21. Juli 2007

Gedanken beim Wiederlesen von Karl May

Die meisten von uns haben ihre Erfahrungen mit Karl May als Kinder und Jugendliche gemacht und dann als Erwachsene die Bände höchstens noch einmal in die Hand genommen, um sie zu verschenken oder zu verkaufen.

Aber eine Minderheit bleibt Karl May auch als Erwachsene treu. Darunter durchaus mancher respektable Wissenschaftler, wie ein Blick auf die WebSite der Karl-May-Gesellschaft zeigt; die Liste des gegenwärtigen Vorstands findet man hier. Hans Wollschläger ist ja leider kürzlich verstorben.

Nicht wenige sind durch Arno Schmidt wieder zu Karl May sozusagen zurückgeführt worden.

Er hat ihm 1963 ein skurriles Werk gewidmet: "Sitara und der Weg dorthin". Darin etwickelte er ein Verfahren, das er dann später in "Zettels Traum" in großem Stil auf Edgar Allan Poe anwandte: Aus scheinbar harmlosen Texten sexuelle Anspielungen und Nebenbedeutungen herauszupräparieren, manchmal einen ganzen Subtext.

Das ist amüsant zu lesen. Belegbar ist dergleichen selten; aber Schmidt war ja auch Schriftsteller und kein Philologe oder Psychoanalytiker.

Jedenfalls wird man unterhaltsam durch das Werk Mays geführt. Das große Verdienst Schmidts war es aber wohl, auf die beträchtliche künstlerische Qualität des May'schen Spätwerks aufmerksam gemacht zu haben (vor allem der späteren Bände des "Silberlöwen" und von "Ardistan und Dschinnistan").



Ich habe jedenfalls damals begonnen, Karl May wieder zu lesen und tue es auch immer wieder einmal, wenn "leichte" Lektüre brauche. Im Augenlick lese ich "Von Bagdad nach Stambul" (siehe Titelvignette).

Es spielt überwiegend im Irak. Und viele Passagen klingen so, als bezögen sie sich auf die aktuelle Lage im Irak.

Man erfährt viel über die ethnische Vielfalt des Landes; über Stammesbindungen. ("Sein Auge ist überall, denn er lebt mit aller Welt in Streit und Unfrieden, nur mit den Angehörigen seines Stammes nicht" heißt es über den Beduinen.) Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten spielt eine große Rolle, der Einfluß Persiens.



Das Buch, das dritte aus dem "Orientzyklus" ist, wie dieser ganze Zyklus selbst, eine Art Odyssee. Gestrickt nach dem Grundmuster solcher Bücher, wie auch der "Don Quijote"; es ist auch das Muster von Filmen wie "Apocalypse Now".

Eine Gruppe strebt einem Ziel zu (Bei May muß oft jemand befreit oder gefangen werden, oder es gilt einen Schatz zu bergen). Auf dem Weg dorthin reiht sich Abenteuer an Abenteuer; aufgereiht wie Perlen auf einer Kette. Im Grunde ist die Reihenfolge nebensächlich. Solche Bücher haben nicht die komplexe Struktur eines Romans.



Bei May ist die Zahl der Grundsituationen sehr bescheiden: Gefangennahme, Befreiung (eine Obsession dieses ehemaligen Zuchthäuslers). Gefechte und Wortgefechte. Reiten, Reiten, Reiten. Anschleichen, Verstecken. In den Reiseerzählungen (ursprünglich hießen sie "Reiseerinnerungen") eine stark verminderte Dosis der Intrigen und Verbrechen, die den Stoff der Kolportage- Romane bildeten.

Aber May verstand es, diese Grundmuster immer wieder überraschend zu variieren.

Die besseren Werke sind voller lokaler Details, treffender Charakterisierungen. Die vielen geographischen Angaben, immer exakt, vermitteln Authentizität ebenso, wie das kleine sprachliche Feuerwerk, das May ständig veranstaltet. Da wird Arabisch und Kurdisch und Persisch parliert; so wie in anderen Werken Englisch, Französisch, Spanisch, gar Russisch und Chinesisch.



Warum hat May sich die erhebliche Mühe gemacht, diese Einsprengsel aus Sprachen, von denen er keine richtig konnte, einzubauen? Weil, denke ich, dadurch, ebenso wie durch die lokalen und historischen Details, beim Leser die Realitäts- Illusion verstärkt wird.

Eine alte Tradition, ein altes Stilmittel - man denke an die Beschreibung der Schiffe bei Homer, an die seitenlangen Aufzählungen des Proviants im "Robinson Crusoe". Oder an die Akribie, mit der Flaubert den Verlauf einer Arsenvergiftung beschrieben hat.

Natürlich wissen wir als Leser, daß das nicht wirklich geschehen ist. Aber es war - bis zum Roman des Zwanzigsten Jahrhunderts, wo es sich radikal änderte - die selbstverständliche Als- Ob- Lesehaltung, daß uns real Geschehens berichtet wird.

Insofern halte ich den Vorwurf an Karl May, er habe "geschwindelt", für albern.

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20. Juli 2007

Randbemerkung: Die Tour de France

Dafür, daß TV-Sender wegen eines Dopingfalls die Übertragung der Tour de France abbrechen, hätte in Frankreich kaum jemand Verständis. Le Tour ist eine nationale Institution.

Dabei spielt sicher Vieles eine Rolle:

Die Popularität des Radfahrens bei einem Volk, in dem sich lange Zeit viele kein Auto leisten konnten. In den Propaganda- Filmen über die Volksfront in den dreißiger Jahren sieht man immer wieder Massen von Radfahrern. Auf dem Weg zur Arbeit, aber auch ins Wochende fahrend, in die Ferien.

Und die Ferien, die Grandes Vacances haben in Frankreich ebenfalls eine besondere Bedeutung. Im Juli und August verreist man kollektiv. Wenn es irgend geht, ans Meer. Erst mit der Rentrée, der kollektiven Rückkehr beginnt wieder das normale Leben.

Zu diesen Ferien gehört die Tour de France untrennbar dazu. Die Route ist immer so gewählt, daß viele Feriengebiete durchfahren werden. Aber auch wer nicht die Durchfahrt erleben kann, hat Zeit, sie zu verfolgen - früher am Radio, heute im TV.



Dabei erfährt man immer auch viel über das eigene Land, jedes Jahr Neues. Ich glaube, daß darin ein großer Teil des Reizes für die Franzosen liegt. Sie lieben dieses Gefühl der Einheit der Nation, die sich in solch einem Ereignis manifestiert.

Auch ich habe die Übertragung hauptsächlich deshalb gern angesehen, weil man die Schönheit der vielfältigen Regionen, Städte, Dörfer Frankreichs erleben durfte.

Garniert mit ein bißchen Spannung, mit dem Mitfiebern für die eigene Mannschaft, für einen deutschen Star.

Damit freilich ist es jetzt vorbei.

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18. Juli 2007

Marginalie: Welche Politiker mag ich?

Es ist eine kindliche Frage.

Aber seit Perikles und Alkibiades, vermutlich seit den Horden des Paläolithikum, ist sie offenbar interessant:

Gut, es gibt Herrschende. Aber zu denen wollen wir doch eine Meinung haben dürfen.

Niemand entzieht sich dem. Wir mögen Politiker, wir verabscheuen sie, mit allen Stufen dazwischen.



Ich nenne jetzt meine Präferenzen und Abneigungen, beschränkt auf einige im Augenblick aktive deutsche Politiker.
  • Ich schätze Angela Merkel sehr. Das war am Anfang überhaupt nicht so. Ich habe sie im Gegenteil für eine Fehlbesetzung im Kanzleramt gehalten. Sie hat aber mit ihrer überragenden Intelligenz und ihrer preußischen Disziplin zweierlei hinbekommen, sozusagen etwas Androgynes (so, wie sie auch selbst androgyn wirkt; als Frau ist sie überhaupt nicht "mein Typ"): Sie setzt sich durch wie ein Mann. Und sie ist auf Konsens ausgerichtet wie eine Frau.

