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10. Februar 2011

Rudi Dutschke, die Revolution, die Gewalt

Gestern habe ich mich mit der bizarren Situation befaßt, daß die Stadt Berlin zwar Karl Marx, Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Rudi Dutschke mit Straßennamen ehrt, nicht aber Ronald Reagan. Dazu habe ich einige Informationen zu Rudi Dutschke gegeben; mit Bezug auf einen früheren Artikel, in dem ich das ausführlicher abgehandelt hatte ("So macht Kommunismus Spaß" (7): Dutschke und Genossen als Revolutionäre. Räteherrschaft in Westberlin. "Dieser revolutionäre Kampf ist furchtbar"; ZR vom 28. 2. 2009).

Dort hatte ich mich hauptsächlich auf die Recherchen von Götz Aly gestützt. Mir war aber eine weitere Quelle entgangen gewesen. In Zettels kleinem Zimmer bin ich gestern auf einen Artikel aufmerksam gemacht worden, der schon 2008 erschienen ist, den ich aber nicht gekannt hatte: "Der verhinderte Stadtguerrillero" von dem Bonner Politologen Gerd Langguth, der bereits 2001 eine Untersuchung über die Gewaltphilosophie von Rudi Dutschke veröffentlicht hatte; siehe auch diesen Text, den Langguth für das Goethe-Institut schrieb.

Angesichts des freundlichen Bilds von Rudi Dutschke, das weit verbreitet ist und ohne das es wohl nicht möglich gewesen wäre, in Berlin eine Straße nach ihm zu benennen, erscheint mir der Text von Langguth so wichtig, daß ich ihn ausführlich referieren, kommentieren und hier und da durch weitere Informationen ergänzen möchte.



Kein Kommunist? Dutschke, in der DDR aufgewachsen, war nach dem Ungarn-Aufstand 1956 zu einem Gegner des SED-Regimes geworden und 1961, kurz vor dem Bau der Mauer, mit 21 Jahren nach Westberlin gegangen, wo er an der FU ein Studium mit bemerkenswert vielen Studienfächern (Geschichtswissenschaft, Soziologie, Ethnologie, Philosophie) begann.

Sein Bruch mit dem SED-Regime wird oft mißverstanden. Er bedeutet keineswegs die Abkehr vom Kommunismus, auch nicht vom Leninismus. Langguth erwähnt Aufsätze, die Dutschke nach seinem Wechsel in den Westen in einer Zeitschrift mit dem hübsch doppeldeutigen Namen "Anschlag" schrieb, und erläutert::
Der DDR-Flüchtling war alles andere als ein SED-Gefolgsmann. Aber in diesen Aufsätzen verstand er sich als ein junger Kommunist, der die russische Oktoberrevolution leidenschaftlich verteidigte: Er forderte die Rehabilitierung der "besten Söhne der Revolution (Trotzki, Bucharin, Radek u.s.w.)" und verteidigte die Niederschlagung der Erhebung der Kronstädter Matrosen im März 1921. Lenin und Trotzki seien "gezwungen" gewesen, "die ehemaligen revolutionären Brüder, die Matrosen und Soldaten von Kronstadt und deren Aufstand niederzuschlagen".
Soviel zu der Legende, Dutschke sei so etwas wie ein christlicher Sozialist gewesen. Er war als DDR-Bürger Kommunist gewesen; er war es danach. Nur entsprach die DDR nicht seinem Bild vom revolutionären Kommunismus.

Dutschke und der SDS. Als Schüler Lenins wußte Dutschke, daß eine entschlossene Minderheit viel mehr bewirken kann als eine unentschlossene Mehrheit. Anfang der sechziger Jahre hatte sich an der FU eine Gruppe von Kommunisten gebildet ("Subversive Aktion"), die nach politischer Betätigung suchte; dazu gehörten neben Dutschke, der sich ihr 1964 anschloß, Frank Böckelmann, Dieter Kunzelmann und Bernd Rabehl. Man beschloß Anfang 1965, in den SDS einzutreten und diesen für seine Zwecke zu nutzen.

Der SDS (Sozialistische Deutsche Studentenbund) war damals links - die SPD hatte sich deshalb 1961 von ihm getrennt -, aber alles andere als kommunistisch oder revolutionär. Das änderte sich bald nach dem Eintritt dieser Gruppe, die auch als "Viva-Maria-Gruppe" firmierte; sie nannte sich so nach dem Film von Louis Malle, der eine blutige Revolution als fröhliches Spektakel darstellt.

Die Richtung hatte Dutschke zuvor in einem Text vorgegeben, den Michael Frey in seiner Magisterarbeit an der Ruhr-Universität Bochum untersucht hat. In der Pressemitteilung über diese Untersuchung wird Dutschke so zitiert:
Die Möglichkeit, die sich durch größere Demonstrationen ergibt, ist unter allen Umständen auszunützen. Genehmigte Demonstrationen müssen in die Illegalität überführt werden. Die Konfrontation mit der Staatsgewalt ist zu suchen und unbedingt erforderlich.
Geschrieben vor mehr als 45 Jahren; es liest sich wie eine Handlungsanweisung für die heutigen "autonomen" Politkriminellen.

Im SDS bekam die "Viva-Maria"-Gruppe schnell das Heft in die Hand. Der SDS war wesentlich an dem beteiligt, was man bald die "Studentenbewegung" nannte und dann oft auch die "Rebellion der Studenten".

Im September 1967 hielt Dutschke zusammen mit Hans-Jürgen Krahl auf der Frankfurter Bundesdelegiertenkonferenz des SDS ein Referat, über das Langguth schreibt:
Die beiden Studentenführer gingen darin von einer "bestimmten Negation" der parlamentarischen Ordnung aus. Gegen den Macht- und Sicherheitsapparat des Staates sollten illegale Kämpfer Schutz gewähren. Dutschke und Krahl riefen den SDS dazu auf, sich künftig als "Sabotage- und Verweigerungsguerilla" zu formieren: "Die Agitation in der Aktion, die sinnliche Erfahrung der organisierten Einzelkämpfer in der Auseinandersetzung mit der staatlichen Exekutivgewalt bilden die mobilisierenden Faktoren in der Verbreiterung der radikalen Opposition" hieß es da." "Der städtische Guerillero ist der Organisator schlechthinniger Irregularität als Destruktion des Systems der repressiven Institutionen."
Soviel zu der Legende, Dutschke und seine Freunde hätten die Stadtguerrilla-Strategie der RAF und der "Bewegung 2. Juni" strikt abgelehnt. Dutschke wurde sogar sehr konkret, was diese Strategie angeht. Langguth:
Im zeitlichen Zusammenhang mit dem "Vietnam-Kongress" vom 17./18. Februar 1968, wo sich Dutschke auf "einen europäischen Cong", eine Art Stadtguerilla bezog, hatte er in den Niederlanden Überlegungen von Aktionen gegen die "schreckliche Kriegsmaschine" der USA geäußert und von "Angriffen gegen NATO-Schiffe" gesprochen. Dutschke schwebten "Stadtguerilla"-Kleingruppen von jeweils vier bis sechs Kämpfern vor, die eine regelrechte Doppelexistenz führen sollten.
So machten es dann die Mitglieder der deutschen terroristischen Organisationen.

Stadtguerrilla. Das war nicht graue Theorie, sondern Dutschke war durchaus selbst gewaltbereit. Es gibt dazu zwei verbürgte Episoden: Die Sache mit dem Kinderwagen und die Sprengaktion in Saarbrücken.

Die Kinderwagen-Geschichte ist recht bekannt. Langguth berichtet über sie so:
Giangiacomo Feltrinelli (...) klopfte vor dem Vietnam-Kongress im Februar 1968 an die Tür der Dutschkes und zeigte die mit Dynamitstangen gefüllte Rückbank seines Autos. Im Schutz der Dunkelheit brachte er die Ladung in die Wohnung. Am nächsten Tag sollte das Dynamit im Kinderwagen von Dutschkes Sohn Hosea-Ché in eine konspirative Wohnung weitertransportiert werden. Feltrinelli habe, so Gretchen Dutschke, "befohlen", das Kind auf den hochexplosiven Stoff zu betten, damit man keinerlei Verdacht errege. Später begrub Dutschke seinen Plan, gemeinsam mit Feltrinelli mit dem Dynamit ein Schiff mit Kriegsmaterial für den Vietnamkrieg in die Luft zu sprengen.
Ein Stück weiter, wenn auch nicht ganz bis zum Erfolg, gedieh der Plan, einen Sendemast bei Saarbrücken zu sprengen. Langguth:
Der aus Persien stammende Intellektuelle Bahman Nirumand berichtet, dass er im März 1968 gemeinsam mit Dutschke mit einer Bombe im Gepäck von Berlin nach Frankfurt und dann weiter nach Saarbrücken reiste. Ziel: die Sprengung eines Antennenmastes des US-Soldatensenders AFN in Saarbrücken, damit es "zu einer kurzen Unterbrechung der Sendung kommen konnte". Die Vorbereitungen durch einen Genossen waren so lückenhaft, dass der Anschlag abgebrochen wurde.



Dutschke war ein gewaltbereiter Kommunist, der den demokratischen Pluralismus verachtete ("Die Freiheit des Andersdenkenden (...) meint die Freiheit der verschiedenen Fraktionen des sozialistischen Lagers"; wir erinnern uns an Rosa Luxemburg). Wie konnte es zu der Fehlwahrnehmung kommen, er sei ein Demokrat gewesen, gar "ein friedliebender, zutiefst jesuanischer Mensch", wie Walter Jens schrieb (zitiert nach Langguths Aufsatz beim Goethe-Institut)? Es spielte wohl verschiedenes eine Rolle.

Zum einen hat natürlich auch der Kommunist Dutschke zwischen Kaderlinie und Massenlinie unterschieden. Während er, wie gezeigt, intern den Guerrillakampf auch in Europa propagierte, gab er sich gegenüber der Öffentlichkeit friedfertig. Aus einem Interview, das im Juli 1967 Manfred W. Hentschel für den "Spiegel" mit ihm führte:
SPIEGEL: (...) Predigen Sie Gewalt?

DUTSCHKE: Aufruf zur Gewalt, zu Mord und Totschlag in den Metropolen hochentwickelter Industrieländer -- ich denke, das wäre falsch und geradezu konterrevolutionär. (...) Sondern wir müssen ganz klar sehen, daß unsere Chance der Revolutionierung der bestehenden Ordnung nur darin besteht, daß wir immer größere Minderheiten bewußt machen; daß das antiautoritäre Lager immer größer wird und damit beginnt, sich selbst zu organisieren, eigene Formen des Zusammenlebens findet -- in Berlin eine Gegen-Universität etwa, oder Kommunen oder was auch immer.
Neben dieser bei Kommunisten üblichen Mimikry dürfte zweitens eine Rolle spielen, daß ja die Studentenbewegung als Ganzes, als deren Symbolfigur Dutschke galt, keineswegs die sozialistische Revolution wollte; man wollte einen besseren, freieren demokratischen Rechtsstaat. Das zeigte spätestens das Fiasko der K-Gruppen in den siebziger Jahren (siehe Wir Achtundsechziger (4): Entmischung in den siebziger Jahren. Warum es "die Achtundsechziger" eigentlich nicht gibt; ZR vom 21. 4. 2008).

Und drittens war natürlich das Schicksal Rudi Dutschkes ein entscheidender Faktor. Das Attentat auf ihn fand am 11. April 1968 statt, als die Studentenbewegung auf ihrem Höhepunkt war. Danach war Dutschke nicht mehr in der Lage zu revolutionärem Kampf. Wie er sich in den 70er Jahren verhalten, welcher Form des Kampfs er sich angeschlossen hätte, läßt sich nicht sagen. Sein "Holger, der Kampf geht weiter" am Grab des Terroristen Holger Meins im November 1974 zeigt jedenfalls, daß er auch diese Kämpfer als seine Genossen ansah.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette; Rudi Dutschke; Fotoautomat-Aufnahme. Von GretchenD, in die Public Domain gestellt. Mit Dank an meyer.

9. Februar 2011

Zettels Meckerecke: Berlin hat eine Rudi-Dutschke-Straße, aber keine Ronald-Reagan-Straße. Nebst Informationen über Rudi Dutschke

Die Sache köchelt und köchelt: Bekommt Berlin nun eine Straße, die nach Ronald Reagan benannt ist, oder nicht? Den neuesten Stand dieser wahrlich bizarren Diskussion kann man seit gestern Abend in "Spiegel-Online" lesen. Nicht etwa ein Berliner setzt sich für Ronald Reagan als Namensgeber ein, sondern ausgerechnet der Bayer Karl-Theodor zu Guttenberg.

Berlin benimmt sich schäbig; aber was soll man von einer Stadt anderes erwarten, in der die Kommunisten ja nicht nur im Senat sitzen, sondern auch in zahlreichen Bezirken massiv vertreten sind? In Lichtenberg und in Marzahn-Hellersdorf stellen sie sogar den Bezirksbürgermeister; in anderen Bezirken (zum Beispiel Treptow-Köpenick und Pankow) sind sie fast so stark wie die SPD.

