Zu François Bayrou (1): Halb de Gaulle, halb Kennedy

Heute habe ich zum ersten Mal François Bayrou in einer größeren Diskussions- Sendung erlebt; "Le temps de choisir" des Senders "LCP", der dem deutschen Sender "Phoenix" vergleichbar ist. Er stellte sich, unter der Moderation der charmanten und klugen Emilie Aubry, den Fragen zahlreicher Journalisten.
Ich war überrascht. So radikal hatte ich mir das nicht vorgestellt, was Bayrou will. Denn auch wenn er es nicht so nennt - er will das Ende der Fünften Republik. Er will eine Sechste Republik.
Bayrou hat eine irritierende Art, Fragen zu beantworten. Man könnte sie für ausweichend halten. Aber er sieht das wohl so, daß er die Dinge auf eine neue Art betrachtet, sie auf eine andere Ebene hebt.
Beispiel: Ein Journalist stellt eine naheliegende Frage: Wenn Sie, François Bayrou, im zweiten Wahlgang gegen Ségolène Royal gewinnen, dann werden Sie das mit den Stimmen der Rechten getan haben. Wenn Sie gegen Nicolas Sarkozy gewinnen, dann werden Sie das mit den Stimmen der Linken getan haben: Wird das nicht bedeuten, daß Sie im einen Fall dann auch mit der Linken, im anderen mit der Rechten regieren werden?
Pas du tout, war die Antwort von Bayrou. Der Frager habe noch nicht verstanden, was er, Bayrou, wolle: Eine Überwindung der clivage, der Kluft zwischen Links und Rechts.
Und auf die Frage, wie das denn gehen solle, erlaubte er einen kleinen Blick in seine Pläne:
Bei den nach der Präsidentschaftswahl stattfindenden Wahlen zur Nationalversammlung werde es in jedem Wahlkreis einen Kandidaten geben, der für diesen neuen Ansatz ("approche nouvelle") stehe. Er oder sie könne aus irgendeiner der alten Parteien kommen, das sei nicht wichtig. Jedenfalls aber ein Kandidat, der die neue Linie des gewählten Präsidenten Bayrou unterstütze, seine neue Mehrheit ("majorité nouvelle"). .
Mal meinte man Charles de Gaulle zu hören, mal John F. Kennedy.
Wenn er über das bisherige Parteiensystem herzieht - "l'ancien système", "les manières d'hier", "les appareils" (das alte System, die Art von gestern, die Apparate) - dann präsentiert sich François Bayrou als der neue Charles de Gaulle. Den Namen von de Gaulles Partei - Rassemblement du Peuple Français, Sammlung des Französischen Volks - könnte er, wäre er nicht schon vergeben, auch seiner offensichtlich geplanten neuen Volksbewegung geben.
Nur ist er, anders als Charles de Gaulle, kein Konservativer, kein Nationalist. Sondern wie Kennedy will er sein Land modernisieren. Wie Kennedy will er Frankreich wieder an die Spitze des Fortschritts bringen: "Au lieu de nous combattre, travaillerons ensemble pour reconstruire notre pays" - "Statt uns gegenseitig zu bekämpfen: arbeiten wir gemeinsam daran, unser Land zu erneuern". So ähnlich hat das auch Kennedy gesagt.
Ich beginne jetzt zu verstehen, was das "Phénomène Bayrou" ausmacht. Wieso dieser Mann, der bei so etwas wie sieben Prozent startete, jetzt gut über zwanzig Prozent liegt, Tendenz steil steigend:
Er ist mal wieder ein Hoffnungsträger.
Frankreich ist ja weit hinter Deutschland zurück, was die Akzeptanz der Globalisierung, was neoliberale Reformen angeht.
Die Staatsverschuldung ist gewaltig und steigt und steigt. Die Arbeitslosigkeit zeigt längst noch nicht die fallende Tendenz, wie jetzt in Deutschland.
Die von der sozialistisch- kommunistischen Regierung Jospin staatlich festgelegte 35- Stunden- Woche ist ein Klotz am Bein der französischen Wirtschaft. Die Rechte hat es nicht gewagt, diesen Irrsinn zu beseitigen.
