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13. Juni 2008

Zitat des Tages: Der arme Trainer Leo Beenhakker und die Antiquiertheit des Menschen

Wenn er alle die Bilder gehabt hätte, die wir gehabt haben, würde er anders reden.

Der ZDF-Experte Urs Meier über den polnischen Nationaltrainer Leo Beenhakker. Es ging darum, ob das Tor der Polen abseits war und ob der der Elfmeter gegen Polen zu Recht gegeben wurde.

Kommentar: So ist das heutzutage. Nicht mehr die unmittelbar Beteiligten haben die besten Informationen über ein Spiel, sondern wir alle, die wir vor dem TV hocken oder uns am Public Viewing erfreuen.

Nicht mehr der Augenzeuge vor Ort ist es, der weiß, was eigentlich Sache war. Sondern derjenige, der weit weg vom Schuß ist, dessen Erkenntnis- Vermögen aber maschinell potenziert wird.

Vor einem halben Jahrhundert hat sich der Philosoph Günther Anders mit dem beschäftigt, was er die "Antiquiertheit des Menschen" nannte. Er sprach von der "prometheischen Scham" des Menschen vor den Maschinen, die er zwar geschaffen hat, die ihm aber überlegen sind.

Uns Heutigen ist diese Überlegenheit längst selbstverständlich. Und ein Gefühl der Scham empfinden wir da gewiß nicht.

Der Phänomenologe Anders, ein Schüler Husserls, meinte dort so etwas wie die Befindlichkeit des Menschen gegenüber der Maschine zu erkennen, wo es in Wahrheit nur um ein Stück Anpassung an die moderne Zeit ging.



Sie finden, das war jetzt aber arg hoch angesetzt, nur weil ein Schiedsrichter eine Bemerkung über einen Trainer gemacht hat?

Finde ich nicht. Fußball wäre nur halb so schön, wenn man über ihn nicht so schön gedankenspielen könnte.



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4. November 2007

Marginalie: Ein Sonett über Stefan Raab, ein Haiku, ein Innerer Monolog ...

Nein, das hatte ich nicht vorgehabt, über eine so belanglose Sendung wie "Schlag den Raab" nun gar zum zweiten Mal etwas zu schreiben.

Noch nicht mal ein erstes Mal wollte ich eigentlich über diesen bräsigen, grinsenden Narziß etwas schreiben. Aber dann war ich beim Zappen bei seiner Sendung hängengeblieben, und ich hatte sie mit einem gewissen Interesse verfolgt.

Warum? Weil da ein sympathischer Schwächerer gegen einen stärkeren Unsympathen kämpfte. Also die klassische Tom- und Jerry- Situation. Anlaß damals, im September, ein wenig über diesen Tom- und- Jerry- Effekt nachzudenken, wie er ja auch unsere politischen Präferenzen nicht unwesentlich mitbestimmt.



Gestern nun eine neue Folge von "Schlag den Raab". Nicht besser als die, die ich damals gesehen hatte - nur, daß nun auch noch der Tom- und- Jerry- Effekt ausblieb, weil die sympathische Polizistin Sonja dem Raab alsbald nicht mehr gewachsen war. (Teils wegen unfairer Spiele - hätte man zB die Wand, an der Lichter durch Draufpatschen ausgelöscht werden mußten, nicht so dimensionieren können, daß auch die kleine Sonja ohne Hochspringen an die obersten herankam? Und wieso wußte Raab eigentlich, daß die Sicherheitsleine beim Pfahlbesteigen so fest gespannt war, daß man sie zum Festhalten nutzen konnte; und sich später an ihr abseilen?).

Also, ich hatte das im Hintergrund laufen und habe nur gelegentlich mal hingeguckt, Sonjas Desaster bis zum bitteren Ende verfolgend. Das sie aber mit einer bemerkenswerten Fröhlichkeit ertrug; wohl einer dieser Menschen, die auf englisch invulnerable genannt werden - man kann ihnen nichts anhaben.

