18. Dezember 2007

Marginalie: Sarkozys Neue - retour au premier amour?

Ist sie der Cécilia Sarkozy nicht wie aus dem Gesicht geschnitten, die Carla Bruni?

Ja, so sieht sie aus: Wie eine verjüngte Variante von Cécilia.

Und sie ist ja nicht die einzige.

Die Frauen Herbert von Karajans sahen alle aus wie Elmy Holgerloef, die von Boris Becker wie Barbara Feltus, die von Dieter Bohlen wie seine erste Frau Erika - von Naddel über Verona bis zu, wenn ich denn auf dem Laufenden bin, Carina.



Da erheben sich zwei Fragen: Erstens, wie kommt's? Zweitens, wo kriegen diese Männer immer wieder dieselbe Art von Frau her?

Wie es kommt, daß wir wieder und wieder in dieselbe Art von Frau oder Mann, eben unseren "Typ" verlieben, das weiß, so scheint mir, niemand.

Sigmund Freud hat manchmal den Begriff "Imago" für derlei verwendet. Was natürlich wenig erklärt.

Die Ethologie sagt "Prägung" (imprinting). Jeder kennt das Bild von Konrad Lorenz, wie ihm die auf ihn geprägten Graugänse hinterherschwimmen oder -watscheln, ganz als sei er ihre Muttergans; viele kennen auch das Bild des Drachenfliegers Christian Moullec, dem die auf ihn geprägten Kraniche und Wildgänse hinterherfliegen.

Das wird manchmal auch auf den Menschen übertragen. Irgend so etwas wird es schon sein, dieses Phänomen des on retourne toujours à ses premiers amours. Über die Mechanismen schent aber wenig bekannt zu sein. Um nicht zu sagen: Nichts.



Wie es andererseits Männer wie Sarkozy, Karajan, Becker und Bohlen schaffen, immer wieder ein Abbild jener Frau, der vermutlich ihr premier amour galt, für sich zu gewinnen - nun, das dürfte schlicht daran liegen, daß das eben sehr attraktive Männer waren und sind. Mächtig, reich, angesehen. Vielleicht sogar sexy, wer weiß.

Ob sie ihrerseits dem Imago der jeweiligen Frauen entsprochen haben? Vielleicht. Vielleicht sind aber auch ihre sonstigen Attribute so selektionsmächtig, daß das Schema sozusagen geöffnet, daß es verbreitert wird. Die Ethologie kennt dergleichen, bis hin zum Leerlaufverhalten in bestimmten Ausnahmesituationen - bei starkem Triebdruck zum Beispiel. In der Not begattet der Zuchthengst auch eine Attrappe.

Natürlich wußte das auch Goethe schon. "Du siehst mit diesem Trank im Weibe bald Helenen in jedem Weibe" heißt es im "Faust". Auch Macht, auch Ansehen und Reichtum können trunken machen.

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Antiquariate, das Internet und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien: Eine ganz alltägliche deutsche Geschichte

Als die Katholische Kirche noch den Index librorum prohibitorum hatte, das bis 1966 verbindliche Verzeichnis verbotener Bücher, da war es ein belieber Jokus, daß kein Werk so dringend auf den Index gehöre wie dieser Index selbst.

Denn dort war alles verzeichnet, was interessant zu lesen war - wegen seiner Intelligenz, seines Wagemuts, seiner Fortschrittlichkeit, auch natürlich seiner Erotik.

Nicht auf dem Index zu stehen war im Grunde eine Schande für einen Philosophen, einen Schriftsteller. Es bedeutete, daß der Philosoph nicht mutig genug gedacht hatte, daß der Dichter der Wirklichkeit nicht nah genug gekommen war.

Die meisten aber hatten es auf den Index geschafft. Philosophen von Giordano Bruno und René Descartes über John Locke und David Hume bis zu Immanuel Kant und Jean-Paul Sartre; auch Kleriker wie der Bischof Berkeley und der Augustiner Nicolas de Malebranche blieben nicht unberücksichtigt. Schriftsteller wie Daniel Defoe, Gustave Flaubert und Graham Greene fehlten nicht; und natürlich Heinrich Heine.

Also - wer es in früheren Zeiten fertig gebracht hatte, sich diesen Index zu besorgen, der hatte eine wunderbare Leseliste. Nur war er nicht so leicht zu besorgen, der Index der verbotenen Bücher.

Denn diejenigen, die sich die Mühe machen, einen Index zu erstellen und zu pflegen, wollen ja nicht, daß er als Leseliste mißbraucht wird. Sie tun sich darum schwer damit, ihn zugänglich zu machen. Sie können ihn zwar nicht gut, dem Scherz folgend, auf sich selbst setzen. Aber ihn fast so versteckt halten, als befände er sich auf sich selbst, das können sie.

Davon handelt eine heutige Meldung. Es geht in ihr um den Index. Allerdings nicht den der Katholischen Kirche, sondern den aktuellen in Deutschland.



Denn der kirchliche Index ist heute zwar Geschichte. Aber in Deutschland haben wir immer noch unseren Index, die "Liste der jugendgefährdenden Schriften", herausgegeben und fortlaufend aktualisiert von der "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften", die jetzt "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien" heißt.

Sie wurde 1954 gegründet, und zu ihren ersten Taten gehörte die Indizierung von "Tarzan-", "Akim-" und "Sigurd-" Comics. Heftchen - ich erinnere mich noch gut an sie - , die in einem sehr zweckmäßigen schmalen Format gedruckt wurden, so daß man sie gut unentdeckt unter der Schulbank lesen konnte.

Auf weit mehr als die mickrigen 4000 Werke, die der Vatikan im Lauf der Jahrhunderte auf seinen Index setzte, hat es diese Bundesprüfstelle inzwischen gebracht; geschätzte 15.000. Darunter natürlich die Mutzenbacherin, natürlich de Sade, aber zum Beispiel auch das "Pardon"- Heft, auf dem der Herausgeber Hans A. Nikel, als Arzt drapiert, mit der nackten Andrea Rau auf den Schultern zu sehen ist, deren private parts natürlich züchtig verdeckt.

Von dieser Bundesprüfstelle also handelt die heutige dpa-Meldung. Genauer gesagt, sie handelt von einem Vorgang, bei dem diese Prüfstelle eine Rolle spielt. Nur am Rande, aber eine doch irgendwie entscheidende Rolle.



Um den Inhalt dieser Meldung zu verstehen, müssen wir den Blick jetzt einen Augenblick vom Thema "Index" abwenden, hin zu einer der vielen Veränderungen, die das Internet mit sich gebracht hat. Es geht um Antiquariate.

Ich bin ein süchtiger Antiquariats- Besucher. Nein, ich war es. Ich war es, solange man ein begehrtes Buch (sieht man ab von der Möglichkeit eines Suchauftrags) nur dadurch bekommen konnte, daß man in den Antiquariaten danach stöberte. Wobei man natürlich auch jede Menge weitere Bücher "entdeckte", die man nicht gut ungekauft lassen konnte.

Vorbei. Denn jetzt gibt es das ZVAB, das Zentralverzeichnis antiquarischer Bücher. Und es gibt booklooker. Die größeren und viele kleine Antiquariate sind inzwischen einem davon oder beiden angeschlossen. Immer mehr Antiquariate sind auch reine Versandgeschäfte.

Damit ist es ungleich leichter als früher, ein gesuchtes Buch zu finden. Freilich ist auch das Jagdfieber, dieses Vergnügen, in einer fremden Stadt alsbald die Antiquariate heimzusuchen, vorbei. Ich jedenfalls besorge mir inzwischen antiquarische Bücher fast nur noch via die ZVAB. Und folge damit einer allgemeinen Tendenz.



Und da haben wir nun das Problem. Der Antiquar, der über die Ladentheke verkauft, kann prüfen, ob der Kunde, der ein indiziertes Buch haben will, erwachsen ist. Der Versender kann das nicht, jedenfalls nicht ohne eine aufwendige adult verification; also einen Prüfprozeß, der neuerdings laut Gerichtsurteil den persönlichen Augenschein z.B. durch einen Postbeamten einschließen muß.

Und diese Prüfung des Kunden allein tut es ja nicht. Er muß, der Versender, ständig parat haben, welche Bücher denn indiziert sind. Bei aktuellen Büchern ist das einfach. Aber wer hat schon im Kopf, ob ein vor zehn oder vierzig Jahren erschienenes Buch indiziert wurde und weiter auf der Liste steht?

Man sollte meinen, das sei im Zeitalter der EDV kein Problem. Bestimmt stellt doch die Bundesprüfstelle allen Buchhändlern und Antiquaren ihre Liste in elektronischer Form zum Herunterladen zur Verfügung, so daß sie sie mit ihre Bestell- Software verbinden und automatisch die indizierten Bücher herausfiltern können?

Keineswegs tut sie das.

Denn es gibt ja eben - jetzt kommen wir zum Anfang zurück - diese Neigung der Indizierer, den Index nicht an die Große Glocke zu hängen, auf daß er nicht als Leseliste mißbraucht werde.

Wie Wolfgang Höfs vom Dortmunder Online- Antiquariat "Emotioconsult" sagt: "... die Listen gibt es nur schriftlich, die Titel kann man nicht online abrufen."

Da sollen also fleißige Antiquariats- Angestellte sich hinsetzen, ihren Kopf über die Liste indizierter Bücher beugen und sie, Position für Position, mit den Büchern vergleichen, die neu eingehen oder die ein Kunde bestellt.

Da nun freilich auch Online-Antiquariate ein wenig auf ihre Kosten achten müssen, tun sie das oft nicht. Und handeln sich dadurch neue Kosten ein. Wie heute in "Spiegel Online" ausführlich zu lesen ist.

Eine ganz alltägliche deutsche Geschichte, scheint mir. Sie handelt von Zensur, von Bürokratie, von Inkompetenz. Also davon, was zensierende Bürokraten mit ihrer Inkompetenz unserer Gesellschaft, unserer Wirtschaft zumuten.

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17. Dezember 2007

Zitat des Tages: Ad waaas?

Merkel wird kurzatmiger. Sie verfällt in eine Adhocerie, ihr genügt der Anfangsapplaus.

Christoph Schwennicke, im Oktober von der SZ als Edelfeder zum "Spiegel" gewechselt. - Wer sich über diese Adhocerie mociert, der hat nicht capiert, was so ein necischer, capriciöser Gec alles an Sprachverhuncerei aushecen cann.

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Wer meine Stimme als US-Präsident hätte. Und warum die Entscheidung für mich einfach wäre

Wem würde ich meine Stimme bei den Präsidentschafts- Wahlen geben, wenn ich in den USA und wahlberechtigt wäre und wenn ich die freie Auswahl unter allen Kandidaten sowie der Kandidatin hätte, die jetzt im Rennen sind? Plus denen, die eigentlich "präsidiabel" sind, die aber aus irgendeinem Grund ihren Hut nicht in den Ring geworfen haben, wie zum Beispiel Al Gore?

Als ich mich das in den letzten Wochen gelegentlich spielerisch gefragt habe, war eines jedenfalls klar: Es könnte ein Demokrat oder es könnte ein Republikaner sein.

Die - nach amerikanischen Maßstäben - linken und rechten Flügelleute würden für mich von vornherein ausscheiden; also die linken Demokraten und die rechten Republikaner.

Hillary Clinton und Barack Obama, die am liebsten sofort den Irak militärisch im Stich lassen würden, und damit Israel in größte Gefahr bringen - die würde ich gewiß nicht wählen.