Der Staat regiert noch immer in die Wirtschaft hinein; siehe jetzt die Vorschläge zum Airbus- Problem: Der Staat solle einen größeren Anteil an dem Unternehmen übernehmen.
Staatliche Beschäftigungsprogramme (Emplois- Jeunes; Jobs für Jugendliche) haben sich als ein Schuß in den Ofen erwiesen, wie überall auf der Welt, wo man glaubte, der Staat könne Beschäftigung schaffen.
Kurz, viele Franzosen merken, daß es so nicht weitergehen kann. Und sie haben die Erfahrung gemacht, daß die Rechten den Karren nicht aus dem Dreck ziehen konnten oder wollten, in den ihn die Linken gefahren hatten.
Ähnlich war die Lage in Frankreich, als de Gaulle "gerufen" wurde. Ähnlich war sie in den USA, als nach am Ende der Präsidentschaft des ehrenwerten, aber konservativ- trägen Dwight D. Eisenhower das Land nach der New Frontier, der neuen Grenze strebte.
Wie will Bayrou ihn nun aus dem Dreck ziehen, den Karren? Über seine Wirtschafts-, Gesellschafts- und Außenpolitik hatte er im ersten Teil der Sendung Auskunft gegeben, den ich leider versäumt habe. Aber eine Aufzeichnung wird heute Nacht gesendet.
Wenn ich diesen ersten Teil gesehen habe, gibt es nochmal einen Beitrag zu diesem Thema. Das mir inzwischen viel interessanter vorkommt, als ich das erwartet hatte. Und zu dem meine Meinung sich auch zu ändern beginnt.
Ich war überrascht. So radikal hatte ich mir das nicht vorgestellt, was Bayrou will. Denn auch wenn er es nicht so nennt - er will das Ende der Fünften Republik. Er will eine Sechste Republik.
Bayrou hat eine irritierende Art, Fragen zu beantworten. Man könnte sie für ausweichend halten. Aber er sieht das wohl so, daß er die Dinge auf eine neue Art betrachtet, sie auf eine andere Ebene hebt.
Beispiel: Ein Journalist stellt eine naheliegende Frage: Wenn Sie, François Bayrou, im zweiten Wahlgang gegen Ségolène Royal gewinnen, dann werden Sie das mit den Stimmen der Rechten getan haben. Wenn Sie gegen Nicolas Sarkozy gewinnen, dann werden Sie das mit den Stimmen der Linken getan haben: Wird das nicht bedeuten, daß Sie im einen Fall dann auch mit der Linken, im anderen mit der Rechten regieren werden?
Pas du tout, war die Antwort von Bayrou. Der Frager habe noch nicht verstanden, was er, Bayrou, wolle: Eine Überwindung der clivage, der Kluft zwischen Links und Rechts.
Und auf die Frage, wie das denn gehen solle, erlaubte er einen kleinen Blick in seine Pläne:
Bei den nach der Präsidentschaftswahl stattfindenden Wahlen zur Nationalversammlung werde es in jedem Wahlkreis einen Kandidaten geben, der für diesen neuen Ansatz ("approche nouvelle") stehe. Er oder sie könne aus irgendeiner der alten Parteien kommen, das sei nicht wichtig. Jedenfalls aber ein Kandidat, der die neue Linie des gewählten Präsidenten Bayrou unterstütze, seine neue Mehrheit ("majorité nouvelle"). .
Mal meinte man Charles de Gaulle zu hören, mal John F. Kennedy.
Wenn er über das bisherige Parteiensystem herzieht - "l'ancien système", "les manières d'hier", "les appareils" (das alte System, die Art von gestern, die Apparate) - dann präsentiert sich François Bayrou als der neue Charles de Gaulle. Den Namen von de Gaulles Partei - Rassemblement du Peuple Français, Sammlung des Französischen Volks - könnte er, wäre er nicht schon vergeben, auch seiner offensichtlich geplanten neuen Volksbewegung geben.
Nur ist er, anders als Charles de Gaulle, kein Konservativer, kein Nationalist. Sondern wie Kennedy will er sein Land modernisieren. Wie Kennedy will er Frankreich wieder an die Spitze des Fortschritts bringen: "Au lieu de nous combattre, travaillerons ensemble pour reconstruire notre pays" - "Statt uns gegenseitig zu bekämpfen: arbeiten wir gemeinsam daran, unser Land zu erneuern". So ähnlich hat das auch Kennedy gesagt.
