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25. August 2009

Marginalie: "Mit mir ist zu rechnen! Physikerinnen machen Karriere". Neues zum Fall der "Atomexpertin" Oda Becker

Am Sonntag schrieb ich einen Artikel, in dem es um ein Gutachten zum KKW Krümmel ging. In diesem Gutachten heißt es laut einer Meldung in "Spiegel- Online", daß in Krümmel "die erhöhte Gefahr" bestehe, daß es "zu einem schweren Unfall" komme. Fazit der Gutachterin: "Zum Schutze der Bevölkerung ist daher von einer erneuten Inbetriebnahme abzuraten."

In dem Artikel habe ich mich mit der Qualifikation dieser Gutachterin, Oda Becker, auf dem Gebiet der Reaktorsicherheit befaßt. Das Ergebnis war, daß diese Qualifikation, soweit ich es ermitteln konnte, null ist: Sie hat weder jemals im Bereich der Reaktorsicherheit gearbeitet noch dazu irgendwelche wissenschaftlichen Publikationen vorgelegt. Sie hat, soweit ich herausfinden konnte, überhaupt noch nie einen wissenschaftlichen Artikel publiziert.

Ich hatte dieses vorläufige Fazit mit der Bitte an die Leser verbunden, es mir mitzuteilen, wenn ihnen wissenschaftliche Publikationen von Oda Becker bekannt geworden seien. Hier die bisherigen Reaktionen.



In "Zettels kleinem Zimmer" berichtet Dagny, Doktorandin in Physik und Autorin beim Antibürokratieteam, daß in der Datenbasis PROLA der American Physical Society keine einzige Publikation von Oda Becker zu finden ist; ebensowenig in einer entsprechenden Datenbank für europäische Publikationen.

Fündig geworden ist hingegen Stefanolix , der in seinem Blog auf einen Workshop hinweist, den Oda Becker im Oktober 2004 geleitet hat. Titel: "Der Schlüssel zum Erfolg. Soft Skills für Physikerinnen". Die PDF-Datei enthält die Folien zu dem Vortrag. Hier das Programm:
Freitag
16:00 Organisatorische Fragen und inhaltliche Einstimmung
17:00 Einführung in "Softskills" und ihre Bedeutung für den Berufsalltag
19:30 Spielerischer Einstieg in das Thema "Rhetorik"

Samstag
09:00 Theorie und Praxis der Rhetorik (Gründe der Redeangst und Interventionsstrategien, kleine Übungen)
11:00 Kommunikationstheorien (4-Ohren Modell, Transaktionsanalyse)
12:00 Geschlechtsspezifische Kommunikationsunterschiede
14:00 Nonverbale Kommunikation
15:00 Analyse von Gesprächssituationen
16:00 Analyse von Gesprächssituationen (Rollenspiele)

Sonntag
09:00 Auseinandersetzung mit "Macht", "Erfolg", und "Bluffen"
10:00 Zeitmanagement (Teil 1)
11:00 Zeitmanagement (Teil 2)
12:15 Abschlussrunde
Also das Standardprogramm eines Kurses "Rhetorik für Frauen".

Und dann ist da noch ein besonders hübscher Fund, über den in "Zettels kleinem Zimmer" Juno und Gorgasal berichten:

Der einzige bisher zu ermittelnde Vortrag, den Oda Becker auf einer wissenschaftlichen Tagung gehalten hat, fand am 7. Februar 2003 auf einer Veranstaltung des Arbeitskreises Chancengleichheit in der Deutschen Physikalischen Gesellschaft statt.

Titel der Veranstaltung: "Mit mir ist zu rechnen! Physikerinnen machen Karriere". Titel des Vortrags von Oda Becker: "Nicht nur die fachliche Qualifikation zählt".

Wohl wahr.



Sie werden sich, lieber Leser, vielleicht gefragt haben, warum ich den am Sonntag erschienenen Artikel in die Reihe "Deutschland im Öko- Würgegriff" gestellt habe, in der es sonst überwiegend um Einschränkungen unserer Freiheit durch Umweltzonen, Glühbirnenverbot, zwangsweise verordnete Solardächer und dergleichen geht.

Ich habe es deshalb getan, weil das Bemerkenswerte an dem Fall Oda Becker ist, daß er nicht als der Fall Oda Becker wahrgenommen wird. Wer im Namen von Öko auftritt, der ist offenbar automatisch gegen jede Kritik in der Öffentlichkeit immunisiert. Auch das ist ein Aspekt - und nicht der geringste - des Öko- Würgegriffs, dem wir zunehmend ausgesetzt sind.

Stellen Sie sich einmal vor, Vattenfall hätte ein Gutachten vorgelegt, das Krümmel einen guten Sicherheitsstandard attestiert.

Und dann hätte sich herausgestellt, daß dieses Gutachten nicht von einem Experten für Reaktorsicherheit angefertigt wurde, sondern von einem nicht promovierten Diplom- Physiker, der niemals etwas mit Reaktorsicherheit zu tun hatte, der nie auch nur eine einzige wissenschaftliche Arbeit publiziert hat, der aber im Bereich "Wie mache ich erfolgreich Karriere?" engagiert ist.

Nicht wahr, das wäre ein Skandal, der die Medien kräftig beschäftigen würde. Die Bundestagsfraktion von Bündnis 90 / Die Grünen aber darf sich so etwas erlauben, und sie kommt damit durch.

Oda Becker, die nichts vorzuweisen hat als ein Diplom in Physik, darf als "Expertin" für Reaktorsicherheit auftreten und gutachten, und niemand widerspricht. Ebenso könnte ein Biologe, der seine Diplomarbeit in Ornithologie geschrieben hat und der nie einen Fuß in ein Krebszentrum gesetzt hat, mit einem Gutachten über ein neues Verfahren der Tumordiagnostik betraut werden.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

23. August 2009

Deutschland im Öko-Würgegriff (18): "Erhöhte Gefahr eines schweren Unfalls in Krümmel". Eine Expertin gutachtet

Gestern berichtete das Ressort "Wissenschaft und Technik" von "Spiegel- Online", laut einem neuen Gutachten über das KKW Krümmel bestehe dort, "verursacht durch die mangelhafte Sicherheitskultur des Betreibers, die erhöhte Gefahr, dass eine Kombination aus Bedienungsfehlern und technischen Fehlern zu einem schweren Unfall" führt. "Zum Schutze der Bevölkerung ist daher von einer erneuten Inbetriebnahme abzuraten."