Den öligen John Edwards, der auf mich wirkt, als spiele da ein Schauspieler in einem B-Movie einen dieser bigotten Prediger, die durch den Wilden Westen reisen - den gewiß auch nicht.

Und schon gar nicht den Linksaußen Dennis Kucinich, der für die "Normalisierung" der Beziehungen zu Cuba eintritt und andererseits für den Austritt der USA aus der World Trade Organization; der Marihuana weitgehend legalisieren und dafür den Patriot Act außer Kraft setzen will. Und der natürlich, wie auch Edwards, für den Rückzug aus dem Irak ist.



Nein, von den halbwegs ernsthaft in Frage kommenden demokratischen Kandidaten wäre nur einer für mich wählbar - Joe Biden. Einer der angesehendsten demokratischen Senatoren, erfahren in der Rechts- und der Außenpolitik.

In beiden Bereichen mit liberalkonservativen Positionen: Er unterstützt den Kampf gegen den Terrorismus ebenso wie den gegen das Verbrechen in den USA und ist ein eindeutiger Unterstützer Israels. Er ist gegen die Wiedereinführung des Schulgebets, gegen Einschränkungen der Stammzellen- Forschung. Kurz, er ist mal konservativ, mal liberal; je nach Thema. Für den Irak hat er einen eigenen Plan ausgearbeitet, über den man streiten kann; jedenfalls aber will er nicht den sofortigen Abzug.

Bei vielen Themen stimme ich nicht mit ihm überein, aber mit seiner liberalkonservativen Haltung könnte ich mich anfreunden.

Viel lieber noch als ihn aber würde ich einen Demokraten wählen wollen, der nur leider diesmal nicht antritt: Joe Lieberman.

Der, streng genommen, freilich gar kein Demokrat mehr ist. Denn dieser über Jahrzehnte hochangesehene demokratische Senator wurde 2006 in seinem Staat Connecticut von der Demokratischen Partei nicht wieder als Kandidat aufgestellt; offensichtlich, weil er den Irak-Krieg auch noch unterstützte, als er schlecht lief.

Darauf kandidierte Lieberman als Unabhängiger, wurde gewählt und sitzt jetzt als Unabhängiger im Senat, der aber seiner Partei die Loyalität nicht aufgekündigt hat.



Und bei den Republikanern? Da geht es mir ähnlich.

Die Kandidaten auf dem rechten Flügel scheiden für mich aus - also Leute wie Romney, Thompson, Huckabee.

Eher anfreunden könnte ich mich mit im weiteren Sinn Liberalkonservativen wie Rudy Giuliani und dem Libertären Ron Paul.

Aber so, wie ich bei den Demokraten eindeutig Lieberman - wäre er denn Kandidat - bevorzugen würde, hätte ich keine Schwierigkeit, unter den republikanischen Kandidaten meinen Favoriten zu finden: John McCain.

Wie Lieberman ein selbständiger, liberalkonservativer Mann, der sich nicht der jeweils herrschenden Meinung anpaßt. Er hat klare und feste Positionen in Bezug auf den Irak, den Iran, Israel. Aber er tritt - anders als manche Republikaner - beispielsweise ebenso fest für den Schutz der Menschenrechte auch von gefangenen Terroristen ein.

Er kämpft in der Innenpolitik zum Beispiel gegen das sogenannte Pork Barrel Spending, die Ausschüttung finanzieller Wohltaten dorthin, wo der das jeweils betreibende Politiker stammt. Kurz, wie Lieberman ist McCain ein konservativer Mann mit liberalen Ansichten; oder ein Liberaler mit konservativen Auffassungen, wie man mag.



Würde McCain gegen Lieberman antreten und wäre ich ein wahlberechtigter US-Bürger - ich würde mich fühlen wie der Buridanische Esel.

Aber Lieberman kandidiert ja nicht.

Und nicht nur das - er hat (und das war für mich der Anlaß, diesen Artikel zu schreiben) gestern bekanntgegeben, daß er, der langjährige Demokrat, zu den kommenden Präsidentschafts- Wahlen einen Kandidaten der Republikaner unterstützen wird: John McCain.

Das hat mich gefreut. Das hat mich sehr gefreut.

So brauchte ich, dürfte ich in den USA wählen, keinen Augenblick nachdenken, wem ich meine Stimme gebe würde.

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16. Dezember 2007

Zitat des Tages: "links sein"

Im Chor der Kommentatoren vermisst man eine Stimme, die darauf hinweist, wie im eigentlichen Sinne links der "Spiegel"-Kulturteil unter Matussek wurde. Jedenfalls, wenn links sein heißt, gerade auch die eigenen Meinungen zu überprüfen, aufzulösen, die Dinge immer wieder neu zu sehen, den eigenen Laufgraben zu verlassen.

Wenn dies "links sein" hieße, lieber Joachim Lottmann.

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15. Dezember 2007

Der Aufstieg des Christoph Blocher und sein Hintergrund. Ein Gastkommentar von Manfred Messmer

Am Tag drei nach dem demokratischen Putsch der Vereinigten Bundesversammlung (Stände- und Nationalrat der Schweiz) gegen Bundesrat Blocher und die SVP ist die Konfusion über das so noch nie Dagewesene noch gross.

Überrascht waren alle über die Abwahl Herrn Blochers, am meisten diejenigen, welche das Ganze inszeniert hatten. Und wenn man die jubelnden Parlamentarier nach der Bekanntgabe des Resultats am Bildschirm sah, wie sie sich in die Arme fielen, fühlte man sich an eine dieser Friedensdemos erinnert. Endlich musste man sich nicht auf das Aushängen von bunten Fahnen und das Aufstellen von Lichterketten in kalter Nacht beschränken - nein, hier hatten die Guten den Bösen gestürzt.

Soviel zur Gefühlsduselei, die hier im Spiel war. Die SVP und Herr Blocher haben sich in den 90er Jahren aufgemacht, das politische System der Schweiz grundlegend zu verändern. So lautet die gängige Rede, und das glauben auch viele in der SVP.

Doch ich bezweifle, dass diese Partei, respektive deren geistiger Übervater Blocher, tatsächlich solches alleine, ohne Zeitumstände, überhaupt zustande brächten. Bekanntlich sind politische Grosswetterlagen so unberechenbar wie das Weltklima.

Seien wir deshalb zumindest in "Zettels Raum" ehrlich: Niemand hat derzeit nichts in der Hand. Wer heute siegt, ist morgen der Verlierer. Kleinste Veränderungen an einem unbedeutenden Gesetzesentwurf schlagen an unbeachteter Stelle hohe Wellen. Oder anders gesagt: Politik ist ein Mikadospiel.



Will man die schweizerische Politik verstehen, muss man etwas tiefer eintauchen in die Volksseele der Alpenrepublik und zunächst lernen, dass es so etwas wie die Schweiz gar nicht gibt. Das Land trat ja 1992 auf der Weltausstellung in Barcelona sinnigerweise mit dem Slogan „La Suisse n’éxiste pas“ an, was den Machern nicht zuletzt von den Bannerträger der SVP, die sich damals unter der Führung eines gewissen Herrn Blocher aufmachten, die politische Landschaft umzukrempeln, harsche Kritik eintrug.

Die Schweiz ist eine Willensnation. Deshalb heisst sie auch offiziell "Schweizerische Eidgenossenschaft". Und nicht nur so, sondern gleichwertig auch noch so: "Confédération Suisse", "Confederazione Svizzera", "Confederaziun Svizra". Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch sind die offiziellen Amtssprachen, die in den zur Schweiz zusammengeschlossenen 26 Kantonen - die Grenzen wurden 1848 vom Wiener Kongress gezogen - gesprochen werden. Seither gilt auch die immerwährende bewaffnete Neutralität.

Doch die deutsche Bezeichnung des Landes trifft den Kern der Schweiz weit besser als der Begriff „Konföderation“ (Zusammenschluss selbständiger Einheiten) in den lateinischen Sprachen. Genossenschaft - das ist Freiwilligkeitsprinzip und Selbstverantwortung sui generis. Und auf das Hochhalten dieser Prinzipien wird der Eid, der Schwur geleistet, seit 1291. Das ist der zentrale Mythos der Schweiz, der schweizerisch bescheiden von einer Wiese verkörpert wird, wo im Sommer Kühe weiden und im Winter Ruhe einkehrt, dem Rütli.

26 Kantone (Gliedstaaten), das bedeutet 26 Schulsysteme, 26 Bauverordnungen, 26 Steuersysteme, 26 Regierungen und Verwaltungen, 26 Polizeicorps, 26 Rechtssysteme, 26 Parlamente, 26 Gesundheitswesen und so weiter und so fort.

Und bis hinein in die 60er Jahre, als die Schweiz mit 600.000 Mann noch über eine der grössten Armeen der Welt verfügte, gab es noch kantonale Regimenter und Truppen. Das war die "Armee'61", und die Jahreszahl besagt auch, dass die Schweizer Armee ihre Blüte erreichte, als die eine Hälfte der Schweiz, nämlich die Frauen, weder das Stimm- noch das Wahlrecht hatte; und dies weder in den Gemeinden, noch in den Kantonen, und schon gar nicht auf nationaler Ebene.



Und damit sind wir beim Kernpunkt des vielbeschworenen schweizerischen Konkordanzsystems angelangt. Das System beruhte auf einer männlichen Bevölkerung, die im Alter von 20 bis über 50 (Offiziere) Militärdienst zu leisten hatte; auf in militärischen Wiederholungskursen konditionierten Männern, denen jährlich Gehorsam eingeimpft wurde. Auf Männern, die, so justiert an die Regeln des Oben und Unten, politische Entscheidungen fällten.

Männer, die daran glaubten, daß der da vorne, der im Militär die Befehle gab und im Alltag die Lohntüte, es schon richten werde. Damals wurde die Parteizugehörigkeit vom Vater auf den Sohn vererbt.

Eine typische Schweizer Karriere bestand bis in die 80er Jahre aus dem Dreiklang von Militär, Wirtschaft und Politik. So sassen denn die Chefs grosser Versicherungskonzerne für die damals staatstragende FDP im Nationalrat und führten als Milizoffiziere Regimenter oder trafen sich in Generalstabskursen. So ein strammer Schweizer Mann war so sein halbes Leben mit den Kollegen seines Jahrgangs und seines Kantons über das Militär verbunden.

Karrieren in der Privatwirtschaft wurden ebenso im jährlichen Wiederholungskurs oder in Generalstabsübungen entschieden wie die Preise fürs Bier oder die Autoversicherung. Und es war selbstverständlich, dass der Milizoffizier nicht nur für den jährlichen Militärdienst freigestellt wurde (unter Lohnfortzahlung), sondern dass er in grösseren Unternehmen und bei höheren Rängen auch auf ein Sekretariat in der Firma zurückgreifen konnte. Gleiches galt auch für Milizparlamentarier.

Die Schweizer Wirtschaft wurde durch Kartelle geprägt, was sich noch heute in den hohen Preisen gegenüber dem Ausland auswirkt. Wer vom Bund eine Einfuhrbewilligung für den Import von italienischer Salami bekam (das ist kein Witz), erhielt so etwas wie die Lizenz zum Gelddrucken. Der Streit über den freien Import von Wein dauerte Jahre.