Ich beginne jetzt zu verstehen, was das "Phénomène Bayrou" ausmacht. Wieso dieser Mann, der bei so etwas wie sieben Prozent startete, jetzt gut über zwanzig Prozent liegt, Tendenz steil steigend:
Er ist mal wieder ein Hoffnungsträger.
Frankreich ist ja weit hinter Deutschland zurück, was die Akzeptanz der Globalisierung, was neoliberale Reformen angeht.
Die Staatsverschuldung ist gewaltig und steigt und steigt. Die Arbeitslosigkeit zeigt längst noch nicht die fallende Tendenz, wie jetzt in Deutschland.
Die von der sozialistisch- kommunistischen Regierung Jospin staatlich festgelegte 35- Stunden- Woche ist ein Klotz am Bein der französischen Wirtschaft. Die Rechte hat es nicht gewagt, diesen Irrsinn zu beseitigen.
Der Staat regiert noch immer in die Wirtschaft hinein; siehe jetzt die Vorschläge zum Airbus- Problem: Der Staat solle einen größeren Anteil an dem Unternehmen übernehmen.
Staatliche Beschäftigungsprogramme (Emplois- Jeunes; Jobs für Jugendliche) haben sich als ein Schuß in den Ofen erwiesen, wie überall auf der Welt, wo man glaubte, der Staat könne Beschäftigung schaffen.
Kurz, viele Franzosen merken, daß es so nicht weitergehen kann. Und sie haben die Erfahrung gemacht, daß die Rechten den Karren nicht aus dem Dreck ziehen konnten oder wollten, in den ihn die Linken gefahren hatten.
Ähnlich war die Lage in Frankreich, als de Gaulle "gerufen" wurde. Ähnlich war sie in den USA, als nach am Ende der Präsidentschaft des ehrenwerten, aber konservativ- trägen Dwight D. Eisenhower das Land nach der New Frontier, der neuen Grenze strebte.
Wie will Bayrou ihn nun aus dem Dreck ziehen, den Karren? Über seine Wirtschafts-, Gesellschafts- und Außenpolitik hatte er im ersten Teil der Sendung Auskunft gegeben, den ich leider versäumt habe. Aber eine Aufzeichnung wird heute Nacht gesendet.
Wenn ich diesen ersten Teil gesehen habe, gibt es nochmal einen Beitrag zu diesem Thema. Das mir inzwischen viel interessanter vorkommt, als ich das erwartet hatte. Und zu dem meine Meinung sich auch zu ändern beginnt.
Labels: François Bayrou

9 Comments:
Wofür der Mann inhaltlich steht, das hat er nicht offenbart? Also, wenn er sich sein Häuschen so eingerichtet hat, wie er das will, und es dann so richtig ans Regieren geht?
Aber er redet ja auch gerne von einem "Projekt". Vielleicht ist er ein zweiter Klinsi, der sich nach zwei Jahren wieder verkrümeln würde?
Wir wollen eine Leitkulturevolution.
So National-Patridiotisch geht es nicht mehr in Europa:
www.bayrou.de
Lieber Rayson,
Bayrou ist - das hatte ich in meinem ersten Beitrag zu ihm zu skizzieren versucht - ein Liberaler, ein Zentrist, ein Pro- Europäer. Drei Positionen, die es eigentlich ausschließen, in Frankreich eine Mehrheit zu bekommen.
Dashalb bin ich ja bisher so extrem skeptisch gewesen, was sein Chancen angeht.
Erst diese Sendung hat mir deutlich gemacht, daß er auch ein Erneuerer im großen Stil, eben ein neuer de Gaulle und Kennedy, sein will. Und daß er das durchaus überzeugend vertritt, mit einem Charisma, vergleichbar dem von de Gaulle, Mendès-France, Mitterand.
Die komplette Sendung von LCP habe ich heute Nacht aufgezeichnet; ein Bericht folgt, sobald ich Zeit habe.
Herzlich, Zettel
Lieber Zettel,
der "Liberale" kam bei mehr so als Negativbestimmung an - also eben kein Sarko und keine Ségo.