Das ist ein schwerwiegendes Urteil in einem Gutachten. Wenn ein Experte für Reaktorsicherheit derartig über Krümmel urteilt, dann hat das ein anderes Gewicht, als wenn es Politiker sagen. Es bedeutet vernünftigerweise das Ende dieses KKW. Niemand kann es verantworten, ein Kraftwerk weiter zu betreiben, in dem die erhöhte Gefahr eines schweren Unfalls besteht.

Ob ein KKW sicher ist, das ist trivialerweise eine Frage, für den der Forschungsbereich Reaktorsicherheit zuständig ist. Auf diesem Gebiet der Ingenieurwissenschaften ist Deutschland weltweit führend. Umso schwerer wiegt das Urteil eines deutschen Experten.

Lehrstühle und Institute, die speziell zur Reaktorsicherheit forschen, gibt es beispielsweise an der TH Aachen (Prof. Dr. Hans- Josef Allelein), der TU München (Prof. Dr. Adolf Birkhofer), der Universität- TH Karlsruhe (Prof. Dr. D. G. Cacuci) und am Forschungszentrum Karlsruhe.

Wer ein Gutachten zur Sicherheit eines KKW haben möchte, der hat also zahlreiche Experten zur Verfügung; den jeweiligen Lehrstuhlinhaber sowie seine Mitarbeiter, soweit sie durch ihre Forschungsarbeiten hinlänglich ihre Sachkenntnis unter Beweis gestellt haben.



Laut der zitierten Meldung wurde das Gutachten von der Bundestagsfraktion von Bündnis 90 / Die Grünen in Auftrag gegeben. Welche deutsche Universität, die über einen Lehrstuhl für Reaktorsicherheit verfügt, haben die Grünen mit dem Gutachten beauftragt?

Gar keine. Sie haben das Gutachten bei Oda Becker bestellt.

Wer ist Oda Becker? Das ist gar nicht so leicht herauszufinden. Ich habe einigermaßen lang recherchiert, und das Ergebnis war dürftig, recht dürftig in der Tat.

Sie wird in Pressemeldungen als "Hannoveraner Physikerin" bezeichnet. Aber in Hannover gibt es gar keine Technische Hochschule und auch sonst keine Einrichtung, die über Reaktorsicherheit forscht. Wo also ist Oda Becker tätig, an welchem Institut ist sie Professorin?

Professorin ist sie gar nicht. Promoviert ist sie auch nicht. Jedenfalls habe ich keine Quelle gefunden, wo sie mit Doktortitel aufgeführt wäre; stets nur als Diplom- Physikerin. An einem Universitäts- Institut ist sie ebenfalls nicht tätig. Sondern sie arbeitet an der Fachhochschule Hannover. Diese hat weder einen Lehrstuhl noch ein Institut für Reaktorsicherheit.

Oda Becker ist an der Fakultät I beschäftigt. Das ist die Fakultät für Elektro- und Informationstechnik. Nukleartechnik kommt dort nicht vor, also auch nicht Reaktorsicherheit.

An dieser Fakultät ist Oda Becker laut Personalverzeichnis "V-Prof.". Das heißt vermutlich "Vertretungsprofessorin". Die übliche Bezeichnung für dieses Amt ist "Lehrstuhlvertreter". Lehrstuhlvertreter sind Wissenschaftler, die bisher keinen Ruf auf eine Professur bekommen haben und die vorübergehend eine nicht besetzte (vakante) Stelle vertreten. Üblicherweise wird dafür an einer Universität die Habilitation verlangt; Fachhochschulen mögen es anders handhaben. Wenn es stimmt, daß Frau Becker nicht promoviert ist, kann sie allerdings auch nicht habilitiert sein.



Nun gut, werden Sie vielleicht sagen, das sind Äußerlichkeiten. Es ist zwar nicht klar, wie man über Reaktorsicherheit forschen kann, wenn man das nicht in einem Team an einem einschlägigen Lehrstuhl oder Institut tut; aber vielleicht hat Oda Becker ja im Ausland geforscht, bevor sie nach Hannover ging?

Was ein Wissenschaftler geforscht hat, das kann man seinem Publikationsverzeichnis entnehmen. Also habe ich herauszufinden versucht, was Oda Becker denn publiziert hat. Beim Internetauftritt der FH Hannover - Fehlanzeige. Also Google scholar, eine spezielle Suchmaschine für wissenschaftliche Arbeiten.

Dort finden sich einige Texte, bei denen Oda Becker als Mitautorin auftritt - aber darunter keine einzige Arbeit, die in einer Fachzeitschrift, als Publikation einer Akademie der Wissenschaften oder sonst in einem wissenschaftlichen Publikations- Organ erschienen wäre!

Es handelt sich im wesentlichen um einen Text für Greenpeace, sodann dessen Übersetzung ins Portugiesische, um einen Text unbekannten Publikationsorts, der von den Grünen Delmenhorst ins Netz gestellt wurde, und schließlich um einen Vortrag auf dem "23. Kongress Frauen in Naturwissenschaft und Technik", dessen Text offenbar nicht publiziert wurde.

Das ist es. Publikationen in Fachzeitschriften: null. Eigene wissenschaftliche Untersuchungen: null.

Ich habe bei allen Recherche- Bemühungen keinen Hinweis darauf gefunden, daß Oda Becker auch nur irgenwann in einem Institut für Reaktorsicherheit gearbeitet hätte. Wissenschaftliche Publikationen sind von ihr auch außerhalb des Gebiets der Reaktorsicherheit nicht zu ermitteln; jedenfalls ist mir das trotz gründlichen Suchens nicht gelungen.

Nach allem, was ich herausfinden konnte, hat Oda Becker in keiner Weise die Voraussetzungen dafür, über Reaktorsicherheit überhaupt auf einem wissenschaftlichen Niveau urteilen zu können; geschweige denn, daß sie die Kompetenz nachweisen kann, die man von einem Gutachter erwartet. Sie hat keine Ausbildung in Reaktorsicherheit. Sie hat auf diesem Gebiet weder geforscht noch publiziert.

Jedenfalls nach allem, was ich herausfinden konnte, um das noch einmal zu sagen. Falls Sie, lieber Leser, wissenschaftliche Publikationen von Frau Becker aus dem Bereich der Reaktorsicherheit finden sollten, bitte ich um Mitteilung (die Mailadresse finden Sie, wenn Sie oben rechts auf das Foto klicken). Ich werde das dann sofort nachtragen.



