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6. Januar 2010

Gorgasal und Obama (4): Abdul Mutallabs Visum

Das Einreisevisum von Umar Farouk Abdul Mutallab für die USA wurde gestern zurückgezogen. Sie wissen schon: Abdul Mutallab wollte mit seiner Unterwäsche ein Flugzeug explodieren lassen. Vor etwa zehn Tagen.

Da war wohl jemand ein wenig spät dran.

Nein, damit will ich nicht sagen, dass das Obamas Schuld ist. Ich erinnere mich nur daran, mit welcher Häme seinerzeit die Nachricht aufgenommen wurde, dass einigen der 9/11-Attentäter das Visum auch erst nach dem 11. September 2001 entzogen wurde - und wie allerorten insinuiert wurde, das illustriere die Dummheit von George W. Bush.

Seit dem Amtsantritt von Präsident Obama hat sich so manches ereignet, das unter Bush als Beleg für dessen geistige Beschränktheit, seinen bösen Willen oder die Bestechung Bushs durch die Ölindustrie gewertet worden wäre. Mit Obama wird meines Erachtens zurückhaltender umgegangen. In Zettels Kleinem Zimmer habe ich einige Beispiele dafür unter dem Titel "Wäre das Bush passiert, dann hätten wir nie aufgehört, davon zu hören" gesammelt.



© Gorgasal. Quelle: Fausta. Für Kommentare bitte hier klicken.

19. September 2009

Zitat des Tages: Das deutsche Volk fällt "sein eigenes Urteil". Madrid, März 2004 - Deutschland, September 2009. Eine beklemmende Parallele

Entscheidet das Volk sich (...) für eine Fortsetzung des Krieges, hat es sein eigenes Urteil gefällt. Die Bundestagswahl ist die einzige Möglichkeit des Volkes, die Politik des Landes zu gestalten.

Der Islamist Bekkay Harrach, Kampfname Abu Talha, in einem Video der Kaida, in dem Deutschland nach der Bundestagswahl ein "böses Erwachen" angedroht wird.


Kommentar: Das Wort Terror leitet sich vom lateinischen terrere ab, "in Angst versetzen". Terrorismus ist eine Form des Kampfs, die sich der Angst bedient, um politische Ziele zu erreichen.

Die Angst, die der Terror erzeugt, ist also kein Selbstzweck. Terroristen überlegen, wann sie bei wem Angst erzeugen müssen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Vor den spanischen Parlamentswahlen im März 2004 hatten die damals oppositionellen Sozialisten angekündigt, im Fall ihres Wahlsiegs die spanischen Truppen sofort aus dem Irak abzuziehen. Unmittelbar vor den Wahlen verübte die Kaida die Anschläge von Madrid. Die amtierende konservative Regierung, die bis dahin bei den Umfragen in Führung gelegen hatte, reagierte hilflos und unglaubwürdig. Die Sozialisten gewannen die Wahl. Die spanischen Truppen wurden aus dem Irak abgezogen.

Gut fünf Jahre später gibt es jetzt in Deutschland eine beklemmend ähnliche Situation. Die amtierende Regierung will die deutschen Truppen in Afghanistan belassen. Die Möglichkeit eines alsbaldigen Abzugs besteht allein dann, wenn es zu einer Regierung unter Beteiligung der Kommunisten kommt.

Das Video, aus dem das Zitat stammt, wurde der ARD zugesandt. Es ist nicht veröffentlicht worden; in der Tat wäre es unverantwortlich, der Kaida durch seine vollständige Veröffentlichung eine Plattform zu geben.

Das publizierte Zitat läßt aber kaum einen Zweifel an der Intention des Videos: Es ist als Wahlhilfe für die Partei "Die Linke" gedacht. Die Deutschen sollen die "Politik des Landes" so "gestalten", daß ihnen das angedrohte "böse Erwachen" erspart bleibt. Will sagen: Sie sollen diejenigen wählen, die für den Abzug aus Afghanistan eintreten.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

8. September 2009

Marginalie: "Deutsche Soldaten weinen", sagt Mohammed Omar. Wer ist eigentlich in Afghanistan ein Zivilist?

Die Geschichte stand gestern in "Spiegel- Online"; jetzt wird sie auf der Startseite nicht mehr angeboten. Ein Passage daraus scheint es mir aber doch wert zu sein, festgehalten zu werden.

Aus Afghanistan berichtet für "Spiegel-Online" Ulrike Demmer. Diese Story hat sie zusammen mit einem Zweitautor verfaßt, Shoib Najafizada, offenbar einem Afghanen.

Diesem ist es gelungen, den Gouverneur der Provinz Kundus zu interviewen, Mohammed Omar. Und der hatte Bemerkenswertes über die Bombardierung der beiden Tank- Lastzüge zu sagen:
Der Gouverneur der afghanischen Provinz Kunduz bezeichnete das Vorgehen der Deutschen als vorbildlich. Der zuständige Oberst Georg Klein habe "die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit getroffen und dabei sehr besonnen gehandelt", sagte Mohammed Omar dem SPIEGEL.

Man habe in der Vergangenheit die deutschen Soldaten immer wieder dafür kritisiert, dass sie nicht robust genug aufträten. "Entweder fliehen sie in ihr Camp oder sie sitzen da und weinen", sagte Omar. Die Bevölkerung habe schon den Eindruck gewonnen, die Deutschen arbeiteten mit den Taliban zusammen.
Eine nicht unverständliche Sichtweise in einer Gegend, in der nahezu jeder erwachsene Mann sich als Krieger versteht. Soldaten, die sich nicht aus ihren gepanzerten Fahrzeugen heraustrauen und die den Kampf zu vermeiden suchen, müssen einer solchen Mentalität suspekt erscheinen.

Übrigens trifft sich die Sichtweise des Gouverneurs in dieser Hinsicht mit derjenigen amerikanischer Militärexperten; siehe bombardierte Tanklastzüge, die Taliban, der deutsche Wahlkampf; ZR vom 7.9.2009.

Und wie sieht Mohammed Omar das mit den zivilen Opfern?
Ob und wie viele zivile Opfer zu beklagen seien, konnte der Gouverneur nicht sagen, "aber die Deutschen haben die volle Unterstützung der Bevölkerung. Bei uns sind keine Beschwerden über zivile Opfer eingegangen, wie das sonst in solchen Fällen üblich ist." Augenzeugen hätten berichtet, es seien 60 bewaffnete Taliban vor Ort gewesen und 15 bis 20 weitere Personen. "Aber nachts um halb drei traut sich in dieser Gegend, die über vier Kilometer vom nächsten Dorf entfernt ist, kein normaler Zivilist auf die Straße", sagte Omar. Wer sich bei den Tanklastern aufgehalten habe, müsse kriminell oder Unterstützer der Taliban gewesen sein.
Die Sichtweise eines Gouverneurs, gewiß; also parteilich. Aber eine Sichtweise, die man vielleicht doch auch in Deutschland zur Kenntnis nehmen sollte.



Zu den Seltsamkeiten der gegenwärtigen deutschen Diskussion gehört es, daß sie von einer klaren Unterscheidung zwischen "Taliban" und "Zivilisten" ausgeht.

Nun sind aber alle Taliban Zivilisten. Sie tragen keine Uniform; sie tragen noch nicht einmal Abzeichen, die sie als Kombattanten ausweisen, oder entsprechende Papiere. Es sind einfach Männer, die mit Waffen ausgerüstet sind. Aber nicht jeder, der in Afghanistan eine Waffe trägt, ist andererseits ein Talib. Die Waffe gehört dort zum Mann, der eben - siehe oben - jedenfalls in den Stammesgebieten auch ein Krieger ist.

Also ist es schon dann, wenn man einen lebenden Mann vor sich hat, alles andere als einfach, zu entscheiden, ob er ein Talib ist oder ein anderer Zivilist. Erst recht gilt das für Leichen, für noch dazu verkohlte Leichen nach einem Angriff auf einen Tank- Lastzug.

Und ein Weiteres kommt hinzu: Nicht nur ist es schwer, einen Afghanen als Talib zu identifizieren. Sondern die Grenze ist ja als solche fließend. Es gibt Vollzeit- Terroristen, es gibt Freizeit- Terroristen, die in ihrem Dorf wohnen, es gibt Sympathisanten, es gibt Menschen, die mehr oder weniger gezwungen mit den Taliban kooperieren.

Die Vorstellung, eine Untersuchung könne herausfinden, wieviele der bei dem Angriff ums Leben Gekommenen "Zivilisten" waren, ist naiv.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

7. September 2009

Bombardierte Tanklastzüge, die Taliban, der deutsche Wahlkampf. Und zivile Opfer. Eine gespenstische Diskussion. Hintergründe

Es ist gespenstisch.

Seit Wochen wurde eine Aktion militanter Islamisten erwartet mit dem Ziel, den deutschen Wahlkampf zu beeinflussen. In der Nacht vom vergangenen Freitag auf Samstag sollte ein solcher Anschlag offenbar versucht werden. Das Ziel war möglicherweise das deutsche Feldlager in Kundus. Der Anschlag konnte dadurch vereitelt werden, daß die für für seine Ausführung vorgesehenen Tank- Lastzüge rechtzeitig bombardiert wurden.

Und wovon ist in der deutschen Öffentlichkeit die Rede? Nicht von den Taliban, nicht von dem verhinderten Anschlag; schon gar nicht von dem Zusammenhang mit dem deutschen Wahlkampf. Sondern fast ausschließlich von den Zivilisten, die wahrscheinlich bei der Bombardierung ums Leben gekommen sind.

Der deutsche kommandierende Offizier, Oberst Georg Klein, durch dessen Entscheidungen ein möglicher Anschlag verhindert wurde, wird nicht etwa belobigt, sondern die Staatsanwaltschaft Potsdam prüft allen Ernstes, ob gegen ihn ein Ermittlungsverfahren wegen eines Tötungsdelikts eingeleitet werden wird.



Was hat sich zugetragen?

Taliban wollten vermutlich - so schildert es jedenfalls Verteidigungsminister Jung - einen Anschlag auf das deutsche Feldlager in Kundus verüben, "mit entsetzlichen Folgen für unsere Soldaten". Dazu brachten sie zwei Tank- Lastzüge in ihre Gewalt. Sie hatten eine scheinbare Kontrollstation eingerichtet, dort die Lastzüge abgefangen und deren Fahrer geköpft.

Einzelheiten des weiteren Geschehens hat die Washington Post zu recherchieren versucht und das Ergebnis gestern publiziert. Das Wichtigste aus diesem Artikel hat gestern "Spiegel- Online" übernommen.

Heute bringt die Washington Post allerdings einen weiteren Artikel der AP-Korrespondenten Douglas Birch, Kay Johnson, Melissa Eddy und Frank Jordans, der deutlich vorsichtiger formuliert ist als der Artikel von gestern.

Nach dem, was derzeit bekannt ist, scheint der Ablauf der folgende gewesen zu sein:

Die gekaperten Tank- Lastzüge wurden aus der Luft geortet - entweder von patrouillierenden US-Jets oder von einem B-1-Bomber, den Oberst Klein angefordert hatte; da gehen die Meldungen auseinander.

Zur genaueren Beobachtung wurden zwei F-15E-Jäger eingesetzt. Bilder aus deren Videokameras wurden an das deutsche Hauptquartier gefunkt. Was genau auf diesen Bildern zu sehen war, ist umstritten. Es heißt einerseits, es seien Bewaffnete mit Panzerfäusten zu sehen gewesen; jedoch ist andererseits bisher offen, ob die Bilder scharf genug waren, um solche Details zu erkennen.

Zusätzlich zu diesen Bildern hatten die deutschen Kommandeure die Aussage eines Informanten zur Verfügung, die - so sagte Oberst Klein - bis ins Detail mit den Informationen aus den Luftaufnahmen übereinstimmten. Dieser Informant versicherte, es seien nur Taliban bei den Tank- Lastzügen, die in einem Flußbett festsaßen.

