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3. September 2009

Die Vereinten Nationen ehren drei Welthelden. Nebst Bemerkungen über einen cubanischen Heiligen

Erst habe ich die Meldung der Latin American Herald Tribune, auf die Gorgasal gestern in "Zettels kleinem Zimmer" aufmerksam machte, für einen Hoax gehalten. Aber sie scheint echt zu sein.

Nach dieser Meldung hatte die Vollversammlung der Vereinten Nationen eine Idee: Sie beschloß, drei "Welthelden" (World Heroes) zu küren, die - so der Präsident der Vollversammlung, Miguel D'Escoto Brockmann - "embody virtues and values worth emulation by all of us". Die Tugenden und Werte verkörpern, die es wert sind, daß wir alle ihnen nachstreben.

Einer der drei sollte der "Weltheld der Solidarität" sein, der zweite der "Weltheld der Mutter Erde" und der dritte der "Weltheld der sozialen Gerechtigkeit".

Wen mag die UNO ausgewählt haben? Wurde - auch Verstorbene konnten nominiert werden - vielleicht Mutter Teresa die Weltheldin der Solidarität? Und vielleicht Gandhi der Weltheld der sozialen Gerechtigkeit? Und, sagen wir, der große deutsche Umweltschützer Hermann Scheer Weltheld der Mutter Erde?

Das Dritte können wir sicherlich ausschließen, denn wäre er es geworden, dann wäre längst eine Welle des Lobs und des kollektiven Stolzes durch Deutschland gegangen.

Schwappen aber tut sie, die Welle, jetzt vermutlich durch Bolivien. Denn der Weltheld der Mutter Erde wurde Evo Morales, sozialistischer Präsident von Bolivien. Vergangenen Samstag überreichte ihm D'Escoto Brockmann die Medaille und eine Urkunde, in der Morales als "the maximum exponent and paradigm of love for Mother Earth" gewürdigt wird, als der bedeutendste Vertreter und als Vorbild für Liebe zu Mutter Erde.

Aber das ist, lieber Leser, noch gar nichts. Weltheld der sozialen Gerechtigkeit wurde der verstorbene Julius Nyerere, auch er ein Sozialist, der Tansania von 1961 bis 1985 regierte und es - so das Time Magazine 1975 - in ein "wirtschaftliches Desaster" führte.

Schon recht eindrucksvoll, nicht wahr? Aber das Beste wissen Sie immer noch nicht. Zum "Welthelden der Solidarität" wurde Fidel Castro erwählt.



Fidel Castro - Sie wissen, wer das ist? Wahrscheinlich nicht.

Er ist, so hat es uns D'Escoto Brockmann in seiner Ansprache zum Welttag der sozialen Gerechtigkeit im Februar dieses Jahres erklärt, "... [m]ore than a hero, Fidel is as close to a saint as we can find in our troubled world". Fidel sei mehr als ein Held. Er komme einem Heiligen so nah, wie man es in unserer krisengeschüttelten Welt finden könne.

So ändern sich die Zeiten. Heilige, nicht wahr, das waren einst Menschen, die durch ihre Friedfertigkeit beeindruckten; die verfolgt wurden und Leiden auf sich nahmen; die Gutes taten.

Gemessen an ihnen ist er ein seltsamer Heiliger, der Heilige Fidel.

Er hat nicht Verfolgung erlitten, sondern er eröffnete seine Regierungszeit mit einer Orgie des Mordens, der Tausende, wahrscheinlich Zehntausende zum Opfer fielen.

Dieser Heilige gehörte nicht zu den Friedfertigen, sondern er war einer der größten Kriegsherren seiner Zeit. Er schickte seine Truppen in den Kongo, nach Äthiopien, nach Angola, nach Namibia. In Lateinamerika heizte er Bürgerkriege an und unterstützte sie, wie in El Salvador, auch mit eigenen Truppen. Sogar in den Yom- Kippur- Krieg schickte der Heilige ein Kontingent von 1.500 seiner Soldaten, damit sie gegen Israel kämpften.

Und daß er Gutes tat, der Heilige Fidel, wird man auch nicht sagen können.

