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1. März 2009

Wissenschaftler haben gefunden: Wer in der Jugend Probleme mit den Alten hat, hat als Alter Probleme mit dem Herzen. Über Korrelation und Kausalität

Wir werden bekanntlich älter. Wer das sagt, der meint in der Regel nicht den simplen Sachverhalt, daß auch an uns Menschen der Zahn der Zeit nagt; sondern er meint, daß die Lebenserwartung steigt, es also immer mehr Alte gibt. (Nämlich dann, wenn man die Grenze zum "Alter" in Lebensjahren ausdrückt. Man könnte alternativ ja auch die, sagen wir, ältesten zehn Prozent der jeweiligen Bevölkerung als "die Alten" bezeichnen).

Diese demografische Entwicklung hat einer Wissenschaft Goldene Zeiten beschert: Der Gerontologie. Geron, das ist im Griechischen der Greis; die Gerontologie ist also wörtlich die "Greisenforschung". Im Deutschen sagt man meist "Alternsforschung". Eine deutsche Alternsforscherin, die Ende der achtziger Jahre sogar Bundesministerin war, Ursula Lehr, pflegte großen Wert auf das "n" in diesem Wort zu legen.



Zu berichten ist von der Untersuchung einer angesehenen Gerontologin, der Yale- Professorin Becca Levy. Die betreffende Arbeit von Levy und Mitarbeitern erscheint demnächst unter dem Titel "Age stereotypes held earlier in life predict cardiovascular events in later life" (Alters- Stereotype im früheren Lebensalter sagen Herz- Kreislauf- Probleme im späteren Alter vorher) in der Zeitschrit Psychological Science. Science News berichtet vorab darüber.

Es handelt sich um eine sogannten Längsschnitt- Untersuchung. Dabei untersucht man eine Gruppe von Probanden über einen längeren Zeitraum - oft Jahrzehnte - hinweg immer wieder; man verfolgt sie sozusagen durchs Leben.

Hier waren es 386 Personen, die im Jahr 1968 allerlei Tests und Befragungen unterzogen worden waren. Unter anderem hatte man sie über ihre Einstellung zu alten Menschen befragt. Jetzt wurden sie wieder befragt; unter anderem zu ihren Gesundheitsproblemen.

Und siehe: Diejenigen, die damals negative Stereotype über die Alten hatten erkennen lassen (die zum Beispiel gesagt hatten, daß alte Menschen "schwach" und "hilflos" seien), berichteten nun vermehrt über Krankheiten des Herz- Kreislauf- Systems - beispielsweise Herzkrankheiten und Schlaganfälle.

Von denjenigen, die den Stereotypen zugestimmt hatten, berichteten 25 Prozent über solche Erkrankungen, von den anderen nur 13 Prozent. Dieser Unterschied war unabhängig von anderen Faktoren, von denen bekannt ist, daß sie die Wahrscheinlichkeit einer Herz- Kreislauf- Erkrankung beeinflussen - Bluthochdruck, Depressionen, Geschlecht, Familienstand, Cholesterolspiegel, Rauchen und dergleichen.



Was ist von solchen seltsamen Ergebnissen zu halten?

Methodisch sauber erhoben und statistisch richtig ausgewertet dürften sie sein, denn Psychologigal Science ist eine Zeitschrift mit strengem Peer Reviewing; was dort erscheint, ist also von Fachleuten geprüft.

Soll man also wirklich schließen müssen, daß jemand, der als junger Mensch ein negatives Klischee vom Alter hat, dadurch stärker gefährdet ist, an Herz und Kreislauf zu erkranken?

Sicher nicht. Oder vielmehr: Nicht sicher. Oder noch anders gesagt, dieses "dadurch" ist arg doppeldeutig. Wenn man weiß, daß jemand diese Ansichten hatte, dann kann man (wie es auch im Titel der Arbeit steht) vorhersagen, daß eine erhöhte Gefährdung für Herz- Kreislauf- Erkrankungen besteht. Aber man kann nicht schließen, daß diese erhöhte Gefährdung durch die betreffenden Ansichten verursacht wird.

Gefunden wurde eine Korrelation. Welche ursächlichen Zusammenhänge ihr zugrundeliegen, ist eine offene Frage. Das klassische Beispiel der Statistiker ist die Korrelation zwischen der Zahl der Störche und der Geburtenhäufigkeit, die einmal in einer Untersuchung in Deutschland gefunden wurde. Auch gilt, daß umso mehr Brände entstehen, je mehr Feuerwehrleute es in einer Stadt oder einem Bezirk gibt.

