Zettels Raum: Von den Menschenrechten zum Sozialismus: Was wirklich im Bericht des Sonderberichterstatters Muñoz steht Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt

Monday, March 26, 2007

Von den Menschenrechten zum Sozialismus: Was wirklich im Bericht des Sonderberichterstatters Muñoz steht

Verstößt ein dreigliedriges Schul- System gegen die Menschenrechte? Verstößt es gegen die Menschenrechte, wenn in einem Bundesstaat wie Deutschland die einzelnen Bundesländer ihr Schulwesen nicht einheitlich gestalten?

Bisher bin ich nicht auf den Gedanken gekommen, daß das Verletzungen von Menschenrechten sein könnten. Aber nun bin ich nachdenklich geworden.

Denn diese beiden Merkmale des deutschen Schulwesens sind als als Verletzungen der Menschenrechte kritisiert worden.



Sie sind nicht von irgendeinem Privatmann kritisiert worden, sondern von einem Sonder- Berichterstatter der Vereinten Nationen. Genauer: Von Vernor Muñoz, "Special Rapporteur" der UNO- Kommission für Menschenrechte, der vor einem Jahr für knapp zwei Wochen (vom 13. bis 21. Februar) Deutschland besucht hatte.

Jetzt liegt sein Bericht vor.

Inzwischen nicht mehr an die UNO- Kommission für Menschenrechte, die mit der Mitgliedschaft von Ländern wie China, Vietnam, Kuba, Saudi-Arabien, Nigeria, Libyen, Syrien, dem Sudan und Simbabwe eine doch ein wenig seltsame Versammlung von Garanten der Menschenrechte gewesen war. (Eine Mitgliederliste findet man hier). Sondern an ihre Nachfolgeorganisation, den Rat für Menschenrechte, bei dessen Zusammensetzung die schlimmsten Verletzer der Menschenrechte künftig außen vor bleiben sollen.

Der Bericht des Sonder- Berichterstatters Muñoz ist hier zu finden (Dokument A/HRC/4/29/Add.3, als PDF-Datei herunterladbar).



Wenn man die folgenden Auszüge liest, sollte man sich vor Augen halten, daß dieser Special Rapporteur kein Pädagoge ist, sondern Jurist. Und daß er nicht den Auftrag hatte, zu beurteilen, wie gut das deutsche Bildungssystem ist, sondern allein, ob es mit den Menschenrechten vereinbar ist. Auszüge (Übersetzungen von Zettel):

Aus der Zusammenfassung:
The Special Rapporteur urges the Government to reconsider the multitrack school system, which is selective and could lead to a form of de facto discrimination. Indeed, the Special Rapporteur believes that the classification process which takes place at lower secondary level (average age of students is 10, depending on each Land’s regulation) does not assess students in an adequate manner and instead of being inclusive, is exclusive; since he could verify during the visit that, for example, poor and migrant children - as well as children with disabilities - are negatively affected by the classification system.

Der Sonder- Berichterstatter drängt darauf, daß die Regierung das mehrgliedrige Schulsystem auf den Prüfstand stellt, das selektiv ist und zu einer De- facto- Diskriminierung führen könnte. In der Tat ist der Sonder- Berichterstatter der Auffassung, daß der Klassifikations- Prozeß, der zur Sekundarstufe I stattfindet (das Durchschnittsalter der Schüler ist 10 Jahre, je nach den Bestimmungen in den einzelnen Ländern), die Schüler nicht angemessen beurteilt. Statt inklusiv zu sein, ist es exklusiv; denn er konnte sich während seines Besuchs davon überzeugen, daß zum Beispiel arme Kinder und Kinder von Migranten - so wie auch Kinder mit Behinderungen - durch dieses Klassifikationssystem benachteiligt werden.

Aus Abschnitt 40 des Berichts:
...the Special Rapporteur noted that despite governmental efforts to reinforce and strengthen language teaching, the results seem to be below expectations. In his view the problem lies with the fact that German is taught as a second language to children who speak another language at home but teachers often use the same methodology they use to teach German speaking students.

Der Sonder- Berichterstatter stellte fest, daß trotz Bemühungen der Regierung, den Sprach- Unterricht zu erweitern und zu stärken, die Ergebnisse offenbar unter den Erwartungen liegen. Seines Erachtens liegt das Problem in dem Umstand, daß Deutsch Kindern als zweite Sprache gelehrt wird, die zu Hause eine andere Sprache sprechen, daß aber die Lehrer oft dieselbe Methodik verwenden, die sie benutzen, um deutschsprachige Kinder zu unterrichten.
Aus Abschnitt 46 des Berichts:
The discrepancies between the educational systems operating in the different Länder (some of which follow a two-track, and others even a three-track, system) could be considered a matter of a range of choices. In practice, however, the lack of uniformity can cause difficulties for pupils whose families have to move home, for example. There would seem to be problems in ensuring that educational opportunities are provided in a uniform manner, given that the availability of education depends on the place where pupils and their families actually live.

Die Unterschiede zwischen den Schulsystemen, die in den einzelnen Ländern gelten (von denen einige ein zweigliedriges und andere gar ein dreigliedriges System haben), könnten als eine Frage der Breite der Auswahlmöglichkeiten gesehen werden. In der Praxis kann jedoch der Mangel an Einheitlichkeit zu Schwierigkeiten für Schüler führen, deren Eltern beispielsweise umziehen müssen. Es dürfte wohl Schwierigkeiten dabei geben, sicherzustellen, daß die schulischen Möglichkeiten in gleicher Weise angeboten werden, denn das, was schulisch angeboten wird, hängt davon ab, wo die Schüler und ihre Eltern nun einmal wohnen.
Aus Abschnitt 49 des Berichts:
The Special Rapporteur notes that the successful reform of the German ducation system as a whole presupposes both reforms of content and structure. Seven priorities should be highlighted:
(1) move from a selective education system to a system which supports the individual and focuses on the person’s specific learning abilities;

(2) schools should be more independent, meaning that schools should be flexible and autonomous in the use of fundings, recruitment of teachers and implementation of central objectives;

(3) improve education contents and methods, especially through systematic language training for migrants, strengthening reading skills, and introduction of new media;

(4) strengthen democratic school culture by giving the child more autonomy and the possibility for children to use their competencies;

(5) structures should give anyone a chance to develop his and her own potential, through strengthened kindergarten opportunities, introduction of full-day schools, and abandoning the multi-track school system. Regarding the latter, it should be noted that - despite successful foreign examples of one school system for all pupils which allows children to learn together for a longer period of time thus encouraging all children to reach better results - the discussion of the multi-track system, which appears extremely selective to the Special Rapporteur, seems to trigger great anxiety and resistance, especially anxiety over the loss of privilege for those who benefit most from the current system;

(6) a different training for teachers who should not only be specialized in their teaching field but also at the pedagogical level;

(7) greater investments and funds for early-childhood support, for which funds should be better invested and distributed.
Der Sonder- Berichterstatter stellt fest, daß die erfolgreiche Reform des gesamten deutschen Schulsystems Reformen sowohl der Inhalte als auch der Struktur voraussetzt. Sieben Prioritäten sollten hervorgehoben werden:
(1) Statt eines selektiven Schulsystems ein System, das das Individuelle unterstützt und sich auf die spezifischen Lernfähigkeiten des Einzelnen ausrichtet;

