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17. August 2008

Kurioses, kurz kommentiert: "In der DDR ließ sich gut leben"

Miteinander verbündete Parteien und Organisationen entwickelten ein Konzept antifaschistisch- demokratischer Gesellschaftsgestaltung, die im sozialistischen Aufbauwerk der DDR mit Hilfe der Nationalen Front ihre Fortsetzung fand. Dieser Staat wurde dank der fleißigen, oft aufopfernden Arbeit seiner Bürger zu einem Land, in dem es sich gut leben und schaffen ließ.

Aus einer Stellungnahme eines "Berliner Alternativen Geschichtsforums", das sich "der GBM- Vorstand zu eigen gemacht hat". Bei dieser "Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde" (GBM) handelt es sich um eine Interessenvertretung der ehemaligen Nomenklatura der DDR.

Kommentar: Kurios ist nicht, daß die Ewiggestrigen die DDR so sehen, wie sie es als Ewiggestrige nun einmal tun. Kurios ist, daß diese Stellungnahme - sie stammt bereits vom 1. April dieses Jahres - nach wie vor über das Internetportal der Partei "Die Linke" angeboten wird. Zusammen mit anderen Texten, in denen die DDR unverhohlen verherrlicht wird, wie der "Spiegel" in seiner morgigen Ausgabe berichtet.

Es ist halt ein Spagat. Die Massenlinie soll die Kommunisten mit dem Etikett "Die Linke" als eine Partei darstellen, die in der Bundesrepublik Regierungsverantwortung übernehmen kann. Man darf aber auch nicht die Kaderlinie vernachlässigen; man muß ja auch den Kern der eigenen Truppe darüber aufklären, worum es dieser Partei wirklich geht, nämlich um einen erneuten Versuch, in Deutschland den Sozialismus aufzubauen.



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14. Juni 2008

Zitat des Tages: "Eine Geschichtsvergessenheit, die einem die Schamröte ins Gesicht treibt"

Auf der Bundesebene aber verhieße eine Koalition mit der Linken vermutlich nicht nur innen- und außenpolitische Konfusion, sondern sie zeugte auch von einer Geschichtsvergessenheit, die einem die Schamröte ins Gesicht treibt.

Alle reden von den zwei Diktaturen, die Deutschland im zwanzigsten Jahrhundert erlebt hat und aus denen wir für die Zukunft lernen müssen, und gleichzeitig werden wir darauf vorbereitet, uns von den Überbleibseln der zweiten Diktatur wieder regieren zu lassen.

Das sollte für jeden Demokraten unerträglich sein, nicht nur für die Ostdeutschen, schon gar nicht nur für die Häftlinge von Bautzen, die Wowereit als „individuelles Schicksal“ und damit politisch nicht relevant abtut, denen Gesine Schwan zwar ihren Respekt zollt, die sie aber nicht ernst nimmt.


Monika Maron in einem Kommentar in der FAZ, in dem sie begründet, warum sie sich ein Scheitern der Kandidatur von Gesine Schwan wünscht.

Kommentar: Ich habe dem nichts hinzuzufügen als die Bitte, den ganzen Artikel von Monika Maron zu lesen.

Und erinnern möchte ich daran, daß Monika Maron wissen dürfte, wovon sie redet. Sie wuchs in der Familie von Karl Maron auf, Innenminister der DDR von 1955 bis 1963. In den achtziger Jahren wurde sie im Westen durch ihren offenen Briefwechsel mit Josef von Westphalen in der "Zeit" bekannt, deren Redaktion ihr den Part der kritischen, aber loyalen DDR-Bürgerin zugedacht hatte.

Ich habe das damals auch so gesehen; und sie hatte ja auch gar keine andere Wahl, als sich in diesem Sinn zu äußern, wenn sie sich überhaupt äußern wollte. Aber zunehmend war in ihren Artikeln zu spüren, daß im Grunde sie viel kritischer dem Sozialismus gegenüber eingestellt war als ihr westlicher Briefpartner Westphalen. 1988 ist sie dann in den Westen "übergesiedelt".

Warum sind es wohl diejenigen, die wie Maron und Günter Schabowski die DDR-Nomenklatura von innen kennen, die warnen, daß die PDS, daß "Die Linke" noch immer die SED ist, die unverändert ihre alten Ziele verfolgt?



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12. Juni 2008

Zitat des Tages: "Mugabes Vorgehen war notwendig und verhältnismäßig"

... die relevante Frage ist nicht, ob man mit den Schlägen, die Morgan Tsvangirai auf den Kopf erhielt, zu weit gegangen ist, sondern ob das Verbot politischer Kundgebungen in Harare, gegen das die Opposition absichtlich verstieß, gerechtfertigt war. (...)

Einige Leute mögen die Methoden der Regierung mißbilligen, aber wenn man sich das Handeln und die Ziele der Opposition vor Augen hält – und was auf dem Spiel steht –, dann war das scharfe Vorgehen der Mugabe-Regierung sowohl notwendig als auch verhältnismäßig.


Stephen Gowans in der heutigen Ausgabe der kommunistischen "Jungen Welt" über die Lage in Simbabwe. Titel: "Kampf ums Land - Konterrevolutionäre Bestrebungen in Simbabwe".

Kommentar: Ich finde es immer wieder informativ, die "Junge Welt" zu lesen. Sie wendet sich an die kommunistischen Kader und nicht, wie das "Neue Deutschland", an die "Massen". In der JW kann man ausgesprochen lesen, was im ND nur zwischen den Zeilen steht.



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3. Juni 2008

Schwans Plan

Auf den ersten Blick erscheint es ungeschickt; nachgerade unfaßbar ungeschickt für eine Politologin, die sich, seit sie 1971 über Leszek Kolakowski promovierte, immer wieder mit dem Marxismus beschäftigt hat: Da will Gesine Schwan mit den Stimmen der Kommunisten, auf die sie dringend angewiesen sein wird, Bundespräsidentin werden - und, kaum zur Kandidatin gekürt, wütet sie verbal gegen diese Partei, wie es Günther Beckstein nicht besser könnte.