Das alles ging den Rhein runter, als Ende der achtziger Jahre die Berliner Mauer fiel, als damit der Schweiz der Feind im Osten abhanden kam und den Europäern und Amerikanern das Interesse an der Schweiz verloren ging. Im November '89 war auch für die Schweiz der Zweite Weltkrieg zu Ende.

Die 90er Jahren waren denn auch geprägt, von einem wirtschaftlichen Niedergang, hohen Staatsdefiziten, von Arbeitslosigkeit (seit den dreissiger Jahren nicht mehr erlebt) und dem Schleifen der Kartelle. Mit dem Einzug der Marktwirtschaft wurde die Armee verkleinert, wurden Offiziers- und Politkarrieren in den Unternehmen nicht mehr unterstützt. Ausländische Chief Executive Officers hatten kein Verständnis dafür, wenn Kaderleute für Wochen nicht verfügbar waren.



Zu jener Zeit begann der Aufstieg des Christoph Blocher, Chef und Besitzer der Ems- Chemie und selbstverständlich Regimentskommandant, der sich aus eigener Kraft von ziemlich unten nach ganz oben gekrampft (schweizerisch für „schwer arbeitend“) hatte. Und das ist nun einer der vielen Widersprüche dieses Mannes: Er verkörpert noch immer diesen Typus des „Armee’61“- Schweizers und ist gleichzeitig mit seinem am modernen Management orientierten Politstil, seinem unbändigen Willen zur Veränderung einer der zeitgeistigsten Politiker der Schweiz.

Mit ihren Marketingmethoden, die jeder Product Manager im Schlaf herunter singen kann, hat die Partei in den Oktober- Wahlen dreissig Prozent der Wählerstimmen geholt, mehr als jemals eine Partei zuvor. Wir haben es überdies mit einer völlig neuen Medienwelt zu tun. Statt verschlafener Parteiblätter, wie früher, ist Instant Messaging angesagt. Die SVP ist die bislang einzige Partei, welche die volle Klaviatur der sich in einem rasanten Wandel befindlichen Medienwelt beherrscht. Sie ist die einzige Partei, die sich als Kommunikations- Unternehmen begreift.

Es sind überraschenderweise die Links- Fortschrittlichen, die konservativ verbunkert an der Schweiz der Armee’61, am Konkordanzsystem, das in den 50ern des letzten Jahrhunderts zementiert und erstmals vor vier Jahren zugunsten der SVP etwas verändert wurde, festhalten wollen. Und es ist der Armee’61- Verkörperer Blocher, der genau dieses System für überlebt deklariert und zu einem System von Regierung und Opposition wie in anderen Ländern auch finden will.

Er ist zudem ein vehementer Hüter der Volksrechte, was für ihn der zentrale Grund dafür ist, gegen den Beitritt der Schweiz in die EU zu kämpfen, während die derzeit jubelnden Hüter der Konkordanz am liebsten schon morgen der Union beitreten und dafür auch "gewisse Volksrechte" preisgeben würden. Wenn Blocher von "Volk" redet, dann begreift er dies nicht "völkisch", sondern basisdemokratisch.

Natürlich ist es so, dass Herr Blocher über ein gerüttelt Mass an Ego verfügt. Da steht er einem Herrn Mitterand, einem Herrn Schröder, einer Frau Thatcher in nichts nach. Die Letztere und Winston Churchill sind denn auch seine Leuchttürme. Dass die Schweiz aus einem altem Gessler- Reflex heraus keine überragenden Figuren mag, den Diminuitiv nicht nur in der Sprache hätschelt, muss man hinnehmen. Auch das hat sich über die Jahrhunderte eigentlich bewährt. Herr Blocher hat mit dem Diminuitiv, besonders was seine Person anbelangt, nichts am Hut.



Wie geht es nun weiter? Es wird zwar viel vermutet, aber eigentlich weiss das derzeit kein Mensch.

"Die vermeintlichen Retter der Konkordanz wirkten deshalb schon am Tag nach dem Verdikt gegen Blocher ziemlich weltfremd, als sie nach dem Modus Vivendi mit einer SVP in der Opposition gefragt wurden. Wenn diese Sozialromantiker glauben, es seien neue Mehrheiten ohne die SVP denkbar, wenn nur die Linke auf Steuererhöhungen verzichte und die Mitte im Gegenzug keinen 'Steuer- und Sozialabbau' mehr betreibe, machen sie ihre Rechnung ohne das Volk, die wahre Opposition in der Schweiz. Denn mit solcher Politik wäre man rasch wieder bei der Larifari-Politik der neunziger Jahre mit ihren Schuldenbergen“, schreibt heute die NZZ in einem Leitartikel.

Das Verdienst von Herrn Blocher ist, dass er diese Larifari- Politik beendet hat. Und weil man ihn zwar aus der Regierung entfernt hat, aber nicht aus der Politik, wird der politische interessierte Schweizer auch weiterhin auf Trab gehalten werden. Die Parteien melden steigende Mitgliederzahlen.

Manfred Messmer ist ein Schweizer Journalist und Gründer der Agentur messmerpartner, dessen Blog Arlesheim Reloaded. Mäuse schultern Elefanten immer lesenswert ist. Ich habe ihn um diesen Gastkommentar gebeten - als kompetente Ergänzung zu der Diskussion, die mein Artikel zur aktuellen Entwicklung in der Schweiz ausgelöst hat. - Für Kommentare und Diskussionen zu diesem Beitrag ist in "Zettels kleinem Zimmer" ein Thread eingerichtet. Wie man sich dort registriert, ist hier zu lesen. Registrierte Teilnehmer können Beiträge schreiben, die sofort automatisch freigeschaltet werden.

Zitat des Tages: Umorientiert

Dann wurden die Frauen umorientiert von zwei Kindern auf drei Kinder.

Freya Kliehr in der heute im Sender "Phoenix" wiederholten Sendung "Wenn Mutti früh zur Arbeit geht - Kinderbetreuung in der DDR" über die Reaktion der DDR-Führung auf den Rückgang der Bevölkerung durch Republikflucht.

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Marginalie: Mein (Un-) Wort des Jahres 2008

Bis heute war mir entgangen, daß es dieses Wort überhaupt gibt. Aber im ZDF sprach es Peter Kunz, Ostasien- Korrespondent des ZDF und gegenwärtig zur Konferenz nach Bali entsandt, mit so großer Selbstverständlichkeit aus, daß ich dachte: Das ist schon lange ein gängiges Wort, nur bin ich ihm irgendwie nie begegnet.

Das Wort lautet: "Neue Weltklimaordnung".

Als ich gegoogelt habe, stellte sich schnell heraus, daß es sich doch nicht um einen eingeführten Begriff handelt. Im deutschen Web liefert Google nur die obskure Rezension eines obskuren Buchs eines obskuren Autors namens Mohssen Massarrat. Wenn man im internationalen Web nach Begriffen wie "world climate order", "international climate order" oder "global climate order" sucht, ist die Ausbeute nur mäßig größer.



Mir scheint, Peter Kunz hat mit seinem beiläufig eingeführten Begriff eine Pioniertat vollbracht.

Er hat einem Begriff zu medialem Gehör verholfen, den wir brauchten, der uns fehlte - nur, wir hatten es nicht gemerkt.

Solche Lücken gibt es ja. Leibniz hatte von einer Characteristica Universalis geträumt, einer Kunstsprache, in der jedem Objekt, jedem Begriff genau ein Symbol zugeordnet ist. Natürliche Sprachen sind nicht so. Es gibt für dasselbe Gemeinte oft viele Wörter. Aber es gibt auch Gemeintes, zu dem das Wort fehlt.

Ich glaube, es war Robert Gernhardt, der einmal darauf aufmerksam gemacht hat, daß wir im Deutschen für den Zustand, keinen Hunger zu haben, das Wort "satt" haben, daß uns aber ein entsprechendes Wort für den Zustand fehlt, keinen Durst zu haben.

Ganz ähnlich haben wir für das verstiegene Bestreben, aus einer Ideologie heraus der ganzen Welt ein bestimmtes Wirtschaftsmodell aufzuzwingen, schon lange das Wort "Neue Weltwirtschaftsordnung". Für das entsprechende Bestreben in Bezug auf das Weltklima fehlte uns bisher das Wort.

Nun haben wir es. Jetzt, im zu Ende gehenden Jahr 2007, ist es noch ein zartes Pflänzchen. Aber vielleicht wird es ja im kommenden Jahr aufblühen, das Wort "Neue Weltklimaordnung". Und wer weiß, vielleicht kann ich ja mit dieser kleinen Marginalie ein wenig dazu beitragen, daß das so sein wird.

So daß es, wenn alles gut geht, von der "Deutschen Gesellschaft für Sprache" dann in einem Jahr gekürt werden kann.

Zum "Wort des Jahres"? Oder vielleicht doch besser zum "Unwort des Jahres"?

Unwort des Jahres, ja, das wäre schön. Kaum eine menschliche Allmachts- Phantasie, kein totalitäres Programm ist ja so bisher so weit gegangen wie der Plan, das Weltklima einer neuen Ordnung zu unterwerfen.

Aber ich fürchte, kaum jemand wird merken, was für ein monströses Wort das ist, "Neue Weltklimaordnung".

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14. Dezember 2007

Zitat des Tages: Was eine Physikerin versteht

"Die Kanzlerin ist Physikerin", sagt Hansen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, sie werde die einfachen Zusammenhänge von Kohleverbrennung und Klimawandel wohl verstehen.

Der Direktor des Goddard Institute for Space Studies der NASA, James Hansen, laut "Spiegel Online" über die Auffassungsgabe einer Physikerin.

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13. Dezember 2007

Randbemerkung: Wird die Schweiz jetzt normal?

Zugegeben, das ist etwas flapsig formuliert. Wahrscheinlich werden die Schweizer unter den Lesern dieses Blogs den Kopf schütteln, wenn sie es lesen.

Aber schauen Sie, liebe Schweizer, dann geht es Ihnen nicht anders, als es mir über die Jahrzehnte gegangen ist.



Seit ich begonnen habe, meine Nase in Zeitungen und Zeitschriften zu stecken, ist mir die Schweiz als nicht nur das Mutterland der Demokratie erschienen, sondern als deren Tochter, Enkelin, Urenkelin dazu.

Allerdings mit einer Ausnahme. Über die ich sehr oft den Kopf geschüttelt habe.


Vorbildlich ist, so sehe ich es bis heute, der Föderalismus, der wirklich einer ist. Wie in den USA, aber wie in der Bundesrepublik nicht so ganz. Vorbildlich insbesondere das Subsidiaritätsprinzip, das den Kantonen, den Gemeinden viel Freiheit läßt, ihre eigenen Angelegenheiten selbst zu regeln.

Vorbildlich ist vielleicht auch die direkte Demokratie der Initiativen und Referenden, gar der Landsgemeinden in einigen Kantonen, bei denen sich die Bürger leibhaftig versammeln, um politische Entscheidungen zu treffen.

"Vielleicht" deshalb, weil ich meine Zweifel an der Weisheit der direkten Demokratie habe, die in der Regel dazu führt, daß eine politisch aktive Minderheit die Entscheidungen trifft. Aber in der Schweiz scheint sie ja ganz gut zu funktionieren, die direkte Demokratie. Vorbildlich also, sagen wir, - für die Schweiz.



So weit, so gut. Aber da gibt - nein, gab! - es nun auch noch - und zwar seit fast einem halben Jahrhundert - etwas, das mir ganz und gar nicht vorbildlich vorkommt: Die Zauberformel. Und dahinter, mit einer noch längeren Tradition, das Prinzip der Konkordanz.

