25. Dezember 2007

Zitat des Tages: "Kein Ort für Diskussionen"

Die Staatsduma wählte den Chef der Kremlpartei Geeintes Russland, Boris Gryslow, abermals zum Vorsitzenden. Gryslow hatte in der Vergangenheit die Funktion der Staatsduma mit den Worten umschrieben, sie sei kein Ort für Diskussionen.

Die FAZ in ihrem gestrigen Bericht über die konstitutierende Sitzung der russischen Duma.

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24. Dezember 2007

Zitat des Tages: "Dramatische Wohlfahrtsgewinne für die Gesellschaft"

Das Internet hat den Konsumenten nicht ohnmächtig gemacht, sondern mächtig. Auf Knopfdruck kann man dort die Preise von Anbietern aus ganz Deutschland vergleichen. Dadurch ist der Wettbewerb im Einzelhandel viel größer geworden. Außerdem kann man durch Tausch etwa bei Ebay Konsumnutzen erlangen, ohne dass dafür jemand Güter neu produzieren muss. Das hat dramatische Wohlfahrtsgewinne für die Gesellschaft gebracht.

Hans-Werner Sinn in einem Interview der FAZ.

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23. Dezember 2007

Zitat des Tages: "Du warst brillant"

Te felicito por la seriedad y profundidad de tus palabras. Hablaste con claridad, precisión y brevedad. Me gustó el tono y la forma en que combinaste los datos escritos con reflexiones oportunas sobre los temas. (...) En síntesis, has estado brillante y no sólo en las palabras iniciales sino también durante la reunión.

("Ich beglückwünsche dich zum Ernst und zur Tiefe deiner Worte. Du sprachst mit Klarheit, Präzision und Folgerichtigkeit. Mir gefielen der Ton und die Form, in der du die schriftlichen Unterlagen mit treffenden Reflexionen über die Themen verbandest. (...) Kurzum, du warst brillant; und das nicht nur in den einführenden Worten, sondern während der gesamten Tagung".)

Fidel Castro an Hugo Chávez nach Abschluß einer Tagung der Erdöl- Organisation PETROCARIBE, in der Cuba, Venezuela und eine Reihe kleiner Inselstaaten der Karibik zusammengeschlossen sind. Am Ende der Tagung wurde eine erste Baustufe der Erdöl- Raffinerie Cienfuegos eingeweiht, die von Cuba und Venezuela gemeinsam gebaut und betrieben wird.

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22. Dezember 2007

Zettels Meckerecke: Weihnachtsbotschaft an Maddie

Von Anfang dieser seltsamen Affäre an hat mich das Verhalten der Eltern McCann verwundert.

Sie haben sich nicht so verhalten, wie Eltern es bisher taten, wenn ihnen ein Kind entführt worden war: Auf die Arbeit der Polizei vertrauen. Und/oder private Detektivbüros einschalten, wenn man sich das finanziell leisten kann.

Vielleicht auch eine oder zwei TV-Botschaften an die Entführer richten, um den Kontakt herzustellen, um vielleicht an einen Rest von Menschlichkeit in ihnen zu appellieren.

Aber dieser Medienrummel, dieses Einschalten von Prominenten, diese Geldsammlung - was sollte das?

Wie sollte das Entführer zur Kontaktaufnahme veranlassen? Wie sollte es sie, falls sie das Kind nicht zur Erpressung von Lösegeld, sondern aus anderen Motiven entführt haben sollten, zum Einlenken bringen?

Es liegt doch auf der Hand, daß Entführer, wenn sie denn das Kind noch lebend hatten, durch diesen massiven Druck nur in eine Paniksituation gebracht werden konnten, in der die Wahrscheinlichkeit wachsen mußte, daß sie das Kind töteten.

Also, das kam mir alles als sehr schwer nachvollziehbar vor; es erschien mir als ein realitätsfernes, unangebrachtes, auch recht theatralisches Verhalten. Als die Einzelheiten des Falls bekannt wurden, als sich herausstellte, daß die portugiesische Polizei die Eltern in ihre Ermittlungen einbezog, hat mich das nicht gewundert.



Jetzt, vor Weihnachten, nimmt dieses seltsam unangemessene, so offensichtlich nicht zielführende Verhalten der Eltern bizarre Züge an. Sie haben den Medien eine Video- Botschaft zur Verfügung gestellt, über die es in "Welt-Online" heißt:
In bewegenden Worten richtete sich Kate McCann an ihre Tochter: "Madeleine, hier sind Mama und Papa. Du sollst einfach wissen, dass wir dich lieben. Du fehlst uns so. Wir tun alles, was wir können, um dich wiederzufinden."
Ja, wie stellen sich denn die McCanns die Situation der Madeleine vor, von der sie - glauben wir es ihnen - denken, daß sie noch lebt?

Glauben sie, das Kind werde von Leuten gefangengehalten, die nichts Besseres zu tun haben, als ihm dieses Video zugänglich zu machen? Damit es weint, unglücklich ist, nach Hause will?

Und wie können die Eltern wollen, daß das Kind dann erfahren würde, wie sehr es ihnen fehlt? Würde das Madeleine denn trösten, die vielleicht gerade versucht, sich einer fremden Welt anzupassen, so gut es geht?



Mag sein, daß´damals, am dritten Mai, wirklich jemand in ein Appartment- Haus in Praia da Luz in eingedrungen ist, um ein schlafendes Kind aus seinem Bettchen zu nehmen und wegzutragen. Meines Wissens ist noch nie in der Kriminalgeschichte eine Kindesentführung so abgelaufen. Aber es mag ja so gewesen sein.

Dann war allerdings das Verhalten der Eltern hochgradig irrational und diente nicht der Rettung des entführten Kindes und nicht seinem Wohlergehen; von Anfang an bis jetzt zu dieser Botschaft.

Vielleicht diente es den Eltern dazu, mit ihrer Trauer fertig zu werden. Oder vielleicht doch mit ihrem Schuldbewußtsein?



Dies ist die letzte "Meckerecke" dieses Jahres. Bis Neujahr wird es in diesem Raum, wie überall in der Republik, etwas ruhiger zugehen. Ruhiger, was die Zahl der Artikel angeht. Ruhiger aber auch im Sinn von "besinnlich": Wie schon zu Ostern will ich mich auch jetzt wieder ein bißchen um das Positive kümmern.

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Zitat des Tages: "Das Thema Verbote auf den Tisch"

Sollten wir (...) feststellen, dass (...) Leistungssportler immer wieder in Werbespots für Alkohol auftauchen, kommt auch das Thema Verbote auf den Tisch.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing, in einem Interview mit der "Frankfurter Rundschau", in dem sie auch erklärt: "Nichtraucherschutz muss auch am Tresen gelten und sollte in der Kneipe ebenso verbindlich eingeführt werden wie im Restaurant." - In dem Interview gehen der Interviewer Michael Bergius und die Drogenbeauftragte mit keinem Wort auf Heroin, Kokain, Marihuana und andere illegale Drogen und die Bekämpfung von deren Konsum ein.

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21. Dezember 2007

Marginalie: Schengen - "Ein enormer Freiheitsgewinn"

Zu den Begriffen, die mit der DDR untergegangen sind, gehört das Wort "Grenzregime". Es wurde von den DDR- Behörden für das benutzt, was sie ihren Untertanen an Beschränkungen ihrer Freiheit zumuteten, wenn diese eine DDR-Grenze überschreiten wollten.

Das Wort eignet sich aber auch sehr dazu, überhaupt das Herrschaftssystem dieser DDR zu kennzeichnen: Es war als Ganzes ein "Grenzregime" in dem Sinn, daß die Obrigkeit sich das Recht herausnahm, ihren Untertanen in allen Lebensbereichen willkürliche Grenzen zu setzen. Sie nach Belieben einzuschränken nicht nur in ihrer Reisefreiheit, sondern auch in der Freiheit der Berufswahl, der Meinungsäußerung, der Erziehung ihrer Kinder.

Man war sozusagen umstellt von Grenzen, eingebaut in ganze Verschachtelungen von, in diesem übertragenen Sinn, "Grenzregimes".

Weshalb "hoffen", "dürfen" und "Glück haben" zu den Schlüsselbegriffen dieser DDR-Gesellschaft gehörten. "Wir hoffen, daß wir mal das Glück haben und reisen dürfen". Der Untertan kann nichts für sein eigenes Glück tun, er kann es nur haben, d.h. von seiner Obrigkeit geschenkt bekommen. Er kann nicht etwas wollen, sondern er kann nur darauf hoffen, daß er etwas darf. Daß die Obrigkeit in ihrem unerforschlichen Ratschluß es ihm gewährt. Daß sie hier und da mal eine Grenze kurz aufmacht.



Beschränkungen der Reisefreiheit waren immer ein Kernelement politischer Herrschaft. In der Antike bestanden sie oft darin, daß man verbannt wurde und nicht wieder in die Heimat zurückreisen durfte. Später ging es mehr darum, Untertanen daran zu hindern, ihrem Landesvater zu entkommen.

Kaum irgendwo trat dem Normalbürger, der sonst nichts "mit der Polizei zu tun" hat, die Staatsgewalt so unverhüllt entgegen wie an einer klassischen Grenze des 20. Jahrhunderts. Zollkontrolle auf der einen Seite, Paßkontrolle auf der einen Seite. Paßkontrolle auf der anderen Seite, Zollkontrolle auf der anderen.

Was die Polizei sonst nicht ohne einen konkreten Verdacht darf - an der klassischen Grenze ist es den Zöllnern erlaubt: Jemanden zu zwingen, seinen Wagen auszuräumen, alles offenzulegen, was er mit sich führt. Leibesvisitation inbegriffen. Eine Haussuchung ist nichts dagegen.

