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9. September 2009

Zettels Meckerecke: Jetzt aufrufen sie wieder. Fünfundzwanzig Experten sagen uns, was in Afghanistan getan werden muß

In der Zeitschrift "Der Freitag" ist gestern ein "Aufruf" erschienen. Fünfundzwanzig Menschen rufen auf.

Was rufen sie? Sie rufen: "Im Laufe der kommenden zwei Jahre soll Deutschland seine militärische Präsenz in Afghanistan beenden."

Im Lauf von zwei Jahren. Sie sagen auch, was in diesen zwei Jahren geschehen soll: "Schritt für Schritt muss sich die Bundeswehr zurückziehen und müssen zivile Aufbauorganisationen an ihre Stelle treten".

Ein interessanter Plan. Welche Afghanistan- Experten mögen zu dem Ergebnis gekommen sein, daß innerhalb von zwei Jahren die Taliban so weit besiegt oder jedenfalls geschwächt sein können, daß Zivilisten unbehelligt das Land aufbauen können? Welche Informationen mögen sie haben, die diese erstaunliche, von keinen anderen Experten geteilte Lagebeurteilung hervorgebracht haben?

Ich scherze natürlich. Von denjenigen, die diesen "Aufruf" unterzeichnet haben, ist kein einziger bisher als Experte für Afghanistan, für counterinsurgency und counterterrorism, für das schwierige Geschäft der Bekämpfung islamistische Aufständischer hervorgetreten.

Unter denen, die sich das Urteil zutrauen, die Bundeswehr "müsse" sich innerhalb von zwei Jahren zurückziehen, sind vielmehr unter anderem ein Regisseur (Jürgen Flimm), ein Übersetzer (Harry Rowohlt), eine Schauspielerin (Katharina Thalbach) und etliche Schrifsteller - unbekannte, aber auch einige bekannte wie Peter Hamm, Christoph Hein sowie Elfriede Jelinek, die als Österreicherin offenbar auch gern einmal mitreden möchte, wenn es um die deutsche Bundeswehr geht.

Und - das war für mich allerdings eine Überraschung - Martin Walser, der sich sonst bekanntermaßen den Luxus einer eigenen Meinung leistet.

Wie kommt es zu einem solchen "Aufruf"?

Wie viele Bürger haben diese fünfundzwanzig Menschen - in der DDR wäre der Oberbegriff für das, was sie beruflich tun, "Kulturschaffende" gewesen - eine Meinung zum deutschen Engagement in Afghanistan. Eine Meinung, die sich vermutlich aus dem speist, was sie gelesen haben, was sie im TV sehen, was sie im Bekanntenkreis diskutieren.

Eine Meinung, vielleicht so begründet wie die Ihrige, lieber Leser. Vermutlich weniger, denn Sie lesen einen politischen Blog; wollen sich also gründlicher informieren als nur über die gängigen Medien.

Was veranlaßt diese fünfundzwanzig Kulturschaffenden, ihre persönliche Meinung zu Afghanistan in einem "Aufruf" kundzutun? Exhibitionismus? Die überwertige Idee, sie wüßten mehr, sie hätten den besseren Durchblick, sie seien bessere politische Analytiker als andere Bürger?

Ich weiß es nicht. Eitelkeit und Selbstüberschätzung sind Eigenschaften, die man bei Kulturschaffenden häufig findet; eine Déformation Professionelle. Das liegt vermutlich daran, daß sie auf den Beifall des Publikums angewiesen sind.



Für mich ist dieser "Aufruf" so etwas wie eine Zeitreise. Denn in den siebziger, in den achtziger Jahren war derlei nachgerade endemisch: Das Auftreten von Menschen, die von dem Drang erfaßt waren, ihre Meinung zu Diesem, zu Jenem, eigentlich fast zu Allem in "Aufrufen", "Manifesten" und dergleichen öffentlich mitzuteilen.

Nicht irgendwelche Menschen freilich. Metzgermeister oder KfZ-Mechaniker, Börsenmakler oder Manager schrieben oder unterzeichneten keine solchen Aufrufe. Jedenfalls habe ich das nie gelesen.

Die Aufrufer waren auch damals schon Kulturschaffende. Auf der unteren Ebene der "Mitunterzeichner" durften, je nach Art des Aufrufs, auch schon einmal Studienräte, Sozialarbeiter, Gewerkschafter, ja Hausfrauen unterschreiben. Immer mit Beruf hinter dem Namen, das war wichtig.

