "Ausstieg" zu "zwingen" (ein Lieblingswort des einstigen Kommunisten Trittin).

    Man hatte sich damals von den Wasserwerfern naßspritzen lassen, man hatte gegen den "Atomstaat" Steine geworfen und Zäune niedergerissen. Jetzt genoß man den Triumph, an die Schaltzentrale dieses Staats vorgedrungen zu sein und aus dieser Machtposition heraus das verordnen zu können, was man damals vergeblich gefordert hatte.

    Dieser "Ausstieg" war also nie etwas Rationales. Er drückte aus, daß die Linke, die in nicht unerheblichen Teilen extreme Linke, 1998 die Macht im Staat erobert hatte. Dieser "Ausstieg" war ein Symbol, so etwas wie ein virtueller Triumphbogen.

    Also beharrte die SPD auf dem "Ausstieg", als sie den Koalitionsvertrag verhandelte. Also sind Merkel, die selbstverständlich vertragstreu ist, die Hände gebunden.



    Gestern lief im HR die Wiederholung einer ausgezeichneten Dokumentation von Günter Ederer zum Wahnwitz des Subventionswesens.

    Unser Staat subventioniert und subventioniert, hebelt dadurch die Marktgesetze aus, fördert also eine schier unfaßbare Vergeudung von Ressourcen.

    Das ist überall schlimm - von den Wohnungen in den Neuen Ländern, die man erst mit Subventionen saniert hat, um sie dann - nie vermietet - mit Subventionen abzureißen bis zu dem Elterngeld, das neuerdings Besserverdienende bekommen, die es nicht brauchen.

    Aber in keinem Bereich ist diese Subventioniererei so absurd wie im Energiebereich. Mit Milliarden wird der Bergbau subventioniert, damit Kohle gefördert wird, die man dann in Kraftwerken verfeuert, die man wegen des CO2-Ausstoßes schließen möchte.

    Mit Milliarden werden unwirtschaftliche "regenerative Energien" gefördert - die Windenergie, die Solarenergie, neuerdings Energie aus Biomasse. Es ist eine Verschleuderung unserer Steuergelder von wahrhaft gigantischen Ausmaßen.

    Und zugleich soll diejenige Form der Energieerzeugung beseitigt werden, die die bei weitem umweltfreundlichste und wirtschaftlichste ist, die Nuklearenergie. Gewiß, auch sie wurde einmal mit Milliarden- Subventionen gefördert - aber das ist Vergangenheit. Inzwischen ist die Nuklearenergie nicht zu übertreffen, was die Kombination von Wirtschaftlichkeit und Umweltfreundlichkeit angeht.



    Nur kümmert das die Ideologen nicht. Nur werden diejenigen, die die Nuklearindustrie 1999 "zwingen" konnten, unter keinen Umständen auf diesen Triumph verzichten wollen. Nur wird eine Bevölkerung, die über die Nuklearenergie und ihre angeblichen Gefahren jahrzehntelang belogen wurde, nur sehr langsam einsehen, wie sehr sie Ideologen auf den Leim gegangen war.

    Also wird es schwer werden mit dem "Wiedereinstieg". Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.

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    11. Juni 2007

    Marginalie: Utopie, Ideologie und die Attraktivität der PDS

    Fünf junge SPD-Politiker aus Niedersachsen, so zitiert die "Tagesschau" einen Zeitungsbericht, wollen von der SPD zur Linkspartei wechseln.

    An sich nicht überraschend - die niedersächsischen Jusos haben traditionell einen zum Kommunismus tendieren Flügel; zur Zeit Gerhard Schröders als Juso- Chef nannte man sich "Antirevisionisten".

    Aber die Begründung, die eine der Abtrünnigen gegeben hat, sollte man doch mit Verstand lesen. Es handelt sich um
    (...) Elaine Hamilton, die bis Juli 2006 als niedersächsische Juso-Landesvorsitzende fungierte. Die 28-Jährige habe ihren Schritt mit "perspektivischen Fehlentwicklungen in der SPD" begründet. Die Partei sei inzwischen "ideologie- und utopielos" und habe mit ihrem Bremer Entwurf für ein neues Grundsatzprogramm endgültig mit dem Prinzip des demokratischen Sozialismus gebrochen, sagte sie der Zeitung.
    "Ideologie- und utopielos" sei sie, die SPD. Nun, Ideologie wird Frau Hamilton in ihrer neuen Partei finden. Utopie nicht. Schließlich ist die PDS eine marxistisch- leninistische Partei und nicht ein Verein von Utopisten. Keiner hat sich mehr über utopische Ideen lustig gemacht als Karl Marx.



