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13. Dezember 2007

Das Unbehagen in der Kultur

Einer Zivilisation oder, wie man im Deutschen lieber sagt, einer Kultur anzugehören bedeutet, daß man bestimmte Selbstverständlichkeiten des Verhaltens kennt und es akzeptiert, sich nach ihnen zu richten.

Beim Essen schmatzt man nicht. Der Herr geht links von der der Dame. Wenn man den Nobelpreis überreicht bekommt, trägt man Frack und Schleife.

Bevor man mit dem Essen beginnt, spricht man ein Tischgebet und bekreuzigt sich. Eine Frau verhüllt ihr Gesicht in der Öffentlichkeit. Milchding und Fleischding dürfen nicht in Kontakt miteinander kommen.

Vor der Ehe hat man keinen Geschlechtsverkehr. Man badet nicht in der Öffentlichkeit ohne Badehose oder Badeanzug, Man duzt seinen Chef nicht, wenn dieser das "du" nicht angeboten hat. An bestimmten Feiertagen opfert man den Göttern.

Es gehört zu solchen Regeln und Normen des sozialen Verhaltens, daß sie keiner Begründung bedürfen, um zu gelten. Sie sind eben selbstverständlich. Sie zu "hinterfragen" kommt nicht in den Sinn, solange sie gelten.

Jedenfalls nicht den meisten Angehörigen der betreffenden Kultur. Wer zweifelt und nach Rechtfertigungen für solche Regeln und Normen sucht, der stellt sich außerhalb der Gemeinschaft. Er zieht Haß und Angst auf sich. Wie jener antike Zweifler, der die Existenz der Götter "hinterfragt" hat und dafür den Schierlingsbecher trinken mußte.



Am strengsten, am genauesten geregelt ist das Verhalten beim Essen und in der Sexualität. Der Hunger und der Sexualtrieb, sie bedürfen in besonderem Maß der sozialen Regulierung .

Als das seltsame Experiment der Evolution sich abspielte, in dem vor etlichen Millionen Jahren es im afrikanischen Urwald hangelnde Früchtefresser in die Savanne verschlug, wo sie sich bei Strafe ihres Aussterbens zum in Horden jagenden Raubtier entwickeln mußten, da bedeutete das auch eine ungeheure Disziplinierung dieser beiden Triebe, des Nahrungs- und des Sexualtriebs.

Über die Jagdbeute konnte man nicht, wie ein Wolfsrudel, herfallen. Sie mußte gesittet verteilt werden, damit auch die Alten etwas abbekamen, deren Erfahrung man umso mehr brauchte, je mehr an Kulturellem, an technischem Know-How zu tradieren war. Damit auch die Frauen etwas abbekamen, die nicht an der Jagd beteiligt waren und die bei einer Beute- Teilung à la Wolfsrudel ebenso den Kürzeren gezogen hätten wie die Alten und die Kinder. Überleben konnten Lucy und ihre Nachkommen nur mit Tischsitten.

Ebenso brauchten sie ein geregeltes, ein durch Tabus reguliertes Sexual- Leben. Sie machten es sozusagen den Vögeln nach, als sie die Vorzüge der Ehe entdeckten, die in den Urwaldhorden ihrer Vorfahren unbekannt, weil unnötig gewesen war: Als sie die Vorteile einer Bindung zwischen Frau und Mann entdeckten, die es ermöglichte, daß sich die Frau um die Aufzucht des Nachwuchses kümmerte und dafür vom Mann mit Nahrung versorgt wurde.

Keine Paarungszeit im Jahreszyklus, sondern allzeit bereit, das hatte man von den hangelnden Vorfahren übernommen. Dazu nun die Familienstruktur - das konnte nur gutgehen, wenn die Sexualität reglementiert wurde. Mit Vorschriften, vor allem mit Tabus, die es regeln, wer mit wem wann darf; wie man mit menstruierenden Frauen, wie man mit den Umwandlungen der Pubertät umzugehen hat.

Sigmund Freud sah in diesen sozialen Reglementierungen unserer Triebe die Ursache für das "Unbehagen in der Kultur", für das Unglück, das das Realitätsprinzip uns allen aufzwingt. Man mag das so pessimistisch sehen. Immerhin haben über die Jahrmillionen der biologischen, über die hunderttausende Jahre der kulturellen Evolution des Menschen die meisten unserer Vorfahren diese Zumutungen hingenommen.

Sie haben nicht "hinterfragt", was nun einmal die Sitte, was die Religion verlangte. Das haben erstmals ein paar müßiggehende, also denkbereite Männer vor knapp zweitausendfünfhundert Jahren getan. Und so richtig hat man damit erst vor kaum dreihundert Jahren angefangen, als die Lockerheit des Rokoko auch die Gedanken gelockert hatte; als die Aufklärung das Ende des Feudalismus und den Aufstieg des Bürgertums markierte.

Diese kleine Serie ist motiviert durch den aktuellen Versuch, in Deutschland die Sexualgesetzgebung bis teils ins Absurde hinein zu verschärfen. Aus juristischer und liberaler politischer Sicht hat Marian Wirth in zwei Artikeln in B.L.O.G. Ausgezeichnetes dazu geschrieben. Der Verweis auf seine Arbeiten gibt mir die Freiheit, mich dem Thema aus etwas allgemeinerer Perspektive zu nähern.

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26. Juli 2007

Marginalie: Nicht nur im Antiamerikanismus sind wir Deutsche Spitze

Der "Nouvel Observateur" berichtet heute wieder einmal über eine länderübergreifende Umfrage. Diesmal geht es um das Sexualleben.

Und siehe: Wie beim Anti-Amerikanismus, so sind wir Deutsche auch in der Pro- Sexualität ganz vorn.

Die Untersuchung wurde vom Institut Novatris/Harris Interractive im Auftrag verschiedener französischer Medien durchgeführt und gestern publiziert.

Danach liegen die Deutschen mit 8,0 Sexualkontakten pro Monat weit vor den Italienern (7,3), den US-Amerikanern (5,9) und den Briten (5,8). (No sex please, we're British. Man hat es geahnt.)

Nur den Franzosen müssen wir uns geschlagen geben; sie bringen es auf 8,9 Mal im Monat.

Übrigens: Wir Deutsche, wir aus dem Land Luthers, folgen mit unserer Frequenz der Sexualkontakte sozusagen buchstabengenau dessen Regel: "In der Woche zwier, schadet weder dir noch mir, macht im Jahre hundertvier".

Gefragt wurde auch nach der Zahl der bisherigen Sexualpartner. Hier liegen wir Deutsche an der Spitze (13), gefolgt von den Amerikanern (12,5) und den Briten (12,5). Am Ende dieser Hitliste liegen die Franzosen (11,1) und die Italiener (10,3).



Kann man diesen Zahlen trauen? Man sollte sie zumindest with a grain of salt genießen. Denn vermutlich wird nirgends so viel geflunkert wie bei Jagd- Erzählungen und Bett- Geschichten.

Gut möglich also, daß wir Europäer und Amerikaner uns in Wahrheit alle sexuell ähnlich verhalten. Nur protzen die einen gern mit ihren sexuellen Aktivitäten, und die anderen spielen sie mit angelsächsischer Zurückhaltung herunter.

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