Genauer hingeguckt aber hat, wie es seines Amtes ist, der Kritiker der SZ, Christian Kortmann. Und Christian Kortmann hatte einen Einfall. Und dieser Einfall ist das Thema dieser Marginalie.



Der Einfall Christian Kortmanns war es, nicht einfach eine schnöde Kritik zu verfassen, sondern zu jedem der 15 Spiele einen eigenen kritischen Beitrag zu schreiben. Und zwar jeweils in einer anderen literarischen Form. Also findet man da ein Kinderlied, einen Limerick, einen Inneren Monolog, ein Sonett gar. Das eine gelungen, das andere weniger. Jedenfalls aber hat Christian Kortmann sich viel Mühe gemacht.

Wahrscheinlich hat überhaupt noch niemand sich jemals soviel literarische Mühe gegeben mit Stefan Raab. Sich an ein Lesepublikum wendend, das - so erwartet er es ja wohl, der Christian Kortmann, so erwartet es sein Ressortchef, der das hat drucken lassen - sich an parodierten Hexametern, einer parodierten Fabel, einem parodierten Referat zur Gendertheorie erfreut.

Schön und gut. Nur - hat denn diese Zielgruppe den gestrigen Abend damit verbracht, sich ausgerechnet die Show Stefan Raabs reinzuziehen?

Ja, reinzuziehen, das ist das richtige Wort. Das ist die richtige Sprachebene. Denn die Zielgruppe einer solchen Sendung auf dem Niveau des Sackhüpfens und Eierlaufens auf einem Kindergeburtstag sind doch wohl die bildungsfernen Schichten. Es sind diejenigen, die sich mit diesem schlichten, aber vor Vitalität strotzenden gelernten Metzger, der vor Kraft nicht loofen und vor Tatendrang nicht ruhig sitzen kann, identifizieren mögen.

Also schreibt er an seinen Lesern vorbei, der Christian Kortmann mit seinen gedrechselten Parodien? Vielleicht.

Aber vielleicht auch nicht. Ich habe mich ein wenig über mich gewundert, daß ich nun schon zum zweiten Mal diesen Schund laufen hatte, wenn auch nur im Hintergrund. Ich denke, es war deshalb, weil mir diese dem Puck aus dem "Sommernachstraum" ähnelnde, unverletzbare Polizistin Sonja gefiel. Aber wer weiß - vielleicht war es doch auch die Show selbst; vielleicht war es gerade das Prollige, das Dumm- Vitale, das dieser Raab ausstrahlt?

Und es mag schon sein, daß das noch ausgeprägter für gar manche TV-Gucker gilt, die wissen, was ein Sonett und was ein Haiku ist.

Boxen ist (auch) ein Sport für Intellektuelle. Obwohl, nein, vielmehr: weil es ein archaischer Sport ist, wie auch die Formel- Eins- Rennen; der pure Kampf. Warum also soll nicht auch der derbe Proll Stefan Raab mit seiner infantilen Show seine Fans unter denen haben, die das Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung" lesen?

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3. November 2007

Harald Schmidt, Pocher. Lachen als punktuelles Ereignis. Das Elend des Possenreißers

Der Possenreißer ist elend dran. Nicht zu Beginn seiner Karriere. Da ist er frisch, da findet er seinen Stil, da funkelt sein Humor. Aber nach zehn, zwanzig, dreißig Jahren geht es ihm schlecht und immer schlechter, dem Possenreißer. Er ist am Ende mit seinem Witz. Er hat immer weniger zu lachen.



Lachen ist ein gewissermaßen punktuelles Ereignis. Wir lachen gern, die meisten von uns jedenfalls. Aber wir mögen es nicht, zum Dauerlachen animiert zu werden. So lustig ist die Welt nun auch wieder nicht. So zum Lachen aufgelegt ist der Primat nun auch wieder nicht.

Gute Komödiendichter wissen das. Sie reihen nicht Witz an Witz, sondern es gibt anrührende, ruhige, manchmal - wie bei Shakespeare - sogar traurige Abschnitte, bevor uns der nächste Witz geboten wird.