Nein, "zwingen" ist nicht ganz richtig. Man kann sich dieser Art von Kontrolle ja entziehen, indem man es einfach unterläßt, die Grenze zu passieren. Oder man tritt von dem Versuch, es zu tun, wieder "freiwillig" zurück.

Zu meinen bleibenden Erinnerungen an die DDR-Grenze gehört ein kleines Erlebnis, als wir via die Katakomben des Bahnhofs Friedrichstraße in die "Hauptstadt", also strenggenommen nicht die DDR, "einreisen" wollten. Da wurde ein junger Mann, vor uns in der Schlange, "zurückgewiesen" - und der Mensch am Schalter behauptete, als das von Wartenden negativ kommentiert wurde, er, der junge Mann, habe soeben beschlossen, nicht einzureisen.



Grenzen, die klassischen Grenzen, bedeuten Zwang. Die Aufhebung wenn auch nicht von Grenzen, so doch der klassischen Grenzen mit ihrem "Regime" ist ein Zugewinn an Freiheit.

Einen "enormen Freiheitsgewinn" hat Wolfgang Schäuble die Ausweitung des Schengen- Abkommens auf weitere Länder, darunter Polen und Tschechien, genannt. Recht hat er.



Hier in diesem Blog ist immer wieder Kritisches über die Brüsseler Bürokratie zu lesen, über die Einschränkungen unserer Freiheit, die durch die EU drohen oder schon in Kraft sind.

Absurditäten sind da zu nennen wie die, daß der kommunistische Europa- Abgeordnete André Brie allen Ernstes die EU-Kommission einschalten konnte, weil er in Hillmersdorf, Land Brandenburg, Landkreis Elbe- Elster, im Gebiet um den Lehmannsteich und den Graseteich die Fledermäuse bedroht sah.

Aber bei aller der leider sehr berechtigten Kritik an diesen Tendenzen, einen europäischen Superstaat mit einer alle Lebensbereiche durchdringenden Bürokratie entstehen zu lassen, sollte man doch nicht den ungeheuren Zuwachs an Freiheit vergessen, den das Zusammenwachsen Europas uns auch gebracht hat.

Wenn wir wieder einmal unsere Verwandten in Frankfurt/Oder besuchen, werden wir es genießen, einfach so über die Brücke nach Slubice zu spazieren. Über eine Grenze, die einmal, im Zeichen des "proletarischen Internationalismus", zu den dichtesten und bestbewachten Europas gehörte.

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20. Dezember 2007

Zitat des Tages: Wolfgang Clement über den Zustand der SPD

Was ich wahrnehme ist: Die Union folgt der SPD und die wiederum ist sehr fixiert darauf, was diese Lafontaine- und Gysi-Truppe macht. Deren Inhalte haben aber mit sozialdemokratischer Politik nichts zu tun. Das sozialdemokratische Thema heute ist Bildung, Wissenschaft, Qualifikation.

Wolfgang Clement, ehemaliger Stellvertretender Vorsitzender der SPD, in einem Interview mit der SZ. Ich empfehle die Lektüre des Interviews bis zum Ende; nämlich bis zu dem, was Clement über eine mögliche Koalition der SPD mit den Kommunisten sagt.

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19. Dezember 2007

Marginalie: Der informationsfreundliche Kanton Aargau und die Nervensäge Ulla Jelpke

Geht es Ihnen auch so? Seit der Sache mit dem Ex- Bundesrat Blocher interessiere ich mich mehr für die politischen Dinge in der Schweiz als zuvor, als dieses Land mein politisches Interesse ungefähr so sehr genoß wie Hillary Clinton mein erotisches.

Also, ich lese jetzt in Manfred Messmers "Arlesheim Reloaded" nicht nur die sozusagen überschweizerischen Artikel, sondern auch schon einmal den einen oder anderen Beitrag aus der und über die Schweiz. So heute etwas aus dem Kanton Aargau: Dieser weist seit 2001, so lesen wir, "bei jedem parlamentarischen Vorstoss die Kosten aus, welche die jeweilige Anfrage verursacht hat".

Eine glänzende Idee! Denn bei uns gilt es ja nachgerade als Ausweis der Tüchtigkeit eines Abgeordneten, möglichst viele - oft unnötige, sehr oft nur zwecks Agitprop gestellte - Kleine und Große Anfragen und Einzelanfragen zu formulieren. Die die Ministerial- Bürokratie in Trab setzen, die unser Steuergeld verschwenden.

Oft hätte es auch ein Telefonanruf getan, meint Manfred Messmer. Ja, gewiß, was den Informationshunger des betreffenden Abgeordneten angeht. Aber natürlich nicht, was die beabsichtigte Agitprop betrifft.

Den Begriff "Agitprop" verwende ich mit Bedacht. Denn kaum jemand ist im Bundestag so sehr mit Parlamentarischen Anfragen zugange wie die Grünen und die Kommunisten.

Die Zahl der Anfragen im Bundestag stieg von 907 in der ersten Legislatur- Periode 1949-1953 bis auf mehr als 20.000 seit der Legislatur- Periode 1976-1980. In der Legislatur- Periode 1994-1998 lag sie bei 156 Großen Anfragen, 2070 Kleinen Anfragen und 18.446 Einzelanfragen. Zur Halbzeit dieser Legislatur- Periode zog damals die "Welt" eine Zwischenbilanz:
Absolute Rekordhalter sind Bündnis 90/Die Grünen und PDS. 90 Prozent der Fragensammlungen gehen auf ihr Konto. (...)

So wollte der Grünen- Abgeordnete Volker Beck in gleich zwei Vorgängen mit jeweils neun Fragen von der Bundesregierung wissen, wie es mit der "Verfolgung von Schwulen und Lesben" in Rumänien und in El Salvador steht. Fünf Fragen mit mehr als zehn Unterpunkten stellte Beck später angesichts der "Besorgnis über die Menschenrechte von Schwulen und Lesben in Simbabwe". (...)

Die PDS-Abgeordnete Ulla Jelpke und ihre Gruppe verlangen regelmäßig Auskunft über vermeintlich rechtsextremistische Tendenzen. [Deren] Formulierungen (...) werden in der Bundesregierung als Versuch gesehen, schon über die Veröffentlichung der Frage als Bundestagsdrucksache Politik zu machen.
So ist es. Kein Wunder, daß die seinerzeitige PDS- Abgeordnete Ulla Jelpke "stolz" ist, "als Parlamentarierin die meisten Anfragen gestellt zu haben: 'Ich war die Nervensäge des Innenministeriums.'" So berichtete es die "taz" am Ende der vergangenen Legislaturperiode.

Könnte man - könnte zum Beispiel der "Bund der Steuerzahler" - dem Publikum mitteilen, wieviele Euro wir denn für diesen Fleiß der Abgeordneten Jelpke berappen mußten - wer weiß, vielleicht würde der Säge dann, wenn man mir den Kalauer verzeiht, ein paar Zacken aus der Krone fallen.

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Randbemerkung: Erscheinen Zeitschriften bald nur noch in Online-Ausgaben?

Darüber schreibt heute in der SZ Viola Schenz: "Im angloamerikanischen Medienmarkt, der nach wie vor als Vorbote und Vorbild gilt, wagen sich Verleger zu einem radikalen Schritt vor: 'Online oder gar nichts' lautet ihre Devise." Beispielsweise hätten das Lifestyle- Magazin Tango und das Teenie- Magazin Elle Girl die Print- Ausgaben zugunsten der Online- Ausgabe eingestellt.

Wird das ein allgemeiner Trend werden? Ich halte das für eher unwahrscheinlich, obwohl ich mich da eigentlich nur auf meine eigene Erfahrung stützen kann.

Ich hätte zum Beispiel als Abonnent des Nouvel Observateur Zugang zu dessen Online- Ausgabe. Die Franzosen sind sogar so nett, mir jede Woche, sobald die neue Ausgabe erschienen ist, den Link zuzumailen.

Nun gut, das Faksimile der Print- Ausgabe könnte ich mangels DSL ohnehin nicht abrufen. Aber jeder - man muß dazu nicht einmal Abonnent sein! - kann sich alle Artikel der laufenden und früherer Ausgaben in der Édition numérique ansehen; nur eben ohne das Layout und die Illustrationen der Print- Ausgabe. Sogar Artikel, die in der Auslands- Ausgabe fehlen, findet man dort.

Aber ich gehe selten auf diese Seiten. Denn ich sitze ja schon lang genug vor dem Bildschirm. Also genieße ich es, mich im Sessel oder auf dem Sofa niederzulassen und die Print- Ausgabe zu lesen. Oder im Sommer damit in den Garten zu ziehen.



Mag sein, daß sich das eines Tages ändert, wenn die Entwicklung weitergegangen ist, die jetzt z.B. durch den Kindle angestoßen wurde.

Angenommen, ein solches Lesegerät hätte Magazin- Format, wäre nicht schwerer als eine Zeitschrift und ließe sich blendfrei und kontrastreich auch im Freien lesen - ja, dann könnte ich mir vorstellen, meinen gedruckten Nouvel Observateur dagegen einzutauschen.

Nur, was hätte sich dann eigentlich geändert? Im Grunde doch für den Medienmarkt nichts. Ich würde dasselbe Magazin mit denselben Artikeln und Anzeigen kaufen wie bisher. Geändert hätte sich nur sozusagen der Vertriebsweg.

Eine Änderung vielleicht wie der Übergang von der Kamera mit dem chemischen Film zur Digitalkamera. Wir knipsen damit dieselben Bilder wie zuvor - nur etwas bequemer.

