13.12.12

Erinnerungen an Schnuffi. Robert Gernhardt wäre heute 75 Jahre geworden. Vom Lachen des Dichters

In den ersten Jahrgängen von "Pardon", Anfang der sechziger Jahre, schrieb ein Autor namens "Lützel Jeman". "Pardon" war im September 1962 auf den Markt gekommen. Ich erinnere mich noch an das erste Heft mit dem lustigen Teufelchen, das durch das höfliche Lüften seines Huts seine Hörner entblößte. Damals jobbte ich als Student auf dem Land, und das Heft verschönerte mir den Feierabend.

Es war eine ganz neuartige Zeitschrift. Ein bißchen an "Mad" erinnernd, aber intellektueller, auch politischer. Und herausragend war für mich sehr bald Lützel Jeman, der ab Ende 1964 zusammen mit F.W. Bernstein und F.K. Waechter "WimS" gestaltete, eine Beilage im Heft.



Alle drei waren sehr lustig, aber Lützel Jeman, der ab 1971 unter seinem bürgerlichen Namen Robert Gernhardt schrieb und strichelte, war bei weitem der witzigste. Er hatte einen ungeheuren Witz - nicht nur im Sinn von Humor, sondern auch im Sinn von Geist.

Von Anfang an hat mir bei ihm etwas besonders gefallen, was das ganze, so vielfältige und vielschichtige Werk von Robert Gernhardt kennzeichnet: Die Doppelbödigkeit, das Spiel mit den Realitätsebenen und den Stilformen.

Zu den festen Bestandteilen von WimS gehörte der "Schnuffi"- Cartoon von Gernhardt.

In einem der ersten - im Januarheft 1965 - ist Schnuffi ein Bergsteiger. Der Berg wird immer steiler, bis Schnuffi schließlich fast senkrecht klimmt. Und in seiner Sprechblase also spricht: "Ich schaff's nicht. Vielleicht ist der Leser so freundlich, das Blatt um 90 Grad nach rechts zu drehen?"

Das war typisch Schnuffi. Im nächsten Heft versuchte er, den Rahmen des Cartoons zu durchbrechen, weil er sich darin eingesperrt fühlte. Im September 1965 saß er mit seiner unvermeidlichen kleinen Gefährtin gestrandet auf einer Insel. Am Horizont erschien ein Schiff, natürlich noch winzig klein, kam näher und näher - und war, am Strand angekommen, immer noch genauso klein, ein Spielzeugschifflein.

Spiel mit Dargestelltem und Darstellung, Spiel mit der Perspektive - das war schon damals Gernhardts Stil, als er noch keine dreißig war.



Ich habe danach alles von ihm gekauft und gelesen, was ich bekommen konnte; zwei Regalböden von Büchern, zum Teil opulenten Wälzern, sind es im Lauf der Jahrzehnte geworden.
Lange war mir aber entgangen, daß Gernhardt vom Geheimtip, der er gewesen war, allmählich zum populären Autor wurde. Kurz vor seinem Tod am 30. Juni 2006 habe ich ihn auf einer Lesung erlebt; es war seine letzte Lesereise. Da wurde er von den Kultur-Honoratioren gefeiert und gelobt wie ein lebender Klassiker.

Was er in gewisser Weise auch wirklich geworden ist. Einer, der dieses Spiel mit den Realitätsebenen, mit den Stilen souverän und artistisch beherrschte, aber mit einem immer unterhaltsamen Ergebnis. Ein Volksdichter war er geworden, der einstige Lützel Jeman (mittelhochdeutsch für "kaum jemand").

Freilich will mir scheinen, daß dieses Populäre, dieses leicht Zugängliche am Werk Gernhardts leicht dazu verführt, ihn zu unterschätzen. Seine Prosa ist so ausgefeilt wie die Tucholskys und in seinen besten Stücken wie die von Kafka. Seine Gedichte sind oft Sprachspiele von höchster Durchtriebenheit. In den letzten Jahren auch immer mehr Gedankenlyrik. Philosophisches im Gewand des Humors.



Vor allem aber schätze ich Gernhardt als Maler. Nein, nicht als Karikaturist, wie es in den Nachrufen zu lesen war. Natürlich war er das, zumal in den ersten Jahrzehnten. Aber er hat zeitlebens auch "ernsthaft" gemalt, und zwar ganz hervorragend.

Seine Bilder sind in einigen kleinen, schönen Bildbänden erschienen; hier sind zwei:



Spiel mit der Perspektive. Spiel mit Konturen und Texturen. Licht und Schatten vor allem. Die Realitäten und Täuschungen, die das in seinem Zusammenwirken hervorbringt. Das war sein Thema, wie schon in den ersten Schnuffi-Cartoons.