Seit 1959 ist es in der Schweiz, nein nicht Gesetz, aber Usus, daß alle großen Parteien an der Regierung sind - nicht nacheinander, wie anderswo, sondern zugleich!

Sie bilden eine Art Riesengroße Koalition.

Die Ministerien werden nach der Zauberformel - einem Ämter- Schlüssel - verteilt, und dann wird bei jeder Entscheidung nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner gesucht; das ist das Prinzip der Konkordanz. Es hat in der Schweiz Tradition seit gut hundert Jahren, als man politische Konflikte dadurch zu lösen begann, daß alle einmal mitregieren durften.



Das blieb so bist gestern. Die Linken von der SP und die Rechtspopulisten von der SVP bekämpften sich zwar lautstark, aber sie saßen gemeinsam im Bundesrat, wie in der Schweiz die Regierung heißt. So sollte es eigentlich auch nach den letzten Wahlen weitergehen; same procedure als last year, same procedure als every year.

Aber seit gestern ist das Geschichte. Denn gestern wurde Christoph Blocher von der SVP bei der, wie das in der Schweiz heißt, "Gesamterneuerungswahl des Bundesrates" nicht als Justizminister (Bundesrat) wiedergewählt. Daraufhin ging seine Partei in die Opposition, auch wenn ihr Mitglied Frau Widmer- Schlumpf sich an Blochers Statt zur Bundesrätin wählen ließ.



Und?

Ich habe heute Nachmittag in SF1 einen längeren Ausschnitt aus der Erklärung Blochers vor der Vereinigten Bundesversammlung (Nationalrat und Ständerat) gehört. Er sagte - ich zitiere das jetzt nach der NZZ - :
Es sei die Rede gewesen von Konkordanz, Kollegialität, Amtsgeheimnis - "sehr oft, um viel Dreck und Dinge zuzudecken, die niemand sehen durfte".
Seien Sie mir bitte nicht böse, liebe Leser in der Schweiz - aber genauso hat sich der Kleine Moritz in mir immer diese Schweizer Regierungsform vorgestellt.

Wie kann es denn anders sein, wenn es keine starke Opposition gibt? Wie kann es anders sein, als daß alles Wichtige hinter verschlossenen Türen ausgehandelt wird, daß man einen mehr oder weniger faulen Kompromiß findet, den dann alle nach außen "mittragen", ohne sich noch zu streiten?

Kollegialität eben. Kein funktionierendes Gremium trägt seine Konflikte nach außen. Konkordanz eben; Gegensätze werden unter den Teppich gekehrt. Und das Amtsgeheimnis - wenn jemand geneigt sein sollte, doch an die Öffentlichkeit zu gehen, dann verhindert das dieses Amtsgeheimnis.



Liebe Schweizer, ich gratuliere Ihnen, daß Sie jetzt eine ernst zu nehmende Opposition im Parlament haben. Ich beglückwünsche Sie dazu, daß es jetzt eine starke Fraktion im Nationalrat gibt, die ihre Aufgabe darin sehen wird, nicht mitzuregieren, sondern der Regierung auf die Finger zu sehen und, falls sie kann, auch auf diese zu klopfen.

Daß es nun ausgerechnet Blochers Rechtspopulisten sind - nein, das hätte vielleicht nicht sein müssen.

Es ist nicht schön, daß gerade die Schweiz, das Mutterland der Demokratie, eine so starke rechtspopulistische Bewegung hat; so stark, daß sie jetzt die Rolle einer potenten Opposition übernehmen kann.

Aber, liebe Schweizer - gibt es diese starke rechtspopulistische Bewegung nicht möglicherweise just deshalb, weil bisher die Zauberformel, weil das Prinzip der Konkordanz alle relevanten politischen Kräfte in eine unredliche Gemeinsamkeit gezwungen hat?

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Zitat des Tages: "Verstaatlichung der Kinder"

Die Kinderrechte im Grundgesetz wären der nächste große Schritt zur Verstaatlichung der Kinder. Über ihre Einhaltung würden nicht mehr "zuvörderst die Eltern", sondern "die staatliche Gemeinschaft" wachen. (...) Die Folgen solcher Remedur in der Familienpolitik würden schlimmer sein als die Ursachen, die ihnen als Vorwand dienten.

Stefan Dietrich in der heutigen FAZ über die Pläne der SPD, "Kinderrechte" ins Grundgesetz aufzunehmen. - Es wird immer besser erkennbar, daß die Rede vom "demokratischen Sozialismus" im Hamburger Programm der SPD keine Floskel ist. Die wollen das wirklich.

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Das Unbehagen in der Kultur

Einer Zivilisation oder, wie man im Deutschen lieber sagt, einer Kultur anzugehören bedeutet, daß man bestimmte Selbstverständlichkeiten des Verhaltens kennt und es akzeptiert, sich nach ihnen zu richten.

Beim Essen schmatzt man nicht. Der Herr geht links von der der Dame. Wenn man den Nobelpreis überreicht bekommt, trägt man Frack und Schleife.

Bevor man mit dem Essen beginnt, spricht man ein Tischgebet und bekreuzigt sich. Eine Frau verhüllt ihr Gesicht in der Öffentlichkeit. Milchding und Fleischding dürfen nicht in Kontakt miteinander kommen.

Vor der Ehe hat man keinen Geschlechtsverkehr. Man badet nicht in der Öffentlichkeit ohne Badehose oder Badeanzug, Man duzt seinen Chef nicht, wenn dieser das "du" nicht angeboten hat. An bestimmten Feiertagen opfert man den Göttern.

Es gehört zu solchen Regeln und Normen des sozialen Verhaltens, daß sie keiner Begründung bedürfen, um zu gelten. Sie sind eben selbstverständlich. Sie zu "hinterfragen" kommt nicht in den Sinn, solange sie gelten.

Jedenfalls nicht den meisten Angehörigen der betreffenden Kultur. Wer zweifelt und nach Rechtfertigungen für solche Regeln und Normen sucht, der stellt sich außerhalb der Gemeinschaft. Er zieht Haß und Angst auf sich. Wie jener antike Zweifler, der die Existenz der Götter "hinterfragt" hat und dafür den Schierlingsbecher trinken mußte.



Am strengsten, am genauesten geregelt ist das Verhalten beim Essen und in der Sexualität. Der Hunger und der Sexualtrieb, sie bedürfen in besonderem Maß der sozialen Regulierung .

Als das seltsame Experiment der Evolution sich abspielte, in dem vor etlichen Millionen Jahren es im afrikanischen Urwald hangelnde Früchtefresser in die Savanne verschlug, wo sie sich bei Strafe ihres Aussterbens zum in Horden jagenden Raubtier entwickeln mußten, da bedeutete das auch eine ungeheure Disziplinierung dieser beiden Triebe, des Nahrungs- und des Sexualtriebs.

Über die Jagdbeute konnte man nicht, wie ein Wolfsrudel, herfallen. Sie mußte gesittet verteilt werden, damit auch die Alten etwas abbekamen, deren Erfahrung man umso mehr brauchte, je mehr an Kulturellem, an technischem Know-How zu tradieren war. Damit auch die Frauen etwas abbekamen, die nicht an der Jagd beteiligt waren und die bei einer Beute- Teilung à la Wolfsrudel ebenso den Kürzeren gezogen hätten wie die Alten und die Kinder. Überleben konnten Lucy und ihre Nachkommen nur mit Tischsitten.

Ebenso brauchten sie ein geregeltes, ein durch Tabus reguliertes Sexual- Leben. Sie machten es sozusagen den Vögeln nach, als sie die Vorzüge der Ehe entdeckten, die in den Urwaldhorden ihrer Vorfahren unbekannt, weil unnötig gewesen war: Als sie die Vorteile einer Bindung zwischen Frau und Mann entdeckten, die es ermöglichte, daß sich die Frau um die Aufzucht des Nachwuchses kümmerte und dafür vom Mann mit Nahrung versorgt wurde.

Keine Paarungszeit im Jahreszyklus, sondern allzeit bereit, das hatte man von den hangelnden Vorfahren übernommen. Dazu nun die Familienstruktur - das konnte nur gutgehen, wenn die Sexualität reglementiert wurde. Mit Vorschriften, vor allem mit Tabus, die es regeln, wer mit wem wann darf; wie man mit menstruierenden Frauen, wie man mit den Umwandlungen der Pubertät umzugehen hat.

Sigmund Freud sah in diesen sozialen Reglementierungen unserer Triebe die Ursache für das "Unbehagen in der Kultur", für das Unglück, das das Realitätsprinzip uns allen aufzwingt. Man mag das so pessimistisch sehen. Immerhin haben über die Jahrmillionen der biologischen, über die hunderttausende Jahre der kulturellen Evolution des Menschen die meisten unserer Vorfahren diese Zumutungen hingenommen.

Sie haben nicht "hinterfragt", was nun einmal die Sitte, was die Religion verlangte. Das haben erstmals ein paar müßiggehende, also denkbereite Männer vor knapp zweitausendfünfhundert Jahren getan. Und so richtig hat man damit erst vor kaum dreihundert Jahren angefangen, als die Lockerheit des Rokoko auch die Gedanken gelockert hatte; als die Aufklärung das Ende des Feudalismus und den Aufstieg des Bürgertums markierte.

Diese kleine Serie ist motiviert durch den aktuellen Versuch, in Deutschland die Sexualgesetzgebung bis teils ins Absurde hinein zu verschärfen. Aus juristischer und liberaler politischer Sicht hat Marian Wirth in zwei Artikeln in B.L.O.G. Ausgezeichnetes dazu geschrieben. Der Verweis auf seine Arbeiten gibt mir die Freiheit, mich dem Thema aus etwas allgemeinerer Perspektive zu nähern.

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12. Dezember 2007

Zitat des Tages: Claus Klebers Entscheidung

Es ist also keine Entscheidung gegen das wichtigste Print- Magazin, sondern für das beste TV- Magazin.

Claus Kleber über seine Entscheidung, beim ZDF zu bleiben und nicht Chefredakteur des "Spiegel" zu werden. - Schade. Denn mit ihm als Chefredakteur wäre der "Spiegel" nicht nur das wichtigste Print-Magazin geblieben, sondern auch das beste.

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Zettel Meckerecke: Warum zum Teufel Gregor Gysi? Über einen seltsamen Gast bei Maybrit Illner

Gregor Gysi hatte eine Spitzenstellung im Justizapparat der DDR und gehörte damit zu den wichtigsten Verantwortlichen des DDR- Unrechtssystems.

Als der Vorsitzende der Kollegien der Rechtsanwälte in der DDR war er der oberste Rechtsanwalt in einem Justizsystem, in dem - so hat es das Verfassungsgericht festgestellt - die Rechtsanwälte "ihre Tätigkeit an den weltanschaulichen Grundlagen der DDR auszurichten" hatten. "Eine ihrer Aufgaben bestand in der Stärkung der sozialistischen Gesetzlichkeit (...), die sich bewußt vom Rechtsstaat bürgerlicher Prägung abgrenzte (...). Sie sollten dazu beitragen, daß die subjektiven Interessen der Bürger nicht von den objektiven Interessen der Gesellschaft und des Staates abwichen. (...) Die Unabhängigkeit des Rechtsanwalts bestand nur in diesem Rahmen".