Einen "Demagogen" nennt sie im Gespräch mit "Spiegel"- Chefredakteur Mascolo und dem stellvertretenden Chef von dessen Hauptstadtbüro, Markus Feldenkirchen, den Großen Vorsitzenden Lafontaine (Seite 40 - 43 des aktuellen gedruckten "Spiegel" 23/2008). "Völlig unzureichend" sei die Programmatik dieser Partei, "diffus antikapitalistisch" oder "eine Art national beschränkter Sozialismus"; das "können wir nicht gebrauchen". "Verstaubte antiimperialistische Legenden" spinne die "Kommunistische Plattform" der Sahra Wagenknecht.

Macht man sich so Freunde bei den Kommunisten, gewinnt man denn mit solchen antikommunistischen Fanfarentönen Stimmen in der Bundesversammlung? Auf den ersten Blick scheint es, als säge die Professorin Schwan fröhlich an dem Ast, auf dem sie doch am 23. Mai 2009 Platz zu nehmen gedenkt.



Vielleicht ist sie nur ehrlich, wie es einer Wissenschaftlerin ziemt. Vielleicht hat sie aber auch einen Plan; einen Plan, der ihrer Kenntnis der Mentalität von Kommunisten entspringt, und einer realistischen Einschätzung der strategischen Situation.

Diese Situation sieht so aus, daß Schwan dann und nur dann eine gute Chance gegen Köhler hat, wenn sie erstens die Stimmen der Kommunisten gewinnt, ohne daß ihr zweitens durch dieses Bündnis zu viele Stimmen aus der rechten Sozialdemokratie verlorengehen, und wenn sie zugleich drittens, wie 2004, die eine oder andere Stimme aus dem, wie man so sagt, "bürgerlichen Lager" ergattern kann.

Den Zielen Nummer zwei und drei dient ihr jetziges Bekenntnis zum Antikommunismus - aber wird das nicht mehr als zunichte gemacht durch die Stimmen, die sie dadurch bei den Kommunisten verliert?

So wäre es, wenn die Kommunisten eine Partei wie jede andere wären. Sie sind aber so, wie die gelernte Expertin für Marxismus- Leninismus sie bestens kennen dürfte.

Kommunisten tun alles, wenn es sie der Macht einen Schritt näherbringt. Da zählen keine Sentimentalitäten; da wird nüchtern abgewogen und nicht aus dem Bauch heraus entschieden. Die Kommunisten wollen eine Volksfront- Regierung in Berlin als einen ersten Schritt zur Errichtung eines neuen Sozialismus. Die Wahl Gesine Schwans in einer Volksfront- Konstellation soll diese Koalition vorbereiten.

Also werden die Kommunisten Gesine Schwan wählen, zähneknirschend, die Zähne zusammengebissen. Eine Partei, die - in ihrer sowjetischen Sektion, aber unterstützt auch durch ihre deutsche - mit Hitler paktiert hat, als sie das für strategisch erforderlich hielt, wird doch nicht vor der Wahl einer Gesine Schwan zurückzucken, nur weil diese antikommunistische Töne spuckt.



Ja, aber kann denn die ausgewiesene Antikommunistin das wollen, daß die Kommunisten diesen für sie entscheidenden strategischen Sieg davontragen? Sie sieht das wohl anders.

Sie hat auf der Pressekonferenz, auf der Beck sie als Kandidatin vorstellte, mit etwas begonnen, das sie als Versuch einer Demontage von "Die Linke" ansehen dürfte. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen - nach dieser Maxime hat sie dort unterschieden zwischen erstens DDR-Nostalgikern in dieser Partei, sodann Sozialdemagogen und drittens denen, die eine "sozial engagierte, demokratische Politik betreiben wollen".

Diese dritte Gruppe möchte sie - vor allem bei den Wählern - der Partei "Die Linke" abspenstig machen, die Kommunismus- Expertin Schwan. Und damit die beiden anderen Gruppen in die Bedeutungslosigkeit drängen.

Das ist exakt das Rezept, mit dem in Frankreich François Mitterand die KPF, die einmal die stärkste Partei Frankreichs gewesen war, in den achtziger Jahren marginalisiert hat. "L'embrasser pour mieux l'étouffer" hat man das in Frankreich genannt - sie umarmen, um sie besser ersticken zu können.

Der Preis dafür war freilich ein sozialistische Regierungspolitik, an deren Folgen Frankreich noch heute leidet. Aber davon abgesehen - kann man dieses damalige Rezept überhaupt auf die heutige Situation in Deutschland übertragen?

Oskar Lafontaine hat in seiner Rede auf dem Cottbuser Parteitag darauf hingewiesen, daß die "Linke" "das erfolgreichste Parteiprojekt der letzten Jahrzehnte" sei, und das damit kontrastiert, daß es den kommunistischen und sozialistischen Parteien anderswo in Europa schlecht gehe ("... in Italien die Rifondazione Comunista nach der letzten Wahl nicht mehr im Parlament vertreten", in Spanien "die Izquierda Unida marginalisiert", in Frankreich "erlebte die KPF bei der Präsidentschafts- und bei den Parlamentswahlen verheerende Niederlagen". - Obwohl sie doch von Oskar Lafontaine höchstpersönlich unterstützt worden war, möchte man hinzufügen).

Warum ist "Die Linke" so viel erfolgreicher als diese anderen kommunistischen Parteien in Westeuropa? Die Antwort liegt auf der Hand: Weil sie nicht nur eine kommunistische Partei Westeuropas ist. Die umbenannte SED verfügt im Osten noch immer über die Infrastruktur, die gesellschaftliche Verankerung und andere Vorteile, die sie als die Partei erwerben konnte, die vierzig Jahre dikatorisch herrschte. Sie breitet sich jetzt in den Westen aus, so wie eine Amöbe ihre Pseudopodien ausstülpt. Aber verortet ist sie dort, wo sich die Masse ihres Protoplasmas befindet, die Amöbe.



Ich halte deshalb die Strategie Gesine Schwans für einigermaßen waghalsig. Eine Partei mit vierzig Jahren Machterfahrung wird sich nicht so umarmen und erdrücken lassen, wie das Mitterand mit der KPF machen konnte.

Ich fürchte, es sind Andere, die da umarmt und erdrückt werden könnten.



