11. Dezember 2007

Die Deutschen und das Atom (6): Seriöse Wissenschaft und ihr Mißbrauch durch Politiker

Zum Thema "AKWs und Leukämie" gibt es seit meinem Artikel vom Wochenende neue Informationen. Fundierter als das, was bis dahin die Agenturen berichtet hatten. Aber in die Schlagzeilen werden sie es wohl nicht schaffen.

Sie sind so fundiert, wie man es sich überhaupt nur wünschen kann, diese Informationen. Denn sie stammen zum einen von der Leiterin der Mainzer Untersuchung, Maria Blettner, die, nachdem sie sich schon kurz im TV geäußert hatte, jetzt dem "Tagesspiegel" ein ausführliches Interview gegeben hat. Das Interview klärt auch einige der Fragen, die ich in dem vorausgehenden Artikel aufgeworfen hatte.

Zum anderen ist die Untersuchung jetzt auf der WebSite des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) zugänglich. Eine Zusammenfassung mit den methodischen Einzelheiten bietet inzwischen auch das "Deutsche Ärzteblatt".

Das Wichtigste aus diesen Quellen:
  • Warum die Begrenzung auf einen Umkreis von 5 km und Kinder unter 5 Jahren? Weil in einer vorausgegangenen Untersuchung in dieser Teilgruppe Auffälligkeiten entdeckt worden waren. Aber wenn man nur genügend Daten analysiert, findet man immer irgendwelche Häufungen, die durch Zufall entstanden sein können. Deshalb hat die Arbeitsgruppe von Prof. Blettner - wie seriöse Wissenschaft es verlangt - nicht auf diese Post- Hoc- Analyse vertraut, sondern in der jetzigen Untersuchung genau diese Hypothese geprüft, daß im Umkreis von 5 km bei Kindern unter 5 Jahren gehäuft Leukämie auftritt.

  • Wie signifikant war der Effekt der Nähe zum AKW? Offenbar auf dem Fünf- Prozent- Niveau. Jedenfalls erwähnt Prof. Blettner dieses Signifikanz- Niveau im Zusammenhang mit der Möglichkeit von Zufalls- Signifikanzen: "Wenn man 100 solche Studien macht, würde man auch fünf bekommen, die signifikant sind. Obwohl nichts dahintersteckt." (In dem ersten Artikel hatte ich als Beispiel hierfür das zweimalige Würfeln einer sechs genannt, - ein Ereignis, dessen Auftreten bereits "auf dem Fünf- Prozent- Niveau signifikant" ist.)

  • Welche Ursachen kommen zur Erklärung der Häufung von Leukämie- Fällen im Umkreis von AKWs in Frage? Daß die die Strahlenbelastung durch die Kernkraftwerke ursächlich sind, hält Prof. Blettner für "nicht plausibel". Die Strahlung aus den AKWs ist, so begründete sie das, um den Faktor 1000 bis 100000 geringer als die natürliche Strahlung, der wir alle ausgesetzt sind. Also, was dann?

    Man kann das, wie könnte es anders sein, nur vermuten. Prof. Blettner stellt ähnliche Überlegungen an, wie sie in meinem ersten Artikel am Beispiel der Moslems illustriert wurden, die gehäuft im Umkreis um Dome wohnen: "... eine solche Häufung könnte es auch um andere Standorte geben, etwa rund um Kohlekraftwerke, um Brückenbauten, Kirchtürme, große Industrieanlagen. Also genau dort, wo es in bisher ländlichen Regionen plötzlich einen großen Zuzug gibt."

  • Was hat der zweite Teil der Untersuchung ergeben, in der durch Telefon- Interviews mögliche konfundierende Faktoren ermittelt werden sollten? - Laut "Deutschem Ärzteblatt" leider nichts Verwertbares, weil zu wenige der Angerufenen (vor allem im unmittelbaren Umkreis des AKW) zu Auskünften bereit gewesen waren.
  • Soviel zum wissenschaftlichen Aspekt. Es handelt sich um eine wissenschaftlich absolut seriöse Untersuchung und nicht um eine "Studie, die Antipathien gegen die Kernkraft schüren soll", wie (siehe meinen ersten Artikel) die CDU- Politikerin Reiche behauptet hatte. Erst recht stützt die Untersuchung keine der Behauptungen aus der linken und grünen Ecke, man habe die Gefahren der Atomkraft unterschätzt, und ähnliches aus der Luft Gegriffenes.



    Womit wir beim politischen Aspekt der Sache sind. Und dieser stellt sich nun, nach dem Interview mit Prof. Blettner, als noch viel skandalöser dar, als es am Wochenende schien.

    Damals war nur zu beanstanden gewesen, daß Politiker sich über ein Thema äußerten, ohne die Fakten zu kennen, geschweige denn sie beurteilen zu können. Jetzt stellt sich heraus, daß - wieder einmal! - das BfS eine peinliche Rolle gespielt hat.

    Dieses Amt hatte die Untersuchung in Auftrag gegeben und vermutlich (mit)finanziert; aber es war natürlich nicht - wie es fälschlich in der Presse hieß - eine Untersuchung "des Bundesamts für Strahlenschutz".

    Aber wer bezahlt, der entscheidet, wo die Musik spielt. Und so hat dieses Bundesamt sich herausgenommen, herausgepickte Ergebnisse aus dieser Untersuchung an die Presse zu gegeben. Prof. Blettner: "Warum werden Ergebnisse vorab veröffentlicht? Warum gibt es eine Pressekonferenz, bei der die Studie vom Bundesamt für Strahlenschutz präsentiert wird, von der ich als Leiterin der Untersuchung nichts weiß?"

    Nicht nur, daß dieses Bundesamt sich herausnimmt, die Ergebnisse von Wissenschaftlern ohne deren Wissen zu veröffentlichen, statt das diesen selbst zu überlassen, wie es eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist.

    Sondern der Präsident dieses Amts, der von dem Minister Trittin eingesetzte, um nicht zu sagen durchgedrückte Wolfram König liefert gleich auch noch eine Interpretation der Ergebnisse.

    Er und eine "Expertenkommission" maßen sich an, im entscheidenden Punkt den Autoren der Untersuchung zu widersprechen. Aus einer gestrigen Pressemitteilung des BfS: "... enthält die Studie die Aussage dass 'aufgrund des aktuellen strahlenbiologischen und strahlenepidemiologischen Wissens die von deutschen Kernkraftwerken im Normalbetrieb emittierte ionisierende Strahlung grundsätzlich nicht als Ursache interpretiert werden kann.' Im Gegensatz zu den Autoren ist das externe Expertengremium der Überzeugung, dass dieser Zusammenhang keinesfalls ausgeschlossen werden könne."



    Das ist, gelinde gesagt, eine Unverschämtheit gegenüber den Autoren.

    Selbstverständlich ist es in einer innerwissenschaftlichen Diskussion erlaubt und sogar häufig der Fall, daß Fachkollegen eine Untersuchung anders bewerten als die Autoren.

    Das ist z.B. oft so, wenn ein Manuskript zur Publikation eingereicht wird. Den Autoren wird dann diese fachliche Kritik zugeschickt, sie haben Gelegenheit, darauf zu antworten, und am Ende entscheiden die Herausgeber oder ggf. weitere Gutachter, ob das Manuskript in der betreffenden Zeitschrift publiziert wird, ob Änderungen verlangt werden, oder ob das Manuskript abgelehnt wird.

    Aber daß ein von einem Bundesamt eingesetztes Gremium sich das Recht herausnimmt, sozusagen ex kathedra einer Untersuchung eine andere Schlußfolgerung überzustülpen als diejenige, die die Autoren für vertretbar halten, und daß das dann öffentlich bekanntgegeben wird wie ein Gerichts- Beschluß, das ist ein dreistes Eingreifen in den Prozeß freier wissenschaftlicher Forschung.

    Frau Blettner hat darauf ebenso trocken wie souverän reagiert. Frage des Interviewers des "Tagesspiegel": "Trotzdem sagt Wolfram König, Präsident des BfS, dass Strahlung als Ursache nicht auszuschließen ist." Antwort von Prof. Blettner: "Wenn er darauf Hinweise hat, dann weiß er mehr als wir."

    Wozu er ja auch jede Qualifikation hat, der Präsident des BfS, Wolfram König. Über seinen Lebenslauf sagt die Wikipedia: "Wolfram König machte einen Gesamthochschulabschluss in Kassel als Diplom-Ingenieur (Fachrichtung Stadtentwicklung). In Sachsen-Anhalt war er von 1994 bis 1998 als Mitglied der Grünen Staatssekretär im Umweltministerium unter der rot-grünen Landesregierung und betrieb dort die Schließung des ehemaligen DDR-Endlagers Morsleben."

    Kein Wunder, daß ein Mann mit dieser Qualifikation im Bereich der Krebs- Epidemiologie sich berufen fühlt, die Untersuchung einer der angesehendsten deutschen Krebs- Epidemiologinnen fachlich zu würdigen.



    Links zu allen Folgen dieser Serie:
  • 1. Der Sonderweg
  • 2. Kampf dem Atomtod
  • 3. Die APO entläßt ihre Kinder
  • 4. Tschernobyl und die Folgen
  • 5. Verursachen AKWs Leukämie bei Kindern?
  • 6. Seriöse Wissenschaft und ihr Mißbrauch durch Politiker

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    Zitat des Tages: "Dritter Pol"

    Europa müsse mit Russlands Hilfe ein dritter Pol zwischen Asien und den USA werden.

    Gerhard Schröder, laut Bericht der "Welt" ein "Propagandist des Kreml", vorgestern in einer Rede an der New Yorker Columbia University. - Man kann das als einen Kommentar zur Irak- Politik der rotgrünen Regierung lesen, insbesondere zu Schröders Versuch, eine Achse Moskau- Berlin- Paris gegen die USA zu schmieden.

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    10. Dezember 2007

    Zitat des Tages: "Wieder knapp fünf Millionen Arbeitslose"

    Es geht den Gewerkschaften ... um ... Mindestlöhne, etwa um fast zehn Euro wie bei den Briefdiensten, die sie gern allgemein anwenden würden. Unter solchen Umständen will ich mir die nächste konjunkturelle Delle in Deutschland gar nicht vorstellen. (...) Dann können wir uns wieder auf knapp fünf Millionen Arbeitslose in Deutschland einstellen.

    Der frühere Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit Florian Gerster (SPD), jetzt Präsident des Arbeitgeberverbandes Neue Brief- und Zustelldienste, heute in der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (WAZ).

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    Die Deutschen und das Atom (5): Verursachen AKWs Leukämie bei Kindern?

    "Im Umkreis von 30 Kilometern um die großen Dome und Kathedralen Europas - Nôtre Dame, Westminster Abbey, um den Kölner Dom, den Frankfurter Dom - wohnen mehr Moslems, als es dem Anteil der Moslems an der Bevölkerung des jeweiligen Landes entspricht."

    Ich kenne keine Daten, die diese Aussage belegen, aber sie ist sehr wahrscheinlich zutreffend. Ob es so ist, das ist aber auch nicht kritisch für das, was ich diskutieren möchte:

    Man könnte aus diesem statistischen Zusammenhang schließen, daß irgendetwas von den Domen ausgeht, das Moslems anzieht. Daß es Moslems sozusagen dazu drängt, sich in der Nähe eines Doms niederzulassen.