Wie erbärmlich die Menschen im Land Castros im Jahr 2009 leben, das hat kürzlich der Politologe Günther Maihold in einer Publikation der "Stiftung Wissenschaft und Politik" zusammengetragen; siehe In Cuba wurden die Essensrationen in den Kantinen halbiert. Ein Blick auf den real existierenden Sozialismus anno 2009; ZR vom 17.8.2009.

Das freilich ist immer noch ein Leben im Paradies im Vergleich zu dem Leben, das die Gefangenen des Heiligen in den Gefängnissen Cubas führen; siehe Über die Haftbedingungen in Guantánamo; ZR vom 27.1.2007.



Wie ist es möglich, daß die Vereinten Nationen einen Mann wie Fidel Castro, einen der schlimmsten Diktatoren und Kriegstreiber des Zwanzigsten Jahrhunderts, zum "Welthelden der Solidarität" ernennen?

Unmittelbar liegt es daran, daß diese Ernennung wesentlich durch D'Escoto Brockmann betrieben wurde.

Miguel D'Escoto Brockmann ist Priester, wurde aber von Papst Johannes Paul II. wegen seiner politischen Aktivitäten suspendiert. Diese bestanden darin, daß er seit 1977 in Nicaragua die sozialistische Guerrilla- Truppe der Sandinisten unterstützte und, als diese an die Macht gelangt waren, elf Jahre lang das Amt ihres Außenministers ausübte.

Castro war nicht nur einer der Geldgeber, sondern auch das große Vorbild der Sandinisten. Mit dem Heiligen Fidel ehrte D'Escoto Brockmann also in der Tat einen Helden; zwar keinen Welthelden, aber doch seinen persönlichen Helden als Sandinist.

Er hätte nun allerdings nicht freie Hand für diese eigenwillige Ehrung gehabt, wenn die Vereinten Nationen nicht so wären, wie sie nun einmal sind. Wie sie inzwischen geworden sind.

In Deutschland herrscht immer noch ein naiver, ein fast unterwürfiger Glaube an die UNO. Darin mag sich eine gewisse Sehnsucht nach einer friedlichen und gerechten Weltordnung ausdrücken. Nur sind die Vereinten Nationen in keiner Weise geeignet, dergleichen herbeizuführen oder auch nur zu begünstigen.

Die UNO ist eine ständige Konferenz mit vielen angeschlossenen Organisationen, an der nahezu alle Staaten der Welt teilnehmen und auf der sie ihre Interessen vertreten. Entscheidungen werden weitgehend von starken Stimmblöcken bestimmt, vor allem dem Block der islamischen Staaten und dem Block der mehr oder weniger sozialistischen, jedenfalls antikapitalistischen Staaten.

Das sind Staaten, deren Werte nicht diejenigen des freien Westens sind.

Welthelden mögen sich nicht sein, Julius Nyerere, Evo Morales und Fidel Castro. Helden der antiwestlichen, freiheits- und demokratiefeindlichen Staaten, die heute die UNO dominieren, sind sie sehr wohl.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Raum der Vollversammlung der Vereinten Nationen. Vom Autor Eborutta unter GNU Free Documentation License, Version 1.2 oder später freigegeben (Ausschnitt). Mit Dank an Gorgasal. Dies ist eine zweite, u.a. um die Anmerkungen zum Heiligen Fidel erweiterte Version des Artikels unter einem neuen Titel.

8. April 2009

Wer sind eigentlich die US-Abgeordneten, die Fidel und Raúl Castro besuchten? Nebst einigen Informationen über den alltäglichen Rassismus in Cuba

Wahrscheinlich haben Sie die Meldung gelesen: Im Rahmen der Umwertung aller Werte, die gegenwärtig die Regierung Obama außenpolitisch veranstaltet, hat eine Delegation amerikanischer Abgeordneter und Senatoren Cuba besucht; ja einige Mitglieder wurden gar vom Comandante en Jefe Fidel Castro persönlich empfangen. Die FAZ hat das gestern so gemeldet:
Eine Delegation von amerikanischen Parlamentariern ist am Dienstag nach einem Treffen mit Präsident Raúl Castro auch mit Kubas Revolutionsführer Fidel Castro zusammengetroffen. Die amerikanische Delegation unter Leitung der demokratischen Abgeordneten Barbara Lee war für fünf Tage nach Kuba gereist, um einen Dialog in Gang zu bringen und folgten einer Einladung Castros zu einem Gedankenaustausch. Der 82 Jahre alte Fidel Castro habe einen "sehr energiegeladen" Eindruck gemacht, berichtete Lee dem amerikanischen Fernsehsender CNN. Die Zusammenkunft mit Castro sei "bewegend" gewesen.
Wer ist diese Abgeordnete Barabara Lee?

