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2. Mai 2009

Was fasziniert an Karl Marx? Anmerkungen zum "persönlichen Leseerlebnis" der Jungjournalistin Nina Pauer

"Marx lesen beruhigt. Ich habe ein Lesegefühl wie das letzte Mal beim Geschichtsbuch in der Schule. Keine Unübersichtlichkeit wie in der aktuellen Lage, keine schwammigen Prognosen für die Zukunft. (...)

Er will keine Verbesserungsvorschläge liefern, er beschreibt Prozesse, die so und nicht anders ablaufen werden. Fast wie ein Biologe, der ein Experiment erklärt. Die Revolution als Evolution. Sie schreitet voran, unaufhörlich, bis zu ihrem Höhepunkt".

So beschreibt eine junge Journalistin, Mitte Zwanzig, im aktuellen "Zeit- Magazin" ihr "Date mit Marx". Nina Pauer hatte sich eine Marx- "Ausgabe von 2008" besorgt, mit dem Titel "Kapital und Politik"; offenbar jene, die im Augenblick zum Schnäppchenpreis von 7.99 Euro bei "Zweitausendeins" zu haben ist. Ihr "Selbstversuch" bestand darin, daß sie Computer und Handy abschaltete, ja sogar auf den "Tatort" verzichtete und sich in diesen "dicke(n) rosa Wälzer" vertiefte.

Was für sie augenscheinlich ein bleibendes Leseerlebnis war, die Journalistin Mitte Zwanzig, die ihre Eltern aus der 68er Generation "richtig sympathisch" findet: "Den Satz von den 'Proletariern aller Länder' werde ich zumindest nicht mehr selbstgefällig als Floskel aus dem Geschichtsbuch abtun können. Was ist, wenn ich ihn als eine Aufforderung lese? An ein 'Wir', das für eine gemeinsame Sache aufstehen soll?"

Tja, was ist dann? Dann sind wir - wenn es vielen jungen Leuten so gehen sollte wie Nina Pauer - bald wieder so weit, wie wir 1970 waren.



Von den großen Religionsgründern war Karl Marx der kälteste. Der Marxismus entstand als eine säkulare Religion, wie geschaffen für das rationale 19. Jahrhundert.

Als sie sich im 20. Jahrhundert ausbreitete, also emotional wurde, traten sekundäre Religionsgründer auf, die besser als der Zyniker Marx die religiösen Affekte auf sich zu ziehen konnten: Stalin, Mao, Che Guevara beispielsweise. Sie genossen die hingebungsvolle Verehrung, die jedem Religionsgründer gebührt, die Marx selbst aber nie erfahren hat.

Der Marxismus - der pure, der nicht durch solche Stellvertreter massentauglich gemachte - ist eine Religion für Apparatschiks und Intellektuelle; vorzugsweise für solche, die Marx ähneln, kühl bis ins Herz hinan. In Deutschland hat der emotionslose Walter Ulbricht perfekt den marxistischen Funktionär verkörpert; Wolfgang Harich, der schneidende Befürworter erst der marxistischen Orthodoxie und dann der Ökodiktatur, ebenso überzeugend den intellektuellen Marxisten.



Die weltweite Jugendbewegung Ende der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts nahm in Deutschland die besondere Form an, die ich vor einem Jahr in diesem Artikel analysiert habe. Ein Aspekt blieb damals unerwähnt: Die Faszination, die von Karl Marx ausging.

Sie war umso erstaunlicher, als die "Bewegung" - anfangs die APO (Außerparlamentarische Opposition) genannt, dann "Studentenbewegung" - eigentlich im Ursprung gar nicht marxistisch gewesen war.

Ihre Wurzeln lagen in der pazifistischen, freilich von Kommunisten unterwanderten Bewegung "Kampf dem Atomtod", dann in der Bewegung zur Bewahrung der Bürgerrechte während der "Spiegel-Affäre"; schließlich in den ebenfalls eher von einer liberalen Grundhaltung getragenen Besorgnissen im Zusammenhang mit den Notstands- Gesetzen. Auch die schlechten Bedingungen an den deutschen Universitäten spielten natürlich eine zentrale Rolle. Alles eher bürgerlich- liberal als marxistisch. Mit Stoßrichtung gegen den Nazismus, gegen den Obrigkeitsstaat; aber ansonsten unideologisch.

Wie kommt es, daß diese Bewegungen sich innerhalb weniger Jahre derart dem Marxismus verschreiben konnten, daß zu Beginn der siebziger Jahre alles, was aus ihnen hervorgegangen war - von den gemäßigten Reformern auf dem rechten Flügel der Jusos über die Stamokaps und alle die K-Gruppen bis hin zu Joschka Fischers "Putztruppe" und der terroristischen RAF - sich als marxistisch verstand?

Es lag, meine ich, daran, daß diese Bewegungen sozusagen händeringend auf der Suche nach Sinn gewesen waren.

Es waren ja im Ursprung alles Gegenbewegungen gewesen - gegen die Atomrüstung; gegen die Bedrohung der Pressefreiheit in der "Spiegel"- Affäre; gegen die, wie man meinte, Gefährdung der Demokratie durch die Notstands- Gesetze; gegen die Zustände an den Universitäten.

Das ist zu wenig, um eine breite Bewegung zu tragen; zumal Jugendlichen ist das zu wenig. Es gab ein Bedürfnis nach einer, sagen wir, intellektuellen Fundierungen der eigenen Unzufriedenheit. Diese lieferte der Marxismus, diese Religion, die aus der Kälte kam.



Und mehr noch: Marx erklärte nicht nur, warum die Welt schlecht ist, warum man sich - so Adornos Formel - im "falschen Leben" befindet. Sondern er klärte zum einen darüber auf, warum es gar nicht anders sein kann. Und lieferte andererseits die tröstliche Botschaft, daß sich alles zum Besseren wenden werde. Wenn man nur ihm folgt, dem Karl Marx.

Das ist so, wie es sich für eine Religion gehört: Sie stiftet Sinn. Sie erklärt die Welt, sie sagt uns, was gut und böse ist, was richtig und falsch. Vor allem aber beinhaltet sie eine Verheißung: Wer glaubt und wer nach diesem Glauben handelt, der wird erlöst werden.

Bei Marx ist es die ganze Menschheit, der er die Erlösung im Kommunismus verheißt, wenn denn nur alles seinen mit wissenschaftlicher Gewißheit vorgezeichneten Gang geht. Einen Gang, der sich - ich habe das in diesem Artikel ein wenig mehr im Detail beschrieben - deshalb mit Sicherheit vorhersagen läßt, weil er den ewigen Gesetzen der Dialektik entspringt.

Aber Marx bietet diese religiöse Verheißung eben in einer intellektuell anspruchsvollen Variante an. Wer sich auf ihn einläßt, dem erfüllt sich der Wunsch, hinter die Oberfläche der Dinge zu blicken. Mit dem kalten Blick des Wissenschaftlers, so möchte es uns Marx glauben machen.

Wir erfahren, was es "eigentlich" auf sich hat - mit der Ware ("eigentlich" vergegenständlichte Arbeit), mit dem Preis ("eigentlich" der Wert, der sich nach der zur Herstellung gesellschaftlich erforderlichen Arbeitszeit bestimmt), mit dem Profit ("eigentlich" der Mehrwert, der daraus resultiert, daß der Arbeiter nicht etwa seine Arbeit verkauft, sondern seine Arbeitskraft, deren Preis sich durch ihre Reproduktionskosten bestimmt).