  • Wolfgang Schäuble. Ein herausragendener Politiker, vielleicht der größte seit Helmut Schmidt. Er hätte Kanzler werden müssen, er wird es wohl nie werden.

  • Matthias Platzeck. Ein durch und durch anständiger, integrer, hochintelligenter Sozialdemokrat. Er hat das Handtuch geworfen.

  • Tja, und in der Partei, die ich wähle, der FDP, finde ich keinen. Was hatte sie mal für bedeutende Politiker! Theodor Heuß, Reinhold Maier, Thomas Dehler, Karl-Hermann Flach, Rudolf Augstein (ja!), Ewald Bucher, Hildegard Hamm-Brücher. Und den herausragenden Ralf Dahrendorf, der mein akademischer Lehrer war, durch den ich zum Liberalen geworden bin (wenn auch danach mit einem kleinen Ausbruch, aber das ist eine andere Geschichte)
  • Sollten überhaupt solche Sympathien bei politischen Entscheidungen eine Rolle spielen?

    Nein, natürlich nicht.

    Ich verabscheue Gysi, Trittin, Lafontaine, die ich für Egoisten ohne Überzeugung halte. Ich schätze auf der Linken andererseits sehr die Pfarrerin Antje Vollmer. weil ich ihre Intelligenz bewundere und sie für ehrlich halte. Das ist keine Frage der Partei; so, wie ich Helmut Schmidt für den größten Politiker seit Bismarck und Adenauer halte.



    Bei den Kommunisten kenne ich allerdings niemanden, den ich für ehrlich und intelligent halte

    Alter Witz: Man kann nicht zugleich intelligent, ehrlich und Kommunist sein. Wenn man intelligent und Kommunist ist, dann ist man nicht ehrlich. Wenn man ehrlich und Kommunist ist, dann ist man nicht intelligent. Wenn man ehrlich und intelligent ist, dann ist man kein Kommunist.

    Naja, wie gesagt, ein sehr alter Witz.

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    Zettels Meckerecke: Kanzler Wowereit

    Klaus Wowereit ist zum Kanzler der Bundesrepublik Deutschland ungefähr so geeignet wie die Wildecker Herzbuben für den Sieg in der Tour der France, Wolfgang Schwalm auf Platz eins und Wilfried Gliem dahinter.



    Dieser Mann, der nichts aufzuweisen hat außer einem Grinsen, hat nun glänzende Chancen, Kanzlerkandidat der SPD zu werden.

    Und er hat glänzende Chancen, auch zu gewinnen.

    Warum? Die Antwort ist denkbar einfach: Weil er der einzige unter den SPD-Granden ist, der von Anfang an auf die Volksfront gesetzt hat, also ein Bündnis der SPD mit den Kommunisten.

    Er hat in Berlin dieses Bündnis auch dann noch durchgehalten, als das Wahlergebnis auch eine Koalition mit den Grünen erlaubt hätte. Sein Ziel war und ist, der erste Kanzler einer deutschen Volksfront zu werden.



    Die Chancen für die Volksfront stehen exzellent. So gut wie alle Umfragen zeigen das. Es gibt nur sehr selten eine Mehrheit für Schwarz-Gelb. Es gibt meist eine Mehrheit für die Volksfront.

    Die Kommunisten werden, wie sie es immer tun, ein Opfer bringen müssen, um an die Macht zu kommen. Sie werden, denke ich den Quisling Lafontaine opfern.

    Man liebt den Verrat, man liebt nicht den Verräter. Die Kommunisten werden heilfroh sein, den Quisling loszuwerden, der, wie seinerzeit Otto Grotewohl, seine Schuldigkeit als Verräter der SPD getan hat und also ausgemustert werden kann.

    Das - denke ich - wird es der SPD ermöglichen, eine Volksfront- Regierung zu bilden.



    Die Wahlen 2009 - wenn es nicht schon früher Wahlen gibt - werden Schicksalswahlen sein, wie die Anfang der dreißiger Jahre.

    Gewinnt die Volksfront, dann werden wir nicht eine DDR light, sondern eine DDR extra size bekommen.



    Am Hoffnungsvollsten erscheint es mir noch, daß die Grünen uns davor bewahren können, wenn sie nicht in die Volksfrontregierung eintreten.

    Ich hätte nie gedacht, daß ich einmal soviel Hoffnung auf die Grünen setzen würde.

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    Marginalie: Statt eines Beitrags

    Ich möchte die Aufmerksamkeit der Leser von "Zettels Raum" auf diesen Thread im kleinen Zimmer lenken.

    Was da Schrippe, M. Schneider, Rayson geschrieben haben, ist besser als vieles, was hier zu lesen war, ist, sein wird.

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    17. Juli 2007

    Wie werden eigentlich Menschen zu Politverbrechern? Über die "Zelle".

    Im Grunde ist das ja seltsam: Politverbrecher kommen selten aus einem kriminellen Milieu.

    Sie weisen selten die Charakterdefekte auf, die jemanden zum Verbrecher machen - Egoismus, die Unfähigkeit zum Mitleid, Brutalität, Verlogenheit.

    Es gibt natürlich Politverbrecher, die diese Merkmale ganz normaler Verbrecher hatten, Andreas Baader etwa wird so geschildert.

    Aber Ulrike Marie Meinhof zum Beispiel war nicht so.


    Wie wurde sie zur Verbrecherin? Wie wurde Christian Klar zum Massenmörder, ein Sohn aus guter Familie?

    Wie diese Ärzte in Großbritannien, die sorgfältig ausgetüftelt hatten, wie man Menschen möglichst große Schmerzen zufügt, wie man sie möglichst schlimm verletzt? Die in einer absurden Umkehrung ihres Berufs morden und verstümmeln wollten?



    Ich will jetzt nicht eine allgemeine Erklärung versuchen, aber doch sozusagen eine Arbeitshypothese nennen.

    Bei fast allen diesen Politverbrechern fällt auf, wie entscheidend für ihre kriminelle Entwicklung der soziale Druck in einer Kleingruppe gewesen ist.

    Der Kommunismus, die noch immer perfekteste Variante der politischen Kriminalität, hat das entwickelt: Die "Zelle".

    Eine kleine Gruppe von Menschen. Zwischen ihnen entsteht Gemeinschaft. Sie bestärken einander, sie überzeugen einander. Für die meisten wird das zunehmend zum einzigen sozialen Bezug, Mitglied der Zelle zu sein.

    Keiner kann ausbrechen aus einer solchen konspirativen Zelle, ohne daß er sich vorwerfen muß, ein Verräter zu sein. Wer zweifelt, auf den prallt der Gruppendruck.

    Er, sie mag sie ja auch, die anderen. Das, was sie denken, ist für ihn, für sie sozusagen heilig. Es liefert Sicherheit, es verpflichtet aber auch. Wenn einer oder eine aus der Zelle sich opfert, vielleicht das Leben verliert - was für ein Schwein wäre dann jemand anderes, der nicht auch dazu bereit ist?



    So war es bei der RAF. Wenn man sich die Strukturen ansieht, dann war das zum Beispiel eine solche Zelle in Karlsruhe, eine in Heidelberg usw. Leute, von denen vermutlich kein einziger allein kriminell geworden wäre. Ebenso die "Bewegung 2. Juni" in Berlin.

    Aber die Gruppe macht's.

    So war es bei den Verbrechern des Anschlags von 9/11. Sie hatten zusammengelebt, sie hatten einander indoktriniert, einander in ihrer Entscheidungs- Freiheit immer mehr eingeschänkt.