Damals wurde gefordert, was das Zeug hielt - die Abschaltung von Atomkraftwerken, eine Änderung des Einwanderungsrechts, Verbote und Gebote aller Art. Was der Bürger - meist der linke Bürger - sich eben so ausdenkt, was die Politik tun sollte.

Warum sich das ab den neunziger Jahren gelegt hat, weiß ich nicht. Vielleicht gab es nach der Wiedervereinigung für so etwas nicht mehr das Publikum. Vielleicht waren die Aufrufer auch alt und müde geworden; frustriert dadurch, daß trotz aller Aufrufe die Welt einfach nicht besser werden wollte.

Nun aufrufen sie also wieder. Und haben in ihren Aufruf etwas geschrieben, das allerdings nachdenklich macht: "Am Hindukusch wird Krieg geführt. Der Gegner ist keine Armee, sondern eine Kultur".

Offenbar halten diese fünfundzwanzig Kulturschaffenden die Taliban für die Träger der afghanischen Kultur.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

28. April 2009

Zitat des Tages: "Neigung von Intellektuellen zur Gewaltsamkeit". Nebst einer Erinnerung an Pierre-Joseph Proudhon

Or ce qui plaît tant aux intellectuels dans la révolution violente, ce n'est pas la révolution, c'est la violence. Comme s'ils voulaient échapper, grâce à leur préférence affichée pour l'extrémisme, à leur mauvaise conscience de travailler dans l'immatériel.

(Was nun Intellektuellen so an der gewaltsamen Revolution gefällt, das ist nicht die Revolution, sondern die Gewaltsamkeit. Ganz so, also wollten sie mit ihrer ostentativen Neigung zum Extremismus ihrem schlechten Gewissen darüber entgehen, daß sie im Immateriellen arbeiten).

Der stellvertretende Chefredakteur des Nouvel Observateur Jacques Julliard in seiner Kolumne in der aktuellen Ausgabe vom 23. April, die sich aus Anlaß von dessen zweihundertstem Geburtstag mit dem Frühsozialisten Pierre- Joseph Proudhon befaßt.

Kommentar: Eine treffliche Beobachtung des Intellektuellen Jacques Julliard, scheint mir. Ich greife sie als Ergänzung zu dem auf, was vor fünf Wochen Califax in The Outside of the Asylum geschrieben hat und was ich in diesem Artikel kommentiert habe: Es gibt eine seltsame Neigung von ostentativ Friedfertigen zur Gewalt.

Das ist nicht auf Intellektuelle beschränkt; aber bei Intellektuellen ist es besonders auffällig. Denn von ihnen sollte man ja eigentlich erwarten, daß sie diesen Widerspruch reflektieren und daß sie ihn aufzulösen versuchen.

In dem damaligen Artikel hatte ich auf zwei Varianten dieses Phänomens aufmerksam gemacht:

Da ist zum einen der Fall des extremistischen, oft kommunistische Intellektuellen - Beispiel Hans- Christian Ströbele -, der ein taktisch- strategisches Verhältnis zur Gewalt hat.

Natürlich lehnt er sie ab, wenn sie dem demokratischen Rechtsstaat dient und ihn schützt; wie auch anders. Und natürlich ist er für diejenige Gewalt, die "aus den Gewehrläufen kommt", wenn es darum geht, Demokratie und Kapitalismus zu beseitigen. Vorausgesetzt natürlich, daß dies eben der strategisch gebotene Weg ist. Anderswo entscheidet man sich für den parlamentarischen Weg zur Machtergreifung. Da gibt es in Wahrheit keinen Widerspruch.

Zweitens aber sind da die sozusagen ehrlichen Herzens Friedfertigen und Altruistischen, die ihre aggressiven Impulse verdrängen. Viele von ihnen sind geradezu erleichtert, wenn sie die Gewalt des Edlen Wilden, die Gewalt für die "gute Sache" erleben dürfen und ihr zustimmen können. Es ist die Haltung des Kleinbürgers, wie ihn Goethe im "Osterspaziergang" karikiert; er sitzt behaglich im Ohrensessel und delektiert sich daran, wie die Völker aufeinanderschlagen, "hinten weit, in der Türkei".