Aus der Wikipedia erfahren wir: Sie begann ihre politische Karriere bei den Black Panthers in Oakland, wo sie 1973 für den Mitbegründer der Black Panthers, Bobby Seale, arbeitete. Seale war ein schwarzer Extremist, einer der Chicago Eight, der durch besondes rüdes Verhalten vor Gericht auffiel und deshalb zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Ein späterer Prozeß, in dem er der Anstiftung zum Mord an einem abtrünnigen Mitglied beschuldigt wurde, endete ohne Urteilsspruch.

Barbara Lee ist von Beruf Sozialarbeiterin. Politisch hervorgetreten ist sie 2001, als sie als einziges Mitglied des Kongresses gegen das Gesetz stimmte, das militärisches Vorgehen gegen Terroristen autorisierte. Sie war Vorsitzende des Progressive Caucus und ist jetzt Vorsitzende des Black Caucus.

Ein Caucus ist eine Gruppe von Abgeordneten, vergleichbar den "Kreisen", in denen sich bei uns Parlamentarier zusammenfinden; anders als bei uns sind diese Gruppen aber oft parteiübergreifend. Im Progressive Caucus haben sich die Linksaußen des Repräsentantenhauses organisiert. Der Congressional Black Caucus ist eine Vereinigung schwarzer Abgeordneter sowohl des Senats als auch des House of Representatives.



Womit wir bei der Delegation sind, die Cuba bereiste. Es war keineswegs, wie die FAZ unisono mit anderen Medien meldete, einfach "eine Delegation von amerikanischen Parlamentariern". Sondern die Reisenden waren, wie man heute im American Thinker lesen kann, Delegierte dieses Black Caucus.

Von den sechs Mitgliedern der Delegation hat nicht nur Barbara Lee eine linksextreme Vergangenheit. Ein anderes Mitglied der Delegation, Bobby Rush, war einst der Gründer der Black Panthers von Illinois und saß wegen illegalen Waffenbesitzes sechs Monate im Gefängnis.

Kein Wunder also, daß diese Delegierten von der Begegnung mit Fidel Castro hingerissen waren. Im American Thinker zitiert:
"He looked directly into my eyes! ... and then he asked: how can we help President Obama? Fidel Castro really wants President Obama to succeed."

"Er sah mir direkt in die Augen! ... und dann fragte er: Wie können wir Präsident Obama helfen? Fidel wünscht Präsident Obama wirklich Erfolg"

(Delegierte Laura Richardson)

"It was quite a moment to behold! ... Fidel Castro was very engaging and very energetic."

"Es war wirklich ein unvergeßlicher Augenblick ... Fidel Castro war bezaubernd und energiegeladen"

(Leiterin der Delegation Barbara Lee)

"He's one of the most amazing human beings I've ever met!"

"Er ist einer der faszinierendsten Menschen, die ich jemals kennegelernt habe."

(Delegierter Emanuel Cleaver)

"It was almost like visiting an old friend"

"Es war fast wie der Besuch bei einem alten Freund"

(Delegierter Bobby Rush; diesmal über Raúl Castro).
Jener Fidel Castro, der nach Ansicht des Delegierten Cleaver einer der fasziniernden Menschen ist, gehört zu den großen Schlächtern des Zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Kriegstreiber, dessen Söldner in Afrika mordeten; der allein in den Wochen nach seiner Machtergreifung Tausende exekutieren ließ.



Ein Bild vom Ausmaß der Brutalität dieses Regimes gibt das Cuba Archive, das akribisch die Morde dokumentiert.

Sieht man sich dazu den Artikel in der Wikipedia über Menschenrechte in Cuba an und insbesondere den Artikel über Rassismus in Cuba, dann wird sichtbar, wie seltsam, ja wie absurd gerade das Lob schwarzer Politiker für das Regime Castros ist.

