10. April 2010

Kleines Klima-Kaleidoskop (12): Fünf Gründe für die Klima-Hysterie (Teil 2)

Im ersten Teil habe ich argumentiert, daß der überaus große Zulauf, den die Theorie von der menschengemachten globalen Erwärmung weithin gefunden hat, nicht allein innerwissenschaftliche, sondern auch ideologische und politische Gründe hat.

Als James E. Hansen, wie im ersten Teil geschildert, seine Zusammenstellung von Meßdaten publizierte und den dort dargestellten Anstieg der globalen Temperatur mit einem menschengemachten (nämlich vor allem durch den Ausstoß von CO2 verursachten) Treibhauseffekt erklärte, da war das eine interessante Hypothese.

Sie ist es auch heute noch. Eine Hypothese, um die es im Augenblick nicht sehr gut steht, denn der von ihr vorhergesagte Anstieg der globalen Temperatur ist im vergangenen Jahrzehnt ausgeblieben (siehe Es ist vorerst vorbei mit der globalen Erwärmung; ZR vom 17. 11. 2010). Aber widerlegt ist diese Hypothese damit nicht; es kann sich um ein vorübergehendes Plateau innerhalb eines langfristigen Anstiegs handeln.

Das kommende Jahrzehnt wird das zeigen; und zwar im Zusammenwirken der beiden innerwissenschaftlichen Aspekte des Klimaproblems, nämlich des empirischen und des theoretischen (dem 1. und dem 2. Aspekt in Teil 1). Wie jede Theorie mit hypothetischem Charakter wird die Theorie von der menschengemachten globalen Erwärmung am Ende an den Daten scheitern oder durch sie bestätigt werden.

Diese Theorie mit dem Charakter einer unbewiesenen Hypothese wird von der Öffentlichkeit, von den meisten Politikern und auch von einem Teil der Forschung aber nicht als eine solche betrachtet, sondern als gesichertes Wissen.

Hierbei spielen die außerwissenschaftlichen Aspekte des Themas eine Rolle, die ich im ersten Teil genannt habe. In diesem zweiten Teil geht es um den spirituell-ideologischen Aspekt: Umweltideologie als Ersatzreligion.



3. Der spirituell-ideologische Aspekt. Spiegelbildlich zum Niedergang der Religiosität in den westlichen Gesellschaften seit dem 19. Jahrhundert haben die Neigungen zu Ideologie und Spiritualität zugenommen. Politische Ideologien mit quasi-religiösen Zügen wie der Marxismus und der Nationalsozialismus erhielten Zulauf. Wer sich mit der tradierten christlichen Religion nicht mehr identifizieren konnte, der fand dort eine Welterklärung, eine Ethik, ein Wertesystem; der fand dort auch Rituale und Pseudo-Götter samt ihren Priestern.

Andere orientierten sich nicht politisch, sondern, wie man so sagt, spirituell. Östliche Religionen und esoterischer Schnickschnack jeder Art fanden ihre Anhänger.

Und die Umweltbewegung fand sie. Ihren quasireligiösen Charakter hat in einem Gastbeitrag zu diesem Blog der evangelische Theologe Herr im vergangenen Dezember dargelegt (Klimaschutz als Religionsersatz. Und die Kirchen machen mit; ZR vom 8. 12. 2009): Das unbedingte Anliegen einer Rettung der Menschheit. Der Glaube an den Sündenfall der Bedrohung und Zerstörung der Umwelt durch "den Menschen". Die Befürchtung einer Apokalypse, die nur durch Buße und Umkehr abgewandt werden kann. Bis in die Details gibt es, wie Herr zeigt, Parallelen - das Lehramt des IPCC, die Wallfahrten zu Klimakonferenzen, den Ablaßhandel mit Klimazertifikaten.

Diese Öko-Variante der Spiritualität ist nun allerdings älter als die Theorie von der menschengemachten globalen Erwärmung. Man könnte sagen, daß es ein diffuses quasireligiöses Öko-Bedürfnis gibt, das sich immer wieder neu mit Konkretem füllt. Anfangs waren es andere Inhalte gewesen; jetzt hat dieses Bedürfnis mit der Angst vor der Klimakatastrophe einen ultimativen, umfassenden Inhalt gefunden.

In der ersten Phase - in den USA ab den späten fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, in Deutschland ungefähr ein Jahrzehnt später - machte sich dieses Bedürfnis an dem Wunsch nach einer "sauberen" Natur fest. Der Sündenfall von damals war die Verschmutzung der Natur. Gekämpft wurde von nun an gegen "Dreckschleudern". Das Ziel war die Wiederherstellung einer möglichst unberührten Natur - saubere Luft, reine Seen, Flüsse, in denen man wieder baden kann. Im Bundestagswahlkampf 1961 forderte der Kanzlerkandidat Willy Brandt, daß "der Himmel über der Ruhr wieder blau werden" müsse.

In der zweiten Phase kam als Sündenfall die "Ausplünderung des Planeten" hinzu, die in eine globale Katastrophe führen werde. Von außerordentlich großem Einfluß war hier im Jahr 1972 "Die Grenzen des Wachstums", der Bericht des "Club of Rome". Er sagte für den Fall, daß es keine radikale Umkehr geben werde, einen "Zusammenbruch des Weltsystems" bis ungefähr 2100 vorher.

Das Klima spielte damals allerdings noch kaum eine Rolle; als die entscheidenden Faktoren wurden Übervölkerung, Nahrungsmittelmangel, die Umweltbelastung, die Erschöpfung von Bodenschätzen und die Entwicklung der Industrie angesehen.

