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6. Juni 2009

Neues aus der Forschung (1): Ein Trailer. Lobendes über Galileo Galilei

Zwei kürzliche Artikel, in denen ich über Neues aus der Forschung berichtet habe, scheinen auf Resonanz gestoßen zu sein; jedenfalls war das Echo in "Zettels kleinem Zimmer" bei beiden recht positiv. Das hat mich ermutigt, diese neue Serie zu beginnen. Heute dazu ein Trailer.

Ich habe ein bißchen überlegt, wen oder was ich für die Titelvignette dieser Serie verwende. Irgend ein abstraktes Symbol für Wissenschaft? Schwierig. Also einen Wissenschaftler.

Aber wen? Es gibt so viele brillante Wissenschaftler; von Demokrit bis, sagen wir, Stephen Hawking. Wer kann da repräsentativ sein?

Ich habe mich, wie Sie oben sehen, für Galileo Galilei entschieden. Und zwar, weil er aus meiner Sicht drei Eigenschaften in sich vereint, von denen die anderen großen Begründer der modernen Wissenschaft nur die eine oder die andere hatten: Er war einer, der fragte und zweifelte. Er war ein Mann mit kühnen Ideen. Und er war ein großer Handwerker.

Descartes war ein großer Frager und Zweifler. Keiner hat so beharrlich gefordert, daß man belegen muß, was man behauptet. Er hat auch empirisch gearbeitet; aber ein großer Experimentator oder ein großer Theoretiker war er nicht.

Leibniz war ein genialer Theoretiker. Seine spekulative Kraft, seine Kühnheit darin, ein Problem zu Ende zu denken, waren beispiellos. Aber ein Zweifler war er nicht, erst recht kein Experimentator.

Tycho Brahe war ein Wissenschaftler mit außerordentlichen handwerklichen Qualitäten. Ein besessener Beobachter. Nie hat jemand vor der Erfindung des Teleskops mit einer solchen Exaktheit den Himmel beobachtet und kartografiert. Aber er war kein Zweifler; eher suchte er das Überkommene zu retten. Er war auch kein bedeutender Theoretiker. Sein System - die Sonne kreist um die Erde, die Planeten um die Sonne - gehört eher zu den Kuriositäten der Wissenschaftsgeschichte.

Galilei aber war das alles.

Er hat mit einer nachgerade kindlichen Naivität überkommenes Wissen in Zweifel gezogen. Er hat sich mit Aristoteles nicht auf dem Niveau einer scholastischen Disputation auseinandergesetzt; sondern er hat schlicht gefragt, ob dessen Behauptungen überhaupt empirisch stimmten.

Er war ein großer Theoretiker; der Begründer der Mechanik. Besser als jeder vor ihm hat er das Prinzip der Induktion verstanden: Beobachtungen unter möglichst störungsfreien Bedingungen anstellen; dann aus ihnen Gesetze abstrahieren.

Und er war ein großer Handwerker. Das Teleskop hat er nicht erfunden; aber er erkannte sofort seine Bedeutung und hat es verbessert. Er war einer der ersten, denen klar war, daß die großen Fortschritte der Wissenschaft nicht daraus kommen würden, daß man richtiger denkt, sondern daß man genauer hinsieht.

Im Einzelnen habe ich das in dieser Würdigung von Galilei beschrieben.



Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Galileo Galilei, gemalt im Jahr 1605 von Domenico Robusti. Ausschnitt

11. Mai 2009

Schöpfungsglaube in den USA: Ist der Kreationismus ein "Gegenentwurf zum Wissenschaftsglauben"? Nein, ein Sproß postmodernen Denkens

Zu dem Schreckensbild, das viele deutsche Medien von den USA zeichnen, gehört als ein besonders schwarzer Fleck der Kreationismus. Gern und mit gehörigem Kopfschütteln wird eine Umfrage zitiert, der zufolge nur 26 Prozent der Amerikaner die wissenschaftliche Evolutionslehre bejahen, während 42 Prozent meinen, das Leben habe seit Beginn aller Zeiten in der jetzigen Form existiert und 18 Prozent an eine Evolution glauben, die von einem Höheren Wesen gelenkt werde.

Das ruft natürlich diejenigen auf den Plan, die immer schon wußten, daß die Amerikaner ein Volk von ungebildeten Hinterwäldlern sind. Repräsentativ dafür ist dieser Artikel in "Spiegel- Online" aus dem Jahr 2005, in dem, wie auch anders, der Seitenhieb auf Präsident Bush nicht fehlte:
Bei ihrer Medienkampagne spielt den Intelligent- Design- Anhängern auch der angelsächsische Fairness- Grundsatz in die Hände, demzufolge jede Meinung eine Chance erhalten sollte. (...) Intelligent Design wurde auf diese Weise von höchster Stelle geadelt. "Beide Seiten sollten anständig gelehrt werden", sagte US-Präsident George W. Bush - "damit die Menschen verstehen, worum es in der Debatte geht".
Soviel Pluralismus findet der Autor, von "Spiegel- Online", Markus Becker, inakzeptabel; Bush hätte damit den "Horror der Forscherzunft" erregt.