Da wird man Ronald Reagan nicht ehren wollen, den man, als er Präsident war, als "Kalten Krieger" verunglimpft hatte. Aber auch in den westlichen Bezirken besteht dazu offenbar eine geringe Neigung; selbst im einst bürgerlichen Charlottenburg-Wilmersdorf. Einem Bezirk, in dem freilich die beiden bürgerlichen Parteien auch nur noch 20 von 55 Bezirksverordneten stellen.

Dort soll nun versucht werden, eventuell doch noch einen Platz nach Ronald Reagan zu benennen. Allerdings, so erfahren wir es in "Spiegel-Online", gibt es dort den putzigen Beschluß, Straßen und Plätze bei Um- oder Neubenennungen nur noch nach Frauen zu benennen.

Wie wäre es dann mit einer Nancy-Reagan-Straße? Oder man benennt eine Straße nach Margaret Thatcher, stellvertretend für ihren amerikanischen Freund?



Wenn's denn so lustig wäre. Aber die Sache ist ja ernst. Mit Straßennamen bezieht eine Stadt auch politisch Position. In Paris ist ein zentraler Platz, der frühere Étoile, nach Charles de Gaulle benannt. Aber keine Straße, kein Platz erinnert an den Marschal Pétain; wie auch anders.

In Berlin aber gibt es eine Karl-Marx-Straße, eine Friedrich-Engels-Straße, eine Rosa-Luxemburg-Straße, eine Karl-Liebknecht-Straße; die gesamte kommunistische Prominenz ist vertreten. Und Rudi Dutschke.

Vielleicht erinnern Sie sich noch an den Streit um die Umbenennung eines Teils der Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße; Sie können das in der Wikipedia nachlesen. Er endete damit, daß am 30. April 2008 ein Straßenschild "Rudi-Dutschke-Straße" feierlich enthüllt wurde.

Angeregt hatte die Umbenennung die taz. Wußte man, wen man da ehrte? Ich bezweifle es. Über kaum eine Gestalt der deutschen Nachkriegsgeschichte hat sich ein solcher Mythos gelegt wie über Rudi Dutschke.

Ein Idealist. Ein Linker zwar, aber der Gewalt abhold. Einer, der mit dem Kommunismus nichts im Sinn hatte, sondern der eine freie Gesellschaft wollte. Einer, der Fragen stellte, statt Antworten zu geben. Ein Weltverbesserer mit einem tragischen Schicksal. Und so fort - sitzt vielleicht auch in Ihrem Kopf dieses Dutschke-Bild?

Dann möchte ich Sie einladen, zu lesen, was ich zu Dutschke vor zwei Jahren geschrieben habe: "So macht Kommunismus Spaß" (7): Dutschke und Genossen als Revolutionäre. Räteherrschaft in Westberlin. "Dieser revolutionäre Kampf ist furchtbar"; ZR vom 28. 2. 2009. Links zu allen Folgen der Serie, die sich mit Ulrike Meinhof, der RAF und überhaupt mit linker Gewalt befaßte, finden Sie hier.

Sie können dort lesen, wie Rudi Dutschke die "kämpferische Auseinandersetzung mit der staatlichen Exekutive" forderte, wie er für "Widerstand" und "illegale Arbeit" eintrat; wie er einen detaillierten Plan für die Revolution entwarf: Die staatlichen Institutionen sollten einer "kontinuierlich gesteigerten Belastung ausgesetzt" und "tief erschüttert" werden.

Wie? "Gegengewalt demonstrieren und praktizieren (Schutztruppe - Karateausbildung - bei Knüppeleinsatz - Molotowcocktails)". Einen "Machtergreifungsplan" nannte das Dutschke in seinem Tagebuch. Und er schrieb 1967 in einem Brief:
Der Kampf allein bringt die Herstellung des revolutionären Willens. Dieser revolutionäre Kampf ist furchtbar, aber furchtbarer würden die Leiden der Völker sein, wenn nicht durch den bewaffneten Kampf der Krieg überhaupt von den Menschen abgeschafft wird.
Sie waren eben keine "zornigen Studenten", Dutschke, Semler, Rabehl und Genossen. Sie waren Revolutionäre wie Lenin und Trotzki, die auch nicht älter waren als sie, als sie mit der revolutionären Arbeit begannen. Als Lenin 1895 das erste Mal wegen seiner Untergrundtätigkeit verhaftet wurde, war er 25 Jahre alt; Dutschke war 1968 drei Jahre älter.

Daß aus der Revolution nichts wurde, als deren Ergebnis zunächst eine Räterepublik in Westberlin entstehen sollte, lag nicht an Rudi Dutschke. Die Revolutionäre scheiterten damals, weil es in Deutschland keine revolutionäre Situation gab. Sie waren dem Irrtum erlegen, die Aufgeregtheiten unter Westberliner Studenten für die Vorboten einer allgemeinen Revolutionsbereitschaft in Deutschland zu halten.

Ihr Scheitern verklärte sie. Und der demokratische Rechtsstaat, den sie vernichten wollten, brachte es in Gestalt der Bezirksverordnetenversammlung von Friedrichshain-Kreuzberg fertig, eine Straße nach dem gescheiterten Revolutionär Rudi Dutschke zu benennen.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

28. Februar 2009

"So macht Kommunismus Spaß" (7): Dutschke und Genossen als Revolutionäre. Räteherrschaft in Westberlin. "Dieser revolutionäre Kampf ist furchtbar"

Die meisten Versuche, die Geschichte der RAF aufzuarbeiten, konzentrieren sich, wie in der letzten Folge beschrieben, auf die Angehörigen dieser Gruppe und ihre persönliche Vorgeschichte. Das wäre gerechtfertigt, wenn der Weg zur gewaltsamen Revolution in Deutschland das Ergebnis eines sozusagen einsamen Entschlusses dieser Gruppe gewesen wäre.

Das ist aber nicht der Fall. Was die Angehörigen der RAF von Dutschke, Semler und den anderen Anführern der "Studentenbewegung" unterschied, war nicht die Entschlossenheit zur Revolution, sondern die Bereitschaft, diesen Entschluß auch in die blutige Tat umzusetzen.

Wie sehr aber bereits die nach außen hin alles in allem friedlich auftretenden Anführer vor allem aus dem SDS auf Revolution und Gewalt setzten, kann man erst ermessen, wenn man interne Dokumente heranzieht - Rudi Dutschkes Tagebuch zum Beispiel; Papiere, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren; Protokolle von Besprechungen, auch Spitzelberichte darüber.

Dieses Material aufgearbeitet zu haben ist das Verdienst von Götz Aly mit seinem Buch "Unser Kampf. 1968 - ein irritierender Blick zurück". Auf die Schwächen dieses Buchs habe ich in der vergangenen Folge hingewiesen. Sein Verdienst, dieses Material erschlossen und zusammengestellt zu haben, ist davon unberührt. Wenn nicht anders angegeben, stütze ich mich auf sein Buch.



Die Rede ist im folgenden nicht von "den Studenten" oder "den Achtundsechzigern". Da gab es viele Gruppen und Strömungen, wie in der letzten Folge beschrieben. Es geht um die Pläne, die in der Gruppe der Anführer kursierten - von Leuten wie Rudi Dutschke, Bernd Rabehl, Wolfgang Lefèvre, Christian Semler.

Welches war deren politisches Ziel? Wie wollten sie es erreichen?

Laut Johannes Agnoli, etwas älter als diese Studenten, aber auf ihrer Linie, war das Ziel "die Organisation des Klassenkampfs und die Desintegration der Gesellschaft [als der] erste Schritt zur Verwirklichung der Demokratie".

Wie das politische System der "Demokratie" aussehen sollte und wie man dahin kommen wollte, erläuterten im Jahr 1968 Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und Christian Semler in einem Gespräch mit Hans- Magnus Enzensberger, das im "Kursbuch" abgedruckt wurde.

Aly zitiert kurz daraus. Ich habe jetzt - zum ersten Mal wieder seit vierzig Jahren - die betreffende Nummer des "Kursbuchs" (14/1968) in die Hand genommen. Beim Beginn des Gesprächs auf Seite 146 hatte ich ein Lesezeichen eingelegt; ich muß es also damals für wichtig gehalten haben.

Enzensbergers Gesprächspartner sind sich völlig einig darüber, daß es um nichts weniger als "die Revolution" geht; und sie verstehen darunter einen gewaltsamen Umsturz. Bernd Rabehl (S. 154):
Wir sollten die Frage stellen, welche gesellschaftlichen Schichten bereit sind, bis zur radikalen Gewalt zu gehen; das System zu beseitigen. Wir sollten z.B. die Versuche der amerikanischen Liberalen sehr hoch einschätzen, wir sollten uns darüber nicht erheben, wir sollten aber wissen, daß sie unfähig sind, den letzten Schritt zu tun, die Sprache der Gewalt zu sprechen.
Man war sich in der Runde offenbar einig, daß es bei Studenten, überhaupt allgemein der Intelligenz, an Bereitschaft zur revolutionären Gewalt hapert und diskutierte folglich darüber, was man dagegen tun könne. Dutschke trat (S. 156) für die Schaffung eines "Gegenmilieus" durch den Kampf ein, so daß
aus Gruppen, Individuen, Schichten, daß aus diesem ganzen Brei durchaus - nicht durch Selbstbewegung, sondern durch kämpferische Auseinandersetzung mit der staatlichen Exekutive - eine Basis ... in Gestalt von Gegenmilieu entstehen kann.
Semler dagegen setzte (S. 157) eher auf die Gewaltbereitschaft des Proletariats:
Der Vergleich zwischen Demonstrationsformen von Studenten und Arbeitern in anderen Ländern zeigt uns ganz deutlich, daß für die Arbeiter im Grunde jede Demonstration den Keim des Bürgerkrieges in sich trägt.
Man kam dann (S. 161) auf die Illegalität zu sprechen, die sowohl Dutschke ("den Schritt zu tun zum Widerstand, zur Desertion, zur Unterstützung der Desertion, zur illegalen Arbeit") als auch Rabehl ausdrücklich befürworteten. Rabehls Kommentar dazu liest sich fast wie das Konzept der RAF:
Illegalität, wenn sie nicht dilettantisch bleiben will, bedeutet, daß man gegen den Staatsapparat operiert, daß also gerade das psychische Moment des Friedens zurückgenommen wird und eine streng disziplinierte Organisation entsteht. Eine illegale Organisation bedeutet aber auch die Entwicklung neuer Bedürfnisse: direkte Solidarität, direkte Freundschaft zu den einzelnen Mitgliedern dieser Organisation (...) Insofern glaube ich, daß sich in einer illegalen Organisation Ansätze zu einer neuen Gesellschaft bilden können.



Waren das Spinnereien für den Sankt- Nimmerleinstag? Keineswegs. Beabsichtigt war die Revolution zunächst in Westberlin, und zwar innerhalb der nächsten Jahre (siehe unten). Das Ziel war eine Räteherrschaft in der Art der Pariser Commune, die dann sowohl in die DDR als auch die Bundesrepublik ausstrahlen und auch dort Revolutionen in Gang setzen sollte

Es gab auch schon ganz konkrete Überlegungen für Ausübung der Herrschaft nach der Revolution. Rabehl (S. 166): "Aber nun noch eine andere Frage: Was machen wir mit den Bürokraten? (...) Ein Großteil der Bürokraten wird nach Westdeutschland emigrieren müssen". Dutschke widersprach: "Niemand darf weggeschickt werden, sondern alle sind produktive Kräfte".

Und Semler steuerte (S. 170) die Idee bei: "Zum Beispiel darf es nie mehr Richter geben, darf es nie mehr einen Justizapparat geben". Auch Dutschke ging (S. 171) davon aus, "daß die Juristerei und die Polizei abgeschafft wird".

Das waren, wie gesagt, nicht Utopien für eine ferne Zukunft. Es war das, was man in Westberlin nach der Revolution machen wollte, die man dort unmittelbar vorbereitete.

Unter dem Pseudonym R.S. beschrieb Rudi Dutschke am 12. Juni 1967 in einer Publikation namens "Oberbaumblatt" im Detail, wie er sich die Revolution in Westberlin vorstellte: Die staatlichen Institutionen sollten einer "kontinuierlich gesteigerten Belastung ausgesetzt" und "tief erschüttert" werden.

Mit welchen Mitteln, notierte er in seinem Tagebuch: "Gegengewalt demonstrieren und praktizieren (Schutztruppe - Karateausbildung - bei Knüppeleinsatz - Molotowcocktails)".

Das Ergebnis sollte sein, daß "Parlament, Parteien und Exekutive" abgeschafft sind.

Die Westalliierten würden sich dieser Revolution nach Dutschkes Ansicht nicht in den Weg stellen, weil sie vor einem Blutbad zurückscheuen würden. Allerdings sollten sie für die Revolution sehr wohl eine Rolle spielen, nämlich "einige Sondermaschinen für den Abtransport der funktionslos gewordenen Politiker und Bürokraten" zur Verfügung stellen. Ein Jahr später, in dem Gespräch mit Enzensberger, hatte Dutschke in diesem Punkt seine Meinung offenbar geändert.

Am 24. und 25. Juni 1967 fand im Metaller- Heim Berlin- Pichelsdorf so etwas wie eine Strategie- Tagung der Revolutionäre statt; zu den Teilnehmern gehörten Dutschke, Rabehl, Semler und Lefèvre.