(2) die Schulen sollten unabhängiger sein, das heißt die Schulen sollten flexibler und autonomer bei dem Einsatz ihrer Mittel, beim Einstellen von Lehrern und bei der Durchsetzung der wichtigsten Ziele sein;

(3) eine Verbesserung der schulischen Methoden und Inhalte, vor allem durch systematischen Sprachunterricht für Migranten, die Verbesserung der Lesefähigkeit und die Einführung neuer Medien;

(4) eine Stärkung der demokratischen Kultur in den Schulen dadurch, daß den Kindern mehr Autonomie gewährt wird und durch die Möglichkeit, daß die Kinder ihre Kompetenzen nutzen;

(5) die Strukturen sollten allen die Möglichkeit geben, sein/ihr Potential zu entwickeln, und zwar durch eine Stärkung der Chancen im Kindergarten, durch die Einrichtung von Ganztagsschulen und durch die Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems. Was das Letzere angeht, ist darauf hinzuweisen, daß - trotz erfolgreicher ausländischer Beispiele eines gemeinsamen Schulsystems für alle Schüler, das es den Kindern ermöglicht, lange Zeit gemeinsam zu lernen, was alle Kinder ermutigt, bessere Ergebnisse zu erzielen - die Erörterung des mehrgliedrigen Systems, welches dem Sonder- Berichterstatter extrem selektiv erscheint, große Ängste und Widerstand auslöst, vor allem bei denjenigen, die von dem jetzigen System profitieren;

(6) eine andere Ausbildung der Lehrer, die nicht nur in ihrem Fachbereich spezialisiert sein sollten, sondern auch auf der pädagogischen Ebene;

(7) größere Investititionen und Mittel für Unterstützung in der frühen Kindheit, wofür die Mittel besser investiert und verteilt werden sollten.



Soweit einige Auszüge. Ich empfehle, den gesamten Bericht zu lesen, damit man versteht, was hier vor sich geht: Der Versuch, unter dem Vorwand des Schutzes der Menschenrechte den Sozialismus im Bildungswesen als internationalen Standard zu verankern.



Vieles von dem, was Muñoz schreibt, kann man nachvollziehen. Nichts davon ist ja neu. Wenn die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zustimmt, dann ist das vollkommen legitim. Der Bericht entwirft halt ein linkes, egalitäres Bildungskonzept. Eines von vielen möglichen, von vielen, die selbstverständlich gleichberechtigt sind.

Nur äußert sich Muñoz eben nicht als ein Bildungspolitiker, der er nicht ist. Er schreibt seinen Bericht als ein Jurist, der vom Rat für Menschenrechte beauftragt wurde, zu untersuchen, ob das deutsche Schulsystem gegen die Menschenrechte verstößt.

Vernünftigerweise kann man seine Ratschläge also nur so interpretieren, daß ohne ihre Befolgung Deutschland gegen die Menschenrechte verstieße.

Und hier liegt der Skandal: Eine bestimmte ideologische Vorstellung davon, wie ein Schulsystem beschaffen zu sein habe - inclusive, also egalitär - wird als allein vereinbar mit den Menschenrechten deklariert.

Die UNO in Gestalt ihres Rats für Menschenrechte, in Gestalt von dessen Sonder- Berichterstatter, nimmt für sich in Anspruch, eine sozialistische Gesellschaft vorzuschreiben, als die einzige, die mit den Menschenrechten vereinbar ist.

Mit anderen Worten: Die Menschenrechte werden radikal uminterpretiert.



Sie waren und sind Rechte, die das Individuum gegen den Staat hat. Man sehe sich den Grundrechts- Katalog des Grundgesetzes an.

Da wird festgelegt, daß der Staat die Würde des Menschen nicht antasten darf. Daß jeder das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit hat. Daß er das Recht auf Leben, Unversehrtheit, Freiheit hat. Daß alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Daß Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Daß niemand benachteiligt werden darf.

Und so fort. Die Menschenrechte sind Rechte, die der Mensch gegen seine Obrigkeit hat.



Was die UNO-Bürokratie aber versucht, das ist eine Umfunktionierung der Menschenrechte: Statt daß sie den Einzelnen gegen den Staat schützen, sollen sie den Staat zwingen, Fürsorge gegenüber dem Einzelnen walten zu lassen. Und zwar Fürsorge im Sinn der Gleichmacherei, des inclusive.

Es ist nichts anders, als Freiheitsrechte zu mißbrauchen, um den Sozialismus durchzusetzen.

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24 Comments:

Anonymous Sparrowhawk said...

Daß alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Daß Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Daß niemand benachteiligt werden darf.

=> Das kannste in Deutschland aber mal ganz getrost vergessen.

a) stehen Frauen vor dem Gesetz weitaus besser da als Männer... bringt eine Frau ihre Kinder um, wird sie weit milder dafür bestraft als wenn ein Mann dies täte. Außerdem können Frauen ihre Kinder nach Belieben einem ahnungslosen Mann als Kuckuckskinder unterschieben... Brigitte Zynisch wollte ja Vaterschaftstests sogar unter Strafe stellen !
Und beim Scheidungsrecht... ach, damit fange ich erst gar nicht an.


b) werden Ausländer ebenfalls, zumindest teilweise, bevorzugt behandelt. Zum einen von Politik und Medien, aber zum anderen auch von Gerichten, wo, mittlerweile nicht gerade selten, die herkunft eines Täters als mildernder Umstand angesehen wird... jedenfalls dann, wenn er nicht aus Deutschland kommt und eventuell sogar noch Moslem ist... ich sag da mal "Sürücü" als Beispiel, aber es muss ja nicht immer Mord sein.

09:34  
Anonymous Anonymous said...

Lieber Herr Zettel

die Schulen sollten unabhängiger sein, das heißt die Schulen sollten flexibler und autonomer bei dem Einsatz ihrer Mittel, beim Einstellen von Lehrern und bei der Durchsetzung der wichtigsten Ziele sein

Er fordert eigentlich einen Rückzug des Staates und mehr Freiheit für die Schule. Er fordert Ganztageschulen. Auch viele Privatschulen sind Ganztagesschulen.

Sie haben nicht verstanden, warum ich ihn den Text des großen Virchow kopiert habe? Dabei sagt er es doch deutlich.

Früher hatte es im Interesse der Grundherrschaft, die der Hände bedurfte und der die Kraft dieser Hände ein Äquivalent des Kapitals ausmachte, gelegen, die absolute Verarmung und den Hunger von den Trägern dieser Hände abzuhalten.

Sie merken nicht die Parallelen zur Ablösung der Handarbeit in der industriellen Produktion???? Deshalb sind doch diese Menschen arbeitslos. Das ist schon ein Wink mit dem ganzen Baum und Sie haben die Güte, ihn zu überlesen. Herr Zettel, denken Sie daran, daß zur Pisa-Untersuchung auch eine Aufgabe zum Textverständnis gehört.

Als die Ablösung der Handdienste vollzogen war, lag. kein materieller Grund mehr vor, der Verarmung, und dem Hunger vorzubeugen
Kommt Ihnen das nicht bekannt vor? So ist es auch heute!

Die heutigen Nachfahren der damaligen Oberschlesier und Bewohner der Slums in den Großstädten sind in den meisten Fällen beruflich erfolgreich. Virchow hat das vorausgesehen. Jetzt haben wir wieder Menschen in Deutschland, die aus einer ganz anderen Erfahrungswelt stammen? Diesmal aus islamischen Ländern? Was macht sie eigentlich so sicher, das deren Nachfahren nicht bildungsfähig sind? Das sie es nicht sind, wenn sie in der Umgebungen verbleiben, in denen sie augenblicklich leben, ist allerdings richtig. Aber das bestreitet ja auch niemand.