    Das wäre natürlich keine sehr kluge Interpretation derartiger Daten, die vielmehr darauf beruhen (würden), daß Dome in Großstädten stehen und daß in europäischen Großstädten prozentual mehr Moslems wohnen als auf dem flachen Land.



    Am Wochenende wurde eine Untersuchung in den Medien diskutiert, die sich mit Fällen von Leukämie bei Kindern befaßte, die im Umkreis von AKWs wohnen. Dazu berichtet die "Süddeutsche Zeitung":
    Die Forscher unter der Leitung der Mainzer Epidemiologin Maria Blettner stellten fest, dass zwischen 1980 und 2003 im Umkreis von fünf Kilometern um die Reaktoren 77 Kinder an Krebs, davon 37 an Leukämie, erkrankt waren. Im statistischen Durchschnitt seien 48 Krebs- beziehungsweise 17 Leukämiefälle zu erwarten gewesen. Etwa 20 Neuerkrankungen seien also allein auf das Wohnen in diesem Umkreis zurückzuführen.
    Wenn die Medizinstatistiker, die diese Untersuchung durchgeführt haben, tatsächlich so argumentiert haben sollten, wie es dieses Zitat besagt, dann hätten sie nicht stringenter argumentiert als jemand, der in Domen Anziehungspunkte für Moslems sieht, weil in ihrem Umkreis eben viele Moslems wohnen.

    Nun ist Maria Blettner eine angesehene Wissenschaftlerin. Man sollte erwarten, daß ihre und ihrer Mitarbeiter Untersuchung keine groben methodischen Mängel aufweist, zumal aus ihrer Publikationsliste hervorgeht, daß sie im Bereich der epidemiologischen Krebsforschung ausgewiesen ist.

    Aber Genaueres über die jetzigen Daten weiß man nicht. Denn die Untersuchung, die so sehr die Gemüter erregt, ist noch gar nicht publiziert!

    Auf der Website der Arbeitsgruppe von Prof. Blettner ist dieses Untersuchungsprojekt zwar verzeichnet - aber in Form einer Projektbeschreibung. Die Ergebnisse werden dort für "Ende 2006" in Aussicht gestellt. Offenbar wurde der Text seit längerem nicht mehr aktualisiert.



    Immerhin erfährt man aus dieser Projektbeschreibung Genaueres über die Methodik. Es wurden aus dem deutschen Kinder- Krebsregister Fälle von Kindern entnommen, die im Zeitraum zwischen dem 01.01.1980 ­und dem 31.12.2003 an Krebs erkrankt waren. Zum weiteren Verfahren heißt es:
    Im ersten Teil der Studie wird individuell der Abstand der Wohnung der Familie des an Krebs erkrankten Kindes zum Kernkraftwerk ermittelt und mit dem Abstand der Wohnung von zufällig ausgewählten Kontrollfamilien verglichen. Als Studienregionen wurden jeweils mindestens 3 Landkreise in der Umgebung der 15 Leistungsreaktoren in den alten Ländern der Bundesrepublik Deutschland definiert. (...) Im zweiten Teil der Studie wird durch ein standardisiertes computergestütztes telefonisches Interview untersucht, ob potentielle Confounder die in Teil 1 untersuchte Beziehung beeinflussen.
    Wenn ich das richtig verstehe, hat man die an Krebs erkrankten Kinder in den ausgewählten Landkreisen rund um ein AKW herausgesucht, dann eine gleich große Anzahl von Kindern aus denselben Landkreisen zufällig ausgewählt und ermittelt, wie weit die Kinder der beiden Gruppen vom AKW entfernt wohnten.

    Das scheint auch aus der Fragestellung der Untersuchung hervorzugehen: "Wohnen Familien mit unter 5-jährigen Kindern, bei denen eine Krebserkrankung diagnostiziert wurde, häufiger in der Nähe von Kernkraftwerken als Familien mit nicht an Krebs erkrankten Kindern?"

    Wie die Grenze von 5 km zustandegekommen ist (war sie schon vorher für den statistischen Test festgelegt?) und wie überhaupt die Signifikanz getestet wurde, geht weder aus dieser kurzen Projektbeschreibung hervor, noch aus den bisherigen Zeitungsberichten. Wichtig wäre es vor allem, das Signifikanzniveau zu kennen. Häufig wird das 5-Prozent- Niveau gewählt - dessen Erreichen nicht mehr besagt als: Die Wahrscheinlichkeit, daß dieses Ergebnis zufällig zustande gekommen ist, ist ungefähr so groß, wie daß man zweimal hintereinander eine sechs würfelt. (Diese liegt bei knapp drei Prozent).

    Alle diese Einzelheiten sind bisher nicht bekannt. Wie wasserdicht die jetzt publizierten Folgerungen der Untersuchung wirklich sind, wird man also erst erfahren, wenn die Untersuchung zur Publikation eingereicht und peer reviewed (also von Fachleuten, die selbst auf diesem Gebiet forschen, begutachtet) worden ist und sie die eventuellen Einwände der Gutachter überstanden hat.



    Und wie ist das nun mit den Moslems, die gehäuft im Umkreis von Domen wohnen?

    Die Mainzer Untersucher waren sich dieses Problems offenbar bewußt. Deshalb führten sie den Teil 2 der Untersuchung durch, in dem die Familien der einbezogenen Kinder - der erkrankten wie der gesunden - im Hinblick auf "potentielle Confounder" untersucht wurden.

    Gemeint sind damit solche Faktoren wie im Beispiel der Moslems der Umstand, daß jemand, der in der Nähe zu einem Dom wohnt, eben zugleich in einer Großstadt wohnt. Die Variablen "Nähe zum Dom" und "Großstadt" sind also, wie man sagt, konfundiert - man weiß nicht, ob ein beobachteter Effekt an dem einen oder dem anderen Faktor liegt.

    In der Mainzer Untersuchung wird man also z.B. nach anderen Risiko- Faktoren gefragt haben, denen ein Kind ausgesetzt gewesen sein könnte - etwa der Nähe zu einer chemischem Fabrik. Was sich dabei ergab, ist offenbar der Öffentlichkeit noch nicht mitgeteilt worden.



    Führt man sich diesen Stand der Dinge vor Augen, dann wird deutlich, wie leichtfertig es ist, allein aufgrund bruchstückhafter, noch gar nicht publizierter Daten einer noch gar nicht von Fachleuten begutachteten Untersuchung bereits irgendwelche Schlüsse zu ziehen.

    Und das ist reichlich geschehen, innerhalb weniger Tage. Aus der "Süddeutschen Zeitung":

    Reinhard Bütikofer von den "Grünen": "Wir Grüne fordern die beschleunigte Abschaltung gerade der ältesten Atomkraftwerke." Wer noch immer "für einen längeren Betrieb von Atomkraftwerken oder gar deren Neubau eintritt, handelt völlig verantwortungslos".

    Hans-Josef Fell, auch er von den "Grünen": "Die etablierte, meist atomfreundliche Wissenschaft hat die Gefahren der Atomenergie bisher maßlos unterschätzt."

    Freilich sieht es auf der anderen Seite nicht besser aus. "So sehr ich mir Aufklärung über diese Zusammenhänge von der Wissenschaft erhoffe, so sehr kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass die Studie die Antipathien gegen die Kernkraft schüren soll", erklärte laut SZ Katharina Reiche von der CDU.

    Woher weiß Katharina Reiche das? Woher wissen die Herren Bütikofer und Fell das, was sie behaupten?



    Es ist schon ein Kreuz mit der Art, wie Politiker, wie auch Journalisten mit wissenschaftlichen Untersuchungen umgehen, die sie gar nicht kennen und die sie nicht beurteilen könnten, würden sie sie denn kennen.

    Den Vogel aber hat wieder einmal der Umweltminister Gabriel abgeschossen.

    Aus einer heutigen dpa-Meldung, zitiert nach der FAZ:
    Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) sagte (...), [die] Strahlenbelastung der Bevölkerung müsste durch den Betrieb der Atomkraftwerke in Deutschland um mindestens das Tausendfache höher sein, um den beobachteten Anstieg des Krebsrisikos erklären zu können.
    Eine klassische petitio principii. Gabriel setzt das als gegeben voraus, was doch gerade untersucht werden sollte: Ob nicht möglicherweis auch viel geringere Strahlendosen, als bisher angenommen, das Krebsrisiko erhöhen können.

    Und dann setzt er noch einen drauf, der Strahlenexperte Gabriel. Statt abzuwarten, bis wirkliche Fachleute sich geäußert haben (nämlich die peer reviewers internationaler Zeitschriften, die allein in der Lage sind, die Qualität einer solchen Untersuchung zu beurteilen), hat Gabriel ausgerechnet die Strahlenschutzkommission (SSK) "mit einer umfassenden Bewertung der Ergebnisse beauftragt".

    Ein Gremium, dessen wissenschaftliche Reputation erheblich gelitten hat, seit es der Umweltminister Trittin nach der Regierungsübernahme der Rotgrünen aus zwei früheren Kommissionen neu bildete und vor allem neu besetzte, und zwar überwiegend mit Atomkraftgegnern oder -skeptikern, deren wissenschaftlicher Rang weit unter dem der Fachleute lag, an deren Stelle sie traten.

    Kritiker sprachen damals davon, Trittin versuche, "systematisch Sachverstand durch Parteiverstand" zu ersetzen; die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter schrieb, daß es dergleichen bisher "nur im Sowjetreich" gegeben habe.

    Zu denjenigen, die Trittins Personalpolitik kritisierten, gehörte die damalige Vorsitzende der SSK. Sie trat aus Protest gegen die Berufung eines fachlich nicht ausgewiesenen Mitgliedes durch Trittin sogar von ihrem Amt zurück.

    Der Name dieser aufrechten Wissenschaftlerin, die laut "Welt" als atomfreundlich gilt: Maria Blettner.



    Der Vorwurf von Katharina Reiche erscheint also als wenig begründet.

    Sollten die Ergebnisse der Mainzer Gruppe methodisch hieb- und stichfest sein, sollte insbesondere die Kontrolle von konfundierenden Faktoren gelungen zu sein - dann wird man zumindest den begründeten Verdacht akzeptieren müssen, daß es die Gefahr einer Verursachung von Leukämie durch AKWs gibt.

    Man muß das dann akzeptieren, auch wenn man nicht in den Chor der Grünen und Linken einstimmt. Aber es ist so, wie Freud einmal seinen Lehrer Charcot zitierte. In einem Kolloquium hatte jemand Befunde vorgetragen, und ein anderer wendete dagegen ein, diese Befunde widersprächen der gängigen Theorie. Worauf Charcot sagte: "ça n'empêche pas d'exister" - das hindert nicht, daß es das gibt.



    Links zu allen Folgen dieser Serie:
  • 1. Der Sonderweg
  • 2. Kampf dem Atomtod
  • 3. Die APO entläßt ihre Kinder
  • 4. Tschernobyl und die Folgen
  • 5. Verursachen AKWs Leukämie bei Kindern?
  • 6. Seriöse Wissenschaft und ihr Mißbrauch durch Politiker

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    9. Dezember 2007

    Zitat des Tages: Eine Idee aus der Partei des demokratischen Sozialismus

    Der SPD-Bundestagsabgeordnete Andreas Steppuhn regte an, Gehälter und Abfindungen von Managern sollten künftig an die durchschnittliche Entwicklung von Arbeitnehmer- Einkommen gekoppelt werden. Er kündigte dazu für Anfang 2008 eine parlamentarische Initiative an.