Kreationismus, so vermitteln es Artikel wie dieser, ist so etwas wie eine Verschwörung gegen Vernunft, Wissenschaft und Fortschritt. Eine Verschwörung, die sich gemeinerweise auch noch tarnt. Markus Becker:
Nur dass sich die Kreationisten diesmal nicht Kreationisten nennen, sondern versuchen, ihre Idee als "Intelligent Design" unters Volk zu bringen. (...) Dass die neuen Kreationisten Gott nicht nennen, obwohl sie ihn meinen, gehört zur Strategie. Und die führte zur wohl geschicktesten und am besten organisierten Attacke auf die Evolutionstheorie (...)



Angesichts solcher Standard- Informationen im Stil einer Kriegsberichterstattung ist ein Artikel, der am vergangenen Freitag zum Thema Kreationismus in der "Süddeutschen Zeitung" erschien, ein wahrer Lichtblick.

Der Autor, Friedrich Wilhelm Graf, lehrt in München Systematische Theologie und verfolgt dabei einen kulturwissenschaftlichen Ansatz. Den Kreationismus sieht er folglich in einem kulturgeschichtlichen Kontext: Wenn es um Schöpfung gehe, dann gehe es um die Schöpfungsordnung. Und wenn es um die Schöpfungsordnung gehe, dann gehe es um die Ordnung der menschlichen Gesellschaft: "... wer sich Schöpfungssprache erfolgreich zu eigen macht und seine Schöpfungssicht durchsetzt, verfügt über religiös- politische Deutungsmacht".

Aus dieser Perspektive skizziert Graf die Geschichte und die Strömungen des Kreationismus. Er verteidigt ihn nicht, aber es liegt ihm auch fern, ihn zu verteufeln:
Bei europäischen Intellektuellen lässt sich viel arrogante Abwehr des Kreationismus als eines Irrglaubens der unwissenschaftlich Bornierten beobachten. Geboten sind jedoch religionsanalytische Erklärungen seiner wachsenden Erfolge, auch bei Bildungsbürgern.
Graf geht es also nicht darum, ob der Kreationismus recht hat, sondern um die Frage, warum so viele Menschen glauben, daß er recht hat.

Seine Antwort: Der Kreationismus sei so etwas wie eine Gegenbewegung gegen eine Überbewertung der Wissenschaften:
Kreationismus ist ein religiöser Gegenentwurf zu einem Wissenschaftsglauben, der Professoren zu Propheten stilisiert und durch besseres Erkennen Lebenssinn gewinnen will. Man muss nur Max Webers kantianische Polemik gegen solche wissenschaftliche Sinnhuberei ernst nehmen, um für Kreationisten partiell Verständnis aufbringen zu können: Sie setzen einer Naturwissenschaft, die sich als naturalistische "Weltanschauung" missversteht, nur eine andere moderne Ideologie entgegen, formuliert in religiösen Sprachspielen.
Ich finde diese Erklärung nicht überzeugend. Sie mag für den religiösen Fundamentalismus des 19. Jahrhunderts zutreffen; vielleicht auch noch für die erste Welle des Kreationismus in den USA ab den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Die heutige Popularität des Kreationismus aber scheint mir eine andere Ursache zu haben.



Zu Recht spricht Graf von der "im naturwissenschaftlichen Diskurs des 19. Jahrhunderts beobachtbaren Tendenz, (...) Wissenschaft selbst zu einer Sinnstiftungsinstanz zu erheben".

Ja, es gab sie, diese Tendenz. Aber eben im naturwissenschaftlichen Diskurs, also nicht in der Breite der Gesellschaft. Und im 19. Jahrhundert, nicht in der Gegenwart, für die wir die Ausbreitung des Kreationismus zu erklären haben.

Im 19. Jahrhundert finden wir die von Graf apostrophierte Erhebung der Wissenschaft in die Sphäre der Sinngebung. Als Junge hab ich mit Begeisterung einen Schmöker aus dem 19. Jahrhundert gelesen, den ich mir aus einer Leihbibliothek besorgt hatte, "Die Welträthsel" von Ernst Haeckel. Haeckel propagierte eine "monistische" Weltanschauung, in der es keinen wesensmäßigen Unterschied zwischen Geist und Materie gibt. Er fand zahlreiche Nachahmer und Mitstreiter.

Aber selbst im wissenschaftsgläubigen 19. Jahrhundert konnten solche "wissenschaftlichen Weltanschauungen" nur in einem kleinen Teil des Bildungsbürgertums Fuß fassen; wohl auch bei manchen bildungsbemühten Arbeitern Anklang finden. In den USA des 20. Jahrhunderts aber hat dergleichen nie eine bedeutende Rolle gespielt; ganz sicher nicht eine Rolle, die es erklären würde, daß der Kreationismus als eine "Gegenbewegung" entstanden wäre.

Nicht eine solche "Erhebung" der Wissenschaft ist aus meiner Sicht die wesentliche Ursache für den Erfolg des Kreationismus, sondern ganz im Gegenteil die Geringschätzung der Wissenschaft, vor allem der Naturwissenschaften, die seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts zu beobachten ist.

Sie entwickelte sich im Rahmen der weltweiten Jugendbewegung ab Ende der sechziger Jahre und fand dann vor allem ihren Ausdruck im sogenannten postmodernen Denken. Die Ergebnisse der Wissenschaften werden von vielen, die diesem Denken anhängen, als kulturelle Hervorbringungen wie alle anderen auch angesehen. Man kann ihnen glauben, ihnen aber auch mißtrauen.