Und so fort. Wer sich durch das "Kapital" arbeitet, für den enthüllt sich die Welt, wie sie wirklich ist; er blickt hinter die Kulissen. Woran der Faust in seinem Monolog verzweifelt - zu wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält -, das liefert Marx seinen Lesern.

Das ist faszinierend; es ist intellektuell befriedigend; es verleiht auch leicht jene Haltung des Wissenden, des allen Anderen Überlegenen, die so charakteristisch für Marxisten ist.



Nur stimmt das ja alles nicht, was Marx sich ausgedacht hat. Es ist wirklich nur ausgedacht.

Daß der Wert einer Ware sich durch die zu ihrer Herstellung gesellschaftlich erforderliche Arbeitszeit bestimmt, ist keine Entdeckung, sondern eine Definition. Wir wissen nicht mehr über die Realität, wenn wir diese Definition übernehmen. Wir wissen auch nicht mehr über die Realität, wenn wir es Marx abnehmen, daß der Arbeiter nicht für seine Arbeit bezahlt wird, sondern für den Verkauf seiner Arbeitskraft. An der Höhe des Lohns und seinem Zustandekommen ändert das exakt nichts.

So ist es mit allen den "wissenschaftlichen Entdeckungen" von Marx. Was er liefert, ist eine façon de parler, eine Weise, über die Welt zu reden.

Es ist Pseudowissen, das Marx bietet. Aber es ist nicht leicht, das zu merken. Die Faszination, die Nina Pauer offenbar während ihres Selbstversuchs mit Marx erlebt hat, könnte viele ihrer Generation befallen; so wie drei oder vier Dekaden zuvor die Generation der Achtundsechziger.

Sie könnte die heute Zwanzig- bis Dreißigjährigen wieder ergreifen, diese Faszination, weil dies die erste Generation ist, die die Praxis des Marxismus nicht mehr bewußt erlebt hat. Es gibt, so scheint mir, wieder die Bereitschaft, sich von dem alten Scharlatan verführen zu lassen.



Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Fotografie von Karl Marx aus dem Jahr 1875; bearbeitet.

29. April 2009

Zitat des Tages: "Wenn notwendig, mit den Waffen". Die SPD und "soziale Unruhen"

Zum Thema soziale Unruhen möchte ich dann doch einmal Marx ... zitieren: "Wir müssen den Regierungen erklären: Wir wissen, dass ihr die bewaffnete Macht seid, die gegen die Proletarier gerichtet ist; wir werden auf friedlichem Wege gegen euch vorgehen, wo uns das möglich sein wird, und mit den Waffen, wenn es notwendig werden sollte." (...)

Das heißt für uns. Sollte durch die strukturelle Gewalt, die das kapitalistische System mit seiner Krisenhaftigkeit auf uns ausübt, uns kein anderer Weg offen steht, die gewalttätigen Herrschaftsketten abzustreifen, Menschen ihre (Grund-) Rechte einbüßen etc., so kann es passieren, dass soziale Unruhen durchaus zu unterstützen sind. Natürlich sind gewaltlose Proteste vorzuziehen, aber man sollte sich nicht im Vorfeld aller Kampfmittel berauben. Hier ist das oft zitierte Augenmaß gefragt ...


Aus einem Kommentar von Gerrit Brüning heute im "Juso-Blog".

Kommentar: Gerrit Brüning antwortet auf einen Artikel der Juso- Vorsitzenden Franziska Drohsel, in dem diese empfiehlt, "breite gesellschaftliche Proteste" zu "unterstützen". Der Gewalt redet sie aber nicht das Wort; anders als der Kommentator Gerrit Brüning.

Als ich seinen Kommentar las (er zitiert auch noch Engels, der wie Marx mit dem "ungesetzlichen Weg" drohte), dachte ich, da hätte halt ein Kommunist bei den Jusos seine Meinung hinterlegt.

Dann aber habe ich nachgesehen, wer denn Gerrit Brüning ist. Man findet das hier:
Bisherige Ämter:
  • Stellv. SPD-Vorsitzender UB Vechta
  • Vorsitzender der Jusos UB-Vechta
  • Stellv. Ortsvereinsvorsitzender
  • Vorstandsmitglied SPD UB-Vechta
  • Zur Zeit von Egon Bahr hätte ein Sozialdemokrat, der offen Gewalt als Mittel der Politik nennt, am nächsten Tag ein Parteiordnungs- Verfahren am Hals gehabt. Gerrit Brüning wird vermutlich nichts passieren.

    Die SPD hat heute einen linken Flügel, der sich ideologisch und - wie man sieht - selbst in der Frage der Gewalt kaum noch von den Kommunisten unterscheidet. (Diese sind allenfalls, was die Gewalt angeht, vorsichtiger, sich offen zu äußern).

    Auch das sollte meines Erachtens die FDP bedenken, wenn sie auf dem bevorstehenden Wahl- Parteitag zu entscheiden hat, ob sie die Möglichkeit des Eintritts in eine Regierung Steinmeier nach dem 27. September offenhalten will.



    Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Califax für den Hinweis auf den Artikel von Franziska Drohsel.

    28. April 2009

    Zitat des Tages: "Neigung von Intellektuellen zur Gewaltsamkeit". Nebst einer Erinnerung an Pierre-Joseph Proudhon

    Or ce qui plaît tant aux intellectuels dans la révolution violente, ce n'est pas la révolution, c'est la violence. Comme s'ils voulaient échapper, grâce à leur préférence affichée pour l'extrémisme, à leur mauvaise conscience de travailler dans l'immatériel.

    (Was nun Intellektuellen so an der gewaltsamen Revolution gefällt, das ist nicht die Revolution, sondern die Gewaltsamkeit. Ganz so, also wollten sie mit ihrer ostentativen Neigung zum Extremismus ihrem schlechten Gewissen darüber entgehen, daß sie im Immateriellen arbeiten).

    Der stellvertretende Chefredakteur des Nouvel Observateur Jacques Julliard in seiner Kolumne in der aktuellen Ausgabe vom 23. April, die sich aus Anlaß von dessen zweihundertstem Geburtstag mit dem Frühsozialisten Pierre- Joseph Proudhon befaßt.

    Kommentar: Eine treffliche Beobachtung des Intellektuellen Jacques Julliard, scheint mir. Ich greife sie als Ergänzung zu dem auf, was vor fünf Wochen Califax in The Outside of the Asylum geschrieben hat und was ich in diesem Artikel kommentiert habe: Es gibt eine seltsame Neigung von ostentativ Friedfertigen zur Gewalt.

    Das ist nicht auf Intellektuelle beschränkt; aber bei Intellektuellen ist es besonders auffällig. Denn von ihnen sollte man ja eigentlich erwarten, daß sie diesen Widerspruch reflektieren und daß sie ihn aufzulösen versuchen.

    In dem damaligen Artikel hatte ich auf zwei Varianten dieses Phänomens aufmerksam gemacht:

    Da ist zum einen der Fall des extremistischen, oft kommunistische Intellektuellen - Beispiel Hans- Christian Ströbele -, der ein taktisch- strategisches Verhältnis zur Gewalt hat.