Und es nahm Dietrich Staritz teil, ein Spitzel des Verfassungsschutzes (und auch der Stasi). In seinem Bericht werden die Maßnahmen aufgelistet, die zur Machtergreifung führen sollten.

Man einigte sich auf eine Revolution in fünf Stufen. Sie reichten von einer "Verstärkung der politischen Unruhe durch studentische Demonstrationen und Willenskundgebungen" über den "Versuch, wilde Streiks zu organisieren, in deren Verlauf sich spontan Räte bilden könnten" bis zu einer "Massenbewegung, die in der Lage sein könnte, den Senat, sprich die bisherige politische Obrigkeit aus den Angeln zu heben". Das alles sollte in einem Zeitraum von fünf bis zehn Jahren zur Machtergreifung führen.

Ja, zur Machtergreifung. Zwei Tage nach dieser Konferenz notierte Dutschke in seinem Tagebuch: "In der Kneipe 'Machtergreifungsplan' 'ausgepackt". Riesige Überraschung".



Eine "riesige Überraschung" hätte vermutlich auch viele der protestierenden Studenten erfaßt, wenn sie gewußt hätten, daß es ihren Anführern - jedenfalls dieser dominierenden Gruppe - nicht um eine Reform der Universität ging (diese sollte abgeschafft werden) und auch nicht um eine Reform der Gesellschaft. Es ging ihnen um die Revolution.

Gewalt wurde dabei ausdrücklich nicht ausgeschlossen.

In seinem Tagebuch schwärmte Dutschke geradezu von der Gewalt in der Dritten Welt ("Che lebt und arbeitet in Bolivien. (...) Kämpfen schon mit Raketenwaffen!! Vietcong erst vor kurzem erhalten!")

Und in einem Brief, den Dutschke zusammen mit Gaston Salvatore 1967 an das Exekutivsekretariat einer internationalen linken Organisation namens OSPAAL richtete, heißt es:
Der Kampf allein bringt die Herstellung des revolutionären Willens. Dieser revolutionäre Kampf ist furchtbar, aber furchtbarer würden die Leiden der Völker sein, wenn nicht durch den bewaffneten Kampf der Krieg überhaupt von den Menschen abgeschafft wird.


Das bisher Zitierte könnte man wohlwollend noch so interpretieren, daß die Revolutionäre zwar Gewalt in der Dritten Welt befürworteten, daß sie aber meinten, in Westberlin und dann in ganz Deutschland die Machtergreifung auch ohne unmittelbare physische Gewalt hinzubekommen - als eine friedliche Revolution, wie sie zwanzig Jahr später in der DDR Wirklichkeit werden sollte.

Aber die Dokumente besagen etwas anderes. Wie Dutschke, Rabehl und Semler offen über Gewalt diskutierten, habe ich schon zitiert. 1968 forderte ein anonymer Autor im "FU-Spiegel", dem Berliner Studentenblatt, das damals fest in der Hand des SDS war, "Psychoterror gegen Richter und Staatsanwälte".

Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes wurden im selben Jahr auf einer Delegiertenkonferenz des SDS Flugblätter mit Anleitungen zur Herstellung von Sprengmitteln verteilt.

Am 1. November desselben Jahres wurden Brandbomben gegen das Frankfurter Justizgebäude geworfen. Im April 1969 fand eine Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt statt, auf der auch eine "Gruppe Technologie" auftrat. Deren Thesenpapier begann mit einer Anleitung zum Bau von Molotow- Cocktails.



Gewiß gab es bei Dutschke und Genossen keine Pläne zur gezielten Ermordung von Menschen. Sie ließen offen, wie sich die "revolutionäre Gewalt" in Deutschland entwickeln würde. Aber Gewalt hielten sie für erforderlich.

Die beiden Strategie- Papiere der RAF - "Das Konzept Stadtguerilla" und "Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa" - waren radikalere Konkretisierungen dessen, was Dutschke und Genossen wollten. Die Strategie der RAF basierte auf der ja nicht falschen Erkenntnis, daß "die Macht aus den Gewehrläufen kommt", wie ein damals vielzitiertes Mao-Wort lautete.

Dutschke und Genossen hatten das für Asien und für Lateinamerika akzeptiert und das dortige Blutvergießen befürwortet. Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und ihre Genossen zogen die logische Konsequenz, es auf Westeuropa auszudehnen, nachdem sie zu der Einsicht gekommen waren, daß anders die sozialistische Revolution nicht würde gelingen können.

Die Revolution, die sie ebenso wollten wie Dutschke und Genossen. Als dieser am Grab von Holger Meins sein berühmtes "Holger, der Kampf geht weiter!" sprach, haben sich viele gewundert, wieso Dutschke sich derart mit einem Terroristen solidarisieren konnte.

Es war aber ein- und derselbe Kampf, den Dutschke und Meins geführt hatten. Nur mit verschiedenen Mitteln.



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18. September 2016

Mimimi

Mimimi ist ein wunderschönes und ausgesprochen praktisches Wort. Es ist unglaublich hilfreich, wenn es darum geht sachliche Auseinandersetzung erst gar nicht bestreiten zu müssen und den adressierten Personen von vorneherein die Berechtigung zu entziehen sich zu beschweren.
So spart man sich nicht nur die Auseinandersetzung, man kann auch gleichzeitig ein Statement darüber abgeben, dass die Adressierten eigentlich eine Bande von Weicheiern sind, die gefälligst vom Herd wegbleiben sollen, wenn sie das Feuer nicht vertragen. Wunderschön. Einfach. Unsachlich. Und furchtbar praktisch.

21. November 2011

Rechter Terrorismus und linker Terrorismus in Deutschland. Anmerkungen zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden

Nach einer Pause von rund zwei Jahrzehnten gibt es in Deutschland wieder eine Debatte über den politischen Terrorismus; über einen deutschen Terrorismus, nicht den importierten der Islamisten.

Am 1. April 1991 beging die "Rote Armee Fraktion" (RAF) ihren letzten Mord. Bis heute ist unbekannt, wer den Vorsitzenden der Treuhand-Anstalt, Detlev Karsten Rohwedder, damals erschoß; in einem Bekennerbrief bezichtigte sich ein "RAF-Kommandos Ulrich Wessel" der Tat.

Die Morde des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) wurden erst jetzt bekannt; aber der erste - das Opfer war der Blumenhändler Enver Simsek - liegt schon mehr als ein Jahrzehnt zurück. Er geschah am 9. September 2000.

Was terroristische Gewalt in Deutschland angeht, hatte es also nur eine Pause von knapp zehn Jahren gegeben; zehn Jahre zwischen dem letzten Mord der RAF und dem ersten der NSU.

14. September 2010

Die dritte Phase in der Geschichte der Bundesrepublik geht in diesen Tagen zu Ende. Eine These

Knapp ein Jahr nach den Bundestagswahlen vom 27. September 2009 ist in Deutschland eine Debatte in Gang gekommen - fast könnte man sagen: losgebrochen -, wie dieses Land sie seit der Wiedervereinigung nicht mehr erlebt hat. Es wird immer deutlicher, daß die Diskussion über die Thesen von Thilo Sarrazin nicht nur eine Auseinandersetzung mit diesem Autor ist; schon gar nicht nur eine Diskussion über das Problem der Integration von Zuwanderern. Es ist eine Diskussion über die Lage unseres Landes.

Es ist eine Diskussion, die vermuten läßt, daß jetzt die dritte Phase in der Geschichte der Bundesrepublik zu Ende geht. Das jedenfalls ist die These, die ich im folgenden erläutern und begründen möchte.



Die erste Phase - das waren die "Aufbaujahre", die Zeit des "Wirtschaftswunders". Sie war geprägt von demokratischen Politikern aus der Zeit der Weimarer Republik - Persönlichkeiten wie Konrad Adenauer, Fritz Schäffer, Kurt Schumacher, Fritz Erler, Theodor Heuss, Thomas Dehler.

Dieser Abschnitt unserer Geschichte war eine Zeit mit zwei Gesichtern; dynamisch und konservativ zugleich.

Auf der einen Seite schaffte es die "Kriegsgeneration", in diesen beiden Jahrzehnten aus dem zerstörten Deutschland das zu machen, was der Kanzler Kohl später in anderem Zusammenhang "blühende Landschaften" nannte. Man spürte förmlich, wie alles von Jahr zu Jahr besser wurde. "Es wird besser besser besser, immer besser besser besser" lautete ein Schlager aus dieser Zeit.

Innerhalb von zwei Jahrzehnten wurden aus den halbverhungerten Elendsgestalten der Nachkriegsjahre die Kinder des Wirtschaftswunders. Im Urlaub fuhr man erst mit dem Motorrad in den Schwarzwald, dann mit dem Goggomobil an den Wörthersee, schließlich mit dem VW oder Opel nach Italien. Mit der Währungsreform setzte die "Freßwelle" ein, gefolgt von der "Edelfreßwelle" und schließlich dem Schwenk zu Diät und Gesundheitsbewußtsein; kulminierend in der "Brigitte-Diät", die 1969 das Licht der Welt erblickte.

Wirtschaftlich also ging es stürmisch voran. Auf der anderen Seite war die Adenauer-Zeit aber auch eine Zeit ungewöhnlicher Stabilität; manche sahen das als Verkrustung. Diese wirtschaftlich so dynamische Bundesrepublik war zugleich ein wertkonservatives Land. Ein Land, in dem die Kirchen, vor allem die katholische, ein Ansehen und eine Meinungsmacht hatten, wie man sich das heute kaum noch vorstellen kann.

Mit dem Slogan "Keine Experimente" gewann Konrad Adenauer bei den Bundestagswahlen von 1957 die absolute Mehrheit für die Union. Über die Moral in den Kinos wachte die "Aktion saubere Leinwand" des erzkonservativen katholischen Juristen Adolf Süsterhenn; über das sittliche Wohl der Familien wachte der nicht weniger katholische Familienminister Franz-Josef Wuermeling.

Und doch war das nur die eine Seite dieser gesellschaftlich und kulturell so wenig dynamischen Bundesrepublik. Es gab so etwas wie eine - allerdings auch eher statische, auch auf ihre Art konservative - Gegenmacht in Gestalt des Kulturbetriebs, der ganz überwiegend von (wie man damals sagte) "Nonkomformisten" beherrscht wurde (siehe Wir Achtundsechziger (1): Wie alles anfing; ZR vom 4. 6. 2007. Siehe zum Weiteren auch die anderen Folgen dieser Serie).

Diese erste Phase der Bundesrepublik dauerte ziemlich genau zwanzig Jahre, also knapp eine Generation. Sie begann schon vor der Gründung der Bundesrepublik, nämlich mit der Währungsreform am 20. Juni 1948. Sie endete mit den Studentenprotesten der Jahre ab 1967.



Die zweite Phase, deren Vorboten die Schwabinger Krawalle und die "Spiegel"-Affäre gewesen waren, beide im Jahr 1962, läßt sich am besten durch zwei Slogans aus dem Wahlkampf des Jahres 1969 kennzeichnen: "Wir schaffen das moderne Deutschland" (SPD) und "Wir schaffen die alten Zöpfe ab" (FDP).

Modernisierung war die Parole der Stunde. Raus aus dem - nun nachträglich so empfundenen - Muff der Aufbaujahre! Alle Werte auf den Prüfstand! Anything goes!

Das Verhältnis von Dynamik und Verkrustung kehrte sich jetzt um: Während das Wirtschaftswunder zu Ende ging und der wirtschaftliche Fortschritt sich verlangsamte, während auf die beiden wirtschaftlich dynamischen Jahrzehnte des Aufbaus zwei Jahrzehnte der Konsolidierung, teils auch der Wirtschaftskrisen folgten, brodelte es in der Gesellschaft.

Die Revoluzzerei, die Machtphantasien von Rudi Dutschke und seinen Mitstreitern (die allen Ernstes in Berlin eine Räterepublik errichten wollten; siehe Dutschke und Genossen als Revolutionäre; ZR vom 28. 2. 2009), selbst der Terror der RAF und der "Bewegung 2.Juni" waren es nicht, was der Gesellschaft in dieser Epoche ihre bisherige Stabilität nahm; was sie durcheinanderwirbelte, was sie nachgerade auf den Kopf stellte.

Das war vielmehr - der Begriff paßt hier viel besser als auf die damaligen Ereignisse in China - die Kulturrevolution, die sich zwischen dem Ende der sechziger Jahre und 1989 vollzog.

Eine Familie war noch 1970 selbstverständlich ein Ehepaar mit mindestens einem Kind. Zwanzig Jahre später definierte man Familie als das, "wo Kinder sind" - sei es bei ledigen Müttern oder geschiedenen Vätern, sei es in einer "Kommune", später WG genannt, sei es schließlich auch bei einem gleichgeschlechtlichen Paar.

Im Jahr 1970 war Pornographie noch verboten. Wer damals aus Skandinavien pornographische Produkte nach Deutschland einführte, mußte mit einer Gefängnisstrafe rechnen. 1973 wurde die Pornographie weitgehend freigegeben. Die Erwartung, sie von Jugendlichen fernhalten zu können, erwies sich als irrig.