Wer eine Komödie als ein Dauerfeuer von Witzen konzipiert, wie das zB Oscar Wilde getan hat, der überfordert unsere Freude am Lachen. Aus dem vergnügten Wiehern wird dann ein müdes Lächeln. Die Lust schlägt um in Langeweile, im Extremfall in Abwehr.

Kaum ein menschliches Verhalten habituiert so schnell wie das Lachen, dieses rhythmische Ausstoßen von Luft, das mit der Ausschüttung von Dopaminen einhergeht und also mit Lustgefühl. Humor, Komik, Witz sind nur dann vergnüglich, wenn sie etwas Vorübergehendes sind. Eben etwas Punktuelles.

Die Dauer einer rheinischen Karnevals-Sitzung - rund drei Stunden, wenn ich recht unterrichtet bin - markiert so ungefähr die äußerste zeitliche Grenze dessen, was wir an sozusagen tonischer Heiterkeit hinbekommen. In der Regel ist das Lachen aber eher ein viel phasischeres Ereignis.

Ein Roman kann tausend Seiten haben, und wir genießen jede davon. Eine Witz- Sammlung von hundert oder zweihundert Seiten ist schon zu viel. Jedenfalls, wenn man sie fortlaufend lesen würde wie einen Roman. Da bliebe uns bald das Lachen im Hals stecken.



Und nun der Possenreißer. Der Conferencier, der Humorist, der Entertainer. Heute meist Comedian genannt.

Er tritt auf die Bühne, er betritt sein Studio und ist lustig. Fünf Jahre lang, zehn Jahre lang. Dann hat er so ungefähr jeden denkbaren Witz gemacht, dann kennt er jede Reaktion des Publikums.

So sehr viele gute Witze gibt es ja nicht. Man kann sie abwandeln, man kann sie aktualisieren. Aber richtig neue wird man nur selten finden. Das gilt auch für Situationskomik, Parodie, Clowneskes.

Also brennt er aus, der Possenreißer, schneller als jeder Lehrer. Es gibt Possenreißer, die das stoisch ertragen. Die Conferenciers und Humoristen, die "Alleinunterhalter", die ich in meiner Jugend kennengelernt habe, imitierten ungerührt Theo Lingen und Heinz Rühmann, wie sie es in den dreißiger und vierziger Jahren gelernt hatten. Oder sie erzählten Witze vom Kaliber: Was ist paradox? - Wenn ein Goethe- Denkmal durch die Bäume schillert. Haha.

Die besseren Komiker und Humoristen, die sehr guten erst recht, versuchen aber in der Regel den Ausbruch. Woody Allen hatte als Witze- Autor begonnen. Er ersann Witze und verkaufte sie. Seine ersten Filme waren lustig wie nur die von Charlie Chaplin, Buster Keaton und Laurel / Hardy. Dann begann er plötzlich, ernsthafte, ja theologische Filme zu machen, sehr zur Verstörung vieler seiner Fans. Jetzt hat er eine schöne, eine wunderbare Balance gefunden.

Wie auch Robert Gernhardt sie fand, der als zeichnender und schreibender Spaßmacher begann und der auch dann noch einen heiteren, ironisch gebrochenen Grundton hatte, als er empfindsame, als er nachgerade philosophische Lyrik schrieb. Und dessen Malerei - ich halte ihn für einen der großen Maler des 20. Jahrhunderts - in ihrem Spiel mit Licht und Schatten, mit Spiegelung und Brechung die Ironie seiner frühen, spaßigen Arbeiten weiterführte.



Nun also Harald Schmidt. Der vermutlich, neben Olli Dittrich, intelligenteste der deutschen Comedians; wenn man ihn denn einen nennen darf. Ein Mann auch mit schauspielerischen Qualitäten, wie sie kaum einer seiner Kollegen hat. Ein begnadeter Stimmenimitator, ein glänzendere Parodist.