Kaum ein Land ist immer noch so offen rassistisch wie Cuba. Die Herrschaft der Kommunisten ist zugleich die Herrschaft einer weißen Clique.

Jeder, der sich den cubanischen Propandasender CubaVision ansieht, kann das feststellen: Die Journalisten, die politischen Würdenträger, die Kulturschaffenden, die gezeigt werden, sind fast ausschließlich Weiße. Nur in den Musiksendungen dominieren die Schwarzen; und im Publikum natürlich, das den Reden der weißen Herrenschicht zu lauschen und ihnen zu applaudieren hat.

Laut der Wikipedia kontrollieren die 20 bis 35 Prozent der Weißen in Cuba alle Machtpositionen. Die Schwarzen leiden unter einer noch größeren Armut als die Bevölkerung insgesamt.

Nach einer in der Wikipedia zitierten Untersuchung der EU herrscht in Cuba ein systematischer und durch die Institutionen geförderter Rassismus. Schwarze werden von gutbezahlten Positionen ausgeschlossen. Sie erhalten die schlechtesten Wohnungen, müssen am längsten auf ärztliche Versorgung warten und Leitungsfunktionen werden ihnen verweigert.

Humberto Fontova, der Autor des Artikels im American Thinker und Verfasser mehrer Bücher über Cuba, schreibt dazu, daß nur neun Prozent der Mitglieder der herrschen Kommunistischen Partei Schwarze sind, aber neunzig Prozent der Insassen von Gefängnissen.



Auch viele in Deutschland - wohl vor allem viele Linksliberale -, die das Regime in Cuba als undemokratisch kritisieren, glauben, daß es doch immerhin sozial sei.

Davon kann keine Rede sein. Es ist die Diktatur einer weißen Nomenklatura, die sich auf Kosten der immer mehr verarmenden, überwiegend schwarzen Bevölkerung ein schönes Leben macht. Wie jede Klassenherrschaft kann auch diese nur mit Gewalt aufrechterhalten werden. Cuba, dessen politische Polizei einst vom MfS ausgebildet wurde, ist heute einer der perfektesten Polizeistaaten der Welt. Eine rassistische Klassenherrschaft.

Ja, sehen das denn die schwarzen Abgeordneten nicht, die nach Cuba reisten und von Fidel Castro schwärmen? Nein, sie sehen es vermutlich nicht. So wenig, wie es viele deutsche Linke (und leider auch manche Liberale) sehen, die unfähig oder wohl eher nicht willens sind, die Realität wahrzunehmen.



Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Fidel Castro, aufgenommen 2009. Bildquelle: Presidencia Argentina; Copyright intern registiert als OTRS ticket 2007042610015988. Frei unter Creative Commons Attribution 2.0 License (Ausschnitt, bearbeitet). Der Artikel enthielt ursprünglich ein Zitat von Ernesto Guevara, das ich aber wieder herausgenommen habe, weil sich die Quelle nicht hinreichend verifizieren ließ. Mit Dank an Abraham.

6. Dezember 2008

Zitate des Tages: "Die Anwendung von Waffen richtig und notwendig". Hans-Christian Ströbele und das "mörderische Regime" eines linken Christdemokraten

Wenn immer wieder gesagt wird, gerade hier so in Debatten im Deutschen Bundestag, wir können uns doch Militäreinsätzen, auch Kriegseinsätzen im Ausland nicht verweigern, wir sind in der NATO, wir sind in der Völkergemeinschaft, wir sind in der Atlantischen Union und ähnlichen Dingen, dann sage ich immer, das war eigentlich so, wie ich mir es gewünscht habe, dass Deutschland eine Sonderrolle gespielt hat, aber eine besonders friedliche, dass gesagt wird, mit denen kann man keine Militäreinsätze und mit denen kann man keinen Krieg führen. Das ehrt doch ein Volk, wenn das einen solchen Ruf hat.

