18.12.12

Die Bluttat an der Sandy-Hook-Schule folgte nicht dem Muster für solche Taten. Informationen zum Hintergrund


Bei einer Bluttat wie der an der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown, Connecticut, ist die erste, ist die natürliche Reaktion Entsetzen und die Frage, ob man so etwas Furchtbares nicht hätte verhindern können. Das war in den US-Medien, in der Öffentlichkeit der USA nicht anders als in Deutschland. Jetzt, nach einigen Tagen, tritt die Frage in den Vordergrund, wie es denn zu dieser Tat kommen konnte.

Solche Bluttaten an Schulen kommen immer wieder vor und folgen fast stets demselben Muster; so sehr, daß sich dafür der kriminologische Begriff der school shootings heraus­gebildet hat. Die Merkmale dieser Taten habe ich nach der Bluttat von Winnenden 2009 beschrieben:
Der Täter ist ein Schüler, oft ein ehemaliger Schüler der betreffenden Schule. Er war unauffällig; wird als gehemmt und kontaktscheu beschrieben.

Ein Mensch, der als Reaktion auf Frustrationen, die er erlebt hat, Aggressionen entwickelt, die er aber lange Zeit in sich hineinfrißt. Einer, der sich als Verlierer sieht und dessen Denken zunehmend von Rachegedanken beherrscht wird.

Der Tat gehen, wie die Rekonstruktion ergibt, meist längere Vorbereitungen voraus. Der Täter plant alles im Detail, geht die Einzelheiten in seiner Phantasie durch. Manchmal macht er auch Andeutungen über sein Vorhaben oder macht es gar im Internet bekannt.

Wenn es dann zur Tat kommt, hat sie alle Merkmale eines psychischen Ausnahmezustands. Der Täter handelt wie im Rausch. Er tötet meist wahllos. In einem Teil der Fälle endet diese einem Amoklauf ähnelnde letzte Phase mit dem Selbstmord des Täters, oder er wird von der Polizei erschossen.
Anmerkungen zum Schulmassaker in Winnenden; ZR vom 11. 3. 2009
Auf den ersten Blick sieht es so aus, als könnte die jetzige Tat in dieses Schema passen. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, daß das aber nur sehr bedingt der Fall ist.



Als ich am Sonntag einen ersten Kommentar zu dem Fall geschrieben habe, lagen die Hintergründe noch weitgehend im Dunkeln. Inzwischen hat es, wie anders, Recherchen der Journalisten gegeben. Was weiß man gegenwärtig über den Täter und die Tat? Ein detaillierter Bericht eines Reporter­teams ist gestern in der Washington Post erschienen. Auf ihn stütze ich mich hauptsächlich.

Adam Lanza stammt aus einer wohlhabenden Familie. Der Vater ist Manager bei General Electric mit einem Jahresgehalt von rund einer halben Million Dollar. Nach der Scheidung der Eltern lebte der Junge zusammen mit einem Bruder bei seiner Mutter Nancy Lanza, die von ihrem Ex-Mann jährlich anfangs 240.000 Dollar an Unterhaltszahlungen erhielt; für das Jahr 2012 waren es 289.800 Dollar.

Sie konnte also in materiell ausgezeichneten Verhältnissen leben, ohne einem Beruf nachzugehen; das relativiert die Bezeichnung "arbeitslos", die ich in dem Artikel vom Sonntag benutzt habe. Sie soll früher einmal als Börsenmaklerin gearbeitet haben.

Nancy Lanza hatte offenbar nur wenige soziale Kontakte. Das Bild, das von ihr gezeichnet wird, ist widersprüchlich. In der New York Times ist ein Bericht über sie erschienen, der das deutlich macht:

Sie wird einerseits als "sozial großzügig" beschrieben; andererseits als eine verschlossen Frau.

Fest steht, daß sie eine Waffennärrin war, die fast ein halbes Dutzend Schußwaffen besaß; darunter eine halbautomatische Waffe, wie sie die Truppen in Afghanistan verwenden. Ihre Schwägerin Marsha hat sie als survivalist bezeichnet; als jemanden, der sich darauf einrichtete, um sein Überleben kämpfen zu müssen, "wenn alles zusammenbricht". Es gibt da eine regelrechte Bewegung der Preppers; derer, die auf die Katastrophe vorbereitet sind.