Und eher mißtraut man ihnen, den "Fachidioten", den Vertretern der "Wissenschaft der weißen, heterosexuellen Männer". Warum soll die "alternative Medizin" nicht ebenso recht haben wie die "Schulmedizin"? Ist nicht das Weltbild der modernen Kosmologie lediglich ein "Konstrukt", ebenso wie das Weltbild des Aristoteles, in dem Sonne, Mond und Sterne um die Erde kreisen, jeder an seine Sphäre geheftet? Mit welchem Recht lehnen Wissenschaftler, die doch nichts anderes tun als zählen und messen, die Astrologie ab, eine uralte Wissenschaft? Und so fort.

Dieser Relativismus prägt auch in den USA seit Jahrzehnten das intellektuelle Klima. Und er liefert, so scheint mir, den Nährboden für einen Sproß, der nun freilich von den postmodernen Linken gar nicht gern gesehen wird: Wenn die Evolutionslehre, wenn die Historische Geologie (die die Entwicklung der Erde seit ihrer Entstehung untersucht) ohnehin nur beliebige kulturelle Konstrukte sind - warum sollte man dann nicht viel eher der Wahrheit der Bibel vertrauen?

Der postmoderne Relativismus ist, wie jeder Relativismus, instabil. Wenn man das gemeinsame Fundament der Wissenschaft als einer voraussetzungslosen, ergebnisoffenen und kultur- und religionsübergreifenden Unternehmung aufgibt, dann bereitet man den Boden für Ideologien und Fundamentalismen aller Art.

Wenn alles erlaubt ist, wenn die Losung "Everything goes" gilt - warum sollte dann nicht auch beispielsweise die biblische Weltsicht derjenigen der Wissenschaft gleichberechtigt an die Seite gestellt werden? Ich habe dieses Umschlagen von Relativismus in Dogmatismus, von grenzenloser Toleranz in Intoleranz, in diesem Artikel genauer beschrieben.

Die einen basteln sich dann, wenn die Verbindlichkeit der Wissenschaft erst einmal aufgehoben ist, ihre "marxistische Wissenschaft", die anderen ihre "feministische Wissenschaft", und viele vertrauen eben aufs Altbewährte: Das, was schon die Väter glaubten; das, was durch die Heilige Schrift verbürgt ist. Man gewinnt dann wieder den festen Boden, den der postmoderne Relativismus einem unter den Füßen weggezogen hatte. Just dieser Relativismus macht es möglich.



Nicht der Verzicht der Wissenschaft auf eine "Sinnstiftung", die sie ohnehin schon seit einem Jahrhundert nicht mehr beansprucht, ist das Gegenmittel gegen solche Ideologien und Fundamentalismen. Ihnen kann nur dann mit Aussicht auf Erfolg entgegengetreten werden, wenn die Wissenschaften ihre angestammte Autorität zurückgewinnen.

Also wohl erst in der Post-Postmoderne.



Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Jan Bruegel d.J. (1601-1678), Gott erschafft Sonne, Mond und Sterne (Ausschnitt).

27. Dezember 2008

Zitate des Tages: Barack Obama über Wissenschaft und Ideologie. Und wie das sein künftiger wissenschaftlicher Chefberater sieht

... the truth is that promoting science isn't just about providing resources – it's about protecting free and open inquiry. It's about ensuring that facts and evidence are never twisted or obscured by politics or ideology. It's about listening to what our scientists have to say, even when it's inconvenient – especially when it's inconvenient.

( ... die Wahrheit ist, daß es bei der Förderung der Wissenschaft nicht nur um Finanzmittel geht - es geht darum, eine freie und offene Forschung zu schützen. Es geht darum, dafür zu sorgen, daß Fakten und Belege niemals durch Politik oder Ideologie verdreht oder verdeckt werden. Es geht darum, dem zuzuhören, was unsere Wissenschaftler zu sagen haben, selbst wenn es unbequem ist - vor allem, wenn es unbequem ist.)

Der gewählte Präsident Barack Obama am vergangenen Samstag in einer Radio- Ansprache zu den Grundsätzen seiner Wissenschafts- Politik.


The few climate-change "skeptics" with any sort of scientific credentials continue to receive attention in the media out of all proportion to their numbers, their qualifications, or the merit of their arguments.

And this muddying of the waters of public discourse is being magnified by the parroting of these arguments by a larger population of amateur skeptics with no scientific credentials at all. (...) The extent of unfounded skepticism about the disruption of global climate by human- produced greenhouse gases is not just regrettable, it is dangerous.


(Die wenigen "Skeptiker" in Bezug auf den Klima- Wandel, die überhaupt in irgendeiner Weise wissenschaftlich ausgewiesen sind, genießen in den Medien eine Aufmerksamkeit, die in keinerlei Verhältnis zu ihrer Anzahl, ihrer Qualifikation und der Triftigkeit ihrer Argumente steht.

Und diese Verschmutzung der Gewässer der öffentlichen Auseinandersetzung wird noch dadurch verstärkt, daß diese Argumente durch eine größere Population von Amateur- Skeptikern nachgeplappert werden, die überhaupt nicht wissenschaftlich ausgewiesen sind. (...) Das Ausmaß eines ungerechtfertigten Skeptizismus über die Zerstörung des globalen Klimas durch vom Menschen produzierte Treibhaus- Gase ist nicht nur bedauerlich, es ist gefährlich.)