Die Geburtenziffer (die Kinderzahl pro Frau) lag im Jahr 1965 bei 2,51. Zwanzig Jahre später hatte sie sich auf 1,28 fast halbiert.

Wir Deutschen wurden in diesen zwei Jahrzehnten zwischen dem Ende der sechziger und dem Ende der achtziger Jahre ein anderes Volk. Das Ausland staunte. Da war nichts mehr von "Verboten!" und "Jawoll!". Da gab es vielmehr (zeitweise) Soldaten, denen die Haarpracht unter ihrem Helm bis fast auf die Schultern fiel.

Da duzten sich Lehrer und Schüler, Professoren und Studenten. Bis Ende der sechziger Jahre war der Student im dunklen Anzug, die Studentin im Kleinen Schwarzen zu den Prüfungen erschienen; jetzt setzten sie sich in Jeans und T-Shirt dem Professor gegenüber, der kaum konservativer gekleidet war.

Alle Lebensbereiche wurden von dieser erstaunlichen Metamorphose der Deutschen erfaßt (der Deutschen [West] sollte ich sagen; ich komme darauf).

Statt ins "Restaurant" ging man zum Italiener oder Griechen. Nationalgerichte wie Schweinebraten und Königsberger Klopse verschwanden von der häuslichen Speisekarte; die Mutter - nein, die Kinder nannten sie jetzt schon einmal Inge oder Claudia - servierte jetzt Penne, Risotto oder im Wok gerührtes Chop Suey. Statt daß die Familie am Sonntag "im Sonntagsstaat" in die Kirche ging, radelte man gemeinsam durch Wald und Feld.

Kurz, aus einer Gesellschaft fleißiger, auf Ordnung bedachter Untertanen wurde in diesen zwanzig Jahren eine Gesellschaft von Hedonisten, denen ihr Vergnügen, denen die "Selbstverwirklichung" über alles ging. Von einem "kollektiven Freizeitpark" sprach Helmut Kohl. Statt ihm für diese nur allzu zutreffende Diagnose dankbar zu sein, wurde diese Formulierung von selbsternannten Sprachkritikern 1993 zum "Unwort des Jahres" gekürt.

Politisch wurde diese Epoche in ihren ersten zwei Dritteln - von 1969 bis 1983 - durch das Bündnis von Sozialdemokraten und Liberalen bestimmt; von 1983 an regierte Helmut Kohl. Freilich ohne die "geistig-moralische Wende", die er angekündigt hatte. Etwas ruhiger mag es gegen Ende des Jahrzehnts indes geworden sein. Eine gewisse protzige Gediegenheit hielt Einzug. In den Geschäften sah man nun überall Spiegel und Messing. Deutschland (West) wurde allmählich wieder bürgerlicher. Aus alternativen Hedonisten wurden in dem Maß, in dem sie in der Gesellschaft aufstiegen, hedonistische Philister.



Das erleichterte sehr die Wiedervereinigung, mit der 1990 - also wieder nach gut zwanzig Jahren, einer knappen Generation - diese zweite Epoche zu Ende ging. Sie war eine Wende nicht nur für die ehemalige DDR, die nun fünf "Neue Länder" gebar. Sie war ebenso eine Wende für die alte Bundesrepublik. Was zusammenwuchs, das war eine in vierzig Jahren verkrustete Gesellschaft Ost mit einer zunehmend verkrustenden Gesellschaft West. Der Westen war sozusagen reif für die Verostung, als die Wiedervereinigung sie ermöglichte; ich komme gleich noch einmal darauf.

Zunächst einmal aber war nun, ab 1990, Schluß mit lustig. Die DDR beschäftigte uns Deutsche; umso mehr, je deutlicher die Verbrechen des SED-Regimes, die Ärmlichkeit des Lebens in der DDR für uns sichtbar wurden. Der Aufbau Ost verlangte größte finanzielle Anstrengungen. Er absorbierte auch viele beruflich besonders Qualifizierte; in der Verwaltung etwa, in den Hochschulen. Wir waren voll mit uns selbst beschäftigt.

Derweil veränderte sich die Welt um uns. Aus China kamen nicht mehr Chinakladden und geflochtene Stühle, sondern High-Tech. In Holland, in Neuseeland, dann in immer mehr Ländern begann man zu verstehen, daß es mit dem Sozialstaat so nicht weitergehen konnte; daß dasjenige erforderlich sein würde, was man in einem zunächst ganz positiven Sinn neoliberale Reformen nannte: Eine Verringerung der Soziallasten, die Verschlankung des Staats, mehr Wettbewerbsfähigkeit im Kampf um die globalen Märkte.

Um uns herum war das so. Nicht in Deutschland. Die erste Epoche, die Adenauerzeit, war wirtschaftlich dynamisch gewesen, hatte gesellschaftlich aber eher stagniert. In der zweiten hatte sich die Gesellschaft revolutioniert, bei deutlich niedrigerem Wachstum des Wohlstands. In der dritten Epoche vereinte sich gesellschaftliche Stagnation mit einer abflachenden wirtschaftlichen Dynamik.

In den acht Jahren zwischen der Wiedervereinigung und ihrer Abwahl schleppte sich die Regierung Kohl immer mühsamer dahin; nicht nur ohne den Mut zu den erforderlichen tiefgreifenden Reformen, sondern auch gebremst durch die Verweigerungstaktik der SPD im Bundesrat, geschmiedet und mit aller Skrupellosigkeit durchgesetzt von Oskar Lafontaine.

1998 hätte eine bürgerlich-liberale Regierung die Regierung Kohl ablösen müssen; aber das war sie ja selbst. Stattdessen begannen sieben gespenstische Jahre. Altkommunisten wie Jürgen Trittin und Ulla Schmidt, der einstige Straßenkämpfer Josef Fischer, frühere Juso-Häuptlinge wie Gerhard Schröder und Heidemarie Wieczorek-Zeul versuchten die Restauration.

Diese Leute - diese Kohorte der um 1945 Geborenen - repräsentierten das Denken der siebziger Jahre. Diese hatten sie geprägt. Über diese waren sie nicht hinausgekommen; außer daß sie in unterschiedlichem Maß zynisch geworden waren.

Als sie endlich - eine ganze Generation zu spät - an die Macht kamen, wollten sie diesen Geist der siebziger Jahe restaurieren, wollten sie die damaligen Idee neu beleben.

Eine Restauration also wie einst die Restauration der Bourbonen, nachdem Bonaparte besiegt worden war. Nur hatten die Bourbonen zuvor schon einmal regiert, während diejenigen, die das Rad auf 1970 zurückdrehen wollten, erst an der Schwelle zum Rentenalter überhaupt an die Macht gekommen waren. Sie waren aus der Gruft gestiegen wie die Untoten im "Tanz der Vampire" und versuchten nun den Tanz; das heißt: Sie wollten die Verhältnisse zum Tanzen bringen, wie ihnen das Karl Marx mit auf den Lebensweg gegeben hatte.

Nur drehten sie sich im Kreise, völlig losgelöst von der Realität dieser Jahre vor und nach der Jahrtausendwende. "Neoliberale Reformen" wurde nun ein Schimpfwort. Deutschland wurde zeitweise von der Wirtschaftslokomotive der EU zu einem der Schlußlichter. Man begann in der Wirtschaft von der "deutschen Krankheit" zu sprechen.

Und wie sah es in Kultur und Gesellschaft aus? Dieselbe Generation derer, die in den siebziger Jahren die bleibenden Eindrücke ihres Lebens empfangen hatten, war, wie in der Politik, so nun auch in diesen Bereichen an der Macht; freilich nicht spät und plötzlich durch eine gewonnene Wahl, sondern am Ende des Langen Marschs durch die Institutionen.

Sie saßen auf den Lehrstühlen, kontrollierten den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, stellten viele der Chefredakteure und Ressortleiter der Wochenzeitungen und der überregionalen Tagespresse. Sie selbst oder ihre ehemaligen Studenten unterrichteten die Kinder; sie halfen als Sozialarbeiter den Armen und als Therapeuten den sinnsuchenden Lehrern und sonstigen Angehörigen des im öffentlichen Dienst tätigen Mittelstands.

Sie übernahm die Leitung der Gesellschaft, diese Kohorte der um 1945 herum Geborenen; nicht nur im klassischen linken Bereich. Daß der Mitgründer einer Gruppe wie "Revolutionärer Kampf", die für eine proletarische Revolution in Westeuropa kämpfte, einmal Herausgeber seines Flaggschiffs "Die Welt" werden könnte, hätte sich Axel Springer gewiß nicht träumen lassen.

Wie in der ersten Epoche hatte das Land wieder seine Präzeptoren, die den Menschen sagten, was gut und böse ist, was sie tun und lassen sollen. Nur waren es nicht mehr die christlichen Kirchen. An die Stelle der Priester traten die Hohepriester einer Ideologie, gemixt aus Marxismus, Ökologismus und einem Schuß dessen, was man später Gutmenschentum nannte.

Schon in den Schulen wurden die Kinder mit dieser Ideologie geimpft, so wie ihre Großeltern in der katholischen oder evangelischen Konfessionsschule erzogen worden waren. Intellektuelle, die sich Tabus näherten, wurden einer gnadenlosen öffentlichen Ächtung unterworfen. Dem Tabubrecher Martin Walser erging es in der Restaurationszeit des Jahres 1998 ungleich schlimmer als dem Tabubrecher Günter Grass 1959, zur Zeit des Kanzlers Adenauer und des Tugendwächters Adolf Süsterhenn.

Kurz, wenn die Adenauerzeit von einem Hauch Mehltau überzogen gewesen war, dann lagerte auf dieser dritten Epoche eine armdicke Schicht von Mehltau. Die Offenheit und die gesellschaftliche Dynamik der zweiten Epoche waren verloren. Aus den einstigen Revolutionären waren engstirnige Wächter über politische Korrektheit, über das Einhalten von Tabus geworden. Nie in der Geschichte der Bundesrepublik waren Nonkonformismus, waren eigenständiges Denken so geächtet wie in dieser Zeit, die mit der Wiedervereinigung begann und die jetzt - so scheint es mir - zu Ende geht.

Die nicht zufällig mit der Wiedervereinigung begann. Denn in diesem Übermaß an gesellschaftlicher Kontrolle, diesem Versuch einer Vereinheitlichung der Normen und Werte traf sich diese westdeutsche Elite der gealterten Achtundsechziger mit der Herrschaftselite der DDR.

Gewiß, in die einstige DDR zogen demokratische Verhältnisse ein. Aber parallel dazu hielt in Westdeutschland ein Konformismus seinen Einzug, wie es ihn in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben hatte. Verostung war nicht nur bei nachlässiger werdenden Kellnern und arrogantem Bahnpersonal zu spüren, sondern auch in diesem sich ausbreitenden Wir-Gefühl, aus dem heraus jeder Andersdenkende als ein Feind wahrgenommen wurde, den es zu bekämpfen galt.

Diese Dominanz war ohne Gegengewicht. Denn einen bedeutsamen Unterschied gab es zur Adenauerzeit: Damals standen, wie erwähnt, der herrschenden konservativen Elite die "Nonkonformisten" gegenüber. Sie wurden zwar von oben kritisiert - von "Pinschern" sprach Ludwig Erhard -, aber sie beherrschten den Kulturapparat. In der dritten Epoche fehlte ein solches Gegengewicht. Die Achtundsechziger und ihre Epigonen beherrschten die Institutionen; und keine andersdenkenden Schriftsteller, Künstler, Publizisten von Gewicht stellten sich ihnen entgegen. Alle waren ja irgendwie "linksliberal".

Es gab zu Adenauers Zeit Autoren, die mit den herrschenden Überzeugungen mindestens so hart ins Gericht gingen wie jetzt Thilo Sarrazin. Erich Kuby beispielsweise mit seinem Buch "Das ist des Deutschen Vaterland" (1957); Kurt Pritzkoleit mit "Wem gehört Deutschland?" (ebenfalls 1957); Rudolf Augstein unter seinem Pseudonym Jens Daniel, der vor kaum einem Tabu der damaligen Zeit halt machte.

Niemand hat sie damals öffentlich zu diffamieren, sie bis in ihre bürgerliche Existenz hinein zu bekriegen versucht, so wie das in diesen Tagen mit Thilo Sarrazin geschieht. Jedem Versuch einer solchen Diffamierung wäre sofort die Phalanx der "Gruppe 47" entgegengetreten. Es hätte Aufrufe, Zeitungsartikel, Interviews zugunsten des Diffamierten gegeben. So allein wie jetzt Thilo Sarrazin hätte niemand gestanden, der in den fünfziger oder sechziger Jahren herrschende Auffassungen kritisierte.



Ich habe diese dritte Epoche im Imperfekt beschrieben, weil ich es für wahrscheinlich halte, daß sie jetzt zu Ende geht. In dieser Affäre Sarrazin - man wird sie inzwischen so nennen dürfen - hat sich etwas vollzogen, was durchaus Ähnlichkeit mit den Studentenprotesten hatte, unter denen die Adenauerzeit zu Ende ging.