Daraufhin forderte Klein die Bombardierung an. Auf jeden der beiden Tank- Lastzüge wurde eine satellitengesteuerte 500- Pfund- Bombe abgeworfen.

Inzwischen steht fest, daß sich auch Zivilisten bei den beiden Fahrzeugen befunden hatten. Warum, ist unklar. Möglicherweise wollten einige sich Benzin verschaffen, andere waren vielleicht nur Neugierige. Es gibt Berichte, wonach die Taliban Dorfbewohner mit vorgehaltener Waffe gezwungen hatten, sich zu den Fahrzeugen zu begeben, um dabei zu helfen, sie wieder flott zu bekommen.

Die Zahl der bei dem Angriff Getöteten und Verletzten ist derzeit unbekannt. Schätzungen liegen zwischen etwas über 50 und mehr als 120. Ob unter den Getöteten Zivilisten sind und wenn ja, wieviele, ist ebenfalls bisher nicht ermittelt.

Soweit die Fakten, die für so viel Aufregung sorgen, daß selbst ein bedächtiger Mann wie Volker Rühe von einem "Desaster" spricht.

Woher kommt diese Aufgeregtheit? Der Vorfall steht in mindestens zwei allgemeineren Kontexten. Erstens geht es um die strategische Situation und die Zusammenarbeit zwischen den Verbündeten in Afghanistan, zweitens um den Wahlkampf in Deutschland.



Als sich noch unter der rotgrünen Regierung Deutschland zu einem militärischen Beitrag in Afghanistan entschloß - "aufraffte" ist vielleicht das treffendere Wort -, da geschah das unter der Illusion, dies sei kein Kampfeinsatz, sondern eine Art militärisch umrahmte Entwicklungshilfe. Man hatte sich den damals ruhigen Norden des Landes ausgesucht. Dort sollten die Soldaten Brunnen graben und Schulen errichten; allenfalls derartige Maßnahmen militärisch absichern. Ungefähr so, wie der Polizist an der Ecke dafür sorgt, daß in seinem Revier niemand Dummheiten macht.

Lange Zeit schien das auch zu funktionieren, denn die neu erstarkten Taliban konzentrierten sich zunächst auf den Süden, wo sie eher als im Norden auf Sympathie der Bevölkerung rechnen konnten. Als aber durch die Offensiven vor allem der US-Truppen die Lage im Süden für sie immer brenzliger wurde, wichen viele nach Norden aus. Und damit hatte die Bundeswehr sie auf dem Hals.

Seither ist der Einsatz der Bundeswehr allmählich zu einem Kampfeinsatz geworden; ungewollt und ohne volle Unterstützung durch die deutsche Politik. Lange Zeit war es den deutschen Soldaten verboten, überhaupt von sich aus offensiv zu werden. Es gab groteske Situationen; wie etwa die, daß man sich dem Feind sozusagen präsentierte, um ihn zum Angriff zu veranlassen und auf diesem Weg selbst die Erlaubnis zu haben, ihn zu bekämpfen.

Dieses Verhalten, für das unsere Soldaten selbst am allerwenigsten können, hat ihnen bei den anderen Truppen in Afghanistan einen schlechten Ruf eingebracht; den Ruf von, um es direkt zu sagen, Duckmäusern. In dem gestrigen Artikel der Washington Post heißt es dazu:
German troops have long been criticized for restrictions that limit the battle their troops see. A U.S. based military analyst, Anthony Cordesman, said German troops don't have "the situational and combat experience" to confront Taliban on the ground. "They're as oriented toward staying in their armored vehicles as any group I've met," Cordesman said. "They're not active enough to present much of a threat to the Taliban most of the time."

Die deutschen Truppen werden seit langem wegen Einschränkungen kritisiert, die dazu führen, daß sie nur begrenzt in Kämpfe geraten. Ein Militär- Analytiker in den USA, Anthony Cordesman, meinte, die deutschen Truppen hätten "nicht die Situations- und Kampferfahrung", um den Taliban auf dem Boden entgegenzutreten. "Sie sind so darauf ausgerichtet, in ihren gepanzerten Fahrzeugen zu verbleiben, wie ich es nur je bei einer Gruppe erlebt habe", sagte Cordesman. "Sie sind nicht aktiv genug, um in der Regel für die Taliban eine Gefahr zu sein".
Diese Spannungen zwischen den deutschen und den verbündeten Truppen sind der eine Aspekt der Situation in Afghanistan, der den jetzigen Vorfall so brisant macht. Offenbar hat man beim US-Militär den Eindruck, die Deutschen wollten selbst nicht kämpfen, würden aber schon gern US-Flugzeuge anfordern, um den Job für sie zu tun.

Der zweite Aspekt ist die Änderung der Afghanistan- Strategie, die Präsident Obama verordnet hat; siehe Präsident Obamas verwirrende Strategie für Afghanistan; ZR vom 31.3.2009. Es ist keine klare Strategie; aber sie enthält zumindest Elemente von counterinsurgency; also dem Versuch, nicht nur militärisch gegen den Aufstand vorzugehen, sondern auch die hearts and minds, das Herz und den Verstand der Bevölkerung zu gewinnen.

Dazu gehört, daß der mit der Ausführung dieser Strategie beauftragte General Stanley McChrystal strikte Richtlinien zur Vermeidung ziviler Opfer erlassen hat. Diese gelten zwar nur für den Beschuß und die Bombardierung von Gebäuden; insofern war die Bombardierung der Tank- Lastzüge kein formaler Verstoß. Aber ganz offenbar ist McChrystal doch wütend über den Vorfall; zumal die Bundeswehr nicht in der vorgeschriebenen Weise sofort durch Entsendung von Bodentruppen untersucht hat, welches die Folgen des Bombardements waren.

Aus dieser Lage in Afghanistan erklärt sich die angespannte diplomatische Situation, die zum heutigen Titel der Washington Post geführt hat: "US-German rift emerges over Afghan deaths case" - wegen der Toten in Afghanistan werde ein Riß zwischen den USA und Deutschland sichtbar.



Der zweite Kontext, in dem man den Vorfall sehen muß, sind die bevorstehenden Wahlen. Es gibt seit Monaten Hinweise darauf, daß die Kaida versuchen wird, im Vorfeld dieser Wahlen einen Anschlag zu verüben, dessen Ziel es ist, das Ergebnis zu beeinflussen. In Deutschland konnten die Sicherheitsbehörden das bisher verhindern. Die Vermutung liegt nahe, daß ein erfolgreicher Anschlag der Taliban auf das deutsche Feldlager in Kundus eine ähnliche Funktion erfüllt haben würde.

Terroristische Anschläge dienen selten dazu, den Gegner militärisch zu schwächen. In der Regel ist der Adressat die Öffentliche Meinung eines Landes, das den Terrorismus bekämpft; siehe Terrorismus als angewandte Psychologie; ZR vom 28.11.2008.

Die Kaida ist ausgezeichnet über die politische Situation in den wichtigsten Ländern Europas informiert. Mit den Anschlägen vom 11. März 2004 in Madrid gelang es ihr beispielsweise, die Wahlen in Spanien zu beeinflussen, was zum Abzug der spanischen Truppen aus dem Irak führte.

Auch jetzt könnte ein Anschlag in Deutschland oder auf deutsche Truppen in Afghanistan eine solche Wirkung haben. Zwar stehen mit Ausnahme der Kommunisten alle großen Parteien bisher zu den deutschen Verpflichtungen in Afghanistan. Aber bei der SPD und vor allem bei den Grünen gibt es Überlegungen, das alles neu zu überdenken.

Schließlich hatte man seinerzeit - siehe oben - für brunnengrabende Soldaten gestimmt, nicht für eine Truppe, die unter Kriegsbedingungen kämpfen muß. Gerhard Schröder, der weniger Rücksichten zu nehmen braucht als die aktiven Politiker der SPD, hat bereits das Thema eines Abzugs innerhalb einer festen Frist ins Spiel gebracht.

Da die Kommunisten ohnehin für einen sofortigen Abzug sind, dürfen sich die Taliban und die Kaida von einem Sieg der Volksfront am 27. September Vorteile versprechen. Ein Attentat auf deutsche Truppen mit zahlreichen Toten könnte in der Tat die Stimmung in Deutschland so beeinflussen, daß einer Volksfront- Regierung der Abzug leicht fallen dürfte; selbst wenn das bei den Verbündeten auf Widerstand stoßen würde. Die neugewählte sozialistische Regierung Spaniens hat 2004 im Irak vorgemacht, daß das geht.



Die Kommunisten jedenfalls haben schnell geschaltet und ihren Wahlkampf auf den Vorfall in Afghanistan eingestellt. Für morgen planen sie gar "Mahnwachen und Demonstrationen" gegen den deutschen Einsatz.

Ich fürchte, sie werden viele gutwillige Menschen erreichen, die zu Recht entsetzt sind, wenn Zivilisten in einem Krieg zu Schaden kommen.

Das ist eine sympathische menschliche Reaktion; aber sie sollte nicht handlungsleitend sein.

Es gibt keinen Krieg, in dem nicht auch Zivilisten zu Schaden kommen. So bedauerlich das ist, es ist nun einmal so. Daß immerhin versucht wird, zivile Opfer so weit wie möglich zu vermeiden, ist eine zivilisatorische Errungenschaft der Gegenwart; bisher im wesentlichen beschränkt auf die USA und Europa. Der Normalfall ist leider noch immer, daß gezielt Krieg gegen Zivilisten geführt wird; der Krieg der Kaida ist nahezu ausschließlich ein Krieg gegen Zivilisten.

Ob der Oberst Georg Klein nach den Informationen, die er hatte, davon ausgehen konnte, daß der angeforderte Angriff keine Zivilisten treffen würde, das wird die Untersuchung ergeben. Falls Zivilisten zu Tode kamen, sollte Deutschland den Angehörigen in aller Form sein Bedauern aussprechen und ihnen vor allem, wie das in Afghanistan erwartet wird, eine großzügige Entschädigung zahlen. Unsere Politik aber darf ein solcher Vorfall nicht beeinflussen.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Taliban im Süden Afghanistans, aufgenommen im Dezember 2006. Als Werk der US-Regierung (Voice of America) in der Public Domain (Ausschnitt).

24. August 2009

Zitat des Tages: "Es ist zu leicht für Chávez, Obama in die Defensive zu drängen"

It's too easy for the Venezuelan caudillo to put the Obama administration on the defensive.

In the course of the past month, Venezuelan President Hugo Chávez has been exposed as a supplier of advanced weapons to a terrorist group that seeks to overthrow Colombia's democratic government. In his own country, he has shut down 32 independent radio stations. His rubber- stamp National Assembly has passed laws to gerrymander districts in next year's parliamentary elections and eliminate the autonomy of universities. (...)

... the [Obama] administration [has not] tried to call attention to the genuine and serious hostile actions that Mr. Chávez has taken against his neighbors and the democratic opposition in his own country. Those should rightfully be the subject of urgent inter-American consultations. That they are not shows how far the administration is from mounting effective Latin American diplomacy.



(Es ist zu leicht für den venezolanischen Führer, die Regierung Obama in die Defensive zu drängen.

Im Lauf des letzten Monats wurde der venezolanische Präsident Hugo Chávez als Lieferant modernster Waffen an eine Terroristengruppe entlarvt, deren Ziel der Sturz der demokratischen Regierung Kolumbiens ist. In seinem eigenen Land hat er 32 unabhängige Radiostationen geschlossen. Seine Jasager- Nationalversammlung hat Gesetze verabschiedet, die eine Manipulation der Wahlkreise bei den Parlamentswahlen im nächsten Jahr erlauben und welche die Autonomie der Hochschulen beseitigen. (...)

... die Regierung [Obama hat nicht] den Versuch unternommen, die Aufmerksamkeit auf diese realen und schwerwiegenden feindlichen Akte zu lenken, die Chávez gegen seine Nachbarn und gegen die demokratische Opposition im eigenen Land unternimmt. Von Rechts wegen sollten sie der Gegenstand von inter- amerikanischer Konsultationen sein. Daß sie es nicht sind, zeigt, wie weit die Regierung davon entfernt ist, eine effektive Lateinamerika- Politik zu aufzubauen.)