Fachleuten ist natürlich klar: Eine Korrelation sagt nichts über die Richtung der Kausalität aus. Oft besteht der ursächliche Zusammenhang gar nicht zwischen den beiden miteinander korrelierenden Variablen, sondern beide sind von einem dritten Faktor abhängig. Je ländlicher eine Gegend, umso mehr Störche und umso mehr Geburten, beispielsweise.

Und doch, und doch.

Der kalifornische Alternsforscher Howard Friedman wurde von Science News zu dem Artikel befragt::
Absent any detailed understanding of the ways in which age stereotypes may ultimately affect heart health, it’s too early to recommend any preventive programs aimed at altering negative attitudes toward the elderly, Friedman cautions. Possible mechanisms to explain why age stereotypes affect heart health include temperament, behavior and physiological traits.

Solange wir nicht genau verstehen, auf welchen Wegen Stereotype über das Alter am Ende Herzerkrankungen beeinflussen, ist es zu früh, Präventions- Programme mit dem Ziel zu empfehlen, negative Einstellungen gegen die Alten zu ändern, mahnt Friedman zur Vorsicht. Mögliche Mechanismen, die erklären, warum Alters- Stereotype die Herzerkrankungen beeinflussen, sind unter anderem das Temperament, das Verhalten und physiologische Merkmale.
Da ist auf einmal doch von "affect" (beeinflussen) die Rede - ganz so, als seien es die Stereotype, die auf das Krankheitsrisiko einwirken, so wie der Storch die Kinder bringt und Feuerwehrleute für mehr Brände sorgen.

Ähnlich mißverständlich formulierte es Becca Levy selbst:
We found that age stereotypes, which tend to be acquired in childhood or young adulthood and carried over into old age, seem to have far- reaching effects on cardiovascular health.

Wir haben gefunden, daß Alters- Stereotype, die dazu tendieren, in der Kindheit oder im frühen Erwachsenen- Alter erworben und ins hohe Alter übernommen zu werden, weitreichende Auswirkungen auf die Gesundheit des Herz- Kreislauf- Systems zu haben scheinen.
Wissenschaftler neigen zu solchen Formulierungen. Wenn man sie dann fragt, wie sie das denn meinen, werden sie im allgemeinen sagen: Nein, natürlich können wir nur eine Korrelation konstatieren. Wir meinen ja nur, daß man das eine aufgrund des anderen vorhersagen kann. Nicht, daß das eine das andere unbedingt verursacht.

Was die jetzt gefundene Korrelation angeht, kann man nur spekulieren. In welche Richtung, das deutet Friedman im letzten Satz des Zitats an: Es könnten psychische, physiologische oder im Verhalten liegende Faktoren sein, die der beobachteten Korrelation zugrundeliegen.

Konkret könnte man beispielsweise daran denken, daß Menschen, in deren Verwandtschaft gehäuft Herz- Kreislauf- Erkrankungen vorkommen, einerseits dadurch schon als Kind ein negatives Bild von der Hinfälligkeit des Alters bekommen und sie andererseits aufgrund dieser genetischen Disposition selbst zu solchen Erkrankungen neigen. Nicht die Stereotype würden dann die spätere Erkrankung bewirken, sondern beide gingen auf einen gemeinsamen Faktor zurück.



Zu welchen Irrtümern, zu welchen ungerechtfertigten politischen Konsequenzen es führen kann, wenn man Korrelation und Kausalität nicht auseinanderhält, zeigt ein Vorgang, der Ende 2007 in Deutschland zu regen Diskussionen führte: In einer Untersuchung war gefunden worden, daß im Umkreis von Atom- Kraftwerken gehäuft Fälle von Leukämie bei Kindern auftraten.

Eine Korrelation also. Es gab nicht den Schatten eines Hinweises darauf, daß diese Häufung durch die AKWs verursacht wurde. Aber linke und grüne Politiker behaupteten es munter. Sogar das von einem Grünen- Politiker geleitete Bundesamt für Strahlenschutz legte diese Folgerung nahe. Ich habe damals in diesem und noch einmal in diesem Artikel erläutert, wie abwegig, wie völlig unwissenschaftlich diese Interpretation einer Korrelation als Kausalität war.