    So war es offenbar jetzt bei diesen Ärzten in Großbritannien.



    Kann man das verhindern? Ich fürchte nein. Schon griechische Armeen setzten sich aus Gruppen zusammen von Männern, die einander kannten, oft liebten.

    Die Phalanx. Da war jeder seinem Liebling Tapferkeit schuldig..

    Es ist halt gar nicht so leicht, Menschen dazu zu bekommen, andere Menschen zu töten.

    Wir Primaten sind sozusagen schlechte Raubtiere, auch was unsere Artgenossen angeht.

    Und da hilft die "Zelle", die verschworene Gemeinschaft, schon sehr.

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    Marginalie: Was will Wolfgang Schäuble?

    Nach menschlichem Ermessen wird es auch in Deutschland terroristische Anschläge geben. Wenn wir Glück haben nur versuchte, die vereitelt werden können, wie jetzt die in London.

    Was wird dann in Deutschland los sein? Das ist, so scheint mir, die zentrale Frage, die den Innenminister beschäftigt.



    Denn es ist unwahrscheinlich, daß die Deutschen so gelassen reagieren werden wie die Briten.

    Zum einen, weil wir seit der Niederschlagung der RAF keine Erfahrung mit Terrorismus haben. Die Briten mußten mit dem der IRA über Jahrzehnte fertig werden.

    Zum anderen aber auch, weil der Extremismus in Deutschland eine viel größere Rolle spielt als bei den Briten.

    Wir haben ein erhebliches rechtsextremes Potential, auch wenn es sich in Wahlen nur manchmal niederschlägt.

    Wir haben mit den höchsten Linksextremismus in Europa - die SED, oder wie sie sich jetzt nennt, liegt bei fast 15 Prozent.

    Diese Extremisten werden einen Anschlag gnadenlos ausschlachten. Die rechten Extremisten werden versuchen, Ausländerhaß zu entfachen. Die linken Extremisten werden versuchen, Antiamerikanismus zu entfachen mit dem "Argument", nur unsere Bündnistreue hätte zu dem Anschlag geführt.

    Das fürchtet Schäuble. Deshalb immer wieder seine Vorstöße, die Gefahr eines terroristischen Anschlags ins allgemeine Bewußtsein zu heben.

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    16. Juli 2007

    Warum ich Agnostiker bin, aber kein Atheist

    Atheismus scheint schick zu werden. Der "Spiegel", immer auf der Höhe des Zeitgeists, hatte dazu eine Titel­geschichte.



    Ich bin kein Atheist. Mehr noch: Ich wundere mich, wie jemand Atheist sein kann.

    Ketzereien zum Irak (15): Der Irak, Syrien, die politische Philosophie von Präsident Bush

    "Al Jazeera" hatte gestern eine Sendung über den Irak, in der drei Politiker interviewt wurden. Einer war der Koordinator der Irak- Politik im State Department, der eine sehr klare, überzeugende Analyse gab. Einer war ein britischer Labour- Abgeordneter, der herumschwafelte.

    Der dritte war ein Syrer; Botschafter in London, glaube ich. (Ich habe die Sendung leider nicht von Anfang an gesehen).

    Dieser Syrer sagte etwas sehr Interessantes: Syrien rechnet damit, daß die Verhältnisse im Irak nach Syrien übergreifen könnten.

    Er hat das in einem argumentativen Zusammenhang gesagt: Also sei Syrien doch nicht daran interessiert, den Irak weiter zu destabilisieren.



    Nun weiß jeder, daß das gelogen ist. Der Moderator von "Al Jazeera" hat den syrischen Würdenträger auch gleich darauf aufmerksam gemacht, daß ein großer Teil des Terrors im Irak von Syrien ausgeht oder jedenfalls von Syrien geduldet wird.

    Aber in einem bestimmten Sinn stimmt ja, was er sagte: Wenn das demokratische Experiment im Irak gelingt, dann werden diese Verhältnisse auf Syrien übergreifen.

    Als die US-Administration die Invasion des Irak beschloß, wollte sie ein Volk von einer Diktatur befreien, sie wollte aber auch den ganzen Nahen Osten revolutionieren.

    Es ist die politische Philosophie von Condoleezza Rice, die sich der Präsident zu eigen gemacht hat, daß man in einer Krisenregion nur dadurch Frieden stiften kann, daß dort demokratische Verhältnisse ermöglicht werden. Auch wenn es lange dauert, wenn es schwierig ist, wenn es große Opfer kostet.

    Hitler- Deutschland, Stalin- Rußland, Tenno- Japan, das Vietnam von Ho Tschi Minh, heute das Korea von Kim, der Iran von Ahmadinedschad usw. usw. - sie waren und sind nur deshalb Gefahren für den Frieden, weil sie nicht demokratisch regiert werden.



    Das ist die Logik der amerikanischen Politik. Vielleicht ist sie irrig. Aber daß sie unbegründet ist, wird man nicht sagen können.

    Für das Baath-Regime in Syrien, eine der - nach Nordkorea, Vietnam und Cuba- schlimmsten Dikaturen der Welt, ist die Situation also sehr einfach:

    Man muß um jeden Preis verhindern, daß die Demokratie im Irak siegt. Ein stabiler demokratischer Irak würde das Ende der Assad-Diktatur, also der Macht der dortigen sozialistischen Ausbeuter bedeuten.



    Sie können gar nicht anders, als den Irak nach Kräften zu destabilierern, die Herrscher in Syrien.

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    15. Juli 2007

    Marginalie: Putins Strategie

    Was in diesem Blog immer einmal wieder zu lesen war, scheint sich zu bestätigen: Putins Strategie, um weiter an der Macht zu bleiben, besteht darin, Konflikte zu schüren. Nächstes Jahr, vielleicht schon früher, wird in Rußland eine Mehrheit ihn bitten, zu bleiben.

    Jetzt also KSE. Die Kündigung bedroht die Osteuropäer, die Nato wird antworten müssen. So baut man einen Konflikt auf.

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    Randbemerkung: Schutz

    Alpenschutz
    Altenschutz
    Arbeitnehmerschutz
    Arbeitsschutz
    Armschutz
    Artenschutz
    Augenschutz
    Behindertenschutz
    Bestandsschutz
    Betriebsschutz
    Bodenschutz
    Datenschutz
    Deichschutz
    Denkmalschutz
    Diebstahlschutz
    Einbruchschutz
    Embryonenschutz
    Erdbebenschutz
    Fahrerschutz
    Feuerschutz
    Gesichtsschutz
    Gewitterschutz
    Handschutz
    Inselschutz
    Insassenschutz
    Insektenschutz
    Jugendschutz
    Kälteschutz
    Kinderschutz
    Kinnschutz
    Klimaschutz
    Knieschutz
    Konsumentenschutz
    Kopierschutz
    Kriminalitätsschutz
    Küstenschutz
    Landesschutz
    Lebensschutz
    Mittelstandsschutz
    Mottenschutz
    Mundschutz
    Nackenschutz
    Naturschutz
    Nuklearschutz
    Ohrenschutz
    Opferschutz
    Patientenschutz
    Pflanzenschutz
    Regenschutz
    Regenwaldschutz
    Robbenschutz
    Schneeschutz
    Sonnenschutz
    Terrorschutz
    Tierschutz
    Überlastungsschutz
    Unfallschutz
    Umweltschutz
    Unwetterschutz
    Urheberschutz
    Versicherungsschutz
    Verbraucherschutz
    Vogelschutz
    Wärmeschutz
    Waldschutz
    Werkschutz
    Wildschutz

    Ist das nicht eine seltsame Welt, in der solche Wörter existieren? Und natürlich die jeweils zugehörigen Sachen oder Sachverhalte.