Was also veranlaßt die Bundestagsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen, jemanden mit einem Gutachten zu einem immerhin doch sehr wichtigen Thema zu beauftragen, der dafür jedenfalls weit schlechter qualifiziert ist als die zahlreichen Experten, die an den Universitäten zu diesem Thema forschen?

Hat Oda Becker vielleicht andere Qualifikationen? Wenn man sich die Fundstellen ansieht, die die Personensuchmaschine "Yasni" liefert, dann springt vor allem eines ins Auge: Sie ist offenbar eine Gegnerin der friedlichen Nutzung der Atomkraft.

Sie hat für den Bund Naturschutz und Umwelt gegutachtet. Sie trat auf einer Pressekonferenz von "Greenpeace" auf, wo sie als "Atom- Sachverständige" vorgestellt wurde. Das Gutachten für Greenpeace habe ich schon erwähnt. Sie war bei der Grünen Jugend Hannover zu Besuch, die sie als "bekennende Anti- AKWlerin" vorstellt.

Das ist sie wohl, die Oda Becker, bekennend. Nur wird man durch Bekennen nicht zum Sachverständigen.



Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen bisherigen Folgen dieser Serie findet man hier. Titelvignette: Public Domain.

7. Juli 2009

Was ist eigentlich im Kernkraftwerk Krümmel genau passiert? Wie gefährlich war es? Nebst einer Bemerkung über eine Hose, die nicht rutscht

Die Lage scheint wirklich dramatisch zu sein. "Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) will den Bundesländern nach der weiteren Panne im Kernkraftwerk Krümmel die Aufsicht über die Atomkraftwerke entziehen", meldet zum Beispiel die FAZ.

Nicht wahr, einen solchen radikalen Schritt wird ein Minister doch nur dann tun, wenn eine Notlage entstanden ist? Wenn das AKW Krümmel kurz vor einem GAU stand; jedenfalls etwas sehr Gefährliches passiert ist? So gefährlich, daß das Sozialministerium des Landes Schleswig- Holstein als Aufsichtsbehörde versagt hat und also der Bund ihm die Kompetenz für die Aufsicht entziehen muß?

Rhetorische Fragen, das haben Sie gemerkt. Nichts Ernsthaftes ist in Krümmel passiert. Dieser Minister, der mit seiner absurden Überreaktion wieder einmal zeigt, daß er für ein hohes Amt ungeeignet ist, nutzt einen unbedeutenden Vorfall schamlos aus, um für die SPD Wahlkampf zu machen.

Was er auch gar nicht verheimlicht. Die "Welt" gestern in ihrer Online-Ausgabe:
Im ARD-"Morgenmagazin" zog Gabriel zudem eine Verbindung zur Bundestagswahl. "Am 27. September entscheiden die Deutschen darüber, ob dieser Reaktor und sieben weitere länger betrieben werden, wie es CDU/CSU und Kanzlerin Merkel vorgeschlagen haben. Oder ob wir in der nächsten Periode insgesamt acht dieser schwierigen Reaktoren endlich abschalten können", sagte er.



Wie ist der Vorfall abgelaufen? Ich empfehle dazu die Erläuterungen von Calimero, der sich mit der Technik von Kraftwerken auskennt, in "Zettels kleinem Zimmer".

Man muß unterscheiden zwischen der primären Störung und der Reaktion des Systems auf diese Störung, nämlich die Schnellabschaltung des Reaktors.

Die primäre Störung war ein Kurzschluß in einem von zwei Transformatoren, die - man kann das zum Beispiel in der FAZ nachlesen - den im Reaktor erzeugten Strom auf die im Verteilnetzung herrschende Spannung von 380 Kilovolt transformieren.

In einem solchen Transformator hatte es vor zwei Jahren einen Brand gegeben; und deshalb war das AKW Krümmel zwei Jahre stillgelegt worden. Nicht etwa, weil die Reparatur so lange gedauert hätte. Sondern - man glaubt es nicht, aber bei Calimero ist es dokumentiert -, weil Wartungsbühnen für Notstromdiesel mit Dübeln versehen gewesen waren, die nicht den Spezifikationen entsprachen. Die zwar durchaus ihren Dienst taten; aber der betreffende Typ war eben nicht in der Spezifikation aufgelistet gewesen.

In einem Transformator also trat jetzt der Kurzschluß auf. Die Ursache ist bisher unbekannt. Calimero weist auf die Möglichkeit dessen hin, was man intern "Kaputtwarten" nennt: Ein Aggregat, das immer wieder auseinander genommen und neu zusammengesetzt wird, leidet irgendwann darunter und wird unzuverlässiger.

Wie dem auch sei - der Kurzschluß hatte die zu erwartende Folge, daß es zu einer Ölundichtheit kam, die aber keinen Schaden anrichtete. Die Sicherheitsvorrichtungen funktionierten. Sie sind redundant ausgelegt. Bereits die erste (Diff- Schutz) sprach an; wenn nicht, dann hätte eine zweite (Buchholz- Schutz) zur Verfügung gestanden.

Nun zur Schnellabschaltung des AKW. Auch sie funktionierte. "Die nukleare Kettenreaktion wurde unterbunden, die Leistung des Reaktors auf rund 5 Prozent der thermischen Leistung des Normalbetriebs verringert", schreibt die FAZ.

Allerdings kam es zu zwei kleineren Problemen, wie sie - schreibt Calimero - in solchen technischen Systemen, die schließlich nicht unter Laborbedingungen arbeiten, nichts Ungewöhnliches sind.

Zum einen, so ist es hier nachzulesen, sind "zwar alle 205 Steuerstäbe hydraulisch eingeschossen worden. Bei einem dieser Steuerstäbe sei allerdings die Mutter, die den Stab zusätzlich fixieren soll, nicht elektrisch nachgelaufen". Ein defektes Elektronik- Teil wurde ausgetauscht, und dann war auch dieser Brennstab ordungsgemäß fixiert.

Sodann waren die Kühler der Reaktorwasser- Reinigung ausgefallen. Nicht etwa die des Reaktorwassers selbst. Unbedeutend, schreibt Calimero, denn wenn "diese Reinigung mal für ein paar Stunden ausfällt, ist das Inhaltswasser deshalb trotzdem noch 'rein'. (...) Das ist prinzipiell zwar zu vermeiden, aber nicht sicherheitsrelevant".



So, lieber Leser. Und nun lesen Sie bitte, was "Bild" meldet:
Michael Müller (SPD), Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesumweltministerium, ist alarmiert und schließt einen atomaren GAU (größter abzunehmender Unfall) – ähnlich wie in Tschernobyl ­– in einem deutschen Kernkraftwerk keineswegs aus. (...)