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Zitat des Tages: Vergiftet

Senator Clinton was one of the first people to realize that the air was toxic.

"Senatorin Clinton war eine von den ersten Menschen, die erkannten, daß die Luft vergiftet ist". Aus einem Werbespot für die Kandidatin Clinton, zitiert von Dana Milbank in der Washington Post.

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Marginalie: Was steht wirklich in Castros Brief?

"Castro nimmt Abschied von der Macht", titelt die FAZ; und ähnlich lauteten gestern die Meldungen in nahezu allen Medien.

Diese Meldungen beziehen sich auf einen Brief, den Fidel Castro zur Verlesung in der montäglichen Talk- Show Mesa Redonda geschickt hat; einer Show, die auch von CubaVision übertragen wird und in der ich oft Castro als Gast seine Monologe habe halten sehen.

Was steht in diesem Brief? Geht man nach dem englischen Dienst der cubanischen Nachrichten- Agentur Prensa Latina, dann ist sein einziges Thema die Klimakonferenz von Bali. Unter der Überschrift "Fidel Castro Stresses Climate Change Accords" (Fidel Castro hebt die Vereinbarungen zum Klimawandel hervor) wird über Castros Sicht auf diese Konferenz berichtet:
The statesman emphasized that several heads of Third World governments fighting for their development met in that small Indonesian island to demand of the industrialized nations' delegates: equal treatment, financial resources and transference of technologies. (...)

Fidel Castro noted that after 12 days of vain persuasive efforts, US representative Paula Drobransky, sighing deeply, declared: "We join the agreement."

"It is obvious," the Cuban president said, "that the United States maneuvered to get around its isolation, although it absolutely did not change the empire's sinister intentions."

Der Staatsmann hob hervor, daß etliche Regierungs- Chefs der Dritten Welt, die für ihre Entwicklung kämpfen, sich auf dieser kleinen indonesischen Insel trafen, um von den Delegierten der industrialisierten Nationen dies zu verlangen: Gleichbehandlung, finanzielle Mittel und den Transfer von Technologien. (...)

Fidel Castro wies darauf hin, daß nach 12 Tagen vergeblicher Überzeugungs- Versuche die Vertreterin der USA, Paula Drobransky, mit einem tiefen Seufzer erklärte: "Wir treten der Vereinbarung bei".

"Es ist offensichtlich", sagte der cubanische Präsident, "daß die Vereinigten Staaten manövrierten, um aus ihrer Isolation herauszukommen. Aber das hat in keiner Weise die finsteren Absichten des Imperiums verändert".
Es ist schon interessant, wie unterschiedlich man eine solche Konferenz betrachten kann. Aus Castros Sicht stand dort nicht das Weltklima im Mittelpunkt, sondern die Forderungen der "Dritten Welt". Und die Botschaft seines Briefs war es, davor zu warnen, in dem Entgegenkommen der USA eine Änderung der "finsteren Absichten des Imperiums" zu sehen.

So weit also war das die xte Variante dessen, was alle Reden Castros beinhalten: Die gute "Dritte Welt" (so heißt das bei ihm immer noch) gegen den imperialistischen Satan USA. Sein Lebensthema, die Obsession dieses Mannes.



Ja, aber wie kommen denn die Agenturen dazu, etwas über "Castros Abschied" in diesen Brief hineinzulegen?

Man findet kein Wort davon im englischsprachigen Dienst von Prensa Latina. Aber der spanische Dienst druckt den Brief ungekürzt ab.

Der Vergleich zeigt, daß der englischsprachige Dienst den Text korrekt zusammengefaßt hat - allerdings nur knapp die ersten beiden Drittel.

Von den 13 Absätzen des Briefs befassen sich die ersten 8 mit diesem Thema. Es folgen zwei Absätze, in denen Castro, wie er es immer tut, noch einmal auf die USA losgeht.

Und dann die letzten drei Absätze mit einem neuen Thema:
Mi más profunda convicción es que las respuestas a los problemas actuales de la sociedad cubana (...) requieren más variantes de respuesta para cada problema concreto que las contenidas en un tablero de ajedrez. Ni un solo detalle se puede ignorar, y no se trata de un camino fácil, si es que la inteligencia del ser humano en una sociedad revolucionaria ha de prevalecer sobre sus instintos.

Mi deber elemental no es aferrarme a cargos, ni mucho menos obstruir el paso a personas más jóvenes, sino aportar experiencias e ideas cuyo modesto valor proviene de la época excepcional que me tocó vivir.

Pienso como Niemeyer que hay que ser consecuente hasta el final.

Es ist meine tiefste Überzeugung, daß die Antworten auf die gegenwärtigen Probleme der cubanischen Gesellschaft (...) mehr unterschiedliche Varianten für jedes konkrete Problem verlangen als diejenigen, die es auf einem Schachbrett gibt. Kein einziges Detail darf übersehen werden, und es handelt sich nicht um einen leichten Weg, wenn es so ist, daß die Intelligenz des menschlichen Seins in einer revolutionären Gesellschaft über seine Instinkte siegen muß.

Meine elementare Pflicht ist es nicht, an Lasten festzuhalten, und noch viel weniger, jüngeren Personen im Weg zu stehen, sondern Erfahrungen und Ideen beizutragen, deren bescheidener Wert sich von der außerordentlichen Epoche herleitet, die mein Leben ausmachte.

Ich glaube wie Niemeyer, daß man bis zum Ende konsequent sein muß.

Rechtfertigt das Schlagzeilen wie "Castro spricht von Rücktritt" ("Spiegel Online")?

Was an dem Brief, wenn man ihn zur Gänze liest, vor allem auffällt, das ist die Dichte der Fakten und Zahlen, die Castro - wie es seine Art ist - in diesem kurzen Text unterbringt.

Er will damit, wie immer, Kompetenz signalisieren. Er will seinen Untertanen zeigen, daß er alles durchschaut und alles im Griff hat. Das tut man nicht unbedingt in einem Brief, in dem man seinen Rücktritt ankündigt.

Im kommenden Jahr wird in Cuba der Präsident gewählt. Daß Castro dann noch einmal antritt, ist nie wahrscheinlich gewesen. Ein Rücktritt ist das nicht, wenn er als schwerkranker dann 82jähriger sich nicht mehr zur Wahl stellt.

Was der Brief wirklich zeigt, das ist Castros Entschlossenheit, auch über diesen Termin hinaus noch "bis zum Ende konsequent" zu sein. Sich also gerade nicht aufs Altenteil zurückzuziehen.

Wie er sich das vorstellt, das deutet er an, wenn er von "Jüngeren" spricht, denen er nicht im Weg stehen will. Sein Bruder Raul, der jetzt die Geschäfte führt, ist nicht viel jünger als er. Auch die sonstigen Machtpositionen im Partei- und Staatsapparat sind, wie in jeder kommunistischen Dikatur, mit Revolutionären besetzt, die mit der Revolution alt geworden sind, aber nicht von der Macht lassen können.

Wen also meint Castro mit "Jüngeren"?

Ich habe da eine Vermutung. Hugo Chávez, der im Oktober so durch Cuba reiste, als sei er bereits der Präsident einer Union aus Venezuela und Cuba, wird nächstes Jahr 54.

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18. Dezember 2007

Marginalie: Sarkozys Neue - retour au premier amour?

Ist sie der Cécilia Sarkozy nicht wie aus dem Gesicht geschnitten, die Carla Bruni?

Ja, so sieht sie aus: Wie eine verjüngte Variante von Cécilia.

Und sie ist ja nicht die einzige.

Die Frauen Herbert von Karajans sahen alle aus wie Elmy Holgerloef, die von Boris Becker wie Barbara Feltus, die von Dieter Bohlen wie seine erste Frau Erika - von Naddel über Verona bis zu, wenn ich denn auf dem Laufenden bin, Carina.



Da erheben sich zwei Fragen: Erstens, wie kommt's? Zweitens, wo kriegen diese Männer immer wieder dieselbe Art von Frau her?

Wie es kommt, daß wir wieder und wieder in dieselbe Art von Frau oder Mann, eben unseren "Typ" verlieben, das weiß, so scheint mir, niemand.

Sigmund Freud hat manchmal den Begriff "Imago" für derlei verwendet. Was natürlich wenig erklärt.

Die Ethologie sagt "Prägung" (imprinting). Jeder kennt das Bild von Konrad Lorenz, wie ihm die auf ihn geprägten Graugänse hinterherschwimmen oder -watscheln, ganz als sei er ihre Muttergans; viele kennen auch das Bild des Drachenfliegers Christian Moullec, dem die auf ihn geprägten Kraniche und Wildgänse hinterherfliegen.

Das wird manchmal auch auf den Menschen übertragen. Irgend so etwas wird es schon sein, dieses Phänomen des on retourne toujours à ses premiers amours. Über die Mechanismen schent aber wenig bekannt zu sein. Um nicht zu sagen: Nichts.



Wie es andererseits Männer wie Sarkozy, Karajan, Becker und Bohlen schaffen, immer wieder ein Abbild jener Frau, der vermutlich ihr premier amour galt, für sich zu gewinnen - nun, das dürfte schlicht daran liegen, daß das eben sehr attraktive Männer waren und sind. Mächtig, reich, angesehen. Vielleicht sogar sexy, wer weiß.

Ob sie ihrerseits dem Imago der jeweiligen Frauen entsprochen haben? Vielleicht. Vielleicht sind aber auch ihre sonstigen Attribute so selektionsmächtig, daß das Schema sozusagen geöffnet, daß es verbreitert wird. Die Ethologie kennt dergleichen, bis hin zum Leerlaufverhalten in bestimmten Ausnahmesituationen - bei starkem Triebdruck zum Beispiel. In der Not begattet der Zuchthengst auch eine Attrappe.