    Natürlich lehnt er sie ab, wenn sie dem demokratischen Rechtsstaat dient und ihn schützt; wie auch anders. Und natürlich ist er für diejenige Gewalt, die "aus den Gewehrläufen kommt", wenn es darum geht, Demokratie und Kapitalismus zu beseitigen. Vorausgesetzt natürlich, daß dies eben der strategisch gebotene Weg ist. Anderswo entscheidet man sich für den parlamentarischen Weg zur Machtergreifung. Da gibt es in Wahrheit keinen Widerspruch.

    Zweitens aber sind da die sozusagen ehrlichen Herzens Friedfertigen und Altruistischen, die ihre aggressiven Impulse verdrängen. Viele von ihnen sind geradezu erleichtert, wenn sie die Gewalt des Edlen Wilden, die Gewalt für die "gute Sache" erleben dürfen und ihr zustimmen können. Es ist die Haltung des Kleinbürgers, wie ihn Goethe im "Osterspaziergang" karikiert; er sitzt behaglich im Ohrensessel und delektiert sich daran, wie die Völker aufeinanderschlagen, "hinten weit, in der Türkei".



    Jacques Julliard macht nun auf ein Drittes aufmerksam: Den Intellektuellen, der sich aus einem Gefühl eigener Insuffizienz heraus am Rohen und Vitalen delektiert.

    Das nun freilich ist ein allgemeines, ein weit über das Thema "Gewalt" hinausreichendes Syndrom: Je weniger vital, je kultivierter, vielleicht dekadenter man selbst ist, umso mehr schätzt man oft das Prollige. Der stets kränkelnde, einzelgängerische Stubengelehrte Friedrich Nietzsche pries den brutalen Machtmenschen. Dem sanften Schöngeist Golo Mann, so las man es kürzlich, konnte es in seiner Phantasie gar nicht brutal genug zugehen; von ungehobelten Matrosen träumte er.

    Der Proletkult des linken Intellektuellen gehört hierher; der Kult des Völkischen beim rechten Intellektuellen.

    Da tippelt der altersschwache Jean- Paul Sartre hinein in die Zelle in Stammheim, um dem rotzigen Terroristen Andreas Baader seine Reverenz zu erweisen.

    Als der etwas erfolgreichere Terrorist Fidel Castro in Havanna die Macht erobert und als erste revolutionäre Tat ein Blutbad angerichtet hatte, wurde er zum Schwarm unzähliger europäischer und amerikanischer Intellektueller. Hans- Magnus Enzensberger siedelte 1968 aus Begeisterung für die Revolution gar nach Cuba über und berichtete aus Havanna:
    ... kann es keine Kultur geben ohne die reale Befreiung der Völker von der ökonomischen Ausbeutung und der politischen Unterdrückung durch die Metropolen, und das heißt heute in erster Linie: von der Herrschaft der Vereinigten Staaten. Diese Befreiung ist, wie die Geschichte der letzten fünfundzwanzig Jahre zeigt, nur durch den bewaffneten Aufstand zu erlangen.
    Da haben wir ihn, den Intellektuellen, der sich am "bewaffneten Aufstand" berauscht. Enzensberger war damals kein verführbarer Jugendlicher mehr, sondern 38 Jahre alt.



    Und was hat das nun mit Pierre- Joseph Proudhon zu tun?

    Ich gestehe, daß es mir wie vermutlich den meisten geht: Ich habe nie etwas von ihm gelesen, sondern kenne ihn nur via Marx, der ihn in "Das Elend der Philosophie" so heruntermachte, wie er jeden heruntergemacht hat, der nicht sein blinder und ergebener Anhänger war. Proudhon war Marx nicht materialistisch genug, zu anarchistisch, zu freiheitlich gesonnen.

    Julliard macht jetzt auf eine andere Seite dieses sehr widersprüchlichen Autors aufmerksam: Seinen Skeptizismus; seine libertäre Haltung. Er verabscheute den Staat in jeglicher, auch in der jakobinisch- sozialistischen Variante. Daß er in einer frühen Schrift Eigentum als "Diebstahl" bezeichnet hatte, weiß jeder. Aber er hat das Eigentum auch das "einzige Gegengewicht gegen den Staat" genannt; dies freilich in einer späteren, erst posthum veröffentlichten Schrift.

    Proudhon war keiner dieser die Gewalt verherrlichenden Intellektuellen. Er war überhaupt kein Intellektueller wie Marx, der verbummelte Student und dann Berufsschriftsteller. Proudhon war ein Handwerker - gelernter Schriftsetzer - und Autodidakt; einer, der, anders als Marx, das Leben kannte. Also ein Skeptiker. Julliard schreibt:
    La gloire immortelle de Proudhon, c'est de s'être dressé comme jamais personne avant lui contre le principe d'autorité et d'avoir tenté de lui substituer une formule contractuelle de la société dont le fédéralisme ou mieux encore le mutualisme sont l'expression politique.

    D'où ses sentiments mêlés à l'égard de la Révolution française, qui certes a eu raison d'abolir la souveraineté royale, mais a eu tort de lui substituer immédiatement la souveraineté populaire, qui ne vaut pas mieux puisque c'est la souveraineté elle-même qu'il s'agit d'abolir pour faire de nous des êtres libres. "L'exploitation de l'homme par l'homme, a dit quelqu'un, c'est le vol. Eh bien ! le gouvernement de l'homme par l'homme, c'est la servitude."

    Der ewige Ruhm Proudhons ist es, sich wie keiner vor ihm gegen das Prinzip der Autorität erhoben und versucht zu haben, an seine Stelle den Entwurf einer auf vertraglicher Basis ruhenden Gesellschaft zu setzen, deren politischer Ausdruck der Föderalismus und besser noch das Prinzip der Gegenseitigkeit sein sollten.

    Deshalb hegte er gemischte Gefühle in Bezug auf die Französische Revolution, die gewiß zu Recht die königliche Souveränität abgeschafft hatte, die sie aber zu Unrecht unmittelbar durch die Volksssouveränität ersetzte. Diese ist nicht besser, denn es ist die Souveränität als solche, die abgeschafft werden muß, um uns zu freien Wesen zu machen. "Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, hat jemand gesagt, sei Diebstahl. Ja nun! Die Regierung des Menschen durch den Menschen ist Sklaverei."
    Da war der sozialistische Nicht- Intellektuelle Proudhon einer liberalen Position näher als der staatssozialistische Intellektuelle Marx; auch er ja ein Befürworter der Gewalt.

    Daß der real existierende Sozialismus à la Sowjetunion und DDR "nicht im Sinn von Marx" gewesen sei, ist ein offenbar schwer auszurottender Irrtum. Wenn es denn jemals so etwas wie einen freiheitliche Idee von Sozialismus gegeben hat, dann fand sie sich gewiß nicht bei dem intellektuellen Tyrannen Marx, sondern bei von ihm (und von den heutigen Marxisten) Verachteten wie Bakunin. Oder eben Pierre- Joseph Proudhon.



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    6. Oktober 2008

    Zitat des Tages: "Gemeinsam das 'Kapital' lesen". Erlebt der Marxismus jetzt eine Renaissance?

