12.12.12

Erdachte Probleme, reale Probleme - der Welt, Europas, Deutschlands

Wenn man dem glaubt, was im Vordergrund der öffentlichken Diskussion steht, dann ist das Hauptproblem dieser Welt, daß es in ihr zu warm wird. Dann ist es das Hauptproblem Europas, daß einige seiner Staaten sehr verschuldet sind; und dann besteht das Hauptproblem Deutsch­lands darin, daß auch hier Rechtsextremisten ihr Unwesen treiben.

Das sind ja alles Themen, die unsere Aufmerksamkeit verdienen. Aber was sind sie gegen die realen Probleme der nächsten Jahrzehnte? Der Historiker Michael Stürmer hat sie heute - wieder einmal - benannt; in der "Welt", deren Chefkorrespondent er ist. Er stützt sich auf eine Analyse des amerikanischen National Defense Council, der Dachorga­ni­sa­tion der US-Geheimdienste:
  • Das gravierende ökologische Problem wird nicht die Temperatur sein - diese erwähnt Stürmer gar nicht -, sondern das Wasser. Es wird Kriege um Wasser geben, in einer Welt, die 2030 auf acht Milliarden Menschen angewachsen sein wird.

  • Es wird critical game changers geben; Faktoren, die maßgeblich die Spielregeln verändern. Entscheidend ist die Demographie. In einigen Weltgegenden - dem Afrika südlich der Sahara, Südostosien - wächst die Bevölkerung rapide. Anderswo - in Japan, in Europa - vergreist sie.
  • Auf Deutschland geht Stürmer nicht speziell ein. Aber hier werden sich die Probleme bündeln: Kaum ein Land der Welt hat so schlechte demographische Aussichten; und kein anderes Industrieland hat sich in das wahnwitzige Abenteuer gestürzt, die im Land erzeugte nutzbare Energie künstlich so zu verteuern, daß dies seine Wettbewerbsfähigkeit unter­gräbt (siehe die Serie Deutschland im Öko-Würgegriff).



    Wenn ein Mensch vor den realen Problemen seines Lebens - seiner wirtschaftlichen Lage, seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten - die Augen verschließt und sich stattdessen an eingebildeten Problemen abarbeitet, dann nennt man den Betreffenden neurotisch. Das heutige Deutschland hat neurotische Züge.

    Mit einer quasi-religiösen Inbrunst und einem großen persönlichen Engagement Vieler kämpfen wir dagegen, daß es auf der Welt wärmer wird. In einem Land, in dem Fremde freundlicher behandelt werden als in den meisten Ländern der Welt, geben wir uns dem Kampf gegen den Rassismus hin. Unser Engagement, unser Einsatz für das Gute absorbieren sich bei diesen Themen.

    Die realen Probleme dieses Landes, die realen Gefahren, die Europa drohen, werden verdrängt. Auch das gehört eben zu eine neurotischen Verfaßtheit.

    Unser Kontinent und ganz besonders Deutschland muß sich auf einen wirtschaftlichen Abstieg einstellen, der angesichts der demographischen Entwicklung unvermeidlich ist.

    Japan, das uns in dieser Hinsicht voraus ist, macht das anschaulich sichtbar. Vor vierzig Jahren sprach man von der "Japanischen Herausforderung". Damals wurde bei weltweiten Vergleichen Europa den USA und Japan gegenübergestellt. Heute liegt das vergreisende Japan wirtschaftlich und damit auch machtpolitisch am Rand.

    "Das Altersheim Europa geht dem Niedergang entgegen" hat die Redaktion der "Welt" den Artikel Michael Stürmers überschrieben. Europa ist von diesen Problemen mehr oder weniger stark betroffen. Kein Staat leistet es sich wie Deutschland, einerseits die Demographie schlicht zu ignorieren und andererseits mit einer mutwilligen "Energie­wende" den eigenen Niedergang auch noch zu befördern.
    Zettel



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette vom Autor The Transhumanist gemeinfrei gestellt.