Sie gehen von Gleichmacherei aus. Ich gehe davon aus, daß die meisten Heranwachsenden wesentlich begabter sind als wir annehmen. Und sehr unterschiedlich begabt. Das Bildungserlebnis eines Heranwachsenden ist wie ein Schloß, in dem der Schlüssel bereits steckt. Er steckt. Es ist ein typischer Fehler fast aller Pädagogen, mit einem anderen, ihrem Schlüssel das Schloß zum Bildungserlebnis öffnen zu wollen. Ein Heranwachsender ist nicht das, was wir in ihm sehen, sondern das, was in ihm steckt. Ich habe meinem Professor zu seinem 75-sten Geburtstag für seinen Mühen gedankt. Er antwortete mir, er war nur der Spiegel, in dem ich mich erkennen konnte. Das ist ein sehr ähnliches Denken. Sie müssen als Pädagoge erkennen, welcher Schlüssel es ist, der im Schloß steckt und denn Sie müssen bewegen. Diesen und keinen anderen. Was dann an Bildungserlebnis möglich ist, wenn das Schloß geöffnet ist, steht auf einem anderen Blatt. Sie wären ebenso überrascht wie ich, daß oft ein Bildungsfortschritt ausgerechnet auf den Gebieten zu erzielen ist, wo der Schüler vorher versagte. Meistens sind das Schüler, die nicht abstrakt, sondern sehr gegenständlich denken und durch das Verstehen der gegenständlichen Welt Ihre Bildung erleben. Ich habe inzwischen einige Mal mein Damaskuserlebnis hinsichtlich der Bildungsfähigkeit von Heranwachsenden hinter mir, die ich als Bildungsversager einschätzte. Ich bin inzwischen sehr viel vorsichtiger mit solchen Urteilen, denn leider haben Eltern und Lehrer einen mitunter fatalen Einfluß auf den Bildungsweg. Ohne es selbst zu wissen.

Eine Reform des Bildungssystem muß keine staatliche Lösung sein. Der Staat soll Überwachender, aber nicht Ausführender der Bildung sein. Das funktioniert, wenn Menschen aus dem Bürgertum in die Schulen gehen, in denen vorwiegend Schüler unterrichtet werden, deren Eltern ihnen keine Hilfe, wenn nicht sogar Schlimmeres bei ihrem Bildungserlebnis sein können. Wenn Ihnen die Geschichte des 19. Jahrhundert geläufig ist, wissen Sie, daß damalige Liberale Arbeiterbildungsvereine gegründet und betrieben haben. Ich sehe nicht den geringsten Grund, warum heutige Bürger dazu nicht in der Lage sein sollten. Zumal das bereits passiert. Eine Bekannte von mir leitet im Berlin-Neuköllner Rollbergviertel den Nachbarschaftsverein. Nicht gerade die Heimat des Bildungsbürgertums. Die Menschen, die dort Heranwachsenden helfen, unterscheiden sich in ihrer sozialen Herkunft und im Wohnort deutlich von den Heranwachsenden. Es sind unter ihnen auch ehemalige Wissenschaftler, die ihr Berufsleben an der Universität verbrachten. Es sind schon 70 Menschen, die da einspringen, wo die Eltern es nicht können.

Virchow war ein Champion of the poor, ebenso wie Richard Cobden und Adam Smith. Die Trauernden bei der Beerdigung von Adam Smith waren keine Wähler der FDP von heute, sondern Arme. Richard Cobden nannte man sogar den champion of the poor. Heutige Liberale kommen erst gar nicht in die Verlegenheit, so genannt zu werden. Es besteht auch kein Grund dazu. Das sollte Ihnen zu denken geben.

Wenn eine Gesellschaft die Fähigkeit zur Selbstkritik verliert, kommt die Kritik von Außen.

Libero

Dessen Leben ebenfalls in einem obskuren Land Mittelamerikas begann, den zweiten Estados Unidos auf dem Kontinent

09:58  
Anonymous Boche said...

Das sehe ich anders.

Wenn der Staat die Schulbildung organisiert, dann bemächtigt er sich damit durchaus eines zentralen Bereichs der Entwicklung seiner Bürger. Wenn der Staat diese Aufgabe, die er sich angeeignet hat, dann schlecht erledigt, kann man durchaus auch die Frage stellen, in wieweit die Grundrechte der Bürger (hier vor allem: der Kinder) angetastet werden.

Vorneweg: Mein Ideal wäre eine Privatisierung der Schulbildung, ergänzt vielleicht durch staatlich vorgegebene Rahmen hinsichtlich der Abschlüsse und ggf. Bildungsgutscheine, wie Friedman sie angedacht hat.

Wenn dieses Ideal aber nicht umsetzbar ist, wenn ich also über die schlechtere von zwei Möglichkeiten nachdenken soll, sträubt sich in mir alles gegen ein mehrgliedriges Schulsystem.

Denn ein solches mehrgliedriges Schulsystem erscheint mir einerseits sachlich grober Unsinn zu sein.
Die Idee muss man erst einmal sehr, sehr gut begründen, Kinder in sehr jungen Jahren zu klassifizieren und der Klassifikation entsprechend in bestimmte Bildungswege zu zwingen, die gravierenden Einfluss auf das gesamte spätere Leben haben können. Die geforderte und ggf. ja teilweise bestehende Durchlässigkeit der Schulgliederung kann ich da nur als Notbehelf gegen ein selbst erschaffenes Problem verstehen.

Anderseits ist es eben gerade nicht Sozialismus, den freien Austausch und Wettbewerb zwischen lernenden Kindern zu ermöglichen. Wäre es Sozialismus zu fordern, dass alle Maschinenbauer sich einem gemeinsamen Wettbewerb zu stellen haben? Statt dass der Staat Ligen guter und schlechter Maschinenbauer bildet und je nach Liga unterschiedliche Startvoraussetzungen vergibt?
Ist das indische Kastensystem (in dem bestimmten Menschen bestimmte Wege vorgezeichnet sind) oder das amerikanische "Einheitssystem" (in dem jeder mit jedem konkurrieren kann) weniger sozialistisch, weniger freiheitlich?

Es ist vielleicht nicht sozialistisch aber doch möglicherweise Überbleibsel einer illiberalen Kastenmentalität, in die Bildung willkürliche Barrieren einzuziehen und das kindlich lernende Volk nach dem zu Motto zu sortieren, die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.

Ich sage dazu, dass meine Ansichten aus meiner Erfahrung mit der DDR-Schule herrühren. Einer Einheitsschule, die - abseits des ideologischen Mülls - meines Erachtens sehr gut funktioniert hat. Und das sage ich als jemand, der meistens Klassenbester gewesen ist. Als jemand also, um den sich viele Verteidiger des mehrgliedrigen Systems Sorgen machen, weil die schlechteren Schüler (die nicht in die Hauptschule abgeschoben werden können) ihn am Lernen hindern würden.
Und ich sage es als jemand, der vermutet, dass das Leistungsniveau westdeutscher Schüler im Schnitt (zumindest zur Wendezeit) doch unterhalb des DDR-Niveaus lag.
Was ich als Student im Jahre 1990 an Unwissen in Fragen der Mathematik oder auch nur der Rechtschreibung bei westdeutschen Kommilitonen erlebt habe, was meine Mutter (als ehemalige Lehrerin) als in westdeutschen Gymnasien hospitierend erlebt hat, lässt mich diese Vermutung als wahrscheinlich annehmen.