"Zentrist" und "Pro-Europäer" ist dagegen nichts, was mich vom Hocker reißt.
Lieber Zettel,
hier ein Link zu einem kundig-kritischen Verriss des Herrn Bayrou ("Francois Bayrou ou les impasses de l'extrême centre"): http://stalker.hautetfort.com/
Viel Spaß bei der Lektüre wünscht
Michael Herzog
Tipp:
(1) Nicolas Sarkozy in „A vous de choisir“ – 2 h 53 min
http://video.google.com/videoplay?docid=5174678540935255873&q=Sarkozy&hl=en
(2) François Bayrou (und andere) in „A vous de choisir“ 3 hr 7 min
http://video.google.com/videoplay?docid=-4309863005691163958&q=a+vous+de+juger&hl=en
(Ich habe erst (1) zur Hälfte gesehen, Zeitmangel...)
Lieber Michael Herzog,
Dank für den Link zu diesem ausgezeichneten Artikel!
Mal wieder ein Beispiel dafür, daß man in Blogs inzwischen oft Klügeres, Informativeres findet als in einem Großteil der gedruckten Presse.
Ich werde das in Teil 2 meines Kommentar zu Bayrou verwerten.
Zu dem ich immer noch keine abgeschlossene Meinung habe. Und ich tendiere immer mehr dazu, auch gar nicht zu einer "Stellungnahme" pro oder contra Bayrou zu kommen - ich brauche ja nicht zu wählen. ;)
Sondern das "Phänomen Bayrou" ist interessant. Ich denke, die Parallelen zu Kennedy und de Gaulle sind schon offensichtlich.
Populismus muß eben nicht unbedingt rechtsextrem sein.
Herzlich, Zettel
Liebe Ex-Blond,
danke für die Tipps! Ich hoffe, viele Leser werden sie nutzen können.
Ich leider nicht - ohne DSL, was mir die Telekom hier auf dem Land immer noch vorenthält, liegt sowas leider außerhalb meiner Möglichkeiten ;-)
Herzlich, Zettel
Lieber Zettel,
gern geschehen!
Auch mir schien Bayrou zunächst recht vielversprechend. Denn das Wenige, was ich, über die Jahre verstreut, bei TV5 oder Arte von ihm gesehen hatte, hatte ich zwar nicht sehr deutlich, aber doch mit positivem Grundton in Erinnerung.
Je mehr ich nun aber von ihm mitbekomme, desto skeptischer werde ich. Vor allem scheint mir, dass er seine Haltung etwas allzu konsequent auf die Besetzung echter oder vermeintlicher politischer Leerfelder zwischen den Marktführern Sarkozy und Royal zuschneidet, statt prinzipientreu zu agieren. Sicher, eine gewisse Akkomodation an Umfragen ist schöne und gut, aber irgendwo geht Elastizität in Opportunismus über.
Seit einiger Zeit empfange ich übrigens "France 24", das hat mein Interesse an Land und Leuten deutlich revitalisiert.
Frau Royal -- mit dem perfekten Namen für eine Sozialistin, nicht wahr? -- ist ja übrigens wirklich dumm wie Bohnenstroh, und wohl inzwischen selbst vielen ihrer Parteifreunde peinlich. Tja, liebe Sozialisten, hättet ihr euch etwas früher überlegen müssen bei eurer Kandidaten-Urwahl, und nicht, sentimental und ach-so-zeitgeistig, den Besitz einer Vagina zu eurem Haupt-Positivkriterium machen dürfen.
Übrigens: Täuscht mich mein Eindruck, oder wird in den deutschen Medien, den elektronischen zumindest, wirklich skandalös wenig über die anstehenden frz. Präsidentschaftswahlen berichtet? Meine Güte, ist doch nur noch ein paar Wochen hin -- und niemanden scheint es zu interessieren! Da wird mal wieder besonders augenfällig, was all die -- an sich schon ekelerregenden -- Mantrae und Sonntagsreden über "Dt-frz. Freundschaft" und den "Dt.-frz. EU-Motor" im Ernstfall wert sind.
Keep up the good work!
Herzliche Grüße,
Michael Herzog
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