Auch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) rechnet offenbar mit dem Schlimmsten. Die Behauptung der Atomindustrie, in Deutschland stünden die sichersten Kraftwerke, sei falsch. (...)

"Die sieben ältesten Atommeiler und der Reaktor in Krümmel sind in der Pannenstatistik derart auffallend, dass sie sofort abgeschaltet werden müssen", fordert der Energiereferent der Umweltorganisation Robin Wood, Dirk Seifert.
In Wahrheit sind AKWs ja nicht deshalb so sicher, weil es in ihnen nicht - wie in jedem technischen System - einmal zu einer Störung kommen könnte. Sondern weil sie über so zahlreiche und so redundante Sicherheitsvorrichtungen verfügen, daß solche Störungen ohne schwerwiegende Folgen bleiben.

Die jetzige Störung in Krümmel war eine Störung der Stufe INES 0. Diese ist die überhaupt leichteste Stufe und ist definiert als "Ereignis ohne oder mit geringer sicherheitstechnischer Bedeutung". Diesem Ereignis sind die Sicherheitsvorrichtungen so begegnet, wie das vorgesehen ist. Noch einmal Calimero:
Je wichtiger eine Anlage ist, desto besser ist sie durch Redundanzen abgesichert. In Kernkraftwerken geht man da noch einen Schritt weiter. Während es bei uns "fossilen" heißt, dass man zur gut sitzenden Hose nicht nur einen Gürtel, sondern auch Hosenträger benutzt, wird in KKW auch noch ein Strick und gegebenenfalls ein zweiter Gürtel um die Hose gewickelt.
Also rutscht sie nicht, die Hose.



Für Kommentare bitte hier klicken. Mit herzlichem Dank an Calimero. Titelvignette: Das Kernkraftwerk Krümmel. Vom Autor Quartl unter Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0 License freigegeben.

13. Juli 2008

Die Deutschen und das Atom (7): Deutsche Irrationalität, französische Rationalität

Was viele Franzosen an uns Deutschen, ihren Voisins d'Outre- Rhin - den Nachbarn am anderen Ufer des Rheins - zugleich fasziniert und beunruhigt, das ist das, was sie als unsere Irrationalität wahrnehmen.

Deutsche, so sehen sie es, erwägen oft nicht nüchtern die Vor- und Nachteile einer Entscheidung, sondern sie lassen sich von vagen Gefühlen oder, noch schlimmer, von "Prinzipien" leiten. "Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun", also ohne Vernunft - das ist für viele Franzosen der Schlüssel zum Verständnis von uns Deutschen.

Wer sich in Frankreich ein wenig in der deutschen Kulturgeschichte auskennt, der sieht da leicht eine lange und verzweigte Entwicklungslinie - von den Exaltiertheiten des "Sturm und Drang" über die Romantik und Nietzsche bis hin zum Expressionismus und zur Blut- und- Boden- Ideologie. Und bis hin zu der Bedeutung, die heute in Deutschland nicht nur die Partei "Die Grünen" hat, sondern eine grüne "Weltanschauung" (im Französischen ein Fremdwort), die weit über diese Partei hinaus ihre Anhänger hat.

Auch in Frankreich gibt es eine Partei der Grünen. Ihre Kandidatin, Dominique Voynet, hat bei den Wahlen 2007 zur Präsidentschaft gerade einmal 1,57 Prozent der Stimmen bekommen; und das als gemeinsame Kandidatin der Partei der Grünen und eines Zusammenschlusses von Regionalparteien, von Korsika bis in die Bretagne.

Daß in Deutschland "Die Grünen" eine Partei mit um die zehn Prozent Stimmenanteil sind; daß sie gar einmal den Außenminister stellen konnten und daß sie mit ihren Themen weitgehend die politische Diskussion in Deutschland bestimmen - das ist aus der Sicht vieler Franzosen Ausdruck dieser seltsamen deutschen Irrationalität und Prinzipienreiterei.



Bei kaum einem Thema wird dieser Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland so deutlich wie in der Atompolitik.

In Frankreich hat es im AKW Trigastin vor knapp einer Woche einen Unfall gegeben, bei dem radioaktiv verseuchtes Wasser in die Umwelt gelangt ist.

Nach Angabe der Betreibergesellschaft Socatri handelte es sich um Flüssigkeit, die 224 kg nicht angereichertes Uran enthielt. Davon seien allerdings nur 74 kg in die Flüsse gelangt, während 150 kg auf dem Gelände der Gesellschaft verblieben.

74 Kilo Uran in den Flüssen! Es gehört wenig Phantasie dazu, sich die Reaktion vorzustellen, wäre so etwas Entsetzliches in Deutschland passiert. Hier in Deutschland, wo es zB die "heute"-Sendung des ZDF bereits eine Meldung unter den Hauptnachrichten wert ist, wenn in Schweden auf dem Dach eines Gebäudes außerhalb des Containment eines Reaktors ein paar Minuten lang Dachpappe gebrannt hatte.

In Deutschland hätte ein Unfall, als dessen Folge kiloweise Uran durch die Flüsse in der Umgebung einer Kernanalage treibt, eine wochenlange Grundsatzdebatte ausgelöst.

Und in Frankreich? Nach ein paar Tagen war das Thema kaum noch irgendwo in den Medien zu finden. In Paris fand gestern eine Demonstration einer Gesellschaft namens Sortir du Nucléaire (Ausstieg aus der Kernenergie) statt, an der "einige Tausend" (nach Angaben der Veranstalter ganze 7000) Personen teilnahmen. Keine maßgeblichen Vertreter von Gewerkschaften oder Parteien sprachen; selbst die Kommunisten sind in Frankreich für die friedliche Nutzung der Kernenergie.



Liegt es nur an dieser Irrationalität der Deutschen, die unsere Nachbarn jenseits des Rheins so staunen läßt, daß wir auch zur Kernkraft ein so irrationales Verhältnis haben? Nein, nicht nur.

Jedenfalls spielt im Fall der Atomkraft nicht nur dieses Rumoren in den Hinterstübchen der deutschen Volksseele eine Rolle, diese Neigung, an jedem Horizont gleich eine Götterdämmerung zu entdecken. Sondern es gibt eine konkrete historische Entwicklung. Eine Entwicklung, die man natürlich ihrerseits - "letzten Endes", auch so eine sehr deutsche Formulierung - auf diese irrationale Seite des deutschen Volkscharakters zurückführen kann.