Der Abgeordnete der "Grünen" Hans-Christian Ströbele vorgestern im Deutschlandfunk in einem Interview mit Jochen Spengler

Also, ich bin kein Pazifist, dass muss ich immer gleich dazu sagen. (...) Mir hat man ja zum Beispiel in den 80er Jahren vorgeworfen, dass ich eine Geldsammlung für Waffen für das Volk in El Salvador unterstützt habe, wo es darum ging, dass das Volk sich gegen ein mörderisches Militär- Regime auflehnte und sich deswegen bewaffnet hat. Ich habe diese Sammlung für richtig gehalten, ich sehe durchaus in einzelnen Situationen, dass die Anwendung von Waffen richtig und notwendig ist.

Hans-Christian Ströbele im Januar 2004 in einem Interview mit Jakob Buhre und Daniel Khafif, publiziert im Internet- Portal Planet Interview.

Kommentar: Ich bin auf diese beiden Zitate gestoßen, als ich mir den Hintergrund für einen, so die "Süddeutsche Zeitung", "Sturm der Entrüstung" ansehen wollte, den Ströbele durch das vorgestrige Interview ausgelöst hat. Allerdings nicht mit der oben zitierten Äußerung zur deutschen Sonderrolle, sondern mit der Kundgabe seines "unwohlen Gefühls in der Magengegend" wegen des "Raushängens" von deutschen Fahnen bei der Fußball-WM.

Daß dem Abgeordneten Ströbele die Fahne, die seit 1848 das demokratische, freie Deutschland symbolisiert, Übelkeit bereitet, kann ich verstehen. Ich vermute, daß rote Fahnen bei ihm nicht diese viszerale Reaktion auslösen, sondern eher ein Gefühl der Ergriffenheit.

Fahnen sind eben nicht gleich Fahnen. Und Krieg ist nicht gleich Krieg. Wenn es darum geht, gemeinsam mit unseren Verbündeten gegen Terroristen und ihre Hintermänner vorzugehen, dann möchte Ströbele für Deutschland gern die "Sonderrolle" eines Landes, mit dem zusammen man "keinen Krieg führen" kann. Wenn hingegen Kommunisten einen Guerrilla- Krieg führen, dann findet Ströbele "die Anwendung von Waffen richtig und notwendig".

Natürlich nicht gegen sie, sondern durch sie.



Die Sache mit den "Waffen für El Salvador" verdient es, etwas genauer beleuchtet zu werden. Im April 2004 hat sich Hans- Christian Ströbele im "Tagesspiegel" an sie erinnert:
Die "taz"-Spendenaktion "Waffen für El Salvador" war vom ersten Tag an umstritten. Von den Kirchen über die Unis bis zur "taz"-Redaktion wurde heiß diskutiert: Geld für Waffen für den Befreiungskampf zu sammeln, ist das legitim, ethisch und politisch zu vertreten? Ich fand: ja. (...) Zur Geldübergabe flog immer einer von uns rüber, mit 200.000 Dollar in Plastiktüten. Die Commandantes von vier Guerillagruppen zählten Schein für Schein und quittierten per Unterschrift.
Gestartet wurde diese Aktion durch einen Aufruf in der "taz" im Dezember 1980.

Wie war damals die politische Situation in El Salvador? Am 15. Oktober 1979 war eine "Revolutionäre Regierungs- Junta" durch einen Putsch gegen den zuletzt dikatorisch regierenden Präsidenten Carlos Humberto Romero an die Macht gekommen. Diese Junta bestand - so kann man es in der Wikipedia lesen - aus "politically- liberal and -moderate military officers and civilians", aus politisch liberalen, gemäßigten Offizieren und Zivilisten.

"They were inspired by left- wing politics, and wanted to project a moderate image of government, initiating a program of land reform and nationalization of the banking, coffee, and sugar industries" - sie waren von linker Politik inspiriert und wollten das Bild einer gemäßigten Regierung vermitteln, indem sie ein Programm der Landreform und der Nationalisierung des Bankwesens, der Kaffee- und Zuckerindustrie einleiteten; so ein anderer Artikel in der Wikipedia.

So also sah das "mörderische Militär- Regime" aus, gegen das sich laut Ströbele "das Volk auflehnte".