Der Physiker John P. Holdren, der in Harvard zugleich an der Fakultät für Geographie und Planetologie (Department of Earth and Planetary Sciences) und am Kennedy- Institut für Politologie (Kennedy School of Government) lehrt, im Boston Globe vom 4. August dieses Jahres.

Kommentar: Finden Sie nicht auch, daß Holdrens Verständnis von Wissenschaft, vor allem vom Umgang mit der Meinung von wissenschaftlichen Minderheiten, in diametralem Gegensatz zu dem steht, was Obama in seiner Ansprache - in dankenswerter Klarheit - vertritt?

Und doch hat Obama in derselben Ansprache angekündigt, daß er Holdren zu seinem wissenschaftlichen Chefberater (Assistant to the President for Science and Technology and Director of the White House Office of Science and Technology Policy) ernennen wird.

Weiteres zu der Art, wie Holdren schon seit Jahrzehnten gerade nicht für "freie und offene Forschung" eintritt, sondern für eine Verquickung von Wissenschaft und Politik, kann man in einem Artikel von John Tierney in der New York Times vom Freitag vergangener Woche finden.



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25. Dezember 2008

Zettels Gabentisch: Realität in acht Päckchen (1): Eine Frage der "Zeit". Ein paar Happen Philosophie

Mit "12 großen Fragen" befaßt sich eine Serie von Artikeln im aktuellen "Zeit Wissen". Die erste Folge hat Ulrich Schnabel geschrieben. Titel: "Was ist Realität?".

Eine große Frage, fürwahr. Eine arg große Frage. Eine der Fragen, die am Beginn der Philosophie standen. Eine Frage, passend in die vor uns liegende Zeit "zwischen den Jahren", in der das Jahr 2008 seine Realität für uns verliert und das Jahr 2009 darauf wartet, sie zu gewinnen.



Für die ersten Philosophen des Abendlands - die griechischen Philosophen vor Sokrates, mangels einer besseren Bezeichnung oft "die Vorsokratiker" genannt -, gliederte sich diese Grundfrage bereits in eine Reihe von Teilfragen:

Erstens: Woraus besteht eigentlich die Welt, welches ist ihr Urstoff? Wasser, meinte Thales von Milet. Nein, eine grenzen- und zeitlose Ursubstanz (das Apeiron), war die Antwort seines Schülers Anaximander. Aus dem Apeiron gehen alle Substanzen hervor; in das Apeiron kehrt alles zurück.

Oder ist das im eigentlichen Sinn Reale gar nicht eine Ursubstanz, sondern viel Abstrakteres? Zahlen, Harmonien? Ist die Welt ihrem Wesen nach Mathematik, abstrakte Ordnung? Form, nicht Materie? Das lehrte Pythagoras; das glaubten seine Jünger, die Pythagoräer.

Zweitens: Was ist das Reale - Beständigkeit oder Veränderung? Thales hatte nur gefragt, was die Realität letzten Endes ist. Anaximander machte sich Gedanken darüber, wie sie wird. Damit war bereits dieses zweite große Thema angeschlagen:

Ist die Welt ihrem Wesen nach unveränderlich und die Änderung nur ein Schein? So lehrte es Parmenides von Elea. So propagierte es mit schlagenden - mit erschlagenden - Beweisen sein Schüler Zeno, dem wir das Paradox von Achilles und der Schildkröte verdanken. Und die Behauptung, es könne gar keine Bewegung geben. Denn zu einem Zeitpunkt kann ein Gegenstand ja nur an einem Ort sein, also ruhend. Auch wenn es uns vorkommt, als würde ein Pfeil fliegen.

Oder ist im Gegenteil das Wesen der Wirklichkeit ihre ständige Änderung? Ist es gerade die Beständigkeit, die nur Schein ist? Das war die Meinung Heraklits: Alles ist in Veränderung; man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen. Der Gegensatz, der Widerstreit ist es, der diese Veränderung antreibt, in der die Gegensätze doch wieder zusammenfließen. Bis zu Hegel, bis zu Marx hat dieser Gedanke nachgewirkt.

So gegensätzlich Parmenides und Heraklit dachten - gemeinsam ging es beiden um die dritte Frage: Was ist Schein? Was hingegen ist das hinter dem Schein liegende, die eigentliche Realität?

Parmenides meinte, hinter der scheinbaren Veränderung liege unveränderliche Wirklichkeit. Heraklit sah die Beständigkeit als Schein und dahinter die ständige Veränderung. Beide unterschieden zwischen Schein und Wirklichkeit. Zwischen dem, was wir nur meinen und dem, was in Wahrheit ist.



Wie aber können wir von der Realität hinter dem Schein wissen? Durch Denken, meinte Platon, nicht durch den Augenschein. Plato dachte da wie Parmenides, den er verehrte. Der Augen"schein" ist eben dies, ein Schein. Unsere sinnliche Erfahrung ist dem Irrtum unterworfen. Erst im Denken, zumal in der Mathematik, stoßen wir zum Wesen der Dinge vor, zu den Ideen.

Es ging damit Platon nicht nur um das Wesen der Welt, sondern nun auch um das Wesen des Erkennens; um Erkenntnistheorie. Ein Unternehmen, das ein wenig dem Bemühen Münchhausens gleicht, sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen: Der Versuch, unseren Erkenntnisapparat einzusetzen, um etwas über unseren Erkenntnisapparat zu erfahren.