Jacques Julliard macht nun auf ein Drittes aufmerksam: Den Intellektuellen, der sich aus einem Gefühl eigener Insuffizienz heraus am Rohen und Vitalen delektiert.

Das nun freilich ist ein allgemeines, ein weit über das Thema "Gewalt" hinausreichendes Syndrom: Je weniger vital, je kultivierter, vielleicht dekadenter man selbst ist, umso mehr schätzt man oft das Prollige. Der stets kränkelnde, einzelgängerische Stubengelehrte Friedrich Nietzsche pries den brutalen Machtmenschen. Dem sanften Schöngeist Golo Mann, so las man es kürzlich, konnte es in seiner Phantasie gar nicht brutal genug zugehen; von ungehobelten Matrosen träumte er.

Der Proletkult des linken Intellektuellen gehört hierher; der Kult des Völkischen beim rechten Intellektuellen.

Da tippelt der altersschwache Jean- Paul Sartre hinein in die Zelle in Stammheim, um dem rotzigen Terroristen Andreas Baader seine Reverenz zu erweisen.

Als der etwas erfolgreichere Terrorist Fidel Castro in Havanna die Macht erobert und als erste revolutionäre Tat ein Blutbad angerichtet hatte, wurde er zum Schwarm unzähliger europäischer und amerikanischer Intellektueller. Hans- Magnus Enzensberger siedelte 1968 aus Begeisterung für die Revolution gar nach Cuba über und berichtete aus Havanna:
... kann es keine Kultur geben ohne die reale Befreiung der Völker von der ökonomischen Ausbeutung und der politischen Unterdrückung durch die Metropolen, und das heißt heute in erster Linie: von der Herrschaft der Vereinigten Staaten. Diese Befreiung ist, wie die Geschichte der letzten fünfundzwanzig Jahre zeigt, nur durch den bewaffneten Aufstand zu erlangen.
Da haben wir ihn, den Intellektuellen, der sich am "bewaffneten Aufstand" berauscht. Enzensberger war damals kein verführbarer Jugendlicher mehr, sondern 38 Jahre alt.



Und was hat das nun mit Pierre- Joseph Proudhon zu tun?

Ich gestehe, daß es mir wie vermutlich den meisten geht: Ich habe nie etwas von ihm gelesen, sondern kenne ihn nur via Marx, der ihn in "Das Elend der Philosophie" so heruntermachte, wie er jeden heruntergemacht hat, der nicht sein blinder und ergebener Anhänger war. Proudhon war Marx nicht materialistisch genug, zu anarchistisch, zu freiheitlich gesonnen.

Julliard macht jetzt auf eine andere Seite dieses sehr widersprüchlichen Autors aufmerksam: Seinen Skeptizismus; seine libertäre Haltung. Er verabscheute den Staat in jeglicher, auch in der jakobinisch- sozialistischen Variante. Daß er in einer frühen Schrift Eigentum als "Diebstahl" bezeichnet hatte, weiß jeder. Aber er hat das Eigentum auch das "einzige Gegengewicht gegen den Staat" genannt; dies freilich in einer späteren, erst posthum veröffentlichten Schrift.

Proudhon war keiner dieser die Gewalt verherrlichenden Intellektuellen. Er war überhaupt kein Intellektueller wie Marx, der verbummelte Student und dann Berufsschriftsteller. Proudhon war ein Handwerker - gelernter Schriftsetzer - und Autodidakt; einer, der, anders als Marx, das Leben kannte. Also ein Skeptiker. Julliard schreibt:
La gloire immortelle de Proudhon, c'est de s'être dressé comme jamais personne avant lui contre le principe d'autorité et d'avoir tenté de lui substituer une formule contractuelle de la société dont le fédéralisme ou mieux encore le mutualisme sont l'expression politique.

D'où ses sentiments mêlés à l'égard de la Révolution française, qui certes a eu raison d'abolir la souveraineté royale, mais a eu tort de lui substituer immédiatement la souveraineté populaire, qui ne vaut pas mieux puisque c'est la souveraineté elle-même qu'il s'agit d'abolir pour faire de nous des êtres libres. "L'exploitation de l'homme par l'homme, a dit quelqu'un, c'est le vol. Eh bien ! le gouvernement de l'homme par l'homme, c'est la servitude."