Im Dezember 1980, als die "taz" unter wesentlicher Beteiligung Ströbeles mit der Aktion "Waffen für "El Salvador" begann, wurde José Napoléon Duarte Vorsitzender dieser links- reformerischen Junta. Er hatte als Jugendlicher 1944 an Protesten gegen den damaligen Diktator Hernández Martínez teilgenommen und deshalb in die USA fliehen müssen. Nach seiner Rückkehr gehörte er in El Salvador zu den Gründern der christlich- demokratischen Partei.

Von 1964 bis 1970 war Duarte Bürgermeister von San Salvador, wo er eine Politik der "Umverteilung des Reichtums" verfolgte; so die Wikipedia. 1970 kandidierte er für das Amt des Präsidenten, das er - wahrscheinlich aufgrund von Wahlfälschungen zugunsten seines rechten Gegenkandidaten Molina - nicht erlangte. 1972 versuchten linke Offiziere einen Putsch gegen Molina, in den Duarte angeblich verwickelt war. Er wurde verhaftet, gefoltert und zum Tode verurteilt. Aufgrund internationaler Proteste schob Molina ihn aber nach Venezuela ab.

Von dort aus war er in der internationalen christlich- demokratischen Bewegung tätig. Nach dem Putsch der "Revolutionären Regierungs- Junta" (JRG) 1979 kehrte Duarte nach El Salvador zurück, wurde zuerst Außenminister und dann Präsident; wie gesagt im selben Monat, in dem Ströbele die Aktion "Waffen für El Salvador" mit initiierte.

Über Duartes Zeit als Regierungschef schreibt die Wikipedia:
During his time at the head of the JRG, Duarte initiated land reform, nationalized certain industries such as sugar and denounced human rights violations by the military and the FMLN alike.

Während seiner Zeit als Führer der JRG startete Duarte eine Landreform, nationalisierte bestimmmte Industrien wie die Zucker- Industrie und verurteilte Verletzungen der Menschenrechte sowohl durch das Militär als auch durch die FMLN.
Die FMLN (Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacional) war eine kommunistische Guerrilla- Armee, die im Oktober 1980 aus einem Zusammenschluß verschiedener bewaffneter Gruppen hervorgegangen war; vermutlich unter tätiger Mithilfe Fidel Castros.

Diese FMLN führte während der achtziger Jahre, immer unterstützt durch Ströbeles Aktion "Waffen für El Salvador", einen blutigen Guerrilla- Krieg; und zwar gegen ein El Salvador, das zur Demokratie zurückgekehrt war. 1984 wurde Duarte, der Kandidat der demokratischen Linken, mit 53,6 Prozent der Stimmen gegen den Kandidaten der Rechten, Roberto D'Aubuisson, zum Präsidenten gewählt.

Die regelmäßigen Geld- Transfers aus Deutschland an die kommunistischen Aufständischen endeten erst 1992; da waren insgesamt 4.737.755 Mark und 10 Pfennige ausgezahlt worden.



Daß es, wie Ströbele behauptet, damals "darum ging, dass das Volk sich gegen ein mörderisches Militär- Regime auflehnte und sich deswegen bewaffnet hat", ist eine Geschichtsklitterung, um nicht zu sagen eine dreiste Lüge.

Dieser Guerrilla- Krieg wurde von Kommunisten gegen eine gemäßigt linke, ab 1984 auch demokratisch legitimierte Regierung geführt. Das gehörte zur Strategie Castros; denn diese Reformer waren, unterstützt von den USA, der gefährlichste Gegner des Kommunismus. Ihr Erfolg hätte den Kommunisten das Wasser abgegraben; deshalb wurden sie viel rücksichtsloser bekämpft als die rechten Diktatoren Lateinamerikas.

Es ging in diesen Auseinandersetzungen der achtziger Jahre den Kommunisten nicht darum, das Los der Armen zu verbessern; das versuchten vielmehr Politiker wie Duarte nach Kräften. Es ging darum, den Kommunismus von Cuba aus auf das mittelamerikanische Festland auszudehnen, als einen ersten Schritt zur Eroberung ganz Lateinamerikas.

Es war ein umfassender revolutionärer Krieg, der von Castro und seinen Verbündeten geführt wurde; El Salvador war nur einer der Schauplätze.