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    14. Juli 2007

    Randbemerkung: Warum ich an den Erfolg unserer westlichen Kultur glaube

    Es gibt Ängste vor "Islamisierung".

    Es gibt die Angst vor dem "Untergang des Abendlandes". (Nur haben vermutlich wenige das brillante Werk von Oswald Spengler gelesen. Mich hat es mehr beeinflußt als ein anderes Buch).



    Ich habe das immer für unglaubhaft gehalten, daß unsere Kultur gefährdet ist.

    Sie breitet sich weltweit aus, sie amalgamiert sich dabei natürlich auch mit anderen Kulturen. So ist es immer gewesen. Kulturen haben sich immer vermischt.

    Also, die Vorstellung, daß unsere westlichen Werte gefährdet wären, daß gar unsere Kultur gefährdet wäre, ist meines Erachtens ohne jede Grundlage.

    Der Erfolg Indiens ist ein großes Gegenbeispiel. Der Erfolg von "Al Jazeera" ist ein kleines.

    Ich habe ja schon geschrieben, wie sehr ich diesen Sender schätze. Er ist sozusagen das lebende Beispiel dafür, wie sich in der ganzen arabischen Welt, unter den Gebildeten, unsere westliche Kultur ausbreitet.

    Es wird viel gesendet, was in CNN vernachlässigt wird. Heute morgen zum Beispiel aus Ghana, aus Brasilien, aus Australien über die Aborigines.



    Und es wird professionell gesendet, es wird fair berichtet. David Frost ist ein Anchorman.

    Das ist alles ungleich objektiver, ungleich informativer als zum Beispiel die deutschen sogenannten "Magazine" wie "Panorama" oder "Monitor".

    Es ist ausgezeichneter Journalismus und nicht die Agitprop von Weltverbesserern, die in Deutschland dominiert.

    Und es ist ein arabischer Sender!

    Ist das nicht erstaunlich?



    Mit anderen Worten, da haben die Werte des Liberalismus, der amerikanischen Verfassung, unserer westlichen Gesellschaft Fuß gefaßt.

    Da wird anständig, ohne Agitation, objektiv berichtet. Es ist Liberalismus in einem Medium.



    Ich halte es für wahrscheinlich, daß sich diese Kultur der Freiheit, also des Kapitalismus weltweit ausbreiten wird.

    Manchmal ist schwer.

    Präsident Bush hat eine mutige Entscheidung gefällt, als er sich für die Invasion des Irak entschied.

    Er ist, glaube ich inzwischen, einer der ganz großen Präsidenten der USA.

    Es ist schwerer, als man dachte, aber er hat damit die arabische Welt sozusagen in die Gegenwart katapultiert.

    Was er geleistet hat, das wird sich erst in Jahren zeigen, vielleicht Jahrzehnten.

    Und Al Jazeera ist ein, sozusagen, Vorzeichen für die Veränderungen, die Bush zwar nicht bewirkt, aber sehr gefördert hat.

    Sieg der Freiheit über die Unterdrückung, Sieg des Kapitalismus über den Sozialismus und den Islamismus.

    That's the topic of our time

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    Zettels Meckerecke: Wie man aus Schaumschlägerei Schaum schlägt

    Günter Wallraff war immer ein Schaumschläger.

    Er hat "Aktionen" veranstaltet, die ungefähr so seriös waren wie die Zaubervorstellungen von Uri Geller.

    Jetzt will er also mal wieder Publicity, indem er ankündigt, in einer Moschee Salman Rushdie lesen zu wollen.

    Natürlich heiße Luft, wie immer bei Wallraff. Wenn er es wirklich wollte, dann hätte er mit den Moschee- Leuten verhandelt, wie man sowas halt macht. Vielleicht hätte er ja eine kleine Moschee gefunden, die das erlaubt; wahrscheinlich nicht.

    Aber dem Mann geht es um die Selbstdarstellung. Ärgerlich, aber nicht überraschend.

    Ich habe seine ersten Artikel in "Pardon" gelesen. Er war immer so wie jetzt. Einmal hat er einen Pfarrer angerufen und ihm einen angeblichen Gewissenskonflikt vorgespielt.

    Er hat auch damals schon in den Gesprächen die Unwahrheit gesagt und das als "Recherche" ausgegeben.



    Nun gut. Es sagt viel über die siebziger und achtziger Jahre, daß dieser Mann einmal eine gewisse Prominenz erreichen konnte. Daß seine systematische Unwahrhaftigkeit bewundert wurde, statt daß man so jemanden verachtet hat.

    Nur, was in aller Welt motiviert "Spiegel-Online", jetzt über die alberne Idee Wallraffs, der ja längst in Vergessenheit geraten war, eine Umfrage unter Prominenten zu veranstalten?

    Und was motiviert die Befragten, auch noch zu antworten?

    Wallraff schlägt Schaum. "Spiegel Online" schlägt daraus nochmal Schaum. Die "Prominenten", die was dazu sagen dürfen, kriegen sozusagen auch noch ihr Schäumchen.

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    13. Juli 2007

    Über die jüdisch-tschechisch-deutsche Kultur

    Ich habe zu diesem Thema eine private Mail bekommen.

    Ich möchte gern öffentlich antworten, weil mir das Thema ein öffentliches, ein aber viel zu wenig öffentlich erkanntes, ein zu wenig diskutiertes Thema zu sein scheint.

    Die Tschechei - ja, ich weiß, das ist politically incorrect, sie so zu nennen - ist ein zentraler Bestandteil der Kultur Mitteleuropas.

    Nur wird sie nicht so wahrgenommen. Viele wissen ja nicht einmal, daß Prag westlich von Wien liegt! Sie glauben, das wäre Osteuropa.



    Das Prag Kafkas war eine wunderbare Kultur. Wie da Deutsche, Tschechen, Juden zusammenlebten, das war einzigartig.

    Kafka ist einer meiner Lieblings- Schriftsteller. Ich glaube, daß er der größte deutsche Humorist gewesen ist. Ich lese ihn unheimlich gern.



    Wupp!

    Wenn ich das sage, dann meldet sich erstens ein Schlauberger, der sagt, daß Kafka doch kein Deutscher war. Sondern ein Tscheche, ein Jude, allenfalls ein Österreicher.

    Quelle bêtise!

    Er war ein Meister der deutschen Sprache, wie es kaum einen gegeben hat. Sein Deutsch ist so wunderbar, daß man das fast nicht begreifen kann. Lessing hat so geschrieben, Goethe, Gottfried Keller. Unter den Heutigen Martin Walser, der ist der einzige.



    Aber auch noch "Humorist"? Wir wissen doch alle, daß Kafka düster war, nicht wahr? Ein Grübler, ein Metaphysiker gar.

    Max Brod hat uns dieses Bild beschert.



    Nur empfehle ich jedem, "Amerika" (oder wie immer es genannt wird, "Der Verschollene" zum Beispiel), unbefangen zu lesen. Er wird vor Lachen vom Stühlchen fallen. Es ist purer Slapstick.

    Es ist ebenso absurder Humor, wenn jemand aufwacht und sich in ein Insekt verwandelt sieht.

    Diese Geschichte, wo einer ins Schloß vorzudringen versucht, und es stapeln sich die absurdesten, die groteskesten Hindernisse auf, ist zum Wiehern.

    Ich lese Kafka ungemein gern, und ich komme aus dem Lachen gar nicht heraus.



    Kafka war ein Deutscher, der ganz in unserer deutschen Kultur zu Hause war. Und er war ein Jude, der ganz in der jüdischen Kultur zu Hause war.

    Denn es ist so, daß die deutsche und die jüdische Kultur zusammengehören.