Der ewige Ruhm Proudhons ist es, sich wie keiner vor ihm gegen das Prinzip der Autorität erhoben und versucht zu haben, an seine Stelle den Entwurf einer auf vertraglicher Basis ruhenden Gesellschaft zu setzen, deren politischer Ausdruck der Föderalismus und besser noch das Prinzip der Gegenseitigkeit sein sollten.

Deshalb hegte er gemischte Gefühle in Bezug auf die Französische Revolution, die gewiß zu Recht die königliche Souveränität abgeschafft hatte, die sie aber zu Unrecht unmittelbar durch die Volksssouveränität ersetzte. Diese ist nicht besser, denn es ist die Souveränität als solche, die abgeschafft werden muß, um uns zu freien Wesen zu machen. "Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, hat jemand gesagt, sei Diebstahl. Ja nun! Die Regierung des Menschen durch den Menschen ist Sklaverei."
Da war der sozialistische Nicht- Intellektuelle Proudhon einer liberalen Position näher als der staatssozialistische Intellektuelle Marx; auch er ja ein Befürworter der Gewalt.

Daß der real existierende Sozialismus à la Sowjetunion und DDR "nicht im Sinn von Marx" gewesen sei, ist ein offenbar schwer auszurottender Irrtum. Wenn es denn jemals so etwas wie einen freiheitliche Idee von Sozialismus gegeben hat, dann fand sie sich gewiß nicht bei dem intellektuellen Tyrannen Marx, sondern bei von ihm (und von den heutigen Marxisten) Verachteten wie Bakunin. Oder eben Pierre- Joseph Proudhon.



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12. September 2008

Zettels Meckerecke: Die toten Körper der Sarah Palin. Über linke Arroganz

Die beste und vermutlich eine der kürzesten Antworten auf die Frage "Was ist links?" lautet: Arroganz.

Konservative und Liberale mögen die Dummheit verachten. Den Dummen werden sie im allgemeinen nicht herabsetzen; sie wissen ja, daß Dummheit keinem von uns fremd ist.

Liberale und Konservative halten vielleicht wenig von Unbildung. Aber nur bei Linken habe ich es bisher gefunden, daß Ungebildete erbarmungslos herabgesetzt werden. Die "Stammtische", die "tumben". Noch nicht einmal Abitur haben sie, die Brüder.

Kurz: Schneidende, erbarmungslose Arroganz, intellektuelle Überheblichkeit, das Niedermachen aller, die nicht der eigenen Subkultur angehören, habe ich eigentlich immer nur bei Linken angetroffen.



Lesen Sie bitte einmal diese Sätze:
Doch Sarah Palin, John McCains Vize- Kandidatin, hat auf ihrem Weg zur Macht einen großen Bogen um die Institutionen der Elitenbildung gemacht. Statt Harvard oder Yale weist ihr Lebenslauf folgende Stationen auf: Schönheitskönigin, Elternsprecherin - und Karibu- Jägerin. Fallen die amerikanischen Frauen mit Palin in eine archaische Zeit der Jäger und Sammler zurück? (...)

Doch Sarah Palin kommt aus Wasilla, Alaska. Nicht einmal 7000 Einwohner hat das Örtchen. Für sie ging es nie um akademische Abschlüsse oder intellektuelle Diskurse. (...)

Palin wie paläolithisch. Das ist mehr als nur ein billiges Bonmot: Palins Speisekammer ist vollgestopft mit von ihr selbst erlegten Exemplaren der gesamten Tierwelt der alaskischen Tundra. (...)

Sarah Palin (...) hat lediglich einen Abschluss in Kommunikationswissenschaften, den sie umständlich zwischen nicht weniger als fünf verschiedenen Colleges zwischen Hawaii und Idaho zusammengeklaubt hat. Kein glanzvoller Bildungsweg. (...)

Man kann gar nicht stark genug betonen, wie sehr Sarah Palin sich von Frauen wie Abigail Adams, Eleanor Roosevelt oder Hillary Clinton unterscheidet, - und wie sehr sie sich politisch von dem zivilisatorischen Projekt abhebt, für das diese First Ladies standen. (...)