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30. Mai 2008

Marginalie: Robert Havemanns Verhältnis zu seinem Anwalt Gregor Gysi

Über Havemanns Verhältnis zu Gregor Gysi publizierte gestern ddp einen instruktiven, namentlich nicht gezeichneten Artikel.

Der Autor dieses Artikels vertritt eine ähnliche Position, wie ich sie kürzlich zu begründen versucht habe: Ob Gysi nun formal IM war oder nicht, ist von wenig Belang. Entscheidend ist, welche und wessen Interessen er vertreten hat.

Havemann hatte da laut dem Artikel keine Illusionen:
Der DDR-Bürgerrechtler und Systemkritiker Robert Havemann nahm sich Gregor Gysi 1979 zum Rechtsanwalt nach seiner Formel: Einem DDR-Anwalt, der sein Vertrauen verdiene, sei sein Mandat nicht zuzumuten, und einem Anwalt, dem das zuzumuten sei, dem könne er nicht vertrauen.

Damit war sein Verhältnis zu Gysi klar: Er wollte ihn in politischen Strafsachen einsetzen und ihn auch als Unterhändler im Umgang mit der Staatsmacht nutzen, wo er dies für geboten hielt. Seiner Frau Katja riet er laut deren Angaben jedoch, nichts mit Gysi zu besprechen, was den unmittelbaren Freundeskreis nicht verlassen sollte.

Havemann wusste wie kaum ein anderer DDR-Bürger, wie die DDR-Justiz funktionierte und welche Rolle ein Rechtsanwalt als Verteidiger in politischen Strafsachen spielte.
Der Artikel liest sich so, als sei er von jemandem geschrieben, der sich in den Interna der DDR bestens auskennt. Interessant - aber auch schade -, daß er namentlich nicht gezeichnet ist.



Und noch ein Zitat aus der Verteidigungsrede Gysis vor dem Bundestag:
Nennen Sie mir andere Abgeordnete des Bundestages, die sich für Robert Havemann so eingesetzt haben wie ich und die diesbezüglich so viel erreichten.
Ob Gysi sich der Doppeldeutigkeit der Formulierung "diesbezüglich so viel erreichten" bewußt war? Jedenfalls hat, laut Eintrag in eine Akte des MfS, der Genosse Honecker an den Rechtsanwalt Gysi die "Empfehlung übermitteln lassen, ein Vertrauensverhältnis zu Havemann herzustellen" und die "juristisch konsequente Verteidigung von Rechtsanwalt Gysi begrüßt".



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29. Mai 2008

Marginalie: Aus Vera Lengsfelds Bericht über ihre Erfahrungen mit dem Anwalt Gregor Gysi

In seiner gestrigen Rede im Bundestag rühmte sich Gregor Gysi dessen, was er für Robert Havemann und Rudolf Bahro getan habe. Beide können sich dazu nicht mehr äußern. Aber es gibt andere Klienten des Rechtsanwalts Gysi, die ihre Erfahrungen mit ihm schildern können und geschildert haben.

Zu ihnen gehört Vera Lengsfeld. Hier sind Auszüge aus ihrem Bericht (PDF). Frau Lengsfeld, damals Vera Wollenberger, war in Hohenschönhausen inhaftiert. Sie schildert u.a. ihre Entlassung und Ausreise in den Westen im Februar 1988:
Wie ich Gregor Gysi als Erfüllungsgehilfen der Stasi erlebte

(...) Wir wurden zu einem Gebäude am östlichen Stadtrand gebracht, das, wie ich später erfuhr, ein Gästehaus der Staatssicherheit war. Ich musste mit dem Bohley- Bearbeiter [einem Offizier des MfS] in einer Mischung von Wohn-. und Konferenzzimmer warten.

Nach einer Weile kam Gregor Gysi ins Zimmer. Nach der Begrüßung verließ er noch einmal den Raum und kam mit einem Tablett, auf dem eine Thermoskanne Kaffee und zwei Tassen standen, wieder. Gysi kannte sich offenbar in dem Haus aus und konnte, ohne jemanden fragen zu müssen, in der Küche Kaffee kochen. Ich fand das merkwürdig. (...)

Er [Gysi] wurde durch das Erscheinen von Rechtsanwalt Schnur und meinem Mann unterbrochen. Die beiden saßen kaum, da eröffnete Gysi die "Verhandlung", indem er uns miteilte, was ihm am Vormittag angeblich in der Generalstaatsanwaltschaft gesagt worden war: Eine Entlassung in die DDR käme für mich nicht in Betracht. Ich hätte am heutigen Montag allerdings letztmalig die Möglichkeit, mich für eine befristete Ausreise nach England zu entscheiden. (...)

Ich schrieb [Vera Lengsfelds Sohn] Philipp einen Brief und ließ mir von Gysi in die Hand versprechen, dass er ihn meinem Sohn sofort persönlich bringt. Gysi versichert wortreich, er werde gleich anschließend als Erstes zu Philipp fahren und ihm nicht nur den Brief geben, sondern auch mit ihm reden.

Ich traute Gysi zwar nicht, nahm aber an, dass ein Mann, dessen Sohn in etwa demselben Alter war wie meiner, so viel menschliches Mitgefühl aufbringt, um nicht zuzulassen, dass mein Sohn von der Ausreise seiner Mutter aus den Medien erfährt.

Aber genau das war der Fall. Gysi hat entgegen seinem Versprechen den Brief erst am nächsten Tag in den Briefkasten gesteckt. Mein Sohn erfuhr aus dem Radio, dass seine Mutter und seine Brüder bereits im Westen waren. (...)

Herrn Gysis Rolle bei meiner Abschiebung ist mehr als dubios. Er hatte weder von mir ein Mandat noch, wenn ich seinen Beteuerungen glauben kann, ein Mandat meines Mannes. Warum und in wessen Auftrag er an jenem Montag bei der Staatsanwaltschaft gewesen sein will, um sich nach dem Stand meiner Angelegenheiten zu erkundigen, darüber schweigt sich Gysi bis heute aus.

Als ich im 1990 als Volkskammerabgeordnete meine Rehabilitierung vor dem Obersten Gericht der DDR betrieb, bekam ich meine Prozessunterlagen zur Einsicht. Aus den Unterlagen geht hervor, dass mein Richter Wetzenstein- Ollenschläger schon am vorausgegangenen Sonnabend eine Entlassungs­anweisung für mich unterschrieben hatte. Die Staatanwaltschaft kann also Gysi nicht mitgeteilt haben, dass meine Entlassung außerhalb jeder Diskussion sei.