    ... sind Linke aus ganz Deutschland vom 1. bis zum 5. Oktober nach Hörste bei Bielefeld gekommen, um unter dem Motto "Marx neu entdecken" gemeinsam mit Wissenschaftlern über die Analyse und Kritik des Kapitalismus zu diskutieren. Sie bereiten die Kapital- Lesebewegung des Studierendenverbandes Die Linke.SDS vor. An 30 Hochschulen werden sich ab Oktober Studierende treffen, um gemeinsam "Das Kapital" zu lesen. (...) Eine derartige Kapital- Lesebewegung gab es seit Jahrzehnten nicht mehr.

    Die kommunistische "Junge Welt" in ihrer heutigen Ausgabe.

    Kommentar: Seit Jahrzehnten nicht mehr? Vermutlich seit zwei Jahrzehnten nicht mehr. 1989 schien es vorbei zu sein mit dem Marxismus. Jetzt steht ihm möglicherweise eine Renaissance bevor.

    Bestätigt nicht die gegenwärtige Finanzkrise Marx? Krisenhaftigkeit des Kapitalismus. Das Kreditwesen als Mitverursacher von Krisen:

    "Gleichzeitig beschleunigt der Kredit die gewaltsamen Ausbrüche dieses Widerspruchs, die Krisen, und damit die Elemente der Auflösung der alten Produktionsweise" - dieser Satz aus dem Dritten Band des "Kapital" mag dem Marxisten in diesen Tagen als hellsichtige Prophezeiung erscheinen.

    Nur ist der erste Teil des Satzes ja eine Binsenweisheit. Und das im zweiten Teil Behauptete, die prognostizierte "Auflösung der alten Produktionsweise", ist heute so wenig in Sicht, wie das zur Zeit von Marx der Fall war.

    Der Kapitalismus erzeugt Krisen, das ist wahr. Der Sozialismus ist eine einzige Krise.

    Fehlentwicklungen führen im Kapitalismus zu Krisen, die manchmal einen sanften, manchmal, wie jetzt, einen eruptiven Charakter haben. Ihre Folge sind Korrekturen, Anpassungen, Differenzierungen, wie das griechische "Krisis" (Unterscheidung, Entscheidung, Trennung, Wende) das ja auch ausdrückt.

    In einem Wirtschaftssystem, das weitgehend ohne Rückmeldungen funktioniert, wie dem des real existierenden Sozialismus, können solche offenen Krisen lange ausbleiben. Die Fehlentwicklungen laufen unkorrigiert weiter, bis sie gar nicht mehr korrigierbar sind und das ganze System kollabiert oder, wie man es 1989/90 gern nannte, "implodiert".

    Daß ein planwirtschaftliches System weniger anfällig für Fehlentwicklungen wäre als das kapitalistische, ist eine Mär. Aber Sagen sind ja langlebig.

    Jetzt lesen sie also wieder ihren Marx, die linken Studenten. Und manche werden sich wieder, wie einst vor vierzig Jahren, vom Blitzen und Donnern seiner Sprache verführen lassen.



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    11. Juni 2008

    Anmerkungen zu Sigmund Freud (1): Freud, Marx, Einstein

    Sie in einem Atemzug zu nennen ist nachgerade zum Topos geworden.

    Die drei genialsten Wissenschaftler des 19. und 20. Jahrhunderts. Alle drei zwar keine religiösen Juden, aber doch in der jüdischen Kultur verwurzelt, so wie alle drei auch in der deutschen Kultur zu Hause waren.

    Alle drei hätten, so heißt es, das wissenschaftliche Weltbild radikal verändert, jeder in einem anderen Bereich: Marx das der Sozialwissenschaften, Einstein das der Naturwissenschaften und Freud das der Humanwissenschaften.

    Alle drei hätten, so sagt man, unsere Sicht auf den Menschen und die Welt relativiert: Marx, indem er das, was wir für Wahrheit halten, als auf materielle Interessen gegründet entlarvte; Einstein, indem er den Dimensionen der Zeit und des Raums ihren absoluten Charakter nahm; Freud, indem er - so hatte er selbst es formuliert - nachwies, daß unser Ich "nicht Herr im eigenen Haus" ist.



    Das ist ja nicht ganz falsch. Aber etwas Entscheidendes wird übersehen, wenn man die drei in dieser Weise nicht nur nebeneinander, sondern auf dieselbe Stufe stellt: Ihr ganz unterschiedlicher wissenschaftlicher Rang.

    Einstein war ein schon zu seiner Zeit, erst recht heute, von der Fachwelt anerkannter Ausnahmewissenschaftler. Jemand, dessen Theorien weitgehend die experimentelle Nachprüfung bestanden haben und inzwischen längst in der Technik genutzt wären; GPS zum Beispiel könnte ohne die Berücksichtigung der Allgemeinen Relativitätstheorie gar nicht exakt funktionieren.

    Karl Marx andererseits war zu Lebzeiten niemals in der Fachwelt anerkannt; in keiner der zahlreichen Disziplinen, in denen er dilettierte, von der Philosophie, die er zu studieren vorgegeben hatte, über die Jurisprudenz, deren Doktorgrad er von einer Universität erhielt, an der er niemals studiert hatte, bis hin zur Geschichtswissenschaft, zur Nationalökonomie, zur Soziologie, von denen er behauptete, er habe sie auf neue Grundlagen gestellt.

    Marx war kein Wissenschaftler. Er war ein in diversen Wissenschaften dilettierender Amateurphilosoph, dessen Philosophie alle Züge einer Erlösungsreligion trug. Insofern kann man ihn als einen Religionsgründer sehen; den Gründer einer vierten großen Offenbarungsreligion, nach Moses, Christus und Mohammed.

    Wie in den drei anderen Religionen hat sich um die Schriften und Lehren des Gründers herum auch im Marxismus eine zeitweise bedeutende Gelehrsamkeit entwickelt; was den Eindruck erzeugen kann, auch Marx sei ein Wissenschaflter gewesen. Er war das aber, pointiert gesagt, so wenig wie Mohammed.



    Und Freud? Ich habe Einstein und Marx natürlich konstrastiert, um in Bezug auf Freud die Frage zu stellen, um die es mir geht: Ist er, was den wissenschaftlichen Rang angeht, auf dieselbe Stufe zu stellen wie Marx? War er also nur der Gründer einer in diesem Fall nicht Religion, aber doch Sekte? Oder spielt er für die Erforschung der menschlichen Psyche eine ähnliche Rolle wie Einstein für das Verständnis der physischen Welt?

    Beide Sichten auf ihn gibt es nicht nur heute, sondern gab es schon zu seinen Lebzeiten.

    Freud schaffte es, binnen einiger Jahrzehnte aus den Ideen eines Einzelgängers, der anfangs nur den Psychiater Breuer und den HNO-Arzt Fließ zu Gesprächspartnern gehabt hatte, eine große wissenschaftliche Bewegung zu machen, die an Universitäten in vielen Ländern Fuß fassen konnte. Aber zugleich zog er eine Ablehnung, ja einen Haß auf sich, wie sie kaum ein anderer Wissenschaftler des 19. oder 20. Jahrhunderts erleben mußte.

    Das hält bis heute an. Noch immer gibt es "Freudianer", die in Freuds Werken in ähnlicher Weise unumstößliche Wahrheiten finden, wie die Schriften von Marx und Engels für orthodoxe Marxisten den Rang Heiliger Schriften haben. Und noch immer gibt es Stimmen, die in Freud einen Scharlatan sehen, einen Mann, der wie Marx nur vorgab, ein Wissenschaftler zu sein.