Kurzum: Der UN-Mann mag vielleicht nicht qualifiziert oder berechtigt sein, seine Vorwürfe vorzutragen. Inhaltlich erscheinen sie mir aber durchaus stichhaltig.

11:19  
Anonymous Rayson said...

Eine heftige Abrechnung, lieber Zettel. Ich bin mir nicht sicher, ob es da wirklich um Sozialismus geht (schließlich ist der solchen Dingen unverdächtige Freund Boche auch ein starker Verfechter des Gesamtschulprinzips), aber ideologisch aufgeladen ist es ganz offensichtlich.

So lange bei der UNO, auch in den sog. Menschenrechts-Gremien, aber die Frösche damit beauftragt sind, den Sumpf auszutrocknen, so lange ist das alles nicht wirklich ernstzunehmen. Außer natürlich, man ist Deutscher, da neigt man erstmal dazu, in Habachtstellung zu gehen und den Weisungen von oben Folge zu leisten.

12:00  
Blogger Zettel said...

Sie gehen von Gleichmacherei aus. Ich gehe davon aus, daß die meisten Heranwachsenden wesentlich begabter sind als wir annehmen. Und sehr unterschiedlich begabt.

Das, lieber Libero, ist auch meine Auffassung.

Ich finde ja auch einige der Vorschläge von Muñoz ganz vernünftig.

Worum es mir geht, das dachte ich deutlich gemacht zu haben (aber es scheint Ihrem Textverstehen entgangen zu sein ;-)):

Es geht nicht an, daß nur ein einziges Schulsystem als mit den Menschenrechten vereinbar bezeichnet wird, und das von einem Mann, der in offizieller UNO-Mission unterwegs ist.

Das ist der Versuch der Gleichmacherei.

Und zwar nicht nur in dem Sinn, daß Differenzierungen wie das dreigliedrige Schulysystem als menschenrechtswidrig gebrandmarkt werden.

Sondern auch Gleichmacherei in dem zweiten Sinn, daß die UNO sich anmaßt, allen Staaten der Welt ein ein- und dasselbe Schulystem vorzuschreiben.

Und das mit Berufung auf die Menschenrechte! Hier liegt der Skandal.

Herzlich, Zettel

13:14  
Blogger Zettel said...

Lieber Boche,

Wenn der Staat die Schulbildung organisiert, dann bemächtigt er sich damit durchaus eines zentralen Bereichs der Entwicklung seiner Bürger. Wenn der Staat diese Aufgabe, die er sich angeeignet hat, dann schlecht erledigt, kann man durchaus auch die Frage stellen, in wieweit die Grundrechte der Bürger (hier vor allem: der Kinder) angetastet werden.

Einverstanden. Und es gibt sicher viele Staaten in der Welt, in denen man diese Frage bejahen muß. Weil zB viele Kinder überhaupt keine Gelegenheit zum Schulbesuch haben. Weil Kinderarbeit vom Staat geduldet wird. Weil die Kinder in der Schule politisch indoktriniert werden.

Mit anderen Worten: Wenn wirklich Menschenrechte verletzt werden.

Aber wenn das nicht der Fall ist, wie in jedem demokratischen Rechtsstaat, dann muß es doch dem betreffenden Staat, oder den Bundesländern, Unionsstaaten, wer immer zuständig ist, überlassen sein, wie sie ihr Schulsystem organisieren.

Es geht doch nicht, daß eine Organisation der UNO ihnen das vorzuschreiben versucht, mit Verweis auf die Menschenrechte.

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Alles, was du dann geschrieben hast, lieber Boche, ist klug und durchdacht, wie immer. Nur dreht es sich meines Erachtens um die Frage, wie man ein Schulysystem am besten organisiert. Nicht, ob und ggf warum ein Schulystem gegen die Menschenrechte verstößt.

Vorneweg: Mein Ideal wäre eine Privatisierung der Schulbildung, ergänzt vielleicht durch staatlich vorgegebene Rahmen hinsichtlich der Abschlüsse und ggf. Bildungsgutscheine, wie Friedman sie angedacht hat.

Wenn dieses Ideal aber nicht umsetzbar ist, wenn ich also über die schlechtere von zwei Möglichkeiten nachdenken soll, sträubt sich in mir alles gegen ein mehrgliedriges Schulsystem.


Einverstanden.

Denn ein solches mehrgliedriges Schulsystem erscheint mir einerseits sachlich grober Unsinn zu sein.
Die Idee muss man erst einmal sehr, sehr gut begründen, Kinder in sehr jungen Jahren zu klassifizieren und der Klassifikation entsprechend in bestimmte Bildungswege zu zwingen, die gravierenden Einfluss auf das gesamte spätere Leben haben können. Die geforderte und ggf. ja teilweise bestehende Durchlässigkeit der Schulgliederung kann ich da nur als Notbehelf gegen ein selbst erschaffenes Problem verstehen.


Diese Klassifizierung ist ja eine - wenn auch grobe - Form der Individualisierung. Als ich ins Gymnasium kam, mußte man eine einwöchige (!) Aufnahmeprüfung bestehen. Täglich einen Vormittag lang Klassenarbeiten, mündliche Prüfungen, Probe- Unterricht in allen wichtigen Fächern.

Viele, die bestanden, kamen aus der Unterschicht. Viele, die nicht bestanden, kamen aus dem wohlhabenden Bürgertum. Manche, die in der Sexta nicht mitkamen, mußten zurück auf die Volksschule. Andere kamen später von der Realschule, mit deren Abschluß, auf die Oberstufe des Gymnasiums-

Was ist daran grober Unsinn?

Anderseits ist es eben gerade nicht Sozialismus, den freien Austausch und Wettbewerb zwischen lernenden Kindern zu ermöglichen. Wäre es Sozialismus zu fordern, dass alle Maschinenbauer sich einem gemeinsamen Wettbewerb zu stellen haben? Statt dass der Staat Ligen guter und schlechter Maschinenbauer bildet und je nach Liga unterschiedliche Startvoraussetzungen vergibt? Ist das indische Kastensystem (in dem bestimmten Menschen bestimmte Wege vorgezeichnet sind) oder das amerikanische "Einheitssystem" (in dem jeder mit jedem konkurrieren kann) weniger sozialistisch, weniger freiheitlich?

Es ist, wie gesagt, eine Frage der Individualisierung. Ideal wäre natürlich eine Gemeinschaftsschule, in der die Kinder jedes Jahrgangs, je nach ihren Fähigkeiten, in unterschiedlichen Lerngruppen arbeiten. Das wäre eine bessere, sozusagen punktgenauere Individualisierung als im dreigliedrigen System.

Nur, wer soll das bezahlen? Man brauchte dazu eine völlig andere Lehrer-Schüler-Relation.

In den Gesamtschulen versucht man ja sowas im Groben. Und das Ergebnis war und ist, daß das Gesamtniveau schlecht war, jedenfalls im Regelfall. Kein Vergleich mit dem klassischen Gymnasium.