Für diesen Krieg hat Ströbele Geld gesammelt; jener Hans- Christian Ströbele, der heute im Kampf gegen den Terrorismus für Deutschland eine "Sonderrolle" wünscht.

Eine "besonders friedliche".



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23. Dezember 2007

Zitat des Tages: "Du warst brillant"

Te felicito por la seriedad y profundidad de tus palabras. Hablaste con claridad, precisión y brevedad. Me gustó el tono y la forma en que combinaste los datos escritos con reflexiones oportunas sobre los temas. (...) En síntesis, has estado brillante y no sólo en las palabras iniciales sino también durante la reunión.

("Ich beglückwünsche dich zum Ernst und zur Tiefe deiner Worte. Du sprachst mit Klarheit, Präzision und Folgerichtigkeit. Mir gefielen der Ton und die Form, in der du die schriftlichen Unterlagen mit treffenden Reflexionen über die Themen verbandest. (...) Kurzum, du warst brillant; und das nicht nur in den einführenden Worten, sondern während der gesamten Tagung".)

Fidel Castro an Hugo Chávez nach Abschluß einer Tagung der Erdöl- Organisation PETROCARIBE, in der Cuba, Venezuela und eine Reihe kleiner Inselstaaten der Karibik zusammengeschlossen sind. Am Ende der Tagung wurde eine erste Baustufe der Erdöl- Raffinerie Cienfuegos eingeweiht, die von Cuba und Venezuela gemeinsam gebaut und betrieben wird.

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19. Dezember 2007

Marginalie: Was steht wirklich in Castros Brief?

"Castro nimmt Abschied von der Macht", titelt die FAZ; und ähnlich lauteten gestern die Meldungen in nahezu allen Medien.

Diese Meldungen beziehen sich auf einen Brief, den Fidel Castro zur Verlesung in der montäglichen Talk- Show Mesa Redonda geschickt hat; einer Show, die auch von CubaVision übertragen wird und in der ich oft Castro als Gast seine Monologe habe halten sehen.

Was steht in diesem Brief? Geht man nach dem englischen Dienst der cubanischen Nachrichten- Agentur Prensa Latina, dann ist sein einziges Thema die Klimakonferenz von Bali. Unter der Überschrift "Fidel Castro Stresses Climate Change Accords" (Fidel Castro hebt die Vereinbarungen zum Klimawandel hervor) wird über Castros Sicht auf diese Konferenz berichtet:
The statesman emphasized that several heads of Third World governments fighting for their development met in that small Indonesian island to demand of the industrialized nations' delegates: equal treatment, financial resources and transference of technologies. (...)

Fidel Castro noted that after 12 days of vain persuasive efforts, US representative Paula Drobransky, sighing deeply, declared: "We join the agreement."

"It is obvious," the Cuban president said, "that the United States maneuvered to get around its isolation, although it absolutely did not change the empire's sinister intentions."

Der Staatsmann hob hervor, daß etliche Regierungs- Chefs der Dritten Welt, die für ihre Entwicklung kämpfen, sich auf dieser kleinen indonesischen Insel trafen, um von den Delegierten der industrialisierten Nationen dies zu verlangen: Gleichbehandlung, finanzielle Mittel und den Transfer von Technologien. (...)

Fidel Castro wies darauf hin, daß nach 12 Tagen vergeblicher Überzeugungs- Versuche die Vertreterin der USA, Paula Drobransky, mit einem tiefen Seufzer erklärte: "Wir treten der Vereinbarung bei".

"Es ist offensichtlich", sagte der cubanische Präsident, "daß die Vereinigten Staaten manövrierten, um aus ihrer Isolation herauszukommen. Aber das hat in keiner Weise die finsteren Absichten des Imperiums verändert".
Es ist schon interessant, wie unterschiedlich man eine solche Konferenz betrachten kann. Aus Castros Sicht stand dort nicht das Weltklima im Mittelpunkt, sondern die Forderungen der "Dritten Welt". Und die Botschaft seines Briefs war es, davor zu warnen, in dem Entgegenkommen der USA eine Änderung der "finsteren Absichten des Imperiums" zu sehen.

So weit also war das die xte Variante dessen, was alle Reden Castros beinhalten: Die gute "Dritte Welt" (so heißt das bei ihm immer noch) gegen den imperialistischen Satan USA. Sein Lebensthema, die Obsession dieses Mannes.