Damit die Rechtsanwälte sich auch an diese Vorgaben hielten, gab es seit 1980 die Rechtsanwalts- Kollegien. Der Mann, der diesen Kollegien zuletzt vorstand und der damit eine zentrale Funktion im DDR- Justizapparat hatte, ist heute Spitzenpolitiker in der Bundesrepublik Deutschland.

Als solcher hat er - da seine Partei im Bundestag vertreten ist, sogar in einem Bundesland mitregiert - Anspruch darauf, von den Medien nicht mißachtet zu werden.

Nun wird er allerdings nicht nur nicht mißachtet, sondern er genießt eine Medien- Präsenz, von der viele demokratische Politiker nur träumen können.

Nun gut, man kann argumentieren, daß seine Partei außer ihm und Lafontaine keine Leute hat, die einer Talkshow zu einer ordentlichen Quote verhelfen können. Also greift man notgedrungen auf sie zurück, wenn ein Thema zu besprechen ist, zu dem ihre Partei nun einmal eine pointierte Meinung hat.

Schließlich ist der Wettbewerb zwischen den Talkshows hart, und wenn man schon niemanden von der NPD einladen kann, dann ist doch immerhin Gysi gut für eine deutlich abweichende Meinung. Also für Streit, also für Quote.

Zugestanden.

Aber das erklärt nicht das, was das ZDF sich diese Woche leistet. Was sich zu leisten es jedenfalls ankündigt.



Für den kommenden Donnerstag ist als Thema der Sendung "Maybrit Illner" angekündigt: "'Ich bin dann mal gläubig...' - Die neue Sehnsucht nach Spiritualität?".

Eingeladen ist Bernhard Bueb, ein studierter Theologe, der einmal Leiter des Internats "Schloß Salem" war und der durch seinen Bestseller "Lob der Disziplin" bekannt geworden ist. Eingeladen ist die Professorin der Katholischen Theologie Uta Ranke- Heinemann, die immer gern eingeladen wird, wenn auf flotte Weise über ein theologisches Thema disputiert werden soll. Zwei, die sachkundig sind.

Und eingeladen ist - Sie werden es ahnen, lieber Leser - Gregor Gysi. "Gregor Gysi (Die Linke), konfessionslos" steht in der Gästeliste des ZDF.



Nicht wahr, das ist ein Grund zum Meckern?

Was in aller Welt qualifiziert unter 80 Millionen Deutschen ausgerechnet den Vorsitzenden der Fraktion der "Linken" im Bundestag, zu diesem Thema als sachkundig zu gelten?

Hätte man denn für den Part des Religionskritikers nicht, sagen wir, jemanden wie Horst Herrmann einladen können, oder einen Kenner der atheistischen Philosophen Schopenhauer, Nietzsche und Heidegger wie Rüdiger Safranski, der dem ZDF ja ohnehin über das "Philosophische Quartett" verbunden ist?

Beide eloquent, beide wohl etwas kompetenter zum Thema als Gregor Gysi. Beide auch in ihrem intellektuellen Niveau angemessene Diskussionspartner für Bueb und Ranke-Heinemann. Ebenso, wie einer der vielen anderen deutschen Philosophen und Publizisten, die sich mit dem Atheismus befassen und/oder sich zu ihm bekennen.

Aber was zum Teufel - um ein hier passendes Kraftwort zu verwenden - denkt sich die Redaktion von "Maybrit Illner" dabei, statt eines Sachkundigen als Vertreter der atheistischen, der kirchenkritischen, der Position der Konfessionslosen ausgerechnet einen aktiven Politiker einzuladen, noch dazu einen Vertreter des Marxismus, dessen Verständnis von Atheismus für diesen ungefähr so repräsentativ ist wie die "Apotheker- Zeitung" für die deutsche Journalistik?



Ich versuche, mich in die Redaktion von "Maybrit Illner" hineinzuversetzen. Ich versuche, irgendeine noch so krause Überlegung zu finden, die diese Einladung inhaltlich rechtfertigen könnte.

Und weil ich keine finden konnte (daß man einfach einem Kommunisten Bildschirm- Präsenz zuschanzen wollte, glaube ich nicht), ist mir ein schrecklicher Verdacht gekommen:

Wollen vielleicht diese Redakteure den Gregory Gysi in eine Art Sippenhaft für seinen Vater nehmen? Soll Maybrit Illner ihn zu diesem Klaus Gysi befragen, über den der Independent in seinem Nachruf schrieb, daß er als DDR- Staatssekretär für Kirchenfragen "seine Hauptaufgabe darin sah, die lutheranischen Kirchen ... bei der Stange zu halten und sie daran zu hindern, Feinden des Systems Schutz zu gewähren"?

Hat man Gregor Gysi eingeladen, weil sein Vater einer von denen war, die die Protestanten ungefähr so in den Sozialismus einbinden wollten, wie das die Nazis mit ihren "Deutschen Christen" für den Nationalsozialismus versucht haben?

Ach nein. Wenn ich es recht bedenke - das ist ihr eigentlich doch nicht zuzutrauen, der Redaktion von "Maybritt Illner".

Sie werden sich überlegt haben: Bueb ist ein ruhiger Mann. Ranke-Heinemann ist schrill und laut. Jetzt brauchen wir noch einen, der glatt und ironisch ist. Also nehmen wir den Gysi.

Auf den ist Verlaß. Der kommt immer.

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11. Dezember 2007

Die Deutschen und das Atom (6): Seriöse Wissenschaft und ihr Mißbrauch durch Politiker

Zum Thema "AKWs und Leukämie" gibt es seit meinem Artikel vom Wochenende neue Informationen. Fundierter als das, was bis dahin die Agenturen berichtet hatten. Aber in die Schlagzeilen werden sie es wohl nicht schaffen.

Sie sind so fundiert, wie man es sich überhaupt nur wünschen kann, diese Informationen. Denn sie stammen zum einen von der Leiterin der Mainzer Untersuchung, Maria Blettner, die, nachdem sie sich schon kurz im TV geäußert hatte, jetzt dem "Tagesspiegel" ein ausführliches Interview gegeben hat. Das Interview klärt auch einige der Fragen, die ich in dem vorausgehenden Artikel aufgeworfen hatte.

Zum anderen ist die Untersuchung jetzt auf der WebSite des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) zugänglich. Eine Zusammenfassung mit den methodischen Einzelheiten bietet inzwischen auch das "Deutsche Ärzteblatt".

Das Wichtigste aus diesen Quellen:
  • Warum die Begrenzung auf einen Umkreis von 5 km und Kinder unter 5 Jahren? Weil in einer vorausgegangenen Untersuchung in dieser Teilgruppe Auffälligkeiten entdeckt worden waren. Aber wenn man nur genügend Daten analysiert, findet man immer irgendwelche Häufungen, die durch Zufall entstanden sein können. Deshalb hat die Arbeitsgruppe von Prof. Blettner - wie seriöse Wissenschaft es verlangt - nicht auf diese Post- Hoc- Analyse vertraut, sondern in der jetzigen Untersuchung genau diese Hypothese geprüft, daß im Umkreis von 5 km bei Kindern unter 5 Jahren gehäuft Leukämie auftritt.

  • Wie signifikant war der Effekt der Nähe zum AKW? Offenbar auf dem Fünf- Prozent- Niveau. Jedenfalls erwähnt Prof. Blettner dieses Signifikanz- Niveau im Zusammenhang mit der Möglichkeit von Zufalls- Signifikanzen: "Wenn man 100 solche Studien macht, würde man auch fünf bekommen, die signifikant sind. Obwohl nichts dahintersteckt." (In dem ersten Artikel hatte ich als Beispiel hierfür das zweimalige Würfeln einer sechs genannt, - ein Ereignis, dessen Auftreten bereits "auf dem Fünf- Prozent- Niveau signifikant" ist.)

  • Welche Ursachen kommen zur Erklärung der Häufung von Leukämie- Fällen im Umkreis von AKWs in Frage? Daß die die Strahlenbelastung durch die Kernkraftwerke ursächlich sind, hält Prof. Blettner für "nicht plausibel". Die Strahlung aus den AKWs ist, so begründete sie das, um den Faktor 1000 bis 100000 geringer als die natürliche Strahlung, der wir alle ausgesetzt sind. Also, was dann?

    Man kann das, wie könnte es anders sein, nur vermuten. Prof. Blettner stellt ähnliche Überlegungen an, wie sie in meinem ersten Artikel am Beispiel der Moslems illustriert wurden, die gehäuft im Umkreis um Dome wohnen: "... eine solche Häufung könnte es auch um andere Standorte geben, etwa rund um Kohlekraftwerke, um Brückenbauten, Kirchtürme, große Industrieanlagen. Also genau dort, wo es in bisher ländlichen Regionen plötzlich einen großen Zuzug gibt."

  • Was hat der zweite Teil der Untersuchung ergeben, in der durch Telefon- Interviews mögliche konfundierende Faktoren ermittelt werden sollten? - Laut "Deutschem Ärzteblatt" leider nichts Verwertbares, weil zu wenige der Angerufenen (vor allem im unmittelbaren Umkreis des AKW) zu Auskünften bereit gewesen waren.
  • Soviel zum wissenschaftlichen Aspekt. Es handelt sich um eine wissenschaftlich absolut seriöse Untersuchung und nicht um eine "Studie, die Antipathien gegen die Kernkraft schüren soll", wie (siehe meinen ersten Artikel) die CDU- Politikerin Reiche behauptet hatte. Erst recht stützt die Untersuchung keine der Behauptungen aus der linken und grünen Ecke, man habe die Gefahren der Atomkraft unterschätzt, und ähnliches aus der Luft Gegriffenes.



    Womit wir beim politischen Aspekt der Sache sind. Und dieser stellt sich nun, nach dem Interview mit Prof. Blettner, als noch viel skandalöser dar, als es am Wochenende schien.

    Damals war nur zu beanstanden gewesen, daß Politiker sich über ein Thema äußerten, ohne die Fakten zu kennen, geschweige denn sie beurteilen zu können. Jetzt stellt sich heraus, daß - wieder einmal! - das BfS eine peinliche Rolle gespielt hat.

    Dieses Amt hatte die Untersuchung in Auftrag gegeben und vermutlich (mit)finanziert; aber es war natürlich nicht - wie es fälschlich in der Presse hieß - eine Untersuchung "des Bundesamts für Strahlenschutz".

    Aber wer bezahlt, der entscheidet, wo die Musik spielt. Und so hat dieses Bundesamt sich herausgenommen, herausgepickte Ergebnisse aus dieser Untersuchung an die Presse zu gegeben. Prof. Blettner: "Warum werden Ergebnisse vorab veröffentlicht? Warum gibt es eine Pressekonferenz, bei der die Studie vom Bundesamt für Strahlenschutz präsentiert wird, von der ich als Leiterin der Untersuchung nichts weiß?"

    Nicht nur, daß dieses Bundesamt sich herausnimmt, die Ergebnisse von Wissenschaftlern ohne deren Wissen zu veröffentlichen, statt das diesen selbst zu überlassen, wie es eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist.

    Sondern der Präsident dieses Amts, der von dem Minister Trittin eingesetzte, um nicht zu sagen durchgedrückte Wolfram König liefert gleich auch noch eine Interpretation der Ergebnisse.