René Descartes hat das - ich mache einen großen Sprung, wir sind jetzt im 17. Jahrhundert - im Prinzip so anzugehen versucht wie Plato: Nicht die Sinne, die nur Verworrenes liefern, führen uns zur Wirklichkeit, sondern allein das Denken. Wenn es denn Ideen faßt, und zwar clare et distincte, deutlich und abgehoben.

Aber kommen wir damit wirklich aus dem Sumpf der Unkenntnis heraus; der letztlichen Unkenntnis der eigentlichen Realität? Die radikalste Antwort hat Immanuel Kant gegeben: Wir können von dieser "eigentlichen" Realität, vom "Ding an sich" nichts wissen. Damit müssen wir uns bescheiden. Erfaßbar ist für uns nur die empirische Realität, die Welt der Erscheinungen. Sie freilich ist auf ihre Art auch "real" und es allemal wert, erforscht zu werden.



Das sind alles keine Fragen, keine Antworten aus der finsteren Zeit vor dem Aufblühen der Wissenschaft. Sie sind aktuell, wenn wir sie heute auch anders formulieren. Es sind freilich Fragen, die Wissenschaftler gern ausklammern; für die sie sich nicht zuständig erklären.

Und wenn sich ein Wissenschafts- Journalist wie Ulrich Schnabel in dem zitierten Artikel Gedanken machen, dann kommt manchmal nicht so sehr viel Überraschendes heraus. "Statt die Wirklichkeit objektiv wahrzunehmen, sind wir ständig dabei, sie zu interpretieren. Was wir naiverweise für real halten, hängt deshalb stark von unserer persönlichen Deutung ab", schreibt Schnabel.

Ja, das ist freilich so. Dem einen sin Uhl is dem andern sin Nachtigall. Aber ist Wissenschaft nicht dazu da, solch Subjektives zu eliminieren? Durch sorgsames Messen, durch Rechnen zu dem vorzustoßen, was eben nicht persönliche Deutung ist? Schnabel scheint da skeptisch zu sein:
Wie man es auch dreht und wendet: Bei der Frage nach der Realität landen wir am Ende bei uns selbst, bei den Begrenzungen und kulturellen Prägungen der menschlichen Wahrnehmung. Vielleicht lautet die beste Antwort auf die Frage nach der Realität daher einfach so: Realität ist stets das, was wir dafür halten.
Ich teile diese Meinung überhaupt nicht. Und möchte Sie, lieber Leser, in dieser kleinen Serie zwischen den Jahren gern von meiner anderen Auffassung überzeugen. Nein, sagen wir: Sie Ihnen nahezubringen versuchen.

Die Auffassung nämlich, daß Realität nicht das ist, was uns gerade einfällt; was dafür zu halten wir belieben. Das ist postmoderne Unverbindlichkeit, ist die Doktrin kultureller Relativität. Realität ist - so werde ich, nah bei Kant, argumentieren - etwas, das uns entgegentritt, das uns einlädt und auffordert, es zu erforschen. Freilich mit dem Instrumentarium, das allein uns zur Verfügung steht: unserem natürlich in der Evolution entstandenen Erkenntnisapparat. Trivialerweise.

Es wird keine philosophische Abhandlung werden, nur ein kleiner Essay. Hier die Gliederung, die am Ende jeder Folge stehen wird. Bereits erschienene Folgen sind jeweils verlinkt.
1. Eine Frage der "Zeit". Ein paar Happen Philosophie
2. Ein Alptraum. Vom Träumen überhaupt
3. Fiktion und Realität. Fiktive Realitäten
4. Realität als Konsens
5. Postmoderne Toleranz. Postmoderne Intoleranz
6. Erkenntnis und Interesse. Fromme Lügen
7. Erkenntnistheorie und Wahrnehmungspsychologie
8. Wissenschaftliche Erkenntnis


Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen der Serie sowie eine Zusammenfassung finden Sie hier. Titelvignette: Alice im Wunderland. Frei, weil das Copyright erloschen ist.

15. Dezember 2008

Zitat des Tages: "Schnee wie seit Jahrzehnten nicht mehr". Statt globaler Erwärmung eine neue Eiszeit?

Im Süden Österreichs schneite es in den vergangenen Tagen so stark wie seit Jahrzehnten nicht mehr, berichtet das Österreichische Fernsehen (ORF). In Norditalien und im südlichen Kalabrien sorgten heftige Schneefälle am Sonntag für ein Verkehrschaos. In Nordspanien behinderten stundenlange Schneefälle den Verkehr, im französischen Zentralmassiv fiel nach heftigen Schneefällen bei zehntausenden Haushalten der Strom aus.

Aus einer heutigen Meldung in "Spiegel- Online".

Kommentar: Zeichen einer globalen Abkühlung? Widerlegung der Hypothese von der menschengemachten globalen Erwärmung?

Es wäre albern, einen kalten Winter so zu interpretieren, oder fünf oder zehn kalte Winter. Innerhalb eines stabilen Klimas wird es immer auch kalte und warme Winter geben, wird es auch mal weniger und mal mehr Stürme, Hurricans, Überschwemmungen geben.