Die heutige Washington Post unter der Überschrift "Advantage Mr. Chávez" (Vorteil Chávez) in einem Editorial, also einem nicht namentlich gezeichneten Kommentar, der die Meinung der gesamten Redaktion ausdrückt.


Kommentar: Die Washington Post ist keineswegs gegen Obama eingestellt. Er war im letzten Jahr ihre Wahlempfehlung. Aber auch diese Obama- freundliche Zeitung geht zumindest in der Außenpolitik zunehmend auf Distanz zum Präsidenten.

Kein Wunder. Sieben Monate nach seinem Amtsantritt hat Obama außer der Verbreitung von Goodwill keinen einzigen außenpolitischen Erfolg vorzuweisen. Die vollmundig in Aussicht gestelle Friedenslösung im Nahen Osten ist keinen Schritt vorangekommen. In Afghanistan sind die Taliban auf dem Vormarsch. An der Raketen- und Atomrüstung Koreas und des Iran hat sich nichts geändert; und es gibt keine Anzeichen für eine Änderung. In Osteuropa festigt Rußland weiter seine Position.

Das einzige bisherige Ergebnis von Obamas "Politik der ausgestreckten Hand" ist, daß die Gegner von Freiheit und Demokratie ihre Ziele ungehemmter verfolgen als zur Zeit von Präsident Bush.

Und eine Lateinamerika- Politik dieses Präsidenen ist faktisch nicht existent. Auch hier präsentiert er nichts als Goodwill; einen Goodwill mit teilweise peinlichen Zügen (siehe ... die Politik der "ausgestreckten Hand" zeigt ihre Wirkungen; ZR vom 22.5.2009). Obama läßt Chávez die Demokratie in Venezuela Schritt für Schritt abwürgen und schweigt dazu. Zunehmend hat man den Eindruck, daß er die traditionelle Führungsrolle der USA in der "Organisation amerikanischer Staaten" (OAS) bereitwillig an Chávez abtritt.

Symptomatisch dafür ist, daß die OAS sich zu Chávez' Treiben bisher mit keinem Wort der Kritik geäußert hat, daß sie aber - auch das kann man dem Editorial der Washington Post entnehmen - noch für für diesen Monat zu einem anderen Thema einen dringlichen Gipfel der Führer Lateinamerikas nach Argentinien einberufen hat.

Dieses Thema, dessentwegen die Spitzen Lateinamerikas eilig zusammenkommen, ist die kürzliche Vereinbarung zwischen Kolumbien und den USA, wonach US-Truppen einige kolumbianische Stützpunkte nutzen dürfen, um die kolumbianischen Streitkräfte beim Kampf gegen die Drogenmafia und die FARC zu unterstützen; also jene Terroristen, die dadurch weltweit bekannt wurden, daß sie sechs Jahre lang Ingrid Betancourt in ihrer Gewalt gehabt hatten.

Soll man sich über diese Parteinahme der OAS wundern? Nein. In Lateinamerika sinkt unter Obama der Stern der USA, und der von Chávez strahlt schon dadurch immer heller. Daran orientiert man sich, wie auch anders.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

16. Juli 2009

Marginalie: Noch einmal "Ermordung von Kaida-Kämpfern durch die CIA". Stratfor über die Vorgeschichte und die Hintergründe

Anfang der Woche ging eine Meldung durch die Presse, die "Spiegel- Online" so zusammenfaßte:
Wut im US-Kongress: Die Regierung Bush hat dem Parlament jahrelang ein Programm zur Gefangennahme und gezielten Tötung von al- Qaida- Mitgliedern verheimlicht. Obamas Justizminister ließ es sofort stoppen - jetzt gibt es Rufe, vor allem die Rolle von Ex- Vizepräsident Cheney in der Affäre aufzuklären.
Ich habe auf den Artikel damals nur in einer kleinen Glosse hingewiesen, die sich darauf bezog, daß in der Überschrift des Artikels Terroristen als "Kämpfer" und das Töten von Feinden in einem Krieg als "Ermorden" bezeichnet wurde.

Jetzt gibt es einen Anlaß, noch einmal auf das Thema zurückzukommen: Gestern ist im Nachrichtendienst Stratfor ein Artikel von Scott Stewart und Fred Burton erschienen, der die Vorgeschichte und die Hintergründe der Affäre analysiert und der zu einer ganz anderen Beurteilung kommt. Im folgenden stütze ich mich hauptsächlich auf diesen Artikel.



"Spiegel- Online" macht wieder einmal die Regierung Bush verantwortlich und erweckt den Eindruck, die Regierung Obama betreibe eine ganz andere Politik. Beides ist falsch.

Das gezielte Töten von Anführern der Kaida gehörte schon vor der Regierung Bush zur amerikanischen Politik. Begonnen hat damit die Regierung Clinton nach den Anschlägen auf amerikanische Ziele in Afrika im Jahr 1998. Allerdings war Clinton sich der politischen und juristischen Risiken bewußt; die Washington Post schilderte am 22. Februar 2004 das Hin und Her in der Regierung Clinton um die Formulierung des Auftrags, Bin Laden gezielt zu töten.

Nach dem Anschlag von 9/11 weitete die Regierung Bush dieses Programm aus, in dem sie durch Verfügung des Präsidenten auch das Töten von Anführern der Kaida außerhalb von Afghanistan erlaubte. Auch darüber wurde ausführlich in der Presse berichtet, zum Beispiel in der New York Times vom 15. Dezember 2002.

Auch unter Präsident Obama wurde dieses Programm unverändert fortgesetzt. Bereits im Wahlkampf 2008 hatte Obama gesagt, daß er dafür sei, Osama bin Laden gezielt zu töten.

Im laufenden Jahr hat es unter Obamas Präsidentschaft bisher allein in Pakistan mehr als zwei Dutzend solche Anschläge auf Führer der Kaida gegeben. Auch das ist keineswegs geheim, wie z.B. dieser Bericht der New York Times vom 16. Mai 2009 zeigt.

Fazit der Autoren:
This means that, regardless of who is in the White House, it is U.S. policy to go after individual al Qaeda members as well as the al Qaeda organization.

Das bedeutet, daß es unabhängig davon, wer im Weißen Haus ist, die Politik der USA ist, auf einzelne Mitglieder der Kaida ebenso Jagd zu machen wie auf die Organisation El Kaida.


Alles bekannt, alles in den Zeitungen gewesen. Wie also konnte der Kongreß nichts davon wissen? Nun, es geht in der jetzigen Debatte nicht um dieses Programm überhaupt, sondern um ein kleines Unterprogramm, von dem unklar ist, ob es überhaupt jemals in die Tat umgesetzt wurde.

Die der Öffentlicheit und natürlich auch dem Kongreß bekannten Anschläge wurden und werden aus der Luft durchgeführt. Es werden unbemannte Flugkörper (unmanned aerial vehicles, UAVs; auch Drohnen genannt) wie die MQ-1 Predator und die größere MQ-9 Reaper eingesetzt, aber auch Flugzeuge wie die AC-130, aus denen gezielt auf Führer der Kaida geschossen wird; wie beispielsweise im Mai 2008 in Somalia.

Die Besonderheit des Programms, das jetzt ins Feuer der Kritik geraten ist, besteht darin, daß Führer der Kaida auch durch Spezialkommandos, die am Boden operieren, getötet werden sollten. Solche Operationen sind außerordentlich risikoreich; für die beteiligten Soldaten, aber auch für die Regierung, die mit diplomatischen Verwicklungen rechnen muß, falls ein solcher Anschlag bekannt wird.

Es ist deshalb fraglich, ob es solche Einsätze überhaupt tatsächlich gegeben hat. Woher also die jetzige Aufregung?

Schon in dem Artikel, mit dem diese aktuelle Diskussion begann, wies das Wall Street Journal darauf hin, daß es seit langem eine Auseinandersetzung zwischen dem Kongreß und der Regierung über die Kontrolle des CIA gibt. Dazu gehört, daß der Kongreß auf sein Recht pocht, über alle Programme des CIA informiert zu werden; in Form von Mitteilungen an die zuständigen Ausschüsse.

Am 23. Juni nun erfuhr der Leiter des CIA, Leon Panetta - von Obama Anfang des Jahres in dieses Amt berufen - davon, daß dieses spezielle Programm, auch Spezialeinheiten für die Jagd auf führende Terroristen einzusetzen, dem Kongreß nicht mitgeteilt worden war. Panetta stoppte das Programm sofort und veranlaßte eine Sondersitzung des zuständigen Ausschusses, in dem er den Kongreß bereits am 24. Juni über den Sachverhalt in Kenntnis setzte.

Warum war der Kongreß nicht informiert worden? Die Stratfor- Autoren weisen darauf hin, daß solche Aktionen nur dann erfolgreich sein können, wenn sie unter äußerster Geheimhaltung stattfinden. Selbst im CIA war das Programm deshalb nur wenigen Eingeweihten bekannt.

Beim Kongreß hat es immer wieder undichte Stellen gegeben; geheime Informationen wurden Medien zugespielt. Es gab sogar einen offiziellen Bericht über solche Vorfälle.

Er war geheim - und wurde den Medien zugespielt.



Leon Panetta hingegen hat sich dafür entschieden, die Sache nicht intern zu bereinigen, sondern an die Große Glocke zu hängen. Eine für einen Geheimdienstmann etwas ungewöhnliche Entscheidung.

Nur ist Leon Panetta alles andere als ein Geheimdienstmann. Bevor ihn Präsident Obama in dieses Amt berief, war er in den Bereichen Bürgerrechte, Finanzpolitik und Umwelt engagiert. Mit Geheimdiensten hat er vor seiner Berufung zum obersten Geheimdienstler nie etwas zu tun gehabt.



Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Auslaender.

25. Juni 2009

Zettels Meckerecke: Solarstrom aus der Sahara? Und schon sind die Ideologen am Werk

Warum soll man nicht in der Sahara Solarstrom erzeugen, der dann über Hochspannungsleitungen nach Europa gelangt?

Wenn es technisch realisierbar ist, wenn es sich kaufmännisch rechnet, ist dagegen so wenig einzuwenden wie gegen den Bau neuer Atomkraftwerke. Wie man Energie erzeugt, ist schließlich eine technische und eine wirtschaftliche Frage.

Ach nein, das ist sie nicht. Sondern in dieser zunehmend durchideologisierten Gesellschaft, in der wir leben, ist es eine Frage von Gut und Böse. Atomenergie ist böse, Solarenergie ist gut.

Also wird nicht sachlich das Für und Wider abgewogen, sondern die grünen Ideologen begeben sich, sobald eine solche Frage auftaucht, sofort in ihre Schützengräben, aus denen sie ihre Salven gegen jeden abfeuern, der sachlich zu diskutieren versucht.



Zu besichtigen an einem Interview zur Solarenergie aus der Sahara, das heute in "Spiegel- Online" erschienen ist. Unter Verantwortung des Ressorts Wirtschaft; aber wirtschaftliche Erwägungen kommen überhaupt nicht vor. Ob sich das Projekt rechnet, interessiert weder den anonymen Interviewer noch seinen Interviewpartner.

Diesen freilich braucht es auch nicht zu interessieren. Wolfram Lacher ist nämlich kein Ökonom, sondern "Analyst beim internationalen Beratungsunternehmen Control Risks". Er wurde interviewt, um Auskunft geben, wie sicher eine solche Stromversorgung aus der Sahara wäre.

Wägt er das Für und Wider ab, äußert er sich differenziert? Nein. Er reiht die Argumente aneinander, die für eine hohe Sicherheit sprechen. Das Interview will augenscheinlich gar nicht informieren, sondern es ist eines der Geschütze, mit denen aus den grünen Schützengräben gefeuert wird.