Sein Medium ist das Fernsehen. Als Schauspieler war er (bis vor kurzem in Bochum) gar nicht, als Kabarettist war er mäßig erfolgreich. Er blühte auf, als er nicht mehr gelernte Texte vortragen mußte, sondern als er improvisieren durfte. Das konnte er, da brillierte er mit Intelligenz, Schlagfertigkeit, Witz. Ähnlich wie einst Hans- Joachim Kulenkampff, auch er ein mäßiger Schauspieler, aber ein genial improvisierender Showmaster. Auch er mit einer Ausnahmestellung unter den Showmastern, wie heute Schmidt.

Wenn man sich die TV-Karriere Schmidts ansieht, dann fällt auf, wie oft er das Format, wie oft er die Show gewechselt hat - "MAZ ab", "Psst", "Schmidteinander", "Gala!", "Verstehen Sie Spaß?", "Late Night Show", "Harald Schmidt" und jetzt also "Schmidt und Pocher". Acht Formate in 17 Jahren.

Teils lag das daran, daß Shows floppten. Aber Schmidt ließ auch Shows fallen, die gut liefen. Zuletzt, als er 2004 hinwarf und sich zu einer einjährigen Weltreise aufmachte.

Man hat den Eindruck, daß ihm ein Format schnell langweilig wurde. Eine Lustlosigkeit, die er auch oft über die Rampe brachte. Nicht endenwollende Sketche, das Plattwalzen eines Einfalls bis zur Ödnis, Flapsigkeit und Zoten statt Witz.

Als mitgeteilt wurde, daß Schmidt es nach der diesjährigen Sommerpause mit einem neuen Format versuchen würde, hat mich das nicht gewundert. Auch nicht, daß er frisches Blut transferieren wollte, in Gestalt eines gewissen Pocher, der mir noch nicht aufgefallen gewesen war.

Also - Schmidt, durch Pochers Auftreten verjüngt, mit neuer Motivation versorgt, zum Wettstreit des 50jährigen Routiniers mit dem hoffnungsvollen Talent angestachelt, zu neuer Form auflaufend?

Von wegen.



Die Auftakt-Sendung letzte Woche habe ich versäumt. Diesen Donnerstag habe ich die zweite Folge gesehen.

Gesehen. Sogar für diesen Beitrag aufgezeichnet. Genossen habe ich sie nicht.

Ich kann mich an kein Sendeformat Schmidts erinnern, das so offensichtlich, so vollständig danebengegangen wäre.

Schmidt und Feuerstein - das paßte. Der hochgewachsene Zyniker und der Kleine, den er schurigelt und der doch der Pfiffigere ist. Eine Variante von Tom und Jerry also.

Schmidt und Andrack - das funktionierte auch. Andrack gab den klassischen Sidekick, den Stichwortgeber, den Mann am Laptop, der mal nickte, mal Informationen beisteuern durfte.

Aber Schmidt und Pocher? Was sollte das denn für eine Konstellation sein? Pocher spielte so etwas wie einen zweiten Schmidt. Ihre Interaktion bestand im wesentlichen darin, daß der eine sich vor Lachen nicht einkriegen konnte, wenn der andere einen Witz gemacht hatte; dieser lachte dann meist auch noch über seinen eigenen Witz.

Und die Zuschauer lachten! Sie lachten da, wo es nichts zu lachen gab. Offenbar aufgrund des Verdachts, das alles, was Schmidt und/oder Pocher sagen, doch wohl witzig sein muß.

Hier ein Auszug vom Anfang der Sendung. Schmidt war als Riesenbaby auf die Bühne gekommen. Der Sketch bestand darin, daß er à la "Wetten, daß ...?" Babynahrung erschmecken sollte.
Schmidt: Das ist Hühnchenfleisch mit Mais, ab sechs Monate.

Pocher: Knapp daneben, Mamas Nudeltopf, ab fünfzehnter Monat, wär's gewesen

Publikum: Lautes Lachen

Schmidt: Arrggh

Publikum: Lacher

Pocher: Schade. Vielleicht ist das ja was für dich. Das ist ...

Publikum: Lacher

Assistierende Zuschauerin: Abputzen?