Natürlich wußte das auch Goethe schon. "Du siehst mit diesem Trank im Weibe bald Helenen in jedem Weibe" heißt es im "Faust". Auch Macht, auch Ansehen und Reichtum können trunken machen.

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Antiquariate, das Internet und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien: Eine ganz alltägliche deutsche Geschichte

Als die Katholische Kirche noch den Index librorum prohibitorum hatte, das bis 1966 verbindliche Verzeichnis verbotener Bücher, da war es ein belieber Jokus, daß kein Werk so dringend auf den Index gehöre wie dieser Index selbst.

Denn dort war alles verzeichnet, was interessant zu lesen war - wegen seiner Intelligenz, seines Wagemuts, seiner Fortschrittlichkeit, auch natürlich seiner Erotik.

Nicht auf dem Index zu stehen war im Grunde eine Schande für einen Philosophen, einen Schriftsteller. Es bedeutete, daß der Philosoph nicht mutig genug gedacht hatte, daß der Dichter der Wirklichkeit nicht nah genug gekommen war.

Die meisten aber hatten es auf den Index geschafft. Philosophen von Giordano Bruno und René Descartes über John Locke und David Hume bis zu Immanuel Kant und Jean-Paul Sartre; auch Kleriker wie der Bischof Berkeley und der Augustiner Nicolas de Malebranche blieben nicht unberücksichtigt. Schriftsteller wie Daniel Defoe, Gustave Flaubert und Graham Greene fehlten nicht; und natürlich Heinrich Heine.

Also - wer es in früheren Zeiten fertig gebracht hatte, sich diesen Index zu besorgen, der hatte eine wunderbare Leseliste. Nur war er nicht so leicht zu besorgen, der Index der verbotenen Bücher.

Denn diejenigen, die sich die Mühe machen, einen Index zu erstellen und zu pflegen, wollen ja nicht, daß er als Leseliste mißbraucht wird. Sie tun sich darum schwer damit, ihn zugänglich zu machen. Sie können ihn zwar nicht gut, dem Scherz folgend, auf sich selbst setzen. Aber ihn fast so versteckt halten, als befände er sich auf sich selbst, das können sie.

Davon handelt eine heutige Meldung. Es geht in ihr um den Index. Allerdings nicht den der Katholischen Kirche, sondern den aktuellen in Deutschland.



Denn der kirchliche Index ist heute zwar Geschichte. Aber in Deutschland haben wir immer noch unseren Index, die "Liste der jugendgefährdenden Schriften", herausgegeben und fortlaufend aktualisiert von der "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften", die jetzt "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien" heißt.

Sie wurde 1954 gegründet, und zu ihren ersten Taten gehörte die Indizierung von "Tarzan-", "Akim-" und "Sigurd-" Comics. Heftchen - ich erinnere mich noch gut an sie - , die in einem sehr zweckmäßigen schmalen Format gedruckt wurden, so daß man sie gut unentdeckt unter der Schulbank lesen konnte.

Auf weit mehr als die mickrigen 4000 Werke, die der Vatikan im Lauf der Jahrhunderte auf seinen Index setzte, hat es diese Bundesprüfstelle inzwischen gebracht; geschätzte 15.000. Darunter natürlich die Mutzenbacherin, natürlich de Sade, aber zum Beispiel auch das "Pardon"- Heft, auf dem der Herausgeber Hans A. Nikel, als Arzt drapiert, mit der nackten Andrea Rau auf den Schultern zu sehen ist, deren private parts natürlich züchtig verdeckt.

Von dieser Bundesprüfstelle also handelt die heutige dpa-Meldung. Genauer gesagt, sie handelt von einem Vorgang, bei dem diese Prüfstelle eine Rolle spielt. Nur am Rande, aber eine doch irgendwie entscheidende Rolle.



Um den Inhalt dieser Meldung zu verstehen, müssen wir den Blick jetzt einen Augenblick vom Thema "Index" abwenden, hin zu einer der vielen Veränderungen, die das Internet mit sich gebracht hat. Es geht um Antiquariate.

Ich bin ein süchtiger Antiquariats- Besucher. Nein, ich war es. Ich war es, solange man ein begehrtes Buch (sieht man ab von der Möglichkeit eines Suchauftrags) nur dadurch bekommen konnte, daß man in den Antiquariaten danach stöberte. Wobei man natürlich auch jede Menge weitere Bücher "entdeckte", die man nicht gut ungekauft lassen konnte.

Vorbei. Denn jetzt gibt es das ZVAB, das Zentralverzeichnis antiquarischer Bücher. Und es gibt booklooker. Die größeren und viele kleine Antiquariate sind inzwischen einem davon oder beiden angeschlossen. Immer mehr Antiquariate sind auch reine Versandgeschäfte.

Damit ist es ungleich leichter als früher, ein gesuchtes Buch zu finden. Freilich ist auch das Jagdfieber, dieses Vergnügen, in einer fremden Stadt alsbald die Antiquariate heimzusuchen, vorbei. Ich jedenfalls besorge mir inzwischen antiquarische Bücher fast nur noch via die ZVAB. Und folge damit einer allgemeinen Tendenz.



Und da haben wir nun das Problem. Der Antiquar, der über die Ladentheke verkauft, kann prüfen, ob der Kunde, der ein indiziertes Buch haben will, erwachsen ist. Der Versender kann das nicht, jedenfalls nicht ohne eine aufwendige adult verification; also einen Prüfprozeß, der neuerdings laut Gerichtsurteil den persönlichen Augenschein z.B. durch einen Postbeamten einschließen muß.

Und diese Prüfung des Kunden allein tut es ja nicht. Er muß, der Versender, ständig parat haben, welche Bücher denn indiziert sind. Bei aktuellen Büchern ist das einfach. Aber wer hat schon im Kopf, ob ein vor zehn oder vierzig Jahren erschienenes Buch indiziert wurde und weiter auf der Liste steht?

Man sollte meinen, das sei im Zeitalter der EDV kein Problem. Bestimmt stellt doch die Bundesprüfstelle allen Buchhändlern und Antiquaren ihre Liste in elektronischer Form zum Herunterladen zur Verfügung, so daß sie sie mit ihre Bestell- Software verbinden und automatisch die indizierten Bücher herausfiltern können?

Keineswegs tut sie das.

Denn es gibt ja eben - jetzt kommen wir zum Anfang zurück - diese Neigung der Indizierer, den Index nicht an die Große Glocke zu hängen, auf daß er nicht als Leseliste mißbraucht werde.

Wie Wolfgang Höfs vom Dortmunder Online- Antiquariat "Emotioconsult" sagt: "... die Listen gibt es nur schriftlich, die Titel kann man nicht online abrufen."

Da sollen also fleißige Antiquariats- Angestellte sich hinsetzen, ihren Kopf über die Liste indizierter Bücher beugen und sie, Position für Position, mit den Büchern vergleichen, die neu eingehen oder die ein Kunde bestellt.

Da nun freilich auch Online-Antiquariate ein wenig auf ihre Kosten achten müssen, tun sie das oft nicht. Und handeln sich dadurch neue Kosten ein. Wie heute in "Spiegel Online" ausführlich zu lesen ist.

Eine ganz alltägliche deutsche Geschichte, scheint mir. Sie handelt von Zensur, von Bürokratie, von Inkompetenz. Also davon, was zensierende Bürokraten mit ihrer Inkompetenz unserer Gesellschaft, unserer Wirtschaft zumuten.

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17. Dezember 2007

Zitat des Tages: Ad waaas?

Merkel wird kurzatmiger. Sie verfällt in eine Adhocerie, ihr genügt der Anfangsapplaus.

Christoph Schwennicke, im Oktober von der SZ als Edelfeder zum "Spiegel" gewechselt. - Wer sich über diese Adhocerie mociert, der hat nicht capiert, was so ein necischer, capriciöser Gec alles an Sprachverhuncerei aushecen cann.

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Wer meine Stimme als US-Präsident hätte. Und warum die Entscheidung für mich einfach wäre

Wem würde ich meine Stimme bei den Präsidentschafts- Wahlen geben, wenn ich in den USA und wahlberechtigt wäre und wenn ich die freie Auswahl unter allen Kandidaten sowie der Kandidatin hätte, die jetzt im Rennen sind? Plus denen, die eigentlich "präsidiabel" sind, die aber aus irgendeinem Grund ihren Hut nicht in den Ring geworfen haben, wie zum Beispiel Al Gore?

Als ich mich das in den letzten Wochen gelegentlich spielerisch gefragt habe, war eines jedenfalls klar: Es könnte ein Demokrat oder es könnte ein Republikaner sein.

Die - nach amerikanischen Maßstäben - linken und rechten Flügelleute würden für mich von vornherein ausscheiden; also die linken Demokraten und die rechten Republikaner.

Hillary Clinton und Barack Obama, die am liebsten sofort den Irak militärisch im Stich lassen würden, und damit Israel in größte Gefahr bringen - die würde ich gewiß nicht wählen.

Den öligen John Edwards, der auf mich wirkt, als spiele da ein Schauspieler in einem B-Movie einen dieser bigotten Prediger, die durch den Wilden Westen reisen - den gewiß auch nicht.

Und schon gar nicht den Linksaußen Dennis Kucinich, der für die "Normalisierung" der Beziehungen zu Cuba eintritt und andererseits für den Austritt der USA aus der World Trade Organization; der Marihuana weitgehend legalisieren und dafür den Patriot Act außer Kraft setzen will. Und der natürlich, wie auch Edwards, für den Rückzug aus dem Irak ist.