Klar ist jedenfalls, dass es einen Maßnahmeplan der Staatssicherheit gab, die inhaftierten Bürgerrechtler aus dem Lande zu entfernen. (...)

Als ich meine Gerichtsakten eingesehen hatte, rief ich Gysi an. (...) Er gab sich überrascht und empört. Dass man ihn bei der Staatsanwaltschaft belügen könnte, darauf wäre er niemals gekommen.


Dies sind stark gekürzte Auszüge; Erläuterungen in eckigen Klammern von mir. Ich empfehle die Lektüre des gesamten Berichts von Frau Lengsfeld; siehe auch deren kürzlichen Beitrag zum Thema in der "Achse des Guten".

Da bei Äußerungen über die Tätigkeit des Rechtsanwalts Dr. Gregor Gysi in der DDR bekanntlich Vorsicht geboten ist (das ZDF konnte das gestern wieder einmal erleben), weise ich darauf hin, daß ich den Bericht von Frau Lengsfeld dokumentiere, ohne mir seinen Inhalt zu eigen zu machen.



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3. Mai 2008

Marginalie: Rutsch, rutsch in die Volksfront

Wenn die nach den Bundestagswahlen 2009 angestrebte Volksfront aus SPD, den Grünen und "Die Linke" realisiert werden und Bestand haben soll, dann müssen schon jetzt innerhalb dieser Parteien die Weichen gestellt werden. Hindernissen müssen weggeräumt, Gegner der Volksfront isoliert, die Parteien müssen auf Kurs getrimmt werden.

Es ist interessant, zu beobachten, mit welcher Zielstrebigkeit das gegenwärtig in allen drei Parteien von denen betrieben wird, die diese Volksfront- Regierung wollen.

In "Die Linke" ist das größte Problem deren bisherige israelfeindliche Position, die es Gegnern der Volksfront in der SPD leicht macht, die Kommunisten als aus außenpolitischen Gründen nicht regierungsfähig abzuqualifizieren. Folglich ist der Volksfront- Stratege und vermutliche Außenminister einer Volksfront Gregor Gysi dabei, der Partei eine neue Linie in Bezug auf Israel zu verordnen.

Bei den Grünen wurde der Marktwirtschaftler Oswald Metzger von der Koalition von Linken und Karrieristen, die für die Volksfront eintritt, aus der Partei gemobbt (Renate Künast im November im Vorfeld des Nürnberger Parteitags der Grünen, als Metzger noch ihr Parteifreund war: "arroganter Bildungsbürger"; "Wenn er will, soll er doch gehen." Ströbele zum gleichen Zeitpunkt: "Er schürt Vorurteile"). Wie vor diesem Parteitag die Signale auf Volksfront gestellt wurden, ist hier nachzulesen.

Mit der Entscheidung für Künast und Trittin als Spitzenkandidaten waren dann endgültig die Würfel für die Volksfront gefallen. "Die Linkspartei ist uns näher als die FDP" betitelte die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" am 9. März ein Interview mit den beiden frisch gekürten Spitzenkandidaten.



Bleibt die SPD. Mit seinem tollpatschigen Versuch, via eine Volksfront- Regierung in Hessen die Weichen für die Volksfront in Berlin zu stellen, ist Beck auf die Nase gefallen. Jetzt wird erst einmal die Partei auf Linie gebracht.

"SPD-Abgeordnete fordern Linksrutsch" betitelt der "Spiegel" eine Vorabmeldung, in der es heißt: "Mit einer Reihe von Forderungen wollen sich die SPD-Linken in den kommenden Monaten dafür einsetzen, dass der beim Hamburger Parteitag beschlossene Linksschwenk der Partei fortgesetzt wird. Intern läuft die Aktion unter dem Kennwort 'Hamburg Plus'."

Der Hamburger Parteitag Ende Oktober 2007 war bekanntlich für die SPD das gewesen, was dann einen Monat später der Parteitag der Grünen in Nürnberg wurde: Der Sieg der Linken; die Entscheidung, nach 2009 die Große Koalition nicht fortzusetzen; die Weichenstellung für die Volksfront, die der SPD-Altdenker Erhard Eppler schon Anfang 2007 ins Spiel gebracht hatte.



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22. April 2008

Zitat des Tages: Der "Stolz der Paraguayer". Über die parteiliche Berichterstattung der ARD. Und wie ist die Wahl wirklich ausgegangen?

Bisher konnten die Paraguayer nur stolz auf ihre Fußball- Nationalmannschaft sein. Das hat sich heute Nacht geändert.

Die ARD-"Tagesthemen" gestern in einem Korrespondenten- Bericht über den Sieg des Kandidaten der Linken Fernando Lugo bei den Präsidentschaftswahlen in Paraguay.

Kommentar: Wie fast durchgängig bei solchen Ereignissen kann von einer sachlichen Berichterstattung der ARD keine Rede sein. Man kennt das Muster: Der Sieg eines linken Kandidaten oder einer linken Partei wird, wie jetzt, als ein positives Ereignis gemeldet. Ein rechter Wahlsieg, wie vorletzten Montag der Berlusconis, wird hingegen in einem negativen Kontext dargestellt.

Dies nicht in Kommentaren, wo es ja in Ordnung ist, daß der Journalist mitteilt, ob er die eine oder die andere Partei, diesen oder jenen Kandidaten besser findet. Sondern in der Berichterstattung.

Wie parteilich die Berichterstattung in der ARD (und oft auch im ZDF) ist, kann man erst richtig ermessen, wenn man sie mit den Nachrichten in seriösen Sendern wie CNN, BBC World, Al Jazeera English vergleicht. Undenkbar, daß dort im Bericht eines Reporters ein Satz wie der zitierte vorkommt.



Was nun den Sachverhalt angeht, auf den nach der ARD- Berichterstattung die Bewohner Paraguays stolz sein können, so sollte man ihn vielleicht erst einmal zur Kenntnis nehmen. Wie sind die Wahlen denn überhaupt ausgegangen?