    Er und eine "Expertenkommission" maßen sich an, im entscheidenden Punkt den Autoren der Untersuchung zu widersprechen. Aus einer gestrigen Pressemitteilung des BfS: "... enthält die Studie die Aussage dass 'aufgrund des aktuellen strahlenbiologischen und strahlenepidemiologischen Wissens die von deutschen Kernkraftwerken im Normalbetrieb emittierte ionisierende Strahlung grundsätzlich nicht als Ursache interpretiert werden kann.' Im Gegensatz zu den Autoren ist das externe Expertengremium der Überzeugung, dass dieser Zusammenhang keinesfalls ausgeschlossen werden könne."



    Das ist, gelinde gesagt, eine Unverschämtheit gegenüber den Autoren.

    Selbstverständlich ist es in einer innerwissenschaftlichen Diskussion erlaubt und sogar häufig der Fall, daß Fachkollegen eine Untersuchung anders bewerten als die Autoren.

    Das ist z.B. oft so, wenn ein Manuskript zur Publikation eingereicht wird. Den Autoren wird dann diese fachliche Kritik zugeschickt, sie haben Gelegenheit, darauf zu antworten, und am Ende entscheiden die Herausgeber oder ggf. weitere Gutachter, ob das Manuskript in der betreffenden Zeitschrift publiziert wird, ob Änderungen verlangt werden, oder ob das Manuskript abgelehnt wird.

    Aber daß ein von einem Bundesamt eingesetztes Gremium sich das Recht herausnimmt, sozusagen ex kathedra einer Untersuchung eine andere Schlußfolgerung überzustülpen als diejenige, die die Autoren für vertretbar halten, und daß das dann öffentlich bekanntgegeben wird wie ein Gerichts- Beschluß, das ist ein dreistes Eingreifen in den Prozeß freier wissenschaftlicher Forschung.

    Frau Blettner hat darauf ebenso trocken wie souverän reagiert. Frage des Interviewers des "Tagesspiegel": "Trotzdem sagt Wolfram König, Präsident des BfS, dass Strahlung als Ursache nicht auszuschließen ist." Antwort von Prof. Blettner: "Wenn er darauf Hinweise hat, dann weiß er mehr als wir."

    Wozu er ja auch jede Qualifikation hat, der Präsident des BfS, Wolfram König. Über seinen Lebenslauf sagt die Wikipedia: "Wolfram König machte einen Gesamthochschulabschluss in Kassel als Diplom-Ingenieur (Fachrichtung Stadtentwicklung). In Sachsen-Anhalt war er von 1994 bis 1998 als Mitglied der Grünen Staatssekretär im Umweltministerium unter der rot-grünen Landesregierung und betrieb dort die Schließung des ehemaligen DDR-Endlagers Morsleben."

    Kein Wunder, daß ein Mann mit dieser Qualifikation im Bereich der Krebs- Epidemiologie sich berufen fühlt, die Untersuchung einer der angesehendsten deutschen Krebs- Epidemiologinnen fachlich zu würdigen.



    Links zu allen Folgen dieser Serie:
  • 1. Der Sonderweg
  • 2. Kampf dem Atomtod
  • 3. Die APO entläßt ihre Kinder
  • 4. Tschernobyl und die Folgen
  • 5. Verursachen AKWs Leukämie bei Kindern?
  • 6. Seriöse Wissenschaft und ihr Mißbrauch durch Politiker

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    Zitat des Tages: "Dritter Pol"

    Europa müsse mit Russlands Hilfe ein dritter Pol zwischen Asien und den USA werden.

    Gerhard Schröder, laut Bericht der "Welt" ein "Propagandist des Kreml", vorgestern in einer Rede an der New Yorker Columbia University. - Man kann das als einen Kommentar zur Irak- Politik der rotgrünen Regierung lesen, insbesondere zu Schröders Versuch, eine Achse Moskau- Berlin- Paris gegen die USA zu schmieden.

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    10. Dezember 2007

    Zitat des Tages: "Wieder knapp fünf Millionen Arbeitslose"

    Es geht den Gewerkschaften ... um ... Mindestlöhne, etwa um fast zehn Euro wie bei den Briefdiensten, die sie gern allgemein anwenden würden. Unter solchen Umständen will ich mir die nächste konjunkturelle Delle in Deutschland gar nicht vorstellen. (...) Dann können wir uns wieder auf knapp fünf Millionen Arbeitslose in Deutschland einstellen.

    Der frühere Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit Florian Gerster (SPD), jetzt Präsident des Arbeitgeberverbandes Neue Brief- und Zustelldienste, heute in der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (WAZ).

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    Die Deutschen und das Atom (5): Verursachen AKWs Leukämie bei Kindern?

    "Im Umkreis von 30 Kilometern um die großen Dome und Kathedralen Europas - Nôtre Dame, Westminster Abbey, um den Kölner Dom, den Frankfurter Dom - wohnen mehr Moslems, als es dem Anteil der Moslems an der Bevölkerung des jeweiligen Landes entspricht."

    Ich kenne keine Daten, die diese Aussage belegen, aber sie ist sehr wahrscheinlich zutreffend. Ob es so ist, das ist aber auch nicht kritisch für das, was ich diskutieren möchte:

    Man könnte aus diesem statistischen Zusammenhang schließen, daß irgendetwas von den Domen ausgeht, das Moslems anzieht. Daß es Moslems sozusagen dazu drängt, sich in der Nähe eines Doms niederzulassen.

    Das wäre natürlich keine sehr kluge Interpretation derartiger Daten, die vielmehr darauf beruhen (würden), daß Dome in Großstädten stehen und daß in europäischen Großstädten prozentual mehr Moslems wohnen als auf dem flachen Land.



    Am Wochenende wurde eine Untersuchung in den Medien diskutiert, die sich mit Fällen von Leukämie bei Kindern befaßte, die im Umkreis von AKWs wohnen. Dazu berichtet die "Süddeutsche Zeitung":
    Die Forscher unter der Leitung der Mainzer Epidemiologin Maria Blettner stellten fest, dass zwischen 1980 und 2003 im Umkreis von fünf Kilometern um die Reaktoren 77 Kinder an Krebs, davon 37 an Leukämie, erkrankt waren. Im statistischen Durchschnitt seien 48 Krebs- beziehungsweise 17 Leukämiefälle zu erwarten gewesen. Etwa 20 Neuerkrankungen seien also allein auf das Wohnen in diesem Umkreis zurückzuführen.
    Wenn die Medizinstatistiker, die diese Untersuchung durchgeführt haben, tatsächlich so argumentiert haben sollten, wie es dieses Zitat besagt, dann hätten sie nicht stringenter argumentiert als jemand, der in Domen Anziehungspunkte für Moslems sieht, weil in ihrem Umkreis eben viele Moslems wohnen.

    Nun ist Maria Blettner eine angesehene Wissenschaftlerin. Man sollte erwarten, daß ihre und ihrer Mitarbeiter Untersuchung keine groben methodischen Mängel aufweist, zumal aus ihrer Publikationsliste hervorgeht, daß sie im Bereich der epidemiologischen Krebsforschung ausgewiesen ist.

    Aber Genaueres über die jetzigen Daten weiß man nicht. Denn die Untersuchung, die so sehr die Gemüter erregt, ist noch gar nicht publiziert!

    Auf der Website der Arbeitsgruppe von Prof. Blettner ist dieses Untersuchungsprojekt zwar verzeichnet - aber in Form einer Projektbeschreibung. Die Ergebnisse werden dort für "Ende 2006" in Aussicht gestellt. Offenbar wurde der Text seit längerem nicht mehr aktualisiert.



    Immerhin erfährt man aus dieser Projektbeschreibung Genaueres über die Methodik. Es wurden aus dem deutschen Kinder- Krebsregister Fälle von Kindern entnommen, die im Zeitraum zwischen dem 01.01.1980 ­und dem 31.12.2003 an Krebs erkrankt waren. Zum weiteren Verfahren heißt es:
    Im ersten Teil der Studie wird individuell der Abstand der Wohnung der Familie des an Krebs erkrankten Kindes zum Kernkraftwerk ermittelt und mit dem Abstand der Wohnung von zufällig ausgewählten Kontrollfamilien verglichen. Als Studienregionen wurden jeweils mindestens 3 Landkreise in der Umgebung der 15 Leistungsreaktoren in den alten Ländern der Bundesrepublik Deutschland definiert. (...) Im zweiten Teil der Studie wird durch ein standardisiertes computergestütztes telefonisches Interview untersucht, ob potentielle Confounder die in Teil 1 untersuchte Beziehung beeinflussen.
    Wenn ich das richtig verstehe, hat man die an Krebs erkrankten Kinder in den ausgewählten Landkreisen rund um ein AKW herausgesucht, dann eine gleich große Anzahl von Kindern aus denselben Landkreisen zufällig ausgewählt und ermittelt, wie weit die Kinder der beiden Gruppen vom AKW entfernt wohnten.

    Das scheint auch aus der Fragestellung der Untersuchung hervorzugehen: "Wohnen Familien mit unter 5-jährigen Kindern, bei denen eine Krebserkrankung diagnostiziert wurde, häufiger in der Nähe von Kernkraftwerken als Familien mit nicht an Krebs erkrankten Kindern?"

    Wie die Grenze von 5 km zustandegekommen ist (war sie schon vorher für den statistischen Test festgelegt?) und wie überhaupt die Signifikanz getestet wurde, geht weder aus dieser kurzen Projektbeschreibung hervor, noch aus den bisherigen Zeitungsberichten. Wichtig wäre es vor allem, das Signifikanzniveau zu kennen. Häufig wird das 5-Prozent- Niveau gewählt - dessen Erreichen nicht mehr besagt als: Die Wahrscheinlichkeit, daß dieses Ergebnis zufällig zustande gekommen ist, ist ungefähr so groß, wie daß man zweimal hintereinander eine sechs würfelt. (Diese liegt bei knapp drei Prozent).

    Alle diese Einzelheiten sind bisher nicht bekannt. Wie wasserdicht die jetzt publizierten Folgerungen der Untersuchung wirklich sind, wird man also erst erfahren, wenn die Untersuchung zur Publikation eingereicht und peer reviewed (also von Fachleuten, die selbst auf diesem Gebiet forschen, begutachtet) worden ist und sie die eventuellen Einwände der Gutachter überstanden hat.



    Und wie ist das nun mit den Moslems, die gehäuft im Umkreis von Domen wohnen?

    Die Mainzer Untersucher waren sich dieses Problems offenbar bewußt. Deshalb führten sie den Teil 2 der Untersuchung durch, in dem die Familien der einbezogenen Kinder - der erkrankten wie der gesunden - im Hinblick auf "potentielle Confounder" untersucht wurden.

    Gemeint sind damit solche Faktoren wie im Beispiel der Moslems der Umstand, daß jemand, der in der Nähe zu einem Dom wohnt, eben zugleich in einer Großstadt wohnt. Die Variablen "Nähe zum Dom" und "Großstadt" sind also, wie man sagt, konfundiert - man weiß nicht, ob ein beobachteter Effekt an dem einen oder dem anderen Faktor liegt.

    In der Mainzer Untersuchung wird man also z.B. nach anderen Risiko- Faktoren gefragt haben, denen ein Kind ausgesetzt gewesen sein könnte - etwa der Nähe zu einer chemischem Fabrik. Was sich dabei ergab, ist offenbar der Öffentlichkeit noch nicht mitgeteilt worden.



    Führt man sich diesen Stand der Dinge vor Augen, dann wird deutlich, wie leichtfertig es ist, allein aufgrund bruchstückhafter, noch gar nicht publizierter Daten einer noch gar nicht von Fachleuten begutachteten Untersuchung bereits irgendwelche Schlüsse zu ziehen.