    Aus meiner Sicht sind diese beiden Positionen ungefähr gleich weit von einer gerechten Beurteilung der Leistungen Freuds entfernt.

    Freud ist es nicht gelungen, wissenschaftliche Erkenntnisse von einer ähnlichen Solidität zu finden wie Einstein; nachprüfbar und der Nachprüfung standhaltend. Kaum eine seiner Behauptungen kann heute, nach rund einem Jahrhundert psychoanalytischer Forschung und der Forschung zur Psychoanalyse, als zweifelsfrei bestätigt gelten.

    Aber anders als Marx war Freud ein ernsthafter und auch ein großer Wissenschaftler, der sich der Grenzen seiner Methoden bewußt gewesen ist und der seine Theorien immer wieder im Licht neuer empirischer Daten überprüft und modifiziert hat.

    Wie paßt das zusammen? Wie kann man jemanden als einen großen Wissenschaftler rubrizieren und zugleich sagen, daß selbst nach hundert Jahren sich keine seiner Behauptungen unanfechtbar bestätigt hätte? Dazu einige Gedanken im zweiten Teil.



    Mit Dank an den geschätzten Bloggerkollegen Califax, dessen Kritik an Freud mich zu dieser kleinen Serie angeregt hat. - Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    15. April 2008

    Zitat des Tages: Obamas Verachtung für das bürgerliche Amerika

    He’s disdainful of small-town America — one might say, of bourgeois America. He’s usually good at disguising this. But in San Francisco the mask slipped. And it’s not so easy to get elected by a citizenry you patronize.

    And what are the grounds for his supercilious disdain? If he were a war hero, if he had a career of remarkable civic achievement or public service — then he could perhaps be excused an unattractive but in a sense understandable hauteur. But what has Barack Obama accomplished that entitles him to look down on his fellow Americans?


    (Er verachtet das kleinstädtische Amerika - man könnte sagen, das bürgerliche Amerika. Gewöhnlich kann er das gut verbergen. Aber in San Franciso fiel die Maske. Und es ist nicht so ganz leicht, von einer Bevölkerung gewählt zu werden, die man von oben herab behandelt.

    Und was sind die Gründe für seine hochmütige Verachtung? Wenn er ein Kriegsheld wäre, wenn er auf eine Karriere mit bemerkenswerten Leistungen im öffentlichen Leben oder als Staatsdiener zurückblicken könnte - dann könnte man das vielleicht als eine unangenehme, aber in gewisser Weise verständliche Hochnäsigkeit entschuldigen. Aber was hat Barack Obama geleistet, das ihm das Recht gibt, auf seine amerikanischen Mitbürger herabzusehen?)

    William Kristol gestern in der New York Times über die Bemerkungen, die Barack Obama am 6. April in San Franciso über die Kleinstadt- Amerikaner gemacht hatte. Er hatte gesagt:
    It’s not surprising then that they get bitter, they cling to guns or religion or antipathy to people who aren’t like them or anti-immigrant sentiment or anti-trade sentiment as a way to explain their frustrations.

    Also, es ist nicht verwunderlich, daß sie verbittert werden, daß sie sich an ihre Waffen oder Religion oder an ihre Antipathie gegen Menschen klammern, die nicht wie sie sind, oder an Ressentiments gegen Immigranten oder gegen den Freihandel, als eine Art, sich ihre Frustrationen zu erklären.
    Kommentar: Ich habe in letzter Zeit wenig über Barack Obama geschrieben, weil ich den Eindruck hatte, über ihn das geschrieben zu haben, was ich sagen habe, und es in Diskussionen in "Zettels kleinem Zimmer" verdeutlicht zu haben.

    Deshalb habe ich auch zunächst nicht auf die Kontroverse über dieses Zitat in San Franciso reagiert. Ich zitiere jetzt aber doch Kristol, weil er in seinem Kommentar auf etwas aufmerksam macht, was mir entgangen war: Daß diese Verachtung Obamas für den Kleinbürger, für den "Spießer" in der Tradition von Karl Marx liegt, der sich z.B. über die Religion als das "Opium des Volkes" alteriert hat.

    Obama ist auch in dieser Hinsicht ein typischer Linker: Populistisch in seinem Versprechen der ganz großen Veränderung (das "Reich der Freiheit" sagten die Achtundsechziger gern, auch das natürlich ein Marx-Zitat), aber keineswegs nah beim Volk, wenn es um dessen popelige Sorgen und Ängste geht.

    "Das Volk" als ein Abstraktum heben sie gern in den Himmel, diese Linken. Aber die real existierende Bevölkerung, Kleinbürger und Spießer in ihren Augen, die verachten sie.



    Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    9. November 2007

    Horst Mahler - ein deutscher Denker, ein deutscher Täter: Ein Rückblick auf Hegel und Marx

    Es mußte einmal passieren, und im Nachhinein fragt man sich, warum es so lang gedauert hat: Daß einer Hegel und Hitler so miteinander verknotet, wie Marx das mit Hegel und Feuerbach gemacht hat.

    Der das tut, ist Horst Mahler, einst Chef- Ideologe der sogenannten RAF, heute ein Neonazi. Mitgeteilt hat er die Weltanschauung, die er sich aus Hegel und Hitler zusammengezimmert hat, in einem Interview mit Michel Friedman für "Vanity Fair", das im Netz nachzulesen ist.

    Dazu zunächst eine kurze Rekapitulation: Wie war das doch gleich, als Marx Hegel vom Kopf auf die Beine gestellt hat?



    Was sich bei Hegel in der Welt des Geistes abspielt - das ewige dialektische Wechselspiel von These, Antithese und dann der Synthese, die den Gegensatz "aufhebt", in allen schwäbischen Bedeutungen dieses Worts (bewahren, erhöhen, beseitigen) - , das packte sich Marx mit festem Griff und verfrachtete es in die materielle Welt.

    Nicht Ideen negieren nach Marx einander, aus ihrem Widerstreit die Synthese gebärend. Sondern die Dialektik steckt in den Sachen selbst, in der materiellen Welt. In der Natur, wie Engels es in einer versponnenen, verbohrten Schrift ("Dialektik der Natur") nachzuweisen trachtete. Vor allem aber in der menschlichen Gesellschaft; in ihrer Geschichte.

    Also zum einen der dialektische Materialismus, diese ontologische Position, wonach die Dialektik der materiellen Welt selbst eigen ist: Hegel "umgestülpt", wie Marx es formulierte. Und das dann auf Gesellschaft und Geschichte angewandt: der Historische Materialismus.

    In der menschlichen Geschichte nimmt die Dialektik, so malte Marx es sich aus, die Gestalt von Klassenkämpfen an. So, wie in der Welt alles sein eigenes Gegenteil, seine Negation besitzt, ja hervorbringt - so leben die Menschen seit dem Sündenfall der Arbeitsteilung und damit des Privatbesitzes in einander dialektisch bedingenden Klassen.

    Hegel hatte das an der Dialektik von Herr und Knecht entwickelt - der Herr wäre nicht Herr ohne den Knecht, aber auch der Knecht bedarf des Herrn, für seine Identität, sein "Selbstbewußtsein". Es ist ein Kampf auf Leben und Tod, in dem der Herr den Knecht unterjocht. Der freilich, indem er der Arbeitende ist, der damit die Natur Beherrschende, am Ende gar der Stärkere ist.