Ihre öffentliche Karriere begann als Schönheitskönigin von Wasilla. Physische Disziplin lernte sie von ihrem Vater auf der Jagd, wenn sie Elche abschoss. Ihren beruflichen Anfang machte sie als Sportreporterin. Dann kam die mittlerweile fünffache Mutterschaft - ehe ihre politische Karriere als Bürgermeisterin überhaupt erst anfing.

Nicht Bücher sondern Jagdgewehre prägten ihre Kindheit, tote Körper von im wilden Nordwesten Alaskas erlegten Tieren. (...)
Die diesen Schwulst in "Spiegel- Online" schrieb, eine gewisse Anjana Shrivastava, wurde freilich nicht von Jagdgewehren, sondern von Büchern geprägt:
Anjana Shrivastava wurde in Großbritannien geboren, und zog als Kind in die Vereinigten Staaten. Sie studierte Geschichte an der Harvard Universtät, und war danach Essayistin für den Wall Street Journal Europe.

In Deutschland hat sie unter anderem für die "Berliner Zeitung" und die "Netzeitung" geschrieben. Zur Zeit schreibt sie ein Buch über Franz Kafka im Jahre 1923.
So lesen wir es in der "Welt".



Ein blamabler, ein in seiner Arroganz skandalöser Text dieser Kafka- Philologin? Vielleicht. Aber zwei Caveats sind angebracht.

Erstens ist dieser Text offensichtlich entweder aus dem Englischen übersetzt, und zwar schlecht; oder die Autorin beherrscht das Deutsche nur mangelhaft.

"Palins Speisekammer ist vollgestopft mit von ihr selbst erlegten Exemplaren der gesamten Tierwelt der alaskischen Tundra." Das sollen wir glauben, daß Palin nicht nur Schönheitskönigin war und es versäumte, in Harvard oder Yale zu studieren, sondern daß sie auch noch Jagdtrophäen - in der Speisekammer aufbewahrt?

Gemach. Im Englischen stand vermutlich "larder", was allerdings Speisekammer heißen kann, hier aber offensichtlich Abstellraum. Und "dead body" mit "toter Körper" statt mit "Leiche" zu übersetzen - das läßt doch ein wenig darauf schließen, daß die Übersetzerin ihre Kunst nicht in Yale oder Havard gelernt hat, sondern, sagen wir, in Colleges zwischen Hawaii und Idaho.

Was sonst alles noch an dem Text falsch übersetzt oder von einer Autorin geschrieben ist, die das Deutsche nicht ausreichend beherrscht, ist naturgemäß schwer zu sagen.

Zweitens läßt die Autorin es - wie es scheint; sofern die Übersetzung das richtig wiedergibt - augenzwinkernd offen, ob sie sich eigentlich mit ihrer Charakterisierung von Sarah Palin als steinzeitliche Landpomeranze identifiziert, oder ob sie nur die Reaktion der intellektuellen Damen von der Ostküste beschreibt.

Das macht freilich keinen großen Unterschied. Denn Frau Shrivastava schreibt genau wie eine intellektuelle Dame von der Ostküste.

Der Text ist diffamatorisch, so oder so.



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4. November 2007

Marginalie: Ein Sonett über Stefan Raab, ein Haiku, ein Innerer Monolog ...

Nein, das hatte ich nicht vorgehabt, über eine so belanglose Sendung wie "Schlag den Raab" nun gar zum zweiten Mal etwas zu schreiben.

Noch nicht mal ein erstes Mal wollte ich eigentlich über diesen bräsigen, grinsenden Narziß etwas schreiben. Aber dann war ich beim Zappen bei seiner Sendung hängengeblieben, und ich hatte sie mit einem gewissen Interesse verfolgt.

Warum? Weil da ein sympathischer Schwächerer gegen einen stärkeren Unsympathen kämpfte. Also die klassische Tom- und Jerry- Situation. Anlaß damals, im September, ein wenig über diesen Tom- und- Jerry- Effekt nachzudenken, wie er ja auch unsere politischen Präferenzen nicht unwesentlich mitbestimmt.



