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22. August 2009

Zitat des Tages: Drohselgezwitscher. Die Jusos schaffen den Kapitalismus ab. Nebst Anmerkungen zum Backfisch

Der letzte Juso-Buko hat das Ende des Kapitalismus eingeläutet. Viele in der Partei werden begeistert sein, andere werden sich dem Schicksal fügen müssen.

Im Filterblog habe ich gestern dieses Zitat gefunden. Es stammt aus einem Interview des Magazins "Cicero" (Ausgabe September 2009) mit der gegenwärtigen Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialisten in der SPD, Franziska Drohsel.

Kommentar: Die schönsten Stellen aus dem Interview hat Jan Filter schon kommentiert. Ich möchte das ergänzen, will das Interview vor allem aber zum Anlaß nehmen, etwas zu dieser Franziska Drohsel anzumerken, zu den Jusos und zur SPD.

Haben Sie Franziska Drohsel schon einmal in einem Interview oder einer Talkshow erlebt? Mir fällt zu ihr stets ein altertümlicher, ein veralteter Begriff ein: Backfisch.

In den fünfziger Jahren kam das Wort aus der Mode und wurde durch "Teenager" verdrängt. Ein Backfisch war aber etwas anderes gewesen als ein Teenager. Mit der Bezeichnung wechselte auch die Rolle, die sie bezeichnet.

Das Wort leitet sich vermutlich von dem englischen backfish ab; das ist ein Fisch, der noch so jung ist, daß man ihn wieder zurück (back) ins Wasser wirft. Die deutsche Volksetymologie hat das dann etwas kurios zu einem Fisch umgedeutet, der, weil jung, angeblich gebacken und nicht gesotten werden würde.

Sei dem wie es will - jedenfalls war der Backfisch keine freche Göre wie der Teenager, sondern ein Mädchen, das sich mal gekonnt, mal ungelenk auf dem schmalen Grat zwischen naivem Kind und koketter erwachsener Frau bewegte.

Es gab "Backfischromane", in denen dieser Typus dargestellt wurde. Man durfte als Backfisch naiv sein, denn halb war man ja noch ein Kind. Man durfte mit dieser Naivität kokettieren, denn halb war man ja schon erwachsen. Stellen Sie sich die junge Toni in den "Buddenbrooks" vor, dann haben sie den Backfisch.

So ist Franziska Drohsel: Ständig plappernd wie ein Kind, Naivität auf Naivität häufend, aber hellwach. Mit ihrer Naivität spielend, den Gesprächspartner mit dieser Naivität verblüffend.

Das Zitat illustriert das vortrefflich. Kinder neigen dazu, ihre Wünsche schon für Realität zu nehmen; Allmachtsphantasien zu haben. So auch Drohsel.

Der letzte Bundeskongreß der Jusos, den Drohsel erwähnt, fand vom 19. bis 21. Juni 2009 in München statt. Wenn wir ihre Aussage ernst nehmen, dann dürfen sich Sozialisten in aller Welt also freuen, daß München zum zweiten Mal eine Hauptstadt der Bewegung ist: Dort, im Juni 2009, wurde das Ende des Kapitalismus eingeläutet, auf das die Sozialisten seit Mitte des 19. Jahrhunderts gewartetet hatten. Und wir können sagen, wir sind dabeigewesen.

Wenn ein Erwachsener so etwas behauptete, dann würde man sich fragen, ob er noch alle Tassen im Schrank hat; klassischer Fall von überwertiger Idee. Aber ein Backfisch darf eine solche Allmachtsphantasie haben.

Ist sie nicht süß, in ihrer Naivität, die Franziska? Weiß sie überhaupt, was der Sozialismus ist, von dem sie in dem Interview sagt (oder genauer schreibt, denn das Interview wurde per SMS geführt), sie werde im Sozialismus leben, wenn sie so alt sei wie Franz Müntefering jetzt? Und das, sagt sie, werde bedeuten, daß es "Luxus für alle" geben werde.

Oder macht sie sich lustig über den Interviewer, über die Leser des Interviews?

Vielleicht beides oder irgendwas dazwischen. Von der Bundestagswahl sagt sie "Ich sage, die Wahl ist am 28. September". Soll das ein Witz sein, oder kennt sie den Wahltermin nicht? Auf die Frage, ob das Parlament zu alt sei, antwortet sie mit dem kryptischen Satz "Alter schützt vor Weisheit nicht und umgekehrt". So, wie ein altkluges Kind halt daherredet, was es aufgeschnappt hat.