    Aus einer heutigen dpa-Meldung.

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    Warum wurde der Shuttle-Flug verschoben? Über Sicherheitstechnik und Sicherheitsphilosophie

    Nehmen wir an, ein Rally- Fahrer stellt kurz vor dem Start fest, daß die Anzeige seiner Tankfüllung nicht korrekt funktioniert. Würde er daraufhin den Start abblasen? Wohl kaum.

    Etwas Derartiges hat aber die NASA nun schon dreimal getan, als sie den für vergangenen Donnerstag vorgesehenen Start des Shuttle "Atlantis" mit dem europäischen Raumlabor "Columbus" an Bord gestoppt und erst auf Freitag, dann auf Samstag und jetzt auf den heutigen Sonntag (geplanter Start: 3:21 PM EST; entsprechend 21:21 MEZ) verschoben hat.

    Der Grund für diese wiederholten Startverschiebungen ist der Ausfall von zwei Sensoren, die die Füllung der Flüssiggas- Tanks für Wasserstoff und Sauerstoff anzeigen.

    Warum deshalb gleich eine wiederholte Verschiebung des Starts? Kann man denn nicht auch ohne Sensoren berechnen, wieviel Treibstoff jeweils noch im Tank ist? Warum ist es überhaupt so wichtig, den jeweiligen momentanen Füllstand zu kennen?

    Als ich diesen Fragen nachgegangen bin,habe ich Allerlei über Sicherheitstechnik und Sicherheitsphilosophie gelernt, das auch über den jetzigen Fall hinaus interessant ist.



    Das Shuttle wird durch drei Raketenmotoren beschleunigt, die ihre Treibstoffe aus dem riesigen rostbraunen Tank beziehen, der seitlich am Shuttle aufgehängt ist. (Man könnte angesichts der Größenverhältnisse auch sagen: An dem das Shuttle aufgehängt ist). Das obere Drittel ist der Sauerstofftank, die unteren beiden Drittel enthalten den Wasserstoff. Beide sind so weit heruntergekühlt, daß sie sich im flüssigen Zustand befinden.

    In der Startphase wird zusätzlicher Schub durch die beiden Feststoffraketen (Boosters) geliefert, die rechts und links neben diesem Tank angebracht sind.

    Der Brennvorgang dieser Feststoffraketen ist nicht steuerbar. Sie brennen ab wie Sylvester- Raketen. In den Orbit gesteuert wird das Shuttle mit Hilfe der Raketen- Motoren, die noch weiterarbeiten, wenn die beiden Feststoffraketen bereits ausgebrannt und abgeworfen sind.

    Eine kritische Rolle spielt dabei der Brennschluß, also der Zeitpunkt, zu dem diese Raketen- Motoren abgeschaltet werden.

    Er entscheidet über die Geschwindigkeit, mit der das Shuttle in den Orbit eintritt und damit wesentlich über die Bahndaten. Für jeden einzelnen Flug des Shuttle wird der Brennschluß individuell festgelegt.

    Wie wird nun dafür gesorgt, daß der Brennschluß zum richtigen Zeitpunkt erfolgt? Mit der Antwort auf diese Frage nähern wir uns, wie Mark Kirkman in einem ausgezeichneten Artikel in den Interspace News erklärt, der kritischen Rolle der Tank- Sensoren.

    Sie heißen mit Namen ECOs (Low Level Engine Cutoff sensors). Und damit ist schon angedeutet, warum sie so wichtig sind: Sie haben etwas mit dem Brennschluß (engine cutoff) zu tun; und sie sollen einen low level melden, also einen (zu) niedrigen Füllstand.

    Der Brennschluß erfolgt nicht, wenn das Shuttle eine bestimmte Höhe erreicht hat, auch nicht nach einer bestimmten Zeit ab dem Start. Sondern er wird dadurch definiert, daß das Shuttle die für den betreffenden Flug festgelegte Geschwindigkeit erreicht hat. Diese ermittelt ein Bordcomputer, der dann automatisch die Raketen- Motoren abschaltet.

    Und nun kommt das im jetzigen Zusammenhang Entscheidende:

    Der Brennschluß muß stattfinden, bevor die Tanks für Sauerstoff und Wasserstoff leer sind.

    Denn die Turbinen würden sich, wenn kein Treibstoff mehr vorhanden wäre, so schnell drehen, daß sie heißlaufen und möglicherweise auseinanderfliegen könnten. Wäre der Wasserstoffvorrat erschöpft, aber noch Sauerstoff da, dann könnte das außerdem eine Explosion auslösen.



    Wir verstehen jetzt, warum es so wichtig, ja lebenswichtig ist, den Füllstand des Sauerstoff- und des Wasserstofftanks ständig zu überprüfen. Es muß sichergestellt sein, daß keiner der beiden Tanks leer wird, solange sie noch mit dem Shuttle verbunden sind.

    Das geschieht primär dadurch, daß ein Bordcomputer fortlaufend ermittelt, wieviel Treibstoff verbraucht wurde und ob also noch ein genügender Rest (performance margin) vorhanden ist.

    Nun kann es aber passieren, daß durch ein Leck oder durch den Ausfall von Raketen- Motoren Treibstoff verlorengeht.

    Dann stimmt diese Berechnung nicht mehr. Es könnte dann der Fall eintreten, daß einer der Tanks oder beide leer werden, bevor der Brennschluß erfolgt.

    Und um das zu verhindern, gibt es diese Sensoren in den Tanks, die ECOs.

    Im Prinzip sind es nichts anderes als Drähte, durch die Strom einer konstanten Stromstärke fließt. Je nachdem, ob sie sich in einer Flüssigkeit oder einem Gas befinden, ist der elektrische Widerstand verschieden und damit die Spannung. Diese wird fortlaufend gemessen und zeigt an, ob der Zustand "nass" oder "trocken" besteht.

    Melden diese Sensoren "trocken" (ein Zustand, der eigentlich nicht eintreten dürfte, weil es ja immer noch Treibstoff in den Tanks geben sollte), dann schaltet der Computer die Triebwerke ab, und es wird eine transatlantische Notlandung (TAL) eingeleitet; also der Versuch, das Shuttle wieder zur Erde zurückzubringen, bevor es Orbital- Geschwindigkeit erreicht hat.



    Der Funktionsfähigkeit der ECO-Sensoren kommt also eine zentrale Bedeutung zu:

    Versagen sie und melden nicht den Zustand "trocken", obwohl ein Tank leer ist, dann kann es zum Verlust des Shuttle kommen.

    Versagen sie andererseits und zeigen fälschlich den Zustand "trocken" an, dann könnte das zu einem Abbruch des Flugs führen, obwohl in Wahrheit alles in Ordnung ist.

    Gegen einen solchen Fall gibt es zwar gewisse Vorkehrungen (zum Beispiel werden die Sensoren erst "scharf gemacht", wenn das Shuttle eine bestimmte kritische Masse erreicht hat; es sei denn, Raketenmotoren sind ausgefallen). Aber es bleibt doch das Risiko, daß just dieses zur Sicherheit eingebaute System selbst die Sicherheit gefährden könnte.

    Und das ist vielleicht der interessanteste Aspekt dieses Themas: Jede Vorrichtung, die der Sicherheit dient, stellt selbst ein Sicherheitsrisiko dar.

    Das - und damit sind wir von der Sicherheits- Technik zur Sicherheits- Philosophie gelangt - gilt für alle komplexen Systeme. "The logic behind the ECO sensor system’s operation is based on risk tradeoffs", die Logik hinter dem System der ECO- Sensoren basiere auf der Aufrechnung von Risiken, schreibt Kirkman.

    "So viele Sicherheitssysteme wie möglich" ist deshalb eine ganz und gar falsche Sicherheits- Philosophie. Die Sicherheit ist umso größer, nicht je mehr solche Systeme es gibt, sondern je mehr ihr potentieller Nutzen den Schaden überwiegt, den sie anrichten können.

    Ist man zu sehr auf Sicherheit bedacht, dann kann das leicht mehr Schaden als Nutzen mit sich bringen. Eine Einsicht, so scheint mir, die über den Bereich der Hochtechnologie hinaus von Bedeutung ist.

    In Ernst Augustins Sammlung von Erzählungen "Der Künzler am Werk. Eine Menagerie" gibt es die Geschichte von einem Mann, der ein Sicherheits- Fanatiker war. Er ließ sein Haus auf alle denkbaren Arten gegen unbefugtes Eindringen sichern - Verriegelungen, Spezialfenster- und Türen, Spezialschlösser und dergleichen.

    Als alles fertig war, trat er vor die Tür, um das Werk zu bewundern. Da fiel die Tür in Schloß. Die Schlüssel hatte er drin gelassen. Kein Schlüsseldienst konnte ihm helfen, wieder in sein Haus zu kommen. Der Mann zog ins Hotel.

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    8. Dezember 2007

    Zitat des Tages: "Nicht mit der Polizei zusammenarbeiten"

    Wichtig ist, daß die Leute nicht mit Polizei oder Staatsanwaltschaft zusammenarbeiten und etwa durch ihre Aussagen andere belasten.

    Das Mitglied des Bundesvorstands der "Roten Hilfe" Michael Csaszkoczy in einem Interview mit der "Jungen Welt" auf die Frage nach den Kriterien, nach denen die "Rote Hilfe" jemanden unterstützt. Über den Aufruf von Funktionären der Jusos und der SPD, ihrerseits diese "Rote Hilfe" zu unterstützen, kann man sich hier informieren.

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    Marginalie: Claus Kleber soll neuer "Spiegel"-Chef werden

    Das war gestern für mich eine der überraschendsten Nachrichten des Jahres. Eine der erfreulichsten auch; zumal ich die bevorstehende Entscheidung über die Nachfolge von Stefan Aust weitaus pessimistischer beurteilt hatte.

    Ich habe mich geirrt. Jedenfalls sehr wahrscheinlich. Dann nämlich, wenn sich bestätigt, was seit gestern Nachmittag gemeldet wird: Claus Kleber soll Nachfolger von Stefan Aust werden.



    Ihn hatte niemand auf der Liste gehabt; außer natürlich den innersten Insidern, die aber offenbar dichtgehalten haben. Da ist wirklich - wenn die Meldungen stimmen - ein Dark Horse als erster durchs Ziel gegangen.

    Einer, der zum ersten und letzten Mal für ein Printmedium gearbeitet hat, als er als Schüler für eine Lokalredaktion des "Kölner Stadt- Anzeigers" jobbte: Mit Themen wie "Kleintierzüchter, Naherholungsheime, Tankstellenkrisen"; so erzählte er es im Februar dieses Jahres Matthias Hannemann von der FAZ.

    Einer, zweitens, der zu den wenigen politischen Journalisten gehört, die sich nicht nur von keiner Partei vereinnahmen lassen, sondern die derart sachbezogen (wenn auch alles andere als unkritisch) berichten, daß man sie noch nicht einmal als "SPD-nah", als "CDU-nah" oder als "FDP-nah" etikettieren kann.