Zu diesen Wahlen traten sieben Kandidaten an, darunter diese vier der großen Parteien oder Bündnisse:
  • Fernando Armindo Lugo Méndez, der Kandidat eines Bündnisses aus den folgenden kommunistischen, sozialistischen, linkskatholischen und revolutionären Parteien und Bewegungen:
    * Alianza Patriótica para el Cambio
    * Alianza Democrática Tricolor
    * Alianza Patriótica Socialista
    * Partido Revolucionario Febrerista
    * Partido Liberal Radical Auténtico
    * Partido Demócrata Cristiano
    * Partido Comunista Paraguayo
    * Partido País Solidario
    * Partido Encuentro Nacional
    * Partido Demócrata Progresista
    * Partido Convergencia Popular Socialista
    * Partido de Unidad Popular
    * Partido Frente Amplio de Paraguay
    * Partido Socialista Paraguayo
    * Partido del Movimiento al Socialismo
    * Partido Social Demócrata
    * Bloque Social y Popular
    * Movimiento Popular Tekojoja
    * Movimiento Resistencia Ciudadana
    * Movimiento Acuerdo Ecológico
    * Movimiento Fuerza Republicana
  • Lino César Oviedo Silva, ein rechtskonservativer Politiker und Berufssoldat, war seit 1993 Chef der Streitkräfte Paraguays und gehörte (siehe unten) der Partei der Colorados an. Als der damalige Präsident Juan Carlos Wasmosy ihm 1996 seine Entlassung mitteilte, soll er sich zunächst geweigert und einen Staatsstreich angedroht haben.

    Er kandidierte 1998 für die Präsidentschaft, wurde aber während des Wahlkampfs, in dem er in Führung lag, unter der Beschuldigung dieses angeblich versuchten Staatsstreichs verhaftet und zu zehn Jahren Haft verurteilt. Der danach gewählte Präsident Raúl Cubas hob das Urteil auf. Nach dem Rücktritt von Cubas flüchtete Oviedo nach Argentinien und dann Brasilien. 2004 kehrte er nach Paraguay zurück und betrieb die Aufhebung des Urteils

    2007 wurde das Urteil vom Obersten Gericht anulliert, nachdem Zeugen die Unschuld von Oviedo bezeugt hatten. Er kandidierte jetzt für die konservative Unión Nacional de Ciudadanos Éticos, deren Vorsitzender er seit 1996 ist.

  • Blanca Margarita Ovelar de Duarte war bisher Kultusministerin und kandidierte für die rechtsbürgerliche Partido Colorado, die unter dem bisherigen Präsidenten Nicanor Duarte Frutos einen sozialdemokratischen Kurs eingeschlagen hatte, mit guten Kontakten zu den links regieten Staaten Lateinamerikas. Frau Ovelar gehört demselben Flügel ihrer Partei an und hatte in den Vorwahlen nur knapp (45,04 Prozent zu 44,50 Prozent) gegen den anderen Kandidaten, Luis Castiglioni, die Kandidatur geschafft

  • Pedro Nicolás Maráa Fadul Niella ist ein christlich- liberaler Ökonom, zeitweise Vorsitzender eines Unternehmerverbands, der bei den Wahlen 2003 für seine Partei Patria Querida angetreten war und über 20 Prozent erreicht hatte.
  • Und wie haben diese vier Kandidat - Lugo für ein kommunistisch- sozialistisch- linkschristliches Bündnis, der rechtskonservative Oviedo, die bürgerlich- sozialdemokratische Blanca Ovelar und der christlich- liberale Fadul - nun abgeschnitten?

    Lugo erhielt 40,82 Prozent, Oviedo 21,98 Prozent, Ovelar 30,72 Prozent und Fadul 2,37 Prozent.

    Das kommunistisch- sozialistische Lager bekam mit Lugo somit 40,82 Prozent, das bürgerliche Lager zusammen 55,07 Prozent. Der ehemalige Colorado Oviedo und die jetzige Kandidatin der Colorados erreichten zusammen die absolute Mehrheit von 52,7 Prozent.

    Nicht wahr, ein linker Sieg sieht anders aus?

    Gäbe es in Paraguay eine Stichwahl, dann würde mit großer Wahrscheinlichkeit Blanca Ovelar sie gewinnen. Aber gewählt ist dort, wer die relative Mehrheit erreicht, und das ist dank der Spaltung des rechtsbürgerlich- konservativen Lagers Lugo.

    Er ist damit in einer ähnlichen Situation wie einst Salvador Allende, der bei den Präsidentschaftswahlen 1970 noch etwas weniger Stimmen bekommen hatte (36,2 Prozent).



    Lugo wird jetzt vor der Entscheidung stehen, ob er gegen die Mehrheit der Wähler eine sozialistische Umgestaltung des Landes versucht, wie sie damals Allende betrieben hatte und wie sie jetzt in Venezuela Chávez betreibt.

    Die kommunistischen und revolutionären Kräfte in seinem Bündnis werden ihn dazu drängen. Ob dieser Mann, der bis zu seiner Suspendierung 2007 als Bischof der Diözese San Pedro amtierte und der noch nie ein politisches Amt innehatte, ihren Pressionen und politischen Winkelzügen gewachsen sein wird, bleibt abzuwarten.

    Gibt er ihnen nach, dann dürfte das, was auf die Paraguayer zukommt, wohl weniger zu Stolz Anlaß geben, als zu Angst und Schrecken.



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    14. April 2008

    Zitat des Tages: "Impulse" von den Kommunisten

    Die gegenwärtige deutsche Diskussion um die Linkspartei ist mehr als verkrampft. (...) Eine offene pluralistische Gesellschaft sollte auf die Repräsentation linker Antworten auf politische Grundfragen nicht verzichten, so Sloterdijk und Safranski.

    Dies umso weniger, als vom politischen Mainstream der Mitte offensichtlich nicht genügend Impulse ausgehen für ein gründliches Nachdenken - über die Bewahrung des Sozialstaates in einer globalisierten Welt, über Grundrechtsschutz im Zeitalter der Informationstechnologie, über Integration und die geopolitische Verantwortung Deutschlands.