    Marx stülpte dieses Schema - bei Hegel so etwas wie eine just so story, eine in die Vergangenheit projizierte Fiktion - der gesamten Geschichte über. Sklavenhalter und Sklaven, Feudalherren und ihre Leibeigenen, schließlich Kapitalisten und Lohnabhängige - das sind die historischen Formen, in denen sich für Marx diese Dialektik von Herr und Knecht zeigte.

    Aus der zwar säkularisierten, aber doch geistigen Heilsgeschichte, in der bei Hegel der Weltgeist zu sich selbst kommt, ist so bei Marx die Geschichte als eine Folge von Klassenkämpfen geworden, in denen sich die Produktivkräfte entfalten und die ihrerseits durch die Entfaltung der Produktivkräfte vorangetrieben werden. Bis schließlich, einem Armageddon gleich, sich alles auf's letzte Gefecht zuspitzt - zwischen einem immer mehr angewachsenen und zugleich immer mehr verelendeten Proletariat und seinem Widerpart, dem Kapital.

    Und in einer dialektischen Wendung zum Guten wird dann aus der extremsten Klassengesellschaft, so erwartete es Marx, die klassenlose Gesellschaft hervorgehen. Zwangsläufig. Mit wissenschaftlicher Gewißheit. Denn wie soll es in einer nach den Gesetzen der Dialektik funktionierenden Welt anders zugehen, als daß aus der extremsten Unterdrückung die extremste Freiheit, daß aus der äußersten Ungerechtigkeit die vollkommene Gerechtigkeit, daß aus der Hölle das Paradies entspringt?

    Die Interessen des Proletariats werden mit dem gesamtgesellschaftlichen Interesse zusammenfallen, so erträumte es sich Marx. Und just aus der ungerechtesten Ausbeutung wird die freieste, gerechteste Gesellschaft hervorgehen, die die Welt gesehen hat, seit Adam grub und Eva spann.

    Gewiß, es wird einen Übergang geben. Er hat ihm nicht viel Nachdenken gewidmet, der Marx. Sich dazu geäußert in Randbemerkungen, Marginalien zum "Gothaer Programm" der Sozialdemokraten. Ausgearbeitet hat er das nie.

    Diktatur des Proletariats, die Übergangsstufe des Sozialismus, nun ja. Sollten die Gesetze, die die menschliche Geschichte in ihrem Griff haben, walten. Am Ende würde jedenfalls mit zwingender Notwendigkeit der dialektische Gegensatz zur kapitalistischen Ausbeutergesellschaft stehen, das "Reich der Freiheit". Der Kommunismus.

    Ende gut, alles gut. All's well that ends well. Und dann fuhren sie alle ans Meer, wie Melina Mercouri in "Sonntags nie" immer sagte.



    Es ist Mythologie, Verheißung, es ist eine notdürftig säkular kaschierte Religion, was Marx verkündete. Recht enthusiastisch in den Frühschriften. Später sozusagen verhalten. Über das, was nun einmal gesetzmäßig geschehen muß, braucht man nicht groß zu spekulieren; das war wohl die Meinung des alten Marx. Jedenfalls würde es kommen, mußte es kommen, das Paradies auf Erden. Eine Welt, in der es möglich sein wird, "morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren".

    Das Kritisieren vor allem, das sich auszumalen dürfte ihm gefallen haben, diesem damals 28jährigen Karl Marx, dessen Schibboleth sein Leben lang die "Kritik" gewesen ist.

    Später hütete Marx sich, so naiv-gläubig seine Visionen mitzuteilen. Das tut ein Wissenschaftler nicht, für den er sich hielt. Aber der Glaube an das kommunistische Paradies ist ihm nie vergangen, diesem Sproß einer alten Rabbinerfamilie, diesem Schüler des in Gedankenwelten schwelgenden Georg Wilhelm Friedrich Hegel.



    Soweit diese kleine Erinnerung an das, was der geistige Hintergrund des Horst Mahler ist: Hegel und Marx.

    Oder vielmehr Marx und Hegel. Denn Mahler ist bei seiner Befassung mit diesen seinen beiden Helden sozusagen rückwärts gegangen: Als er sich im "Republikanischen Club" politisierte, als er dann zum Chefideologen der "Rote Armee Fraktion" wurde, deren ganz auf Marx basierende programmatische Schrift "Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa" er verfaßte, da hatte er Marx studiert, wie damals so viele. Als er später für zehn Jahre im Gefängnis saß, ging er mit seinen Studien zurück zu Hegel.

    Keine Frage, daß dieser hochintelligente, wenn auch auf eine unglaubliche Weise verbohrte, unbelehrbare Mann an der Grenze zu paranoiden Phantasien, daß dieser Horst Mahler in den Jahren in seiner Zelle Hegel wirklich gründlich studiert hat.

    Wie der junge Marx. Und wie dieser hat er, der wie Marx (und anders als Hegel) nicht nur ein Denker, sondern vor allem ein Täter war, es unternommen, Hegel "umzustülpen".

    Wie Marx ist Mahler ein materialistischer Dialektiker, der die Geschichte als eine unablässige Folge von Kämpfen sieht. Wie bei Marx sind die Protagonisten dieser Kämpfe ihrer Gattung nach immer dieselben. Bei Marx die Klassen. Bei Mahler die Völker. Das deutsche und das jüdische zumal. Dialektisch einander entgegenstehend und zugleich in dieser Dialektik aufeinander angewiesen, wie eben bei Hegel Herr und Knecht.

    Damit schafft Mahler es, mit einer Volte seine linksextreme Vergangenheit mit seiner Gegenwart als Rechtsextremist zu verbinden: Der Feind bleibt im Grunde in seinen Augen derselbe. Nur hatte man ihn damals, so denkt er es sich heute, als den Imperialismus mißverstanden. Während er in Wahrheit das Judentum gewesen war und ist, in Mahlers bizarrer Welt. In die nämlich inzwischen als Dritter, neben Marx und Hegel, Adolf Hitler getreten ist.

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    30. August 2007

    Randbemerkung: Kinderarbeit in Kambodscha

    In den deutschen Medien habe ich es nicht gefunden, aber der "Nouvel Observateur" hat seit heute Mittag die Meldung: Eine kambodschanische Menschenrechts- Organisation, LICADHO, hat gestern einen Bericht über ihre Kampagne gegen die Kinderarbeit in Kambodscha vorgelegt.

    Kambodscha? Eines dieser Länder, die bis in die sechziger Jahre so gut wie unbekannt gewesen waren, die dann für zwei Jahrzehnte - während des Vietnam-Kriegs, während und unmittelbar nach der Schreckensherrschaft der Khmer Rouge - im Fokus weltweiter Aufmerksamkeit standen und die danach wieder in den unbeleuchteten Hintergrund der Weltbühne verschwanden.

    Als ich kürzlich etwas über politische Prozesse in Kambodscha gelesen habe und das hier kommentieren wollte, mußte ich erst einmal nachsehen, wie dort im Augenblick die politische Situation ist.