Heute geht man zum Protestieren nicht mehr unbedingt auf die Straße; so wenig, wie man jemanden noch stets zu Haus aufsucht, wenn man ihm etwas mitzuteilen hat. "Demonstrationen" sind Rituale von gestern.

Heute bricht sich die Unzufriedenheit in der Bevölkerung auf eine andere Art Bahn; setzt sie sich auf eine andere Weise durch. Ich habe das vor einer Woche beschrieben (Sarrazin und die Folgen. Haben wir in Deutschland noch eine Demokratie?; ZR vom 6. 9. 2010): Durch Anrufe bei Sendern, durch Eintragungen in Gästebücher, durch Mails und SMS; durch Diskussionsbeiträge in den Blogs und Foren.

Und es funktioniert. Nach zwanzig Jahren seit der Wiedervereinigung, nach wiederum einer knappen Generation also, könnte Deutschland reif sein für ein Ende dieser Epoche, in der das freie Wort zwar nicht verboten, aber mit gesellschaftlichen Sanktionen belegt war wie nie seit der Gründung der Bundesrepublik.

Ich freue mich, daß Norbert Bolz, von dem man stets Kluges liest, zu einer sehr ähnlichen Beurteilung gekommen ist.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Faksimile der Verkündigungsformel des Grundgesetzes; frei von Urheberrecht gemäß § 5 UhrG. Für eine vergrößerte Ansicht bitte auf das Bild klicken. Mit Dank an Calimero.

30. Juni 2009

Zitat des Tages: "Konservative und Nazis haben so viel gemeinsam wie das Flötenkonzert von Sanssouci mit dem Horst-Wessel-Lied"

Der Kampf gegen rechts, der einmal der Abwehr des Rechtsextremismus dienen sollte, ist längst ein Mittel geworden, das politische Gleichgewicht immer weiter nach links zu verschieben. (...) Rechts im Sinne von konservativ hat mit dem Nationalsozialismus so viel gemein wie das Flötenkonzert von Sanssouci mit dem Horst- Wessel- Lied, um den inzwischen verfemten Gerhard Ritter zu zitieren.

Alexander Gauland im Deutschlandradio Kultur.



Kommentar: Das "Deutschlandradio Kultur" ist im wesentlichen aus einem Zusammenschluß des ehemaligen RIAS und des "Deutschlandsenders Kultur" hervorgegangen, der in der Nach- Wendezeit aus Teilen des Rundfunks der DDR entstanden war.

Die freiheitliche Tradition des RIAS ist in seinem Programm immer noch spürbar; es können dort politische Sendungen ausgestrahlt werden, die anderswo im öffentlich- rechtlichen Rundfunk dem Rotstift linker Redakteure zum Opfer fallen würden. Das gilt vor allem für das früh am Morgen ausgestrahlte "Politische Feuilleton".

Alexander Gauland war unter anderem Herausgeber der "Märkischen Allgemeinen" und Chef der Hessischen Staatskanzlei. Jetzt ist er freier Publizist.

Der Text, dem ich das Zitat entnommen habe, ist meines Erachtens unbedingt lesenswert. Allein daß eine Initiative gegen den Rechtsextremismus als "Kampf gegen Rechts" firmieren kann, ohne daß das in der Öffentlichkeit beanstandet wird, zeigt, wie sehr es der linken Propaganda gelungen ist, konservative Rechte und Rechtsextreme in einen Topf zu werfen.

Was ebenso absurd ist, als würde man Peer Steinbrück mit Sarah Wagenknecht in einen Topf werfen, nur weil sie beide Mitglieder einer linken Partei sind. Oder Helmut Schmidt mit dem Befürworter "illegaler Arbeit" und Verherrlicher der Gewalt Rudi Dutschke; ich habe über ihn und seine politischen Pläne hier geschrieben.

Nach diesem Dutschke aber kann in Berlin eine Straße benannt werden, schreibt Gauland, während es beanstandet wird, daß ein Preis den Namen des konservativen Historikers Gerhard Ritter trägt.



Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Werner Stenzig.

21. April 2008

Wir Achtundsechziger (4): Entmischung in den siebziger Jahren. Warum es "die Achtundsechziger" eigentlich nicht gibt

In den ersten Folgen dieser Serie habe ich meine Erinnerungen an drei Phasen der "Bewegung" geschildert: Die frühe Vorgeschichte in der Zeit Adenauers und Ludwig Erhards; den fröhlichen, antiautoritären Aufbruch, der 1966/67 stattfand; das Abgleiten ins erst Lächerliche und dann Brutale.

Auch in diesen ersten Jahren gab es natürlich verschiedene Strömungen und Tendenzen; von den mehr oder weniger anarchistischen Bohémiens, den Schwabinger Krawallen entsprungen, unter denen Andreas Baader sich herumgetrieben hatte, bevor er die Knarre schicker fand, über die schon zuvor kommunistisch unterwanderten Atomgegner bis zum christlichen Sozialismus, dem Rudi Dutschke entstammte.

Aber damals, bis zum Ende der Sechziger, überwog doch das Gemeinsame aller dieser Tendenzen. Es hatte diese Gemeinsamkeit in der Oppostion gegen den Adenauer- Staat gegeben, gegen die "atomare Gefahr" (die man damals als die eines Atomkriegs sah; nicht als Super- Gau eines AKW), überhaupt gegen die Gesellschaft der fünfziger Jahre. Als es dann 1967 begann mit der Aufmüpfigkeit, war man nur gemeinsam stark. Das Verbindende war mehr der Stil als das Ziel.

Zumal das Ziel ja unklar war und im Lauf der "Bewegung" in den ersten Jahren keineswegs klarer wurde. Man wollte "irgendwie" - das Wort kam bald darauf in Mode - das Ganz Andere. Raus aus dem alten Stiebel, das war das gemeinsame Lebensgefühl. Wo hinein man stattdessen die Füße stecken wollte, das blieb im Vagen. Irgendwie halt ganz frei und ganz, ganz gerecht sollte es zugehen.

High sein, frei sein, überall dabeisein. Das war ein Spruch im Geist der Sprüche des Mai 1968 in Paris. Es brodelte; es war die Zeit einer zuerst fröhlichen, dann zunehmend ins Hektische umschlagenden diffusen Aufbruchstimmung. Dergleichen schafft Gemeinsamkeit. Seid umschlungen, Millionen!

Dann kam die Ernüchterung. Erst hatte es den Tod Benno Ohnesorgs im Juni 1967 gegeben, dann den Anschlag auf Rudi Dutschke im April 1968. Das hatte die "Bewegung" zunächst noch nicht behindert, sie im Gegenteil angefacht. Aber dann, ungefähr ab 1970, wurde immer deutlicher, daß diese Ereignisse symbolisch für etwas Generelles gestanden hatten: Es war Schluß mit lustig.

Die Zeit, in der man sich sozusagen über die Realität lustig gemacht hatte, war vorbei. Jetzt mußte man sich ihr stellen, der Realität.



Und indem sie das tat, zerbrach die "Bewegung". Das passierte nicht plötzlich. Sie krachte nicht zusammen, sondern es war eher ein Zerbröseln. Das Zurück in die Realität ging nicht nur auf verschiedenen Wegen, sondern in verschiedene Richtungen.

Vier Hauptrichtungen lassen sich unterscheiden; in jeder fand sich eine der Komponenten der "Bewegung". Und jede verwies zugleich zurück auf eine viel weiter in die Vergangenheit reichende deutsche Tradition:
  • Aus Seminarmarxisten wurden Stalinisten und Maoisten.

    Nirgends sonst, auch nicht in Italien und Frankreich, hatten Teile der "Bewegung" sich derart verbissen in die Schriften von Marx und Engels vertieft wie in Deutschland, waren sie dann mit einer solchen Gründlichkeit nicht nur zu Lenin fortgeschritten, sondern auch zu Hegel zurückgegangen.

    Das unglückselige Erbe dieser spekulativen deutschen Philosophie schlug wieder einmal durch. Es hub ein Streit um die wahre Lehre an wie im 19. Jahrhundert zwischen den diversen Hegelianern und später zwischen all den Richtungen des Sozialismus.

    Am Ende hatte jede dieser Diskussionsrunden ihre eigene "Partei", die die anderen in kommunistischer Radikalität zu übertrumpfen trachtete. Die blassen, bebrillten Studenten aus den Seminaren gebärdeten sich nun wie die leibhaftigen Kommissare. Diejenigen, die noch einige Jahre zuvor gar nicht genug nach Freiheit rufen konnten, orientierten sich jetzt an so großen Freiheitsfreunden wie Mao Tse Tung und dem Albaner Enver Hodscha, wenn nicht gar Pol Pot.

  • Aus kulturrevolutionären Anarchisten und Spontis wurden Terroristen.

    Neben den Seminarmarxisten hatte es von Anfang an diejenigen gegeben, die sich mehr um ihr Outfit, ihr Sexualleben und das Provozieren der Spießer kümmerten als um die "Kritik der Hegel'schen Rechtsphilosophie". Praktischere, kreativere, witzigere, aber auch aggressivere, destruktivere Leute als die Seminarmarxisten.

    Anfangs stießen sie mit der Staatsgewalt zusammen, weil sie "begrenzte Regelverletzung" übten. Dann sollte es mehr sein und Demonstrativeres, wie die Kaufhaus- Brandstiftung in Frankfurt im April 1968. Man glitt ab ins Verbrechen und erhob schließlich das Verbrechen zu seiner "Politik".

    Auch das stand in einer deutschen Tradition: Derjenigen der Fememorde in der Weimarerer Republik, der Brutalität der SA, mehr noch der SS. Die RAF war eine Organisation im Geist der SS - erbarmungslos, elitär, ihre Morde aus hehren Idealen herleitend und sie mit einem Auftrag der Geschichte rechtfertigend.

    Auch hier also ein Umschlagen: So, wie die freiheitlichen Seminarmarxisten am Ende im Totalitarismus ankamen, kippte der fröhliche Anarchismus der "Kommune 1" um in kaltblütige politische Kriminalität.

  • Aus Freizeit-Revoluzzern wurden linksliberale Akademiker.

    Das ist die sicherlich zahlenmäßig größte Entwicklung aus der Gemeinsamkeit der Achtundsechziger heraus. Für viele - vermutlich die meisten -, die in Berlin, die in Frankfurt und auch in Tübingen oder Freiburg sich in "Sit Ins" und "Besetzungen" übten, war das ja nicht ein Schritt hin zum Revolutionär.

    Es war, pointiert gesagt, die übliche studentische Aufmüpfigkeit, dem Geist der Zeit angepaßt. Studenten schlagen immer gern einmal über die Stränge. Auch das hat eine Tradition in Deutschland, bis hin zu gelegentlichen derben Übergriffen gegen "Philister". Gott, man ist doch jung und genießt seine akademische Freiheit.

    Diejenigen, die in dieser Weise bei der "Bewegung" mitmachten, ließen sich dadurch nicht daran hindern, ihr Studium, wenn auch vielleicht ein wenig verbummelt, hinter sich zu bringen. Sie wurden Professoren, Rechtsanwälte. Viele wurden Journalisten, die uns heute die Welt zu erklären versuchen. Auch unter den Politikern der demokratischen Parteien finden wir sie. Die Titelvignette dieser Serie zeigt ein Gespräch unter solchen Achtundsechzigern.

  • Aus Hippies wurden Grüne.

    Neben der seminarmarxistischen Verschrobenheit war ein zweiter Zug der Achtundsechziger spezifisch deutsch gewesen: Ihre Neigung zur Romantik. Man suchte zwar nicht die Blaue Blume, sondern das Rote Paradies. Aber die Neigung zum Negieren der Wirklichkeit, dieses Pathos des "Ganz Anderen" war eine Haltung, die ihre Wurzeln (auch) in der deutschen Romantik hatte.

    Eine unbedarftere Version war das, was sich aus der Hippie- Kultur in die "Bewegung" hinübergerettet hatte: Erdiges, ein gewisser Traditionalismus, die Wiederentdeckung des Einfachen Lebens.

    Sanfter, auch stärker weiblich geprägt als die anderen Strömungen und Tendenzen in der "Bewegung", wandten sich die so Denkenden und vor allem Fühlenden immer mehr der Natur zu, wie alle Romantiker. Am Ende fanden sie ihre Heimat in der Partei "Die Grünen".


  • Soweit der Versuch, ein wenig Struktur in die "Bewegung" zu bringen und in das, was in den siebziger Jahren aus ihr wurde. Natürlich läßt sich nicht jeder einzelne Beteiligte in ein solches Schema einsortieren; manche mögen vom Seminarmarxisten zum Grünen oder vom Hippie zum Terroristen geworden sein. Daß sie vereinfacht, liegt im Wesen jeder Kategorisierung und macht ihren Sinn aus.

    Die eingangs verlinkten ersten drei Teile dieser Serie liegen schon einige Zeit zurück. Daß ich das Thema jetzt noch einmal aufgegriffen habe, wurde durch die Sendung "Maybritt Illner" am vergangenen Donnerstag motiviert.

    Es war eine lebendige Sendung; auch eine, in der ich den Eindruck hatte, daß alle Teilnehmer ehrlich diskutierten. Nur redeten sie aneinander vorbei.