    Aus dem Informationstext des ZDF zu der gestrigen Ausgabe von "Das philosophische Quartett".

    Kommentar: Wenn ich diese Passage richtig verstehe - sie stammt, das sei zu deren Ehrenrettung gesagt, nicht von Sloterdijk und Safranski, sondern von den beiden Redakteuren Thomas Schröder und Werner von Bergen -, dann besagt sie:
  • Beim "gründlichen Nachdenken" über die Grundrechte können wir "Impulse" von den Kommunisten brauchen.

  • Beim "gründlichen Nachdenken" über Integration können wir "Impulse" von den Kommunisten brauchen.
  • Wie denken sich Schröder und von Bergen diese "Impulse"?
  • Sollen wir von Lothar Bisky und Gregor Gysi lernen, die als hohe Funktionäre der DDR dafür ja mit verantwortlich waren, wie man Menschen die Grundrechte verweigert?

  • Sollen wir von ihnen lernen, wie man jede Integration von "Vertragsarbeitern" unterbindet; mit dem Resultat, daß noch heute viele Menschen in der DDR Probleme mit der Integration von Einwanderern haben?
  • Nichts gegen Impulse; die können wir immer gebrauchen. Aber wenn es um die Gestaltung unseres demokratischen Staats geht, den sie erbittert bekämpft haben, solange sie die Macht dazu hatten, dann würde ich doch gern auf die Impulse von Kommunisten verzichten.

    Der "Impuls" könnte sonst leicht so ausfallen, daß er uns nicht voran befördert, sondern zurück in die Unfreiheit.



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    5. März 2008

    Wer sind die sechs Abgeordneten der "Linken" im Hessischen Landtag? (Mit vielen Links)

    Wer sind die sechs Abgeordneten des Hessischen Landtags, auf deren Stimmen künftig - wenn es so läuft, wie die SPD und Frau Ypsilanti es sich wünschen - die Hessische Landesregierung angewiesen sein wird? Gehen wir die Offizielle Liste der in den Hessischen Landtag Gewählten einmal durch. Sehen wir uns einmal an, was der berufliche und was der politische Hintergrund dieser glorreichen Sechs ist:
  • Barbara Cárdenas Alfonso ist die Verfasserin von "Pfiffigundes Sprachwelt". In ihrem Lebenslauf bezeichnet sie sich als "Diplom Pädagogin, Diplom Psychologin und Buch Autorin" (so geschrieben). Politisch ist sie bisher nur als Mitglied der Dietzenbacher Liste hervorgetreten, einer kommunalen Vereinigung, die in ihrem "Über uns" schreibt: "Unser Schwerpunkt lag zu Beginn vor allem bei der Vertretung der Interessen der Migranten". Von den Kandidaten der Dietzbacher Liste sind in der Tat ungefähr die Hälfte Personen mit ausländischem Namen.

    Dem Stadtparlament von Dietzenbach gehörte oder gehört Frau Cárdenas Alfonso nicht an. Soweit man es öffentlich zugänglichen Informationen entnehmen kann, hat sie weder parteipolitische noch parlamentarische Erfahrung.

  • Hermann Schaus ist von Beruf hauptamtlicher Gewerkschaftsfunktionär (gegenwärtig arbeitet er als Grundsatzreferent und Landespressesprecher von ver.di Hessen) mit der typischen WASG-Karriere: Seit 1972 in der SPD, aus der er 1993 austrat, u.a. weil die SPD dem Asylkompromiß zugestimmt hatte; 2004 Gründungsmitglied der WASG und durch die Vereinigung mit der PDS in "Die Linke" gekommen. Einen ausführlichen Lebenslauf findet man hier.

  • Marjana Schott ist eine gelernte Buchhändlerin und Sozialpädagogin mit einem bewegten linksextremem Leben. Darüber gibt - im Inhalt wie auch in der Aufmachung sehr eindrucksvoll - ihre WebSite Auskunft: "... Protest gegen die Atomkraftwerke, Tschernobyl, gegen Kriege, die Ostermärsche, die Mai- Demonstrationen, für Frauenrechte, gegen Privatisierung, gegen Hartz IV und all die anderen Abwehrkämpfe". Das ganze Programm, würde Dittsche sagen.

    Einzelheiten über Frau Schotts Tätigkeiten und Interessen kann man hier lesen; besonders beeindruckt hat mich ein "Selbststudium der Psychoanalyse", dem sie sich 1995 bis 1997 widmete. 2002 trat sie in die PDS ein und war von 2005 bis 2007 deren stellvertretende Landesvorsitzende. Ihr politisches Glaubensbekenntnis kann man heute in der "Welt" lesen.

  • Dr. Ulrich Wilken bezeichnet sich als "Freiberuflichen Arbeitswissenschaftler". Er weist eine ähnlich bunte Vita auf wie Marjana Schott; man guckt sich das am besten in seinem Lebenslauf an.

    Ein Hans Dampf in allen Gassen. Mitglied der "Demokratischen Sozialisten", einer linken Abspaltung von der SPD in den achtziger Jahren; Generalsekretär der deutschen Sektion der "Christen für den Sozialismus". 2000 Eintritt in die PDS. Seit 2003 Landesvorsitzender. Motorradfahrer "von Moto Guzzi California in Europa bis Harley Davidson Road King in Australien und Neuseeland", so seine Auskunft. Rockmusik auch; da hätte ja sonst auch etwas gefehlt.

  • Janine Wissler ist Studentin der Politikwissenschaft in Frankfurt. Sie kommt aus der linksextremen (trotzkistischen) Organisation Linksruck und outet sich auf ihrer Seite bei "Die Linke" als "Unterstützerin des marxistischen Netzwerks marx21", das die Nachfolge- Organisation von "Linksruck" ist.

    Auf der WebSite dieser Organisation findet man von Wissler, Hermann Schaus (s.o.) und Volkhard Mosler, Mitglied im Kreisvorstand der Frankfurter "Die Linke", eine strategische Analyse der Lage nach den Wahlen, in der es heißt: "Eine linke Parlamentsfraktion muss sich daran messen, ob sie der Mobilisierung außerparlamentarischer Kämpfe, des Klassenkampfs von unten gegen den Klassenkampf von oben, nutzt. (...) Wirkliche Sozialreformen, die den Namen verdienten, gab es nie ohne große gesellschaftliche Bewegungen und Kämpfe, ohne eine nachhaltige Veränderung der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse zugunsten der Arbeitnehmer." Titel dieser Analyse: "Den außerparlamentarischen Widerstand stärken"

  • Willi van Ooyen, Jahrgang 1947, ist gelernter Elektro- Installateur, hat auf dem Zweiten Bildungsweg das Abitur gemacht und 1976 das Studium der Pädagogik abgeschlossen.