    "In zehn Jahren sollen die Leute immer noch nicht wissen, auf welcher Seite ich stehe", zitierte ihn vor drei Jahren Sebastian Hammelehle in der "Welt am Sonntag. Das hätte auch Gerd Ruge sagen können, Stefan Aust oder Friedrich Nowottny, der auf eine Frage nach seiner Parteinähe einmal geantwortet hat, er sei "Nowottny-nah".

    Kleber ist damit das genaue Gegenteil des erwarteten Aust- Nachfolgers, der - so schien es nicht nur mir, so schien es auch zum Beispiel Harald Staun in der FAZ, - "lieb, links und auf der Liste" sein würde; auf der Liste nämlich der starken linken Fraktion in der Mitarbeiter KG des "Spiegel".

    Nein, links ist er nicht - jedenfalls nicht in seiner Arbeit -, der Claus Kleber. Und "lieb"? Hm, wenn damit eine gewisse Softie- Haftigkeit gemeint ist, dann spricht wenig dafür, daß Kleber wenigstens in dieser Hinsicht das Klischee eines Hätschelkinds der Linken erfüllt.

    Seine Vita jedenfalls deutet auf Anderes hin: Kein Studium der Germanistik, der Philosophie, der Soziologie oder der Journalistik. Kleber ist promovierter Jurist; er hat als Anwalt gearbeitet. Er wollte einmal Pilot oder Astronaut werden. Als Matthias Hannemann ihn Anfang dieses Jahres in seinem Büro beim ZDF interviewte, entdeckte er in einem Regal den Bausatz für eine Saturn V- Mondrakete.



    Fast sieht es aus, als hätte die Mitarbeiter KG des "Spiegel", nachdem man Aust gefeuert und allerlei linke Gedankenspiele veranstaltet hatte, am Ende Angst vor der eigenen Courage bekommen.

    Als sei den Mitarbeitern, vielleicht beim Einkaufen ihrer Weihnachts- Geschenke und dem damit verbundenen Blick ins Portemonnaie, aufgegangen, daß ihnen ein Profi, der allein auf journalistische Qualität achtet, am Ende doch zuträglicher ist als einer, der nur lieb und links ist.

    Sie haben mit einem Seitensprung geliebäugelt, die Damen und Herren von der Mitarbeiter KG. Und sind am Ende zurückgekehrt - zu einem, der dieselben Qualitäten hat wie Stefan Aust.

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    7. Dezember 2007

    Zettels Meckerecke: Verstand aus! Eine Werbeaktion und ihre Folgen

    Selten war es so berechtigt, den Namen der Zeitung BILD zu BLÖD zu verballhornen. Nicht als einziges, aber als einflußreichstes Medium ruft BILD bekanntlich dazu auf, morgen Abend in ganz Deutschland für fünf Minuten das Licht auszuschalten.

    Daß das irgendeinen meßbaren Einfluß auf das Weltklima hat, glauben vermutlich nicht einmal die blödesten BILD-Leser. Aber natürlich geht es nicht darum, objektiv etwas zu bewirken. Sondern, so heißt es in dem betreffenden Aufruf:
    Mit der Aktion „Licht aus! Für unser Klima.“ fordern die Kooperationspartner von „Rettet unsere Erde“, Google und ProSieben jeden Einzelnen zum Handeln auf. Zudem senden sie ein Zeichen an den zeitgleich stattfindenden Weltklimagipfel auf Bali, sich konsequent für bessere Klimaschutzmaßnahmen einzusetzen.
    Daß irgendwer anders "handelt", als er es ohne diese Aktion getan hätte, daß gar die Konferenz auf Bali ihre Entscheidungen davon beeinflussen läßt, daß in Deutschland das Licht ausgeht - das ist nun allerdings freilich auch nicht mehr als ein Appell an die Dummheit der BILD-Leser.

    "Verstand aus!" wäre insofern ein besseres Motto für diese Aktion.



    Aber nur insofern. Insofern nämlich, als man diese Aktion unter dem Gesichtspunkt des Weltklimas betrachtet.

    Natürlich geht es aber um etwas anderes. Die Zeitung, der Sender, die Suchmaschine, die diese Aktion veranstalten, bekommen Werbung zu einem denkbar günstigen Kosten- Nutzen- Verhältnis. Sie werden erstens überhaupt erwähnt, und dies zweitens noch dazu in einem denkbar positiven Kontext.

    Und die Städte, Firmen usw., die angekündigt haben, sich zu "beteiligen" - auch auf sie fällt, wenn man mir die Formulierung verzeiht, ein wenig von dem hellen Glanz der Dunkelheit.



    So weit, so gut. Niemandem ist es verboten, für wenig Geld viel Werbung zu machen.

    Allerdings geht diese Werbeaktion diesmal auf Kosten der Allgemeinheit.

    Elektrischer Strom kann bekanntlich in nur sehr geringem Umfang gespeichert werden. Im wesentlichen geht das nur dadurch, daß man überschüssigen Strom dazu verwendet, Wasser in Talsperren zu pumpen; man wandelt die elektrische Energie also in potentielle Energie um, die man mittels Turbinen dann wieder in elektrische Energie umwandeln kann. Die Möglichkeiten dazu sind aber, begrenzt durch die Kapazität der Talsperren, zu gering, um eine plötzliche Unterlast auffangen zu können.

    Wenn der Stromverbrauch plötzlich abfällt, wie es morgen um 20 Uhr geschehen soll, dann bleibt deshalb nur die Möglichkeit, daß Kraftwerke heruntergefahren oder sogar abgeschaltet werden müssen. Wie z.B. in der gestrigen "Welt" zu lesen ist, kann das dramatische Folgen haben:
    Schalten aber Millionen Menschen zeitgleich das Licht aus, entsteht deshalb plötzlich ein enormes Überangebot an Elektrizität im Netz, das erst einmal nirgendwohin kann. (...) "Ein möglicherweise großflächiger Stromausfall ist dann nicht mehr auszuschließen."
    Wie beispielsweise in den heutigen 16-Uhr-Nachrichen des WDR-Fernsehens zu erfahren war, sind die Stromversorger dabei, sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten. Es wird beispielsweise bei RWE ein spezieller Bereichtschaftsdienst eingerichtet.

    Vermutlich wird es den Fachleuten gelingen, mit der Situation fertigzuwerden; sie hatten ja Zeit, sich darauf vorzubereiten.

    Das wird einiges kosten. Wer bezahlt das eigentlich?

    Wir, die Stromkunden? Oder werden die geschädigten Unternehmen den Mut haben, diejenigen in Regreß zu nehmen, die mit dieser schwachsinnigen Aktion mutwillig Schaden anrichten?

    Unwahrscheinlich. Die Energiekonzerne, ohnehin mit dem Stigma des Bösewichts versehen, werden doch nicht gegen die Guten in einen Rechtsstreit ziehen.

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    6. Dezember 2007

    Eine Familientragödie, ein Korruptionsbericht und die deutsche Befindlichkeit

    Die Meldungen, die beide heute durch die Medien gingen, haben an der Oberfläche nichts miteinander zu tun: In einem Dorf in Schleswig-Holstein hat eine Mutter, offenbar in einem akuten Schub der Schizophrenie, an der sie erkrankt ist, ihre fünf Kinder ums Leben gebracht. Und in Berlin ist von einer Organisation namens "Transparency International" ein Bericht über weltweite Korruption veröffentlicht worden.

    Zwei in jeder Hinsicht verschiedene Ereignisse. Und doch werfen sie beide, genauer: wirft ihr öffentlicher Aspekt ein Schlaglicht auf die deutschen Dinge, so wie sie im Augenblick stehen. Auf unsere deutsche Befindlichkeit im Jahr 2007.



    Solche entsetzlichen Verbrechen wie das in Darry bei Plön passieren leider immer wieder. Eine Schizophrenie kann eine Zeitlang weitgehend unauffällig verlaufen; zumal unter der heute üblichen medikamentösen Therapie. Aber geheilt sind die Kranken nicht. Manchmal gehen Anzeichen voraus, manchmal auch nicht: Es kommt zu einem akuten Schub, in dem eine Bluttat geschieht oder versucht wird.

    Am bekanntesten sind in Deutschland von solchen Taten die beiden Attentate geworden, die im Jahr 1990 in Deutschland auf Politiker verübt wurden.

    Im April stach die schizophrene Adelheid Streidel auf Oskar Lafontaine mit einem Messer ein. Es hätte auch den ebenfalls anwesenden Johannes Rau treffen können; jedenfalls sollte ein Politiker sterben, denn, so Streidel, es "gibt in Europa Menschenfabriken und unterirdische Operationssäle, wo Leute aus der Bevölkerung körperlich und geistig umfunktioniert werden."

    Im Oktober desselben Jahres schoß der schizophrene Dieter Kaufmann auf Wolfgang Schäuble.



    Wie reagiert man auf solche Vorfälle? Ohnmächtiges Entsetzen stellt sich ein. Manche mögen auch ihr Weltbild bestätigt sehen, in dem das Abgründige in der Natur des Menschen vielleicht seinen Platz hat; oder das Sinnlose im Schicksal von Menschen.

    Das wären auch naheliegende Reaktionen bei der jetzigen Familientragödie. Aber wie reagiert die deutsche Öffentlichkeit, wie äußern sich deutsche Politiker?

    "Die Fälle mutmaßlicher Kindstötungen im holsteinischen Darry und im sächsischen Plauen haben aufs Neue die Debatte über politische Maßnahmen gegen Kindesmisshandlung befeuert" schreibt die FAZ unter der Überschrift: "Merkel fordert 'Kultur des Hinsehens'".

    Ursula von der Leyen, so heißt es weiter, habe "verbindliche Vorsorgeuntersuchungen" verlangt. Und die bayerische Justizministerin Merk habe gar geäußert: "Der Staat muss endlich alle Register ziehen", zum Schutz der Kinder.



    Mir scheint, es merken nur noch wenige Deutsche, wie absurd diese Reaktion eigentlich ist.

    Eine schwer psychisch kranke Frau tötet in einem akuten schizophrenen Schub ihre Kinder - und als Reaktion verlangt die Familienministerin "Vorsorgeuntersuchungen" für alle Kinder (d.h. sie erneuert diesen Vorschlag, mit dem sie schon länger unterwegs ist), und eine CSU Ministerin verlangt, daß der Staat alle Register zieht.

    Es sind zwei Ministerinnen der Union, die das verlangen.

    Der Glaube, daß der Staat den Auftrage habe, das Glück "seiner" Bürger zu sichern und sie vor allen Fährnissen zu bewahren, und sei es vor der Attacke einer Schizophrenen, ist längst nicht mehr auf die deutsche Linke beschränkt. Er ist - das Wort scheint mir allmählich angemessen zu werden - zu einer gesellschaftlichen, einer politischen Obsession geworden.

    Deutschland ist auf dem Weg, Frankreich und Schweden als die beiden traditionell staatsgläubigsten Länder des westlichen Europa abzulösen.



    Wie reagieren die Deutschen darauf, daß sie immer mehr von der Wiege bis zur Bahre, von der rauchfreien Kneipe bis zur Erziehung ihrer Kinder unter die Kuratel des Staats gestellt werden? Räkeln sie sich wohlig in dieser Welt der Hängematten, selig lächelnd wie ein satter Säugling?