Nur daß uns, seit die globale Erwärmung eine quasi- religiöse Überzeugung und eine politische Ideologie geworden ist, jede Flut wie das Hochwasser der Elbe 2002, jeder Hurrican wie Katrina in New Orleans 2005 als angeblicher Beleg für die globale Erwärmung verkauft wird. Nach derselben Logik, mit derselben Berechtigung müßte man extrem kalte Winter wie den jetzigen als Beleg für eine bevorstehende Eiszeit werten.

Es hat in den vergangenen Jahren eine Erderwärmung gegeben; das läßt sich messen. Ob es sich um eine vorübergehende, vielleicht schon wieder ihrem Ende zugehende Schwankung handelt oder um den Beginn einer dauerhaften Veränderung, weiß niemand. Über die Ursachen gibt es Hypothesen, plausible und weniger plausible, mehr nicht.

Es scheint, daß man diese simplen Sachverhalte immer wieder einmal in Erinnerung rufen muß, angesichts der Propaganda, die in diesem Bereich die Wissenschaft überlagert. Bis hin zum Umwelt- Bundesamt, das auf eine skandalöse Weise Wissenschaftler, die von der momentan mehrheitlichen Meinung abweichen, als unseriös verunglimpft.

Da werden abweichende wissenschaftliche Meinungen als "Desinformation" verleumdet. Den Wissenschaftlern wird unterstellt, von der Industrie bestochen zu sein. Da maßen sich Leute, die von Physik so viel Ahnung haben wie ein Nilpferd vom Schachspielen, zu beurteilen an, welche Klimatologen Recht haben und welche Unrecht; sogar ein abgebrochener Soziologiestudent behauptet, das ganz sicher zu wissen.

Man glaubt sich ins Mittelalter zurückversetzt, als über die Richtigkeit wissenschaftlicher Auffassungen als ein Frage von Rechtgläubigkeit oder Ketzerei entschieden wurde.



Ich halte es für wahrscheinlicher, daß wir uns in einer Phase langfristiger Erwärmung des Erdklimas befinden, als daß das nicht der Fall ist; ich halte es für wahrscheinlicher, soweit ich die Diskussion der Fachleute verfolgen kann. Ich halte es auch für wahrscheinlich, daß es dabei einen menschengemachten Anteil gibt. Hier wie dort muß ich mich als Laie darauf verlassen, daß eine wissenschaftliche Mehrheitsmeinung in den meisten Fällen richtig ist.

In den meisten Fällen; keineswegs immer. Bis zum Experiment von Michelson und Morley im Jahr 1887 glaubte die gesamte physikalische Fachwelt, daß es einen Äther gibt. Sie irrte.

Weil ein Irrtum auch einer großen Mehrheit von Fachleuten stets möglich ist, brauchen wir die offene, vorurteils- und wertfreie wissenschaftliche Diskussion. Es muß immer sichergestellt sein, daß es nicht nur mehrere alternative Meinungen gibt, sondern daß auch jeder Beteiligte die Meinungen der anderen achtet. Zum Wissenschafts- Prozeß gehört es, zu akzeptieren, daß möglicherweise jener Andere die Sache richtig sieht und man selbst falsch.

Es ist in der Wissenschaft so wie in der Politik, wo immer eine demokratische Opposition bereitstehen sollte, um die Regierung zu übernehmen, falls die regierende Partei versagt. Wissenschaftliche Minderheiten müssen ihre Theorien entwickeln, ausbauen, für sie eintreten können, weil diese sich jederzeit als die richtige Alternative erweisen können.

Noch sieht es danach aus, daß das gegenwärtige Standard- Modell richtig ist. Vielleicht hat ja aber am Ende doch jemand wie Robert W. Felix Recht, der unverdrossen Hinweise auf eine globale Abkühlung sammelt, Hinweise gar auf eine bevorstehende neue Eiszeit.

Eine WebSite, täglich mit Meldungen aktualisiert, die gegen die globale Erwärmung sprechen. Sehr empfehlenswert als Antidos gegen die Propaganda, die uns eine fortschreitende globale Erwämung und einen Treibhauseffekt als bewiesene Tatsachen darzustellen versucht.



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13. November 2008

Zitat des Tages: Mehr als zwei Drittel gaben Betrug zu. Warum Copy and Paste im Studium kein Kavaliersdelikt ist

Eine lockere Umfrage der Zeitschrift "Varsity" unter gut eintausend Studenten an der Universität Cambridge will herausgefunden haben, jeder zweite davon greife zuweilen unausgewiesenermaßen auf fremde Textbausteine aus Netzwerken wie Facebook und Myspace zurück. Sätze aus Wikipedia in eigene Werke hineinkopiert hätten mehr als zwei Drittel der Befragten. Dem stehe eine Entdeckungsquote von fünf Prozent gegenüber. Die höchste Zustimmung hat das Plagiieren in Cambridge offenbar unter Studenten der Rechtswissenschaft.

Jürgen Kaube in der heutigen FAZ unter der Überschrift "Wer abschreibt, fliegt raus". Anlaß für den Artikel ist eine geplante Verschärfung des Hochschulrechts in Baden- Württemberg. Bisher wurde Betrug bei einer Prüfung so behandelt, als sei die Prüfung nicht bestanden; sie konnte also wiederholt werden. Künftig soll bereits ein einziger aufgedeckter Betrugsversuch zur Exmatrikulation führen können.