    Seine Biographie ist typisch für Politiker seiner Generation links von der SPD: Ostermärsche, Sprecher der "Bundeszentrale der Selbstorganisation der Zivildienstleistenden". Verantwortlich für verschiedene Aktionen (Vietnam, Chile, gegen Berufsverbote). Funktionär bei der kommunistisch gesteuerten "Deutschen Friedensunion"; zeitweilig deren hauptamtlicher Bundesgeschäftsführer.

    Und Organisator, Organisator, Organisator - von Ostermärschen, des "Krefelder Appells", von "Konferenzen gegen Berufsverbote" und so weiter und so fort. Aus seiner Selbstauskunft: "In den letzten Monaten: Mitarbeit in der Koordination der Anti-G-8 – Proteste, der Sommeruniversität der Friedensbewegung (19. – 21. Juli 2007 in Oberhof), Vorbereitung der Kampagne für den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan (am 15. September 2007 in Berlin) und der Vorbereitung des 2. Sozialforums vom 18. – 21. Oktober 2007 in Cottbus."


  • Das sind sie, die glorreichen Sechs, von denen sich Andrea Ypsilanti gern mitwählen lassen möchte und auf deren Mitarbeit danach ihre Minderheitsregierung angewiesen sein wird.

    Niemand aus der DKP. Kein Apparatschik. Eine Frau ohne politische Erfahrung (Cárdenas Alfonso), eine Trotzkistin (Wissler), eine Veteranin linker Demos (Schott). Ein linker Gewerkschafts- Funktionär (Schaus), ein Funktionär von Organisationen aus dem Umfeld der alten, oft DKP- nahen extremen Linken (van Ooyen). Und ein Altlinker, schon in den achtziger Jahren bei einer von der SPD abgespaltenen Links- Sekte gelandet (Wilken).

    Muß man vor dieser Stichprobe aus "Gysis bunter Truppe" Angst haben?

    Nein, die proletarische Revolution würden sie nicht hinbekommen. Statt sich zwecks Besetzung eines Bahnhofs eine Bahnsteig- Karte zu kaufen, würden sie vermutlich erst einmal diskutieren, ob das politisch richtig ist und wenn ja, ob es einem Mann oder einer Frau aufgetragen werden soll. Und wer das Protokoll schreibt.

    Aber es sind - soweit die Biographien das erkennen lassen - allesamt überzeugte Linke; alle weit links von der SPD stehend. Es sind Menschen, die bis zum Auftreten von "Die Linke" niemals die Chance gehabt hätten, ihre politischen, mit ihren Biographien verwobenen Ideen auf der Ebene eines Landesparlaments zu vertreten.

    Sie gehörten bisher alle in diesen breiten, bestens vernetzten Bereich der "linken Basisarbeit"; gehörten dorthin, wo sich alles trifft und gegenseitig hilft, was für den Sozialismus eintritt, was immer jeder darunter auch verstehen mag. Sie hatten bisher keinen "parlamentarischen Arm"; sie konnten nicht wirklich auf die poltischen Entscheidungen Einfluß nehmen.



    Jetzt können sie es. Und sie werden es tun. Ypsilanti ist, von ihnen erst einmal mitgewählt, ihre Gefangene. Denn die CDU und die FDP wären mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn sie dieser Frau, die so eklatant ihr Wort gebrochen hat, durch Zustimmung zu Gesetzen oder zum Haushalt aus der Klemme helfen würden.

    Sie wird sich, wenn sie denn gewählt wird, in diese Klemme begeben haben, in die Abhängigkeit von diesen Sozialisten. Und die glorreichen Sechs in der Fraktion der "Linken" werden das machen können, warum sie vermutlich nie geträumt haben: Statt in ihren Gruppen und Organisationen zu wirken, richtige große Politik zu machen.

    Vielleicht sogar sehr große; denn im Bundesrat wird das Land Hessen ja auch nicht anders abstimmen können, als diejenigen Parteien es wollen, von denen die Existenz der Regierung abhängt.

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    20. Dezember 2007

    Zitat des Tages: Wolfgang Clement über den Zustand der SPD

    Was ich wahrnehme ist: Die Union folgt der SPD und die wiederum ist sehr fixiert darauf, was diese Lafontaine- und Gysi-Truppe macht. Deren Inhalte haben aber mit sozialdemokratischer Politik nichts zu tun. Das sozialdemokratische Thema heute ist Bildung, Wissenschaft, Qualifikation.

    Wolfgang Clement, ehemaliger Stellvertretender Vorsitzender der SPD, in einem Interview mit der SZ. Ich empfehle die Lektüre des Interviews bis zum Ende; nämlich bis zu dem, was Clement über eine mögliche Koalition der SPD mit den Kommunisten sagt.

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    3. September 2007

    Randbemerkung: Lafontaine in Cuba - "Relaciones de amistad y colaboración"

    Wer die Front wechselt, der tut gut daran, sich deutlich auf die Seite zu stellen, die nun die seine geworden ist. Man liebt den Verrat, den Verräter nicht immer. Also müssen sie sich bewähren, die Überläufer.

    Solch ein Überläufer ist Oskar Lafontaine. Man könnte ihn einen Quisling nennen; freilich ist das Wort ein wenig in Vergessenheit geraten. Jedenfalls ist er, wie einst Otto Grotewohl, ein ehemaliger Sozialdemokrat, der nun in einer kommunistischen Partei ist.

    Dort muß er sich bewähren. Und es scheint, daß er sozusagen zur Frontbewährung geschickt wird; oder sich vielleicht auch freiwillig dorthin gemeldet hat.



    Die jetzt mal wieder umgetaufte PDS hat den Kontakt zu den anderen kommunistischen Parteien immer sehr intensiv gepflegt.