Nein, von den halbwegs ernsthaft in Frage kommenden demokratischen Kandidaten wäre nur einer für mich wählbar - Joe Biden. Einer der angesehendsten demokratischen Senatoren, erfahren in der Rechts- und der Außenpolitik.

In beiden Bereichen mit liberalkonservativen Positionen: Er unterstützt den Kampf gegen den Terrorismus ebenso wie den gegen das Verbrechen in den USA und ist ein eindeutiger Unterstützer Israels. Er ist gegen die Wiedereinführung des Schulgebets, gegen Einschränkungen der Stammzellen- Forschung. Kurz, er ist mal konservativ, mal liberal; je nach Thema. Für den Irak hat er einen eigenen Plan ausgearbeitet, über den man streiten kann; jedenfalls aber will er nicht den sofortigen Abzug.

Bei vielen Themen stimme ich nicht mit ihm überein, aber mit seiner liberalkonservativen Haltung könnte ich mich anfreunden.

Viel lieber noch als ihn aber würde ich einen Demokraten wählen wollen, der nur leider diesmal nicht antritt: Joe Lieberman.

Der, streng genommen, freilich gar kein Demokrat mehr ist. Denn dieser über Jahrzehnte hochangesehene demokratische Senator wurde 2006 in seinem Staat Connecticut von der Demokratischen Partei nicht wieder als Kandidat aufgestellt; offensichtlich, weil er den Irak-Krieg auch noch unterstützte, als er schlecht lief.

Darauf kandidierte Lieberman als Unabhängiger, wurde gewählt und sitzt jetzt als Unabhängiger im Senat, der aber seiner Partei die Loyalität nicht aufgekündigt hat.



Und bei den Republikanern? Da geht es mir ähnlich.

Die Kandidaten auf dem rechten Flügel scheiden für mich aus - also Leute wie Romney, Thompson, Huckabee.

Eher anfreunden könnte ich mich mit im weiteren Sinn Liberalkonservativen wie Rudy Giuliani und dem Libertären Ron Paul.

Aber so, wie ich bei den Demokraten eindeutig Lieberman - wäre er denn Kandidat - bevorzugen würde, hätte ich keine Schwierigkeit, unter den republikanischen Kandidaten meinen Favoriten zu finden: John McCain.

Wie Lieberman ein selbständiger, liberalkonservativer Mann, der sich nicht der jeweils herrschenden Meinung anpaßt. Er hat klare und feste Positionen in Bezug auf den Irak, den Iran, Israel. Aber er tritt - anders als manche Republikaner - beispielsweise ebenso fest für den Schutz der Menschenrechte auch von gefangenen Terroristen ein.

Er kämpft in der Innenpolitik zum Beispiel gegen das sogenannte Pork Barrel Spending, die Ausschüttung finanzieller Wohltaten dorthin, wo der das jeweils betreibende Politiker stammt. Kurz, wie Lieberman ist McCain ein konservativer Mann mit liberalen Ansichten; oder ein Liberaler mit konservativen Auffassungen, wie man mag.



Würde McCain gegen Lieberman antreten und wäre ich ein wahlberechtigter US-Bürger - ich würde mich fühlen wie der Buridanische Esel.

Aber Lieberman kandidiert ja nicht.

Und nicht nur das - er hat (und das war für mich der Anlaß, diesen Artikel zu schreiben) gestern bekanntgegeben, daß er, der langjährige Demokrat, zu den kommenden Präsidentschafts- Wahlen einen Kandidaten der Republikaner unterstützen wird: John McCain.

Das hat mich gefreut. Das hat mich sehr gefreut.

So brauchte ich, dürfte ich in den USA wählen, keinen Augenblick nachdenken, wem ich meine Stimme gebe würde.

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16. Dezember 2007

Zitat des Tages: "links sein"

Im Chor der Kommentatoren vermisst man eine Stimme, die darauf hinweist, wie im eigentlichen Sinne links der "Spiegel"-Kulturteil unter Matussek wurde. Jedenfalls, wenn links sein heißt, gerade auch die eigenen Meinungen zu überprüfen, aufzulösen, die Dinge immer wieder neu zu sehen, den eigenen Laufgraben zu verlassen.

Wenn dies "links sein" hieße, lieber Joachim Lottmann.

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15. Dezember 2007

Der Aufstieg des Christoph Blocher und sein Hintergrund. Ein Gastkommentar von Manfred Messmer

Am Tag drei nach dem demokratischen Putsch der Vereinigten Bundesversammlung (Stände- und Nationalrat der Schweiz) gegen Bundesrat Blocher und die SVP ist die Konfusion über das so noch nie Dagewesene noch gross.

Überrascht waren alle über die Abwahl Herrn Blochers, am meisten diejenigen, welche das Ganze inszeniert hatten. Und wenn man die jubelnden Parlamentarier nach der Bekanntgabe des Resultats am Bildschirm sah, wie sie sich in die Arme fielen, fühlte man sich an eine dieser Friedensdemos erinnert. Endlich musste man sich nicht auf das Aushängen von bunten Fahnen und das Aufstellen von Lichterketten in kalter Nacht beschränken - nein, hier hatten die Guten den Bösen gestürzt.

Soviel zur Gefühlsduselei, die hier im Spiel war. Die SVP und Herr Blocher haben sich in den 90er Jahren aufgemacht, das politische System der Schweiz grundlegend zu verändern. So lautet die gängige Rede, und das glauben auch viele in der SVP.

Doch ich bezweifle, dass diese Partei, respektive deren geistiger Übervater Blocher, tatsächlich solches alleine, ohne Zeitumstände, überhaupt zustande brächten. Bekanntlich sind politische Grosswetterlagen so unberechenbar wie das Weltklima.

Seien wir deshalb zumindest in "Zettels Raum" ehrlich: Niemand hat derzeit nichts in der Hand. Wer heute siegt, ist morgen der Verlierer. Kleinste Veränderungen an einem unbedeutenden Gesetzesentwurf schlagen an unbeachteter Stelle hohe Wellen. Oder anders gesagt: Politik ist ein Mikadospiel.



Will man die schweizerische Politik verstehen, muss man etwas tiefer eintauchen in die Volksseele der Alpenrepublik und zunächst lernen, dass es so etwas wie die Schweiz gar nicht gibt. Das Land trat ja 1992 auf der Weltausstellung in Barcelona sinnigerweise mit dem Slogan „La Suisse n’éxiste pas“ an, was den Machern nicht zuletzt von den Bannerträger der SVP, die sich damals unter der Führung eines gewissen Herrn Blocher aufmachten, die politische Landschaft umzukrempeln, harsche Kritik eintrug.

Die Schweiz ist eine Willensnation. Deshalb heisst sie auch offiziell "Schweizerische Eidgenossenschaft". Und nicht nur so, sondern gleichwertig auch noch so: "Confédération Suisse", "Confederazione Svizzera", "Confederaziun Svizra". Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch sind die offiziellen Amtssprachen, die in den zur Schweiz zusammengeschlossenen 26 Kantonen - die Grenzen wurden 1848 vom Wiener Kongress gezogen - gesprochen werden. Seither gilt auch die immerwährende bewaffnete Neutralität.

Doch die deutsche Bezeichnung des Landes trifft den Kern der Schweiz weit besser als der Begriff „Konföderation“ (Zusammenschluss selbständiger Einheiten) in den lateinischen Sprachen. Genossenschaft - das ist Freiwilligkeitsprinzip und Selbstverantwortung sui generis. Und auf das Hochhalten dieser Prinzipien wird der Eid, der Schwur geleistet, seit 1291. Das ist der zentrale Mythos der Schweiz, der schweizerisch bescheiden von einer Wiese verkörpert wird, wo im Sommer Kühe weiden und im Winter Ruhe einkehrt, dem Rütli.

26 Kantone (Gliedstaaten), das bedeutet 26 Schulsysteme, 26 Bauverordnungen, 26 Steuersysteme, 26 Regierungen und Verwaltungen, 26 Polizeicorps, 26 Rechtssysteme, 26 Parlamente, 26 Gesundheitswesen und so weiter und so fort.

Und bis hinein in die 60er Jahre, als die Schweiz mit 600.000 Mann noch über eine der grössten Armeen der Welt verfügte, gab es noch kantonale Regimenter und Truppen. Das war die "Armee'61", und die Jahreszahl besagt auch, dass die Schweizer Armee ihre Blüte erreichte, als die eine Hälfte der Schweiz, nämlich die Frauen, weder das Stimm- noch das Wahlrecht hatte; und dies weder in den Gemeinden, noch in den Kantonen, und schon gar nicht auf nationaler Ebene.



Und damit sind wir beim Kernpunkt des vielbeschworenen schweizerischen Konkordanzsystems angelangt. Das System beruhte auf einer männlichen Bevölkerung, die im Alter von 20 bis über 50 (Offiziere) Militärdienst zu leisten hatte; auf in militärischen Wiederholungskursen konditionierten Männern, denen jährlich Gehorsam eingeimpft wurde. Auf Männern, die, so justiert an die Regeln des Oben und Unten, politische Entscheidungen fällten.

Männer, die daran glaubten, daß der da vorne, der im Militär die Befehle gab und im Alltag die Lohntüte, es schon richten werde. Damals wurde die Parteizugehörigkeit vom Vater auf den Sohn vererbt.

Eine typische Schweizer Karriere bestand bis in die 80er Jahre aus dem Dreiklang von Militär, Wirtschaft und Politik. So sassen denn die Chefs grosser Versicherungskonzerne für die damals staatstragende FDP im Nationalrat und führten als Milizoffiziere Regimenter oder trafen sich in Generalstabskursen. So ein strammer Schweizer Mann war so sein halbes Leben mit den Kollegen seines Jahrgangs und seines Kantons über das Militär verbunden.