Pocher: Abputzen? Nee, das geht in eins. Das ist kein Problem

Publikum: Lautes Lachen.
Und so weiter. Volle sechs Minuten. Bis zu Schmidts Schluß- Gag, die letzte Geschmacksprobe, die man ihm in den Mund geschoben hatte, sei "drei Tage altes Moltofill" gewesen.

Das fand das Publikum so lustig, daß es in sehr lautes Lachen und, nachdem Pocher "richtig!" gesagt hatte, in heftiges Klatschen ausbrach.

Und so fort. Man hatte den Eindruck, daß keiner der Gags vorbereitet gewesen war; sieht man von den Einspielern ab, meist Schnipsel aus anderen TV- Sendungen der letzten Tage. An denen sich die beiden entlanghangelten wie Studenten, die bei ihrem Referat ihr Powerpoint abspulen und dazu sagen, was ihnen gerade so in den Sinn kommt.

Der Höhepunkt war - man soll es nicht glauben - das, was die erwähnten "Conferenciers" in den fünfziger Jahren als eiserne Reserve in ihrem Repertoire gehabt hatten: So wie diese sich hinstellten und andere Komiker imitierten, machte Pocher jetzt Mario Barth nach. Wieder volle sechs Minuten lang.



Gab es auch etwas Lustiges in dieser deprimierenden Sendung? Ja, der Gast war lustig, der Arzt Eckhart v. Hirschhausen, der sich jetzt als Comedian betätigt. Seine Erklärung der Diagnose "Essentielle funktionelle vegetative idiopathische Dystonie" als "keine Ahnung, was los" ist fand ich amüsant, weil kaum übertrieben.

Und sein schönster Satz war: "'Iatrogen', das heißt, es wurde von einem Arzt verursacht, Klingt aber cooler als 'Kunstfehler'".



Mir scheint dieses neue Format "Schmidt und Pocher" ein einziger Kunstfehler zu sein. Das Beste an "Harald Schmidt", das Opening mit den von guten Gag- Schreibern verfaßten und von Schmidt ausgesuchten Gags, ist weggefallen. An die Stelle des Sidekicks Andrack ist eine Art jüngerer Schmidt- Klon getreten.

Geblieben ist das, was auch bei "Harald Schmidt" schon oft langweilig gewesen war: Die Füllsel zwischen den Eingangs- Gags und dem Auftauchen des Gastes.


Ach ja, und die Dauer der Sendung wurde auf eine Stunde verdoppelt.

Lachen ist ein punktuelles Ereignis. Eine ganze Stunde lang lachen - das wäre schon sehr problematisch. Aber dieses Problem wird sich bei "Schmidt und Pocher" wohl nicht stellen.

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31. Oktober 2007

Was wird am 31. Oktober gefeiert? Halloween?

Vor mir liegt das Fernsehprogramm. Gehen die Sender auf den heutigen besonderen Tag ein?

Aber gewiß. Die ARD bringt zur Prime Time ein "Mysterydrama" und später noch "Tanz der Vampire". Pro 7 bietet uns Dracula, "The Blair Witch Project" und noch einen Vampirfilm; Das Vierte hat "Haunted - Haus der Geister" im Programm. In Super RTL können wir uns an "Halloweenton - meine Oma ist 'ne Hexe" erfreuen, in Tele5 an "Halloween III". Und für die Intellektuellen unter uns bietet 3Sat "Es lebe der Zentralfriedhof"; eine Sendung über das Tierleben auf Friedhöfen.

Es ist ja Halloween. Ein Fest, das mir bis vor zehn, zwanzig Jahren nur aus dem anglo- amerikanischen Kulturkreis geläufig gewesen war. Inzwischen ist es, das TV-Programm belegt es, auch bei uns heimisch geworden. Oder sagen wir, es ist zurückgekehrt. Denn es gibt gute Gründe für die Vermutung, daß hinter Halloween das alte keltische Fest Samhain steckt, das den Ahnen gewidmet gewesen war.



Und sonst? Sonst noch was am 31. Oktober? Wenn man dem TV-Programm trauen kann - nein.