Es ist vielleicht nicht sozialistisch aber doch möglicherweise Überbleibsel einer illiberalen Kastenmentalität, in die Bildung willkürliche Barrieren einzuziehen und das kindlich lernende Volk nach dem zu Motto zu sortieren, die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.

Die Barrieren sind ja nicht willkürlich. Es geht auch nicht um gut oder schlecht, sondern darum, daß jeder seiner Begabung entsprechend gefordert wird.

Wie willst du zum Beispiel in einer Einheitsschule den Sprachunterricht organisieren? Sollen alle Kinder Latein, Englisch und eine dritte Fremdsprache lernen? Oder nimm Mathematik. Sollen auch diejenigen, die später, sagen wir, Friseuse oder Spielwarenverkäufer sein werden, sich durch die Differentialrechnung quälen? Ist es denn nicht besser, wenn sie ordentlich diejenige Mathematik lernen, die sie wirklich brauchen?

Und ich sage es als jemand, der vermutet, dass das Leistungsniveau westdeutscher Schüler im Schnitt (zumindest zur Wendezeit) doch unterhalb des DDR-Niveaus lag. Was ich als Student im Jahre 1990 an Unwissen in Fragen der Mathematik oder auch nur der Rechtschreibung bei westdeutschen Kommilitonen erlebt habe, was meine Mutter (als ehemalige Lehrerin) als in westdeutschen Gymnasien hospitierend erlebt hat, lässt mich diese Vermutung als wahrscheinlich annehmen.

Das will ich gern glauben, lieber Boche. Aber deine Vergleichsgruppe sind eben die Abiturienten von 1990 gewesen. Dreißig Jahre davor wäre das Bild ganz anders gewesen.

Unabhängig von der Frage der Dreigliedrigkeit sind die Anforderungen in allen Schulformen seit ungefähr 1970 immer mehr reduziert worden, vor allem, was die formalen Fertigkeiten angeht. Da war die DDR am Ende wirklich den meisten westdeutschen Schulen weit überlegen.

Herzlich, Zettel

15:31  
Blogger Zettel said...

Eine heftige Abrechnung, lieber Zettel.

Ja! Ich finde, manchmal muß man Tacheles reden. ;-)

Ich bin mir nicht sicher, ob es da wirklich um Sozialismus geht

Es geht, lieber Boch, aus meiner Sicht um die Durchsetzung egalitärer Prinzipien. Das heißt "inclusive education" oder "educational mainstreaming".

Muñoz ist Experte dafür; er hat auf der diesjährigen Sitzung des Rats für Menschenrechte noch einen zweiten Bericht vorgelegt, in dem es darum geht, daß Behinderte grundsätzlich "inklusiv", also in Regelschulen, unterrichtet werden sollen.

Sonderschulen werden von diesen Ideologen der Einheitlichkeit ebenso abgelehnt wie Gymnasien oder gar Schulen oder Klassens für Hochbegabte (die es, nebenbei, in der DDR ja gegeben hat).

Das nenne ich Sozialismus. Natürlich nicht Kommunismus; es wird ja durchaus auch von demokratischen Sozialisten vertreten.

Wenn man innerhalb eines Einheits-Systems freilich ein großes Maß an Individualisierung vorsieht, dann ist das durchaus liberal gedacht. So verstehe ich auch Boche.

So lange bei der UNO, auch in den sog. Menschenrechts-Gremien, aber die Frösche damit beauftragt sind, den Sumpf auszutrocknen, so lange ist das alles nicht wirklich ernstzunehmen.

Daß es jetzt besser geworden ist, seit die Kommission durch den Rat abgelöst wurde, ist übrigens allein den USA zu verdanken. Die allerdings noch weiter gehen wollten und eine Zwei-Drittel-Zustimmung zu jedem einzelnen Mitglied-Land verlangt hatten.

Außer natürlich, man ist Deutscher, da neigt man erstmal dazu, in Habachtstellung zu gehen und den Weisungen von oben Folge zu leisten.

Oder auch nicht. Diesmal war das Echo ja sehr durchwachsen. Auch Deutsche entdecken manchmal so etwas wie nationale Würde. ;-)

Herzlich, Zettel

15:53  
Anonymous Regina said...

Noch einmal, lieber Zettel (ich habe es vor ein paar Tagen schon erwähnt):

Wer in aller Welt ist in Köln auf die Idee gekommen, Herrn Munoz ausgerechnet in die Zigeunerschule "Amaro Kher" zu führen? Glaubt Herr Munoz wirklich, daß dieses umstrittene und einzelne Projekt repräsentativ für die Kölner Schulen sein kann?

Wenn Du Dir die folgenden Links durchliest, dann kommt Dir das Urteil des UNO-Abgesandten gar nicht mehr merkwürdig vor. Diese Schule wird von keinem einzigen deutschstämmigen Kind besucht, der Schulbesuch der Kinder erfolgt unregelmäßig (nur 40 % der angemeldeten Kinder nehmen einigermaßen regelmäßig am Unterricht teil). Die Familien genießen einige Zeit die Wohltaten der Stadt Köln und ziehen dann wieder weg. Das scheint auch Herrn Munoz beeindruckt zu haben, denn er sagt ja: "In der Praxis kann jedoch der Mangel an Einheitlichkeit zu Schwierigkeiten für Schüler führen, deren Eltern beispielsweise umziehen müssen."

http://www.stadtrevue.de/index_archiv.php3?tid=676&bid=3&ausg=08/04

http://www.beucker.de/2006/tk06-02-20.htm

http://www.gruenekoeln.de/pages/rr/162/162-07.htm

00:36  
Anonymous Boche said...

Deine Kritik an der Tätigkeit des UN-Beauftragten unterstütze ich, ich gehe deshalb nicht weiter darauf ein, ok?

Ich richte das Augenmerk dementsprechend auf unsere Diskussion des dreigliedrigen Schulsystems.

Diese Klassifizierung ist ja eine - wenn auch grobe - Form der Individualisierung. Als ich ins Gymnasium kam, mußte man eine einwöchige (!) Aufnahmeprüfung bestehen. [...]
Was ist daran grober Unsinn?


Der Zeitpunkt, zu dem geprüft wird. Meine Erfahrung ist, dass Kinder zu recht verschiedenen Zeitpunkten auf ihrem persönlichen Bildungsweg "durchstarten". Je früher man nun prüft, um zu individualisieren, desto größer ist der Anteil derjenigen, die ggf. falsch sortiert werden. Und man sollte nicht vergessen, dass jede Sortierung eine Eigendynamik zur Folge hat. Untersuchungen haben es meiner Erinnerung nach belegt (und die Ergebnisse scheinen mir kompatibel mit dem, was ich als Psychologe mal gelernt habe), dass Hauptschulkinder wie Hauptschulkinder unterrichtet werden. Und nicht wie potentielle Realschulkinder oder gar Gymnasiasten.

Ideal wäre natürlich eine Gemeinschaftsschule, in der die Kinder jedes Jahrgangs, je nach ihren Fähigkeiten, in unterschiedlichen Lerngruppen arbeiten. Das wäre eine bessere, sozusagen punktgenauere Individualisierung als im dreigliedrigen System.

Nur, wer soll das bezahlen? Man brauchte dazu eine völlig andere Lehrer-Schüler-Relation.