Ähnliches habe ich in solcher Perfektion eigentlich nur in den Bildern von Max Liebermann gesehen, der zum Beispiel in der Bildserie aus seinem Garten diese Ebenen des direkten und des reflektierten Lichts, des Schattens und der Textur, der Objekte und Räume meisterhaft variiert hat.

Hier ist eine Seite aus einem dieser Bildbände. Ich habe sie vor einigen Jahren auf unserer Terrasse fotografiert; absichtlich so, daß dabei Schatten und Lichtreflexe dazugekommen sind - sozusagen weitere Realitäts- und Irrealitätsebenen:





Robert Gernhardt wurde und wird unterschätzt; so, wie es vielen geht, die es an der getragenen Ernsthaftigkeit fehlen lassen, die gern als Ausweis von Kultur gesehen wird.

Die einzige Ausnahme ist die Komödie. Wer eine Komödie schreibt, der weiß, was er will: Daß seine Zuschauer lachen. Das ist ein ernsthaftes Geschäft. Niemand würde den Komödienschreibern, von Aristophanes und Plautus über Shakespeare und Molière bis zu, sagen wir, Beckett, Ionesco und Thomas Bernhard zuschreiben wollen, daß sie ihre Aufgabe, uns zum Lachen zu bringen, nicht ernst genommen hätten. Und niemand stellt in Frage, daß das Ergebnis zur Literatur gehört; und zwar nicht zur trivialen.

Aber wie ist es in den anderen Literaturgattungen? Gibt es in der Prosa etwas als Gattung, das an Humor der Komödie gleichkommt? In der Lyrik? Nur sehr begrenzt. Gewiß, man kannte das Spottgedicht, die Satire, den Schelmenroman. In den Feuilletons erschienen eine Zeitlang regelmäßig "Humoresken"; das Wort scheint aus der Mode gekommen zu sein. Aber das war Gebrauchsliteratur. So, wie das lustige Gedicht überwiegend im Trivialen beheimatet ist, mit den Versen der Karnevalisten als Höhe- oder Tiefpunkt.

Sofern der ernsthafte Schriftsteller, der Dichter gar, Humor in seine Texte einbaut, tut er das in der Regel dosiert und sozusagen sublimiert; in Gestalt von Ironie wie bei Thomas Mann, oder in Form dessen, was man gern "verzweifelten Humor" nennt. Der Leser soll die Schlechtigkeit jener Welt erkennen, über die der Dichter - Heinrich Böll beispielsweise - seinen bitteren Spott ausgießt.

Robert Gernhardt war eine der großen Ausnahmen. Einer der klügsten Schriftsteller und gewandtesten Lyriker unserer Zeit. Und einer, der Gedichte und Erzählungen so schrieb wie der Dramatiker eine Komödie: Mit der erklärten Absicht, lustig zu sein.

Die nachgerade unausweichliche Folge war und ist, daß Gernhardt nicht der Rang zugebilligt wird, den er verdient; ähnlich wie Arno Schmidt, auch er ein, wenn man es so nennen will, "Humorist".



Arno Schmidts "Schule der Atheisten" ist, obwohl er es eine "Novellen-Comödie" nannte, ein Prosatext und kein Theaterstück. Ich habe das Typoskript gelesen, als es 1972 erschienen war, und fand es recht lustig. Zum Schmunzeln eben. Dann erfuhr ich von einem Kreis von Arno-Schmidt-Lesern, die sich trafen, um das Buch gemeinsam zu lesen. Laut, mit verteilten Rollen. Und da nun wurde nicht geschmunzelt - da wurde lauthals gelacht; da kringelte man sich vor Lachen. Das Skurrile, das Groteske, das ganze Kaleidoskop des Schmidt'schen Witzes kam erst in der Gemeinschaft wirklich zur Wirkung.

Ähnlich ist es mir mit Gedichten Robert Gernhardts gegangen. Viele sind lyrische Kunstwerke voller Sprachwitz, manche kalauern auch nur. Beim Lesen findet man das eine wie das andere lustig. Laut lachend habe ich mich dabei nie wahrgenommen. Dann habe ich Gernhardt bei dieser Lesung kurz vor seinem Tod erlebt. Und da allerdings wurde schallend gelacht, und natürlich war auch ich unter Denen, die zum gemeinsamen Erschallen beitrugen.

Daß Gernhardt damals auf den Tod krank war, daß er nur noch kurze Zeit zu leben hatte und das wußte, war ihm nicht anzumerken. Er gehörte zu denen, die wie Kafka, wie Arno Schmidt verstanden hatten, wie sehr der Unernst dabei helfen kann, mit dem tödlichen Ernst des Lebens fertig zu werden.
Zettel



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Dies ist die überarbeitete Fassung eines Artikels, den ich 2006 zum Tod Robert Gernhardts geschrieben habe; ergänzt durch einige Abschnitte aus einem späteren Artikel zum literarischen Humor. Abbildungen: Eigene Aufnahmen