    Ich kenne überhaupt kein anderes Beispiel dafür, daß zwei Kulturen so zusammengehören. (Vielleicht die indische und die britische).

    Und die Tschechei, das Prag von Kafka und Egon Erwin Kisch - die hat das eben verkörpert.



    Wie konnte es passieren, daß eine Bande von Verbrechern das alles zerstört hat?

    Wie war das möglich, daß die Deutschen, wir Deutsche diese verkommenen Verbrecher, die wirklich der Abschaum der Menschheit gewesen sind, nicht abschütteln konnten oder wollten?

    Daß diese ganze deutschjüdische Kultur, die in Prag ein Zentrum gehabt hatte, von diesen Barbaren vernichtet wurde?

    Mich hat diese Frage mein Leben lang verfolgt. Man könnte vermutlich sagen, es war das Thema meines Lebens, wie so etwas möglich gewesen ist. Ich bin heute so ratlos wie irgendwann.

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    Zettels Meckerecke: Ryanair, Liberalismus, die EU-Bürokratie

    Ich fliege gern mit einem Billigflieger, Ryanair.

    Gut, es ist etwas eng in den Flugzeugen. Wenn man etwas trinken möchte, dann muß man das bezahlen.

    Vor allem muß man erst mal nach Hahn kommen, in den hintersten Hunsrück.

    Mit dem Auto, mit dem Bus, mit der Bahn, mit dem Taxi. Taxiunternehmen haben sich inzwischen darauf spezialisiert.

    Es gibt Hotels und Restaurants rund um diesen alten Flughafen in einer zuvor vergessenen Gegend, früher mal Ami- Garnison, die nun aufblüht. Ryanair ist der wichtigste Arbeitgeber weit und breit.

    Und man kann nach Montpellier fliegen. Ich kenne keine andere Fluglinie, die von Deutschland direkt nach Montpellier fliegt.



    Ryanair kalkuliert genial. Der Preis eines Flugs ändert sich buchstäblich von Minute zu Minute. Ich habe einmal einen Flug gebucht, der im nächsten Augenblick fast das Doppelte kostete. Ich hatte offenbar den letzten Platz bekommen, bevor der Rechner eine neue Kalkulation gemacht hatte.

    Also sind diese Flüge immer so gut wie ausgebucht. Geht die Nachfrage runter, sinken die Preise. Steigt die Nachfrage - z.B. zu Ferienbeginn -, dann steigen sie eben. Aber nur genau soweit, daß jeder Flieger voll ist. Oder fast.

    Nun kommen zu diesen Preisen noch allerlei Gebühren, Steuern usw. Der Flughafen will sein Geld, das Gepäck kostet, man kann Versicherungen abschließen, dergleichen.

    Jeder, der nicht schwachsinnig ist, weiß das. Keiner glaubt, daß er wirklich für neun Euro neunundneunzig fliegen kann.




    Nur das Europäische Parlament hält mit "großer Mehrheit" uns Europäer für so dämlich, daß es nun verboten werden soll, solche Preise zu nennen.

    Die Billigflieger sollen "gezwungen werden", auch in ihrer Reklame alle Nebenkosten aufzulisten.

    Was denken sich diese bescheuerten AbgeordnetInnen, wofür wir sie gewählt haben?

    Daß sie uns das Denken abnehmen? Daß sie uns so behandeln wie die DDR "unsere Menschen", die die Führung für zu doof hielt, auch nur die simpelste Entscheidung selbst zu treffen?

    Mit dem Ergebnis, daß sie wie Kinder sprachen, die DDR-Bürger. "Wir hoffen ja, daß wir das Glück haben, mal reisen zu dürfen". "Wir hatten das Glück, einen Ferienplatz zu bekommen". "Vielleicht haben wir ja mal Glück und bekommen eine schönere Wohnung zugeteilt".

    Mir scheint, wir müssen ziemlich aufpassen, daß die EU nicht zu einer DDR light wird.

    Noch ist es nicht so weit. Aber ich würde die AbgeordnetInnen, die eine solche Idiotie beschließen, wie uns vor den Preisangaben von Billigfliegern zu schützen, schon gern dort haben, wo der Pfeffer wächst.

    Das ist, glaube ich, Cayenne, und da ist es ziemlich ungemütlich.

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    12. Juli 2007

    Randbemerkung: Brauchen wir eine Einheitssprache?

    Bei Karl May kann man lesen, daß im Wilden Westen ein Gemisch aus Englisch, Spanisch, Französisch, indianischen Elementen gesprochen wurde, das jeder verstand.

    "Sans-Ear" heißt einer von Karl Mays Helden. Naja, Helden waren sie ja alle nicht, außer seinem eigenen Ego und seinem Alter Ego.

    Er war einer der Schrulligen bei Karl May, wie fast alle, Sans-Ear. Vielen von Karl Mays Figuren fehlte ja was. Aber das ist eine andere Geschichte.



    Also, da gab es eine Lingua Franca. Braucht man die, ist sie wünschenswert?

    Mir ist das heute durch den Kopf gegangen, als ich diesen Beitrag von Ungelt gelesen habe.

    Ein Tscheche, er schreibt ein makelloses Deutsch.

    Mir geht das in Frankreich so. Mein Französisch ist nicht so sehr verschieden von dem der meisten Franzosen, vermutlich grammatisch besser, weil ich gelernt habe, den Konjunktiv korrekt zu verwenden, die Verneinungen, die Tempi.

    Nur daß ich einen starken Akzent habe. Also hält man mich meist für einen Belgier.

    Im Englischen ist es ähnlich, aber etwas extremer. Ich schreibe es vermutlich besser als viele Native Speakers. Aber ich spreche es fürchterlich. Genauer: Ich kann das Alltags-Englisch nicht.

    Es hat mir nie Probleme gemacht, einen Vortrag in freier Rede auf Englisch zu halten. Aber wenn man abends zusammensaß und die Amis und Engländer anfingen, ihre Witze zu reißen, dann verstand ich nichts mehr. Jedenfalls wenig.



    So geht es vermutlich den meisten.

    Also - Esperanto? Eine glänzende Idee. Aber warum auch immer - es hat sich nicht durchgesetzt. Die Esperantisten sind Sektierer geblieben.

    Also bleibt meines Erachtens nur die Einheitssprache. Ich bin dafür - und habe das ja immer mal wieder geschrieben - , daß jedes Kind mit Englisch als seiner zweiten Muttersprache aufwachsen sollte.



    Der Nachteil ist, daß dann viele andere Sprachkenntnisse überflüssig werden.

    Ich hätte vielleicht nie ordentlich Französisch gelernt, wenn ich mich mit jedem Franzosen in der gemeinsamen Sprache Englisch hätte verständigen können. Ungelt hätte vielleicht nie sein ausgezeichnetes Deutsch gelernt.

    Es geht also Kultur verloren mit der Einheitssprache.

    Ich kann Spanisch und Italienisch lesen, aber nicht sprechen. Ich habe glücklicherweise Altgriechisch gelernt, beherrsche es aber nicht mehr. Meine Platon-Ausgabe ist zweisprachig, und mit Übersetzung kann ich den griechischen Text lesen und mich an ihm freuen; Platon war ja ein Künstler.

    Ich kann Russisch nicht einmal lesen, obwohl ich einmal versucht habe, es zu lernen. Also habe ich keinen Zugang zu Puschkin, zu Tolstoi, zu Dostojewski.

    Wenn es die Einheitssprache gibt, wird kaum jemand sich noch bemühen, Sprachen zu lernen. Dieser Preis muß wohl gezahlt werden.

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    In eigener Sache

    Die Kommentar-Funktion wird hier in den nächsten Tagen abgeschaltet.

    Das ist keine Willkür, sondern es hat vernünftige Gründe.