Ja, das wäre ein Ideal. (Eines, das in einigen Privatschulen übrigens so ähnlich verwirklicht ist.)
Ich kann dabei nicht ganz erkennen, warum das teurer sein soll. Dass es die Lehrer pädagogisch mehr fordert - sicher. Aber eine mögliche Überforderung der Lehrer ist nicht das, worüber ich mir den Kopf zerbreche. Wer das nicht (lernen) kann, ist vielleicht im falschen Beruf.

In den Gesamtschulen versucht man ja sowas im Groben. Und das Ergebnis war und ist, daß das Gesamtniveau schlecht war, jedenfalls im Regelfall.

Kein Wunder. Wenn ich als Vater meine Tochter in eine Schule des dreigliedrigen Systems schicken muss, dann versuche ich doch mit aller Kraft, dass sie auf dem Gymnasium landet. Eine Gesamtschule ist innerhalb des bestehenden Systems keine Alternative.

Es geht auch nicht um gut oder schlecht, sondern darum, daß jeder seiner Begabung entsprechend gefordert wird.

Das birgt, wie oben beschrieben, Gefahren für die "unten" einsortierten Kinder. Sie werden ggf. fester in die falsche Sortierung hineingefördert. Weil man von ihnen keine außerordentlichen Sprünge mehr erwartet.

Wie willst du zum Beispiel in einer Einheitsschule den Sprachunterricht organisieren? Sollen alle Kinder Latein, Englisch und eine dritte Fremdsprache lernen? Oder nimm Mathematik.

Natürlich bräuchte eine Einheitsschule eine reichhaltige innere Differenzierung. Allerdings bin ich auch der Ansicht, dass alle Kinder alles lernen sollten, zumindest in Grundzügen. Und diese Grundzüge müssten, meiner Vermutung nach, deutlich umfassender sein, als im heutigen Kurssystem.
Ich kann nicht vergessen, wie einer meiner Mitschüler, der sonst eine ziemliche Mathe-Null war, plötzlich die Differentialrechnung verstand. Die Erinnerung daran, dass er in einem Fach zu bis dahin unerreichbar erscheinenden Besseren aufschließen konnte, dürfte ihn sein Leben lang begleiten.
Selbst, wenn er Spielwarenverkäufer geworden ist und die Differentialrechnung nie wieder braucht - er hat wohl etwas Wertvolles gelernt.
(Wie auch ich als Matheliebhaber die höhere Mathematik nie wieder gebraucht habe und das Erlebnis, mich hineingedacht zu haben, trotzdem nicht missen möchte.)

Grüße,
Boche

PS: Die zweite Antwort von dir hätte an Rayson gehen müssen. ;-)

11:11  
Anonymous Sparrowhawk said...

"Diese Klassifizierung ist ja eine - wenn auch grobe - Form der Individualisierung. Als ich ins Gymnasium kam, mußte man eine einwöchige (!) Aufnahmeprüfung bestehen. [...]
Was ist daran grober Unsinn?

Der Zeitpunkt, zu dem geprüft wird. Meine Erfahrung ist, dass Kinder zu recht verschiedenen Zeitpunkten auf ihrem persönlichen Bildungsweg "durchstarten"."


Also, zu meiner Schulzeit - und die ist noch nicht so lang her wie die Ihre, vermute ich jetzt mal ;-) - dienten die 5. und 6. Klasse im Gymnasium der Orientierung, so richtig durchgestartet wurde dann ab Klasse 7.

14:55  
Anonymous Boche said...

@sparrowhawk

Also, zu meiner Schulzeit - und die ist noch nicht so lang her wie die Ihre, vermute ich jetzt mal ;-) - dienten die 5. und 6. Klasse im Gymnasium der Orientierung, so richtig durchgestartet wurde dann ab Klasse 7.

Zu meiner Zeit und in meinem Land entschied man sich erst in der 10. Klasse, ob man mit höherer Bildung oder Berufsausbildung fortfahren wollte.
Und manch einer startete auch erst kurz vor Schluss durch, weil ihm/ihr plötzlich bewusst wurde, was auf dem Spiel stand.

16:43  
Anonymous Sparrowhawk said...

"Zu meiner Zeit und in meinem Land entschied man sich erst in der 10. Klasse, ob man mit höherer Bildung oder Berufsausbildung fortfahren wollte."

Das ist auch bei uns so. 10 Jahre sind Schulpflicht, danach kann man entweder, so die Leistung stimmt, die gymnasiale Oberstufe besuchen oder eben eine Berufsausbildung machen.

19:43  
Anonymous Filio said...

Lieber Zettel,

hier noch ein (leider etwas später) Beitrag zu Ihrem Ausgangsposting:

Es stimmt, der Muñoz-Bericht hat teils sehr enge Vorstellungen von einem menschenrechtskompatiblen Bildungswesen. Es fliessen da Vorschläge, Forderungen und Anregungen mit herein, die nach meiner Lesart nichts mit Menschenrechten zu tun haben (unabhängig von ihrer Sinnhaftigkeit).

Leider ist es so, dass manche politischen Bewegungen ihre Anliegen unbedingt auf die Ebene von Menschenrechten heben und sie entweder in internationale Abkommen verankern oder sie zumindest aus internationalem Recht herauslesen wollen. Dies hat für sie den unbestreitbaren Vorteil, dass dann jede gegenläufige Praxis als "Verstoß gegen Menschenrechte" höchst wirksam gegeißelt werden kann. Daraus resultierende Folge ist die Umwertung von Menschenrechten (oder sogar "Inflation").

Das Menschenrechtsthema ist ja auch insgesamt politisch sehr aufgeladen. Eigentlich können wir nur bei der "ersten Generation" der nach dem 2. Weltkrieg kodifizierten Menschenrechtsnormen von den klassischen Freiheitsrechten sprechen. Die Menschenrechte der zweiten und dritten Generation zielen i.d.R. entweder auf Anspruchsrechte oder auf kollektive Ziele ab (wobei die Einteilung nicht ganz präzise ist; überdies kann man natürlich auch mit guten Gründen bestreiten, dass vieles wirklich Menschenrecht genannt werden sollte).

Die Interessenpolitik dahinter ging auch von sozialistischen Staaten und von manchen Ländern des "Südens" aus, die dadurch nicht nur ein Gegengewicht zu den liberalen Bürgerrechten zu schaffen versuchten, sondern auch meinten, plötzlich Ansprüche (Recht auf Entwicklung) neu begründen zu können. Schließlich sei erst die vollständige Verwirklichung der kollektiven Rechte notwendige Voraussetzung für die Umsetzung der Rechte der ersten Generation...

14:11  
Blogger Zettel said...

Lieber Filio,

da stimme ich Ihnen in allem zu.

Nur könnte es sein, daß ich diese Tendenz, die Menschenrechte primär nicht mehr als Schutzrechte zu interpretieren, sondern als Anspruchsrechte, vielleicht kritischer sehe als Sie.

Das beschränkt sich ja nicht auf das Schulwesen. Es ist ähnlich bei der Armut, bei der Gesundheit.

In vielen gesellschaftlichen Bereichen soll auf der Grundlage solcher erweiterter Definitionen der Menschenrechte der Staat in die Pflicht genommen werden, Fürsorge für seine Untertanen zu betreiben. Denn zu Untertanen werden sie in dem Maß, in dem der Staat in ihr Leben hineinregiert.

Das ist es, was ich mit "Sozialismus" meine.

Vermutlich spielt dabei der Versuch, den bürgerlichen Liberalismus der ehemaligen Kolonialherren zu bekämpfen, wirklich eine wesentliche Rolle.