    Immerhin - es ist schon interessant, wie attraktiv Vielen offenbar heutzutage die deutschen Kommunisten erscheinen. Während ihre französische Schwesterpartei, einst die größte Partei Frankreichs, bei den gestrigen Wahlen noch nicht einmal mehr fünf Prozent bekommen hat, sind die deutschen Kommunisten kräftig im Aufwind.

    Warum? Ich glaube, weil es uns wieder gut geht in Deutschland.

    In schlechten Zeiten, wie sie in Frankreich herrschen, wählt man vernünftig.

    Geht es gut, geht es erkennbar mit der Wirtschaft aufwärts - dann leistet man sich den Luxus der, nein nicht Utopie, aber doch Ideologie.

    21. April 2007

    Amoklauf in Virginia: Waffengesetze, die USA, wir Europäer, die wissenschaftliche Wahrheit

    Welche Auswirkung hat das amerikanische Waffenrecht auf die Kriminalität? Das ist eine dieser Fragen, auf die fast jeder Journalist die Antwort zu wissen glaubt, auch wenn er keine einzige Arbeit von Wissenschaftlern dazu gelesen oder gar verstanden hat.

    Er hat exakt null Ahnung, der europäische Journalist. Aber er hat ja dafür seine Überzeugung.

    Ja, natürlich, so schallt es uns aus den deutschen Medien entgegen, so schreibt es die europäische Presse, - natürlich ist das Waffenrecht "der USA" schuld daran, daß solche Verbrechen passieren können wie jetzt das in Virginia.

    Man hat ja, nicht wahr, "Bowling for Columbine" gesehen; dieses agitatorische Machwerk, eines Goebbels würdig.



    Auf der Suche nach Informationen darüber, wie denn nun tatsächlich das liberale Waffenrecht in einem Teil der Staaten der USA sich auswirkt, bin ich auf einen schon etwas älteren Beitrag des Cato Institute gestoßen, also eines konservativen Think Tanks, dessen Publikationen immer lesenswert sind.

    Mir scheint das, was Jeffrey R. Snyder unter dem Titel "Crime, Self-Defense, and the Right to Carry a Handgun" ("Verbrechen, Notwehr und das Recht, eine Feuerwaffe zu tragen") schreibt, hochaktuell zu sein.

    Also hier ein Überblick, mit einigen Zitaten. Am besten liest man aber den Artikel selbst.



    1987 war Florida der erste Staat, der es gesetzestreuen, volljährigen Bürgern erlaubte, in der Öffentlichkeit zur Selbstverteidigung Feuerwaffen mit sich zu führen. Nicht offen, aber verdeckt, also etwa in der Manteltasche.

    Damals wurde von Linken der Wilde Westen an die Wand gemalt: Würde es in Florida bald so zugehen wie in Carson City?

    Nein. Zehn Jahre nach dem Inkrafttreten dieses Gesetzes ging die Diskussion nur noch darum, wie stark es die Kriminalität reduziert hat. Daß es diese Wirkung hatte, ist unbestritten.

    Aufgrund dieser positiven Erfahrungen hatten bis 1997 - als der Artikel von Snyder erschien - 23 weitere Staaten ähnliche Gesetze verabschiedet.

    Nur bedeutet das eben in keiner Weise, daß jedem Kriminellen der Zugang zu Waffen erlaubt ist. Die meisten US-Staaten legen unter anderem diese Kriterien fest:
    Man muß volljährig sein, in dem betreffenden Bundesstaat wohnen, seinen Fingerabdruck zur Verfügung stellen und ein polizeiliches Führungszeugnis beibringen. Man darf also nicht vorbestraft sein, nicht illegal in den USA leben, nicht wegen Drogendelikten auffällig geworden sein, nicht in einer psychiatrischen Einrichtung gewesen sein, nicht unehrenhaft aus der den Streitkräften entlassen sein, nicht entmündigt sein, nicht eines Verbrechens angeklagt sein, Übungskurse im Gebrauch von Waffen absolviert haben und die Gebühr für Waffenbesitz bezahlt haben.
    Mit anderen Worten: Wer in den USA Waffen erwerben darf, der unterliegt im Prinzip denselben Einschränkungen wie in Deutschland. Der einzige Unterschied ist, daß man in Deutschland auch noch Jäger sein muß, Sportschütze oder dergleichen. Was natürlich jeder werden kann, der Waffen besitzen möchte.