    Wer kommentieren möchte, der soll sich also bitte im "Kleinen Zimmer" anmelden.

    Zettel

    Web 0.0, Web 1.0, Web 2.0

    Ich gehöre zur ersten Generation der Web-Nutzer.

    Das war berufsbedingt. Das Internet wurde ja vom amerikanischen Militär eingerichtet.

    Nein, zu dem gehöre ich nicht. Aber es wurde dann sehr schnell für Unis geöffnet, deren Wissen das Militär eben brauchte. Und dann merkten die Wissenschaftler, was für eine schöne und praktische Sache das ist. Zu denen gehöre ich.

    Vor allem wir Naturwissenschaftler haben das schnell gemerkt.

    Andere haben sich schwerer getan; ich kenne einen Juristen, der jetzt auch auf die Emeritierung zugeht, und der immer noch nicht weiß, wie man eine mail schreibt.



    Ich habe das aber halt früh gelernt, in den Achtzigern. Es war das Web 0.0.

    Zu Hause hatte ich das Neueste, den ZX 81, auf dem ich programmieren gelernt habe. Arbeitsspeicher ein Kilobyte.

    In der Uni gab es andere Dimensionen. In unserer Abteilung stand ein Zilog-Rechner, von dem die Legende ging, dieses Modell würde auch von der NASA zur Steuerung von Mondflügen eingesetzt.

    "Zilog" war eigentlich nur der Name des Prozessors, aber wir nannten den Rechner so. Er hatte, glaube ich, um die fünfzigtausend Mark gekostet und war der Stolz der ganzen Abteilung.



    Zu seiner Betreuung war ein Diplom-Physiker da, full time job, plus drei studentische Hilfskräfte.

    Der Rechner stand in einem speziellen Raum mit Klima- Anlage, der nur mit einem besonderen Schlüssel geöffnet werden konnte. Die Fachleute programmierten in Maschinensprache. Sie strickten auch das Betriebssystem ständig um.

    Von diesem Rechner liefen Datenleitungen zu Terminals, die oft nicht funktionierten, weil es irgendwelche elektrostatischen Felder gab. Es wurden Tausende Mark für die Abschirmung ausgegeben, aber wirklich zuverlässig laufen tat das nie.



    So ein Terminal hatte ich also in meinem Dienstzimmer. Es war ein sehr schönes Terminal, von Beehive. Es hatte wohl um die 3000 Mark gekostet.

    Über das ging ich in den Zilog, und der war mit dem Zentralrechner der Uni verbunden. Meist war diese Leitung überlastet, da mußte man halt Geduld haben.

    Dann begann ein langwieriges Verfahren, das ich nie auswendig wußte. Ich hatte aber einen ausgezeichneten Mitarbeiter, der mir half.

    Also, man mußte Befehle eingeben, bekam Rückmeldungen, mußte auf die wieder mit Befehlen reagieren. Es war eine MS-DOS- Oberfläche. Ich glaube, am Anfang war es sogar noch CP/M, bin aber nicht sicher.

    Wenn man dann alles richtig gemacht hatte, dann bekam man ein "Protokoll". Das beschrieb den Weg der mail. Das waren viele Bildschirmseiten, die man da bekam.

    Der Weg ging in der Regel über das "Deutsche Rechenzentrum" in Darmstadt, das mir auch mal meine Varianzanalysen gerechnet hat; das war aber in den Sechzigern gewesen.



    Das Web 0.0 war also ein Kommunikationsmittel für Militärs, Wissenschaftler, Regierungsmenschen.

    Es war spartanisch. An Fonts, an Bilder usw. dachte niemand. Man hatte die 256 Zeichen von ASCII, und das war's. Man hatte einen schwarzen Bildschirm, auf dem die Schrift entweder weiß oder in diesem seltsamen Amber, also "Bernstein" erschien. Oder grün. Grün war mir am Liebsten.

    Ich war's zufrieden. Mehr hätte ich nicht gebraucht; dachte ich damals.



    Das Web 1.0 begann mit den graphischen Benutzeroberflächen. Ich werde das nie vergessen, wie ein Kollege einen Mac erworben hatte und den vorführte - und da standen nicht die gewohnten Programmzeilen in weiß oder Amber, sondern da sah man Fenster, Icons gar.

    Die Mitarbeiter liefen zusammen und konnten es nicht fassen, dieses Wunderwerk.



    Dann ging es sehr schnell mit dem Web. Es diente nicht mehr nur der Kommunikation zwischen Wissenschaftlern, sondern jeder Kommunikation.

    Und es entwickelte sich diese Kultur des Web 1.0, die in gewisser Weise vor allem durch Infantilität gekennzeichnet war.

    Es war eine ungeheure Bereicherung, "surfen" zu können, wie man das nannte. Man war frei, und man war - dachte man - anonym.

    Man konnte weltweit plaudern; ich habe mich damals hauptsächlich in amerikanischen und französischen Chatrooms herumgetrieben. Man gab sich die dollsten Pseudonyme.

    Es hatte etwas Anarchisches, dieses Web 1.0.



    Es war die Zeit der "Foren". Zum Stil der Foren gehörte es, daß es keinen Stil gab.

    Viele haben sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, orthographisch richtig zu schreiben.

    Es wurde geschimpft, was das Zeug hielt.

    Es gab eine allgemeine Duzerei. Es wurden wild Behauptungen in die Welt gesetzt. Andere wurden beleidigt, gemobbt. Man war ja anonym, man konnte die Sau rauslassen.

    Nicht alle haben so geschrieben. Es gab und gibt Foren, in denen niemand etwas hinrotzt, sondern wo sich alle Mühe geben, gut zu schreiben.



    Aber das war im Web 1.0 eine Ausnahme. Im Web 2.0 ist es eine Selbstverständlichkeit.

    Die Flapsigkeit ist vorbei. Wer bloggt, der versucht gut zu schreiben, er prüft die Fakten, er benimmt sich nicht wie ein Fünfjähriger, sondern wie ein Erwachsener.

    Eine interessante Entwicklung also.

    Ich bin mir nicht sicher, ob sie am Medium liegt oder am Zeitgeist.

    Mir kommen die meisten Menschen heute vernünftiger und ernsthafter vor als noch in den achtziger, den neunziger Jahren.

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    9. Juli 2007

    Marginalie: Aktuell in "Spiegel Online"


  • Schäuble terrorisiert die SPD

  • Studie enthüllt brisantes Profil der G- 8-Kritiker

  • Mini-Dienstwagen, kein Heimbüro mehr, tagelang ohne Telefon: Simon Deckert wurde drei Jahre lang gemobbt.

  • Hessen spielt mit arbeitslosen Lehrern ein seltsames Spiel.

  • Der deutsche Schlager lebt - auf Mallorca

  • Es sind einzigartige Einblicke in das Leben: Eine britische Stiftung hat Zehntausende Medizinfotos und -zeichnungen im Internet veröffentlicht.



  • Nicht wahr, das ist unterste Schublade. Ein verkommener, ein verrotteter Journalismus.

    Ich weiß nicht, wer das zu verantworten hat; vielleicht wissen es Insider und können dazu etwas sagen.

    Es ist eine Schande, daß der gute Name "Spiegel" durch dieses Produkt, das immer peinlicher, immer unsäglicher wird, beschmutzt wird.

    Aust sollte sich endlich von diesen Leuten trennen, die nicht nur antiamerikanisch sind, sondern auch auf Proll- Niveau schreiben.

    Ich frage mich, nebenbei, was Henryk M. Broder, der ein ausgezeichneter, ein bewundernswerter Journalist ist, in dieser Redaktion der Unfähigen, der unsäglich Dummen noch zu suchen hat.

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    In eigener Sache

    Ich möchte auf diesen Beitrag von M. Schneider aufmerksam machen.