Titelvignette: Ausschnitt aus einem Gemälde von Francisco Goya. Für Kommentare bitte hier klicken.

11. Dezember 2007

Die Deutschen und das Atom (6): Seriöse Wissenschaft und ihr Mißbrauch durch Politiker

Zum Thema "AKWs und Leukämie" gibt es seit meinem Artikel vom Wochenende neue Informationen. Fundierter als das, was bis dahin die Agenturen berichtet hatten. Aber in die Schlagzeilen werden sie es wohl nicht schaffen.

Sie sind so fundiert, wie man es sich überhaupt nur wünschen kann, diese Informationen. Denn sie stammen zum einen von der Leiterin der Mainzer Untersuchung, Maria Blettner, die, nachdem sie sich schon kurz im TV geäußert hatte, jetzt dem "Tagesspiegel" ein ausführliches Interview gegeben hat. Das Interview klärt auch einige der Fragen, die ich in dem vorausgehenden Artikel aufgeworfen hatte.

Zum anderen ist die Untersuchung jetzt auf der WebSite des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) zugänglich. Eine Zusammenfassung mit den methodischen Einzelheiten bietet inzwischen auch das "Deutsche Ärzteblatt".

Das Wichtigste aus diesen Quellen:
  • Warum die Begrenzung auf einen Umkreis von 5 km und Kinder unter 5 Jahren? Weil in einer vorausgegangenen Untersuchung in dieser Teilgruppe Auffälligkeiten entdeckt worden waren. Aber wenn man nur genügend Daten analysiert, findet man immer irgendwelche Häufungen, die durch Zufall entstanden sein können. Deshalb hat die Arbeitsgruppe von Prof. Blettner - wie seriöse Wissenschaft es verlangt - nicht auf diese Post- Hoc- Analyse vertraut, sondern in der jetzigen Untersuchung genau diese Hypothese geprüft, daß im Umkreis von 5 km bei Kindern unter 5 Jahren gehäuft Leukämie auftritt.

  • Wie signifikant war der Effekt der Nähe zum AKW? Offenbar auf dem Fünf- Prozent- Niveau. Jedenfalls erwähnt Prof. Blettner dieses Signifikanz- Niveau im Zusammenhang mit der Möglichkeit von Zufalls- Signifikanzen: "Wenn man 100 solche Studien macht, würde man auch fünf bekommen, die signifikant sind. Obwohl nichts dahintersteckt." (In dem ersten Artikel hatte ich als Beispiel hierfür das zweimalige Würfeln einer sechs genannt, - ein Ereignis, dessen Auftreten bereits "auf dem Fünf- Prozent- Niveau signifikant" ist.)

  • Welche Ursachen kommen zur Erklärung der Häufung von Leukämie- Fällen im Umkreis von AKWs in Frage? Daß die die Strahlenbelastung durch die Kernkraftwerke ursächlich sind, hält Prof. Blettner für "nicht plausibel". Die Strahlung aus den AKWs ist, so begründete sie das, um den Faktor 1000 bis 100000 geringer als die natürliche Strahlung, der wir alle ausgesetzt sind. Also, was dann?

    Man kann das, wie könnte es anders sein, nur vermuten. Prof. Blettner stellt ähnliche Überlegungen an, wie sie in meinem ersten Artikel am Beispiel der Moslems illustriert wurden, die gehäuft im Umkreis um Dome wohnen: "... eine solche Häufung könnte es auch um andere Standorte geben, etwa rund um Kohlekraftwerke, um Brückenbauten, Kirchtürme, große Industrieanlagen. Also genau dort, wo es in bisher ländlichen Regionen plötzlich einen großen Zuzug gibt."

  • Was hat der zweite Teil der Untersuchung ergeben, in der durch Telefon- Interviews mögliche konfundierende Faktoren ermittelt werden sollten? - Laut "Deutschem Ärzteblatt" leider nichts Verwertbares, weil zu wenige der Angerufenen (vor allem im unmittelbaren Umkreis des AKW) zu Auskünften bereit gewesen waren.
  • Soviel zum wissenschaftlichen Aspekt. Es handelt sich um eine wissenschaftlich absolut seriöse Untersuchung und nicht um eine "Studie, die Antipathien gegen die Kernkraft schüren soll", wie (siehe meinen ersten Artikel) die CDU- Politikerin Reiche behauptet hatte. Erst recht stützt die Untersuchung keine der Behauptungen aus der linken und grünen Ecke, man habe die Gefahren der Atomkraft unterschätzt, und ähnliches aus der Luft Gegriffenes.