    Und das ist reichlich geschehen, innerhalb weniger Tage. Aus der "Süddeutschen Zeitung":

    Reinhard Bütikofer von den "Grünen": "Wir Grüne fordern die beschleunigte Abschaltung gerade der ältesten Atomkraftwerke." Wer noch immer "für einen längeren Betrieb von Atomkraftwerken oder gar deren Neubau eintritt, handelt völlig verantwortungslos".

    Hans-Josef Fell, auch er von den "Grünen": "Die etablierte, meist atomfreundliche Wissenschaft hat die Gefahren der Atomenergie bisher maßlos unterschätzt."

    Freilich sieht es auf der anderen Seite nicht besser aus. "So sehr ich mir Aufklärung über diese Zusammenhänge von der Wissenschaft erhoffe, so sehr kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass die Studie die Antipathien gegen die Kernkraft schüren soll", erklärte laut SZ Katharina Reiche von der CDU.

    Woher weiß Katharina Reiche das? Woher wissen die Herren Bütikofer und Fell das, was sie behaupten?



    Es ist schon ein Kreuz mit der Art, wie Politiker, wie auch Journalisten mit wissenschaftlichen Untersuchungen umgehen, die sie gar nicht kennen und die sie nicht beurteilen könnten, würden sie sie denn kennen.

    Den Vogel aber hat wieder einmal der Umweltminister Gabriel abgeschossen.

    Aus einer heutigen dpa-Meldung, zitiert nach der FAZ:
    Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) sagte (...), [die] Strahlenbelastung der Bevölkerung müsste durch den Betrieb der Atomkraftwerke in Deutschland um mindestens das Tausendfache höher sein, um den beobachteten Anstieg des Krebsrisikos erklären zu können.
    Eine klassische petitio principii. Gabriel setzt das als gegeben voraus, was doch gerade untersucht werden sollte: Ob nicht möglicherweis auch viel geringere Strahlendosen, als bisher angenommen, das Krebsrisiko erhöhen können.

    Und dann setzt er noch einen drauf, der Strahlenexperte Gabriel. Statt abzuwarten, bis wirkliche Fachleute sich geäußert haben (nämlich die peer reviewers internationaler Zeitschriften, die allein in der Lage sind, die Qualität einer solchen Untersuchung zu beurteilen), hat Gabriel ausgerechnet die Strahlenschutzkommission (SSK) "mit einer umfassenden Bewertung der Ergebnisse beauftragt".

    Ein Gremium, dessen wissenschaftliche Reputation erheblich gelitten hat, seit es der Umweltminister Trittin nach der Regierungsübernahme der Rotgrünen aus zwei früheren Kommissionen neu bildete und vor allem neu besetzte, und zwar überwiegend mit Atomkraftgegnern oder -skeptikern, deren wissenschaftlicher Rang weit unter dem der Fachleute lag, an deren Stelle sie traten.

    Kritiker sprachen damals davon, Trittin versuche, "systematisch Sachverstand durch Parteiverstand" zu ersetzen; die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter schrieb, daß es dergleichen bisher "nur im Sowjetreich" gegeben habe.

    Zu denjenigen, die Trittins Personalpolitik kritisierten, gehörte die damalige Vorsitzende der SSK. Sie trat aus Protest gegen die Berufung eines fachlich nicht ausgewiesenen Mitgliedes durch Trittin sogar von ihrem Amt zurück.

    Der Name dieser aufrechten Wissenschaftlerin, die laut "Welt" als atomfreundlich gilt: Maria Blettner.



    Der Vorwurf von Katharina Reiche erscheint also als wenig begründet.

    Sollten die Ergebnisse der Mainzer Gruppe methodisch hieb- und stichfest sein, sollte insbesondere die Kontrolle von konfundierenden Faktoren gelungen zu sein - dann wird man zumindest den begründeten Verdacht akzeptieren müssen, daß es die Gefahr einer Verursachung von Leukämie durch AKWs gibt.

    Man muß das dann akzeptieren, auch wenn man nicht in den Chor der Grünen und Linken einstimmt. Aber es ist so, wie Freud einmal seinen Lehrer Charcot zitierte. In einem Kolloquium hatte jemand Befunde vorgetragen, und ein anderer wendete dagegen ein, diese Befunde widersprächen der gängigen Theorie. Worauf Charcot sagte: "ça n'empêche pas d'exister" - das hindert nicht, daß es das gibt.



    Links zu allen Folgen dieser Serie:
  • 1. Der Sonderweg
  • 2. Kampf dem Atomtod
  • 3. Die APO entläßt ihre Kinder
  • 4. Tschernobyl und die Folgen
  • 5. Verursachen AKWs Leukämie bei Kindern?
  • 6. Seriöse Wissenschaft und ihr Mißbrauch durch Politiker

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    9. Dezember 2007

    Zitat des Tages: Eine Idee aus der Partei des demokratischen Sozialismus

    Der SPD-Bundestagsabgeordnete Andreas Steppuhn regte an, Gehälter und Abfindungen von Managern sollten künftig an die durchschnittliche Entwicklung von Arbeitnehmer- Einkommen gekoppelt werden. Er kündigte dazu für Anfang 2008 eine parlamentarische Initiative an.

    Aus einer heutigen dpa-Meldung.

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    Warum wurde der Shuttle-Flug verschoben? Über Sicherheitstechnik und Sicherheitsphilosophie

    Nehmen wir an, ein Rally- Fahrer stellt kurz vor dem Start fest, daß die Anzeige seiner Tankfüllung nicht korrekt funktioniert. Würde er daraufhin den Start abblasen? Wohl kaum.

    Etwas Derartiges hat aber die NASA nun schon dreimal getan, als sie den für vergangenen Donnerstag vorgesehenen Start des Shuttle "Atlantis" mit dem europäischen Raumlabor "Columbus" an Bord gestoppt und erst auf Freitag, dann auf Samstag und jetzt auf den heutigen Sonntag (geplanter Start: 3:21 PM EST; entsprechend 21:21 MEZ) verschoben hat.

    Der Grund für diese wiederholten Startverschiebungen ist der Ausfall von zwei Sensoren, die die Füllung der Flüssiggas- Tanks für Wasserstoff und Sauerstoff anzeigen.

    Warum deshalb gleich eine wiederholte Verschiebung des Starts? Kann man denn nicht auch ohne Sensoren berechnen, wieviel Treibstoff jeweils noch im Tank ist? Warum ist es überhaupt so wichtig, den jeweiligen momentanen Füllstand zu kennen?

    Als ich diesen Fragen nachgegangen bin,habe ich Allerlei über Sicherheitstechnik und Sicherheitsphilosophie gelernt, das auch über den jetzigen Fall hinaus interessant ist.



    Das Shuttle wird durch drei Raketenmotoren beschleunigt, die ihre Treibstoffe aus dem riesigen rostbraunen Tank beziehen, der seitlich am Shuttle aufgehängt ist. (Man könnte angesichts der Größenverhältnisse auch sagen: An dem das Shuttle aufgehängt ist). Das obere Drittel ist der Sauerstofftank, die unteren beiden Drittel enthalten den Wasserstoff. Beide sind so weit heruntergekühlt, daß sie sich im flüssigen Zustand befinden.

    In der Startphase wird zusätzlicher Schub durch die beiden Feststoffraketen (Boosters) geliefert, die rechts und links neben diesem Tank angebracht sind.

    Der Brennvorgang dieser Feststoffraketen ist nicht steuerbar. Sie brennen ab wie Sylvester- Raketen. In den Orbit gesteuert wird das Shuttle mit Hilfe der Raketen- Motoren, die noch weiterarbeiten, wenn die beiden Feststoffraketen bereits ausgebrannt und abgeworfen sind.

    Eine kritische Rolle spielt dabei der Brennschluß, also der Zeitpunkt, zu dem diese Raketen- Motoren abgeschaltet werden.

    Er entscheidet über die Geschwindigkeit, mit der das Shuttle in den Orbit eintritt und damit wesentlich über die Bahndaten. Für jeden einzelnen Flug des Shuttle wird der Brennschluß individuell festgelegt.

    Wie wird nun dafür gesorgt, daß der Brennschluß zum richtigen Zeitpunkt erfolgt? Mit der Antwort auf diese Frage nähern wir uns, wie Mark Kirkman in einem ausgezeichneten Artikel in den Interspace News erklärt, der kritischen Rolle der Tank- Sensoren.

    Sie heißen mit Namen ECOs (Low Level Engine Cutoff sensors). Und damit ist schon angedeutet, warum sie so wichtig sind: Sie haben etwas mit dem Brennschluß (engine cutoff) zu tun; und sie sollen einen low level melden, also einen (zu) niedrigen Füllstand.

    Der Brennschluß erfolgt nicht, wenn das Shuttle eine bestimmte Höhe erreicht hat, auch nicht nach einer bestimmten Zeit ab dem Start. Sondern er wird dadurch definiert, daß das Shuttle die für den betreffenden Flug festgelegte Geschwindigkeit erreicht hat. Diese ermittelt ein Bordcomputer, der dann automatisch die Raketen- Motoren abschaltet.

    Und nun kommt das im jetzigen Zusammenhang Entscheidende:

    Der Brennschluß muß stattfinden, bevor die Tanks für Sauerstoff und Wasserstoff leer sind.

    Denn die Turbinen würden sich, wenn kein Treibstoff mehr vorhanden wäre, so schnell drehen, daß sie heißlaufen und möglicherweise auseinanderfliegen könnten. Wäre der Wasserstoffvorrat erschöpft, aber noch Sauerstoff da, dann könnte das außerdem eine Explosion auslösen.



    Wir verstehen jetzt, warum es so wichtig, ja lebenswichtig ist, den Füllstand des Sauerstoff- und des Wasserstofftanks ständig zu überprüfen. Es muß sichergestellt sein, daß keiner der beiden Tanks leer wird, solange sie noch mit dem Shuttle verbunden sind.

    Das geschieht primär dadurch, daß ein Bordcomputer fortlaufend ermittelt, wieviel Treibstoff verbraucht wurde und ob also noch ein genügender Rest (performance margin) vorhanden ist.

    Nun kann es aber passieren, daß durch ein Leck oder durch den Ausfall von Raketen- Motoren Treibstoff verlorengeht.

    Dann stimmt diese Berechnung nicht mehr. Es könnte dann der Fall eintreten, daß einer der Tanks oder beide leer werden, bevor der Brennschluß erfolgt.

    Und um das zu verhindern, gibt es diese Sensoren in den Tanks, die ECOs.

    Im Prinzip sind es nichts anderes als Drähte, durch die Strom einer konstanten Stromstärke fließt. Je nachdem, ob sie sich in einer Flüssigkeit oder einem Gas befinden, ist der elektrische Widerstand verschieden und damit die Spannung. Diese wird fortlaufend gemessen und zeigt an, ob der Zustand "nass" oder "trocken" besteht.

    Melden diese Sensoren "trocken" (ein Zustand, der eigentlich nicht eintreten dürfte, weil es ja immer noch Treibstoff in den Tanks geben sollte), dann schaltet der Computer die Triebwerke ab, und es wird eine transatlantische Notlandung (TAL) eingeleitet; also der Versuch, das Shuttle wieder zur Erde zurückzubringen, bevor es Orbital- Geschwindigkeit erreicht hat.



    Der Funktionsfähigkeit der ECO-Sensoren kommt also eine zentrale Bedeutung zu:

    Versagen sie und melden nicht den Zustand "trocken", obwohl ein Tank leer ist, dann kann es zum Verlust des Shuttle kommen.