Nancy Lanza hatte ihr Haus - ein großes Anwesen im Kolonialstil - offenbar für diesen Fall hergerichtet; nicht nur mit Waffen, sondern auch mit Vorräten für den Notfall.

Ihre Hobbies scheinen die gärtnerische Gestaltung ihres Anwesens, Jazz und Restaurantbesuche gewesen zu sein. Der Besitzer eines Garten­bau­unter­nehmens gehört zu den wenigen Bekannten von Frau Lanza, die von den Journalisten bisher ausfindig gemacht werden konnten.

Nachbarn haben dieses Haus offenbar kaum je betreten. Nancy Lanzas bisher ermittelte Bekannte gehören zum Gästekreis eines Restaurants, des My Place, mit dessen Besitzer Mark Tambascio sie gut bekannt war.

Einer von denen, mit denen sie dort gelegentlich an der Bar des Restaurants sprach, war der Jazzmusiker Jim Leff, der sich erinnert, wie er dort einmal mit einem Freund in finanziellen Schwierigkeiten über einen Kredit sprach. Nancy Lanza habe das mitgehört und sich bereiterklärt, mit einem Scheck auszuhelfen. Möglicherweise geht darauf das Urteil zurück, sie sei "sozial großzügig" gewesen.

Unter den wenigen Personen, die sie auf die eine oder andere flüchtige Art kennenlernten, scheint Einigkeit zu bestehen, daß sie einen nervösen, angespannten Eindruck machte. Jim Leff meint, daß man das im Nachhinein wohl mit den Schwierigkeiten in Verbindung zu bringen hat, die sie mit ihrem Sohn Adam hatte, dem Täter.



Auch von diesem entwerfen Menschen, die ihn kannten, ein seltsam unscharfes Bild. Er wird als schüchtern, zapplig, ein Einzelgänger geschildert; offenbar hochbegabt. Seine Mutter habe ihn für "ein Genie" gehalten. Mitschüler beschreiben ihn als einen Jungen, der mit niemandem sprach, sich ängstlich an die Wand drückte, seinen Laptop umklammert hielt. Der Fahrer des Schulbusses sagt, er sei im Bus immer brav gewesen.

Er hat wohl einige Zeit die Sandy Hook-Schule besucht, wurde dann aber zu Hause von der Mutter unterrichtet, weil diese mit dem Schulunterricht unzufrieden gewesen war, und durchlief eine High School. Zeitweilig hatte die Mutter auch einen Betreuer für ihn engagiert, den sie aufforderte, ihn nie aus den Augen zu lassen.

Schon mit 16 Jahren kam Adam Lanza als einer der Jüngsten auf die Western Connecticut State University, wo er Kurse in verschiedenen Fächern belegte, mit teils sehr gutem Erfolg, aber ohne Studienabschluß.

Danach lebte er bei seiner Mutter; zurückgezogen wie sie. Wie schwierig er tatsächlich war, scheint sie nach Möglichkeit verheimlicht zu haben.

Daß mehr vorlag als nur Schüchternheit, geht aus der Aussage eines seiner Lehrer hervor: Er sei unfähig gewesen, Schmerzen zu verspüren, auch Gefühlsschmerz (emotional pain).



Das und Anderes paßt nicht gut in das Schema der school shootings. Adam Lanza hatte in der Schule keine Mißerfolge erlebt. Es ist auch nicht bekannt, daß er von Mitschülern gehänselt oder gemobbt worden wäre. Die Schule, an der er die Tat verübte, hatte er viele Jahre zuvor einmal besucht. Daß in Bezug auf sie ein Groll in ihm weitergenagt hätte, ist unwahrscheinlich.

Es gibt keine Hinweise darauf, daß Adam Lanza aggressiv gewesen ist. Er hatte, soweit bekannt, keine sozialen Kontakte im Internet und hat keine Hinweise darauf gegeben, daß er sich eine solche Tat vorstellen könnte. Auch daß er zuerst seine Mutter erschoß, bevor er zu der Schule fuhr, paßt nicht in das Muster des school shooting.