Ja, aber wie kommen denn die Agenturen dazu, etwas über "Castros Abschied" in diesen Brief hineinzulegen?

Man findet kein Wort davon im englischsprachigen Dienst von Prensa Latina. Aber der spanische Dienst druckt den Brief ungekürzt ab.

Der Vergleich zeigt, daß der englischsprachige Dienst den Text korrekt zusammengefaßt hat - allerdings nur knapp die ersten beiden Drittel.

Von den 13 Absätzen des Briefs befassen sich die ersten 8 mit diesem Thema. Es folgen zwei Absätze, in denen Castro, wie er es immer tut, noch einmal auf die USA losgeht.

Und dann die letzten drei Absätze mit einem neuen Thema:
Mi más profunda convicción es que las respuestas a los problemas actuales de la sociedad cubana (...) requieren más variantes de respuesta para cada problema concreto que las contenidas en un tablero de ajedrez. Ni un solo detalle se puede ignorar, y no se trata de un camino fácil, si es que la inteligencia del ser humano en una sociedad revolucionaria ha de prevalecer sobre sus instintos.

Mi deber elemental no es aferrarme a cargos, ni mucho menos obstruir el paso a personas más jóvenes, sino aportar experiencias e ideas cuyo modesto valor proviene de la época excepcional que me tocó vivir.

Pienso como Niemeyer que hay que ser consecuente hasta el final.

Es ist meine tiefste Überzeugung, daß die Antworten auf die gegenwärtigen Probleme der cubanischen Gesellschaft (...) mehr unterschiedliche Varianten für jedes konkrete Problem verlangen als diejenigen, die es auf einem Schachbrett gibt. Kein einziges Detail darf übersehen werden, und es handelt sich nicht um einen leichten Weg, wenn es so ist, daß die Intelligenz des menschlichen Seins in einer revolutionären Gesellschaft über seine Instinkte siegen muß.

Meine elementare Pflicht ist es nicht, an Lasten festzuhalten, und noch viel weniger, jüngeren Personen im Weg zu stehen, sondern Erfahrungen und Ideen beizutragen, deren bescheidener Wert sich von der außerordentlichen Epoche herleitet, die mein Leben ausmachte.

Ich glaube wie Niemeyer, daß man bis zum Ende konsequent sein muß.

Rechtfertigt das Schlagzeilen wie "Castro spricht von Rücktritt" ("Spiegel Online")?

Was an dem Brief, wenn man ihn zur Gänze liest, vor allem auffällt, das ist die Dichte der Fakten und Zahlen, die Castro - wie es seine Art ist - in diesem kurzen Text unterbringt.

Er will damit, wie immer, Kompetenz signalisieren. Er will seinen Untertanen zeigen, daß er alles durchschaut und alles im Griff hat. Das tut man nicht unbedingt in einem Brief, in dem man seinen Rücktritt ankündigt.

Im kommenden Jahr wird in Cuba der Präsident gewählt. Daß Castro dann noch einmal antritt, ist nie wahrscheinlich gewesen. Ein Rücktritt ist das nicht, wenn er als schwerkranker dann 82jähriger sich nicht mehr zur Wahl stellt.

Was der Brief wirklich zeigt, das ist Castros Entschlossenheit, auch über diesen Termin hinaus noch "bis zum Ende konsequent" zu sein. Sich also gerade nicht aufs Altenteil zurückzuziehen.

Wie er sich das vorstellt, das deutet er an, wenn er von "Jüngeren" spricht, denen er nicht im Weg stehen will. Sein Bruder Raul, der jetzt die Geschäfte führt, ist nicht viel jünger als er. Auch die sonstigen Machtpositionen im Partei- und Staatsapparat sind, wie in jeder kommunistischen Dikatur, mit Revolutionären besetzt, die mit der Revolution alt geworden sind, aber nicht von der Macht lassen können.

Wen also meint Castro mit "Jüngeren"?

Ich habe da eine Vermutung. Hugo Chávez, der im Oktober so durch Cuba reiste, als sei er bereits der Präsident einer Union aus Venezuela und Cuba, wird nächstes Jahr 54.

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