Geplapper nach Backfischart. Man könnte das mit einem Schulterzucken hinnehmen, wenn diese Frau nicht Vorsitzende der Jungsozialisten wäre.



Die Jusos sind, wie die Jugendorganisationen der anderen Parteien, einflußreicher, als das oft in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Zum einen, weil sie meist einen festen Delegiertenblock stellen und dadurch oft Abstimmungen und Wahlen entscheidend beeinflussen können.

Weiterhin verfügen sie über erhebliche Geldmittel und haben durch Seminare, Schulungen usw. Einfluß auf die politische Haltung des Parteinachwuchses.

Un drittens sind insbesondere die Jusos bedeutsam, weil aus ihnen viele spätere Spitzenpolitker hervorgingen. Gerhard Schröder hat seine Karriere bekanntlich als Vorsitzender der Jusos begonnen. Juso- Vorsitzende waren auch
  • der spätere hessische Ministerpräsident Holger Börner

  • Hans-Jürgen Wischnewski ("Ben Wisch"), später Bundesminister und Mogadischu- Verhandler

  • Karsten Voigt, heute Koordinator für deutsch- amerikanische Beziehungen

  • Heidemarie Wieczorek-Zeul, inzwischen avanciert zur Dauerministerin für Entwicklungshilfe

  • Klaus- Uwe Benneter, kurzzeitig Generalsekretär der SPD und jetzt Justiziar der Bundestagsfraktion der SPD

  • und natürlich Andrea Nahles, neuerdings ministrabel und weiter auf dem Weg nach ganz oben.
  • Die Jusos, so wird oft gesagt, sind die SPD von morgen. Wenn eine solche Organisation eine Franziska Drohsel mit großer Mehrheit wählt, von der schon bei ihrer Wahl die Mitgliedschaft in der "Roten Hilfe" bekannt war (zur Roten Hilfe siehe Warum war Juso-Chefin Drohsel Mitglied der "Roten Hilfe"?; ZR vom 1.12. 2007), dann hat das schon seine Bedeutung.

    Die Wahl Drohsels im Jahr 2007 sowie das Hamburger Programm im selben Jahr markieren die Wende der SPD von einer sozialdemokratischen Partei, deren stellvertretender Vorsitzender noch zwei Jahre zuvor Wolfgang Clement gewesen war, zu einer Partei des demokratischen Sozialismus, deren aufgehende Sterne Nahles und Wowereit heißen.

    Mit dem Sturz Kurt Becks, der dieser Entwicklung präsidierte, mit dem Einspringen von Franz Müntefering, fast fünf Jahre über dem Rentenalter, und der Kür Steinmeiers zum Kandidaten wurde und wird diese Entwicklung vorübergehend kaschiert. Aber die Funktionäre, die Delegierten, die ihre Träger sind, wurden damit ja nicht auch ausgetauscht.



    Die SPD steht heute so weit links wie noch nie seit 1946. Sie hat diese Wende einerseits unter dem Druck der Kommunisten vollzogen, andererseits sich damit bereit gemacht für die Koalition mit ihnen.

    Insofern paßt Franziska Drohsel, die propagiert, daß wir "den Kapitalismus hinter uns lassen" müßten (siehe "Zitat des Tages: "Den Kapitalismus hinter uns lassen"), bestens in diese Partei.

    Und vielleicht ist ja ein plappernder Backfisch, der sich den Sozialismus als ein Leben im Luxus für alle vorstellt, am Ende immer noch besser als hartgesottene Stamokaps wie Klaus- Uwe Benneter, die in den siebziger Jahren als Juso die SPD auf den Weg in den Sozialismus bringen wollten.

    Nur waren sie damals in der SPD isoliert; und manche wurden (wie Benneter) aus der Partei ausgeschlossen. Heute schwimmt Drohsel in der SPD wie ein Backfisch im Wasser.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

    22. August 2008

    Zitat des Tages: "Eckig und kantig"? - Abgezockt! Wie die "Rote Hilfe" in Wiesbaden den Roten hilft

    Wir sind eckig und kantig bei solchen Fragestellungen, das muss auch die SPD zur Kenntnis nehmen.