Gestern nun eine neue Folge von "Schlag den Raab". Nicht besser als die, die ich damals gesehen hatte - nur, daß nun auch noch der Tom- und- Jerry- Effekt ausblieb, weil die sympathische Polizistin Sonja dem Raab alsbald nicht mehr gewachsen war. (Teils wegen unfairer Spiele - hätte man zB die Wand, an der Lichter durch Draufpatschen ausgelöscht werden mußten, nicht so dimensionieren können, daß auch die kleine Sonja ohne Hochspringen an die obersten herankam? Und wieso wußte Raab eigentlich, daß die Sicherheitsleine beim Pfahlbesteigen so fest gespannt war, daß man sie zum Festhalten nutzen konnte; und sich später an ihr abseilen?).

Also, ich hatte das im Hintergrund laufen und habe nur gelegentlich mal hingeguckt, Sonjas Desaster bis zum bitteren Ende verfolgend. Das sie aber mit einer bemerkenswerten Fröhlichkeit ertrug; wohl einer dieser Menschen, die auf englisch invulnerable genannt werden - man kann ihnen nichts anhaben.

Genauer hingeguckt aber hat, wie es seines Amtes ist, der Kritiker der SZ, Christian Kortmann. Und Christian Kortmann hatte einen Einfall. Und dieser Einfall ist das Thema dieser Marginalie.



Der Einfall Christian Kortmanns war es, nicht einfach eine schnöde Kritik zu verfassen, sondern zu jedem der 15 Spiele einen eigenen kritischen Beitrag zu schreiben. Und zwar jeweils in einer anderen literarischen Form. Also findet man da ein Kinderlied, einen Limerick, einen Inneren Monolog, ein Sonett gar. Das eine gelungen, das andere weniger. Jedenfalls aber hat Christian Kortmann sich viel Mühe gemacht.

Wahrscheinlich hat überhaupt noch niemand sich jemals soviel literarische Mühe gegeben mit Stefan Raab. Sich an ein Lesepublikum wendend, das - so erwartet er es ja wohl, der Christian Kortmann, so erwartet es sein Ressortchef, der das hat drucken lassen - sich an parodierten Hexametern, einer parodierten Fabel, einem parodierten Referat zur Gendertheorie erfreut.

Schön und gut. Nur - hat denn diese Zielgruppe den gestrigen Abend damit verbracht, sich ausgerechnet die Show Stefan Raabs reinzuziehen?

Ja, reinzuziehen, das ist das richtige Wort. Das ist die richtige Sprachebene. Denn die Zielgruppe einer solchen Sendung auf dem Niveau des Sackhüpfens und Eierlaufens auf einem Kindergeburtstag sind doch wohl die bildungsfernen Schichten. Es sind diejenigen, die sich mit diesem schlichten, aber vor Vitalität strotzenden gelernten Metzger, der vor Kraft nicht loofen und vor Tatendrang nicht ruhig sitzen kann, identifizieren mögen.

Also schreibt er an seinen Lesern vorbei, der Christian Kortmann mit seinen gedrechselten Parodien? Vielleicht.

Aber vielleicht auch nicht. Ich habe mich ein wenig über mich gewundert, daß ich nun schon zum zweiten Mal diesen Schund laufen hatte, wenn auch nur im Hintergrund. Ich denke, es war deshalb, weil mir diese dem Puck aus dem "Sommernachstraum" ähnelnde, unverletzbare Polizistin Sonja gefiel. Aber wer weiß - vielleicht war es doch auch die Show selbst; vielleicht war es gerade das Prollige, das Dumm- Vitale, das dieser Raab ausstrahlt?

Und es mag schon sein, daß das noch ausgeprägter für gar manche TV-Gucker gilt, die wissen, was ein Sonett und was ein Haiku ist.

Boxen ist (auch) ein Sport für Intellektuelle. Obwohl, nein, vielmehr: weil es ein archaischer Sport ist, wie auch die Formel- Eins- Rennen; der pure Kampf. Warum also soll nicht auch der derbe Proll Stefan Raab mit seiner infantilen Show seine Fans unter denen haben, die das Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung" lesen?

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6. September 2007

Über die vergessenen Opfer der RAF

Kennen Sie das auch? Man liest ein Buch, sieht einen Dokumentarfilm und denkt: Das ist es! Warum hat nicht schon längst jemand zu diesem Thema einen Film gedreht, ein Buch verfaßt?

So ist es mir gestern Abend gegangen. Und zwar ausgerechnet mit einem Film zum Thema RAF.