Oder vielmehr fast nein. Denn es gibt einen, einen einzigen deutschen Sender, der in seinem Programm auf den heutigen Reformationstag eingeht: Den MDR, also den Regionalsender, in dessen Bereich die Orte liegen, an denen Luther lebte und wirkte. Von 18.20 bis zum Sandmann um 18.50 gab es Berichte über Luther und den Anschlag der Thesen an die Schloßkirche zu Wittenberg. Und heute Abend um 23.30 bringt der Sender den Film "Martin Luther".

Ich habe hier vor einem Jahr einen Beitrag zum Reformationstag geschrieben mit dem Titel "Mein Luther". Es ging darin um meine eigenen, sehr subjektiven Erfahrungen mit der Gestalt Luther, mit dem Lutheranertum.

Sie waren überwiegend nicht erfreulich, diese Erfahrungen. Ich kann nicht sagen, daß ich der Theologie Luthers freundlich oder auch nur verständnisvoll gegenüberstehen würde.

Aber Luther hat nun einmal die deutsche Religiosität, die deutsche Geschichte geprägt wie nur wenige der großen Gestalten in unserer Vergangenheit. Das Lutheranertum, der Protestantismus überhaupt haben unsere Kultur bestimmt, unsere deutsche Identität.

Das einfach zu ignorieren, während einem albernen Mummenschanz mit Kürbisköppen zahlreiche Sendungen gewidmet werden, ist wahrscheinlich bezeichnend für unsere TV-Kultur. Es ist gleichwohl eine Armseligkeit.

Es ist ein Zeichen kultureller Selbstvergessenheit. Der Beleg für ein Vakuum dort, wo bei Franzosen, bei Amerikanern, bei Briten, bei fast allen Kulturvölkern die eigene kulturelle, die eigene nationale Identität sich befindet.

Was bieten wir, die wir noch nicht einmal mehr den Reformationstag bundesweit zur Kenntnis nehmen, eigentlich den Einwanderern an, die sich assimilieren wollen?

Assimilieren an was?

Dank an C. für den Hinweis auf Samhain. Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

13. Mai 2007

Zettels Meckerecke: Ein Musik-Wettbewerb? Ein völkischer Zählappell

Zu der Veranstaltung, die in Deutschland seltsamerweise zunächst unter ihrem französischen Namen Grand Prix Eurovision de la Chanson firmierte, dann unter ihrem englischen Namen Eurovision Song Contest, habe ich eine sentimentale Beziehung.

Das geht auf die Zeit Ende der sechziger Jahre zurück, als ich vom Studenten zum Geldverdiener aufgestiegen war und mir - zum Preis von 498 Mark, in bequemen Raten zu bezahlen - einen Fernseher hatte leisten können.

Da erschloß sich eine mir zuvor völlig unbekannte Welt; denn in der Familie meiner Eltern hatte es kein TV gegeben. Also habe ich, im Alter von Anfang zwanzig, mit Kinderaugen in diese neue, aufregende Welt geguckt und mich an ihr gefreut.

Und da war dieser Grand Prix de l'Eurovision eben etwas Besonderes. Ein Highlight, ein Event würde man heute auf Deutsch sagen. Ich habe das genossen, wie das "Raumschiff Enterprise", wie die Mondlandung, wie die Berichte von Peter von Zahn.



Wie das so ist mit solchen emotionalen Beziehungen - die Jahre gehen ins Land, die Welt ändert sich, aber diese Verbindung, diese Besetzung, wie Freud es nannte, bleibt hartnäckig bestehen. Man ist halt konditioniert.

Also habe ich die "Kommissar"-Filme, als 3Sat sie kürzlich wiederholte, mit viel Bewegung gesehen. Also gucke ich mir Jahr für Jahr, wenn es irgend geht, diesen Grand Prix an, diesen Song Contest. Inzwischen läuft er allerdings nur noch im Hintergrund, während ich am Rechner sitze. Viel Aufmerksamkeit braucht er ja nicht.

Gestern Abend also war es wieder einmal so weit. Ich habe mich gewundert, wie schnell ein Jahr herum ist - gerade hatte doch erst Texas Lightning diesen hübschen Country Song gesungen.