    Also - so entnehme ich es der Wikipedia - : Nachdem die Vietnamesen 1978 durch ihren Einmarsch dem Schreckensregime der Khmer Rouge ein Ende gemacht hatten, begann eine Zeit des Bürgerkriegs; denn die Khmer Rouge gaben sich den Vietnamesen nicht geschlagen und kämpften als Guerrilleros weiter.

    Das ging bis Ende der achtziger Jahre; erst 1991 trat ein von der UNO vermittelter Friedensvertrag in Kraft. Seit 1993 gibt es eine demokratische Verfassung, die aber - so sagen es jedenfalls Oppositionelle - keineswegs den dominierenden Einfluß der kommunistischen Herrenschicht gebrochen hat. Das Land wird von Transparency International als eines der korruptesten der Welt eingestuft.



    Die LICADHO ist eine kambodschanische Menschenrechts- Organisation, die 1993 gegründet wurde; mit dem Ziel, die Einhaltung der Menschenrechte zu fördern, Menschenrechts- Verletzungen zu dokumentieren, politisch Verfolgte zu unterstützen und vor allem für die Rechte von Frauen und Kindern einzutreten.

    In dem gestern publizierten Bericht wird auf Aktionen hingewiesen, die LICADHO gegenwärtig in Kambodscha unternimmt, um auf das Problem der Kinderarbeit aufmerksam zu machen. Die Zahl der betroffenen Kinder wird auf über 1,5 Millionen (bei einer Bevölkerung von ungefähr 14 Millionen) geschätzt. Ungefähr eine Viertel Million Kinder arbeiten unter schwersten Bedingungen in Ziegel- Brennereien, Bordellen, Minen und in der Herstellung von Drogen.

    Die Pressemitteilung enthält hauptsächlich Informationen über die einschlägigen Aktivitäten von LICADHO wie Demonstrationen und Kundgebungen sowie über die juristische Lage in Kambodscha, was Kinderarbeit angeht.

    Weiterhin werden werden zwei Fälle aus diesem Jahr dokumentiert:
  • Ein 14jähriges Mädchen verlor bei der Arbeit in einer Ziegelbrennerei einen Arm, als es eine Maschine bediente. Es war von seinem Vater zur Arbeit in dieser Fabrik geschickt worden, weil dieser bei der Fabrik mit einer Million Riel (250 Dollar) verschuldet war. Das Kind mußte die Schule aufgeben, um die Schuld abzuarbeiten.

  • Ein 13jähriger Junge verlor vier Finger, als er eine Maschine zu bedienen versuchte. Es war sein erster Arbeitstag in der Ziegelfabrik, in der er arbeiten wollte, um sich das Geld für ein Fahrrad zu verdienen. Dieses brauchte er, um die weit von seiner Wohnung entfernte Schule besuchen zu können.
  • Man darf vermuten, daß diese Fälle nur deshalb aktenkundig geworden sind, weil die beiden Kinder Opfer von Arbeitsunfällen waren.



    Die Zahl der Opfer von Kinderarbeit weltweit wird von der UNICEF auf 218 Millionen geschätzt. Nicht eingerechnet die Kinder, die im Haushalt, im Geschäft der eigenen Familie arbeiten müssen. Nicht eingerechnet vermutlich die Kindersoldaten in Afrika.



    Karl Marx übrigens war ein Befürworter der Kinderarbeit:
    Allgemeines Verbot der Kinderarbeit ist unverträglich mit der Existenz der großen Industrie und daher leerer frommer Wunsch. Durchführung desselben – wenn möglich – wäre reaktionär, da, bei strenger Regelung der Arbeitszeit nach den verschiednen Altersstufen und sonstigen Vorsichtsmaßregeln zum Schutz der Kinder, frühzeitige Verbindung produktiver Arbeit mit Unterricht eines der mächtigsten Umwandlungsmittel der heutigen Gesellschaft ist.
    Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms. Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei (1875)

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    5. Juni 2007

    Wir Achtundsechziger (2): Wieso eigentlich "Achtundsechziger"?

    Das Jahr 1962 war, wie im ersten Teil beschrieben, in Deutschland der Beginn der Bewegung, die - so heißt es jedenfalls - 1968 kulminierte.

    Die "Spiegel"- Affäre machte uns, die wir damals um die zwanzig waren, sensibel für die Gefährdung der Demokratie durch den Staat selbst.

    Wir hätten freilich aus ihr auch lernen können, wie gefestigt unsere deutsche Demokratie schon damals war. Denn Augstein obsiegte ja.

    Keine einzige Nummer des "Spiegel" fiel aus. In Augsteins Auftrag hatte, als dieser im Gefängnis saß und die Bibel studierte, (Claus) Leo Brawand(t) die Redaktions- Leitung übernommen.

    Brawandt war der Verhaftung entgangen, weil er zum Zeitpunkt der Razzia im Schrank gewesen war. ("Ich gehe immer in den Schrank, wenn ich nachdenken will").

    Am Ende stand Strauß als der Übeltäter da, und sein Traum von der Kanzlerschaft war ausgeträumt. Die Auflage des "Spiegel" dagegen stieg und stieg.

    Aber eine Bewegung war entstanden. Staatskritisch, skeptisch. Sich langsam radikalisierend. Natürlich von den DDR- Kommunisten nach Kräften gesteuert.



    War es wirklich 1968, als dann diese Bewegung kulminierte? Nein, eigentlich nicht. Ich habe mich oft gefragt, wo eigentlich dieser Begriff der "Achtundsechziger" herkommt.

    Ich glaube, er ist nichts als eine historische Anleihe. Es gab im 19. Jahrhundert die "Achtundvierziger", die Rebellen des Jahrs 1848. Diejenigen, über die, sofern sie alles heil überlebt hatten, gereimt wurde (das Heckerlied gibt es in vielen Versionen):
    Er hängt an keinem Baume,
    er hängt an keinem Strick,
    er hängt an seinem Traume
    von der deutschen Republik.
    Daher kommen vermutlich die "Achtundsechziger".

    In Deutschland war dieses Jahr kein in der Geschichte der Bewegung herausragendes.

    In Frankreich vielleicht schon eher, der "Mai '68'", als auf dem Boul' Mich' die Studenten demonstrierten, und als zugleich in Nanterre die Renault- Arbeiter streikten.

    Ich war damals in Paris; nicht bei den Arbeitern, aber auf dem Boul' Mich'.

    Aber in Deutschland war das einschneidende Ereignis viel eher der Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967.

    Nur - "Siebenundsechziger", das klingt eben nicht so toll. Da fehlt halt der Anklang.



    Für mich war 1967 ein wichtiges Jahr.

    Ich war damals ein hoffnungsvoller Jung- Wissenschaftler, "Wissenschaftlicher Assistent, m.d.V.b."; so hieß das.

    Ich ging, selbstverständlich, im Anzug und mit Schlips in die Uni; nein, die Universität. Die Studenten siezten sich untereinander, ich sie natürlich - und sie mich - auch.

    Die Prüfungskandidaten erschienen im dunklen Anzug; die Kandidatinnen im Kleinen Schwarzen. Bei den Prüfungsterminen waren die Gänge voll dieser schwarzen Gestalten, die nervös auf- und ab gingen.

    Nach der Prüfung erfuhr man nicht das Ergebnis; das wurde erst bei der Überreichung des Zeugnisses feierlich verkündet.