    Sie ist mit den Kommunistischen Parteien Europas (u.a. der Kommunistischen Partei Österreichs, der Kommunistischen Partei Frankreichs, der Kommunistischen Partei Ungarns, der italienischen Rifondazione Comunista, der Kommunistischen Partei Spaniens) nicht nur verbündet, sondern diese kommunistischen Parteien der einzelnen europäischen Länder haben sich sogar mit anderen zu einer gemeinsamen europäischen Partei zusammengeschlossen.

    Welchen Spitzenmann beauftragen nun die deutschen Kommunisten mit der Pflege der Kontakte zu anderen Kommunistischen Parteien? Lothar Bisky? Der scheint eher für die Glückwünsche zum Beispiel für Italiens Kommunisten zuständig zu sein, wenn diese bei Wahlen gut abgeschnitten haben.

    An die Front aber schicken die deutschen Kommunisten, so scheint es, ihren Jung- Genossen Oskar.

    Im letzten französischen Präsidentschafts- Wahlkampf war er es, der nach Frankreich entsandt wurde, um der kommunistischen Kandidatin Buffet zu helfen. Und vergangene Woche war es wieder nicht Bisky, sondern Lafontaine, der nach Cuba reiste.



    Sehr viel ist hier in Deutschland über diesen Besuch nicht berichtet worden. Um Genauerers zu erfahren, habe ich mich deshalb bei der staatlichen cubanischen Nachrichtenagentur, der "Prensa Latina" umgesehen. Dort lesen wir über den Besuch Lafontaines (Auszüge; Übersetzung von mir):
    Dirigente de izquierda alemán desaprueba amenazas de EE.UU. a Cuba

    La Habana, 30 ago (PL) El copresidente del partido La Izquierda de Alemania, Oskar Lafontaine, apuntó hoy aquí que su visita a Cuba es un gesto de solidaridad, y se mostró preocupado por el enfrentamiento de Estados Unidos con la isla.

    Como partido de izquierda seguimos el recursar de las amenazas de Estados Unidos a Cuba, manifestó el político alemán, durante un encuentro con el miembro del Buró Político del Comité Central del Partido Comunista de Cuba (PCC) José Ramón Machado. (...)

    Por su parte, Machado (...) aprecia el gesto solidario de los izquierdistas germanos, y consideró que la visita contribuirá a estrechar más las relaciones de amistad y colaboración que existen entre ambos partidos.

    Führer der deutschen Linken verurteilt Drohungen der USA gegen Cuba

    Havanna, 30. August (PL) Der Ko-Vorsitzende der deutschen Partei "Die Linke", Oskar Lafontaine, hob heute hervor, daß sein Besuch in Cuba eine Geste der Solidarität sei und zeigte sich besorgt über die Vorstöße der Vereinigten Staaten gegen die Insel.

    Während eines Zusammentreffens mit dem Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Cubas (PCC), José Ramón Machado, brachte der deutsche Politiker zum Ausdruck, daß auch die Partei "Die Linke" die Drohungen durch die Vereinigten Staaten gegen Cuba zurückweist. (...)

    Machado seinerseits (...) lobte die solidarische Geste der deutschen Linken und brachte zum Ausdruck, daß der Besuch dazu beitragen werde, die freundschaftlichen Beziehungen und die Zusammenarbeit zwischen den beiden Parteien auszuweiten. (...)
    Lafontaines Besuch und seine Äußerungen in Cuba sind in Deutschland auf heftige Kritik gestoßen. Mir scheint, diese Kritik (hauptsächlich Lafontaines Äußerungen zu den Menschenrechten in Cuba betreffend) geht an der Sache vorbei.

    Ein Führer einer Kommunistischen Partei macht einen "Arbeitsbesuch" bei einem Führer einer befreundeten Kommunistischen Partei. Ja, was soll man da denn anderes erwarten als "Solidarität", als "Relaciones de amistad y colaboración"?

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    18. Juni 2007

    Marginalie: In Deutschland hat die Volksfront eine strukturelle Mehrheit

    Immer wieder einmal ist hier im Blog zu lesen, daß im wiedervereinigten Deutschland eine Volksfront aus Sozialdemokraten, Kommunisten und Grünen eine strukturelle Mehrheit hat und daß es in der Logik der politischen Entwicklung liegt, daß sich das auch in eine Volksfront- Regierung umsetzt.

    So, wie in der alten Bundesrepublik eine "bürgerliche" strukturelle Mehrheit existierte, so ist seit der Wiedervereinigung die strukturelle Mehrheit an die Volksfront übergegangen.

    Das heißt, dort liegt jeweils unter normalen Bedingungen die Mehrheit. Nur in Ausnahme- Situationen kann sie auf die andere Seite übergehen.



    Die SPD hat keine bessere Chance, ihre Politik durchzusetzen, als die Koalition mit den Kommunisten und den Grünen. Mit der CDU wird sie Junior- Partner sein. In einer Ampel- Koalition (falls sie denn die FDP dazu bekommt) wird sie sich mit Neoliberalen herumschlagen müssen.

    Also wird sie die Volksfront anstreben. Offen ist nur, ob schon 2009 oder erst eine Wahl danach.

    Das ist eine Frage des, sagen wir, Polsters. Nicht alle Grünen - vor allem aus dem Bündnis 90 - werden den Kommunisten zurück an die Macht verhelfen wollen. Möglicherweise gibt es auch bei den Sozialdemokraten noch einige, die sich an Kurt Schumacher erinnern und die noch wissen, daß Kommunisten Feinde des demokratischen Rechtsstaats sind.



    Argumente gegen diese Analyse, die hier im Blog zu lesen waren und die ich anderswo lese:

    Erstens traut man das der SPD nicht zu, ihre demokratische Tradition über Bord zu werfen und den Kommunisten zurück an die Macht zu verhelfen.

    Zweitens werden Zweifel daran geäußert, daß die PDS überhaupt eine Kommunistische Partei ist.

    Was den zweiten Punkt angeht, bitte ich hier und hier in diesem Blog nachzulesen.

    Was den ersten Punkt betrifft, bitte ich im "Spiegel" dieser Woche den Artikel von Stefan Berg und Mitautoren auf Seite 40 zu lesen.