    Wie er sehe ich eigentlich keinen vernünftigen Grund, warum nicht alle Kommentare und Diskussionen zu diesem Blog demnächst im "kleinen Zimmer" stattfinden sollten.

    Jeder und jede kann dort schreiben, ohne daß eine Freischaltung erforderlich ist.

    Man hat eine komfortable Thread-Struktur, man hat Smilies, wenn man die vielleicht mag.

    Man kann Bilder hochladen usw.



    Nur möchte ich die Kommentar-Funktion hier im Blog nicht abschalten, ohne Gegenargumente gehört und bewertet zu haben.

    Um die bitte ich also, wie auch um Argumente dafür.

    Herzlich,
    Zettel

    8. Juli 2007

    Marginalie: Zwei Lesben

    Eine homosexuelle Ministerin hat eine neue Lebenspartnerin gefunden.

    Die Presse berichtet.

    Wo ist da der News Value, wo das öffentliche Interesse daran, das nun im einzelnen zu erfahren? Warum schreibt man darüber einen Artikel?

    Die Ministerin ist nicht besonders bekannt. Genauer: Sie ist in Deutschland so gut wie unbekannt.

    Hätte sie sich statt in eine Heilpraktikerín in einen Heilpraktiker verliebt, dann wäre die Story gestorben, bevor sie irgendein überregionales Medium erreicht hätte.

    Nun hat sie sich aber in eine Frau verliebt. Also ist das eine Meldung.



    Ich finde das seltsam. Und nachdenkenswert.

    Warum ziehen diejenigen, die eine sexuelle Orientierung haben, die die Mehrheit nicht hat, soviel Aufmerksamkeit auf sich?

    Die Antwort Sigmund Freuds war, daß wir alle die betreffenden Partial- Triebe - das war seine Bezeichnung - in uns haben. Wir verdrängen sie, aber ein heimliches Interesse bleibt.

    Daß wir also alle ein wenig sadistisch sind, ein wenig homosexuell, ein wenig Voyeure und ein wenig Exhibitionisten.

    Daß wir alle als Kinder eine "polymorph- perverse" - das war seine Bezeichnung - Organisation unseres Sexualität hatten.

    In der das alles vorkam, was man "pervers" nennt, was aber in der normalen Entwicklung in die genitale, die normale Sexualität eingebaut wird.



    Freud hat sich sehr darum bemüht, die Sexualität von Frauen zu verstehen.

    Er hat versucht, die Homosexualität von Frauen zu verstehen.

    Er hat immer wieder Ansätze gemacht, so etwas wie eine weibliche Parallele zum Ödipus-Komplex zu konstruieren.

    Es wurde nichts Rechtes daraus, und Freud war sich dessen bewußt.

    Er hat, trotz seiner Ausbildung als Neurobiologe, die Antwort immer in frühkindlichen Erfahrungen gesucht.



    Da ist sie wohl nicht zu finden. Sondern es scheint, daß ein bestimmter kleiner, aber stabiler Anteil von Homosexuellen evolutionär von Vorteil war.

    Männer, die zusammenhielten. Die gemeinsam mit ihrem "Liebling" kämpften, wie das die alten Griechen nannten.

    Sokrates war wohl so einer. Vor seinem Bettgenossen möchte keiner ein Feigling sein. Also ist er tapfer, und der Bettgenosse lohnt es ihm.

    Und sozusagen am anderen Ufer: Frauen, die einander helfen und beglücken. Auch das ist gut für die Gesellschaft.



    Es hat sie immer gegeben, es wird sie immer geben, die Homosexualität.

    Daß sie genetisch begründet ist, geht schon aus dem simplen Sachverhalt hervor, daß der Prozentsatz der Homosexuellen in allen Kulturen, zu allen Zeiten stabil ist: Mehr als drei Prozent, weniger als zehn Prozent.

    Das ist die Marge der Schätzungen. Natürlich eine breite Marge, aber auch wieder nicht eine unerträglich breite.

    Natürlich möchten die Homosexuellen gern, daß sie viele sind. Natürlich möchten andere, daß sie wenige sind. Aber minimal drei, maximal zehn Prozent - das ist die Spannweite.

    Der wahrscheinlichste Wert könnte fünf Prozent sein. Das war jedenfalls mein Eindruck, nachdem ich dazu ein wenig gelesen hatte.

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    7. Juli 2007

    Zettels Meckerecke: Quisling Lafontaine

    Die Bezeichnung ist ein wenig in Vergessenheit geraten.

    In der Nachkriegszeit nannte man jemanden "einen Quisling", der sich ohne Skrupel an den jeweiligen Machtverhältnissen orientierte. Einen ohne Rückgrat also, ohne Überzeugung.

    Wie jener Norweger Quisling, von dem ich gar nicht einmal sicher bin, daß er keine Überzeugung hatte.

    Aber jedenfalls hat er sein Land verraten, hat er sich für eine fremde Macht eingesetzt.



    Oskar Lafontaine hat erkennbar keine Überzeugung.

    Er war einmal ein Rechtsliberaler in der SPD gewesen. Manche werden sich noch daran erinnern, wie er Anfang der achtziger Jahre dafür eintrat, die Macht der Gewerkschaften einzuschränken; damals war er Oberbürgermeister von Saarbrücken.

    Er hat dann gemerkt, daß man in dieser Partei als Linker mehr werden kann.

    Jetzt hat er gemerkt, daß man - abgehalftert und verstoßen von seiner Partei, der SPD - sehr viel mehr werden kann, wenn man Kommunist wird.



    Also ist er Kommunist geworden.

    In Deutschland sagen die Kommunisten im Augenblick - Massenlinie - noch nicht so sehr gerne, daß sie Kommunisten sind.

    Manche Wähler könnten sich ja daran erinnern, wie es war, als die Kommunisten in einem Teil Deutschlands regierten.

    Als nennen sie sich "demokratische Sozialisten" "Linke"; dergleichen. Halt die alte kommunistische Taktik des Verschleierns, des Lügens, der Desinformation.

    In Frankreich dagegen sagen sie es, wer sie sind. Weil seit der Résistance in Frankreich die Kommunisten weit positiver gesehen werden als sonst irgendwo.

    Also hat auch Oskar Lafontaine, als er in Frankreich war, sich ohne jede Hemmung als einer aus der kommunistischen Bewegung zu erkennen gegeben.

    Also tritt er jetzt für den kommunistischen Diktator Chávez ein.

    "Also"? Ja, denn die Kommunisten fühlen sich immer stärker.

    Sie werden, könnte ich mir denken, auch in Deutschland demnächst die Tarnung aufgeben und unverblümt sagen, daß sie Kommunisten sind.

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    Das Berliner Stadtschloß. Nebst Anmerkungen zur Ästhetik im Sozialismus

    Was ist das allgemeinste Kennzeichen des Sozialismus?

    Häßlichkeit.

    Überall dort, wo der Sozialismus herrscht, ist alles häßlich. So einfach ist das.

    Ich habe das das erste Mal gemerkt, als ich Mitte der sechziger Jahre in Moskau war.

    Diese fürchterliche Architektur!

    Diese riesigen, leeren Straßen, offenbar hauptsächlich dafür gebaut, daß die Herrschenden sie in ihren ZILs entlangbrausen konnten.

    Alles war häßlich, was die Kommunisten gebaut hatten. Diese unsäglich pompöse U-Bahn; die Nazis haben so etwas Monströses nicht fertiggebracht.

    Die Lomonossow- Universität, in deren Studenten- Wohnheim wir logierten, mit ihren bedrückenden Gängen, mit den winzigen Zimmern, Gefängniszellen gleichend.