    Versagen sie andererseits und zeigen fälschlich den Zustand "trocken" an, dann könnte das zu einem Abbruch des Flugs führen, obwohl in Wahrheit alles in Ordnung ist.

    Gegen einen solchen Fall gibt es zwar gewisse Vorkehrungen (zum Beispiel werden die Sensoren erst "scharf gemacht", wenn das Shuttle eine bestimmte kritische Masse erreicht hat; es sei denn, Raketenmotoren sind ausgefallen). Aber es bleibt doch das Risiko, daß just dieses zur Sicherheit eingebaute System selbst die Sicherheit gefährden könnte.

    Und das ist vielleicht der interessanteste Aspekt dieses Themas: Jede Vorrichtung, die der Sicherheit dient, stellt selbst ein Sicherheitsrisiko dar.

    Das - und damit sind wir von der Sicherheits- Technik zur Sicherheits- Philosophie gelangt - gilt für alle komplexen Systeme. "The logic behind the ECO sensor system’s operation is based on risk tradeoffs", die Logik hinter dem System der ECO- Sensoren basiere auf der Aufrechnung von Risiken, schreibt Kirkman.

    "So viele Sicherheitssysteme wie möglich" ist deshalb eine ganz und gar falsche Sicherheits- Philosophie. Die Sicherheit ist umso größer, nicht je mehr solche Systeme es gibt, sondern je mehr ihr potentieller Nutzen den Schaden überwiegt, den sie anrichten können.

    Ist man zu sehr auf Sicherheit bedacht, dann kann das leicht mehr Schaden als Nutzen mit sich bringen. Eine Einsicht, so scheint mir, die über den Bereich der Hochtechnologie hinaus von Bedeutung ist.

    In Ernst Augustins Sammlung von Erzählungen "Der Künzler am Werk. Eine Menagerie" gibt es die Geschichte von einem Mann, der ein Sicherheits- Fanatiker war. Er ließ sein Haus auf alle denkbaren Arten gegen unbefugtes Eindringen sichern - Verriegelungen, Spezialfenster- und Türen, Spezialschlösser und dergleichen.

    Als alles fertig war, trat er vor die Tür, um das Werk zu bewundern. Da fiel die Tür in Schloß. Die Schlüssel hatte er drin gelassen. Kein Schlüsseldienst konnte ihm helfen, wieder in sein Haus zu kommen. Der Mann zog ins Hotel.

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    8. Dezember 2007

    Zitat des Tages: "Nicht mit der Polizei zusammenarbeiten"

    Wichtig ist, daß die Leute nicht mit Polizei oder Staatsanwaltschaft zusammenarbeiten und etwa durch ihre Aussagen andere belasten.

    Das Mitglied des Bundesvorstands der "Roten Hilfe" Michael Csaszkoczy in einem Interview mit der "Jungen Welt" auf die Frage nach den Kriterien, nach denen die "Rote Hilfe" jemanden unterstützt. Über den Aufruf von Funktionären der Jusos und der SPD, ihrerseits diese "Rote Hilfe" zu unterstützen, kann man sich hier informieren.

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    Marginalie: Claus Kleber soll neuer "Spiegel"-Chef werden

    Das war gestern für mich eine der überraschendsten Nachrichten des Jahres. Eine der erfreulichsten auch; zumal ich die bevorstehende Entscheidung über die Nachfolge von Stefan Aust weitaus pessimistischer beurteilt hatte.

    Ich habe mich geirrt. Jedenfalls sehr wahrscheinlich. Dann nämlich, wenn sich bestätigt, was seit gestern Nachmittag gemeldet wird: Claus Kleber soll Nachfolger von Stefan Aust werden.



    Ihn hatte niemand auf der Liste gehabt; außer natürlich den innersten Insidern, die aber offenbar dichtgehalten haben. Da ist wirklich - wenn die Meldungen stimmen - ein Dark Horse als erster durchs Ziel gegangen.

    Einer, der zum ersten und letzten Mal für ein Printmedium gearbeitet hat, als er als Schüler für eine Lokalredaktion des "Kölner Stadt- Anzeigers" jobbte: Mit Themen wie "Kleintierzüchter, Naherholungsheime, Tankstellenkrisen"; so erzählte er es im Februar dieses Jahres Matthias Hannemann von der FAZ.

    Einer, zweitens, der zu den wenigen politischen Journalisten gehört, die sich nicht nur von keiner Partei vereinnahmen lassen, sondern die derart sachbezogen (wenn auch alles andere als unkritisch) berichten, daß man sie noch nicht einmal als "SPD-nah", als "CDU-nah" oder als "FDP-nah" etikettieren kann.

    "In zehn Jahren sollen die Leute immer noch nicht wissen, auf welcher Seite ich stehe", zitierte ihn vor drei Jahren Sebastian Hammelehle in der "Welt am Sonntag. Das hätte auch Gerd Ruge sagen können, Stefan Aust oder Friedrich Nowottny, der auf eine Frage nach seiner Parteinähe einmal geantwortet hat, er sei "Nowottny-nah".

    Kleber ist damit das genaue Gegenteil des erwarteten Aust- Nachfolgers, der - so schien es nicht nur mir, so schien es auch zum Beispiel Harald Staun in der FAZ, - "lieb, links und auf der Liste" sein würde; auf der Liste nämlich der starken linken Fraktion in der Mitarbeiter KG des "Spiegel".

    Nein, links ist er nicht - jedenfalls nicht in seiner Arbeit -, der Claus Kleber. Und "lieb"? Hm, wenn damit eine gewisse Softie- Haftigkeit gemeint ist, dann spricht wenig dafür, daß Kleber wenigstens in dieser Hinsicht das Klischee eines Hätschelkinds der Linken erfüllt.

    Seine Vita jedenfalls deutet auf Anderes hin: Kein Studium der Germanistik, der Philosophie, der Soziologie oder der Journalistik. Kleber ist promovierter Jurist; er hat als Anwalt gearbeitet. Er wollte einmal Pilot oder Astronaut werden. Als Matthias Hannemann ihn Anfang dieses Jahres in seinem Büro beim ZDF interviewte, entdeckte er in einem Regal den Bausatz für eine Saturn V- Mondrakete.



    Fast sieht es aus, als hätte die Mitarbeiter KG des "Spiegel", nachdem man Aust gefeuert und allerlei linke Gedankenspiele veranstaltet hatte, am Ende Angst vor der eigenen Courage bekommen.

    Als sei den Mitarbeitern, vielleicht beim Einkaufen ihrer Weihnachts- Geschenke und dem damit verbundenen Blick ins Portemonnaie, aufgegangen, daß ihnen ein Profi, der allein auf journalistische Qualität achtet, am Ende doch zuträglicher ist als einer, der nur lieb und links ist.

    Sie haben mit einem Seitensprung geliebäugelt, die Damen und Herren von der Mitarbeiter KG. Und sind am Ende zurückgekehrt - zu einem, der dieselben Qualitäten hat wie Stefan Aust.

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    7. Dezember 2007

    Zettels Meckerecke: Verstand aus! Eine Werbeaktion und ihre Folgen

    Selten war es so berechtigt, den Namen der Zeitung BILD zu BLÖD zu verballhornen. Nicht als einziges, aber als einflußreichstes Medium ruft BILD bekanntlich dazu auf, morgen Abend in ganz Deutschland für fünf Minuten das Licht auszuschalten.

    Daß das irgendeinen meßbaren Einfluß auf das Weltklima hat, glauben vermutlich nicht einmal die blödesten BILD-Leser. Aber natürlich geht es nicht darum, objektiv etwas zu bewirken. Sondern, so heißt es in dem betreffenden Aufruf:
    Mit der Aktion „Licht aus! Für unser Klima.“ fordern die Kooperationspartner von „Rettet unsere Erde“, Google und ProSieben jeden Einzelnen zum Handeln auf. Zudem senden sie ein Zeichen an den zeitgleich stattfindenden Weltklimagipfel auf Bali, sich konsequent für bessere Klimaschutzmaßnahmen einzusetzen.
    Daß irgendwer anders "handelt", als er es ohne diese Aktion getan hätte, daß gar die Konferenz auf Bali ihre Entscheidungen davon beeinflussen läßt, daß in Deutschland das Licht ausgeht - das ist nun allerdings freilich auch nicht mehr als ein Appell an die Dummheit der BILD-Leser.

    "Verstand aus!" wäre insofern ein besseres Motto für diese Aktion.



    Aber nur insofern. Insofern nämlich, als man diese Aktion unter dem Gesichtspunkt des Weltklimas betrachtet.

    Natürlich geht es aber um etwas anderes. Die Zeitung, der Sender, die Suchmaschine, die diese Aktion veranstalten, bekommen Werbung zu einem denkbar günstigen Kosten- Nutzen- Verhältnis. Sie werden erstens überhaupt erwähnt, und dies zweitens noch dazu in einem denkbar positiven Kontext.

    Und die Städte, Firmen usw., die angekündigt haben, sich zu "beteiligen" - auch auf sie fällt, wenn man mir die Formulierung verzeiht, ein wenig von dem hellen Glanz der Dunkelheit.



    So weit, so gut. Niemandem ist es verboten, für wenig Geld viel Werbung zu machen.

    Allerdings geht diese Werbeaktion diesmal auf Kosten der Allgemeinheit.

    Elektrischer Strom kann bekanntlich in nur sehr geringem Umfang gespeichert werden. Im wesentlichen geht das nur dadurch, daß man überschüssigen Strom dazu verwendet, Wasser in Talsperren zu pumpen; man wandelt die elektrische Energie also in potentielle Energie um, die man mittels Turbinen dann wieder in elektrische Energie umwandeln kann. Die Möglichkeiten dazu sind aber, begrenzt durch die Kapazität der Talsperren, zu gering, um eine plötzliche Unterlast auffangen zu können.

    Wenn der Stromverbrauch plötzlich abfällt, wie es morgen um 20 Uhr geschehen soll, dann bleibt deshalb nur die Möglichkeit, daß Kraftwerke heruntergefahren oder sogar abgeschaltet werden müssen. Wie z.B. in der gestrigen "Welt" zu lesen ist, kann das dramatische Folgen haben:
    Schalten aber Millionen Menschen zeitgleich das Licht aus, entsteht deshalb plötzlich ein enormes Überangebot an Elektrizität im Netz, das erst einmal nirgendwohin kann. (...) "Ein möglicherweise großflächiger Stromausfall ist dann nicht mehr auszuschließen."
    Wie beispielsweise in den heutigen 16-Uhr-Nachrichen des WDR-Fernsehens zu erfahren war, sind die Stromversorger dabei, sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten. Es wird beispielsweise bei RWE ein spezieller Bereichtschaftsdienst eingerichtet.

    Vermutlich wird es den Fachleuten gelingen, mit der Situation fertigzuwerden; sie hatten ja Zeit, sich darauf vorzubereiten.

    Das wird einiges kosten. Wer bezahlt das eigentlich?

    Wir, die Stromkunden? Oder werden die geschädigten Unternehmen den Mut haben, diejenigen in Regreß zu nehmen, die mit dieser schwachsinnigen Aktion mutwillig Schaden anrichten?

    Unwahrscheinlich. Die Energiekonzerne, ohnehin mit dem Stigma des Bösewichts versehen, werden doch nicht gegen die Guten in einen Rechtsstreit ziehen.

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