    Teilweise sind die Bestimmungen in den USA sogar strenger als in Deutschland. Der Waffenschein muß beispielsweise zum Teil alle zwei Jahre erneuert werden; in den meisten Bundesstaaten alle vier Jahre.

    Besonders streng sind die Gesetze in Texas. Dort darf noch nicht einmal jemand einen Waffenschein erhalten, der Unterhaltszahlungen oder Steuern nicht gezahlt hat oder der ein Studiendarlehen nicht zurückgezahlt hat.



    Was spricht nun nach Ansicht von Snyder dafür, daß Waffenscheine nicht nur an Jäger und Sportschützen ausgegeben werden sollten, sondern an jeden gesetzestreuen Bürger, der den aufgezählten Anforderungen gerecht wird?
  • Die Polizei kommt meist zu spät, um ein potentielles Opfer davor zu bewahren, ein Opfer zu werden: "Call for a cop, call for an ambulance, and call for a pizza. See who shows up first." "Verlange die Polizei, verlange den Rettungsdienst, verlange eine Pizza. Schau, wer zuerst kommt".

  • Kriminelle kalkulieren kühl. Sie nehmen sich diejenigen als Opfer, die sie für schwach halten. Wenn sie befürchten müssen, daß ein potentielles 0pfer sich mit Waffengewalt wehrt, dann begehen sie das betreffende Verbrechen eben nicht.

  • Kriminelle werden immer an eine Waffe kommen. Wenn man zugleich den gesetzestreuen Bürgern das Tragen von Waffen verwehrt, dann begünstigt man nur die Kriminellen.

  • In allen Staaten der USA darf [wie auch in Deutschland; Zettel] die Polizei erst einschreiten, wenn eine Straftat geschehen ist; nicht schon dann, wenn jemand bedroht wird. Der Bedrohte ist hilflos, wenn ihm das Recht verwehrt wird, für seine eigene Sicherheit zu sorgen.

  • Und bei weitem am Wichtigsten: Kriminologische Untersuchungen (wie die von Lott und Mustard) zeigen, daß das Recht gesetzestreuer Bürger, in der Öffentlichkeit Waffen zu tragen, Verbrechen verhindert,
  • Diese Autoren haben Daten aus 3054 counties in den Vereinigten Staaten von 1977 bis 1992 analysiert. Das Ergebnis war, daß nach Einführung der Freiheit, Waffen zu tragen, die Zahl der Morde um 7,65 Prozent abnahm, die der Vergewaltigungen um 5,2 Prozent, die der Überfälle um 2,2 Prozent und die des schweren Raubs um 7 Prozent.

    Keine sehr großen Prozentsätze. Aber wenn man das in absolute Zahlen umrechnet, dann hätte eine Erlaubnis für gesetzestreue Bürger, in der Öffentlichkeit Waffen zu tragen, in den Staaten, die das nicht hatten, 1414 Morde, 177 Vergewaltigungen, 11898 Raubdelikte und 60363 Fälle von schwerem Raub verhindert.



    Wie das in der Kriminologie üblich ist, haben Lott und Mustard ihre Daten varianzanalytisch aufgearbeitet. Also die Wirkungen andere Variablen wie Änderungen in der Bevölkerungsstruktur, Einkommen, Alter und Rasse usw. auspartialisiert.

    Das ist trivial für jeden Wissenschaftler; aber Journalisten und andere Laien glauben ja oft, auf dieser Ebene Kritik üben zu dürfen.



    Mit das Ärgerlichste an der linken Dominanz in Deutschland ist, daß Linke sich - egal, worum es geht - ihrer Wissenschaftlichkeit brüsten und uns Liberale und Konservative als ideologiebelastet hinzustellen versuchen.

    Nur ist halt das Gegenteil der Fall. Sehr oft findet man, daß die angeblich so fundierten linken Meinungen sich mehr der Ideologie als der Wissenschaft verdanken.

    Und sehr oft - sicher nicht immer - sind es wir Liberale und Konservative, die die besseren wissenschaftlichen Argumente auf unserer Seite haben.

    Nur muß sich das halt erst herumsprechen.