    Sie sprachen alle von "den Achtundsechzigern". Und alle hatten sie ja Recht, so sehr sie sich auch stritten.

    Peymann hatte mit seiner Rede von den "Goldenen Achtundsechzigern" die fröhliche Zeit des Aufbruchs vor Augen. Für Götz Aly waren "die Achtundsechziger" die Mitglieder und Anführer der K-Parteien, deren Wurzeln er, der Historiker, zu Recht in den Jahren 1967 und 1968 ortete. Volker Kauders und Bettina Röhls "Achtundsechziger" waren diejenigen, die mit SA-Methoden in den Hörsälen begannen und die am Ende raubten und mordeten. Heiner Bremer hatte diejenigen vor Augen, die wie er zu Linksliberalen wurden.

    Unrecht hatten sie alle nicht (außer Jutta Ditfurth, die nichts begriffen zu haben schien). Nur gab es "die Achtundsechziger" als eine homogene Bewegung nicht. Das ist eine Fiktion der Spätergeborenen, die sich in der Geschichte orientieren wollen; aber auch der damals Aktiven selbst, die das, was ihnen selbst seinerzeit wichtig war, im Rückblick gern zum Ganzen erheben möchten.



    Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

    27. Februar 2009

    "So macht Kommunismus Spaß" (6): Zwei schlechte Bücher. Aus einem davon kann man viel lernen

    Die Geschichte der "Rote Armee Fraktion" (RAF) ist überwiegend aus einer stark personalisierenden Perspektive erzählt worden; zentriert vor allem um Ulrike Meinhof. Auch die Bücher, mit denen ich mich vor zwei Jahren in den ersten beiden Folgen dieser Serie befaßt habe, waren so ausgerichtet: Klaus Rainer Röhls "Fünf Finger sind keine Faust", Stefan Austs "Der Baader- Meinhof- Komplex" und das Buch, das der Serie den Titel gegeben hat: "So macht Kommunismus Spaß" von Ulrike Meinhofs Tochter Bettina Röhl.

    In dieser auf die Akteure der RAF, vor allem auf diejenigen der "ersten Generation" konzentrierten Betrachtungsweise erscheint der deutsche Terrorismus als die Kopfgeburt einer kleinen Gruppe von Personen, die - radikalisiert beispielsweise durch den Tod von Benno Ohnesorg - gewissermaßen "sich entschlossen, Terroristen zu werden".

    Gewiß nicht ohne eine Vorgeschichte - aber diese wurde und wird eher in der Biografie der Protagonisten gesehen. Für Ulrike Meinhofs Weg in den Terrorismus habe ich diesen biographischen Hintergrund in der vierten Folge der Serie nachzuzeichnen versucht.

    Gewiß, irgendwie war der Terrorismus auch aus dem zeitgeschichtlichen Kontext hervorgegangen; aus der Bewegung der "Achtundsechziger". Aber doch - so schien es auch mir, als ich die Serie "Wir Achtundsechziger" geschrieben habe - nicht als deren konsequente Fortsetzung, sondern als ihre Entartung.

    Ich habe in dieser Serie beschrieben, wie aus den anarchistischen Politclowns die stalinistischen Kommissare und wie aus "begrenzter Regelverletzung" der Mord als Mittel der Politik wurden; wie damit die Terroristen der siebziger Jahre an die Tradition der Fememorde in den zwanziger Jahren anknüpften.

    Die RAF, eine elitäre, ideologisch verbohrte, kalt mordende Kader- Organisation stand unverkennbar in der Tradition der SS. Und hatte damit - so erschien es mir bis vor kurzem - kaum noch etwas gemeinsam mit den zwar naiven, aber doch sympathischen Träumen von einer besseren Welt, die die "Studentenbewegung" beflügelt hatten.

    Das war ein Irrtum.



    Selten habe ich aus einem schlechten Buch so viel gelernt wie aus Götz Alys "Unser Kampf. 1968 - ein irritierender Blick zurück". Es ist vor gut einem Jahr erschienen. In den letzten Tage habe ich es gelesen, nachdem ich zuvor ein anderes Erzeugnis der 1968- Nostalgie hinter mich gebracht hatte, Jutta Ditfurths "Ulrike Meinhof. Die Biografie".

    Sehr verschiedene Bücher sind das, und doch mit zwei Gemeinsamkeiten: Beide sind das Ergebnis fleißigen, beharrlichen Recherchierens. Und beide sind derart parteilich geschrieben, derart mit heißer Nadel gestrickt, daß sie sich selbst um ihre Wirkung bringen. Deshalb sind beides schlechte, sind es mißglückte Bücher.

    Bei Ditfurth ist das so offensichtlich, daß über das Buch im Grunde weiter nichts zu sagen ist: Es ist nicht nur nicht "die" Biografie, sondern es ist überhaupt keine Biografie. Es ist eine Art Heiligenlegende; der Versuch, Ulrike Meinhof aufs Vorteilhafteste zu porträtieren.

    Das Buch verdient es schon deshalb nicht, ernst genommen zu werden, weil kaum je Quellen genannt werden. So machten das schlechte Journalisten in den fünfziger Jahren, als der "Tatsachenbericht" in Mode war, der meist stufenlos in den "Tatsachenroman" überging.

    Auf die Frage nach ihren Quellen hat Jutta Ditfurth geantwortet: "Die unzähligen Quellen, die ich im Buch aus rechtlichen Gründen nicht nennen kann, kann ich auch hier nicht nennen." Ja, dann müssen wir ihr halt vertrauen, dieser durch und durch parteilichen Autorin. Oder eben nicht; und das Buch zur Seite legen.

    In dieser Hinsicht ist Götz Alys Buch ungleich seriöser. Aly hat im Bundesarchiv und in zahlreichen anderen Archiven recherchiert; er hat zeitgenössische Quellen und einen großen Teil der Literatur über die Achtundsechziger ausgewertet. Der Apparat umfaßt 348 Anmerkungen, das Literaturverzeichnis rund 150 Titel. Aly zitiert ausführlich, und jedes Zitat ist penibel belegt. Insofern ist das Buch eine Fundgrube; ich komme in der nächsten Folge auf das zu sprechen, was man darin finden kann.

    Aber so viel Mühe sich Aly gemacht hat - er entwertet sein Buch selbst dadurch, daß er auch nicht einen Augenblick den Eindruck aufkommen läßt, er schreibe aus der Perspektive des um eine objektive, sachliche Darstellung bemühten Historikers.

    Er schreibt vielmehr aus einer ähnlichen Perspektive wie Ditfurth, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Bei Ditfurth merkt man auf jeder Seite, daß es ihr darum geht, Ulrike Meinhof emporzuheben. Bei Aly ist ebenso das durchgängige Bestreben wahrzunehmen, die Achtundsechziger herabzusetzen.

    Es ist das Werk eines Renegaten, der mit seiner eigenen Vergangenheit abrechnet. Aly kam im November 1968 als Student nach Berlin und engagierte sich sofort in der Studentenbewegung. Er kandidierte erfolgreich für die "Roten Zellen", war Redakteur der kommunistischen Zeitschrift "Hochschulkampf", dann Mitarbeiter der "Roten Hilfe".

    Persönliche Erlebnisse aus dieser Zeit fließen in das Buch ein. Aber nicht das ist das ärgerlich Subjektive, sondern die Einseitigkeit, mit der Aly Negatives über seine damaligen Genossen zusammenträgt; bis hin zu ihrem späteren Lebensweg. ("Einer, der sich seinen Lebensunterhalt zuletzt als Masseur verdient hatte, ergatterte noch eine Professur in Erfurt"; S. 17 - in diesem hämischen Stil geht das über Seiten).

    Man darf sich also von der Tendenz des Buchs nicht beeinflussen lassen. Als ich nach einigen Seiten Lektüre den Pamphlet- Charakter merkte, habe ich es sozusagen gegen den Strich gelesen: Die Wertungen, die einseitige Selektion der Themen ignorierend, nur interessiert an den Fakten, den Zitaten.

    Und diese nun freilich sind erschreckend genug.



    Es gibt nicht "die Achtundsechziger", die so etwas wie einen gemeinsamen politischen Willen gehabt hätten. Es gab - in der Serie über die Achtundsechziger habe ich das nachzuzeichnen versucht - sozusagen eine vertikale und dann zunehmend auch eine horizontale Differenzierung.

    Die vertikale bestand darin, daß im chronologischen Ablauf aus einer diffus- antiautoritären, oft auch fröhlich- anarchistischen Bewegung Gruppen mit einen fest umrissenen politischen Programm hervorgingen. Die horizontale bestand darin, daß diese Gruppen sich immer mehr differenzierten und neben die politischen zunehmend auch lebenserformerische, ökologische, esoterische Gruppen traten.

    Nicht von dieser ganzen Entwicklung, nicht von diesem ganzen Spektrum handelt Alys Buch, sondern überwiegend von einer bestimmten Gruppe in einem engen Zeitfenster: Der vom Berliner und Frankfurter SDS dominierten Gruppe um Anführer wie Rudi Dutschke, Bernd Rabehl, Wolfgang Lefèvre, Reimut Reiche, Frank und Reinhard Wolff in den Jahren zwischen 1967 und 1970.

    Diese Gruppe bestimmte damals das Bild der "Studentenrevolte" in der Öffentlichkeit. Ihre Anführer traten in den Medien auf; über sie wurde überall an den Universitäten diskutiert. Das Buch "Rebellion der Studenten oder Die Neue Opposition" (1968) war - von Dutschke, Lefèvre und Rabehl zusammen mit einem gewissen Uwe Bergmann herausgegeben - ein großer Erfolg. Es steht noch in meiner Bibliothek; zusammen mit Werken wie "Die Linke antwortet Jürgen Habermas" und "Was wollen die Studenten?".

    Was also wollten sie, "die Studenten" (dh. ihre Wortführer)? Darüber gibt Alys Buch Auskunft. Und es ist eine erschreckende Auskunft.

    Eine Auskunft, die zeigt, daß der "bewaffnete Kampf" von diesen Ideologen und Anführern der Studentenbewegung keineswegs abgelehnt wurde. Sie wollten die Revolution - in den vor ihnen liegenden Jahren zunächst in Westberlin, wo sie eine Räteherrschaft errichten und aus dem sie unliebsame Personen deportieren wollten. Dann in Deutschland, schließlich in der ganzen Welt.

    (Fortsetzung folgt)



    Links zu allen bisherigen Folgen dieser Serie findet man hier. Für Kommentare bitte hier klicken.

    28. Februar 2014

    Zu Zettels Todestag (4): Mehltau

    Mehltau ist "ein weiszlicher schimmelüberzug, der pflanzen befällt und sie zerstört", so weiß es das Grimmsche Wörterbuch. Im übertragenen Sinn verwendete, vielleicht als erster, diesen Begriff Ferdinand Freiligrath (a.a.O.):

    der wind der reaction
    mit mehlthau, reif und alledem!

    26. Oktober 2011

    Zitat des Tages: "Bionadebourgeoisie". Ein Politikwissenschaftler über die Partei "Die Grünen"

    Die Grünen sind also eine Partei der Satten, Saturierten und Abgesicherten, die sich einen Lebensstil leisten können, der vorrangig auf Fragen des "guten Lebens" abzielt: Authentizität, Selbstverwirklichung, kulturelle Reichhaltigkeit, unbedingter Schutz der Natur und der Lebenswelt. (...)

    Auf der Basis geregelter und gesättigter Lebensentwürfe wird die grüne Lebensweise zu einem Luxuslifestyle.
    Der Politikwissenschaftler Matthias Zimmer über die Partei "Die Grünen", zitiert in der heutigen Frankfurter Lokalausgabe der FAZ.

    Kommentar: Originell ist diese Einsicht nicht; aber Zimmer hat sie schön formuliert. Wie auch der Begriff "Bionadebourgeoisie" von griffiger Eleganz ist, den Zimmer verwendet.

    1. Januar 2013

    Schlagzeilen, die ich mir für 2013 wünsche


    Was wünscht man sich so für das Neue Jahr? Triviales, Wahrscheinliches, Utopisches, Abwegiges. Wie anders. Hier ist eine bunte Liste meiner (nichtpersönlichen) Wünsche. Ohne jede Rücksicht auf die Wahrscheinlichkeit der Wunscherfüllung; und in völlig zufälliger Folge:

    26. August 2009

    Das Land des Lächelns. Über die Wandlung des deutschen Nationalcharakters

    Unser Präsident Köhler hat ein gewinnendes Lächeln. Wie ein großer Junge sieht er dann aus. Er lächelt nicht nur, er strahlt.

    Unsere Kanzlerin lächelt seltener, dann aber ebenfalls sehr intensiv. Das Lächeln, das plötzlich ihr Gesicht überzieht, hat oft etwas Spitzbübisches. Merkel lächelt, wenn sie sich freut. Sie freut sich, wenn sie zum Beispiel in einer Diskussion eine Pointe gelandet hat. Ihr Lächeln strahlt nicht Köhlers kommunikative Herzlichkeit aus; eher signalisiert es, daß sie mit sich zufrieden ist.

    Der größte Lächler von allen aber ist der Freiherr zu Guttenberg. Am vergangenen Sonntag trat er in der Sendung "Arena" bei SAT1 auf. Wie immer souverän, bestaussehend, charmant. Halb Rodolfo Valentino, halb Leonardo diCaprio. Und lächelnd.