Schon der Vorspann macht das klar:
Lobbyisten behaupten, die Wüste sei terrorgefährdet. Unsinn, sagt Nordafrika- Experte Wolfram Lacher.
Auf der einen Seite finstere "Lobbyisten", die etwas "behaupten". Auf der anderen Seite ein "Experte", der "sagt", wie es ist.

Nun spricht er in dem Interview keineswegs von "Unsinn". Das hat sich der "Spiegel- Online"- Redakteur ausgedacht. Sondern er sagt, er halte die Gefahr terroristischer Anschläge "für nicht wahrscheinlich". Und: "Ich halte das Projekt Sahara- Sonne für ziemlich terrorresistent".

Ziemlich. Daraus bastelt die Redaktion von "Spiegel- Online" die Überschrift "'Die Sahara-Sonne ist terrorresistent'".

Ja, die Sonne freilich schon. Ob auch eine solche Anlage, ob auch die Hochspannungs- Leitungen, weiß niemand. Auch nicht der Experte Lacher, der das ja auch nicht behauptet. Man hat ihn zu einem Interview gebeten, in dem er offensichtlich vortragen sollte, was alles zugunsten einer sicherheitspolitischen Unbedenklichkeit gesagt werden kann. Das hat er getan.

Einseitig genug. Aber was dann die Redaktion daraus gemacht hat - "Unsinn", "Die Sahara-Sonne ist terrorresistent" - , das dürfte er wohl nicht erwartet haben.

Es gilt halt, aus den Schützengräben zu feuern. Es gilt, die öffentliche Meinung im Sinn der grünen Ideologen zu beeinflussen. Darin war "Spiegel- Online" schon immer sehr gut.



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27. Mai 2009

Zitat des Tages: Mehrheiten, Minderheiten. Terroristen, Tamilen

It can also be important to bear in mind, as in Sri Lanka became crucial, that majorities have rights, too.

(Es kann auch wichtig sein, sich - in Sri Lanka wurde das der kritische Punkt - vor Augen zu halten, daß auch Mehrheiten Rechte haben.)

Christopher Hitchens im Internetmagazin Slate zum Sieg der Regierung von Sri Lanka über die Tamilen- Tiger.

Kommentar: Hitchens macht auf einige an sich triviale Sachverhalte aufmerksam, die aber oft nicht im allgemeinen Bewußtsein sind:
  • In Bürgerkriegen haben nicht unbedingt diejenigen das Recht auf ihrer Seite, die in der Minderheit sind.

  • Der Kampf solcher Minderheiten um ihre Unabhängigkeit ist auch nicht unbedingt moralisch akzeptabel. Die Tamilen- Tiger setzten Kinder- Soldaten und Selbstmord- Attentäter ein. Sie steckten, so Hitchens, auch hinter dem Mord an dem indischen Premier Rajiv Gandhi im Jahr 1991. In ihrem Herrschaftsbereich herrschten die Verhältnisse einer Diktatur.

  • Oft spielen Gelder aus dem Ausland eine entscheidende Rolle für den Terrorismus; hier Zahlungen der vielen und oft wohlhabenden Tamilen, die in Europa, Nordamerika und Ländern des britischen Commonwealth leben.

  • Wenn sie hinreichend erfolgreich sind, dann müssen Guerrilleros irgendwann dazu übergehen, einen dauerhaften Herrschaftsbereich einzurichten, den sie auch mit einer regulären Armee verteidigen müssen. Damit kann ihnen auch, wie jetzt den Tamilen- Tigern, eine reguläre militärische Niederlage bereitet werden.

  • Der auf der Linken verbreitete Glaube, daß solche Befreiungs- Bewegungen "die Geschichte auf ihrer Seite" haben, stimmt schlicht nicht. Aufstände lassen sich niederschlagen.
  • Hier sieht Hitchens eine Lehre, die man für den Irak aus der Niederlage der Tamilen- Tiger ziehen kann.

    Christopher Hitchens ist ein britischer Journalist, der lange Zeit eher auf der Linken stand, der inzwischen aber liberal- konservative Ansichten entwickelt hat. Ich habe ihn in diesem Artikel als einen derer zitiert, die Michael Moores Manipulationen entlarvt haben.



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    26. Mai 2009

    Marginalie: Guantánamo wird geschlossen. Wohin kommen jetzt eigentlich gefangene Terroristen? Nebst einer Erinnerung an den Höhepunkt des Irakkriegs

    Auf dem Höhepunkt der Gewalt im Irak, im Januar 2007, als im Irak der Bürgerkrieg drohte, brachte der Senator Barack Obama im US-Senat einen Gesetzesentwurf ein, der zu den unverantworlichsten in der amerikanischen Geschichte gehört.

    Dieser Iraq War De-Escalation Act, den ich in diesem Artikel im Detail analysiert habe, sah vor, daß die USA den vollständigen, einseitigen und bedingungslosen Abzug ihrer Truppen verkünden sollten. Beginn 1. Mai 2007. Vollständiger Abzug aller Kampftruppen bis zum 31. März 2008.

    Es gibt keinen vernünftigen Zweifel daran, daß dieses Gesetz, hätte es der US-Senat gebilligt und wäre ihm der Präsident gefolgt, nicht nur eine schmähliche Niederlage der USA bedeutet hätte, sondern auch den Bürgerkrieg im Irak und die Errichtung einer Herrschaft der Kaida über die Provinz Anbar; mit Ausbildungslagern für Terroristen, wie sie einst in Afghanistan bestanden.

    Dem Senator Obama waren diese Folgen natürlich bekannt. Was ihn veranlaßte, dennoch den Iraq War De-Escalation Act einzubringen, kann man nur vermuten.

    Es ging damals eine Anti- Kriegsstimmung durchs Land, Obama war noch ein weithin unbekannter Senator. Die Vermutung liegt nahe, daß er sich an die Spitze der Bewegung für den Abzug aus dem Irak setzen und damit nationale Bekanntheit erlangen wollte. Die militärischen, die außenpolitischen Folgen seines Gesetzes erschienen ihm offenbar gegenüber diesem Karriereziel weniger bedeutsam.

    Aus dem Gesetz ist damals zum Glück nichts geworden; es blieb schon im Auswärtigen Ausschuß des Senats hängen. Aus dem Senator Barack Obama ist bekanntlich etwas geworden.



    Ich erinnere an diesen Vorgang, weil sich jetzt in Bezug auf Guantánamo etwas Ähnliches abspielt, wenn auch von ungleich geringeren Dimensionen. Nur ist Obama jetzt in einer Position, in der er nicht nur ein Gesetz vorschlagen, sondern in der er Entscheidungen treffen kann.

    Eine solche Entscheidung war der Beschluß zur Schließung des Gefangenenlagers in Guantánamo. Wie der Iraq War De-Escalation Act war es eine populäre Entscheidung, als Obama sie verkündet hat. Wie dieser Gesetzentwurf war es eine Entscheidung, die offenbar ohne Rücksicht auf die Folgen getroffen wurde.

    Daß die USA sich damit das Problem einhandeln würden, wo man denn die Gefangenen aus Guantánamo hinbringen soll, war von vornherein klar; ich habe im November 2008 darüber berichtet. Sie einfach zu entlassen, ist ein schöner, friedfertiger Gedanke. Nur findet man dann nicht wenige der Entlassenen als Terroristen wieder.

    Aber es gibt noch ein viel gravierenderes Problem; darüber haben am vergangenen Wochenende Eric Schmitt und Mark Mazzetti in der New York Times berichtet: Es geht ja nicht nur um die Unterbringung der bisherigen Gefangenen. Es geht auch darum, was man mit neuen Gefangenen macht, die bisher nach Guantánamo kamen. Mit solchen, die im Gefecht gefangen genommen wurden; vor allem aber auch mit Terroristen, denen die Geheimdienste nachspürten und deren Festnahme gelang.

    Unter Präsident Bush kamen sie überwiegend nach Guantánamo. Und jetzt? Die Antwort ist einigermaßen ernüchternd, vermutlich selbst für einen Fan des Präsidenten Obama: Man überläßt sie einfach ausländischen Geheimdiensten; diese sollen sie festhalten, sie verhören, sich halt um sie kümmern.

    Teilweise hatten die USA auch schon gegen Ende der Amtszeit von Präsident Bush mit dieser Praktik begonnen; aber unter Obama ist sie nun derart zum Standard geworden, daß seit dessen Amtsantritt kein einziger Verantwortlicher der Kaida mehr in die USA verbracht worden ist.

    Gejagt und gefangen werden sie wie eh und je. In den vergangenen zehn Monaten wurden beispielsweise nach Informationen der NYT ungefähr ein halbes Dutzend Verantwortliche der Kaida im Nahen Osten gefangen genommen. Sie werden jetzt von den Geheimdiensten von vier Ländern dieser Region festgehalten. In diesem Jahr gelang Pakistan die Gefangennahme von zwei Kaida- Anführern; einem aus Saudi- Arabien und einem Jemeniten. Unter Präsident Bush wären sie nach Guantánamo überstellt worden; jetzt bleiben sie in der Obhut des pakistanischen Geheimdienstes.

    Das also ist der Fortschritt in Sachen Menschenrechte, den Präsident Obama mit der Schließung von Guantánamo zu verantworten hat: Gefangene Terroristen werden jetzt von Geheimdiensten festgehalten, deren Verhältnis zu den Menschenrechten etwas bedenklicher sein dürfte als das, was der Regierung Bush angelastet wurde.



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    22. Mai 2009

    Marginalie: Der Fall Kurras - muß die "Geschichte jetzt neu geschrieben" werden?

    Der Mann, der am 2. Juni 1967 Benno Ohnesorg erschoß, war also ein Mitarbeiter des MfS. Kein kleiner Spitzel, sondern offenbar eine wichtige Quelle; heute trat im ZDF- Morgenmagazin jemand auf, der ihn gar mit dem Meisterspion Topas verglich.

    Der Tod Benno Ohnesorgs trug, wie man weiß, entscheidend dazu bei, daß sich die Studentenbewegung radikalisierte und schließlich in Teilen in den blanken Terrorismus abglitt. Muß also jetzt die Geschichte neu geschrieben werden?

    Ich sehe das, was den Polizisten Kurras angeht, vorläufig nicht.

    Daß er im Auftrag des MfS auf einen Demonstranten schoß, ist möglich, aber es dürfte nicht nachzuweisen oder zu widerlegen sein. Sollte es dazu Aktennotizen gegeben haben, dann dürften sie vernichtet sein. Ein derart brisanter Befehl hätte aber auch mündlich gegeben werden können. Wenn nicht ein sehr großer Zufall zur Hilfe kommt - oder wenn Kurras, der ja noch lebt, nicht am Ende selbst gesprächig wird -, dürfte dieser Punkt wohl ungeklärt bleiben.



    Aber in einer anderen Hinsicht könnte die überraschende Wende des Falls Kurras vielleicht doch zu einem neuen Blick auf den deutschen Terrorismus der siebziger Jahre führen.

    Damals waren die Meisten - war auch ich - überzeugt, daß die "Rote Armee Fraktion", daß die "Bewegung 2. Juni" und sonstige deutsche Terroristen nichts mit der DDR zu tun hatten. Nichts ist doch, so dachten wir, den dortigen bürokratischen Sozialisten mehr zuwider als Herumballerei und Bombenlegen.

    Wir haben uns damals geirrt. Die DDR sah sehr wohl das Potential des Terrorismus für eine Destabilisierung der Bundesrepublik. Natürlich schätzte man es nicht, wie diese Terroristen ohne Auftrag der Partei der Arbeiterklasse sozusagen privat die Diktatur des Proletariats herbeizuschießen versuchten; gewiß hielt man auch ihre Theorien für naiv. Aber als nützliche Idioten wurden sie offenbar durchaus geschätzt.

    Also hat man sie auf vielfältige Weise gefördert - von Schleusungen über den Flughafen Schönefeld bis hin zum Ruhenstand unter falschem Namen, den man verdienten Terroristen wie Inge Viett ermöglichte.