Karrieren in der Privatwirtschaft wurden ebenso im jährlichen Wiederholungskurs oder in Generalstabsübungen entschieden wie die Preise fürs Bier oder die Autoversicherung. Und es war selbstverständlich, dass der Milizoffizier nicht nur für den jährlichen Militärdienst freigestellt wurde (unter Lohnfortzahlung), sondern dass er in grösseren Unternehmen und bei höheren Rängen auch auf ein Sekretariat in der Firma zurückgreifen konnte. Gleiches galt auch für Milizparlamentarier.

Die Schweizer Wirtschaft wurde durch Kartelle geprägt, was sich noch heute in den hohen Preisen gegenüber dem Ausland auswirkt. Wer vom Bund eine Einfuhrbewilligung für den Import von italienischer Salami bekam (das ist kein Witz), erhielt so etwas wie die Lizenz zum Gelddrucken. Der Streit über den freien Import von Wein dauerte Jahre.

Das alles ging den Rhein runter, als Ende der achtziger Jahre die Berliner Mauer fiel, als damit der Schweiz der Feind im Osten abhanden kam und den Europäern und Amerikanern das Interesse an der Schweiz verloren ging. Im November '89 war auch für die Schweiz der Zweite Weltkrieg zu Ende.

Die 90er Jahren waren denn auch geprägt, von einem wirtschaftlichen Niedergang, hohen Staatsdefiziten, von Arbeitslosigkeit (seit den dreissiger Jahren nicht mehr erlebt) und dem Schleifen der Kartelle. Mit dem Einzug der Marktwirtschaft wurde die Armee verkleinert, wurden Offiziers- und Politkarrieren in den Unternehmen nicht mehr unterstützt. Ausländische Chief Executive Officers hatten kein Verständnis dafür, wenn Kaderleute für Wochen nicht verfügbar waren.



Zu jener Zeit begann der Aufstieg des Christoph Blocher, Chef und Besitzer der Ems- Chemie und selbstverständlich Regimentskommandant, der sich aus eigener Kraft von ziemlich unten nach ganz oben gekrampft (schweizerisch für „schwer arbeitend“) hatte. Und das ist nun einer der vielen Widersprüche dieses Mannes: Er verkörpert noch immer diesen Typus des „Armee’61“- Schweizers und ist gleichzeitig mit seinem am modernen Management orientierten Politstil, seinem unbändigen Willen zur Veränderung einer der zeitgeistigsten Politiker der Schweiz.

Mit ihren Marketingmethoden, die jeder Product Manager im Schlaf herunter singen kann, hat die Partei in den Oktober- Wahlen dreissig Prozent der Wählerstimmen geholt, mehr als jemals eine Partei zuvor. Wir haben es überdies mit einer völlig neuen Medienwelt zu tun. Statt verschlafener Parteiblätter, wie früher, ist Instant Messaging angesagt. Die SVP ist die bislang einzige Partei, welche die volle Klaviatur der sich in einem rasanten Wandel befindlichen Medienwelt beherrscht. Sie ist die einzige Partei, die sich als Kommunikations- Unternehmen begreift.

Es sind überraschenderweise die Links- Fortschrittlichen, die konservativ verbunkert an der Schweiz der Armee’61, am Konkordanzsystem, das in den 50ern des letzten Jahrhunderts zementiert und erstmals vor vier Jahren zugunsten der SVP etwas verändert wurde, festhalten wollen. Und es ist der Armee’61- Verkörperer Blocher, der genau dieses System für überlebt deklariert und zu einem System von Regierung und Opposition wie in anderen Ländern auch finden will.

Er ist zudem ein vehementer Hüter der Volksrechte, was für ihn der zentrale Grund dafür ist, gegen den Beitritt der Schweiz in die EU zu kämpfen, während die derzeit jubelnden Hüter der Konkordanz am liebsten schon morgen der Union beitreten und dafür auch "gewisse Volksrechte" preisgeben würden. Wenn Blocher von "Volk" redet, dann begreift er dies nicht "völkisch", sondern basisdemokratisch.

Natürlich ist es so, dass Herr Blocher über ein gerüttelt Mass an Ego verfügt. Da steht er einem Herrn Mitterand, einem Herrn Schröder, einer Frau Thatcher in nichts nach. Die Letztere und Winston Churchill sind denn auch seine Leuchttürme. Dass die Schweiz aus einem altem Gessler- Reflex heraus keine überragenden Figuren mag, den Diminuitiv nicht nur in der Sprache hätschelt, muss man hinnehmen. Auch das hat sich über die Jahrhunderte eigentlich bewährt. Herr Blocher hat mit dem Diminuitiv, besonders was seine Person anbelangt, nichts am Hut.



Wie geht es nun weiter? Es wird zwar viel vermutet, aber eigentlich weiss das derzeit kein Mensch.

"Die vermeintlichen Retter der Konkordanz wirkten deshalb schon am Tag nach dem Verdikt gegen Blocher ziemlich weltfremd, als sie nach dem Modus Vivendi mit einer SVP in der Opposition gefragt wurden. Wenn diese Sozialromantiker glauben, es seien neue Mehrheiten ohne die SVP denkbar, wenn nur die Linke auf Steuererhöhungen verzichte und die Mitte im Gegenzug keinen 'Steuer- und Sozialabbau' mehr betreibe, machen sie ihre Rechnung ohne das Volk, die wahre Opposition in der Schweiz. Denn mit solcher Politik wäre man rasch wieder bei der Larifari-Politik der neunziger Jahre mit ihren Schuldenbergen“, schreibt heute die NZZ in einem Leitartikel.

Das Verdienst von Herrn Blocher ist, dass er diese Larifari- Politik beendet hat. Und weil man ihn zwar aus der Regierung entfernt hat, aber nicht aus der Politik, wird der politische interessierte Schweizer auch weiterhin auf Trab gehalten werden. Die Parteien melden steigende Mitgliederzahlen.

Manfred Messmer ist ein Schweizer Journalist und Gründer der Agentur messmerpartner, dessen Blog Arlesheim Reloaded. Mäuse schultern Elefanten immer lesenswert ist. Ich habe ihn um diesen Gastkommentar gebeten - als kompetente Ergänzung zu der Diskussion, die mein Artikel zur aktuellen Entwicklung in der Schweiz ausgelöst hat. - Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

Zitat des Tages: Umorientiert

Dann wurden die Frauen umorientiert von zwei Kindern auf drei Kinder.

Freya Kliehr in der heute im Sender "Phoenix" wiederholten Sendung "Wenn Mutti früh zur Arbeit geht - Kinderbetreuung in der DDR" über die Reaktion der DDR-Führung auf den Rückgang der Bevölkerung durch Republikflucht.

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Marginalie: Mein (Un-) Wort des Jahres 2008

Bis heute war mir entgangen, daß es dieses Wort überhaupt gibt. Aber im ZDF sprach es Peter Kunz, Ostasien- Korrespondent des ZDF und gegenwärtig zur Konferenz nach Bali entsandt, mit so großer Selbstverständlichkeit aus, daß ich dachte: Das ist schon lange ein gängiges Wort, nur bin ich ihm irgendwie nie begegnet.

Das Wort lautet: "Neue Weltklimaordnung".

Als ich gegoogelt habe, stellte sich schnell heraus, daß es sich doch nicht um einen eingeführten Begriff handelt. Im deutschen Web liefert Google nur die obskure Rezension eines obskuren Buchs eines obskuren Autors namens Mohssen Massarrat. Wenn man im internationalen Web nach Begriffen wie "world climate order", "international climate order" oder "global climate order" sucht, ist die Ausbeute nur mäßig größer.



Mir scheint, Peter Kunz hat mit seinem beiläufig eingeführten Begriff eine Pioniertat vollbracht.

Er hat einem Begriff zu medialem Gehör verholfen, den wir brauchten, der uns fehlte - nur, wir hatten es nicht gemerkt.

Solche Lücken gibt es ja. Leibniz hatte von einer Characteristica Universalis geträumt, einer Kunstsprache, in der jedem Objekt, jedem Begriff genau ein Symbol zugeordnet ist. Natürliche Sprachen sind nicht so. Es gibt für dasselbe Gemeinte oft viele Wörter. Aber es gibt auch Gemeintes, zu dem das Wort fehlt.

Ich glaube, es war Robert Gernhardt, der einmal darauf aufmerksam gemacht hat, daß wir im Deutschen für den Zustand, keinen Hunger zu haben, das Wort "satt" haben, daß uns aber ein entsprechendes Wort für den Zustand fehlt, keinen Durst zu haben.

Ganz ähnlich haben wir für das verstiegene Bestreben, aus einer Ideologie heraus der ganzen Welt ein bestimmtes Wirtschaftsmodell aufzuzwingen, schon lange das Wort "Neue Weltwirtschaftsordnung". Für das entsprechende Bestreben in Bezug auf das Weltklima fehlte uns bisher das Wort.

Nun haben wir es. Jetzt, im zu Ende gehenden Jahr 2007, ist es noch ein zartes Pflänzchen. Aber vielleicht wird es ja im kommenden Jahr aufblühen, das Wort "Neue Weltklimaordnung". Und wer weiß, vielleicht kann ich ja mit dieser kleinen Marginalie ein wenig dazu beitragen, daß das so sein wird.

So daß es, wenn alles gut geht, von der "Deutschen Gesellschaft für Sprache" dann in einem Jahr gekürt werden kann.

Zum "Wort des Jahres"? Oder vielleicht doch besser zum "Unwort des Jahres"?