    Dr. Ulrich Wilken, "freiberuflicher Arbeitswissenschaftler", Hessischer Landesvorsitzender von "Die Linke" und in deren Landtagsfraktion "rechtspolitischer Sprecher", laut gestriger FAZ.

    Kommentar: Um welche "Fragestellungen" geht es? Im Wiesbadener Landtag, so erfährt man aus der FAZ, finden gegenwärtig die Beratungen zu einem Gesetzentwurf der FDP statt. Dessen Inhalt ist eine Änderung des Hessischen Polizeigesetzes. Und zu diesem Änderungsentwurf hat die Fraktion von "Die Linke" ein Gutachten beigesteuert.

    Sie bat freilich nicht Wissenschaftler oder Praktiker der Polizei, den Gesetzesentwurf zu begutachten. Sondern sie beauftragte die "Rote Hilfe" mit dem Gutachen.

    Wer ist diese "Rote Hilfe"? Eine Organisation, die vor einem dreiviertel Jahr ins Scheinwerferlicht geriet, als sich herausstellte, daß die Vorsitzende der Jusos, Franziska Drohsel, dort Mitglied war. Damals habe ich mich ein wenig mit ihr befaßt und aus ihrer Selbstdarstellung zitiert:
    Die Rote Hilfe ist eine Solidaritätsorganisation, die politisch Verfolgte aus dem linken Spektrum unterstützt. (...) Zu politischen Gefangenen halten wir persönlichen Kontakt und treten dafür ein, daß die Haftbedingungen verbessert, insbesondere Isolationshaft aufgehoben wird; wir fordern ihre Freilassung. (...) Ist es der wichtigste Zweck der staatlichen Verfolgung, (...) durch exemplarische Strafen Abschreckung zu bewirken, so stellt die Rote Hilfe dem das Prinzip der Solidarität entgegen und ermutigt damit zum Weiterkämpfen.
    Wen ermuntert sie zum Weiterkämpfen, diese "Rote Hilfe"? Alle "politisch Verfolgte[n] aus dem linken Spektrum"? Nein.

    Auf die Frage, wen sie denn im Gefängnis unterstütze, sagte das Mitglied des Bundesvorstands der "Roten Hilfe" Michael Csaszkoczy: "Wichtig ist, daß die Leute nicht mit Polizei oder Staatsanwaltschaft zusammenarbeiten und etwa durch ihre Aussagen andere belasten".

    Wie man sieht - diese "Rote Hilfe" verfügt über die Kompetenz, bei der Neufassung des Hessischen Polizeigesetzes mitzuwirken. Oder sagen wir, sie bringt ihre ganz eigene Kompetenz ein.



    "Eckig und kantig" ist die Fraktion von "Die Linke" im Wiesbadener Landtag laut deren Sprecher Wilken, wenn sie zu Gutachtern über das Polizeigesetz just die Helfer von solchen Gesetzesbrechern bestellt, die eine Zusammenarbeit mit der Polizei ablehnen.

    Eckig und kantig würde ich das eigentlich nicht nennen. Ich würde sagen, es ist im Gegenteil ganz schön abgezockt.



    Mit Dank an Pelle. Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    4. Dezember 2007

    Zitat des Tages: "Aufgrund ihres politischen Engagements in Konflikt mit der Justiz"

    Die "Rote Hilfe e.V." ist eine Solidaritätsorganisation der gesellschaftlichen Linken, die strömungsübergreifend Rechtsbeistand organisiert, wo Menschen aufgrund ihres politischen Engagements in Konflikt mit der Justiz geraten. (...) Daher rufen wir alle Jusos auf, die "Rote Hilfe e.V." zu unterstützen und damit zu zeigen: Die Linke lässt sich nicht spalten!

    Aus einem Aufruf von "Jusos für die Rote Hilfe", unterzeichnet u.a. von einem Mitglied im Landesvorstand der Thüringer Jusos, von drei stellvertretenden Berliner Landesvorsitzenden der Jusos und vom stellvertretenden Juso- Bundesvorsitzender Michael Clivot. - Einige Informationen über die "Rote Hilfe e.V." habe ich kürzlich hier mitgeteilt. - Für den Hinweis auf diesen Aufruf danke ich M. Schneider. - Für eine aktuelle Ergänzung zu den Unterzeichnern des Aufrufs klicken Sie bitte hier.

    Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

    1. Dezember 2007

    Zettels Meckerecke: Warum war Juso-Chefin Drohsel Mitglied der "Roten Hilfe"?

    Die neue Juso-Vorsitzende Franziska Drohsel ist, so steht es auf der WebSite der Berliner SPD, Mitglied der "Roten Hilfe" sowie der Gewerkschaft "ver.di".

    Das stimmt inzwischen nur noch zur Hälfte. Denn wie der "Spiegel" in einer Vorabmeldung berichtet, ist Franziska Drohsel aus der "Roten Hilfe" ausgetreten.

    Interessant erscheint mir weniger, warum sie ausgetreten ist (weil sie nicht wolle, daß "die Jusos nicht auf Grund ihrer politischen Positionen, sondern wegen meiner privaten Mitgliedschaft bei der Roten Hilfe wahrgenommen werden"). Interessant erscheint mir allerdings, warum sie denn dort eingetreten ist.



    Wer ist diese "Rote Hilfe"? Wenn man in der deutschen Wikipedia nachsieht, dann findet man zu diesem Stichwort eine Reihe von Artikeln. Wir lesen dort:
    Rote Hilfe bezeichnet

    * die bundesdeutsche Organisation Rote Hilfe e.V.
    * die Rote Hilfe Deutschlands (RHD) der Weimarer Republik
    * die Internationale Rote Hilfe (IRH) als Gründung der Komintern
    * die Rote Hilfe e.V. (1973–1979 Hilfsorganisation der Kommunistischen Partei Deutschlands)
    Franziska Drohsel gehörte offenbar der ersten dieser genannten Organisationen an. Wer ist diese "Rote Hilfe e.V."?

    Unter ihrem Signet - zwei miteinander verschlungen Armen, die Fäuste geballt - lesen wir:
    Die Rote Hilfe ist eine Solidaritätsorganisation, die politisch Verfolgte aus dem linken Spektrum unterstützt. (...) Zu politischen Gefangenen halten wir persönlichen Kontakt und treten dafür ein, daß die Haftbedingungen verbessert, insbesondere Isolationshaft aufgehoben wird; wir fordern ihre Freilassung. (...) Ist es der wichtigste Zweck der staatlichen Verfolgung, (...) durch exemplarische Strafen Abschreckung zu bewirken, so stellt die Rote Hilfe dem das Prinzip der Solidarität entgegen und ermutigt damit zum Weiterkämpfen.
    Deutlicher geht's eigentlich nicht: Diese "Rote Hilfe e.V." ist eine Organisation, die denjenigen hilft, die aus politischen Gründen Gesetze brechen. Politkriminellen also. Leuten, die aus politischen Motiven straffällig geworden sind und die dafür nun vor Gericht stehen oder ihre Strafe absitzen. Leuten, die laut Text der "Roten Hilfe" aber nicht Straftäter sind, sondern "politisch Verfolgte" und "politische Gefangene".

    Damit meint die "Rote Hilfe" offenbar nicht nur Autonome, die Steine werfen, auf Polizisten einschlagen oder Autos, wie sie das nennen, "abfackeln". Sondern - die Verwendung des Worts "Isolationshaft" weist schon darauf hin - die Fürsorge der "Roten Hilfe" galt zumindest in der Vergangenheit auch den politisch motivierten Mördern der RAF. Jedenfalls sagt dies das Innenministerium von NRW.



    Sehr viele Mitglieder hat diese "Rote Hilfe" nicht; bundesweit sind es laut NRW-Innenministerium gerade mal 4000. Zu diesen 4000 gehörte also bis jetzt die neue Vorsitzende der Jusos.

    Was hat sie dazu veranlaßt, Mitglied dieser Organisation zu werden? Laut Vorabmeldung des Spiegel erklärt sie das so: "Ich bin in die Rote Hilfe eingetreten, weil ich es richtig und wichtig finde, dass jeder Mensch das Recht auf Verteidigung hat. Vereine wie die Rote Hilfe tragen dazu bei, dass Menschen, die mittellos sind, einen guten Rechtsbeistand bekommen."

    Offenbar hat sie die Rote Hilfe mit dem Weissen Ring verwechselt, die neue Vorsitzende der Jusos. Die übrigens ihr Jura- Studium mit dem Ersten Staatsexamen abgeschlossen hat und derzeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin Rechtswissenschaft an der Humboldt-Universität lehrt.

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