    Ein Lächeln mit breit sichtbaren Zähnen. Aber nicht das Raubtierlachen des Alpha- Rüden, mit dem der junge Helmut Schmidt die Frauen beeindruckte und seine Gegner schreckte; Gerhard Schröder hatte es auch. Dazu ist es zu gewinnend, das Lächeln des Freiherrn. Nicht bedrohend, sondern nur entwaffnend.

    Damit habe ich die drei sozusagen bestlächelnden Politiker unseres Landes genannt. Und siehe - es sind zugleich die drei Spitzenreiter der Popularitäts- Skala (siehe das Ranking in der aktuellen Ausgabe es gedruckten "Spiegel" 35/2009, Seite 16/17).

    Es folgt auf dieser Skala Ursula von der Leyen; auch sie eine starke Lächlerin. Das hat sie von ihrem Vater, dem Ministerpräsidenten Ernst Albrecht, der den Spitznamen "Strahlemann" trug. Dann kommt auf der Skala Guido Westerwelle, der besser lächelt als die gesamte übrige FDP-Führung zusammen.

    Und nun erinnern Sie sich einmal an vergangene Spitzenpolitiker. Ludwig Erhard etwa, der schon deswegen selten lächeln konnte, weil das mit einer Zigarre im Mund nicht gut geht. Allenfalls zu einem Schmunzeln brachte er es. Gustav Heinemann, der immer ein wenig wie ein Leichenbitter aussah. Willy Brandt, der nicht nur seine Sätze gern mit "Nein, ..." begann, sondern der meist auch so angespannt wirkte, daß an ein Lächeln nicht zu denken war.

    Und Kohl, hat der gelächelt? Eigentlich auch nicht. Wenn sein Gesicht sich in Richtung Lächeln verzog, dann kam eher das heraus, was auf Englisch "to chuckle" heißt - in sich hineinlachen also, nicht selten in bräsiger Selbstzufriedenheit.

    Und heute? Sogar Frank- Walter Steinmeier, den wir als streng blickenden Träger eines Scheitels kannten, tritt uns jetzt als ein fröhlicher Dauerlächler entgegen, die Haare frech in die Stirn gekämmt. Da haben wohl die Coachs und Stylisten im Wllly- Brandt- Haus das beigesteuert, was die Natur eines Ostwestfalen nicht hergeben konnte. Offenbar setzen sie voraus, daß das Design, das sie dem Kandidaten verpaßt haben, dem Bild der Deutschen von einem guten Kanzler entspricht: Locker, dynamisch, gutgelaunt.



    Und so sind ja nicht nur unsere Spitzenpolitiker. Wir alle, wir Deutschen am Ende des ersten Jahrzehnts des Einundzwanzigsten Jahrhunderts, sind ein fröhlich lächelndes Volk.

    Gerade erst haben wir eine heitere Leichtathletik- Weltmeisterschaft hingelegt; und die Welt staunte wieder einmal, was aus den Deutschen geworden ist. Feiern, gute Gastgeber sein, locker und sympathisch - das können wir heutzutage.

    Die Fußball- Weltmeisterschaft 2006 war keine Singularität, sozusagen gegen den Strich des deutschen Nationalcharakters gebürstet. Er ist inzwischen so, der deutsche Nationalcharakter. Wir sind so. Wir sind so geworden, in sechzig Jahren. Weltoffen, nett, heiter, unverkrampft.

    Ja, unverkrampft. Erinnern Sie sich? Als vor 15 Jahren Roman Herzog zum Bundespräsidenten gewählt worden war, da sagte er, unser Volk sei friedliebend, freiheitsliebend "und was mir das Wichtigste erscheint, meine Damen und Herren - unverkrampft".

    Als Reaktion auf diesen Satz gingen manche Augenbrauen nach oben. Was, unverkrampft sollten wir sein, angesichts unserer Geschichte?

    Die Bundesrepublik war damals fünfundvierzig Jahre alt. Jetzt ist sie sechzig. Offenbar macht das einen großen Unterschied.

    Noch lange nach 1945 war nicht nur das Bild Deutschlands in der Welt von den Verbrechen der Nazis geprägt gewesen, sondern auch unser Selbstbild. Es gab eine deutsche Verbissenheit, ein deutsches Moralisieren, eine morose Grundstimmung.

    Ein einziges Mal wurde sie kurz unterbrochen; in der freiheitlich- heiteren Anfangsphase der Studentenbewegung (siehe Wieso eigentlich Achtundsechziger?; ZR vom 5. Juni 2007. Das ist die zweite Folge der Serie Wir Achtundsechziger). Aber das dauerte nur ein paar Monate, allenfalls ein Jahr. Dann war Schluß mit lustig.

    Die Führer der Bewegung planten die Revolution; als erstes sollte in Westberlin eine Räterepublik errichtet werden. (Siehe Dutschke und Genossen als Revolutionäre; ZR vom 28.2.2009. Das ist die siebte Folge der Serie "So macht Kommunismus Spaß"). Es folgte die Bekehrung der meisten Antiautoritären zu Stalinismus und Maoismus ("K-Gruppen"). Es folgte der Terror der sogenannten "Rote Armee Fraktion" (RAF).

    Das war alles noch "fürchterlich deutsch"; eine in jener Zeit beliebte selbstanklagende Formulierung. Es war, richtiger gesagt, noch der Ausdruck eines fürchterlichen Nazi- Denkens. Die K-Gruppen waren straff autoritär organisiert. Die Killer der RAF verstanden sich als eine Elite, die kraft der Überlegenheit ihrer Weltanschauung das Recht zum Morden hat; ganz nach dem Vorbild der SS.



    Wie haben wir das alles hinter uns gelassen, und wann?

    Es gab in der ersten Hälfte der achtziger Jahre so etwas wie ein letztes Aufflackern verbiestert- ideologischen Denkens in Gestalt der "Anti- AKW- Bewegung" und der "Friedensbewegung". Da wurde noch einmal richtig auf den weltanschaulichen Putz gehauen. Aber in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre flaute das ab; es begann das zu dominieren, was Geier Sturzflug schon 1983 trefflich gekennzeichnet hatten: "Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt".

    Und dann änderte die Wiedervereinigung alles. Die Tage des Mauerfalls waren das erste jener großen bundesweiten Feste, für die wir inzwischen Spezialisten geworden sind. Wir haben es in jenen Tagen gar nicht gemerkt (ich jedenfalls nicht) - aber damals fiel nicht nur den Ostdeutschen ein riesiger Stein vom Herzen, sondern auch den Westdeutschen.

    Man erlebte tagtäglich neue historische Ereignisse, und damit wurde die Nazizeit Historie. Von 1990 an definierte sich Deutschland zunehmend nicht mehr als das Land, dessen Namen die Nazis geschändet hatten, sondern als das Land der friedlichen Revolution im Osten und der Solidarität mit den Ostdeutschen im Westen.

    Und es war eben nicht nur eine Frage der Selbstdefinition, sondern auch der Mentalität; des Nationalcharakters also. Fast nichts von dem, was einmal als "typisch deutsch" gegolten hatte, ist geblieben - der Untertanengeist, der Kadavergehorsam, die Zackigkeit, die rigide Ordnungsliebe.

    Aus einem Volk, das Europa mit Krieg überzogen hat (siehe die Titelgeschichte des aktuellen "Spiegel" 35/2009), ist eines geworden, das alles Militärische scheut wie der Teufel das Weihwasser. Noch nicht einmal das Eiserne Kreuz darf den Soldaten verliehen werden, die in Afghanistan tapfer gekämpft haben. Verschämt wurde ein "Ehrenkreuz" eingeführt. Wenn heute deutsche Offiziere im TV auftreten, dann erinnert nichts mehr an den zackigen, hackenknallenden Typus des "preußischen Leutnants", den einst Heinrich Mann karikiert hat.



    Ja, aber kann das denn sein, daß ein Volk seinen Nationalcharakter innerhalb von drei, vier Generationen so radikal ändert? Es kann nicht nur sein, es ist nachgerade die Regel.

    Ein Nationalcharakter bestimmt sich weniger durch Eigenschaften als durch Dimensionen, zwischen deren Polen sich eine Nation bewegt. Die Franzosen sind manchmal staatsfromm und manchmal revolutionär; die Briten bewegen sich zwischen viktorianisch- sittsam und renaissancehaft- ausschweifend. Die Russen pendeln zwischen sentimentaler Sanftheit und eisernem Durchsetzungswillen.

    Die entsprechende Grunddimension des deutschen Nationalcharakters scheint mir durch die Pole "freundliche Sensibilität" und "Fanatismus bis zum Letzten" bestimmt zu sein. Perioden der Sensibilität waren zum Beispiel die Romantik und das Biedermeier, teilweise die Zwanziger Jahre und die Zeit seit 1950. Der Fanatismus, der sich unter den Nazis voll Bahn brach, hatte sich schon in der Wilhelminischen Zeit, in gewisser Weise auch bereits während der Freiheitskriege angedeutet, und er erlebte seinen letzten Ausbruch während der Zeit der Achtundsechziger und in dem Jahrzehnt danach.

    Jetzt leben wir in einer Zeit, die - Rüdiger Safranski hat in seinem schönen Buch darauf aufmerksam gemacht - manche Ähnlichkeiten mit der Romantik hat. Was ja nicht das Schlimmste ist.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Raimond Spekking / Wikipedia. Frei unter Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0 Licence (Ausschnitt).

    27. Oktober 2016

    Was erlaube Pöbel ? Ein Gedankensplitter zu Polarisierung und dem Dagegen

    Was haben Donald Trump, die AfD, Pegida, der Front Nationale und die UKIP gemeinsam? Ganz einfach, wird der geneigte Leser des neuen Süddeutschlandes aus der Pistole geschossen sagen können: Das sind alles ganz furchtbare Populisten, mit "kruden" Ansichten und dem Willen die Welt ins Chaos zu stürzen.

    13. Januar 2015

    Die Sache mit der Lügenpresse. Ein Gedankensplitter zu Freiheit, Presse und Lüge.

    Wenn man jahrelang den Niedergang der deutschen Presselandschaft erleben musste, vom Abstieg der SZ unter Prantl seit den neunziger Jahren, dem Verlust jedweder Integrität beim Spiegel nach Augsteins Tod, dem Niedergang der Zeit, und in jüngerer Entwicklung die sich immer weiter verschlechternde Lage bei Welt und FAZ, dann kann man schon mal geneigt sein, den Pegida-Vorwurf der Lügenpresse erst einmal hinzunehmen. Die deutsche Presselandschaft war und ist schon seit mehreren Jahrzehnten stark einseitig ausgerichtet, aber an die Stelle wo früher die Ausrichtung in Kommentaren und Meinungen zu finden war, ist heute eine Einseitigkeit in der Darstellung von Fakten getreten. Bestimmte Nachrichten werden nahezu vollständig ignoriert, während andere Ereignisse bis ins teilweise absurde überbetont werden. Fakten werden ausgelassen, Behauptungen als Fakten ausgewiesen, Berichte derart tendenziös geschrieben, dass schon das Wort Propaganda ganz gut passen würde, alles im Dienste einer Erziehung, statt im Dienste Informationen zu übermitteln. Das gipfelt sogar in einem eigenen Kodex, der das Weglassen von Informationen vorschreibt, wenn dadurch die (etwas nebulöse) Gefahr bestünde, dass Vorurteile entstehen könnten. 

    1. März 2014

    Zu Zettels Todestag (5): Der Achtundsechziger

    Im Jahre 1968 ist Zettel 30 Jahre alt gewesen. Kein Student mehr, noch nicht Professor. In einer kleinen Serie erinnerte er sich 40 Jahre später an diese Zeit. Ich habe die Artikel seiner Serie "Wir Achtundsechziger" leicht gekürzt zu einem zusammengefasst, deshalb Vorsicht: es folgt ein langer Schmöker!

    Kallias

    19. Mai 2008

    Wir Achtundsechziger (7): Eine deutsche, eine sehr deutsche Bewegung

    Daß es um 1970 herum weltweit zu einer Jugendbewegung kam, lag - so habe ich argumentiert - an einem Umbruch der Generationen: Die Moral der Generation der Eltern und der Großeltern, die diese unter den harten Anforderungen der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts hatten haben müssen, paßte nicht mehr für eine in Frieden und wachsendem Wohlstand aufgewachsene Generation.

    Das war weltweit so. In San Francisco und in Paris, in Berlin und in Prag, in Rom und selbst in Peking lebte es sich Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre ungleich besser, als diejenigen es jemals kennengelernt hatten, die in den Kriegs- und Krisenzeiten ab 1914 aufgewachsen waren.

    Das neue Lebensgefühl, die neuen Lebensansprüche der Nachkriegsgeneration suchten sich ihre Moral. Das war - so meine These - der Kern dieser Bewegung und der Grund dafür, daß es eine weltweite Bewegung war.

    Aber vor dem Hintergrund dieser Gemeinsamkeit einer Generation gab es große nationale Unterschiede. Überall zeigte sich nationale Prägung, wurden nationale Traditionen aufgegriffen.