Insofern ist es schon interessant, daß Muñoz aus dem kommt, was man einmal die "Dritte Welt" nannte.

Danke noch mal, daß Sie durch Ihre Kritik an meiner kleinen, polemischen "Zettelecke" mich veranlaßt haben, mich des Themas noch einmal etwas ernsthafter anzunehmen :)

Herzlich, Zettel

14:34  
Anonymous Anonymous said...

Das dreigliedrige Schulsystem ist ein Drama, leider. Viele begabte Kinder bekommen durch diese frühe Selektion ein für allemal einen Stempel ins Zeugnis und auf die Seele: „Deine Fähigkeiten reichen nicht aus“. Das sind Kinder mit Migrationshintergrund: deren Psyche viel zu tun hat, sich zwischen den Kulturen zurecht zu finden, Kinder, die einfach ein wenig langsamer innerlich wachsen als andere, aber am Ende genauso reif und erwachsen werden (nur dauert es 2,3 Jahre länger), Kinder, denen ein Elternteil fehlt oder Kinder, die zu Hause Streit, Unsicherheit usw. erfahren, und einen Teil ihrer Energie auf die Verarbeitung dessen aufwenden müssen, usw.

Kein Grashalm wächst schneller, wenn man an ihm zieht.

Ich kenne viele gute, sehr helle, intelligente Kinder, die auf die Hauptschule gehen, wo sie definitiv nicht hingehören. Alle davon haben ein in irgendeiner Art und Weise problematische Situation im Elternhaus, sei es finanzielle Not, Eheprobleme o.ä.

Die Gruppe der Hauptschüler teilt sich in zwei Gruppen:

- die erste ist die Gruppe, die sozial durchgefallen ist, weil sie sich innerlich nicht schnell genug oder sozial in die richtige Richtung entwickelt hat. Für diese Schüler ist die Hauptschule eine Art soziales Auffanglager.

- die zweite ist die Gruppe der Schüler, die tatsächlich für intellektuelle Anforderungen einfach nicht ausreichend begabt ist, und für die eigentlich die Hauptschule die geeignete Schulart ist.

In Wirklichkeit ist das dreigliedrige Schulsystem zu 50% ein System der Sozialauswahl.

Ich glaube auch, dass die Menschen unterschiedlich begabt ist, und dass es nicht schlecht ist, zu unterscheiden. Das dreigliedrige Schulsystem fordert aber eine Unterscheidung, die zu früh stattfindet. Damit wird dieses Schulsystem der Forderung nach gleichen Startchancen für alle (nicht nach Gleichmacherei!) nicht gerecht, sondern fördert das Gegenteil.

Viele verschwendete Begabungen, ein Drama in unserer Gesellschaft!

21:03  
Blogger Zettel said...

Liebe(r) Anonyme(r),

bei dem Beitrag, der jetzt diese ausführliche (und in den Beiträgen, auch Ihrem, sehr qualifizierte) Diskussion ausgelöst hat, ging es mir ja nicht um eine Erörterung des Für und Widers unterschiedlicher Schulsysteme, sondern um den Hinweis darauf, daß das nicht eine Frage der Menschenrechte ist.

(Im Grunde wundere ich mich, daß so wenige meine Empörung darüber teilen, daß ein UNO-Offizieller sich im Namen der Menschenrechte in unser Bildungssystem einmischt).

Nun hat sich aber doch, vielleicht unvermeidlich, eine inhaltliche Diskussion zu den Schulsystemen ergeben.

Ich habe dazu keine fertige Meinung; habe mich auch nie mit dem Thema beschäftigt.

Meine eigene Erfahrung war, daß das Niveau in der Sexta ungleich höher war als in der vierten Klasse der damaligen Volksschule und daß mir damit das Lernen ungleich mehr Spaß gemacht hat.

Bis zur, sagen wir, zehnten Klasse mich so zu langweilen, wie ich das in der Volksschule getan habe, wäre für mich eine Strafe gewesen.

Mein zweiter Eindruck war und ist, daß die deutsche Gesamtschule sich nicht pädagogischen, sondern ideologischen Gesichtspunkten verdankt.

Ich habe das nicht im einzelnen verfolgt - aber ich kann mich nicht erinnern, daß in irgendeiner Untersuchung die Absolventen von Gesamtschulen besser abgeschnitten hätten als die des dreigliedrigen Systems.

Noch eine Bemerkung: Sie machen sich Gedanken über Einwandererkinder, über Benachteiligte. Schön und gut, völlig einverstanden.

Aber sollte man sich nicht auch Gedanken über die optimale Föderung der Besseren, der Hochbegabten machen?

Herzlich, Zettel

PS: Schön wäre es, wenn Sie sich bei einer etwaigen Antwort mit einem Nick identifizieren würden.

(Einfach unterhalb des Eingabefensters "Sonstige" anklicken und einen beliebigen Nick eintragen).

Das erleichtert die Kommunikation - denn wenn es in einem Thread etliche Anonyme gibt, dann wird eine vernünftige Diskussion schwierig.

22:13  
Anonymous ex-blond (oben "anonym") said...

Auch die Erfahrungen, die ich während meiner eigenen Schulzeit mit dem dreigliedrigen System machten, waren positiv. Das lag aber einfach daran, dass ich problemlos und meistens auch mit Lernlust aufs Gymnasium ging, Abi machte und dann die freie Wahl hatte. Alle anderen Lebensverhältnisse waren mir einfach unbekannt. Leute, die das dreigliedrige System verurteilten, waren mir verdächtig, einfach nicht verknusern zu können, dass es nun einmal mehr und weniger begabte Menschen gab, die sich sinnvollerweise auf ihnen entsprechende Schularten verteilen. Mittlerweile bin ich aber mit der Realität konfrontiert, und die ist nun einmal (aus meiner Sicht), dass das dreigliedrige System stark zur Sozialauswahl führt. Die Gesamtschule ist glaube ich auch keine optimale Lösung, eine Trennung ist schon sinnvoll. Aber das müsste viel durchlässiger gestaltet sein. Wettbewerb ist gut, meine ich, aber wenn einer (als Kind in der Entwicklung!) länger braucht um Lust daran zu bekommen, sollte er immer noch eine echte Chance haben.

Gedanken über optimale Förderung der Hochbegabten: völlige Zustimmung. Dass dieses Thema immer vernachlässigt wird in den Diskussionen liegt auch an solchen leider allzu menschlichen Dingen wie Neid, Missgunst gegenüber den Besten, während der Mensch beim Schwachen reflexartig zu Mitleid, Empathie, Hilfsbereitschaft neigt. Dabei sind es gerade die Besten, welche die Gesellschaft mit nach oben ziehen können und mit für den Wohlstand der Schwachen der Gesellschaft sorgen. Das wird viel zu wenig gewürdigt. Daraus speist sich auch bei vielen die negative Bewertung des kapitalistischen Systems.

10:09  
Anonymous Filio said...

Lieber Zettel,

"Nur könnte es sein, daß ich diese Tendenz, die Menschenrechte primär nicht mehr als Schutzrechte zu interpretieren, sondern als Anspruchsrechte, vielleicht kritischer sehe als Sie."

Ich glaube gar nicht mal, dass wir da so weit auseinander liegen. Vielleicht konnte man meine Anmerkungen, die sich eigentlich primär auf andere Punkte bezogen, aber auch anders verstehen. In diesem Fall habe ich mich in einigen Passagen leider missverständlich ausgedrückt.