    Ich hätte es nie gewagt, von mir aus am Zimmer meines Chefs anzuklopfen. Wenn ich mit ihm reden wollte, dann bat ich um einen Termin. Wenn er mich zu sich bat, dann fürchtete ich, daß es ein Problem gab.



    Dann brach sozusagen die Studentenbewegung über mich herein.

    Studenten hatten - ungewöhnlich, aber nicht gänzlich abwegig - eine Diskussionsveranstaltung organisiert. Es waren verschiedene Prominente für das Podium eingeladen worden, alles Professoren. Die Studenten fragten mich, ob ich nicht den "Werner Höfer" abgeben wollte, den neutralen Diskussionsleiter.

    Das machte ich, schlecht und recht. Die Diskussion verlief ungewöhnlich turbulent, weil sich - ganz unüblich - Redner aus dem Publikum meldeten; teilweise recht rüde. Ich war froh, als ich das halbwegs bewältigt hatte.

    Danach luden die Studenten, die das organisiert hatten, die Podiumsteilnehmer zu einer "Nachbesprechung" in ein Studentenwohnheim ein.



    Und da saßen wir nun alle auf dem Boden, die Professoren und ich. Auf gleicher - geringer - Höhe wie die Studenten.

    Seltsam genug.

    Und diese Studenten, diese Studentinnen waren "unheimlich" (ein Wort, das ich in dieser Bedeutung auch gar nicht gekannt hatte) nett zu uns. Ich erinnere mich an eine fast blinde Studentin, die aus den USA gekommen war. Gut möglich, daß sie von dort vieles mitgebracht hatte,

    Nett waren sie, diese Studenten. Aber auch in einer Weise "distanzlos", wie man damals sagte, die mich nachgerade fassungslos machte.

    Eine Studentin fragte einen Professor, was er sich eigentlich von seiner Forschung erwarte. Ob er überhaupt glücklich sei.

    Mich fragte jemand, wie ich denn meine Zukunft sehen würde. Welche Träume ich denn hätte.

    Es wurde gefragt, wozu denn Wissenschaft überhaupt gut sei. Ob wir eigentlich "reflektieren" (auch so ein Wort) würden, was mit den Ergebnissen unserer Forschung angerichtet werden könnte.

    Es wurde eine lange Nacht. Ich fing an, auf diese Fragen einzugehen, auch Professoren taten es (andere verschwanden sehr schnell).

    Es war eindrucksvoll. Es hat mich sehr zum Nachdenken gebracht.



    Ich weiß nicht, wie repräsentativ das ist für die Art, wie man damals mit der "Bewegung" in Kontakt kam. Mich jedenfalls hat es geprägt.

    Ich habe danach den Kontakt zu diesen Studenten gesucht, ich bin in die einschlägigen Kneipen gegangen. Ich habe an vielen Diskussionen teilgenommen - über Marx natürlich, über Freud, über Mao dann, über Reich, über Marcuse. Alte Texte wurden als Raubdrucke wieder verfügbar gemacht; das habe ich alles gekauft und gelesen.



    Es war befreiend.

    Ich habe bald in der Uni keinen Anzug mehr getragen, sondern eine Lederjacke.

    Ich habe linke Literatur gelesen; mich durch das "Kapital" hindurch gearbeitet, die vier oder fünf Bände der Werke von Rosa Luxemburg.

    Mit den Kommunisten konnte ich mich nie anfreunden; aber ich bin in die SPD eingetreten.

    Und damit in eine Welt gekommen, die ich nicht gekannt hatte: Ein Ortsverein in einem Arbeiter- Vorort. Die Genossen waren fast alle Stahlarbeiter oder Gewerkschaftsfunktionäre. Menschen, mit denen ich - außer vielleicht in einer Kneipe - nie Kontakt gehabt hätte.

    Sie haben mich beeindruckt; ich habe zum ersten Mal gemerkt, daß ich auf vielen Gebieten dem "einfachen Mann" weit unterlegen war.

    Natürlich war ich in gewisser Weise ein besonderer Vogel unter diesen Arbeitern; aber die abgehärteten und trickreichen SPDler, von denen die Älteren ja die Nazi- Zeit überstanden hatten, ließen sich von akademischen Graden nicht sonderlich blenden. Sie wählten mich zum "Bildungsobmann", und das war's denn auch.



    Fazit: Diese Aufbruchszeit der späten sechziger Jahre hat mir ein großes Maß an neuen, an interessanten Erfahrungen gebracht, die ich nicht missen möchte.

    Niemand hätte damals gedacht, daß am Ende dieser "Bewegung" Kriminelle das Bild bestimmen würden.

    8. Mai 2007

    Randbemerkung: Christian Klar, die Waffe der Kritik, die Kritik der Waffen

    Haben Sie sich damals auch gefragt, wie der einsitzende Mörder Christian Klar eigentlich dazu gekommen ist, eine Grußbotschaft an eine Konferenz, die "Rosa- Luxemburg- Konferenz" im Januar dieses Jahres, zu richten?

    Mir kam das damals seltsam vor; aber nun ja, es wurde halt nichts darüber berichtet. Der Vorgang selbst war ja zunächst von der nichtkommunistischen Presse übersehen und erst mit einer Verzögerung von sechs Wochen berichtet worden. Für den Hintergrund dieser seltsamen Grußbotschaft schien sich damals kein Journalist zu interessieren.

    Jetzt hat die Mitteldeutsche Zeitung enthüllt, wie es denn damals zu dieser Grußbotschaft gekommen war: Christian Klar war keineswegs von sich aus auf diese Idee gekommen, sondern er war dazu eingeladen worden.

    Und wer hatte ihn gebeten, den Serienmörder, eine Grußadresse an diese "Rosa- Luxemburg- Konferenz" zu richten? Laut MZ kein Geringerer als Heinrich Fink, einst Rektor der Humboldt- Universität. "Stasi-belastet", wie die MZ schreibt. Wir erinnern uns an den IM "Heiner".



    So eingestimmt, habe ich eben gelesen, was die kommunistische "Junge Welt" über die Entscheidung Köhlers schreibt. Unter der Überschrift: "Köhler gnadenlos" erfährt man dort:
    Kritik kam dagegen von der Linksfraktion. Deren innenpolitische Sprecherin Ulla Jelpke erklärte, die Entscheidung sei vor dem Hintergrund einer "von Regierungspolitikern und Medien künstlich aufgeheizten RAF-Debatte" gefallen. Wegen seiner Kritik am Kapitalismus wollten Politiker wie der bayerische Ministerpräsident Stoiber Klar "bis an sein Lebensende hinter Gittern wissen", fügte sie hinzu.
    Für den Nichtkommunisten klingt das etwas seltsam, neun Morde als "Kritik am Kapitalismus" zu bezeichnen, nicht wahr?.

    Nicht freiliich vermutlich für die Kommunistin Jelpke, die gewiß ihren Marx gelesen hat.

    Denn wie schrieb der in der "Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie":
    Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt (...).
    So sehen sie es, die Kommunisten. Und wer glaubt, sie würden die RAF-Verbrecher aus einem anderen Grund kritisieren als dem, daß sie zur falschen Zeit zur revolutionären Gewalt gegriffen haben, der hat nichts vom Marxismus verstanden.

    Genossen bleiben Genossen. Auch wenn sie einen taktischen Irrtum begangen haben.