    Der Mai 1968 in Frankreich war eine Inszenierung nach dem Vorbild der Grande Révolution. Die Hippies an der amerikanischen Westküste waren Nachfahren der Pioniere, die einst diesen Westen erobert hatten; das war eine Grass Root Revolution, ein Zurück zu den Wurzeln.

    In Prag versuchte man, leise und mit List dem Kommunismus zu entkommen, so wie es in der Tradition eines kleinen Volks lag, das sich traditionell auf diesem Weg gegen die Großen ringsum zu behaupten versucht hatte. In Italien agierten die Brigate Rosse in der Tradition der sehr italienischen Verquickung von Politik und Verbrechen, die sich bis in die Zeit der Borgias zurückverfolgen läßt; halb Garibaldi, halb Rinaldo Rinaldini.



    Auch in Deutschland war die Jugendrevolte durch solche nationalen Besonderheiten geprägt; sie trug die Spuren der Romantik ebenso wie diejenige der Hegel- Marx'schen Tradition, die Politik philosophisch zu überhöhen.

    Aber dann gab es auch noch Aktuelleres, Zeitgeschichtlicheres. Es gab die Prägung, die diese Generation durch die vorausgehenden Jahrzehnte deutscher Geschichte erfahren hatte.

    Es war eine widersprüchliche Prägung. Einerseits waren diese jungen Leute, wie man zu sagen pflegt, "die Kinder ihrer Eltern". Sie waren von diesen viel mehr beeinflußt, als sie dachten. Sie waren ihren Eltern viel ähnlicher, als sie es wahrhaben wollten.

    Andererseits rebellierten sie gegen diese Eltern, erbitterter als irgendwo sonst, außer in China. Beides zusammen machte das Spezifische dieser deutschen Variante der globalen Jugendbewegung aus. Zu beiden Aspekten nun ein paar Erläuterungen.



    Seine eigene Ähnlichkeit mit anderen merkt man selten; man sieht stets eher die Unterschiede. Daß Kinder ihren Eltern ähnlich sehen, bemerken Außenstehende sofort, die Kinder selbst selten. So ist es auch mit Charakterzügen, mit Einstellungen und Anschauungen.

    1968 war die Bonner Republik so alt, wie jetzt die Berliner Republik ist: Knapp zwanzig Jahre. Die Nazi- Zeit lag kaum länger zurück als heute die Zeit der DDR. Die Achtundsechziger waren so wenig in einer Umgebung mit einer stabilen, selbstverständlichen freiheitlich- demokratischen Tradition aufgewachsen wie ihre heutigen Altersgenossen, die in Rostock oder Cottbus groß wurden.

    Und auch die Weimarer Republik, die heute nur noch Stoff von Geschichtsbüchern ist, war noch gegenwärtig. Wer um 1950 herum geboren war, dessen Eltern hatten sie noch als Kinder oder Jugendliche, dessen Großeltern hatten sie als Erwachsene erlebt. Mein Großvater hatte Geld aus der Inflationszeit aufbewahrt und erzählte mir, wie er später in der Weltwirtschaftskrise arbeitslos wurde und was das für die Familie bedeutete.

    Auch das Politikverständnis nicht nur der Nazizeit, sondern eben auch noch der Weimarer Zeit war für die Achtundsechziger lebendige Vergangenheit. Ein Verständnis von Politik, das im Andersdenkenden den Feind sah, den man bekämpfte, oft buchstäblich bis aufs Messer. Die Weimarer Republik war durchzogen gewesen von politischer Gewalt; von den Bluttaten der Freicorps und der Roten Ruhrarmee, von den Morden an Rosa Luxemburg und Walter Rathenau, vom Terror der SA und der Rotfront in den Jahren ihres Untergangs.

    Daß die Achtundsechziger Bewegung in Deutschland in einem Ausmaß in politischer Kriminalität endete, wie das außer in China nirgendwo auf der Welt der Fall war, muß meines Erachtens in diesem Zusammenhang gesehen werden. So sehr die Achtundsechziger gegen ihre Eltern und Großeltern aufbegehrten - in vielem dachten sie wie diese.

    Daß Politik nicht darin besteht, die Welt zu verändern, sondern Interessen auszugleichen; daß dem Andersdenkenden derselbe Respekt zusteht, den man für die eigene Meinung in Anspruch nimmt; daß Politik nicht auf der Straße gemacht wird, sondern in Wahlkabinen und in den Parlamenten - diese demokratischen Selbstverständlichkeiten waren den meisten deutschen Achtundsechzigern keineswegs selbstverständlich.

    Die Reeducation, so nötig und so erfolgreich sie gewesen war, hatte noch nicht wirklich zu einer tiefgreifenden Änderung der Mentalität vieler Deutscher geführt; auch nicht in der Generation der in der Nachkriegszeit Geborenen. Der demokratische Firniß war noch dünn.

    Und bei einer Minderheit war er so dünn, daß sie sich sogar das Recht nahm, Menschen zu ermorden, nur weil sie nicht dieselbe politische Gesinnung hatten wie sie selbst.



    Insofern also waren die Achtundsechziger "Kinder ihrer Eltern". Andererseits wollten sie das eben nicht wahrhaben. Wie die Anderen weltweit rebellierten sie gegen die Eltern. Aber es war eine sehr spezielle Rebellion, eine viel problembeladenere.

    Die Woodstock-Generation in den USA fand die Eltern spießig und angepaßt. Die Generation des Mai '68 in Frankreich fand sie unentschlossen und mutlos, weil sie nicht die Revolution machen wollte. Die deutschen Achtundsechziger aber sahen in ihren Eltern sehr oft moralische Versager, wenn nicht Handlanger des Verbrechens.

    Je mehr meine Generation sich mit den Verbrechen der Nazis befaßte - und das geschah in den fünfziger, den sechziger Jahren durchaus, auch in der Schule -, umso drängender wurde die Frage, wie die Generation der Eltern so etwas hatte zulassen können, wieso die meisten sogar in irgendeiner Form mitgemacht hatten.

    Einen Dialog darüber gab es kaum. Die Eltern - Menschen, die es ihr Leben lang schwer genug gehabt hatten - verstummten vor den Anklagen, dem selbstgerechten Moralisieren ihrer Kinder. Es war, was das Politische anging, eine Nicht- Kommunikation zwischen den Generationen, wie man sie sich heute als Jüngerer vermutlich kaum vorstellen kann.

    Viele der Achtundsechziger wußten noch nicht einmal, was ihre Eltern eigentlich zwischen 1933 und 1945 gemacht, welche Funktionen und Ämter sie gehabt, was sie im Krieg erlebt hatten. Es war ein allgemeines Schweigen.

    Wie lebt man als junger Mensch mit einer solchen Belastung? Es gab verschiedene Auswege. Man konnte sie einfach ignorieren, es sich im Konsum gut gehen lassen. Das taten sehr viele. Aber die Engagierteren, die Sensibleren suchten einen anderen Weg.



    Was ich jetzt beschreibe, das ist eine Vermutung. Ich kann es nicht beweisen, aber es kommt mir plausibel vor: Mir scheint, daß viele der Achtundsechziger diesen, sagen wir, Schweige- Konflikt mit den Eltern zu bewältigen versuchten, indem sie das taten, was sie an ihren Eltern vermißten: Sie zogen in den Widerstand. Stellvertretend für die Eltern. Sie wollten das nachholen, was diese ihrer Ansicht nach versäumt hatten.

    Die deutsche Achtundsechziger Bewegung bekam dadurch etwas Gespenstisches, Unwirkliches. Sie war ein Kampf gegen den Faschismus. Nur gab es diesen ja nicht mehr.

    Also mußte man ihn erfinden. Die kommunistische Propaganda aus der DDR lieferte dazu viel an Grundlegung. Eine Kampagne nach der anderen rollte mit dem Ziel, einen führenden Politiker der Bundesrepublik als Nazi zu verunglimpfen; von dem "SA-Mann Schröder" (langjähriger Außen- und Innenminister; 1969 Heinemann als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten unterlegen) über den "NS-Propagandisten Kiesinger" bis zu dem "KZ-Baumeister Lübke" und dem "Kommentator der NS-Gesetze Globke".

    Schon diese formelhafte Wiederholung der jeweiligen herabsetzenden Bezeichnung zeigt, wie hier Propaganda am Werk war. Aber wir Achtundsechziger glaubten dieser Propaganda nur allzu bereitwillig, die, aus der DDR gesteuert, über Medien wie "Konkret" verbreitet wurde und Mainstream- Medien wie den "Spiegel" und den "Stern" nicht unerheblich beeinflußte. Sie bewies für viele von uns, daß der Adenauer- Staat nur eine Fortsetzung des NS-Staats war; daß die "herrschenden Kreise", die den Nazis an die Macht verholfen hatten, weiter an den Schalthebeln saßen.

    Wir glaubten das so sehr, daß der unglückliche Schuß eines überforderten Polizisten, der Benno Ohnesorg tötete, als Fanal eines neuen Faschismus gesehen, daß die Schüsse eines verwirrten Sonderlings auf Rudi Dutschke der "Springer- Presse" in die Schuhe geschoben wurden.

    Es paßte ja alles ins Bild. Der Faschismus stand wieder vor der Tür; so bildete man es sich ein.

    Aber diesmal, so dachten viele, würde man es nicht machen wie die Eltern. Man würde sich wehren. Das war der Nährboden dafür, daß die RAF-Mörder auf so viel heimliche, teils auch gar nicht so heimliche Zustimmung, ja auf Unterstützung rechnen konnten. Denn die hatten sie; die "klammheimliche Freude" des "Tupamaro" war kein Einzelfall.



    Die Wahnvorstellung vom neuen Faschismus, den es zu bekämpfen gelte, stand in einem fast absurden Gegensatz zu einer Realität, die den Rebellierenden so viel Freiheiten ließ, wie sie sich nur wünschen konnten.

    Jedenfalls war das in den ersten Jahren so.

    Man "besetzte" an den Universitäten Dekanate und Rektorate; und die Rektoren und Dekane holten nicht etwa die Polizei, um dem Recht zur Geltung zu verhelfen, sondern sie verzogen sich in irgendwelche andere Räume, in denen der Betrieb notdürftig weiterging. Das "Sprengen" von ungeliebten Lehrveranstaltungen und Klausuren (in Statistik zum Beispiel) war an der Tagesordnung; und keiner der Täter wurde der Universität verwiesen.

    Es war also einerseits eine Bereitschaft da, Gewalt anzuwenden; man kämpfte ja gegen den "Faschismus". ("Faschistoid" wurde zur beliebten Vokabel; so nannte man alles, das man bekämpfte und was so offensichtlich nicht faschistisch war, daß man dafür einen Ersatznamen brauchte). Und andererseits hatte man in den ersten Jahren der "Bewegung" die Erfahrung gemacht, wie leicht man "die Herrschenden" ins Bockshorn jagen konnte.

    Beides zusammen führte ebenso zur Arroganz und maßlosen Selbstüberschätzung der K-Gruppen wie zum Terror der RAF.

    Man führte, davon war man überzeugt, einen gerechten Kampf. Und der Gegner war schwach, ein "Papiertiger". So hatte man es bei Mao gelesen, und die "Praxis" der Aktionen, mit denen mißliebige Professoren fertiggemacht, mit denen Häuser widerrechtlich besetzt und Andersdenkende eingeschüchtert wurden, schien ihm Recht zu geben.

    Diese "Herrschenden" waren sogar so dumm und naiv, daß sie im Mai 1970 einer "Ausführung" von Andreas Baader zustimmten und diesen so miserabel bewachen ließen, daß ihn mutige Revolutionäre befreien konnten. Was stand da dem "Bewaffneten Kampf in Westeuropa" noch im Weg?

    Es war ein in seiner fürchterlichen Logik durchaus konsequenter Weg, der von dem kommunistisch gesteuerten linken "Widerstand" in der Adenauer- Zeit über die Rebellion der Jahre 1967 bis 1969 in die Kriminalität führte. Man kann das an der Lebensgeschichte von Ulrike Meinhof beispielhaft ablesen, der ich hier in ZR einmal eine kleine Serie gewidmet habe.



    Viel mehr noch als in Deutschland wird in diesen Tagen in Frankreich auf die Achtundsechziger Zeit - dort als "Mai '68" firmierend - zurückgeblickt. Der Nouvel Observateur bietet im Web sogar eine tägliche Auswahl von Meldungen des jeweiligen Tags vor vierzig Jahren an.

    Dort, in Frankreich kann man ganz überwiegend mit Stolz, die Jüngeren wohl auch ein wenig mit Neid, auf diese bewegte Zeit zurückblicken. Wir Deutsche können das nicht. Was als fröhliche Befreiung vom Muff der tausend Jahre begonnen hatte, endete bei uns mit der Bewunderung von Pol Pot, mit Entführungen und Morden.

    Mir scheint im Rückblick, daß die Nachkriegszeit nicht 1967 oder 1968 zu Ende ging, als diese Bewegung begann, sondern erst im Herbst 1977, als sie so blutig endete, daß danach alle ihre Träume ausgeträumt waren.

    Dies ist die letzte Folge der Serie "Wir Achtundsechziger". Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.