    Womit wir beim politischen Aspekt der Sache sind. Und dieser stellt sich nun, nach dem Interview mit Prof. Blettner, als noch viel skandalöser dar, als es am Wochenende schien.

    Damals war nur zu beanstanden gewesen, daß Politiker sich über ein Thema äußerten, ohne die Fakten zu kennen, geschweige denn sie beurteilen zu können. Jetzt stellt sich heraus, daß - wieder einmal! - das BfS eine peinliche Rolle gespielt hat.

    Dieses Amt hatte die Untersuchung in Auftrag gegeben und vermutlich (mit)finanziert; aber es war natürlich nicht - wie es fälschlich in der Presse hieß - eine Untersuchung "des Bundesamts für Strahlenschutz".

    Aber wer bezahlt, der entscheidet, wo die Musik spielt. Und so hat dieses Bundesamt sich herausgenommen, herausgepickte Ergebnisse aus dieser Untersuchung an die Presse zu gegeben. Prof. Blettner: "Warum werden Ergebnisse vorab veröffentlicht? Warum gibt es eine Pressekonferenz, bei der die Studie vom Bundesamt für Strahlenschutz präsentiert wird, von der ich als Leiterin der Untersuchung nichts weiß?"

    Nicht nur, daß dieses Bundesamt sich herausnimmt, die Ergebnisse von Wissenschaftlern ohne deren Wissen zu veröffentlichen, statt das diesen selbst zu überlassen, wie es eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist.

    Sondern der Präsident dieses Amts, der von dem Minister Trittin eingesetzte, um nicht zu sagen durchgedrückte Wolfram König liefert gleich auch noch eine Interpretation der Ergebnisse.

    Er und eine "Expertenkommission" maßen sich an, im entscheidenden Punkt den Autoren der Untersuchung zu widersprechen. Aus einer gestrigen Pressemitteilung des BfS: "... enthält die Studie die Aussage dass 'aufgrund des aktuellen strahlenbiologischen und strahlenepidemiologischen Wissens die von deutschen Kernkraftwerken im Normalbetrieb emittierte ionisierende Strahlung grundsätzlich nicht als Ursache interpretiert werden kann.' Im Gegensatz zu den Autoren ist das externe Expertengremium der Überzeugung, dass dieser Zusammenhang keinesfalls ausgeschlossen werden könne."



    Das ist, gelinde gesagt, eine Unverschämtheit gegenüber den Autoren.

    Selbstverständlich ist es in einer innerwissenschaftlichen Diskussion erlaubt und sogar häufig der Fall, daß Fachkollegen eine Untersuchung anders bewerten als die Autoren.

    Das ist z.B. oft so, wenn ein Manuskript zur Publikation eingereicht wird. Den Autoren wird dann diese fachliche Kritik zugeschickt, sie haben Gelegenheit, darauf zu antworten, und am Ende entscheiden die Herausgeber oder ggf. weitere Gutachter, ob das Manuskript in der betreffenden Zeitschrift publiziert wird, ob Änderungen verlangt werden, oder ob das Manuskript abgelehnt wird.

    Aber daß ein von einem Bundesamt eingesetztes Gremium sich das Recht herausnimmt, sozusagen ex kathedra einer Untersuchung eine andere Schlußfolgerung überzustülpen als diejenige, die die Autoren für vertretbar halten, und daß das dann öffentlich bekanntgegeben wird wie ein Gerichts- Beschluß, das ist ein dreistes Eingreifen in den Prozeß freier wissenschaftlicher Forschung.

    Frau Blettner hat darauf ebenso trocken wie souverän reagiert. Frage des Interviewers des "Tagesspiegel": "Trotzdem sagt Wolfram König, Präsident des BfS, dass Strahlung als Ursache nicht auszuschließen ist." Antwort von Prof. Blettner: "Wenn er darauf Hinweise hat, dann weiß er mehr als wir."

    Wozu er ja auch jede Qualifikation hat, der Präsident des BfS, Wolfram König. Über seinen Lebenslauf sagt die Wikipedia: "Wolfram König machte einen Gesamthochschulabschluss in Kassel als Diplom-Ingenieur (Fachrichtung Stadtentwicklung). In Sachsen-Anhalt war er von 1994 bis 1998 als Mitglied der Grünen Staatssekretär im Umweltministerium unter der rot-grünen Landesregierung und betrieb dort die Schließung des ehemaligen DDR-Endlagers Morsleben."