Ich habe in den ersten vier Folgen dieser Serie beschrieben, wie aus dem Erlebnis des Zweiten Weltkriegs heraus die Bewegung "Kampf dem Atomtod" entstand, die sich zunächst ausschließlich gegen Atomwaffen richtete, und wie diese zunehmend unter linke, überwiegend kommunistische Kontrolle geriet.

Diese Bewegung war eine der wichtigsten Keimzellen der APO, der Außerparlamentarischen Opposition Ende der sechziger Jahre, aus der wiederum die Studentenbewegung und die gesamte linke Bewegung der siebziger Jahre hervorging. Von dort führt ein Weg zu der linken Mobilisierung, die in den achtziger Jahren zuerst mit dem Thema "Frieden" und dann mit dem Thema Nuklearenergie gelang.

Die "Friedensbewegung" und die "Anti- AKW- Bewegung" beherrschten in den achtziger Jahren die Schlagzeilen; ohne sie hätte aus ein paar Vegetariern und Umweltschützern niemals die heutige Partei der Grünen hervorgehen können.

Für die folglich das Thema "Kernenergie" nicht einfach eine politische Streitfrage ist, sondern Glaubenssache. Schon deshalb, weil ihr anderes Gründungsthema, der Pazifismus, ihr abhanden gekommen ist, seit Joschka Fischer seine Partei in diesem Punkt in die Realität gezwungen hat.

Für die Grünen also hieße es ihre Identität opfern, würden sie ihre negative Haltung zur Kernenergie aufgeben. Das wäre nicht so schlimm, wenn nicht auch die SPD in den achtziger Jahren von diesen "Bewegungen" erfaßt und regelrecht durchgeschüttelt worden wäre. So sehr, daß sie noch heute daran trägt.

Der bei den Sozialdemokraten jäh entfachte Pazifismus isolierte damals, Anfang der achtziger Jahre, deren eigenen Bundeskanzler in seiner Partei. Und das Thema Atomkraft ließ diese SPD innerhalb weniger Jahre, zwischen 1982 und 1986, von einer fortschrittsfreundlichen Partei zu einer Weggenossin der Grünen werden.

Die Grünen waren damals die politische Verkörperung der deutschen Irrationalität, des deutschen Weltschmerzes, der deutschen Vorliebe für das Thema Götterdämmerung gewesen. Aber erst dadurch, daß ihre Weltanschauung auch weite Teile der SPD, vor allem deren jüngere Mitglieder ergreifen konnte, wurde sie politisch wirkmächtig.

In der heutigen "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" hat Günter Bannas diese damalige Wandlung der SPD sehr schön beschrieben.



Links zu den bisherigen Folgen dieser Serie findet man hier. Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

1. Mai 2008

Zitat des Tages: Beifall von der richtigen Seite

Ich persönlich bin gegen die Abschaltung der Kernkraftwerke, wenn sie technisch sicher sind.

Bundeskanzlerin Merkel gestern am Spätnachmittag in einer Diskussion mit Studierenden der RWTH Aachen; eine Aufzeichnung wurde heute Mittag vom Sender "Phoenix" ausgestrahlt.

Kommentar: Nicht weil die Kanzlerin das gesagt hat, bringe ich es als "Zitat des Tages". Sondern wegen der Reaktion des Auditoriums: Tosender Beifall.

Gewiß, das ist eben eine Technische Hochschule in Aachen (übrigens eine der besten Europas). Aber noch vor, sagen wir, fünfzehn Jahren hätten auch dort die Studenten jemanden ausgebuht, der sich für AKWs eingesetzt hätte.

Die Stimmung dreht sich in unserem Land. Allerdings auf eine, wie mir scheint, recht komplexe Weise: Während unter der gesamten Wählerschaft die Linke immer noch die strukturelle Mehrheit hat, die durch die Wiedervereinigung entstanden ist, ist es unter den besser Ausgebildeten, den Studenten, den Akademikern immer weniger selbstverständlich, sozusagen unbesehen politisch links zu stehen.

Da wächst - so, wie in den USA schon seit Jahrzehnten - eine liberale, eine konservative Elite heran. Daß die Naturwissenschaften, daß die Ingenieurwissenschaften seit dem PISA-Schock an öffentlicher Wertschätzung gewinnen, dürfte dabei eine wesentliche Rolle spielen.



Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

11. Dezember 2007

Die Deutschen und das Atom (6): Seriöse Wissenschaft und ihr Mißbrauch durch Politiker

Zum Thema "AKWs und Leukämie" gibt es seit meinem Artikel vom Wochenende neue Informationen. Fundierter als das, was bis dahin die Agenturen berichtet hatten. Aber in die Schlagzeilen werden sie es wohl nicht schaffen.

Sie sind so fundiert, wie man es sich überhaupt nur wünschen kann, diese Informationen. Denn sie stammen zum einen von der Leiterin der Mainzer Untersuchung, Maria Blettner, die, nachdem sie sich schon kurz im TV geäußert hatte, jetzt dem "Tagesspiegel" ein ausführliches Interview gegeben hat. Das Interview klärt auch einige der Fragen, die ich in dem vorausgehenden Artikel aufgeworfen hatte.

Zum anderen ist die Untersuchung jetzt auf der WebSite des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) zugänglich. Eine Zusammenfassung mit den methodischen Einzelheiten bietet inzwischen auch das "Deutsche Ärzteblatt".

Das Wichtigste aus diesen Quellen:
  • Warum die Begrenzung auf einen Umkreis von 5 km und Kinder unter 5 Jahren? Weil in einer vorausgegangenen Untersuchung in dieser Teilgruppe Auffälligkeiten entdeckt worden waren. Aber wenn man nur genügend Daten analysiert, findet man immer irgendwelche Häufungen, die durch Zufall entstanden sein können. Deshalb hat die Arbeitsgruppe von Prof. Blettner - wie seriöse Wissenschaft es verlangt - nicht auf diese Post- Hoc- Analyse vertraut, sondern in der jetzigen Untersuchung genau diese Hypothese geprüft, daß im Umkreis von 5 km bei Kindern unter 5 Jahren gehäuft Leukämie auftritt.