    Von wegen. Sie benehmen sich genauso, wie sich überbetreute, rund um die Uhr betütelte, in Unmündigkeit gehaltene Kinder zu verhalten pflegen: Aufsässig, mit Reaktanz, mit Mißtrauen gegen diejenigen, die sie unter ihrer Kuratel halten.

    Damit sind wir bei dem zweiten heutigen Thema, dem Bericht über Korruption, den "Transparency International" heute vorgelegt hat.

    Es handelt sich nicht um eine objektive Untersuchung über Korruption, sondern um eine weltweite Umfrage zur sozusagen gefühlten Korruption, für die Gallup im Auftrag von "Transparency International" mehr als 63000 Menschen in 60 Ländern befragte.

    Man kann also hübsch vergleichen. Und siehe - obwohl Deutschland im Urteil von Experten ein ungewöhnlich wenig korruptes Land Land ist (wir liegen auf Platz 16 unter 180 untersuchten Ländern), sehen die Deutschen sich von Korruption umgeben.

    Und trotz aller Bemühungen der uns Regierenden, uns alle Sorgen des Lebens abzunehmen, trauen wir Deutschen ihnen in unserer Mehrheit offenbar nicht:

    "Die Deutschen sind nicht überzeugt vom Kampf der Bundesregierung gegen Korruption: Immerhin 77 Prozent sind der Ansicht, dass die Regierung nicht wirksam gegen Korruption vorgeht. (...) Auffallend ist vor allem der anhaltende Pessimismus der Deutschen: 69 Prozent der Befragten erwarten, dass die Korruption in den kommenden drei Jahren zunehmen wird. Innerhalb der Europäischen Union sind nur die Bürger Großbritanniens (72 Prozent) und der Niederlande (73 Prozent) pessimistischer. Alle anderen liegen deutlich darunter", schreibt der "Tagesspiegel".



    Es geschieht ihnen Recht, den uns Regierenden.

    Sie spielen sich zunehmend als die einzig Erwachsenen auf, die uns Bürger wie hilflose Kinder behandeln dürfen (ja behandeln müssen, zu unserem eigenen Besten). Aber je mehr sie sich aufspielen, umso weniger glauben wir ihnen, daß sie die totale Kontrolle hinkriegen, die sie uns versprechen. Umso mißtrauischer werden wir, wir Deutschen, umso aufsässiger.

    Die Frage ist nur, wie diese Aufsässigkeit sich in Zukunft äußern wird: In Eigeninitiative, mit der wir dem Staat zeigen, daß wir seine Fürsorge nicht brauchen. Darin, daß wir die einzige Partei wählen, die noch für die Freiheit des Einzelnen eintritt.

    Oder aber in heimlichem Meckern, im Räsonieren am Stammtisch, im Mißtrauen gegenüber angeblicher Korruption, während wir zugleich vom Staat immer mehr verlangen.

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    Zitat des Tages: Zensur

    Mir geht es nicht um politische Zensur

    Die Stellvertretende Vorsitzende der Partei "Die Linke" Katina Schubert zu ihrer Anzeige gegen die "Wikipedia". Die Anzeige richte sich gegen "Inhalte auf den Seiten wie den Artikel über die Hitler-Jugend".

    Geht man auf die Homepage von Katina Schubert, so findet man als ersten Link den zu einem Artikel mit der Überschrift "Orwell ante portas"; Autorin Katina Schubert.

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    Marginalie: Nach Aust jetzt Matussek. Der "Spiegel" wird auf Linie gebracht

    Seit ein paar Tagen wird es gemunkelt, jetzt scheint es sicher zu sein: Nach Stefan Aust ist das nächste Opfer der Wende beim "Spiegel" Matthias Matussek, den Aust zum Kulturchef gemacht hatte. Zusammen mit Dr. Romain Leick, auch er keiner aus der In-Group der die Feuilletons bevölkernden Journalisten Publizisten, sondern zuvor Korrespondent in Paris, so wie Matussek in Rio und London stationiert gewesen war.

    Ich kann nicht sagen, daß ich Matusseks meist etwas flapsige, oft oberflächliche, nur selten gut geschriebene Arbeiten sehr geschätzt hätte.

    Aber er hatte erfrischende Ideen, er rührte nicht im faden Einheitsbrei linker Konformität herum, sondern servierte schon mal Gepfeffertes.

    Und vor allem: Unter diesem Ressortleiter konnten Artikel erscheinen, die in den meisten Feuilletons nicht hätten gedruckt werden können.

    Beispielsweise eine realistische, also vernichtende Reportage über die Absurditäten gewisser Formen des Regietheaters. Eine "Spiegel"- Story, über deren Entstehung und Schicksal der Autor Joachim Lottmann im Rückblick berichtet hat.

    So etwas bringt man als Ressortleiter nicht in Deutschland, wenn man nicht als rückständig, ja als - horribile dictu - konservativ erscheinen will. (In Frankreich hingegen geht das schon; dort hat sogar der stellvertretende Chefredakteur des linken Nouvel Observateur, Jacques Julliard, kürzlich eine Philippika gegen das Regietheater vom Stapel gelassen, gegen die der Artikel im "Spiegel" ein schüchternes Zweifeln war).

    Daß beim "Spiegel" so etwas immerhin nach deutschen Maßstäben Hoch- Ketzerisches erscheinen konnte, war sozusagen der gedruckte Beweis dafür, daß es dort unter Aust, daß es in Matusseks Kultur- Ressort liberal zuging; daß neben den selbstveständlich dominierenden Linken auch Unpolitische, ja Konservative zu Wort kommen durften. Eine seltsam zusammengecastete Redaktion halt, aus der Sicht eines Autors wie Oliver Gehrs, der es als gestandener Linker beim "Spiegel" einst allerdings nur auf zwei Jahre als Redakteur gebracht hatte.

    Mit dem seltsamen Zusammencasten wird es jetzt vorbei sein. Denn es wird immer deutlicher, daß die Mitarbeiter KG sich die jetzige Gelegenheit, den "Spiegel" wieder auf eine linke Einheitslinie zu trimmen, nicht entgehen lassen wird.

    Oder, wie es die "Taz" vor ein paar Tagen formuliert hat: Der "Spiegel" dürfte "wieder ein durch und durch lesbares Blatt" werden. Von einem "Taz"-Autor geschrieben ist das ungefähr die düsterste Prognose, die man dem "Spiegel" ausstellen kann.

    Ich bin gespannt, wer die nächsten Opfer dieser Mitarbeiter KG sein werden, in der, wie gestern Wolf Lotter in der "Welt" schrieb, "typische Repräsentanten der in Deutschland so mächtigen Armee der eingebildeten Benachteiligten" das Sagen haben.

    An Stelle von Joachim Preuß, von Gabor Steingart, von Georg Mascolo und von Henryk M. Broder würde ich mich schon mal ein wenig auf dem Arbeitsmarkt umsehen.

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    5. Dezember 2007

    Zitat des Tages: "Wer braucht Atomwaffen - bei diesem Amerika?"

    Our intel analysts are baffled that the leading Democrat, Mrs. Clinton, no longer believes in globalization and the leading Republican, Mr. Huckabee, never believed in evolution. (...) Who needs nukes when you have this kind of America?

    Unsere Geheimdienst- Analytiker sind sehr verwundert darüber, daß die führende Demokratin, Hillary Clinton, nicht mehr an die Globalisierung glaubt und daß der führende Republikaner, Mr. Huckabee, nie an die Evolution geglaubt hat (...) Wer braucht Atomwaffen, wenn wir ein solches Amerika haben?


    Der Kolumnist der New York Times und Pulitzer- Preisträger ("The world is flat") Thomas L. Friedman in einem fiktiven Bericht des iranischen Geheimdienstes über die Lage in den USA ("Iranian National Intelligence Estimate of America").

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    Nuklearrüstung des Iran: Was steht wirklich im Bericht des DNI ?

    Eine seltsame Geschichte ist das, in jeder Hinsicht.

    Zunächst einmal, was die Reaktionen auf diese Presse- Erklärung mit dem Titel "Iran: Nuclear Intentions and Capabilities" ("Iran: Nukleare Absichten und Fähigkeiten") angeht, verfaßt vom DNI, dem Amt des Director of National Intelligence der USA. Diese Presse- Erklärung ist eine Zusammenfassung des eigentlichen Berichts, auf neun Seiten kondensiert.

    Eines Berichts, dem - jedenfalls einigen seiner Aussagen in der verstümmelten Form, in der sie ihren Weg in die Agenturen gefunden haben - von unseren Medien ein fast kindliches Vertrauen entgegengebracht zu werden scheint.

    Seltsam, nicht wahr? Denn die US-Geheimdienste haben bei uns ja eigentlich eine notorisch schlechte Presse. Man traut ihnen nicht; macht ihre Fehlinformationen gar für den Irak- Krieg verantwortlich. Und nun auf einmal - keinerlei Zweifel am Bericht des DNI !

    Selbst die kommunistische "Junge Welt", die sonst nicht eben von Vertrauen in die US-Geheimdienste getragen ist, gibt sich derart von der Richtigkeit dieses Berichts überzeugt, daß sie Präsident Bush bereits als aus dem "direkten Umfeld seiner Administration als Lügner bloßgestellt" darstellt.



    Das ist natürlich so wahr wie das meiste, was Kommunisten schreiben; also ein leere Behauptung. Nichts in dem Bericht, den ja jeder nachlesen kann, besagt oder impliziert auch nur im Geringsten, daß Bush gelogen hätte.

    Der Bericht ist aber schon interessant, nur in einer ganz anderen Hinsicht.

    Seltsam ist nämlich nicht nur, wie er in Deutschland anscheinend ein wundersames Vertrauen in die Treffsicherheit amerikanischer Geheimdienste geschaffen hat.

    Sondern noch seltsamer, ja fast sensationell ist das geringe Vertrauen, das diese Geheimdienste, folgt man dem Bericht, in ihre eigenen Erkenntnisse haben.



    Der Bericht enthält ziemlich am Anfang einen längeren Abschnitt, der eine Art Gebrauchsanweisung ist - und zwar mit der offenkundigen Absicht, alles an Erklärendem zu liefern, damit nur ja der DNI nicht mißverstanden werde.

    Die Überschrift lautet "What We Mean When We Say: An Explanation of Estimative Language" - "Was wir meinen wenn wir [etwas] sagen: Eine Erklärung der Einschätzungs- Sprache".

    Und das liest sich dann fast wie aus einer Einführung in die sprachanalytische Philosophie entnommen:
    In all cases, assessments and judgments are not intended to imply that we have "proof" that shows something to be a fact or that definitively links two items or issues.

    In addition to conveying judgments rather than certainty, our estimative language also often conveys 1) our assessed likelihood or probability of an event; and 2) the level of confidence we ascribe to the judgment.

    In allen Fällen sind Einschätzungen und Beurteilungen nicht in dem Sinn zu verstehen, daß sie implizieren, daß wir den "Beweis" hätten, der etwas als ein Faktum ausweist oder der zwei Punkte oder zwei Themen definitiv miteinander verknüpft.