Unwort des Jahres, ja, das wäre schön. Kaum eine menschliche Allmachts- Phantasie, kein totalitäres Programm ist ja so bisher so weit gegangen wie der Plan, das Weltklima einer neuen Ordnung zu unterwerfen.

Aber ich fürchte, kaum jemand wird merken, was für ein monströses Wort das ist, "Neue Weltklimaordnung".

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14. Dezember 2007

Zitat des Tages: Was eine Physikerin versteht

"Die Kanzlerin ist Physikerin", sagt Hansen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, sie werde die einfachen Zusammenhänge von Kohleverbrennung und Klimawandel wohl verstehen.

Der Direktor des Goddard Institute for Space Studies der NASA, James Hansen, laut "Spiegel Online" über die Auffassungsgabe einer Physikerin.

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13. Dezember 2007

Randbemerkung: Wird die Schweiz jetzt normal?

Zugegeben, das ist etwas flapsig formuliert. Wahrscheinlich werden die Schweizer unter den Lesern dieses Blogs den Kopf schütteln, wenn sie es lesen.

Aber schauen Sie, liebe Schweizer, dann geht es Ihnen nicht anders, als es mir über die Jahrzehnte gegangen ist.



Seit ich begonnen habe, meine Nase in Zeitungen und Zeitschriften zu stecken, ist mir die Schweiz als nicht nur das Mutterland der Demokratie erschienen, sondern als deren Tochter, Enkelin, Urenkelin dazu.

Allerdings mit einer Ausnahme. Über die ich sehr oft den Kopf geschüttelt habe.


Vorbildlich ist, so sehe ich es bis heute, der Föderalismus, der wirklich einer ist. Wie in den USA, aber wie in der Bundesrepublik nicht so ganz. Vorbildlich insbesondere das Subsidiaritätsprinzip, das den Kantonen, den Gemeinden viel Freiheit läßt, ihre eigenen Angelegenheiten selbst zu regeln.

Vorbildlich ist vielleicht auch die direkte Demokratie der Initiativen und Referenden, gar der Landsgemeinden in einigen Kantonen, bei denen sich die Bürger leibhaftig versammeln, um politische Entscheidungen zu treffen.

"Vielleicht" deshalb, weil ich meine Zweifel an der Weisheit der direkten Demokratie habe, die in der Regel dazu führt, daß eine politisch aktive Minderheit die Entscheidungen trifft. Aber in der Schweiz scheint sie ja ganz gut zu funktionieren, die direkte Demokratie. Vorbildlich also, sagen wir, - für die Schweiz.



So weit, so gut. Aber da gibt - nein, gab! - es nun auch noch - und zwar seit fast einem halben Jahrhundert - etwas, das mir ganz und gar nicht vorbildlich vorkommt: Die Zauberformel. Und dahinter, mit einer noch längeren Tradition, das Prinzip der Konkordanz.

Seit 1959 ist es in der Schweiz, nein nicht Gesetz, aber Usus, daß alle großen Parteien an der Regierung sind - nicht nacheinander, wie anderswo, sondern zugleich!

Sie bilden eine Art Riesengroße Koalition.

Die Ministerien werden nach der Zauberformel - einem Ämter- Schlüssel - verteilt, und dann wird bei jeder Entscheidung nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner gesucht; das ist das Prinzip der Konkordanz. Es hat in der Schweiz Tradition seit gut hundert Jahren, als man politische Konflikte dadurch zu lösen begann, daß alle einmal mitregieren durften.



Das blieb so bist gestern. Die Linken von der SP und die Rechtspopulisten von der SVP bekämpften sich zwar lautstark, aber sie saßen gemeinsam im Bundesrat, wie in der Schweiz die Regierung heißt. So sollte es eigentlich auch nach den letzten Wahlen weitergehen; same procedure als last year, same procedure als every year.

Aber seit gestern ist das Geschichte. Denn gestern wurde Christoph Blocher von der SVP bei der, wie das in der Schweiz heißt, "Gesamterneuerungswahl des Bundesrates" nicht als Justizminister (Bundesrat) wiedergewählt. Daraufhin ging seine Partei in die Opposition, auch wenn ihr Mitglied Frau Widmer- Schlumpf sich an Blochers Statt zur Bundesrätin wählen ließ.



Und?

Ich habe heute Nachmittag in SF1 einen längeren Ausschnitt aus der Erklärung Blochers vor der Vereinigten Bundesversammlung (Nationalrat und Ständerat) gehört. Er sagte - ich zitiere das jetzt nach der NZZ - :
Es sei die Rede gewesen von Konkordanz, Kollegialität, Amtsgeheimnis - "sehr oft, um viel Dreck und Dinge zuzudecken, die niemand sehen durfte".
Seien Sie mir bitte nicht böse, liebe Leser in der Schweiz - aber genauso hat sich der Kleine Moritz in mir immer diese Schweizer Regierungsform vorgestellt.

Wie kann es denn anders sein, wenn es keine starke Opposition gibt? Wie kann es anders sein, als daß alles Wichtige hinter verschlossenen Türen ausgehandelt wird, daß man einen mehr oder weniger faulen Kompromiß findet, den dann alle nach außen "mittragen", ohne sich noch zu streiten?

Kollegialität eben. Kein funktionierendes Gremium trägt seine Konflikte nach außen. Konkordanz eben; Gegensätze werden unter den Teppich gekehrt. Und das Amtsgeheimnis - wenn jemand geneigt sein sollte, doch an die Öffentlichkeit zu gehen, dann verhindert das dieses Amtsgeheimnis.



Liebe Schweizer, ich gratuliere Ihnen, daß Sie jetzt eine ernst zu nehmende Opposition im Parlament haben. Ich beglückwünsche Sie dazu, daß es jetzt eine starke Fraktion im Nationalrat gibt, die ihre Aufgabe darin sehen wird, nicht mitzuregieren, sondern der Regierung auf die Finger zu sehen und, falls sie kann, auch auf diese zu klopfen.

Daß es nun ausgerechnet Blochers Rechtspopulisten sind - nein, das hätte vielleicht nicht sein müssen.

Es ist nicht schön, daß gerade die Schweiz, das Mutterland der Demokratie, eine so starke rechtspopulistische Bewegung hat; so stark, daß sie jetzt die Rolle einer potenten Opposition übernehmen kann.

Aber, liebe Schweizer - gibt es diese starke rechtspopulistische Bewegung nicht möglicherweise just deshalb, weil bisher die Zauberformel, weil das Prinzip der Konkordanz alle relevanten politischen Kräfte in eine unredliche Gemeinsamkeit gezwungen hat?

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Zitat des Tages: "Verstaatlichung der Kinder"

Die Kinderrechte im Grundgesetz wären der nächste große Schritt zur Verstaatlichung der Kinder. Über ihre Einhaltung würden nicht mehr "zuvörderst die Eltern", sondern "die staatliche Gemeinschaft" wachen. (...) Die Folgen solcher Remedur in der Familienpolitik würden schlimmer sein als die Ursachen, die ihnen als Vorwand dienten.

Stefan Dietrich in der heutigen FAZ über die Pläne der SPD, "Kinderrechte" ins Grundgesetz aufzunehmen. - Es wird immer besser erkennbar, daß die Rede vom "demokratischen Sozialismus" im Hamburger Programm der SPD keine Floskel ist. Die wollen das wirklich.

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Das Unbehagen in der Kultur

Einer Zivilisation oder, wie man im Deutschen lieber sagt, einer Kultur anzugehören bedeutet, daß man bestimmte Selbstverständlichkeiten des Verhaltens kennt und es akzeptiert, sich nach ihnen zu richten.

Beim Essen schmatzt man nicht. Der Herr geht links von der der Dame. Wenn man den Nobelpreis überreicht bekommt, trägt man Frack und Schleife.

Bevor man mit dem Essen beginnt, spricht man ein Tischgebet und bekreuzigt sich. Eine Frau verhüllt ihr Gesicht in der Öffentlichkeit. Milchding und Fleischding dürfen nicht in Kontakt miteinander kommen.

Vor der Ehe hat man keinen Geschlechtsverkehr. Man badet nicht in der Öffentlichkeit ohne Badehose oder Badeanzug, Man duzt seinen Chef nicht, wenn dieser das "du" nicht angeboten hat. An bestimmten Feiertagen opfert man den Göttern.

Es gehört zu solchen Regeln und Normen des sozialen Verhaltens, daß sie keiner Begründung bedürfen, um zu gelten. Sie sind eben selbstverständlich. Sie zu "hinterfragen" kommt nicht in den Sinn, solange sie gelten.

Jedenfalls nicht den meisten Angehörigen der betreffenden Kultur. Wer zweifelt und nach Rechtfertigungen für solche Regeln und Normen sucht, der stellt sich außerhalb der Gemeinschaft. Er zieht Haß und Angst auf sich. Wie jener antike Zweifler, der die Existenz der Götter "hinterfragt" hat und dafür den Schierlingsbecher trinken mußte.



Am strengsten, am genauesten geregelt ist das Verhalten beim Essen und in der Sexualität. Der Hunger und der Sexualtrieb, sie bedürfen in besonderem Maß der sozialen Regulierung .

Als das seltsame Experiment der Evolution sich abspielte, in dem vor etlichen Millionen Jahren es im afrikanischen Urwald hangelnde Früchtefresser in die Savanne verschlug, wo sie sich bei Strafe ihres Aussterbens zum in Horden jagenden Raubtier entwickeln mußten, da bedeutete das auch eine ungeheure Disziplinierung dieser beiden Triebe, des Nahrungs- und des Sexualtriebs.