Kommentar: Ich erinnere mich an ein Vorkommnis vor Jahrzehnten, in der Zeit lange vor dem Internet, als ich meine ersten Erfahrungen an einer Hochschule sammelte. Eine Studentin kam weinend zu mir: Sie sei sich sicher, in der Klausur die Fragen richtig beantwortet zu haben, sei aber durchgefallen. Ich solle doch bitte ihre Klausur nachprüfen.

Das tat ich. Es war eine Multiple- Choice- Klausur, und ihre Trefferzahl lag ziemlich genau auf dem Zufallsniveau.

Ich hatte, um das Abschreiben zu erschweren, zwei Versionen der Klausur angefertigt, die sich nur in der Reihenfolge der Fragen unterschieden. Studenten, die benachbart saßen, hatten jeweils verschiedene Versionen.

Als ich nun die Antworten der betreffenden Studentin genauer untersuchte, stellte sich heraus, daß sie in der Tat richtig geantwortet hatte - nur nicht auf ihre Version, sondern auf die andere! Legte man die Schablone für die andere Version auf ihre Antworten, dann hatte sie eine fehlerlose Klausur abgeliefert.

War sie so dumm gewesen, einfach von ihrem Nachbarn abzuschreiben? Nein. Das konnte schon deswegen nicht sein, weil niemand anders alle Fragen richtig beantwortet hatte.

Diese Studentin wurde später selbst Wissenschaftlerin, und als wir uns einmal begegneten, hat sie mir gestanden, was damals passiert war: Sie hatte zu einer Mogel- Truppe gehört, die sich die richtigen Antwort besorgt hatte. Und bei deren Verteilung hatte sie nicht aufgepaßt und die Antworten der falschen Gruppe bekommen.



Ich habe zum Abschreiben im Studium ein gespaltenes Verhältnis. Jeder von uns hat in der Schule abgeschrieben. Warum also nicht auch an der Uni?

In gewisser Weise sehe ich das Ganze als einen sportlichen Wettbewerb zwischen den Studenten und den Lehrenden. Wenn es jemandem gelingt, zu mogeln, dann waren die Kontrollen schlecht. Notfalls muß man sich eben die Mühe machen, besser zu kontrollieren.

Ich habe einmal einen halben Tag in der Uni- Bibliothek verbracht, bis ich das Buch gefunden hatte, aus dem jemand ganze Passagen ohne Quellenangabe in seine Diplomarbeit übernommen hatte. Mich hatte einfach geärgert, daß er mich für so dumm hielt, das nicht zu merken. Der Stil stimmte nicht; aber das reicht ja nur für einen Verdacht. Also habe ich gesucht.

Das ist die eine Seite. Die andere ist aber, daß die Universität eben keine Schule ist. Studierende sollen auch lernen, wissenschaftlich zu arbeiten. Und in der Wissenschaft ist nun mal das Plagiat eine Todsünde; wie auch in der Literatur.

Warum? Weil Wissenschaft wie Literatur von Originalität leben. Etwas zu sagen ist nur dann eine Leistung, solange es ein anderer nicht schon zuvor gesagt hat. Ein Plagiat bedeutet nicht nur "sich mit fremden Federn zu schmücken", wie man gern sagt. Sondern es bedeutet, die Grundlage der Wissenschaft zu unterhöhlen.

Es gibt für jede Berufsgruppe bestimmte Grundregeln, die unter allen Umständen zu befolgen sind. Ein Arzt darf seinem Patienten nicht schaden. Ein Notar darf nicht wissentlich falsch beurkunden. Ein Wissenschaftler darf nicht Daten fälschen und nicht plagiieren.

Deshalb hört aus meiner Sicht der Spaß spätestens bei der Diplomarbeit oder sonstigen Abschlußarbeiten auf. Sie sollen der Nachweis der Fähigkeit zum wissenschaftlichen Arbeiten sein. Wenn jemand plagiiert, dann hat er nachgewiesen, daß er zu wissenschaftlichem Arbeiten unfähig ist; denn er hat dessen Grundlage nicht verstanden. Das Nichtbestehen der Prüfung ist da eine unzureichende Bestrafung. Zwangsexmatrikulation ist richtig.

Und noch ein Zitat aus dem Artikel von Jürgen Kaube, hoffentlich kein Plagiat: "Wenn ich einen korrekten deutschen Satz in einer Seminararbeit finde, dann googele ich den". Sagte eine deutsche Germanistin.



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24. Dezember 2006

Metasprachliche Metalust : Theodor W. Adorno. Und ein wenig Nostalgie

Eigentlich wollte ich heute noch einen schönen Blog schreiben. Aber weiß der Geier - alles, was ich angefangen habe, wurde nichts Rechtes. Nicht überzeugend, keine runde Argumentation, nicht gut geschrieben.

Andererseits möchte ich denjenigen, die hier mitlesen, täglich doch wenigstens einen Beitrag anbieten, der es rechtfertigt, daß sie in Zettels Raum gucken. Sonst könnten sie ja gleich wegbleiben.

Was tun? Ja, natürlich, Recycling. Ist was im Archiv, im Stehsatz, was aktuell paßt? Leider nein.

Also zitiere ich jetzt etwas, was ich heute Abend in einem anderen Blog geschrieben habe. Und rechtfertige das damit, daß ich damit Reklame für diesen anderen Blog mache: Metalust und Subdiskurse. Das Zitat ist allerdings redigiert, weil ich das Redigieren nicht lassen kann.