    Aber die Unterstützung ging noch weiter: Anfang der achtziger Jahre durften Terroristen wie Christian Klar und Adelheid Schulz die DDR regelrecht als Ruhe- und Trainingsraum benutzen. Sie wurden, wie ein damals Verantwortlicher (Walter Lindner, MfS-Abteilung XXII) sagte, für den weiteren Kampf "aufgepäppelt", absolvierten Schießübungen usw. Ein beliebter Aufenthaltsort für die ruhebdürftigen Kämpfer war das Stasi-"Objekt 74", das "Forsthaus an der Flut" in Briesen, idyllisch an der Spree östlich von Berlin gelegen.

    Des weiteren wurden die Terroristen über die MfS-Residentur im Jemen mit für sie nützlichen geheimdienstlichen Informationen versorgt, zum Beispiel über bevorstehende Razzien.

    Daß die DDR ihr gerütteltes Maß an Schuld an den Morden der RAF trägt, ist immer noch wenig in der Öffentlichkeit bekannt. Wenn der Fall Kurras jetzt den Anlaß gibt, daß dieser Aspekt der DDR aufgearbeitet wird, dann wird die Gechichte wenn auch nicht neu geschrieben, so doch vielleicht der Öffentlichkeit besser vermittelt werden.



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    31. März 2009

    Zitat des Tages: Präsident Obamas verwirrende Strategie für Afghanistan. Nebst einem jiddischen Witz

    If you're confused about President Barack Obama's "comprehensive strategy" for Afghanistan and Pakistan, ... don't feel dense. I'm confused, too, and so are several military experts I've been talking with.

    (Wenn Präsident Obamas "umfassende Strategie" für Afghanistan und Pakistan ... Sie verwirrt, machen Sie sich nichts daraus. Auch ich bin verwirrt, und etlichen Militär- Experten, mit denen ich gesprochen habe, geht es nicht anders).

    Fred Kaplan im Slate Magazine zu der Rede des US-Präsidenten am vergangenen Freitag, in der er seine Politik gegenüber Afghanistan und Pakistan erläuterte.

    Kommentar: Auf dem bevorstehenden G-20-Gipfel wird es zwar vorrangig um die wirtschaftliche Krise gehen, aber auch Afghanistan wird ein zentrales Thema sein. Es ist also nicht nur für die Amerikaner interessant, wie sich der Präsident das künftige Vorgehen in dieser Region vorstellt.

    Sie können die Rede Obamas hier nachlesen.

    Wie man es von ihm kennt, spart er nicht mit vollmundigen Ankündigungen. Eine "comprehensive, new strategy for Afghanistan and Pakistan" kündigt er an, eine umfassende, neue Strategie. Diese sei "the conclusion of a careful policy review", der Abschluß einer sorgfältigen Überprüfung der Politik gegenüber diesen Ländern. Er werde, sagte Obama zu Beginn, "speak clearly and candidly to the American people", klar und freimütig zum amerikanischen Volk sprechen.

    Klingt gut. Reden kann er eben, der Obama. Oder er hat vielmehr Schreiber unter Vertrag, die seinen pomphaften Stil beherrschen.

    Und was hat er nun angekündigt, der Präsident? Eine "consensus policy that has something to please almost everybody", schreibt Kaplan. Eine Konsenspolitik, die für jeden etwas hat, das ihm gefällt. Wir kennen das von dem Wahlkämpfer Obama.



    Worum geht es? Die USA stehen vor der Wahl zwischen zwei Strategien, die beide seit langem ihre Verfechter haben: Einer Strategie der Aufstandsbekämpfung (counterinsurgency, abgekürzt COIN) und einer Strategie der Terrorbekämpfung (counterterrorism, CT).

    Vom Wort her hört sich das ähnlich an; aber es handelt sich um sehr verschiedene Strategien.

    Anhänger von COIN (manchmal die COIN-dinistas genannt) vertreten die Meinung, daß man einen Aufstand nicht primär mit militärischen Mitteln bekämpfen kann. Zentral sei es, die Loyalität der Bevölkerung zu gewinnen, diese gegen die Aufständischen zu schützen, eine Infrastruktur zu schaffen, die der Bevölkerung hilft. Nur so ließe sich ein Aufstand "austrocknen".

    Natürlich halten auch die COIN-dinistas die militärische Bekämpfung der Aufständischen für erforderlich, aber nur als eine der Maßnahmen innerhalb einer solchen umfassenderen Strategie. Belasse man es beim militärischen Kampf, dann - so diese Denkrichtung - hätte die Bevölkerung nur unter der Anwesenheit der fremden Truppen zu leiden und werde in die Arme der Aufständischen getrieben.

    Die Anhänger von CT leugnen nicht, daß COIN schön wäre. Sie bezweifeln aber, daß es in Afghanistan machbar ist. Dazu fehle es an Geld, an Truppen und auch an Zeit. Sie sehen es als das einzige Ziel an, die Kaida militärisch zu besiegen. Damit sei der Sicherheit der USA Genüge getan.



    Wofür hat sich Präsident Obama am vergangenen Freitag entschieden? Für beides. Oder für keines. Oder für irgend etwas dazwischen. Man weiß es nicht, würde Dittsche sagen.

    Einerseits nämlich soll offenbar eine CT-Strategie verfolgt werden. Aus der Rede:
    As President, my greatest responsibility is to protect the American people. We are not in Afghanistan to control that country or to dictate its future. We are in Afghanistan to confront a common enemy that threatens the United States, our friends and our allies, and the people of Afghanistan and Pakistan who have suffered the most at the hands of violent extremists.

    So I want the American people to understand that we have a clear and focused goal: to disrupt, dismantle and defeat al Qaeda in Pakistan and Afghanistan, and to prevent their return to either country in the future. That's the goal that must be achieved.

    Meine größte Verantwortung als Präsident ist es, das amerikanische Volk zu schützen. Wir sind nicht in Afghanistan, um das Land zu kontrollieren oder seine Zukunft zu diktieren. Wir sind in Afghanistan, um einem gemeinsamen Feind entgegenzutreten, der die Vereinigten Staaten, unsere Freunde und Alliierten und die Völker Afghanistans und Pakistans bedroht, die am meisten unter den Aktionen gewalttätiger Extremisten leiden.

    Somit möchte ich dem amerikanischen Volk deutlich machen, daß wir ein klares und scharf ausgerichtetes Ziel haben: Die Kaida in Pakistan und Afghanistan zu zerstören, zu zerschlagen und zu besiegen und damit zu verhindern, daß sie in Zukunft in eines dieser Länder zurückkehrt. Das ist das Ziel, das erreicht werden muß.
    Eine lupenreine CT-Strategie also. Nichts von Demokratisierung des Landes, vom Aufbau einer Infrastruktur. Obama beschreibt hier genau das, was einer der Anführer der CT-Fraktion, Vizepräsident Biden, fordert.

    Nur hat der Präsident offenbar nicht nur auf diesen gehört, sondern gleich auch noch auf seine Widersacher, die COIN-dinistas. Später in der Rede sagte er nämlich das genaue Gegenteil. Kaplan faßt diese Passage so zusammen:
    But lest you think Obama has opted for the minimalist, CT approach, listen to what else he said in his speech: "To succeed, we and our friends and allies must ... promote a more capable and accountable Afghan government." This will require "a dramatic increase in our civilian effort," and he called for sending the Afghans "agricultural specialists and educators, engineers and lawyers." He also said we must compel the Afghan government to reduce the "corruption that causes Afghans to lose faith in their own leaders."

    Aber wenn Sie jetzt denken, Obama hätte sich für die den minimalistischen CT-Ansatz entschieden, dann hören Sie sich einmal an, was er er in seine Reder auch noch sagte: "Um erfolgreich zu sein, müssen wir und unsere Freunde und Alliierten ... daran arbeiten, daß es in Afghanistan eine fähigere und verantwortungsvollere Regierung gibt". Dies werde "einen dramatischen Anstieg unserer zivilen Anstrengungen" erfordern, und er rief dazu auf, den Afghanen "Experten für Landwirtschaft und Lehrer, Ingenieure und Juristen" zu schicken. Er erklärte auch, daß wir die afghanische Regierung zwingen müßten, die "Korruption (einzudämmen), deretwegen die Afghanen den Glauben an ihre eigenen Führer verlieren".
    Das nun allerdings ist lupenreine COIN-Politik.

    Was also? Kaplan faßt es kurz zuammen: "Well, it's not clear what he'll do" - es sei halt unklar, was Obama tun werde.

    Das ist die Essenz der "klaren und freimütigen" Rede an das amerikanische Volk. Was Obama auf dem G-20-Gipfel auf dieser Grundlage von den Allierten, vor allem auch von uns Deutschen fordern wird - darauf darf man gespannt sein.

    Vor allem darauf, ob er doch noch verrät, was er nun eigentlich will.



    Einer meiner Lieblingswitze (Sigmund Freud hat ihn erzählt): Zwei Männer liegen im Streit. Sie gehen zum Rebbe, damit dieser entscheide. Der erste trägt seine Sache vor. Der Rebbe klärt und sagt dann: Du hast Recht. Dann tritt der zweite vor und schildert seine Sicht des Streits. Wieder denkt der Rebbe nach und sagt dann: Du hast Recht. Darauf wirft ein Dritter ein: Aber Rebbe, du kannst doch nicht Beiden Recht geben. Darauf der Rebbe: Du hast Recht.



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    21. Februar 2009

    Zitat des Tages: "Amnesty International ist schockiert und äußerst enttäuscht". Die Regierung Obama und die Menschenrechte

    "Amnesty International is shocked and extremely disappointed by U.S. Secretary Clinton's comments that human rights will not be a priority in her diplomatic engagement with China.

    The United States is one of the only countries that can meaningfully stand up to China on human rights issues. But by commenting that human rights will not interfere with other priorities, Secretary Clinton damages future U.S. initiatives to protect those rights in China.


    (Amnesty International ist schockiert und äußerst enttäuscht von den Erläuterungen der amerikanischen Ministerin Clinton, daß bei ihrem diplomatischen Einsatz gegenüber China die Menschenrechte nicht vorrangig sein werden.

    Die Vereinigten Staaten gehören zu den einzigen Ländern, die in Bezug auf die Menschenrechte China entgegentreten können. Mit ihrer Erläuterung, daß die Menschenrechte andere Prioritäten nicht beeinträchtigen würden, fügt die Ministerin Clinton künftigen US- Initiativen, diese Rechte in China zu schützen, Schaden zu.)

    T. Kumar, in der amerikanischen Organisation von Amnesty International zuständig für Asien und den Pazifik, in einer von Amnesty International USA verbreiteten Erklärung.


    Kommentar: Dazu schreibt heute der Pekinger Korrespondent der FAZ, Till Fähnders:
    In China wurden die Aussagen der Außenministerin als neuer Ton in den bilateralen Beziehungen und als Hinweis auf eine pragmatischere Haltung Amerikas gewertet. Nach Berichten von Menschenrechtlern hatten Polizeikräfte mehrere chinesische Dissidenten für die Dauer des Besuches unter Hausarrest gestellt.
    Und in der Erklärung von Amnesty International USA wird darauf hingewiesen, daß die Verfolgungen von Tibetern, Uiguren und von religiösen Gruppen wie der Falun Gong in großem Umfang weitergehen; daß es Tausende politische Gefangene gibt, daß manche davon hingerichtet werden. Eine halbe Million Menschen seien derzeit in Arbeitslagern. Frauen würden weiter zur Abtreibung und zur Sterilisation gezwungen.



    Es ist schon beklemmend: Hillary Clinton und ihr jetziger Chef Obama haben sich im Wahlkampf als die großen Anwälte der Menschenrechte präsentiert, was Guantánamo anging. Jetzt erweist sich dieses Engagement als nichts als heiße Luft. Und zugleich fahren die USA unter der neuen Regierung offenbar ihr weltweites Engagement für die Menschenrechte zurück.