    Wir bieten nicht nur Beurteilungen anstelle von Gewißheit, sondern unsere Einschätzungs- Sprache bietet oft auch 1) die von uns bestimmte Gewißheitsstufe oder Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses; 2) den Grad der Zuverlässigkeit, die wir einer Aussage zuschreiben.
    Das wird dann im Einzelnen aufgedröselt, indem so etwas wie Ordinalskalen definiert werden:
    Terms such as probably, likely, very likely, or almost certainly indicate a greater than even chance. The terms unlikely and remote indicate a less then even chance that an event will occur; they do not imply that an event will not occur.

    Terms such as might or may reflect situations in which we are unable to assess the likelihood, generally because relevant information is unavailable, sketchy, or fragmented. Terms such as we cannot dismiss, we cannot rule out, or we cannot discount reflect an unlikely, improbable, or remote event whose consequences are such that it warrants mentioning.

    Begriffe wie wahrscheinlich, sehr wahrscheinlich, höchstwahrscheinlich stehen für eine Wahrscheinlichkeit größer als eins zu eins. Die Begriffe unwahrscheinlich und entfernt wahrscheinlich stehen für eine Wahrscheinlichkeit geringer als eins zu eins, daß ein Ereignis eintreten wird; sie implizieren nicht, daß ein Ereignis nicht eintreten wird.

    Begriffe wie könnte oder mag spiegeln Situationen wider, in denen wir die Wahrscheinlichkeit nicht abschätzen können, in der Regel deshalb nicht, weil die erforderliche Information fehlt, sie vage oder unvollständig ist. Begriffe wie wir können nicht zurückweisen, wir können nicht ausschließen oder wir können nicht ablehnen spiegeln ein nicht wahrscheinliches, unwahrscheinliches oder ein Ereignis von entfernter Wahrscheinlichkeit wider, dessen Konsequenzen derart sind, daß es eine Erwähnung wert ist.

    Genug. Lieber Leser, seien Sie mir nicht böse, daß ich Ihnen diese Textpassagen zugemutet habe (die, z.B. in ihrer Unterscheidung von Objektebene und Sprachebene, von - ihr zugeordnet - likelihood und confidence schon gewisse philosophische Grundkenntnisse voraussetzen). Ich habe es getan, weil sie den Schlüssel zu dem ganzen Dokument liefern:

    Es ist nämlich ein Kind der Irrtümer, die den US-Geheimdiensten im Vorfeld des Irak- Kriegs unterlaufen sind. So, wie die Einrichtung des DNI selbst eine Antwort auf die tiefe Krise gewesen ist, in die ihre falschen Informationen über die Waffen Saddam Husseins die Dienste gestürzt hat, so ist auch dieser Text Ausdruck der Reaktion auf das damalige Trauma.

    Es liest sich nicht wie die selbstbewußte Lagebeurteilung von Top- Spionagechefs, deren global agierende James Bonds sie mit den Interna aller Regierungen dieser Welt versorgen, sondern eher wie ein Paper von blassen Forschern, die bei ihrer Initiation tief in alle Wasser wissenschaftlicher Vorsicht und Skepsis getaucht worden sind.

    Die da schreiben, sind gebrannte Kinder, die sich dem Feuer jetzt nur noch in Asbest- Kleidung nähern, am einen Arm einen Eimer Löschwasser und in der anderen Hand eine Feuerpatsche.



    Und was sagt nun dieses Dokument über die Nuklearrüstung des Iran? Nichts Gewisses; damit werden Sie, wenn Sie bis hierhin gelesen haben, schon gerechnet haben. Schon gar nicht - wie schon erwähnt - irgend etwas, das Präsident Bush der Lüge überführen würde.

    Sondern es werden einige Einschätzungen vorgenommen, die mit unterschiedlichen Zuverlässigkeits- Prädikaten versehen werden.

    Die (aus meiner Sicht) wichtigsten:
    We judge with high confidence that in fall 2003, Tehran halted its nuclear weapons program, we also assess with moderate- to- high confidence that Tehran at a minimum is keeping open the option to develop nuclear weapons. (...)

    Wir urteilen mit hoher Zuverlässigkeit, daß Teheran im Herbst 2003 sein Atomwaffen- Programm unterbrochen hat, wir stellen ebenso mit mittlerer bis großer Zuverlässigkeit fest, daß Teheran die Option, Atomwaffen zu entwickeln, zumindest offenhält. (...)

    We assess with moderate confidence Tehran had not restarted its nuclear weapons program as of mid-2007, but we do not know whether it currently intends to develop nuclear weapons (...)

    Wir stellen mit mittlerer Zuverlässigkeit fest, daß Teheran sein Atomwaffen- Programm in der Mitte des Jahrs 2007 noch nicht wieder aufgenommen hatte, aber wir wissen nicht, ob es gegenwärtig die Entwicklung von Atomwaffen beabsichtigt (...)

    Iranian entities are continuing to develop a range of technical capabilities that could be applied to producing nuclear weapons, if a decision is made to do so. (...)

    Iranische Einrichtungen entwickeln weiter eine Palette technischer Fähigkeiten, die verwendet werden könnten, um - wenn eine solche Entscheidung getroffen wird - Atomwaffen zu produzieren.

    We do not have sufficient intelligence to judge confidently whether Tehran is willing to maintain the halt of its nuclear weapons program indefinitely while it weighs its options, or whether it will or already has set specific deadlines or criteria that will prompt it to restart the program.

    Wir haben nicht genügend Erkenntnisse, um zuverlässig beurteilen zu können, ob Teheran willens ist, die Unterbrechung seines Atomwaffen- Programms auf unbestimmte Zeit aufrechtzuerhalten, während es seine Optionen abwägt, oder ob es bestimmte Termine oder Kriterien setzen wird oder schon gesetzt hat, die eine Wiederaufnahme des Programms auslösen werden.



    Das ist das Wichtigste, in der gebotenen Kürze. Ich empfehle Ihnen sehr, den ganzen Text dieses Dokuments zu lesen. Und das dann mit dem zu vergleichen, was in den deutschen Medien berichtet wird, was von Kommentatoren landauf, landab behauptet wird.

    Ja, kann man denn überhaupt keinen zuverlässigen Bericht über dieses Dokument lesen? Doch. Zum Beispiel den von Scott Horton in Harper's Magazine.



    Nachtrag: Und - eben entdeckt - von Michael Kreutz im Transatlantic Forum.

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    4. Dezember 2007

    Zitat des Tages: "Aufgrund ihres politischen Engagements in Konflikt mit der Justiz"

    Die "Rote Hilfe e.V." ist eine Solidaritätsorganisation der gesellschaftlichen Linken, die strömungsübergreifend Rechtsbeistand organisiert, wo Menschen aufgrund ihres politischen Engagements in Konflikt mit der Justiz geraten. (...) Daher rufen wir alle Jusos auf, die "Rote Hilfe e.V." zu unterstützen und damit zu zeigen: Die Linke lässt sich nicht spalten!

    Aus einem Aufruf von "Jusos für die Rote Hilfe", unterzeichnet u.a. von einem Mitglied im Landesvorstand der Thüringer Jusos, von drei stellvertretenden Berliner Landesvorsitzenden der Jusos und vom stellvertretenden Juso- Bundesvorsitzender Michael Clivot. - Einige Informationen über die "Rote Hilfe e.V." habe ich kürzlich hier mitgeteilt. - Für den Hinweis auf diesen Aufruf danke ich M. Schneider. - Für eine aktuelle Ergänzung zu den Unterzeichnern des Aufrufs klicken Sie bitte hier.

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    Zettels Meckerecke: PISA, Moslems und die finnische Sauna

    Wenn heute die Ergebnisse der neuen PISA-Studie offiziell bekanntgegeben werden, wird etwas stattfinden oder vielmehr sich aus den letzten Tagen fortsetzen, was inzwischen rituellen Charakter hat:

    Defizite des deutschen Schulsystems werden beklagt werden. Und unweigerlich werden wir zu hören und zu lesen bekommen, diese Defizite lägen wesentlich darin begründet, daß in Deutschland die Schüler zu früh "getrennt", also auf unterschiedliche Schulypen verteilt würden.

    Wir werden gemahnt werden, uns ein Beispiel an Finnland zu nehmen, das wieder bei den Naturwissenschaften am besten abschnitt und wo, wie es gern formuliert wird, die "SchülerInnen gemeinsam lernen".

    Schafft das gegliederte Schulsystem ab, so werden uns viele "Experten" auffordern, und schon wird Deutschland in den PISA- Charts steil nach oben steigen.

    Warum glauben sie das, diese "Experten"? Haben sie Daten, die das belegen oder wenigstens wahrscheinlich machen? Sie haben keine.

    Sie propagieren die Gemeinschaftsschule nämlich gar nicht als Experten, sondern als Ideologen. Sie wollen die Gemeinschaftsschule, weil sie ein egalitäres Gesellschaftsbild haben, dem sie auch im Schulwesen zur Realität verhelfen wollen.



    Ja, aber sind denn die finnischen Schüler nicht wirklich in vielen Bereichen die besten? Ja, das sind sie.

    Und in Finnland wird in der Tat erst relativ spät differenziert, nämlich nach der neunjährigen Primarstufe. (Dann allerdings radikal: Die einen kommen auf eine Berufsschule, die anderen auf eine akademische Schule, die zum Abitur führt).

    Nur folgt daraus ja nicht, daß die finnischen Schüler gut abschneiden, weil erst so spät differenziert wird. Es gibt viele Unterschiede zwischen dem finnischen und dem deutschen Schulwesen, zwischen der deutschen und der finnischen Gesellschaft, die den Leistungsunterschied ebenso gut erklären könnten.

    Was das Schulsystem angeht, so bedeutet eine späte Differenzierung nach Schultypen überhaupt nicht, daß nicht innerhalb desselben Schultyps die Unterschiede groß sein könnten - je nach Wohnbezirk, je nach der sich daraus ergebenden Zusammensetzung der Schülerschaft, je nach dem individuellen Lernangebot der einzelnen Schulen.

    In dieser Hinsicht bietet das deutsche Schulystem wegen der vom jeweiligen Kultusministerium verordneten Lehrpläne gerade sehr wenig Differenzierung; ganz anders als zum Beispiel das amerikanische, in dem unter der gemeinsamen Bezeichnung "High School" die unterschiedlichsten Lernangebote existieren.

    Aber bleiben wir beim Vergleich zwischen Deutschland und Finnland. Der offensichtlichste Unterschied ist, daß Finnland so gut wie keine Einwanderung aus Ländern mit einem niedrigen Bildungsstandard hat. Moslems gibt es in Finnland so wenige, daß das CIA World Factbook sie gar nicht als Religion aufführt; sie gehören zu den 0,1 Prozent "Sonstige". Deutschland dagegen hat 3,7 Prozent Moslems; im Schulalter sind es bedeutend mehr. Deutschland ist das Land mit dem dritthöchsten Prozentsatz an Einwanderern weltweit. Es hat laut World Factbook einen Netto- Einwandereranteil von 2,18 pro 1000 Einwohner. Der finnische beträgt 0,78 pro 1000 Einwohner.

    Oder: In Finnland sind nur 17,5 Prozent der Bevölkerung in der Industrie beschäftigt; in Deutschland sind es 30 Prozent.

    Oder: In Finnland hat fast jede Familie ihre Sauna. In Deutschland nicht.

    Daß die gute PISA-Leistung der finnischen Schüler am häufigen Sauna- Besuch liegt, ist genauso gut möglich, wie daß die späte Differenzierung des Schulsystems dafür verantwortlich ist.

