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9. Mai 2008

Marginalie: Was braut sich im Libanon zusammen? Mit einer aktuellen Ergänzung

[Artikel vom gestrigen Donnerstag:]

Al Jazeera English übertrug heute Nachmittag eine Pressekonferenz von Scheik Hassan Nasrallah, dem Führer der Hisbollah im Libanon. Eine seltsame, eine erschreckende Pressekonferenz.

Man muß sich an die orientalische Weitschweifigkeit solcher Stellungnahmen gewöhnen. Nasrallah redet blumig, er wiederholt sich endlos. Er redet vom Frieden, von der Brüderlichkeit zwischen Schiiten und Sunniten, vom Dialog mit der Regierung, mit den Christen.

Aber der Kern ist klar: Die Regierung habe der Hisbollah den Krieg erklärt. Jetzt werde man sich verteidigen. Man strecke die eine Hand der Regierung zum Dialog entgegen, aber in der anderen Hand halte man die Waffe.

Adressat der Stellungnahme waren offensichtlich vor allem die Regierungen anderer arabischer Länder, waren die Massen in anderen arabischen Ländern. An diese wandte sich Nasrallah immer wieder und versuchte ihnen einzuhämmern, daß die Hisbollah sich einem Komplott der USA und Israels gegenübersehe. Als deren Komplicen versucht er die Regierung Dschumblat hinzustellen.

Der Anlaß für die jetzige Eskalation war die Entlassung des Sicherheitschefs des Beiruter Flughafens, der der Hisbollah nahestand, sowie die Ankündigung der Regierung, ein privates Telefonnetz und Spionagekameras, die die Hisbollah zur Überwachung des Flughafens aufgestellt hatte, zu demontieren. Ausführliche Berichte dazu findet man in der Jerusalem Post und der New York Times.



Eine Momentaufnahme aus einem Konflikt, der seinen Charakter in Jahrzehnten kaum geändert hat. Die Regierung des Libanon ist zu schwach, um ein Gewaltmonopol zu erzwingen und aufrechtzuerhalten. Vor Jahrzehnten waren es die Fatah und christliche Milizen, die ihren Staat im Staate bildeten. Heute ist es die Hisbollah.

Es ist nicht zu sehen, wie sich die Situation stabilisieren sollte. Die Regierung kann die Hisbollah nicht besiegen, weil sie erstens militärisch zu schwach ist und weil zweitens der Iran dies verhindern würde. Die Hisbollah kann ihrerseits ebensowenig siegen; schon weil das Israel verhindern würde.

Also zieht sich der Konflikt dahin. Ein Schrecken ohne Ende statt eines Endes mit Schrecken.

Während Nasrallah sprach, brachte Al Jazeera im Hintergrund Bilder von den aktuellen Ausschreitungen. Massen von jungen Männern. An einem Werktag haben sie Zeit, sich auf der Straße zusammenzurotten. Vermutlich hat kaum einer von ihnen Arbeit. Sie sind - da sieht Gunnar Heinsohn wohl schon etwas Richtiges - sozusagen der unerschöpfliche menschliche Nachschub, aus dem sich solche Konflikte über Generationen speisen.




[Aktuelle Ergänzung:]

Als ich gestern diesen Artikel schrieb, spielte die Entwicklung im Libanon in den Medien noch kaum eine Rolle; selbst die zitierten Artikel in der Jerusalem Post und der New York Times waren nicht die Aufmacher.

Al Jazeera hingegen hatte die Situation richtig eingeschätzt. Die Redakteure, die Nasrallahs Rede kommentierten, stellten in den Mittelpunkt, daß er einen Kriegszustand konstatiert hätte.

Inzwischen ist das Thema sogar bei "Spiegel Online" angekommen - zeitweise als Aufmacher -, das ja meist erst berichtet, was die Spatzen schon von den Dächern pfeifen.

Da Al Jazeera gestern richtig damit gelegen hatte, die heutige Entwicklung vorherzusagen, sollte man vielleicht auch die sonstige Lageeinschätzung der dortigen Nahost- Redaktion beachten.

Man war sich dort gestern darin einig, daß es jetzt keinen Bürgerkrieg geben werde. Die Hisbollah könne jederzeit Beirut unter ihre Kontrolle bringen; aber sie hätte, so wurde argumentiert, kein Interesse daran. Es gehe ihr darum, jetzt Macht zu demonstrieren, um ihr politisches Gewicht in den kommenden Verhandlungen zu erhöhen.