    Kein Wunder, daß ein Mann mit dieser Qualifikation im Bereich der Krebs- Epidemiologie sich berufen fühlt, die Untersuchung einer der angesehendsten deutschen Krebs- Epidemiologinnen fachlich zu würdigen.



    Links zu allen Folgen dieser Serie:
  • 1. Der Sonderweg
  • 2. Kampf dem Atomtod
  • 3. Die APO entläßt ihre Kinder
  • 4. Tschernobyl und die Folgen
  • 5. Verursachen AKWs Leukämie bei Kindern?
  • 6. Seriöse Wissenschaft und ihr Mißbrauch durch Politiker

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    10. Dezember 2007

    Die Deutschen und das Atom (5): Verursachen AKWs Leukämie bei Kindern?

    "Im Umkreis von 30 Kilometern um die großen Dome und Kathedralen Europas - Nôtre Dame, Westminster Abbey, um den Kölner Dom, den Frankfurter Dom - wohnen mehr Moslems, als es dem Anteil der Moslems an der Bevölkerung des jeweiligen Landes entspricht."

    Ich kenne keine Daten, die diese Aussage belegen, aber sie ist sehr wahrscheinlich zutreffend. Ob es so ist, das ist aber auch nicht kritisch für das, was ich diskutieren möchte:

    Man könnte aus diesem statistischen Zusammenhang schließen, daß irgendetwas von den Domen ausgeht, das Moslems anzieht. Daß es Moslems sozusagen dazu drängt, sich in der Nähe eines Doms niederzulassen.

    Das wäre natürlich keine sehr kluge Interpretation derartiger Daten, die vielmehr darauf beruhen (würden), daß Dome in Großstädten stehen und daß in europäischen Großstädten prozentual mehr Moslems wohnen als auf dem flachen Land.



    Am Wochenende wurde eine Untersuchung in den Medien diskutiert, die sich mit Fällen von Leukämie bei Kindern befaßte, die im Umkreis von AKWs wohnen. Dazu berichtet die "Süddeutsche Zeitung":
    Die Forscher unter der Leitung der Mainzer Epidemiologin Maria Blettner stellten fest, dass zwischen 1980 und 2003 im Umkreis von fünf Kilometern um die Reaktoren 77 Kinder an Krebs, davon 37 an Leukämie, erkrankt waren. Im statistischen Durchschnitt seien 48 Krebs- beziehungsweise 17 Leukämiefälle zu erwarten gewesen. Etwa 20 Neuerkrankungen seien also allein auf das Wohnen in diesem Umkreis zurückzuführen.
    Wenn die Medizinstatistiker, die diese Untersuchung durchgeführt haben, tatsächlich so argumentiert haben sollten, wie es dieses Zitat besagt, dann hätten sie nicht stringenter argumentiert als jemand, der in Domen Anziehungspunkte für Moslems sieht, weil in ihrem Umkreis eben viele Moslems wohnen.

    Nun ist Maria Blettner eine angesehene Wissenschaftlerin. Man sollte erwarten, daß ihre und ihrer Mitarbeiter Untersuchung keine groben methodischen Mängel aufweist, zumal aus ihrer Publikationsliste hervorgeht, daß sie im Bereich der epidemiologischen Krebsforschung ausgewiesen ist.

    Aber Genaueres über die jetzigen Daten weiß man nicht. Denn die Untersuchung, die so sehr die Gemüter erregt, ist noch gar nicht publiziert!

    Auf der Website der Arbeitsgruppe von Prof. Blettner ist dieses Untersuchungsprojekt zwar verzeichnet - aber in Form einer Projektbeschreibung. Die Ergebnisse werden dort für "Ende 2006" in Aussicht gestellt. Offenbar wurde der Text seit längerem nicht mehr aktualisiert.