    Im Grunde ist der Zusammenhang bei der Sauna sogar plausibler: Ein Saunabesuch bewirkt bekanntlich eine bessere Durchblutung; auch des Gehirns.

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    Randbemerkung: Warum Putin und Chávez jetzt in einer ähnlichen Lage sind

    Auf den ersten Blick sieht es so aus, als seien Wladimir Putin und Hugo Chávez durch die Voten ihrer Wähler am Sonntag in sehr unterschiedliche Positionen gebracht worden.

    Putin hat einen triumphalen Wahlsieg errungen; er braucht jetzt für seine Zweidrittel- Mehrheit in der Duma noch nicht einmal die Stimmen der "Oppositionspartei" mit Namen "Gerechtes Rußland", die er sicherheitshalber von Getreuen hatte gründen lassen.

    Dem Präsidenten Chávez dagegen scheint der Wind ins Gesicht zu wehen. Unerwartet hat er für seine "Verfassungsreform", die den Sozialismus per Referendum einführen sollte, keine Mehrheit bekommen.



    Bei genauerem Hinsehen wird aber erkennbar, daß Putin und Chávez jetzt in einer sehr ähnlichen Lage sind.

    Beide streben es an, ihr nominell noch demokratisch verfaßtes Land in ein autoritäres System umzuwandeln. Beide wollen die verfassungsmäßigen Restriktionen aushebeln, die ihrer Herrschaft auf unbegrenzte Zeit gegenwärtig noch entgegenstehen.

    Und beide scheinen entschlossen, denselben Weg zu gehen: Kein Putsch, kein offener Verfassungsbruch. Sondern die legale Machtergreifung.

    Wie Putin es fertigbringen wird, zum Herrscher aller Reußen aufzusteigen, hat er uns noch nicht verraten; aber er hat wiederholt betont, er werde sich an die Verfassung halten. Er wird sie wohl ein wenig drücken und dehnen müssen, die Verfassung; vielleicht wird seine Duma sie auch für ihn ändern. Aber gegen die Verfassung verstoßen wird er nicht.

    Chávez' Reaktion auf die knappe Niederlage zeigt dasselbe Bestreben um demokratische Wohlanständigkeit. Er hat diese Niederlage eingeräumt; er war ganz der faire Verlierer.

    "Chavez's Vice President, Jorge Rodriguez, appeared as the night wore on and told reporters, 'We will respect the result, whatever it is.' And, to the astonishment of his opponents, Chavez did", schrieb gestern Time Magazine. Chávez Vizepräsident Rodriguez habe gegenüber Reportern während der Auszählung gesagt: "Wir werden das Resultat anerkennen, egal, wie es lautet". Und zum Erstaunen seiner Gegner habe Chávez just das getan.



    Natürlich bedeutet das nicht, daß dieser Bewunderer Castros nun auf einmal zum Demokraten geworden ist.

    Er wird die cubanischen Agenten nicht nach Hause schicken, die den venezolanischen Geheimdienst kontrollieren und die das venezolanische Militär ausbilden. Agenten, die bereits seit Ende 2004 das gesetzlich verbriefte Recht haben, Venezolaner zu verhaften und gegebenenfalls zur Aburteilung nach Cuba zu bringen.

    Er wird nicht die wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit mit der cubanischen Diktatur stoppen, nicht auf das Ziel einer Konföderation mit dem kommunistischen Cuba verzichten, "zwei Länder in einem", wie er es nennt.

    Aber er kann, dieser begnadete Show Man, jetzt den Demokraten auf die Bretter stellen, der demütig seine Niederlage akzeptiert.

    Denn er hat - anders als Putin, der bis zum 2. März 2008 alles geregelt haben muß - viel Zeit. Er ist gewählt bis zum Jahr 2012. Und das im Januar dieses Jahres verabschiedete Ermächtigungsgesetz gibt ihm noch bis mindestens Mitte 2008 das Recht, mit Notverordnungen zu regieren, in bestimmten Bereichen.

    Bis dahin kann er in Ruhe die neue Taktik für den Übergang zum Sozialismus entwickeln: "... sólo los soldados bisoños creen la causa perdida ante los primeros obstáculos". Nur die noch nicht kampferprobten Soldaten glauben die Sache schon verloren, wenn die ersten Hindernisse auftauchen, sagte er dazu laut der cubanischen Nachrichtenagentur Prensa Latina.

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    3. Dezember 2007

    Randbemerkung: Beten, rauchen, trinken. Oder: Was das Rauchverbot so nach sich zieht

    Ein frommer, zugleich pfiffiger Mensch geht zu einem Priester und fragt ihn: "Hochwürden, darf ich beim Beten rauchen?" - "Natürlich nicht, mein Sohn". Darauf wendet er sich an einen anderen Pfarrer: "Sagen Sie, Hochwürden, ist es verboten, beim Rauchen zu beten?" Nein, muß der Priester sagen, denn das Beten kann er ja nicht gut verbieten.

    An diesen Witz erinnert, was sich jetzt als eine Folge des Rauchverbots in Kneipen abzeichnet:

    Statt daß die Leute beim Trinken rauchen, wie sie es bisher taten, trinken sie einfach beim Rauchen.

    Und das natürlich im Freien, wo sie rauchen dürfen. Also bestellen sie nicht mehr an der Theke ein Helles oder am Tisch der Wirtschaft ein Stöffche, sondern sie besorgen sich den Alkohol im Supermarkt oder an der Tankstelle und trinken ihn im Freien; trinken ihn zum Rauchen.

    So, wie die Penner das schon immer gemacht haben. Denen ist das Bier in der Kneipe zu teuer, oder sie werden dort nicht reingelassen. Jetzt finden sie Nachahmer in biederen Bürgern, die durch das Rauchverbot aus den Kneipen getrieben werden.

    Es ist eine natürliche Reaktion auf staatliche Reglementierung; die normalste Sache der Welt. Wenn der Bürger absurde Gesetze nicht brechen will, bleibt ihm nur übrig, sie zu umgehen.

    Was passiert dann, wenn er das tut, der Bürger? Der Gesetzgeber, die verordnungsberechtigten Behörden machen das, was sie immer machen: Sie schieben Gesetze nach, sie hängen an die absurden Verordnungen neue Verordnungen dran, noch absurder.

    Bis sich pfiffige Bürger wieder was Neues ausdenken, um dieser Regelungwut der Bürokraten zu entkommen. Dem Igel fällt schon immer noch was gegen den Hasen ein.



    Zu den vier Bundesländern, in denen das Rauchverbot in Gaststätten bereits in Kraft ist, gehören Baden- Württemberg und Hamburg. Kein Wunder also, daß dort die ersten Hasen laufen, um ihre Igel einzuholen.

    Wie kürzlich im Filterblog zu lesen war, hat Freiburg im badischen Breisgau bereits ein Verbot verhängt, im Freien Alkohol zu trinken. Es tritt am 1. Januar in Kraft. "Vorläufig" zunächst nur an Wochenenden und nur in einem Teil der Innenstadt.

    Auch das schwäbische Eßlingen, ebenfalls also im Rauchverbots- Land Baden- Württemberg, denkt über ein solches Verbot nach: "Die Esslinger CDU will dem Beispiel der Stadt Freiburg folgen und den Konsum von Alkohol auf öffentlichen Plätzen verbieten. Mit ihrem Antrag im Gemeinderat rennt sie bei der Stadtverwaltung offene Türen ein", meldet die "Eßlinger Zeitung".

    Das Land Hamburg hat das Rauchen nicht nur in Kneipen verboten, sondern so ziemlich überall, wo man es nur verbieten kann. Kein Wunder also, daß Hamburg nun auch, offenbar als erste Stadt im deutschen Norden, den Freiburgern und den Eßlingern zu folgen gedenkt.

    "Hamburg legt die Reeperbahn nachts trocken", meldete vor ein paar Tagen das "Handelsblatt". Ab 1. Mai soll es so weit sein - es sei denn, Tankstellen und sonstige Verkaufsstellen verzichten freiwillig auf den nächtlichen Verkauf von Bier, Wein und Schnaps.



    Und so wird es weitergehen. Die Brüsseler Bürokraten, die deutschen Bürokraten, die grünen Weltverbesserer verbieten und verbieten. Wir Bürger finden Wege und immer neue Wege, um uns ihrem Würgegriff zu entziehen. Aber sie drücken immer fester zu; versuchen es jedenfalls.

    Hase und Igel? Ein besseres biologisches Bild ist vielleicht der evolutionäre Wettlauf zwischen Raubtieren und ihren Beutetieren. Die Raubtiere entwickeln immer neue Fähigkeiten zum Jagen. Die Beutetiere kontern mit immer neuen Tricks, ihnen zu entkommen.

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    Marginalie: Putin - ha, ha, ha!

    Die gestrigen Wahlen in Rußland zu kommentieren wäre ungefähr so ergiebig, wie zu kommentieren, daß die Wolga auch heute durch Rußland fließt.

    Interessant waren nicht diese Wahlen, ist nicht ihr Ergebnis, das vorherzusagen man keine Demoskopen brauchte. Interessant wird sein, wie Putin es in den nächsten Tagen, vielleicht den nächsten Wochen anstellen wird, weiter an der Macht zu bleiben; seine Macht vermutlich noch erheblich auszubauen.



    Vertreiben wir uns also bis dahin die Zeit.

    Womit? Hat jemand eine Idee? Nein? Na, gut, dann schlage ich vor, wir erzählen Putin- Witze.

    Dem Nouvel Observateur sind einige zu Ohren gekommen. Hier sind ein paar, in freier Wiedergabe:
  • Auf einer Versammlung sprechen nacheinander ein Demokrat, ein Kommunist und Putin. Der Demokrat verspricht: "Wer mich wählt, der wird leben wie die Leute in den USA". Der Kommunist sagt: "Wer mich wählt, der wird leben wie in der UdSSR". Putin: "Wer mich wählt, der wird leben ... bleiben".

  • Oben auf einem Wahl-Flyer für Putin stehen dessen Versprechen: "Artikel 1: Die Menschen reich und glücklich machen". Unten steht die Fußnote: "Artikel 1 gilt für folgende Personen: ..."

  • Gestern, am Wahlabend, rief Putin seine Mutter an: "Du kannst mir gratulieren, ich habe die Wahlen gewonnen". - "Ehrlich?" - "Mutter, machst du Witze?"

  • "Warum hat Putin immer so viele Bodyguards zugleich um sich?" - "Wenn es weniger wären, hätten sie Angst vor ihm".


  • Schließen wir, lieber Leser, mit einer ernsthaften Bemerkung: Witze macht das Volk über seine Führung immer erst dann, wenn es merkt, daß es nichts mehr zu lachen hat.

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    2. Dezember 2007

    Zettels Meckerecke: Wann kommen die grünen Lebensmittelkarten?

    Die Internetausgabe der "Süddeutschen Zeitung" meldete gestern Abend, es gebe ein Positionspapier der Bundestags- Fraktion der "Grünen", das es den "Deutschen nahe" lege, "ihren Fleischkonsum drastisch zu reduzieren".