Die Reporterin, die das gesagt hatte, Rula Amin, meldete sich heute und berichtete über ein Gespräch, das sie gerade mit Walid Dschumblat gehabt hatte. Auch er schloß einen Bürgerkrieg aus. Man könne sich einen Kompromiß mit der Hisbollah auch in Bezug auf des demontierte Funknetz vorstellen, das man umdeklarieren könne. Es werde wohl, sagte Dschumblat, eine libanesische Lösung geben, also einen Kompromiß, bei dem alle Seiten das Gesicht wahren.

Interessant war, daß Dschumblat sich enttäuscht über die libanesische Armee zeigte, die sich aus den Kämpfen heraushält. Dazu berichtet Al Jazeera, daß ein Auseinanderbrechen der Armee in schiitische und sunnitische Gruppen befürchtet werde, wenn sie sich gegen die Hisbollah engagieren würde.

Unklar ist offenbar, welche Rolle der Iran und Syrien bei den jetzigen Vorgängen spielen. Dschumblat ist, wie auch der Regierungschef Saad Al Hariri, dessen Sender heute besetzt wurde, ein erbitterter Gegner Syriens, aber auch Israels und des Westens.



Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

20. Juni 2007

Randbemerkung: Kann uns Gunnar Heinsohn die Hamas erklären?

Im Transatlantik-Forum weist Michael Kreutz sehr zu Recht auf die Aktualität der Überlegungen von Gunnar Heinsohn für die gegenwärtigen Ereignisse im Gaza- Streifen hin.

Aktuell sind sie, diese Überlegungen zum youth bulge, die besagen: Militanz junger Männer entsteht dort, wo viele von ihnen eine schlechte Lebensperspektive haben. Und das gilt in einer kopfstarken Generation für die zweiten, dritten usw. Söhne einer Familie.

Also "wählen sie den Soldatenberuf", wie man früher gesagt hätte. Sie schließen sich einer Terrorgruppe an, gehen in eine Miliz, die sie versorgt, in der sie Ansehen und Selbstbestätigung finden.



Das ist eine jener Überlegungen, denen eigentlich niemand widersprechen kann.

So einleuchtend, wie daß religiöse Gewalt in religiösen Gegenden wahrscheinlicher ist als in Gegenden, in denen die Religion kaum eine Rolle spielt.

So einleuchtend, wie daß Revolutionen dort wahrscheinlicher sind, wo es starke Klassenunterschiede gibt.



Diese letztere, marxistische Vermutung ist ja gewiß nicht falsch. Sie ist nicht falsch, solange man sie so versteht, daß das ein Faktor ist, der - zusammen mit vielen anderen - eine Rolle spielen kann.

So meinen es die Marxisten natürlich nicht. Sondern der Satz "Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen" ist für sie der Schlüssel zum Verständnis der Weltgeschichte.

Mit anderen Worten, ein komplexes Wirkungsgeflecht von Variablen wird auf die Wirksamkeit eines einzigen Faktors reduziert.

Ebenso scheint es mir mit der von Heinsohn vertretenen These zu sein. (Erdacht hat er sie nicht; sondern er nennt Autoren wie Huntington als die Urheber; das "angelsächsische Denken", das "relativ unbekümmert zum demografischen Argument" greife).

Daß ein Bevölkerungs- Überschuß in der jungen Generation die Gefahr von Militanz in sich birgt, ist sicherlich plausibel, und Heinsohn hat dafür viele historische Beispiele zusammengetragen. Aber nicht belegt scheint mir zu sein, daß das der Hauptfaktor oder gar der einzige Faktor ist.

Eine Bevölkerungs- Struktur ähnlich der in den arabischen Ländern gibt es in vielen Ländern der Welt, in denen keine Bürgkriegs- Armeen am Werk sind. (Hier ist z.B. die Bevölkerungspyramide von Brasilien). Sie sind nicht islamisch, und sie sind nicht so arm wie die meisten arabischen Länder.

Plausibel erscheint mir, daß mindestens diese drei Faktoren zusammenkommen müssen, damit es zu diesem Ausmaß an Militanz kommt, wie es jetzt in Gaza zu sehen ist: Die demographische Struktur, ein sozialistisches oder sonstwie rückständiges Gesellschaftssystem, und eine traditionell militante Religion.

Um diesen Beitrag zu kommentieren und zu diskutieren, ist in Zettels kleinem Zimmer ein Thread eingerichtet.