    Alles kalt, leer, abstoßend. Belebt nur durch die netten Frauen, die auf jeder Etage auf ihren Stühlchen saßen und nichts zu tun hatten, außer vermutlich alles überwachen.

    Selbst das Kaufhaus GUM, das uns damals als Errungenschaft vorgeführt wurde, war entsetzlich.

    Ein Kaufhaus, in dem man zum Beispiel eine Wurst- und Fleischtheke fand, die schlicht leer war, bis auf eine schaukelnde Galerie immer derselben Würste. (Ich habe eine gekauft, sie war ungenießbar).



    Denselben Eindruck hatte ich, als ich das erste Mal in Ostberlin war.

    Man mußte durch den Bahnhof Friedrichstraße hindurch, das heißt seine Unterwelt.

    Gekachelte, von Lampen schwach erleuchtete Gänge, in denen die Schritte hallten.

    Dann Schlangen vor einem Schalter. Die Atmosphäre wie unter den Nazis, ich habe daran vage Kindheits- Erinnerungen.

    Staatsmacht, die sich produzierte.

    Ich glaube inzwischen, daß die Häßlichkeit gezielt war. Sie signalisierte ja: Wir können, wie wir wollen. Was ihr fühlt, was ihr empfindet, das ist uns wurscht. Wir haben die Machtfrage zu unseren Gunsten entschieden.



    Einmal wurde - ich habe daran eine lebhafte Erinnerung - an diesem Schalter in der Katakombe des Bahnhofs Friedrichstraße einer, der ein paar Positionen vor uns war, zurückgewiesen. Er durfte also nicht "in die DDR einreisen".

    Einer der Wartenden beanstandete das. Daraufhin der Wachhabende, der genauso aussah, wie ein Nazi- Offizier immer aussieht: "Der Mann hat eben beschlossen, nicht einzureisen. Wollen Sie das bezweifeln?"

    Nein, das wollte niemand, der dieser häßlichen, dieser abstoßenden Staatsmacht ausgeliefert war. Man kuschte also. Man wollte ja nicht auch selbst zurückgewiesen werden.

    Meine Frau hat einmal, als sie am Übergang Heinrich- Heine- Straße eintragen sollte, was wir im Auto alles dabeihatten, "Nüsse" geschrieben. Und in die Spalte "Anzahl" hat sie "87" geschrieben, oder sowas.

    Das ist uns nicht gut bekommen.



    Sozialismus ist häßlich. Er kann vermutlich nicht anders. Alles, was in Prag, in Budapest, in Riga Schönes existiert, stammt aus der Zeit vor dem Sozialismus oder danach.

    Wenn man den Bahnhof Friedrichstraße hinter sich hatte, dann konnte man eine breite, leere Straße entlanggehen, mit Bauten im - so hieß das damals - "Zuckerbäckerstil". Die Stalin- Allee also, die dann später umbenannt wurde.

    Ich bin sie entlang gegangen. Schaufenster, in denen das ausgestellt war, was niemand sich kaufen konnte. Also leere Geschäfte, eine gespenstisch leere Straße. Der Sozialismus, wie er leibte und lebte.

    Davon ist nicht viel geblieben. Heute ist es eine Freude, durch die Friedrichstraße zu gehen. Der Sozialismus ist glücklicherweise vorbei, hoffentlich für immer.



    Aber es gibt ein Thema, das meines Erachtens zentral dafür ist, daß der Sozialismus wirklich in den Orkus der Geschichte verfrachtet wird, in den er gehört wie der Nazismus: Der "Palast der Republik".

    Das Berliner Schloß also. Von den Kommunisten 1950 gesprengt. Und dann haben sie dorthin ihren "Palast der Republik" gestellt.

    Als nach der Wiedervereinigung darüber diskutiert wurde, was nun mit diesem Bauwerk werden soll, war ich unentschieden. Es wurde immer wieder gesagt, viele DDR- Bürger würden damit positive Erinnerungen verbinden - an einen "Besuch in der Hauptstadt", vielleicht gar eine Familienfeier.

    Es leuchtete mir ein, daß man ihnen das nicht nehmen sollte. Daß es ihnen wie ein Akt von Besatzern vorkommen würde, wenn man diesen Bau beseitigte.



    Bis ich ihn gesehen habe, diesen Palast. Egal, wo man sich im Zentrum von Berlin befindet - immer sieht man dieses Monstrum. Es verschandelt die wunderbare Architektur von Schlüter. Es verbaut den Blick von der Museumsinsel.

    Es ist gebaut ohne den geringsten Versuch, es einzufügen in die umgebende Stadt- Architektur. Es ist eindeutig als eine Herausforderung gebaut: Wir haben die Macht! Wir brauchen uns nicht um das zu kümmern, was vor uns, den Kommunisten, gewesen ist.

    Dieses Bauwerk - ich habe es mir ziemlich eingehend angeguckt - ist dermaßen häßlich, daß man es nur als ein übriggebliebenes Symbol der Häßlichkeit, der Inhumanität des Sozialismus sehen kann.

    Diese Unterdrücker, diese Inhumanen, die sich auf den Humanismus beriefen, haben sich da selbst ein ihnen sehr adäquates Denkmal gesetzt.

    Also weg damit! Endlich scheint der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses gesichert zu sein.

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    6. Juli 2007

    Zettels Meckerecke: Wer ist eigentlich ein Deutscher?

    Seltsam. Einwanderer werden bei uns fast nie als Deutsche bezeichnet, anders als zum Beispiel die Einwanderer in die USA, die, wenn sie Staatsbürger geworden sind, auch Amerikaner heißen.

    Ein Italiener, der in die USA eingewandert ist, heißt Italo- American. Einer aus der spanischsprachigen Welt, der in die USA eingewandert ist, ist ein Hispano- American. Und so fort.

    Aber wer nach Deutschland einwandert, wer durch Erwerb der Staatsbürgerschaft Deutscher geworden ist - den nennen wir in der Regel nicht einen Deutschen. Sondern einen Deutschtürken beispielsweise, also einen Türken.

    Die Bezeichnung "Türkendeutscher" oder "Türkeideutscher" habe ich noch nie gehört oder gelesen.

    Wir sehen diese Einwanderer - und sie sehen sich überwiegend selbst - halt nicht als Deutsche. Die Sprache trifft präzise die Wahrnehmung, die Selbstwahrnehmung ebenso wie die Fremdwahrnehmung.

    Außer der Betreffende wird kriminell. Menschen, die die deutsche Staatsangehörigkeit haben und die sonst nie als Deutsche, sondern als Deutschtürken usw. bezeichnet werden würden, heißen auf einmal Deutsche, wenn sie kriminell werden oder krimineller Taten verdächtig sind.

    Hier ist ein aktuelles Beispiel.



    Mit Dank an Odysseus.

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    Marginalie: Neuschwanstein! Ist es zu fassen?

    Irgendeiner namens Weber hat im Web eine offenbar ungemein erfolgreiche Aktion gestartet, in der es um Weltwunder geht.

    Nun gut, es geht nicht um Weltwunder, sondern um irgendwelche Kulturdenkmäler. Sei's drum.

    Aber was in aller Welt haben wir Deutsche verbrochen, daß ausgerechnet Neuschwanstein, dieser Superkitsch, inspiriert von einem geschmacksverirrten König, in der Endrunde ist?


    Neuschwanstein ist ein absoluter Tiefpunkt der deutschen Kultur. Übertroffen, oder vielmehr untertroffen, allenfalls vom "Palast der Republik".

    Aber der Ministerpräsident Stoiber, der vermutlich auch nix von Kultur ahnt, preist und preist es. Der Freistaat Bayern veranstaltet eine lachhafte Kampagne, damit dieses Schandmal der deutschen Kultur, dessen wir uns schämen sollten, international berühmt wird.

    Ils sont fous, les Allemands.

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