  • Wie signifikant war der Effekt der Nähe zum AKW? Offenbar auf dem Fünf- Prozent- Niveau. Jedenfalls erwähnt Prof. Blettner dieses Signifikanz- Niveau im Zusammenhang mit der Möglichkeit von Zufalls- Signifikanzen: "Wenn man 100 solche Studien macht, würde man auch fünf bekommen, die signifikant sind. Obwohl nichts dahintersteckt." (In dem ersten Artikel hatte ich als Beispiel hierfür das zweimalige Würfeln einer sechs genannt, - ein Ereignis, dessen Auftreten bereits "auf dem Fünf- Prozent- Niveau signifikant" ist.)

  • Welche Ursachen kommen zur Erklärung der Häufung von Leukämie- Fällen im Umkreis von AKWs in Frage? Daß die die Strahlenbelastung durch die Kernkraftwerke ursächlich sind, hält Prof. Blettner für "nicht plausibel". Die Strahlung aus den AKWs ist, so begründete sie das, um den Faktor 1000 bis 100000 geringer als die natürliche Strahlung, der wir alle ausgesetzt sind. Also, was dann?

    Man kann das, wie könnte es anders sein, nur vermuten. Prof. Blettner stellt ähnliche Überlegungen an, wie sie in meinem ersten Artikel am Beispiel der Moslems illustriert wurden, die gehäuft im Umkreis um Dome wohnen: "... eine solche Häufung könnte es auch um andere Standorte geben, etwa rund um Kohlekraftwerke, um Brückenbauten, Kirchtürme, große Industrieanlagen. Also genau dort, wo es in bisher ländlichen Regionen plötzlich einen großen Zuzug gibt."

  • Was hat der zweite Teil der Untersuchung ergeben, in der durch Telefon- Interviews mögliche konfundierende Faktoren ermittelt werden sollten? - Laut "Deutschem Ärzteblatt" leider nichts Verwertbares, weil zu wenige der Angerufenen (vor allem im unmittelbaren Umkreis des AKW) zu Auskünften bereit gewesen waren.
  • Soviel zum wissenschaftlichen Aspekt. Es handelt sich um eine wissenschaftlich absolut seriöse Untersuchung und nicht um eine "Studie, die Antipathien gegen die Kernkraft schüren soll", wie (siehe meinen ersten Artikel) die CDU- Politikerin Reiche behauptet hatte. Erst recht stützt die Untersuchung keine der Behauptungen aus der linken und grünen Ecke, man habe die Gefahren der Atomkraft unterschätzt, und ähnliches aus der Luft Gegriffenes.



    Womit wir beim politischen Aspekt der Sache sind. Und dieser stellt sich nun, nach dem Interview mit Prof. Blettner, als noch viel skandalöser dar, als es am Wochenende schien.

    Damals war nur zu beanstanden gewesen, daß Politiker sich über ein Thema äußerten, ohne die Fakten zu kennen, geschweige denn sie beurteilen zu können. Jetzt stellt sich heraus, daß - wieder einmal! - das BfS eine peinliche Rolle gespielt hat.

    Dieses Amt hatte die Untersuchung in Auftrag gegeben und vermutlich (mit)finanziert; aber es war natürlich nicht - wie es fälschlich in der Presse hieß - eine Untersuchung "des Bundesamts für Strahlenschutz".

    Aber wer bezahlt, der entscheidet, wo die Musik spielt. Und so hat dieses Bundesamt sich herausgenommen, herausgepickte Ergebnisse aus dieser Untersuchung an die Presse zu gegeben. Prof. Blettner: "Warum werden Ergebnisse vorab veröffentlicht? Warum gibt es eine Pressekonferenz, bei der die Studie vom Bundesamt für Strahlenschutz präsentiert wird, von der ich als Leiterin der Untersuchung nichts weiß?"

    Nicht nur, daß dieses Bundesamt sich herausnimmt, die Ergebnisse von Wissenschaftlern ohne deren Wissen zu veröffentlichen, statt das diesen selbst zu überlassen, wie es eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist.

    Sondern der Präsident dieses Amts, der von dem Minister Trittin eingesetzte, um nicht zu sagen durchgedrückte Wolfram König liefert gleich auch noch eine Interpretation der Ergebnisse.

    Er und eine "Expertenkommission" maßen sich an, im entscheidenden Punkt den Autoren der Untersuchung zu widersprechen. Aus einer gestrigen Pressemitteilung des BfS: "... enthält die Studie die Aussage dass 'aufgrund des aktuellen strahlenbiologischen und strahlenepidemiologischen Wissens die von deutschen Kernkraftwerken im Normalbetrieb emittierte ionisierende Strahlung grundsätzlich nicht als Ursache interpretiert werden kann.' Im Gegensatz zu den Autoren ist das externe Expertengremium der Überzeugung, dass dieser Zusammenhang keinesfalls ausgeschlossen werden könne."



    Das ist, gelinde gesagt, eine Unverschämtheit gegenüber den Autoren.

    Selbstverständlich ist es in einer innerwissenschaftlichen Diskussion erlaubt und sogar häufig der Fall, daß Fachkollegen eine Untersuchung anders bewerten als die Autoren.

    Das ist z.B. oft so, wenn ein Manuskript zur Publikation eingereicht wird. Den Autoren wird dann diese fachliche Kritik zugeschickt, sie haben Gelegenheit, darauf zu antworten, und am Ende entscheiden die Herausgeber oder ggf. weitere Gutachter, ob das Manuskript in der betreffenden Zeitschrift publiziert wird, ob Änderungen verlangt werden, oder ob das Manuskript abgelehnt wird.

    Aber daß ein von einem Bundesamt eingesetztes Gremium sich das Recht herausnimmt, sozusagen ex kathedra einer Untersuchung eine andere Schlußfolgerung überzustülpen als diejenige, die die Autoren für vertretbar halten, und daß das dann öffentlich bekanntgegeben wird wie ein Gerichts- Beschluß, das ist ein dreistes Eingreifen in den Prozeß freier wissenschaftlicher Forschung.

    Frau Blettner hat darauf ebenso trocken wie souverän reagiert. Frage des Interviewers des "Tagesspiegel": "Trotzdem sagt Wolfram König, Präsident des BfS, dass Strahlung als Ursache nicht auszuschließen ist." Antwort von Prof. Blettner: "Wenn er darauf Hinweise hat, dann weiß er mehr als wir."

    Wozu er ja auch jede Qualifikation hat, der Präsident des BfS, Wolfram König. Über seinen Lebenslauf sagt die Wikipedia: "Wolfram König machte einen Gesamthochschulabschluss in Kassel als Diplom-Ingenieur (Fachrichtung Stadtentwicklung). In Sachsen-Anhalt war er von 1994 bis 1998 als Mitglied der Grünen Staatssekretär im Umweltministerium unter der rot-grünen Landesregierung und betrieb dort die Schließung des ehemaligen DDR-Endlagers Morsleben."