    Immerhin erfährt man aus dieser Projektbeschreibung Genaueres über die Methodik. Es wurden aus dem deutschen Kinder- Krebsregister Fälle von Kindern entnommen, die im Zeitraum zwischen dem 01.01.1980 ­und dem 31.12.2003 an Krebs erkrankt waren. Zum weiteren Verfahren heißt es:
    Im ersten Teil der Studie wird individuell der Abstand der Wohnung der Familie des an Krebs erkrankten Kindes zum Kernkraftwerk ermittelt und mit dem Abstand der Wohnung von zufällig ausgewählten Kontrollfamilien verglichen. Als Studienregionen wurden jeweils mindestens 3 Landkreise in der Umgebung der 15 Leistungsreaktoren in den alten Ländern der Bundesrepublik Deutschland definiert. (...) Im zweiten Teil der Studie wird durch ein standardisiertes computergestütztes telefonisches Interview untersucht, ob potentielle Confounder die in Teil 1 untersuchte Beziehung beeinflussen.
    Wenn ich das richtig verstehe, hat man die an Krebs erkrankten Kinder in den ausgewählten Landkreisen rund um ein AKW herausgesucht, dann eine gleich große Anzahl von Kindern aus denselben Landkreisen zufällig ausgewählt und ermittelt, wie weit die Kinder der beiden Gruppen vom AKW entfernt wohnten.

    Das scheint auch aus der Fragestellung der Untersuchung hervorzugehen: "Wohnen Familien mit unter 5-jährigen Kindern, bei denen eine Krebserkrankung diagnostiziert wurde, häufiger in der Nähe von Kernkraftwerken als Familien mit nicht an Krebs erkrankten Kindern?"

    Wie die Grenze von 5 km zustandegekommen ist (war sie schon vorher für den statistischen Test festgelegt?) und wie überhaupt die Signifikanz getestet wurde, geht weder aus dieser kurzen Projektbeschreibung hervor, noch aus den bisherigen Zeitungsberichten. Wichtig wäre es vor allem, das Signifikanzniveau zu kennen. Häufig wird das 5-Prozent- Niveau gewählt - dessen Erreichen nicht mehr besagt als: Die Wahrscheinlichkeit, daß dieses Ergebnis zufällig zustande gekommen ist, ist ungefähr so groß, wie daß man zweimal hintereinander eine sechs würfelt. (Diese liegt bei knapp drei Prozent).

    Alle diese Einzelheiten sind bisher nicht bekannt. Wie wasserdicht die jetzt publizierten Folgerungen der Untersuchung wirklich sind, wird man also erst erfahren, wenn die Untersuchung zur Publikation eingereicht und peer reviewed (also von Fachleuten, die selbst auf diesem Gebiet forschen, begutachtet) worden ist und sie die eventuellen Einwände der Gutachter überstanden hat.



    Und wie ist das nun mit den Moslems, die gehäuft im Umkreis von Domen wohnen?

    Die Mainzer Untersucher waren sich dieses Problems offenbar bewußt. Deshalb führten sie den Teil 2 der Untersuchung durch, in dem die Familien der einbezogenen Kinder - der erkrankten wie der gesunden - im Hinblick auf "potentielle Confounder" untersucht wurden.

    Gemeint sind damit solche Faktoren wie im Beispiel der Moslems der Umstand, daß jemand, der in der Nähe zu einem Dom wohnt, eben zugleich in einer Großstadt wohnt. Die Variablen "Nähe zum Dom" und "Großstadt" sind also, wie man sagt, konfundiert - man weiß nicht, ob ein beobachteter Effekt an dem einen oder dem anderen Faktor liegt.

    In der Mainzer Untersuchung wird man also z.B. nach anderen Risiko- Faktoren gefragt haben, denen ein Kind ausgesetzt gewesen sein könnte - etwa der Nähe zu einer chemischem Fabrik. Was sich dabei ergab, ist offenbar der Öffentlichkeit noch nicht mitgeteilt worden.



    Führt man sich diesen Stand der Dinge vor Augen, dann wird deutlich, wie leichtfertig es ist, allein aufgrund bruchstückhafter, noch gar nicht publizierter Daten einer noch gar nicht von Fachleuten begutachteten Untersuchung bereits irgendwelche Schlüsse zu ziehen.

    Und das ist reichlich geschehen, innerhalb weniger Tage. Aus der "Süddeutschen Zeitung":

    Reinhard Bütikofer von den "Grünen": "Wir Grüne fordern die beschleunigte Abschaltung gerade der ältesten Atomkraftwerke." Wer noch immer "für einen längeren Betrieb von Atomkraftwerken oder gar deren Neubau eintritt, handelt völlig verantwortungslos".