"Ausgerechnet" deswegen, weil ich seit mehr als dreißig Jahren Filme über die RAF sehe, Bücher und Artikel über die RAF lese. Die Berichte des "Spiegel" zu diesem Thema habe ich sogar, Heft für Heft, damals herausgetrennt und in Mappen gesammelt; als Zeitzeugnis. (Irgendwo muß das Konvolut noch herumliegen. Daß man auf die meisten dieser Informationen einmal mit ein paar Klicks würde zugreifen würde können, war ja in den siebziger Jahren noch nicht zu ahnen.)

Ich habe dann alle diese "Aufarbeitungs"- Sendungen ab den achtziger Jahren verfolgt, in denen immer wieder die Taten nachgestellt wurden, in denen immer wieder die Zeitzeugen auftraten; zunehmend auch die Täter selbst, in dem Maß, in dem sie freigelassen wurden.

Meist fand ich ihre Selbstgerechtigkeit, ihre Arroganz und ihre Unfähigkeit zum Eingeständnis ihrer Schuld peinlich und abstoßend; aber ich habe mir halt doch angehört, was Leute wie Boock, Rollnick, Dellwo zu sagen hatten. Was Christian Klar an Unglaublichkeiten aussprach, als Günter Gaus ihn im Gefängnis interviewte.

Nicht peinlich, sondern beeindruckend fand ich eigentlich nur den Film über Hans-Joachim Klein. Vielleicht, weil er einer der wenigen deutschen Terroristen ist, der Menschlichkeit und auch Vernunft hat erkennen lassen. (Neben ihm fällt mir eigentlich nur noch Silke Maier-Witt ein). Vielleicht auch, weil der Film sehr sorgfältig und sehr objektiv gestaltet ist.

Das nebenbei. Also - ich fühle mich eigentlich sozusagen randvoll mit Informationen über die RAF. Ich kann noch jetzt die Namen der Protagonisten aufsagen, sie den Fahndungsfotos zuordnen, die Szenarien ihrer Taten erzählen und, falls es jemanden interessiert, die Lebensschicksale der meisten von ihnen.



Ja, der meisten von ihnen. Den Tätern nämlich.

Denn das ist es, worauf mich diese TV-Sendung gestern Abend aufmerksam gemacht hat, worauf sie mich sozusagen gestoßen hat: Über die Schicksale der Opfer, über ihr Denken und Fühlen weiß ich weitaus weniger als über die Täter, ihre Motive, ihr Umfeld.

Diese Sendung wurde am gestrigen Mittwoch um 22.45 Uhr von der ARD ausgestrahlt und in der Nacht um 3.15 wiederholt. Sie heißt "Wer gab euch das Recht zu morden?". Die Autoren sind Anne Siemens und Henning Rütten. Anne Siemens ist auch die Verfasserin des Buchs "Für die RAF war er das System, für mich der Vater" (Piper Verlag, 2007), das sich mit demselben Thema beschäftigt. Eine ausgezeichnete Rezension dieses Buchs, die auch viele Informationen zu den Opfern der RAF enthält, hat Cora Stephan in der "Welt" geschrieben.

Nun also, ergänzend dazu, dieser Film. Ein sehr genauer, sehr einfühlsamer Film, der die Hinterbliebenen der Opfer zu Wort kommen läßt. Und der auch die Taten der RAF-Verbrecher unter dem Gesichtspunkt schildert, was sie ihren Opfern angetan haben.

So gut ich, dank der erwähnten Quellen, über diese Taten Bescheid weiß - ich habe beim Ansehen dieses Films gemerkt, daß ich mir das, was den Opfern geschah, nicht genau gemerkt, nicht genau vor Augen geführt hatte. Oder es war vielleicht gar nicht berichtet worden.
  • Daß die Mörder zum Beispiel in der Botschaft in Stockholm den tödlich verletzten Botschafts- Attaché Andreas v. Mirbach hatten stöhnend liegen lassen, ohne daß jemand zu ihm konnte, um ihn zu versorgen. Zuvor mußte er unter Todesdrohungen mit der Polizei verhandeln, wurde dann aus nächster Nähe niedergeschossen, sterbend eine Treppe kopfüber heruntergestoßen. Einen der Täter, Karlheinz Dellwo, habe ich kürzlich im WDR sehr entspannt über seine RAF-Zeit reden hören.