    Kein Wunder, daß ein Mann mit dieser Qualifikation im Bereich der Krebs- Epidemiologie sich berufen fühlt, die Untersuchung einer der angesehendsten deutschen Krebs- Epidemiologinnen fachlich zu würdigen.



    Links zu allen Folgen dieser Serie:
  • 1. Der Sonderweg
  • 2. Kampf dem Atomtod
  • 3. Die APO entläßt ihre Kinder
  • 4. Tschernobyl und die Folgen
  • 5. Verursachen AKWs Leukämie bei Kindern?
  • 6. Seriöse Wissenschaft und ihr Mißbrauch durch Politiker

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    10. Dezember 2007

    Die Deutschen und das Atom (5): Verursachen AKWs Leukämie bei Kindern?

    "Im Umkreis von 30 Kilometern um die großen Dome und Kathedralen Europas - Nôtre Dame, Westminster Abbey, um den Kölner Dom, den Frankfurter Dom - wohnen mehr Moslems, als es dem Anteil der Moslems an der Bevölkerung des jeweiligen Landes entspricht."

    Ich kenne keine Daten, die diese Aussage belegen, aber sie ist sehr wahrscheinlich zutreffend. Ob es so ist, das ist aber auch nicht kritisch für das, was ich diskutieren möchte:

    Man könnte aus diesem statistischen Zusammenhang schließen, daß irgendetwas von den Domen ausgeht, das Moslems anzieht. Daß es Moslems sozusagen dazu drängt, sich in der Nähe eines Doms niederzulassen.

    Das wäre natürlich keine sehr kluge Interpretation derartiger Daten, die vielmehr darauf beruhen (würden), daß Dome in Großstädten stehen und daß in europäischen Großstädten prozentual mehr Moslems wohnen als auf dem flachen Land.



    Am Wochenende wurde eine Untersuchung in den Medien diskutiert, die sich mit Fällen von Leukämie bei Kindern befaßte, die im Umkreis von AKWs wohnen. Dazu berichtet die "Süddeutsche Zeitung":
    Die Forscher unter der Leitung der Mainzer Epidemiologin Maria Blettner stellten fest, dass zwischen 1980 und 2003 im Umkreis von fünf Kilometern um die Reaktoren 77 Kinder an Krebs, davon 37 an Leukämie, erkrankt waren. Im statistischen Durchschnitt seien 48 Krebs- beziehungsweise 17 Leukämiefälle zu erwarten gewesen. Etwa 20 Neuerkrankungen seien also allein auf das Wohnen in diesem Umkreis zurückzuführen.
    Wenn die Medizinstatistiker, die diese Untersuchung durchgeführt haben, tatsächlich so argumentiert haben sollten, wie es dieses Zitat besagt, dann hätten sie nicht stringenter argumentiert als jemand, der in Domen Anziehungspunkte für Moslems sieht, weil in ihrem Umkreis eben viele Moslems wohnen.

    Nun ist Maria Blettner eine angesehene Wissenschaftlerin. Man sollte erwarten, daß ihre und ihrer Mitarbeiter Untersuchung keine groben methodischen Mängel aufweist, zumal aus ihrer Publikationsliste hervorgeht, daß sie im Bereich der epidemiologischen Krebsforschung ausgewiesen ist.

    Aber Genaueres über die jetzigen Daten weiß man nicht. Denn die Untersuchung, die so sehr die Gemüter erregt, ist noch gar nicht publiziert!

    Auf der Website der Arbeitsgruppe von Prof. Blettner ist dieses Untersuchungsprojekt zwar verzeichnet - aber in Form einer Projektbeschreibung. Die Ergebnisse werden dort für "Ende 2006" in Aussicht gestellt. Offenbar wurde der Text seit längerem nicht mehr aktualisiert.



    Immerhin erfährt man aus dieser Projektbeschreibung Genaueres über die Methodik. Es wurden aus dem deutschen Kinder- Krebsregister Fälle von Kindern entnommen, die im Zeitraum zwischen dem 01.01.1980 ­und dem 31.12.2003 an Krebs erkrankt waren. Zum weiteren Verfahren heißt es:
    Im ersten Teil der Studie wird individuell der Abstand der Wohnung der Familie des an Krebs erkrankten Kindes zum Kernkraftwerk ermittelt und mit dem Abstand der Wohnung von zufällig ausgewählten Kontrollfamilien verglichen. Als Studienregionen wurden jeweils mindestens 3 Landkreise in der Umgebung der 15 Leistungsreaktoren in den alten Ländern der Bundesrepublik Deutschland definiert. (...) Im zweiten Teil der Studie wird durch ein standardisiertes computergestütztes telefonisches Interview untersucht, ob potentielle Confounder die in Teil 1 untersuchte Beziehung beeinflussen.
    Wenn ich das richtig verstehe, hat man die an Krebs erkrankten Kinder in den ausgewählten Landkreisen rund um ein AKW herausgesucht, dann eine gleich große Anzahl von Kindern aus denselben Landkreisen zufällig ausgewählt und ermittelt, wie weit die Kinder der beiden Gruppen vom AKW entfernt wohnten.

    Das scheint auch aus der Fragestellung der Untersuchung hervorzugehen: "Wohnen Familien mit unter 5-jährigen Kindern, bei denen eine Krebserkrankung diagnostiziert wurde, häufiger in der Nähe von Kernkraftwerken als Familien mit nicht an Krebs erkrankten Kindern?"

    Wie die Grenze von 5 km zustandegekommen ist (war sie schon vorher für den statistischen Test festgelegt?) und wie überhaupt die Signifikanz getestet wurde, geht weder aus dieser kurzen Projektbeschreibung hervor, noch aus den bisherigen Zeitungsberichten. Wichtig wäre es vor allem, das Signifikanzniveau zu kennen. Häufig wird das 5-Prozent- Niveau gewählt - dessen Erreichen nicht mehr besagt als: Die Wahrscheinlichkeit, daß dieses Ergebnis zufällig zustande gekommen ist, ist ungefähr so groß, wie daß man zweimal hintereinander eine sechs würfelt. (Diese liegt bei knapp drei Prozent).