Ob man jemals wird herausfinden können, an welcher Störung oder Krankheit er litt, ist ungewiß. Bei Jugendlichen ist das oft noch schwerer zu diagnostizieren als bei Erwachsenen.

Anfangs war oft vom Asperger-Syndrom die Rede; offenbar, weil der Gastronom Mark Tambascio gegenüber Reportern davon gesprochen hatte. Aber diese Form des Autismus ist nicht mit einer erhöhten Aggressionsbereitschaft verbunden.

The Atlantic zählt eine Reihe von diagnostischen Möglichkeiten auf - neben Autismus und Asperger vor allem eine Persönlichkeitsstörung (personality disorder der einen oder anderen Form; in der deutschen Psychatrie früher Psychopathie genannt).

Eher unwahrscheinlich ist dabei eine antisoziale Persön­lichkeits­störung (ASPD), da sich Adam Lanza nicht aggressiv, sondern ängstlich benahm. Wahrscheinlicher mag eine avoidant personality disorder (vermeidende Persönlich­keits­störung; eine krankhafte Menschenscheu) sein, oder eine schizoide Persönlichkeitsstörung. Die Gefühlsflachheit und Unempfindlichkeit für Schmerzen könnten sogar Anzeichen einer beginnenden Schizophrenie gewesen sein.



Ob Adam Lanza in psychiatrischer Behandlung war, ist bisher nicht bekannt. Von einem Schulpsychologen scheint er zeitweise betreut worden zu sein. Allenfalls dann, wenn Krankenakten bekannt werden, wird man wissen können, wie es zu der Tat kommen konnte.

Es spricht jedenfalls gegenwärtig alles dafür, daß es eine Tat mit einem psychopathologischen Hintergrund war. Ereignisse wie diese Bluttat werden werden aber regelmäßig ganz anders eingeordnet und politisch ausgeschlachtet.

In den ersten Tagen nach der Tat überwogen teils auch in den amerikanischen, sehr extrem aber in der deutschen Medien Äußerungen zum Waffenrecht; so, als sei die Waffe Ursache der Tat. (Nebenbei gesagt: In keinem Staat Europas hat es mehr school shootings gegeben als in Deutschland mit seiner strengen Waffengesetzgebung; siehe den oben zitierten Artikel vom März 2009. In Staaten wie der Schweiz, Israel, Tschechien und den nordischen Ländern mit ihrem liberalen Waffenrecht sind sie selten).

Nachdem das jetzt durch ist, läuft die nächste Welle der Systemkritik; diesmal an der psychiatrischen Versorgung in den USA. Dort wurde sie angestoßen durch den Blog The Anarchist Soccer Mom, in dem eine Mutter ihre Probleme mit ihrem psychisch gestörten Kind schildert und die Schwierigkeiten, Hilfe zu bekommen. Das ging am Wochen­ende durch die US-Medien und hat vor drei Stunden seinen Niederschlag nun auch in "Zeit-Online" gefunden.

Mit der Bluttat in Newtown hat das exakt nichts zu tun. Nancy Lanza war eine wohlhabende Frau, die in einem 700.000-Dollar-Anwesen in einer bürgerlichen Kleinstadt in dem Staat Connecticut mit seinem ungewöhnlich gut ausgebauten Gesundheitswesen lebte.

Es war nicht der Staat, es war nicht die Gesellschaft, es war nicht das Waffenrecht und es war nicht fehlende psychiatrische Versorgung, die zu dieser Bluttat geführt haben.

Sie hätte ebenso in einem totalen Überwachungs- und Nanny-Staat passieren können. Hat eigentlich jemand für die Tat von Anders Breivik den Staat Norwegen, die norwegische Gesellschaft oder das dortige Waffenrecht oder Gesund­heits­system verantwortlich gemacht?
Zettel



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelbild: Improvisierte Gedenkstätte für die Opfer der Bluttat an der Sandy-Hook-Schule. Als Werk der VOA gemeinfrei.