Hier übrigens noch ein aktueller Economist-Artikel, der zu genau diesem Thema sehr gute und konzise Argumente bringt.

20:55  
Blogger Zettel said...

Liebe Ex-Blond,

Die Gesamtschule ist glaube ich auch keine optimale Lösung, eine Trennung ist schon sinnvoll. Aber das müsste viel durchlässiger gestaltet sein. Wettbewerb ist gut, meine ich, aber wenn einer (als Kind in der Entwicklung!) länger braucht um Lust daran zu bekommen, sollte er immer noch eine echte Chance haben.

Ja, so etwas könnte ich mir auch gut vorstellen. Ideal wäre es, wenn zB die Lehrer der Haupt- und Realschule begabte Schüler für einen Wechsel aufs Gymnasium vorschlagen könnten.

Nur, Hand aufs Herz: Welcher Lehrer verliert gern seine besten Schüler? Erst als ich selbst ans Lehren ranmußte, habe ich verstanden, warum die Lehrer auf der Schule so begeistert von den guten Schülern waren und sie auch bevorzugt haben: Weil man halt gern seinen Unterricht so realisieren möchte, wie man sich das vorgestellt hat. Wenn ich ein Seminar halte, in dem zwei, drei exzellente Studenten sind, dann macht das ungleich mehr Freude, als einer dumpfen Schar gegenüberzusitzen ;-).

Gedanken über optimale Förderung der Hochbegabten: völlige Zustimmung. Dass dieses Thema immer vernachlässigt wird in den Diskussionen liegt auch an solchen leider allzu menschlichen Dingen wie Neid, Missgunst gegenüber den Besten, während der Mensch beim Schwachen reflexartig zu Mitleid, Empathie, Hilfsbereitschaft neigt. Dabei sind es gerade die Besten, welche die Gesellschaft mit nach oben ziehen können und mit für den Wohlstand der Schwachen der Gesellschaft sorgen. Das wird viel zu wenig gewürdigt. Daraus speist sich auch bei vielen die negative Bewertung des kapitalistischen Systems.

Dem stimme ich Wort für Wort zu.

Der Neid, das habe ich tatsächlich erst im Web gelernt, ist vermutlich eine der zwei oder drei mächtigsten menschlichen Triebfedern.

Herzlich, Zettel

05:14  
Blogger Zettel said...

Lieber Filio,

ich freue mich, daß wir so ungefähr übereinstimmen; Ihre anfängliche Kritik war, wie gesagt, nützlich gewesen.

Herzlich, Zettel

05:18  
Anonymous ex-blond said...

Hallo lieber Zettel,

"Der Neid, das habe ich tatsächlich erst im Web gelernt, ist vermutlich eine der zwei oder drei mächtigsten menschlichen Triebfedern"

Volle Zustimmung. Obwohl ich sonst ein optimistischer Mensch bin. Vielleicht kann man sagen, dass Neid aus missglücktem Streben nach Macht ensteht, Macht hier im Sinn von Karriere, Verantwortlichkeit, Souveränität, Verwirklichung der eigenen Begabungen, aber auch Herrschen über (sich und) andere. (Das sage ich, weil ich das Streben nach Macht als eine der wichtigsten Haupttriebfedern des Menschen betrachte, dem Neid noch vorgeordnet)

Jetzt bin ich aber endgültig vom Thema dieses Threads abgekommen ...

Ein schönes Wochenende!
Herzlicher Gruß,

ex-blond

01:13  
Anonymous ex-blond said...

P.S. zu Ihrem Gedanken, dass Lehrer gute Schüler nicht gerne abgeben: auch Zustimmung!

Ein weiterer Ansatz zur Problemlösung wäre vielleicht, eine möglichst große Vielfalt an Schulen mit verschiedenen Schwerpunkten und mit unterschiedlichen pädagogischen Konzepten zu schaffen. Das ist ein Grund, warum ich glaube, dass eine stärkere Privatisierung von Schulen gut tun würde, auch wenn ich gleichzeitig Bauchschmerzen bei dem Gedanken habe, dass dann eben keine Chancengleichheit besteht, da Privatschulen nur Eltern bezahlen können, die gut verdienen. Vielleicht würde aber auch die Spendenkultur bei uns wachsen, ähnlich wie in Amerika, und durch Stiftungen etc. würde es mehr Stipendien geben oder Hilfen für weniger betuchte Eltern begabter Schüler... und private würden mit staatl/städt. Schulen konkurrieren, was die Qualität der Schulen sicher erhöhen würde... wenn man nur irgendwie eine Chancengleichheit bewahren könnte, was vermutlich unmöglich ist!?

Herzliche Grüße!

ex-blond

01:30  
Blogger Zettel said...

Liebe Ex-Blond,

zum Neid: Ja, er hat auch nach meinem Eindruck wohl viel damit zu tun, daß man sich nicht als dort angekommen wahrnimmt, wo man hinwollte.

Der junge, karriereorientierte Mensch beneidet ja die nicht, die weiter oben sind - sondern er will selbst dorthin.

Wenn jemand aber sich selbst als gescheitert, als benachteiligt usw. sieht - dann entsteht Neid.

Ich habe in meiner Zeit in der SPD unter den Arbeitern eigentlich wenig Neid auf "die Reichen" angetroffen. Wenn, dann haben sie die Arbeitsdirektoren, die Betriebsratsmitglieder beneidet, die es nach oben geschafft hatten und nun oft den großen Wullewatz spielten.

Neid auf die Reichen - den versuchten die Jusos zu schüren, die Linken in der SPD. Jedenfalls damals mit wenig Erfolg. Heute könnte es sehr gut anders sein; denn die heutige SPD hat ja nur noch den Namen mit der damaligen Arbeiterpartei gemeinsam.

Herzlich, Zettel

18:11  
Blogger Zettel said...

Liebe Ex-Blond,

wie ein ideales Schulsystem aussehen würde, weiß ich eigentlich nicht. Wie früher schon gesagt, bin ich zu diesem Thema wenig informiert und habe mir auch kaum Gedanken darüber gemacht.

Dem, was Sie zur Privatisierung und zu den Stipendien schreiben, stimme ich voll zu. Zumindest auf der Uni-Ebene funktioniert das ja in den USA bestens.

Was die Gleichheit angeht, vergißt man, glaube ich, in Deutschland oft, daß in Ländern mit einer Einheitsschule, wie der US- High School diese Schulen sich in ihrer Qualität extrem unterscheiden; je nach Gemeinde und Wohnbezirk.

Die besten sind besser als unsere durchschnittlichen Gymnasien, die schlechtesten schlechter als unsere Hauptschulen. Faktisch gibt es also auch ein gegliedertes Schulsystem.

In Frankreich wird das übrigens im jetzigen Wahlkampf unter dem Stichwort "Cartes scolaires" diskutiert. Damit ist die gesetzliche Regelung gemeint, daß alle Schüler in die Schule ihres Wohnbezirks gehen müssen.

Was denselben Effekt hat wie in den USA - ein breites Qualitätsspektrum der Schulen. Das berühmte Gymnasium Louis le Grand beispielsweise liegt im Quartier Latin; dorthin gehen folglich überwiegend Kinder von Professoren und sonstigen Uni-Menschen.

Herzlich, Zettel

18:19  

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