Nun ja. Die gefühlte Zeit zwischen Dinner for one und Dinner for one wird ja auch immer kürzer. Die wahrgenommene Zeit ist offenbar keine lineare Funktion der physikalischen Zeit; vielleicht eine logarithmische oder eine Potenzfunktion mit einem Exponenten kleiner eins.



"Zettels Meckerecke?" Ja. Denn nach dieser etwas nostalgischen Einleitung werde ich jetzt meckern. Und zwar kräftig.

Daß auch nationale Präferenzen bei der Abstimmung für diesen Preis eine Rolle spielten, das war immer so. Aber daß die Abstimmung dadurch ad absurdum geführt wird, daß praktisch nur noch nach nationalen Präferenzen abgestimmt wird, das ist eine Entwicklung der Zeit seit den neunziger Jahren.

Gewiß, die Holländer und die Österreicher haben selten viele Punkte an die Piefkes, an die Moffen vergeben. Die Skandinavier haben einander immer gut gefunden, die damals so genannten Benelux- Länder ebenso. Spanier mochten portugiesische Beiträge, und umgekehrt - das war halt der gemeinsame Geschmack gewesen.

Aber das waren doch nur kleine Einflüsse, die das Ergebnis nicht entschieden. Wer gewann, wer vorn lag - das hing von der Qualität ab.

Natürlich von der Qualität in Relation zum Zeitgeschmack. Also konnte Nicole 1982 gewinnen, als ganz Europa sich nach einem "bißchen Frieden" sehnte. Also lag man so gut oder so schlecht, wie man eben - mit hinreichender Qualität - das zu treffen wußte, was der Zeitgeist verlangte.



Vorbei. Heute kann man das Abstimmungsergebnis der meisten Länder vorhersagen, ohne auch nur den jeweiligen Beitrag gehört zu haben:
  • Erstens stimmt man für seine völkisch (politically correct: ethnisch) verwandten Nachbarn. Es gibt einen russischen Block, zu dem neben Rußland die sonstigen Nachfolgestaaten der UdSSR gehören. Es gibt, das gewissermaßen überwölbend, einen slawischen Block, zu dem beispielsweise auch Polen gehört. Es gibt einen Balkan- Block, der sich wieder in einen serbokroatischen und einen griechischen unterteilt. Es gibt einen kleinen rumänischen Block, zu dem die Länder mit rumänischer Bevölkerung gehören - also Moldawien, Ungarn, andere Anrainerstaaten Rumäniens. Und so fort. Man kann das quer durch ganz Europa verfolgen, für den skandinavischen Block, den iberischen.

  • Zweitens stimmen Auswanderer für ihre alte Heimat. Folglich bekommt die Türkei seit Jahren "von Deutschland" zwölf Punkte. Folglich schneiden die Nachfolgestaaten der UdSSR in Israel ganz vorn ab. Wo es einen erheblichen Anteil islamischer Einwanderer gibt, da liegt die Türkei - das einzige islamische Land, das an diesem Wettbewerb teilnimmt; Bosnien- Herzegowina ist ja noch nicht so weit - durchweg ganz vorn.


  • Kurzum: Diese Veranstaltung ist zu einer lächerlichen Farce geworden. Diejenigen Länder, in denen ja eigentlich keine schlechte Musik gemacht wird, die aber keinen dieser beiden Vorteile genießen - Frankreich, England, Deutschland, Italien zum Beispiel - landen auf den hinteren Rängen. Und diejenigen, die von dieser Blockbildung, die von den Stimmen von Auswanderern profitieren, liegen ganz vorn.

    Was soll das also? Was folgt aus dieser zunehmend absurder werdenden Situation? Meine sehr subjektive Reaktion ist: Laßt diese Lachnummer sein.

    Ja, zugegeben, mir würde etwas fehlen, wenn es diesen Event nicht mehr gibt.

    Aber ich glaube, ich könnte das verkraften. Während eine Abstimmung, die keine mehr ist, sondern ein völkischer Zählappell, Europa nur schaden kann. Und der Musik- Kultur noch mehr.