    Hans-Josef Fell, auch er von den "Grünen": "Die etablierte, meist atomfreundliche Wissenschaft hat die Gefahren der Atomenergie bisher maßlos unterschätzt."

    Freilich sieht es auf der anderen Seite nicht besser aus. "So sehr ich mir Aufklärung über diese Zusammenhänge von der Wissenschaft erhoffe, so sehr kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass die Studie die Antipathien gegen die Kernkraft schüren soll", erklärte laut SZ Katharina Reiche von der CDU.

    Woher weiß Katharina Reiche das? Woher wissen die Herren Bütikofer und Fell das, was sie behaupten?



    Es ist schon ein Kreuz mit der Art, wie Politiker, wie auch Journalisten mit wissenschaftlichen Untersuchungen umgehen, die sie gar nicht kennen und die sie nicht beurteilen könnten, würden sie sie denn kennen.

    Den Vogel aber hat wieder einmal der Umweltminister Gabriel abgeschossen.

    Aus einer heutigen dpa-Meldung, zitiert nach der FAZ:
    Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) sagte (...), [die] Strahlenbelastung der Bevölkerung müsste durch den Betrieb der Atomkraftwerke in Deutschland um mindestens das Tausendfache höher sein, um den beobachteten Anstieg des Krebsrisikos erklären zu können.
    Eine klassische petitio principii. Gabriel setzt das als gegeben voraus, was doch gerade untersucht werden sollte: Ob nicht möglicherweis auch viel geringere Strahlendosen, als bisher angenommen, das Krebsrisiko erhöhen können.

    Und dann setzt er noch einen drauf, der Strahlenexperte Gabriel. Statt abzuwarten, bis wirkliche Fachleute sich geäußert haben (nämlich die peer reviewers internationaler Zeitschriften, die allein in der Lage sind, die Qualität einer solchen Untersuchung zu beurteilen), hat Gabriel ausgerechnet die Strahlenschutzkommission (SSK) "mit einer umfassenden Bewertung der Ergebnisse beauftragt".

    Ein Gremium, dessen wissenschaftliche Reputation erheblich gelitten hat, seit es der Umweltminister Trittin nach der Regierungsübernahme der Rotgrünen aus zwei früheren Kommissionen neu bildete und vor allem neu besetzte, und zwar überwiegend mit Atomkraftgegnern oder -skeptikern, deren wissenschaftlicher Rang weit unter dem der Fachleute lag, an deren Stelle sie traten.

    Kritiker sprachen damals davon, Trittin versuche, "systematisch Sachverstand durch Parteiverstand" zu ersetzen; die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter schrieb, daß es dergleichen bisher "nur im Sowjetreich" gegeben habe.

    Zu denjenigen, die Trittins Personalpolitik kritisierten, gehörte die damalige Vorsitzende der SSK. Sie trat aus Protest gegen die Berufung eines fachlich nicht ausgewiesenen Mitgliedes durch Trittin sogar von ihrem Amt zurück.

    Der Name dieser aufrechten Wissenschaftlerin, die laut "Welt" als atomfreundlich gilt: Maria Blettner.



    Der Vorwurf von Katharina Reiche erscheint also als wenig begründet.

    Sollten die Ergebnisse der Mainzer Gruppe methodisch hieb- und stichfest sein, sollte insbesondere die Kontrolle von konfundierenden Faktoren gelungen zu sein - dann wird man zumindest den begründeten Verdacht akzeptieren müssen, daß es die Gefahr einer Verursachung von Leukämie durch AKWs gibt.

    Man muß das dann akzeptieren, auch wenn man nicht in den Chor der Grünen und Linken einstimmt. Aber es ist so, wie Freud einmal seinen Lehrer Charcot zitierte. In einem Kolloquium hatte jemand Befunde vorgetragen, und ein anderer wendete dagegen ein, diese Befunde widersprächen der gängigen Theorie. Worauf Charcot sagte: "ça n'empêche pas d'exister" - das hindert nicht, daß es das gibt.



    Links zu allen Folgen dieser Serie:
  • 1. Der Sonderweg
  • 2. Kampf dem Atomtod
  • 3. Die APO entläßt ihre Kinder
  • 4. Tschernobyl und die Folgen
  • 5. Verursachen AKWs Leukämie bei Kindern?
  • 6. Seriöse Wissenschaft und ihr Mißbrauch durch Politiker

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