    Das Papier liegt, so meldet es die "Süddeutsche", der Redaktion vor. Es heißt "Bioenergien nachhaltig gestalten", hat 19 Seiten und dürfte in die Geschichte eingehen als das erste Dokument einer Entwicklung in Deutschland, die, wie zur Zeit der alten Lebensmittelkarten, unsere Ernährung staatlicher Kontrolle unterwerfen wird. Jedenfalls, wenn die Grünen wieder einen Anteil an der Regierungsmacht bekommen sollten.

    Warum wollen sie bestimmen, die Grünen, was wir Deutsche essen? Nun, zum einen, weil sie es offenbar als Aufgabe des Staats ansehen, für unsere Gesundheit Sorge zu tragen. Dazu gleich mehr. Und zum anderen - aus Sorge um das Weltklima!

    Ja, denn in "der Landwirtschaft sorgt die Fleischerzeugung für den größten Brocken bei der Entstehung klimaschädlicher Gase", sagte Bärbel Höhn der SZ, einst die gefürchtete Chefin der NRW- Grünen und jetzt im Bundestag in der Fraktion zuständig für "Umwelt & Energie, Verbraucher & Agrar, Verkehr & Bau, Tourismus, Sport". So heißt der Fraktionsarbeitskreis, dem sie vorsteht.

    Was nun unsere Gesundheit angeht, haben die Grünen klare Vorstellungen, was zu tun ist. "Vielfältige gesundheitliche Folgeprobleme" seien, was das Fleisch angeht, mit unserem "Konsummuster verbunden."

    Dieses "Konsummuster", vulgo Fleischverzehr, sieht nämlich so aus, daß wir rund 1,5 kg Fleisch pro Woche essen. Die Grünen halten in ihrem Positionspapier 300 g für richtig. Das ist ungefähr ein viertel Schnitzel oder eine drittel Bratwurst am Tag.



    Übertreibe ich, wenn ich von diesem "Positionspapier" gleich zur Einführung von Lebensmittelkarten extrapoliere? Ja, schon. Aber nicht sehr.

    Wer, sagen wir, im Jahr 1977 prophezeit hätte, daß dreißig Jahre später in deutschen Eckkneipen das Rauchen verboten sein würde, daß Personalchefs die Unterlagen von Bewerbern nur nach Schwärzung des Vornamens und Entfernung des Lichtbilds vorgelegt bekämen, damit sie gegen den Vorwurf der Diskriminierung abgesichert sind - den, der dergleichen damals vorhergesagt hätte, den hätte man für einen spinnerten Apokalyptiker gehalten.

    Wenn eine Bundestagsfraktion ein Positionspapier erarbeitet, dann tut sie das ja nicht einfach so. Sondern dann will sie das, was darinsteht, "umsetzen".

    Also in die Form von Gesetzen, von Verordnungen kleiden.

    Gewiß wird es nicht gleich ein Gesetz geben, das es unter Strafe stellt, mehr als 300 g Fleisch in der Woche zu essen. Gewiß werden zur Kontrolle unseres Fleischkonsums nicht gleich Lebensmittelkarten eingeführt werden. Aber es geht auch anders. Hier ein paar Anregungen für die Bundestagsfraktion der Grünen:
  • Kantinen und sonstige Gemeinschaftsküchen werden verpflichtet, nicht mehr als 300 g Fleisch pro Woche anzubieten. Mindestens zwei Drittel der Gerichte müssen fleischlos sein.

  • Die auf den Speisekarten von Restaurants angebotenen Gerichte müssen mindestens zu zwei Dritteln fleischlos sein.

  • Imbisse dürfen Bratwurst, Currywurst und Döner nur dann verkaufen, wenn sie mindestens dieselbe Zahl fleischloser Produkt zu einem niedrigeren Preis anbieten (z.b. Bio- Brötchen mit Tofu).

  • Auf Fleisch wird eine Sondersteuer nach dem Vorbild der Energiesteuer erhoben.

  • Für Schweine- und Rindermästung werden alle Subventionen gestrichen. Bauern, die von der Fleischproduktion auf Getreideproduktion umsteigen, erhalten Steuervergünstigungen.

  • In Metzgereien, den Fleischabteilungen von Supermärkten usw. müssen Schilder aufgehängt werden: "Vorsicht! Mehr als 300 g Fleisch pro Woche schaden Ihrer Gesundheit!". Entsprechende Aufkleber sind auf verpacktem Fleisch anzubringen.
  • Das sind nur ein paar Anregungen. Die ExpertInnen der Grünen werden sicher manches hinzufügen können.



    Ja, aber essen wir denn nicht wirklich zu viel Fleisch, wir Deutsche? Stimmt es denn nicht, daß man sechs bis zehn pflanzliche Kalorien bei der Fütterung von Tieren braucht, um eine Kalorie Fleisch zu erzeugen, daß also eine fleischlose Ernährung eine günstigere Energiebilanz hat? Tragen denn nicht Rinderherden zum Treibhausgas Methan bei?

    Ja, so ist es. Und ergo kann jeder sich überlegen, ob es nicht besser wäre, er würde weniger Fleisch essen.

    Man kann eben zum Fleischverzehr sehr unterschiedlich stehen. In unserer Familie gibt es eher wenig Fleisch, dann aber sehr gutes. Andere mögen täglich ihr Steak oder Schnitzel oder leben vegetarisch. Die Geschmäcker sind halt verschieden.

    Nur, was geht es die Bundestagsfraktion der Grünen an, wieviel Fleisch wir essen?

    Glauben sie denn, sie hätten das Recht, uns Bürgern alles das per Gesetz oder Verordnung aufzuzwingen, was sie für gesund und klimafreundlich halten? Haben sie denn überhaupt keine Achtung vor der Freiheit des Einzelnen, diese Grünen?

    Nein, sie haben keine. Jedenfalls nicht mehr. Diese Leute, die einmal so etwas wie eine Partei der Bürgerfreiheit sein wollten, sind inzwischen im Begriff, ein totalitäres Verständnis von Politik zu entwickeln.



    Orwell hatte sich in "1984" den totalitären Staat der Zukunft als einen vorgestellt, der seine Bürger überwacht und mit falschen Informationen versorgt. Was er sich nicht ausgemalt hat, ist etwas mindestens genauso Freiheitsfeindliches: Ein Staat, der bis hin zum Essen festlegt, wie seine Bürger zu leben haben.

    Noch nicht einmal die Herrschenden der DDR haben es gewagt, ihren Bürgern vorzuschreiben, wieviel Fleisch sie essen dürfen. Es "gab" nicht viel Fleisch; jedenfalls nicht viel gutes, Aber das lag an der materiellen Basis, nicht am ideologischen Überbau.

    Wie lange dauert es wohl noch, bis die Bundestagsfraktion der Grünen uns vorschreiben will, wie wir beim Geschlechtsverkehr zu liegen, zu stehen oder zu sitzen haben?

    Das könnten sie dann wenigstens zu Recht ein "Positionspapier" nennen.

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    Zitat des Tages: Verdächtig

    Dass die Sozialdemokraten eine klare Abgrenzung zur Linkspartei verweigern, ist verdächtig.

    Der niedersächsische Ministerpräsident und stellvertretende CDU- Vorsitzende Christian Wulff in "Bild am Sonntag".

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    1. Dezember 2007

    Zettels Meckerecke: Warum war Juso-Chefin Drohsel Mitglied der "Roten Hilfe"?

    Die neue Juso-Vorsitzende Franziska Drohsel ist, so steht es auf der WebSite der Berliner SPD, Mitglied der "Roten Hilfe" sowie der Gewerkschaft "ver.di".

    Das stimmt inzwischen nur noch zur Hälfte. Denn wie der "Spiegel" in einer Vorabmeldung berichtet, ist Franziska Drohsel aus der "Roten Hilfe" ausgetreten.

    Interessant erscheint mir weniger, warum sie ausgetreten ist (weil sie nicht wolle, daß "die Jusos nicht auf Grund ihrer politischen Positionen, sondern wegen meiner privaten Mitgliedschaft bei der Roten Hilfe wahrgenommen werden"). Interessant erscheint mir allerdings, warum sie denn dort eingetreten ist.



    Wer ist diese "Rote Hilfe"? Wenn man in der deutschen Wikipedia nachsieht, dann findet man zu diesem Stichwort eine Reihe von Artikeln. Wir lesen dort:
    Rote Hilfe bezeichnet

    * die bundesdeutsche Organisation Rote Hilfe e.V.
    * die Rote Hilfe Deutschlands (RHD) der Weimarer Republik
    * die Internationale Rote Hilfe (IRH) als Gründung der Komintern
    * die Rote Hilfe e.V. (1973–1979 Hilfsorganisation der Kommunistischen Partei Deutschlands)
    Franziska Drohsel gehörte offenbar der ersten dieser genannten Organisationen an. Wer ist diese "Rote Hilfe e.V."?

    Unter ihrem Signet - zwei miteinander verschlungen Armen, die Fäuste geballt - lesen wir:
    Die Rote Hilfe ist eine Solidaritätsorganisation, die politisch Verfolgte aus dem linken Spektrum unterstützt. (...) Zu politischen Gefangenen halten wir persönlichen Kontakt und treten dafür ein, daß die Haftbedingungen verbessert, insbesondere Isolationshaft aufgehoben wird; wir fordern ihre Freilassung. (...) Ist es der wichtigste Zweck der staatlichen Verfolgung, (...) durch exemplarische Strafen Abschreckung zu bewirken, so stellt die Rote Hilfe dem das Prinzip der Solidarität entgegen und ermutigt damit zum Weiterkämpfen.
    Deutlicher geht's eigentlich nicht: Diese "Rote Hilfe e.V." ist eine Organisation, die denjenigen hilft, die aus politischen Gründen Gesetze brechen. Politkriminellen also. Leuten, die aus politischen Motiven straffällig geworden sind und die dafür nun vor Gericht stehen oder ihre Strafe absitzen. Leuten, die laut Text der "Roten Hilfe" aber nicht Straftäter sind, sondern "politisch Verfolgte" und "politische Gefangene".

    Damit meint die "Rote Hilfe" offenbar nicht nur Autonome, die Steine werfen, auf Polizisten einschlagen oder Autos, wie sie das nennen, "abfackeln". Sondern - die Verwendung des Worts "Isolationshaft" weist schon darauf hin - die Fürsorge der "Roten Hilfe" galt zumindest in der Vergangenheit auch den politisch motivierten Mördern der RAF. Jedenfalls sagt dies das Innenministerium von NRW.



    Sehr viele Mitglieder hat diese "Rote Hilfe" nicht; bundesweit sind es laut NRW-Innenministerium gerade mal 4000. Zu diesen 4000 gehörte also bis jetzt die neue Vorsitzende der Jusos.

    Was hat sie dazu veranlaßt, Mitglied dieser Organisation zu werden? Laut Vorabmeldung des Spiegel erklärt sie das so: "Ich bin in die Rote Hilfe eingetreten, weil ich es richtig und wichtig finde, dass jeder Mensch das Recht auf Verteidigung hat. Vereine wie die Rote Hilfe tragen dazu bei, dass Menschen, die mittellos sind, einen guten Rechtsbeistand bekommen."

    Offenbar hat sie die Rote Hilfe mit dem Weissen Ring verwechselt, die neue Vorsitzende der Jusos. Die übrigens ihr Jura- Studium mit dem Ersten Staatsexamen abgeschlossen hat und derzeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin Rechtswissenschaft an der Humboldt-Universität lehrt.

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