    Guantánamo will Obama auflösen. Daß sich dadurch am Status oder an der Behandlung der Gefangenen etwas ändert, ist nicht erkennbar. Sie werden verlegt; das ist alles. Auch die regelmäßige Entlassung von als nicht mehr gefährlich eingestuften Gefangenen war unter Bush längst üblich gewesen. Obama beseitigt ein Symbol, mehr nicht.

    Gestern hatte die US-Regierung vor einem Gericht zum Status der Gefangenen im Lager Bagram in Afghanistan Stellung zu nehmen. Dort sitzen mehr als 600 Gefangene ein (Guantánamo: derzeit rund 245). Es ging darum, ob diese Gefangenen das Recht hätten, vor einem US-Gericht gegen ihre Festsetzung zu klagen.

    Dieses Recht hatte die Regierung Bush verneint. Nach dem Regierungswechsel hatte der Distrikt- Richter John Bates bei der Regierung Obama angefragt, ob sie bei dieser Position bleibe oder sie zu "differenzieren" (refine) wünsche. Gestern gab die Regierung Obama ihre Antwort. Dazu Reuters:
    In a brief filing with the court on Friday, the Justice Department said it would stick to the previous government's position, which argued the four men -- who have been detained at Bagram for over six years -- had no right to challenge their detention in a U.S. court.

    Barbara Olshansky, lead counsel for three of the four detainees and a visiting professor at Stanford Law School, said she was deeply disappointed that the Obama administration had decided to "adhere to a position that has contributed to making our country a pariah around the world for its flagrant disregard of people's human rights."

    In einer kurzen schriftlichen Stellungnahme gegenüber dem Gericht erklärte das Justizministerium am Freitag, daß es bei der Position der bisherigen Regierung bleiben werde, die die Auffassung vertreten hatte, daß die vier Männer - die seit mehr als sechs Jahren in Bagram festgehalten werden - nicht das Recht hätten, gegen ihre Festsetzung vor einem US-Gericht zu klagen.

    Barbara Olshansky, die Hauptvertreterin von drei der vier Gefangenen und Gastprofessorin an der juristischen Fakultät der Universität Stanford, erklärte, sie sei tief enttäuscht von der Entscheidung der Regierung Obama, "bei einer Position zu bleiben, die dazu beigetragen hat, unsere Land wegen seiner flagranten Mißachtung der Menschenrechte zu einem weltweiten Paria zu machen".



    Ich bin nicht der Meinung, daß die USA durch Mißachtung der Menschenrechte zu einem weltweiten Paria geworden sind. Ich bin allerdings der Meinung, daß die Regierung Bush, so sehr sie sich um die Durchsetzung der Menschenrechte weltweit bemüht hat, nicht genügend für ihre Einhaltung im eigenen Land getan hat.

    Jetzt zeichnet sich ab, wie es unter dem Präsidenten Obama werden wird: Was das Verhalten der USA selbst angeht, business as usual; was die Durchsetzung der Menschenrechte weltweit angeht, worse than before.



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    5. Februar 2009

    Sind es Unschuldige, die Steinmeier aus Guantánamo aufnehmen will? Über die Karriere des Abu-Sayyaf al-Shihri

    Vor ein paar Tagen hat Frank- Walter Steinmeier noch einmal klargestellt, welche Häftlinge aus Guantánamo er gern in Deutschland aufnehmen möchte: Solche, "die die Amerikaner heute für unschuldig halten und die aus humanitären Gründen nirgendwo anders hin können". Ein bemerkenswerter, ein seltsamer Satz.

    Zum einen: Welcher freigelassene Häftling sollte denn "nirgendwo anders hin können" als ausgerechnet nach Deutschland? Wieso kann er beispielsweise nicht in die USA entlassen werden, auf deren (gepachtetem) Terrain er sich ja gegenwärtig befindet?

    Und wenn die USA den Betreffenden nicht wollen - warum kann er dann nicht, sagen wir, in Schweden, dem Iran oder der Südafrikanischen Republik Asyl beantragen? Daß irgendwer "nirgendwo anders hin" kann als allein nach Deutschland, ist eine wahrhaft seltsame Behauptung. Es sei denn, es handelte sich um einen deutschen Staatsbürger. Bei ihm aber würde sich ein Aufnahme- Angebot erübrigen; er darf selbstverständlich in sein Land zurückkehren.

    Zweitens spricht Steinmeier von Häftlingen, "die die Amerikaner heute für unschuldig halten".

    Solche Häftlinge gibt es in Guantánamo nicht. Jedenfalls nicht nach dem, was bisher bekannt ist. Vielleicht hat ja die Außenministerin Clinton ihrem Kollegen bei seinem Antrittsbesuch neue Informationen übergeben.

    Nach bisherigem amerikanischen Verständnis sind die in Guantánamo Inhaftierten enemy combatants, feindliche Kämpfer. Sie wurden innerhalb von Kampfhandlungen gefangen genommen; allerdings nicht als Soldaten, sondern als - wie immer man das nennen mag - Freischärler, Partisanen, irreguläre Kämpfer, Guerrilleros, Insurgenten. Im deutsch- französischen Krieg von 1870/71 nannte man sie Franctireurs; das Phänomen ist ja nicht neu.



    Diese Leute als "unschuldig" zu bezeichnen, geht an der Sache vorbei. Sie werden, wie jeder Kriegsgefangene, festgesetzt, damit sie den Kampf nicht fortführen können. Niemand kam bisher auf den Gedanken, jedem einzelnen Kriegsgefangenen müsse ein Tötungsdelikt oder eine sonstige Tat nachgewiesen werden, damit er in einem Lager gefangen gehalten werden darf.

    Um solche enemy combatants also geht es jetzt; nicht um brave Familienväter, die auf der Suche nach einem verirrten Schaf unglücklich übers Schlachtfeld liefen. Sie umfassen in der Tat verschiedene Gruppen; aber nicht "Schuldige" und "Unschuldige"; sondern die Einteilung erfolgt nach anderen Kriterien.

    Welchen, darüber hat im vergangenen November Benjamin Wittes, ein auf dieses Thema spezialisierter Wissenschaftler, in der Washington Post einen informativen Artikel geschrieben; ich habe damals darüber berichtet:
  • Gefangene, die für ein Strafverfahren in Frage kommen, weil man hinreichende Beweise hat, daß sie persönlich an einem Delikt beteiligt waren. Sie werden auch unter der Regierung Obama in Haft bleiben; nur wird man sie nach der Schließung von Guantánamo woanders hin verlegen, bis ihnen der Prozeß gemacht ist. Es sei denn, die Regierung sorgt für eine Änderung der jetzigen Rechtslage.

    Die zweite und dritte Gruppe umfaßt Kämpfer, denen man nicht nachweisen kann, daß sie persönlich, sagen wir, eine Bombe gelegt haben.

  • Diejenigen in der zweiten Gruppe werden als immer noch so gefährlich eingestuft, daß die USA - unter der bisherigen Regierung - es nicht verantworten wollten, sie freizulassen.

  • Und dann gibt es die dritte Gruppe, um die es jetzt geht: Enemy combatants, von denen man - zum Beispiel, weil sie sich glaubhaft vom Dschihad abgewandt haben - annimmt, daß sie nicht wieder in den Kampf zurückkehren werden.
  • Die Unterscheidung zwischen den Gruppen zwei und drei ist zwangsläufig schwierig; es ist eine Frage der Sozialprognose. Wie bei einem auf Bewährung entlassenen Strafgefangenen kann diese sich als falsch erweisen.

    So war und ist es auch hier. Alle Gefangenen, die von den USA bisher freigelassen wurden, waren der dritten Gruppe zugerechnet worden. Aber etliche - ich habe vor drei Wochen auf sechs solche Fälle hingewiesen - kehrten nachweislich in den Dschihad zurück.

    Wie viele darüber hinaus, das ist natürlich unbekannt; erfassen kann man nur diejenigen, die erneut gefangen genommen wurden oder deren Identität auf einem anderen Weg mehr oder weniger zufällig ermittelt werden konnte. Die US- Behörden gehen davon aus, daß Dutzende der Freigelassenen wieder im Dschihad sind; für rund 60 gilt das als bewiesen oder wahrscheinlich.



    Bei denjenigen, deren Fälle ich in dem Artikel beschrieben hatte, handelte es sich um Kämpfer aus den unteren oder mittleren Rängen. Der höchstrangige war Maulvi Abdul Ghaffar, der nach seiner Entlassung nach Afghanistan zurückkehrte und dort zum Provinz- Kommandeur der Taliban aufstieg.

    Jetzt aber ist ein Fall eines anderen Kalibers bekannt geworden: Derjenige von Abu- Sayyaf al-Shihri (eigentlich Ali al-Shihri; Abu- Sayyaf ist sein Kampfname).

    Seine Biographie, wie man sie in der International Herald Tribune und bei msnbc nachlesen kann, ist instruktiv und beklemmend:

    Der jetzt fünfunddreißigjährige Shihri stammt aus der saudi- arabischen Hauptstadt Riyad, wo seine Familie einen Möbelhandel betreibt. Zwei Wochen nach dem Attentat vom 11. September reiste er über Bahrain und Pakistan nach Afghanistan. Wie er später im Verhör in Guantánamo sagte, wollte er dort humanitäre Arbeit (relief work) leisten. Tatsächlich wurde er, wie aus den Dokumenten hervorgeht, in einem Terror- Camp nördlich von Kabul in Stadtguerrilla (urban warfare tactics) ausgebildet.

    Die Dokumente besagen auch, daß er von Afghanistan in den Iran reiste, um von dort Kämpfer nach Afghanistan zu schleusen. Er selbst behauptete, er sei dorthin gefahren, um Stoffe für das Geschäft seiner Eltern einzukaufen.

    Shihri wurde während des Afghanistan- Kriegs bei einem Luftangriff verletzt und bei dem Versuch, daraufhin aus Afghanistan nach Pakistan zu fliehen, an der Grenze festgenommen. Nachdem er eineinhalb Monate in einem Krankenhaus verbracht hatte, wurde er nach Guantánamo verbracht, wo er bis zum November 2007 inhaftiert war.

    Er wurde freigelassen, nachdem er beteuert hatte, daß er nach der Freilassung in den Schoß seiner Familie nach Riyad zurückkehren und im dortigen Geschäft arbeiten wolle. In der Tat nahm er nach der Rückkehr nach Saudi- Arabien an einem Wiedereingliederungs- Programm für ehemalige Terroristen teil.

    Er durchlief brav dieses Programm. Danach - vor ungefähr zehn Monaten - verschwand er.

    Jetzt ist er wieder aufgetaucht, und zwar im Jemen. Die dortige Kaida hat ein Video ins Netz gestellt, in dem sie unter anderem mitteilt, daß er der neue stellvertretende Kommandeur der Kaida- Organisation im Jemen ist. In dem Video läßt er sich so vernehmen:
    By Allah, imprisonment only increased our persistence in our principles for which we went out, did jihad for, and were imprisoned for.

    Bei Allah, die Gefangenschaft hat unsere Treue zu unseren Prinzipien nur verstärkt, für die wir aufbrachen, für die wir den Dschihad führten und für die wir eingesperrt wurden.



    Auf den Fall Abu-Sayyaf al-Shihri bin ich durch einen kürzlichen Artikel von Fred Burton and Scott Stewart bei Stratfor aufmerksam geworden.

    Dort findet man, wie meist bei Stratfor, aufschlußreiche Hintergrund- Informationen. Drei Punkte erscheinen mir besonders interessant:
  • Es gehört zum Ausbildungs- Programm von Dschihadisten, daß sie auf die Gefangenschaft vorbereitet werden. Sie lernen, physisch und psychisch zu widerstehen und werden instruiert, daß das Erleiden der Gefangenschaft Teil ihres Kampfes sei. Daß ein Gefangener scheinbar reuig ist, in Wahrheit aber nur darauf wartet, wieder in den Dschihad zurückzukehren, ist also normal. Er rechnet damit, "umerzogen" zu werden und sieht das als Teil dessen an, worauf man ihn vorbereitet hat.