Über die Jagdbeute konnte man nicht, wie ein Wolfsrudel, herfallen. Sie mußte gesittet verteilt werden, damit auch die Alten etwas abbekamen, deren Erfahrung man umso mehr brauchte, je mehr an Kulturellem, an technischem Know-How zu tradieren war. Damit auch die Frauen etwas abbekamen, die nicht an der Jagd beteiligt waren und die bei einer Beute- Teilung à la Wolfsrudel ebenso den Kürzeren gezogen hätten wie die Alten und die Kinder. Überleben konnten Lucy und ihre Nachkommen nur mit Tischsitten.

Ebenso brauchten sie ein geregeltes, ein durch Tabus reguliertes Sexual- Leben. Sie machten es sozusagen den Vögeln nach, als sie die Vorzüge der Ehe entdeckten, die in den Urwaldhorden ihrer Vorfahren unbekannt, weil unnötig gewesen war: Als sie die Vorteile einer Bindung zwischen Frau und Mann entdeckten, die es ermöglichte, daß sich die Frau um die Aufzucht des Nachwuchses kümmerte und dafür vom Mann mit Nahrung versorgt wurde.

Keine Paarungszeit im Jahreszyklus, sondern allzeit bereit, das hatte man von den hangelnden Vorfahren übernommen. Dazu nun die Familienstruktur - das konnte nur gutgehen, wenn die Sexualität reglementiert wurde. Mit Vorschriften, vor allem mit Tabus, die es regeln, wer mit wem wann darf; wie man mit menstruierenden Frauen, wie man mit den Umwandlungen der Pubertät umzugehen hat.

Sigmund Freud sah in diesen sozialen Reglementierungen unserer Triebe die Ursache für das "Unbehagen in der Kultur", für das Unglück, das das Realitätsprinzip uns allen aufzwingt. Man mag das so pessimistisch sehen. Immerhin haben über die Jahrmillionen der biologischen, über die hunderttausende Jahre der kulturellen Evolution des Menschen die meisten unserer Vorfahren diese Zumutungen hingenommen.

Sie haben nicht "hinterfragt", was nun einmal die Sitte, was die Religion verlangte. Das haben erstmals ein paar müßiggehende, also denkbereite Männer vor knapp zweitausendfünfhundert Jahren getan. Und so richtig hat man damit erst vor kaum dreihundert Jahren angefangen, als die Lockerheit des Rokoko auch die Gedanken gelockert hatte; als die Aufklärung das Ende des Feudalismus und den Aufstieg des Bürgertums markierte.

Diese kleine Serie ist motiviert durch den aktuellen Versuch, in Deutschland die Sexualgesetzgebung bis teils ins Absurde hinein zu verschärfen. Aus juristischer und liberaler politischer Sicht hat Marian Wirth in zwei Artikeln in B.L.O.G. Ausgezeichnetes dazu geschrieben. Der Verweis auf seine Arbeiten gibt mir die Freiheit, mich dem Thema aus etwas allgemeinerer Perspektive zu nähern.

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12. Dezember 2007

Zitat des Tages: Claus Klebers Entscheidung

Es ist also keine Entscheidung gegen das wichtigste Print- Magazin, sondern für das beste TV- Magazin.

Claus Kleber über seine Entscheidung, beim ZDF zu bleiben und nicht Chefredakteur des "Spiegel" zu werden. - Schade. Denn mit ihm als Chefredakteur wäre der "Spiegel" nicht nur das wichtigste Print-Magazin geblieben, sondern auch das beste.

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Zettel Meckerecke: Warum zum Teufel Gregor Gysi? Über einen seltsamen Gast bei Maybrit Illner

Gregor Gysi hatte eine Spitzenstellung im Justizapparat der DDR und gehörte damit zu den wichtigsten Verantwortlichen des DDR- Unrechtssystems.

Als der Vorsitzende der Kollegien der Rechtsanwälte in der DDR war er der oberste Rechtsanwalt in einem Justizsystem, in dem - so hat es das Verfassungsgericht festgestellt - die Rechtsanwälte "ihre Tätigkeit an den weltanschaulichen Grundlagen der DDR auszurichten" hatten. "Eine ihrer Aufgaben bestand in der Stärkung der sozialistischen Gesetzlichkeit (...), die sich bewußt vom Rechtsstaat bürgerlicher Prägung abgrenzte (...). Sie sollten dazu beitragen, daß die subjektiven Interessen der Bürger nicht von den objektiven Interessen der Gesellschaft und des Staates abwichen. (...) Die Unabhängigkeit des Rechtsanwalts bestand nur in diesem Rahmen".

Damit die Rechtsanwälte sich auch an diese Vorgaben hielten, gab es seit 1980 die Rechtsanwalts- Kollegien. Der Mann, der diesen Kollegien zuletzt vorstand und der damit eine zentrale Funktion im DDR- Justizapparat hatte, ist heute Spitzenpolitiker in der Bundesrepublik Deutschland.

Als solcher hat er - da seine Partei im Bundestag vertreten ist, sogar in einem Bundesland mitregiert - Anspruch darauf, von den Medien nicht mißachtet zu werden.

Nun wird er allerdings nicht nur nicht mißachtet, sondern er genießt eine Medien- Präsenz, von der viele demokratische Politiker nur träumen können.

Nun gut, man kann argumentieren, daß seine Partei außer ihm und Lafontaine keine Leute hat, die einer Talkshow zu einer ordentlichen Quote verhelfen können. Also greift man notgedrungen auf sie zurück, wenn ein Thema zu besprechen ist, zu dem ihre Partei nun einmal eine pointierte Meinung hat.

Schließlich ist der Wettbewerb zwischen den Talkshows hart, und wenn man schon niemanden von der NPD einladen kann, dann ist doch immerhin Gysi gut für eine deutlich abweichende Meinung. Also für Streit, also für Quote.

Zugestanden.

Aber das erklärt nicht das, was das ZDF sich diese Woche leistet. Was sich zu leisten es jedenfalls ankündigt.



Für den kommenden Donnerstag ist als Thema der Sendung "Maybrit Illner" angekündigt: "'Ich bin dann mal gläubig...' - Die neue Sehnsucht nach Spiritualität?".

Eingeladen ist Bernhard Bueb, ein studierter Theologe, der einmal Leiter des Internats "Schloß Salem" war und der durch seinen Bestseller "Lob der Disziplin" bekannt geworden ist. Eingeladen ist die Professorin der Katholischen Theologie Uta Ranke- Heinemann, die immer gern eingeladen wird, wenn auf flotte Weise über ein theologisches Thema disputiert werden soll. Zwei, die sachkundig sind.

Und eingeladen ist - Sie werden es ahnen, lieber Leser - Gregor Gysi. "Gregor Gysi (Die Linke), konfessionslos" steht in der Gästeliste des ZDF.



Nicht wahr, das ist ein Grund zum Meckern?

Was in aller Welt qualifiziert unter 80 Millionen Deutschen ausgerechnet den Vorsitzenden der Fraktion der "Linken" im Bundestag, zu diesem Thema als sachkundig zu gelten?

Hätte man denn für den Part des Religionskritikers nicht, sagen wir, jemanden wie Horst Herrmann einladen können, oder einen Kenner der atheistischen Philosophen Schopenhauer, Nietzsche und Heidegger wie Rüdiger Safranski, der dem ZDF ja ohnehin über das "Philosophische Quartett" verbunden ist?

Beide eloquent, beide wohl etwas kompetenter zum Thema als Gregor Gysi. Beide auch in ihrem intellektuellen Niveau angemessene Diskussionspartner für Bueb und Ranke-Heinemann. Ebenso, wie einer der vielen anderen deutschen Philosophen und Publizisten, die sich mit dem Atheismus befassen und/oder sich zu ihm bekennen.

Aber was zum Teufel - um ein hier passendes Kraftwort zu verwenden - denkt sich die Redaktion von "Maybrit Illner" dabei, statt eines Sachkundigen als Vertreter der atheistischen, der kirchenkritischen, der Position der Konfessionslosen ausgerechnet einen aktiven Politiker einzuladen, noch dazu einen Vertreter des Marxismus, dessen Verständnis von Atheismus für diesen ungefähr so repräsentativ ist wie die "Apotheker- Zeitung" für die deutsche Journalistik?



Ich versuche, mich in die Redaktion von "Maybrit Illner" hineinzuversetzen. Ich versuche, irgendeine noch so krause Überlegung zu finden, die diese Einladung inhaltlich rechtfertigen könnte.

Und weil ich keine finden konnte (daß man einfach einem Kommunisten Bildschirm- Präsenz zuschanzen wollte, glaube ich nicht), ist mir ein schrecklicher Verdacht gekommen:

Wollen vielleicht diese Redakteure den Gregory Gysi in eine Art Sippenhaft für seinen Vater nehmen? Soll Maybrit Illner ihn zu diesem Klaus Gysi befragen, über den der Independent in seinem Nachruf schrieb, daß er als DDR- Staatssekretär für Kirchenfragen "seine Hauptaufgabe darin sah, die lutheranischen Kirchen ... bei der Stange zu halten und sie daran zu hindern, Feinden des Systems Schutz zu gewähren"?

Hat man Gregor Gysi eingeladen, weil sein Vater einer von denen war, die die Protestanten ungefähr so in den Sozialismus einbinden wollten, wie das die Nazis mit ihren "Deutschen Christen" für den Nationalsozialismus versucht haben?

Ach nein. Wenn ich es recht bedenke - das ist ihr eigentlich doch nicht zuzutrauen, der Redaktion von "Maybritt Illner".

Sie werden sich überlegt haben: Bueb ist ein ruhiger Mann. Ranke-Heinemann ist schrill und laut. Jetzt brauchen wir noch einen, der glatt und ironisch ist. Also nehmen wir den Gysi.

Auf den ist Verlaß. Der kommt immer.

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