  • Daß sie außer ihm auch seinen Kollegen Heinz Hillegaart ermordeten; Kopfschuß von hinten aus nächster Nähe. Wer kennt überhaupt dessen Namen? Geschweige denn, daß die Öffentlichkeit sich für das Schicksal seiner Frau, seiner Kinder interessiert hätte.

  • Daß ihr Opfer Gerold von Braunmühl, als er in der Nacht aus seinem Taxi stieg, regelrecht gejagt wurde, erst von vorn, dann von hinten angeschossen, so daß er am Boden lag. Dann mit einem Fangschuß aus nächster Nähe hingerichtet.

  • Daß die Terroristen Dum-Dum-Geschosse verwendeten - Patronen, die an der Spitze abgefeilt worden waren, um möglichst schwere Verletzungen zu verursachen. Mit einem solchen Geschoß wurde zum Beispiel Hans Eckhardt von dem Terroristen Manfred Grashof ermordet.
  • Hans Eckhardt - sein Name war mir nicht geläufig gewesen. Eines der vielen nicht prominenten Opfer der RAF-Mörder, einer der Polizisten, Personenschützer, Chauffeure, die sie als Collateral Damage ums Leben gebracht haben.

    Und während sozusagen jede Seelenregung von Gudrun Enßlin, jedes biographische Detail von Andreas Baader in zahllosen Sendungen und Diskussionen hin- und hergewendet wurde, wissen wir über die Biographie, die Persönlichkeit dieser Opfer so gut wie nichts.

    Daß zum Beispiel dieser Polizist Hans Eckhardt ein weltoffener Mann war, der mit der Studentenbewegung sympathisierte. Daß Andreas v. Mirbach ein überzeugter Christ war, der die Nazis verabscheute. Daß Gerold von Braunmühl Krieg und Gewalt ablehnte, daß er 1980 auf der Bonner Friedensdemonstration war, um sich die Argumente von Eppler und anderen anzuhören. Das alles habe ich erst durch diesen Film erfahren.



    Dergleichen hat nie im Fokus des öffentlichen Interesses gestanden; manches wurde vermutlich überhaupt nie thematisiert. Nun könnte man einwenden, das sei eben immer so - der Täter sei interessanter als das Opfer.

    Aber das stimmt ja nicht. Im Gegenteil - Opfer finden sehr oft ein großes Interesse in den Medien. Man braucht nur an die aktuellen Fälle der Entführungsopfer Natascha Kampusch und Susanne Osthoff zu denken.

    Es ist, glaube ich, etwas anderes. Die Verbrecher aus der RAF haben es mit ihrer Propaganda - und mit Hilfe der Propaganda ihrer Unterstützer und Sympathisanten - verstanden, unsere Phantasie mit einem bestimmten Bild - man könnte es nachgerade einen Archetypen nennen - zu füllen: Dem des edlen Räubers. Des Robin Hood, der gegen die Reichen und für die Armen kämpft. Krieg den Palästen, Friede den Hütten.



    Diese Agitprop (zu der auch die Rührgeschichten über "Isolationsfolter" usw. gehörten) ist auf nur allzu fruchtbaren Boden gefallen. Und je mehr die RAF-Verbrecher und ihre Helfer dieses bei aller Ambivalenz doch auch positive Bild von sich vermitteln konnten, umso mehr schwand das Mitleid mit den Opfern, das Interesse an ihnen. Wenn es dies denn je gegeben hat.

    Irgendwie geschah es ihnen schon recht, den Bubacks und Schleyers - so dürften viele gedacht haben, auch wenn nicht alle eine "klammheimliche Freude" empfanden. Die Lügen über Schleyers angebliche Tätigkeit unter Heydrich in Prag wurden ungeprüft geglaubt; sie paßten ja so schön ins Vorurteil. Alfred Herrhausen, der wie kein anderer deutscher Bankier für die Verbesserung der sozialen Verhältnisse in Südamerika engagiert war, wurde als Ausbeuter hingestellt, Detlev Karsten Rohwedder als Plattmacher der DDR.

    Und viele haben es geglaubt, haben es nachgebetet, haben es publizistisch verbreitet.

    Auch dieses moralische Versagen eines großen Teils vor allem der deutschen Intellektuellen gehört zu dem, was anläßlich des jetzigen dreißigsten Jahrestags der Schleyer-Entführung noch darauf wartet, aufgearbeitet zu werden.

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