    Alle diese Einzelheiten sind bisher nicht bekannt. Wie wasserdicht die jetzt publizierten Folgerungen der Untersuchung wirklich sind, wird man also erst erfahren, wenn die Untersuchung zur Publikation eingereicht und peer reviewed (also von Fachleuten, die selbst auf diesem Gebiet forschen, begutachtet) worden ist und sie die eventuellen Einwände der Gutachter überstanden hat.



    Und wie ist das nun mit den Moslems, die gehäuft im Umkreis von Domen wohnen?

    Die Mainzer Untersucher waren sich dieses Problems offenbar bewußt. Deshalb führten sie den Teil 2 der Untersuchung durch, in dem die Familien der einbezogenen Kinder - der erkrankten wie der gesunden - im Hinblick auf "potentielle Confounder" untersucht wurden.

    Gemeint sind damit solche Faktoren wie im Beispiel der Moslems der Umstand, daß jemand, der in der Nähe zu einem Dom wohnt, eben zugleich in einer Großstadt wohnt. Die Variablen "Nähe zum Dom" und "Großstadt" sind also, wie man sagt, konfundiert - man weiß nicht, ob ein beobachteter Effekt an dem einen oder dem anderen Faktor liegt.

    In der Mainzer Untersuchung wird man also z.B. nach anderen Risiko- Faktoren gefragt haben, denen ein Kind ausgesetzt gewesen sein könnte - etwa der Nähe zu einer chemischem Fabrik. Was sich dabei ergab, ist offenbar der Öffentlichkeit noch nicht mitgeteilt worden.



    Führt man sich diesen Stand der Dinge vor Augen, dann wird deutlich, wie leichtfertig es ist, allein aufgrund bruchstückhafter, noch gar nicht publizierter Daten einer noch gar nicht von Fachleuten begutachteten Untersuchung bereits irgendwelche Schlüsse zu ziehen.

    Und das ist reichlich geschehen, innerhalb weniger Tage. Aus der "Süddeutschen Zeitung":

    Reinhard Bütikofer von den "Grünen": "Wir Grüne fordern die beschleunigte Abschaltung gerade der ältesten Atomkraftwerke." Wer noch immer "für einen längeren Betrieb von Atomkraftwerken oder gar deren Neubau eintritt, handelt völlig verantwortungslos".

    Hans-Josef Fell, auch er von den "Grünen": "Die etablierte, meist atomfreundliche Wissenschaft hat die Gefahren der Atomenergie bisher maßlos unterschätzt."

    Freilich sieht es auf der anderen Seite nicht besser aus. "So sehr ich mir Aufklärung über diese Zusammenhänge von der Wissenschaft erhoffe, so sehr kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass die Studie die Antipathien gegen die Kernkraft schüren soll", erklärte laut SZ Katharina Reiche von der CDU.

    Woher weiß Katharina Reiche das? Woher wissen die Herren Bütikofer und Fell das, was sie behaupten?



    Es ist schon ein Kreuz mit der Art, wie Politiker, wie auch Journalisten mit wissenschaftlichen Untersuchungen umgehen, die sie gar nicht kennen und die sie nicht beurteilen könnten, würden sie sie denn kennen.

    Den Vogel aber hat wieder einmal der Umweltminister Gabriel abgeschossen.

    Aus einer heutigen dpa-Meldung, zitiert nach der FAZ:
    Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) sagte (...), [die] Strahlenbelastung der Bevölkerung müsste durch den Betrieb der Atomkraftwerke in Deutschland um mindestens das Tausendfache höher sein, um den beobachteten Anstieg des Krebsrisikos erklären zu können.
    Eine klassische petitio principii. Gabriel setzt das als gegeben voraus, was doch gerade untersucht werden sollte: Ob nicht möglicherweis auch viel geringere Strahlendosen, als bisher angenommen, das Krebsrisiko erhöhen können.

    Und dann setzt er noch einen drauf, der Strahlenexperte Gabriel. Statt abzuwarten, bis wirkliche Fachleute sich geäußert haben (nämlich die peer reviewers internationaler Zeitschriften, die allein in der Lage sind, die Qualität einer solchen Untersuchung zu beurteilen), hat Gabriel ausgerechnet die Strahlenschutzkommission (SSK) "mit einer umfassenden Bewertung der Ergebnisse beauftragt".

    Ein Gremium, dessen wissenschaftliche Reputation erheblich gelitten hat, seit es der Umweltminister Trittin nach der Regierungsübernahme der Rotgrünen aus zwei früheren Kommissionen neu bildete und vor allem neu besetzte, und zwar überwiegend mit Atomkraftgegnern oder -skeptikern, deren wissenschaftlicher Rang weit unter dem der Fachleute lag, an deren Stelle sie traten.

    Kritiker sprachen damals davon, Trittin versuche, "systematisch Sachverstand durch Parteiverstand" zu ersetzen; die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter schrieb, daß es dergleichen bisher "nur im Sowjetreich" gegeben habe.

    Zu denjenigen, die Trittins Personalpolitik kritisierten, gehörte die damalige Vorsitzende der SSK. Sie trat aus Protest gegen die Berufung eines fachlich nicht ausgewiesenen Mitgliedes durch Trittin sogar von ihrem Amt zurück.

    Der Name dieser aufrechten Wissenschaftlerin, die laut "Welt" als atomfreundlich gilt: Maria Blettner.



    Der Vorwurf von Katharina Reiche erscheint also als wenig begründet.

    Sollten die Ergebnisse der Mainzer Gruppe methodisch hieb- und stichfest sein, sollte insbesondere die Kontrolle von konfundierenden Faktoren gelungen zu sein - dann wird man zumindest den begründeten Verdacht akzeptieren müssen, daß es die Gefahr einer Verursachung von Leukämie durch AKWs gibt.

    Man muß das dann akzeptieren, auch wenn man nicht in den Chor der Grünen und Linken einstimmt. Aber es ist so, wie Freud einmal seinen Lehrer Charcot zitierte. In einem Kolloquium hatte jemand Befunde vorgetragen, und ein anderer wendete dagegen ein, diese Befunde widersprächen der gängigen Theorie. Worauf Charcot sagte: "ça n'empêche pas d'exister" - das hindert nicht, daß es das gibt.



    Links zu allen Folgen dieser Serie:
  • 1. Der Sonderweg
  • 2. Kampf dem Atomtod
  • 3. Die APO entläßt ihre Kinder
  • 4. Tschernobyl und die Folgen
  • 5. Verursachen AKWs Leukämie bei Kindern?
  • 6. Seriöse Wissenschaft und ihr Mißbrauch durch Politiker

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