  • Die zentrale Botschaft des jetzigen Videos ist, daß eine gemeinsame Kaida- Kommando für die gesamte arabische Halbinsel geschaffen wurde; geleitet von dem Jemeniten Nasir al-Wuhayshi und mit Shihri als seinem Stellvertreter aus Saudi- Arabien. Die bisherige eigenständige Kaida- Organisation von Saudi- Arabien wird aufgelöst. Die Autoren von Stratfor sehen darin eine Aufwertung des Kaida- Ablegers im Jemen, nachdem es den saudischen Behörden gelungen ist, die Kaida in Saudi- Arabien weitgehend auszuschalten. Nasir al-Wuhayshi hat unter Bin Laden in Afghanistan gekämpft und es bis zu dessen Stellvertreter gebracht. Er wird als ein ungewöhnlich fähiger Mann eingeschätzt.

  • Im Hintergrund des Videos ist eine Flagge der Islamischen Republik Irak zu sehen. Zwischen den Kaida- Organisationen des Irak und des Jemen bestehen enge Verbindungen. Ein Teil der jemenitischen Dschihadisten hat zeitweilig im Irak gekämpft, ist jetzt in den Jemen zurückgekehrt und hat mit den im Irak erworbenen Erfahrungen die dortige Organisation gestärkt.



  • Um zum Außenminister Steinmeier zurückzukehren: Abu- Sayyaf al-Shihri, der frischgebackene Stellvertreter al-Wuhayshis, gehörte bei seiner Freilassung in diejenige Gruppe von Guantánamo- Häftlingen, die laut Steinmeier "unschuldig" sind.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: NSF. Als Werk der US-Regierung in der Public Domain.

    5. Januar 2009

    Welche Kriegsziele hat Israel? Analysen aus der israelischen und der internationalen Presse

    Das primäre Ziel der Operation "Cast Lead" (Bleiguß) ist es natürlich, den Beschuß Israels durch die Raketen und Mörser der Hamas dauerhaft zu beenden.

    Das ist das primäre Ziel in dem Sinn, daß es das unmittelbare, das auf der Hand liegende, auch das ein militärisches Vorgehen Israels am offensichtlichsten rechtfertigende Ziel ist. Was aber ist das Kriegsziel in einem weiteren und wichtigeren Sinn: Welche Lage im Gaza- Streifen soll durch den Krieg geschaffen werden?

    Dazu gibt es verschiedene Analysen in der israelischen und der internationalen Presse. Sie müssen einander nicht unbedingt widersprechen, denn es könnte gut sein, daß Israels Regierung sich Minimalziele gesetzt hat und weitergehende Ziele.

    Sollten diese letzteren nicht erreichbar sein, dann würde man den Krieg immer noch als einen Erfolg betrachten können, wenn die Miminalziele erreicht sind.



    Die meisten Kommentatoren, die sich mit der Frage des Kriegsziels befassen, entscheiden sich allerdings für eine von zwei Alternativen:

    Die erste wird beispielsweise von der israelischen Tageszeitung Haaretz vertreten. Dort schrieben am Wochenende Amos Harel und Avi Issacharoff eine Analyse, die schon im Titel ihre Antwort nennt: "Israel's aim in Gaza is to break Hamas resistance". Israels Ziel in Gaza sei es, den Widerstand der Hamas zu brechen:
    The goal is not to chase after and destroy every last rocket launcher, but rather to break the Hamas' resistance and force it to agree to a long- term cease- fire whose terms are more reasonable from Israel's perspective.

    Das Ziel ist es nicht, auch noch die letzte Vorrichtung zum Abschießen von Raketen aufzuspüren und zu zerstören, sondern den Widerstand der Hamas zu brechen und sie zu zwingen, einem langfristigen Waffenstillstand zuzustimmen, dessen Bedingungen aus israelischer Sicht vernünftiger sind.
    Dieses Minimalziel würde implizieren, daß Israel erstens mit der Hamas verhandelt (wenn auch eventuell über Vermittler), und daß mit ihr ein formaler Vertrag geschlossen wird. Zweitens würde es das Fortbestehen der Herrschaft der Hamas über den Gaza- Streifen bedeuten.

    Auf das Problematische dieses Kriegsziels hat beispielsweise gestern Vincent Jauvert im Nouvel Observateur hingewiesen. Unter der Überschrift "Gaza: que veut vraiment Israël?" (Gaza: Was will Israel wirklich?) schreibt er:
    ... un cessez le feu négocié conférerait au Hamas une sorte de "reconnaissance diplomatique"- une légitimité internationale dont ni l'Etat hébreu ni les Etats-Unis (ni l'Union Européenne) ne veulent entendre parler. L'opération "Plomb durci" ne peut donc viser qu'au renversement pur et simple du Hamas.

    ... ein mit ihr ausgehandelter Waffenstillstand würde der Hamas eine Art "diplomatische Anerkennung" gewähren - eine internationale Legitimität, von der weder der hebräische Staat noch die Vereinigten Staaten (noch die Europäische Union) etwas wissen wollen. Die Operation "Bleiguß" kann also nur schlicht und einfach den Sturz der Hamas zum Ziel haben.
    Diese Analyse stimmt mit dem überein, was die Jerusalem Post schon vor Beginn des Angriffs geschrieben und worüber ich am 27. Dezember berichtet hatte: Hätte Israel erst einmal die Schlacht gegen die Hamas begonnen, dann dürfe diese erst dann beendet werden, wenn die Hamas nicht mehr regierungsfähig sei. Dann müßte der Gaza- Streifen wieder von Truppen der Fatah übernommen werden.

    In der heutigen Jerusalem Post bekräftigt David Horovitz noch einmal diese Analyse:
    A premature and ill- conceived cease- fire that leaves Hamas relatively intact and capable of restrengthening itself is the last thing that supporters of peace in the Middle East should be pushing for. The strategic goal, instead, should be an end to Hamas rule in Gaza - the downfall of an organization that has relentlessly targeted Israel's defenseless civilians while cynically hiding behind its own citizens' schools and places of religious worship and hospitals and homes.

    Ein vorzeitiger und unüberlegter Waffenstillstand, der die Hamas relativ intakt und sie in der Lage läßt, ihre Stärke wieder zurückzugewinnen, ist das Letzte, auf das diejenigen drängen sollten, die einen Frieden im Nahen Osten wollen. Das strategische Ziel sollte vielmehr sein, die Herrschaft der Hamas über Gaza zu beenden - der Sturz einer Organisation, die ohne Unterlaß wehrlose Bürger Israels zum Ziel ihrer Angriffe genommen hat, während sie sich zugleich zynisch hinter den Schulen und Gebetsstätten, Krankenhäusern und Wohnungen ihrer eigenen Bürger versteckt.
    .


    Das klingt logisch und überzeugend: Wenn die Hamas - so wie die Hisbollah im Libanon - schließlich doch mit einem neuen Waffenstillstand davonkommt, dann wird sie das erstens als einen Sieg feiern; zweitens wird ihr ein förmlich ausgehandelter Waffenstillstand internationale Reputation einbringen; und drittens ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie ihre alte Stärke zurückgewonnen hat.

    Und warum eigentlich sollte sie sich an einen neuen Waffenstillstand mehr halten als an denjenigen, den sie im November vergangenen Jahres gebrochen hat? Das Ergebnis der Operation "Bleiguß" wäre dann nur eine Atempause; keine irgendwie tragfähige Lösung.

    Nur - ist dieses Ziel eines Sturzes der Hamas überhaupt ein realistisches Kriegsziel? Zweifel daran äußert Ethan Bronner in der gestrigen New York Times:
    ... while it may sound decisive to speak of taking Hamas out of power, almost no one familiar with Gaza and Palestinian politics considers it realistic. Hamas legislators won a democratic majority in elections four years ago, and the group has 15,000 to 20,000 men under arms. It has consolidated its rule in the past 18 months (...)

    And while there are plenty of Gazans who would prefer Fatah, they seem hardly organized or strong enough to become the new rulers, even with the help of former colleagues in exile in Ramallah who say, anyway, that they would never be willing to ride into Gaza on the back of an Israeli tank. In fact, the longer Israel pounds Gaza, the weaker Fatah is likely to become because it will be seen as collaborating.

    The likelier result of a destruction of the Hamas infrastructure, then, would be chaos, anathema not only to the people of Gaza but also to those hoping for peace in southern Israel.

    ... es mag entschieden klingen, von einer Entmachtung der Hamas zu sprechen, aber kaum jemand, der mit der Politik in Gaza und Palästina vertraut ist, betrachtet es als realistisch. Abgeordnete der Hamas erreichten vor vier Jahren bei Wahlen eine demokratische Mehrheit, und diese Gruppierung hat 15.000 bis 20.000 Männer unter Waffen. Sie hat in den vergangenen 18 Monaten ihre Herrschaft konsolidiert (...)

    Zwar gibt es viele Einwohner Gazas, die lieber die Fatah an der Macht hätten, aber sie erscheint kaum organisiert oder stark genug, um die Herrschaft zu übernehmen; nicht einmal mit Hilfe früherer Kollegen, die jetzt in Ramallah im Exil sind und die im übrigen ohnehin sagen, daß sie niemals bereit sein würden, auf einem israelischen Panzer nach Gaza zurückzukehren. Je länger Israel Gaza mit Bomben belegt, umso schwächer dürfte die Fatah in der Tat werden, weil sie als Kollaborateur gesehen wird.

    Würde die Infrastruktur der Hamas zerstört, dann wäre das wahrscheinlichere Ergebnis ein Chaos - das Schreckensbild nicht nur für die Bevölkerung Gazas, sondern auch für diejenigen, die auf Frieden für den Süden Israels hoffen.



    Ist diese Analyse zu pessimistisch? Ethan Bronner ist Träger des Pulitzer- Preises, hat sich auf den arabischen Terrorismus spezialisiert und berichtet jetzt aus Jerusalem. Man wird voraussetzen dürfen, daß seine Analyse Hand und Fuß hat.

    Aber das gilt natürlich auch für die von David Horovitz, der für einen Sturz der Hamas eintritt. Er ist der Chefredakteur der Jerusalem Post und einer der führenden internationalen Journalisten; Autor unter anderem der New York Times, der Los Angeles Times und des britischen The Independent.

    Die Fachleute sind sich - wie auch anders in einem Krieg? - über die Chancen und Risiken nicht einig. Die israelische Regierung kann, wie immer sie sich entscheidet oder vielleicht schon entschieden hat, nur eine Option wählen, die mit dem Risiko des Scheiterns behaftet ist. Das ist nun einmal die reale Lage.



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    4. Januar 2009

    Zitate des Tages: Minister Steinmeiers Beschwichtigungspolitik

    Steinmeier ruft Israel und Hamas zu Waffenruhe auf

    BERLIN: Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hat Israel und die radikal- islamische Hamas zu einer Waffenruhe im Gazastreifen aufgefordert. Die andauernden Kämpfe gefährdeten die bisherigen Fortschritte im Nahost- Friedensprozess, sagte Steinmeier in einem Telefonat mit seiner israelischen Kollegin Zipi Livni. (...) Der SPD-Politiker appellierte deshalb an Livni, die derzeitigen arabischen Bemühungen um einen Waffenstillstand konstruktiv aufzunehmen. Von der Hamas verlangte er, den Beschuss israelischen Territoriums mit Raketen sofort einzustellen.


    Aus einer Meldung der "Deutschen Welle" vom 1. Januar 2009


    Zur Flankierung einer Waffenstillstandsvereinbarung und Unterstützung eines politischen Prozesses sei auch die Entsendung von Beobachtern unter VN-Dach unter der Voraussetzung denkbar, dass alle Parteien zustimmen und verbindlich auf jegliche Gewaltanwendung verzichten.

    Aus einer Pressemitteilung des Auswärtigen Amts vom gestrigen Samstag.