Mit anderen Worten, da ich heute mit der Lust des Schreibens nicht recht reüssiere, gönne ich mir die Metalust des Zitierens, und zwar in der Extremform des Selbstzitats.

Ich bin radikal anderer Meinung als die, die jenen anderen Blog betreiben. Aber sie sind intelligent, sie sind witzig, sie sind - da bin ich allerdings nicht ganz sicher - nach meiner Vermutung sogar liberal. Sie sind also lesenswert.



In dem Kommentar, den ich bei "Metalust und Subdiskurse" geschrieben habe, geht es um die Frankfurter Schule. Nein, nicht die "Neue Frankfurter Schule", deren größter Geist der geniale Robert Gernhardt gewesen ist (und ich gönne mir die Metalust, auf diesen Blog hinzuweisen, den in meiner Selbstkritik bisher besten in "Zettels Raum"; nur scheint's keiner zu merken). Sondern die gute alte Frankfurter Schule. Adorno, Horkheimer, Habermas also.

In der Passage, die ich jetzt zitiere, geht es um Adorno.



Wer sich auch nur ein wenig für für Philosophie interessiert, der ist als Schüler, wenn er ordentlich liest, von Nietzsche begeistert. Oder vielleicht (das war ich) von Wittgenstein.

Warum? Weil sie - Schopenhauer auch, stefan george, Oswald Spengler - mehr Schöngeister waren als Philosophen. Man läßt sich vom Stil berauschen. Man liebt sie, weil sie so schön schreiben können. Ob das eigentlich auch stimmt, was sie behaupten, tritt dagegen in den Hintergrund.

Jung sein, das heißt auch, die Ästhetik zuvorderst sehen. Man ist ja in einem Alter, in dem man die Schöne, den Schönen, also auch das Schöne sucht. Das hat die Natur so gewollt.

Adorno schreibt schön. Das ist, glaube ich, das Geheimnis der unverdienten Anerkennung, die ihm zuteil wird. Und es ist das, was mich nach dem Abitur kurzzeitig für ihn begeistert hat. Ein deutscher Valéry, so erschien er mir.



Ich habe ihn dann, in meinen Frankfurter Semestern, als einen arg eitlen und irgendwie auch dummen Menschen erlebt. Jeder Satz seiner Vorlesung war sozusagen mit dem Subtext unterlegt: Schaut's an, wie schlau ich bin, der Adorno. Er spitzte den Mund und ließ seine klugen Sentenzen daraus wohlgeformt hervorquellen. Oder sagen wir, er ließ sie ins Auditorium gleiten.

Mir schien, daß es ihm nie um die Sache ging, sondern immer nur um den Eindruck, den er mit seiner Brillanz erzeugen wollte. Adornos Vorlesungen waren im Grunde keine Vorlesungen, sondern sie waren Celebrations, in denen der Redner Adorno seinen Helden Adorno ínszenierte, ad majorem Adorni gloriam.

Etwas weniger lustig gesagt: Es fehlte Adorno völlig die wirkliche Klugheit desjenigen, der sich in Frage stellt, der die Berechtigung auch alternativer Meinungen sieht.

Ich habe nie erlebt, daß er Meinungen gegeneinander abwog und die Möglichkeit offenlies, daß auch andere als die seine richtig sein konnten. Er hat überhaupt nie das Für und Wider von irgendetwas untersucht.

Sondern er hat das, was sich Teddy ausgedacht hatte, ex kathedra verkündet. Nein, nicht verkündet, sondern in Szene gesetzt. Eine Mise en scène, das ware die Vorlesungen Adornos, so wie sie mir lebhaft vor Augen stehen.

Kurz, er war kein skeptischer, an einer fairen Auseinandersetzung interessierter Wissenschaftler, sondern vielleicht ein Künstler. Ein egomaner Künstler. Vielleicht.

Denn: War er ein einigermaßen guter Künstler? Das weiß ich nicht. Mir ist seine Manieriertheit inzwischen unerträglich; aber ich gebe zu, daß das Geschmackssache ist. Ich habe als junger Mensch auch Thomas Mann geschätzt, und heute stößt mich seine Gestelztheit ab.



Also keine Werturteile. Aber zum Schluß ein wenig, sagen wir, Zeitzeugenschaft:

Ich habe damals in Frankfurt die "Philosophische Terminologie" gehört, in der Adorno sich hauptsächlich über Heidegger lustig machte. Und zwar auf dem Niveau rheinischen Karnevals. Die Lacher hatte er, aber man vermißte irgendwie den dreifachen Tusch, wenn er wieder eine Sottise produziert hatte.

Ich habe, als angehender Naturwissenschaftler, damals meine Tage hauptsächlich im Labor verbracht, in Statistik- Kursen, beim Herrichten von Nerv- Muskel- Präparaten; dergleichen. Wenn man dergestalt wissenschaftlich ständig mit der Realität zusammenstößt, dann bekommt die Adorno'sche Luftigkeit, dieses Fehlen jeder Bereitschaft, Nachprüfbares zu formulieren, einen, sagen wir hallodrihaften Charakter.

Ja, ich bin in seine Vorlesung gegangen. So, wie die Griechen nach den ernsthaften Aufführungen sich noch ihr Satyrspiel ansahen.