    Friedensinitiativen und so genannte Friedensideen oder internationale Konferenzen widersprechen dem Grundsatz der Islamischen Widerstandsbewegung. Die Konferenzen sind nichts anderes als ein Mittel, um Ungläubige als Schlichter in den islamischen Ländern zu bestimmen ... Für das Palästina- Problem gibt es keine andere Lösung als den Jihad. Friedensinitiativen sind reine Zeitverschwendung, eine sinnlose Bemühung.

    Artikel 13 der Charta der HAMAS



    Kommentar: Ob Außenminister Steinmeier schon einmal einen Blick in die Charta der HAMAS geworfen hat? Sein Verhalten läßt er vermuten, daß er sein Bild von dieser Organisation aus der Zeitung hat. Sagen wir, aus der "Süddeutschen Zeitung", in der Thorsten Schmitz nach Beginn der israelischen Militäraktion schrieb:
    Anstatt die Hamas zu bombardieren, dadurch Hass zu säen und Terrorangriffe zu provozieren, müsste Israel die radikal- islamische Gruppe ... umgarnen (...) Die Hamas muss in den politischen Prozess integriert werden und Regierungsaufgaben übernehmen.
    Mir scheint, es ist dringend an der Zeit, den Begriff Appeasement, zu deutsch "Beschwichtigungspolitik", wieder in das aktuelle politische Vokabular aufzunehmen.



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    20. Dezember 2008

    Von Bush zu Obama (6): In einem Monat ist die Inauguration. Sie wird gefährlich werden

    In genau einem Monat, am 20. Januar 2009, wird Präsident Obama in sein Amt eingeführt.

    So, wie das Amt des amerikanischen Präsidenten Züge einer Wahl- Monarchie trägt, so hat auch diese zeremonielle Inauguration Ähnlichkeit mit der Krönung eines Monarchen. Vieles hat sich als eine Tradition herausgebildet, an der alle Präsidenten festhalten; manches fügt jeder neue Präsident individuell hinzu.

    Die Inauguration von Präsident Obama wird zwei miteinander verknüpfte Besonderheiten aufweisen: Sie wird ungewöhnlich aufwendig ausfallen, und sie wird ungewöhnliche Anforderungen an die amerikanischen Sicherheitskräfte stellen. Darüber berichten jetzt Fred Burton und Scott Stewart in Stratfor.



    Besonders aufwendig wird die jetzige Inauguration zum einen deshalb sein, weil die Feierlichkeiten besonders ausgedehnt sein werden. Dieses mehrheitlich von Afro- Amerikanern bewohnte Washington wird seinen schwarzen Präsidenten feiern wie kaum je einen Präsidenten zuvor, und es werden viele Besucher aus dem ganzen Land kommen.

    Nach den eigentlichen Zeremonien auf dem Capitol, nach der Parade wird es ab dem Nachmittag in der ganzen Stadt zahllose Bälle, Dinner, Veranstaltungen aller Art geben. Das Präsidentenpaar wird, wie es Tradition ist, viele davon jeweils kurz mit seinem Besuch beehren; immer in Bewegung also, immer somit besonders gefährdet. Der Alptraum eines Sicherheits- Beamten.

    Das sind die Risiken jeder Inauguration. Dazu aber hat sich Barack Obama etwas Besonderes ausgedacht: Er wird ostentativ in die Fußstapfen von Abraham Lincoln treten, oder vielmehr seinen Spuren folgen.

    Lincoln nämlich, auch er aus Illinois, fuhr zu seiner Inauguration mit dem Zug nach Washington, und diese Reise wird Obama wiederholen. (Was, nebenbei, für das Urteil von Charles Krauthammer spricht, daß er sich schon als eine Gestalt der Weltgeschichte sieht, bevor er auch nur den Amtseid geleistet hat).

    Obama wird bereits am 17. Januar eine Veranstaltung in Philadelphia halten. Dann fährt er mit dem Zug nach Wilmington im Bundesstaat Delaware, wo sich ihm der künftige Vize Joe Biden anschließt. Gemeinsam geht es mit dem Zug weiter nach Baltimore zu einer weiteren Veranstaltung. Die Fahrt endet im Washingtoner Bahnhof Union Station.

    Schon Lincoln galt auf dieser Reise als hoch gefährdet. Bei Obama wird es nicht anders sein. Jeder Tunnel und jede Brücke werden überwacht; Posten werden entlang der gesamten Strecke aufgestellt sein.

    Für diese Streckensicherung wird, wie für die Sicherheit am Tag der Inauguration, der US Secret Service (USSS) verantwortlich sein. Er ist deshalb zuständig, weil das Ministerium für Innere Sicherheit (Department of Homeland Security) die Inauguration zu einem National Special Security Event (NSSE), einem Sonderfall nationaler Sicherheit, erklärt hat.



    Als 1989 Präsident George Bush sen. in sein Amt eingeführt wurde, verzögerte sich die Parade. Ein Team von Sicherheits- Beamten hatte in einem Raum des Willard- Hotels einen bewaffneten Mann entdeckt. Wie sich herausstellte, war es ein Sicherheits- Beamter einer anderen Behörde.

    Die zahlreichen beteiligten Behörden und Sicherheitsdienste zu koordinieren, ist eine der besonderen Schwierigkeiten bei diesen Zeremonien. Eine andere ist, daß die Menschen im Winter dick angezogen sind, sich Waffen also leicht verbergen lassen. Je dichter gedrängt eine Menge steht, umso größer ist dieses Problem. Für die Inauguration Obamas werden mehr Menschen erwartet, als jemals in der Geschichte der USA einem solchen Ereignis beiwohnten.

    Solange der Präsident sich in seiner gepanzerten Limousine oder in einem geschlossenen Raum befindet, ist er vergleichsweise sicher. Die kritischen Augenblicke sind die, wenn er ins Freie tritt; vor allem, wenn er das obligatorische "Bad in der Menge" nimmt.

    Burton und Stewart sind dennoch zuversichtlich, daß der Schutz des Präsidenten gelingen wird. Niemand auf der Welt, schreiben sie, hätte mit solchen Aufgaben so viel Erfahrung wie der USSS.

    Die einzelnen Teams - die einen sind auf das Aufspüren von Heckenschützen spezialisiert, die anderen auf die Entdeckung von Bomben, wieder andere auf den Angriff auf Attentäter - bewegen sich in Washington auf vertrautem Terrain. Jede Position, wo ein solches Team Stellung bezieht, ist aufgrund langer Erfahrungen festgelegt, jede Aktion trainiert. Der Luftraum über Washington wird unter Kontrolle sein; Abfangjäger werden bereitstehen.

    Ein größeres Problem könnten die "weichen Ziele" sein. Nicht jeder Ball, nicht jede der Wohltätigkeits- Veranstaltungen am Nachmittag und Abend des 20. Januar kann so geschützt werden wie die Zeremonien am Vormittag. U-Bahn- Stationen oder Züge könnten von Terroristen als Ziele ausgewählt werden.

    Besonders gefährdet könnten, so meinen die Autoren, solche weichen Ziele in der Umgebung von Washington sein. Je mehr sich die Sicherheitskräfte auf Washington konzentrieren, umso mehr könnten sich dort Gelegenheiten für einen terroristischen Angriff bieten.



    Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Für Kommentare bitte hier klicken.

    17. Dezember 2008

    Marginalie: Internationale Verflechtung bei AKW-Terroristen

    Von "Behinderungen im Bahnverkehr" war die Rede, Anfang November, als ein Castor- Transport nach Gorleben unterwegs war.

    Tatsächlich handelte es sich um Sabotageakte von Terroristen. Sie haben damals ein Bekennerschreiben an die "taz" geschickt, das diese aber nicht abdruckte. Jetzt ist dieses Schreiben in der französischen Presse publiziert worden. In der französischen Übersetzung heißt es darin (es folgt meine Rückübersetzung ins Deutsche):
    Avec des incendies criminels et des crochets métalliques, nous avons donné le signal de notre résistance sur les lignes Paris- Strasbourg, Paris- Lille, Paris- Rhône- Alpes, Paris Bourgogne, Ludwigshafen- Mayence (ouest), Kassel- région de la Ruhr (centre et ouest), région de la Ruhr- Hanovre (idem), Brême- Hambourg (nord) et plusieurs lignes des environs de Berlin.

    Mit Brandstiftungen und Metallkrallen haben wir unserem Widerstand Ausdruck verliehen, und zwar auf den Strecken Paris- Straßburg, Paris- Lille, Paris- Rhône- Alpen, Paris- Bourgogne, Ludwigshafen- Mainz (Westen), Kassel- Ruhrgebiet (Mitte und Westen), Ruhrgebiet- Hannover (ebenfalls), Bremen- Hamburg (Norden) sowie verschiedenen Linien in der Umgebung von Berlin.
    Die französische Polizei vermutet hinter den Anschlägen eine "anarcho- autonome" Zelle, die von einem gewissen Julien Coupat angeführt werden soll. Zwei Verdächtige sind gegenwärtig in Haft, gegen andere wird ermittelt.

    Laut dem Journal du Dimanche geht die französische Polizei von internationalen Verbindungen der Politkriminellen nicht nur zwischen Deutschland und Frankreich, sondern auch nach Italien, Großbritannien, Kanada, den USA, Griechenland und Belgien aus.



    Daß die "taz" es abgelehnt hat, den Terroristen auch noch eine öffentliche Plattform zu geben und ihr "Bekennerschreiben" zu veröffentlichen, ist lobenswert; früher einmal hat dieses Blatt das anders gehandhabt. Allerdings genügen ein paar Klicks, um im deutschen Web eine Plattform zu finden, die ungeniert solche "Bekennerschreiben" von Terroristen publiziert: "Indymedia".

    Das zeigt, wie fließend auf der extremen Linken der Übergang zwischen "gewaltfreiem Protest" und Kriminalität ist; nicht anders als auf der extremen Rechten.



    Nachtrag: Mein Lob für die "taz" war leider voreilig; siehe hier.



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    9. Dezember 2008

    Kurioses, kurz kommentiert: Angeklagte in Guantánamo wollen die Zusicherung, hingerichtet zu werden

    Mr. Mohammed and the others presented their decision almost as a dare to the American government. When Judge Henley raised questions about the procedure for imposing the death penalty after a guilty plea, some of the detainees immediately suggested they might change their minds if they could not be assured they would be executed.

    (Mr. Mohammed und die anderen trugen ihre Entscheidung fast als eine Herausforderung an die amerikanische Regierung vor. Als Richter Henley Fragen in Bezug darauf aufwarf, wie Angeklagte, die sich schuldig bekennen, zum Tode verurteilt werden können, brachten einige der Häftlinge sofort zum Ausdruck, daß sie ihre Entscheidung revidieren könnten, wenn man ihnen nicht zusichern würde, daß sie hingerichtet werden.)

    Aus dem Bericht von William Glaberson in der heutigen New York Times über die aktuelle Wende im im Kriegsverbrecher- Prozeß von Guantánamo. Dort hatten die fünf Hauptangeklagten, die der Planung der Anschläge vom 11. September 2001 beschuldigt werden, gestern ein gemeinsames umfassendes Geständnis angekündigt.

    Kommentar: Ich weiß nicht, ob "kurios" das richtige Wort ist. Vielleicht wäre "absurd" angemessener, oder auch "pervers": Fünf angeklagte Kriegsverbrecher versuchen einen Prozeß so zu steuern, daß sie sicher sein können, hingerichtet zu werden. Sie drücken auf's Tempo, den Barack Obama will das Lager Guantánamo, in dem der Prozeß stattfindet, auflösen, und möglicherweise auch das Militärgericht, vor dem der Prozeß stattfindet.

    Die Angeklagten scheinen zu befürchten, daß sie mit dem Leben davonkommen könnten. Dann wäre die ganze schöne Märtyrer- Karriere am Ende doch noch gescheitert.

    Ihre Hinrichtung, dazu "Proteste" in der ganzen islamischen Welt, weitere Morde zu Ehren der Märtyrer - so stellen sie sich die Krönung ihrer Daseins auf Erden vor. Dafür wollen sie offenbar jetzt kämpfen.

    Unter Einsatz ihres Lebens.



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