Das Weltmodell W3 des "Club of Rome" war eine der ersten großangelegten Simulationen unter Einsatz von Computern und insofern bahnbrechend. Rezepiert wurde es aber überwiegend als eine apokalyptische Vision. Es entstand der von nun an charakteristische asketische Zug der sich formierenden Umweltbewegung: Nur Verzicht kann uns noch retten. "Nullwachstum" wurde zum Schlüsselbegriff.

Zur Verschmutzung und zur Ausplünderung der Natur gesellte sich in einer dritten Phase - ab den achtziger Jahren - deren Zerstörung. In Deutschland spielte das sogenannte "Waldsterben" eine zentrale Rolle. Der "Spiegel" brachte dazu im November 1981 eine Titelgeschichte, in der es hieß:
In Westdeutschlands Wäldern, warnen Forstexperten, "tickt eine Zeitbombe": Ein großflächiges Tannen- und Fichtensterben ist, wie Fachleute befürchten, erstes Vorzeichen einer weltweiten "Umweltkatastrophe von unvorstellbarem Ausmaß".
Und im dritten Teil der Serie, die mit dieser Titelgeschichte eröffnet wurde, hieß es:
Für den Göttinger Professor Bernhard Ulrich besteht schon kein Zweifel mehr, was die kahlen Tannen in den Forsten und die dahinkümmernden Alleen in den Städten ankündigen. Europa und womöglich die gesamte nördliche Hemisphäre, meint der Wissenschaftler, stünden am Anfang "einer sich über mehrere menschliche Generationen dahinziehenden Waldvernichtung" durch industriell erzeugten Luftschmutz wie Schwefeldioxid. Wenn Ulrich recht hat, droht, so sein Münchner Kollege Peter Schütt, "die gigantischste Umweltkatastrophe, die es je gab".
Das war vor knapp dreißig Jahren. Der Schuldige war damals noch nicht CO2, sondern SO2; das Schwefeldioxid, das vor allem als Bestandteil von "schwefelsaurem Regen" gefürchtet wurde. Denn dieser bewirke - so der "Spiegel" im zweiten Teil der Serie - nicht nur das Waldsterben, sondern er führe auch zu "Milliardenschäden in der Landwirtschaft wie an Bauwerken, fördert Lungenkrebs und löst zehntausendfach Nierenleiden und wahrscheinlich Erbkrankheiten aus".



Wenn man sich diese Vorgeschichte vergegenwärtigt, dann versteht man, wieso Hansens Theorie von der menschengemachten globalen Erwärmung auf so gewaltigen Widerhall stieß: Sie setzte, Ende der achtziger Jahre, sozusagen den Schlußstein. In sie hinein konnte man alle die Ängste projizieren, die in den vorangegangenen Jahrzehnten entstanden waren:
  • Die Verschmutzung der Umwelt nahm nun die Gestalt des CO2-Ausstoßes an; das lebenswichtige Gas CO2 wurde gar zum "gefährlichen Umweltgift" erklärt.

  • Das Weltuntergangs-Szenario des "Club of Rome" wurde um eine besonders sinnfällige Komponente erweitert: Eine Serie von Naturkatastrophen, mit Überflutungen, Stürmen, Dürren und dergleichen. Uralte Ängste also im kollektiven Gedächtnis einer Menschheit, die in ihrer ganzen Geschichte in der Furcht vor solchen Katastrophen lebte.

  • Das Motiv der Zerstörung fand neue Inhalte. Mit dem Waldsterben war es nichts geworden. An die Stelle entnadelter Wälder trat nun das Sinnbild des Eisbären, der auf seiner Scholle durch die sich erwärmende Arktis treibt. Wir zerstören nicht nur unsere eigene Lebensgrundlage, so lautete die Botschaft, sondern wir versündigen uns auch an der Schöpfung.
  • Kein Wunder also, daß die Theorie von der menschengemachten globalen Erwärmung auf fruchtbaren Boden fiel.

    Nein, das ist zu schwach formuliert. Sie wurde mit offenen Armen empfangen; sie wurde entgegengenommen wie eine Offenbarung. Ja, das war es! Verschmutzung, Zerstörung, Untergang - alles zusammengefaßt im Bild einer Welt, die wir mit unserer Sündhaftigkeit immer mehr aufheizen, bis sie in einem globalen Inferno untergeht:

    Was für eine eindringliche, was für eine archaische, welch eine höllische Vorstellung! Hier sehen Sie sie visualisiert:




    Tatsächlich wirksam wird eine solche spirituell-ideologische Bewegung allerdings erst, wenn sie politisch wird. Die Theorie der menschengemachten globalen Erwärmung wurde das, und zwar auf zwei Ebenen: Gesellschaftspolitisch, insofern sie Bestrebungen nach einer totalen Kontrolle der Gesellschaft eine neue Grundlage lieferte; weltpolitisch dadurch, daß diese Theorie den Interessen der Länder der einstigen "Dritten Welt" entgegenkam. Damit befaßt sich der dritte Teil.

    Teil 1; Teil 3




    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Drei Bilder, die sich durch das Schütteln eines Kaleidoskops ergeben. Fotografiert und in die Public Domain gestellt von rnbc. Abbildung: The global warming icon for the ubx. Vom Autor Jackl unter GNU Free Documentation License, Version 1.2 oder später, freigegeben.

    9. April 2010

    Zitat des Tages: "Obama fehlen die gefühlsmäßigen Reflexe"

    He is an American who grew up in Hawaii, whose foreign experience was of Indonesia and who had a Kenyan father. The sentimental reflexes, if you like, are not there.

    (Er ist ein Amerikaner, der in Hawaii aufwuchs, der seine Auslandserfahrungen in Indonesien gemacht hat und dessen Vater aus Kenya stammt. Wenn Sie so wollen, fehlen die gefühlsmäßigen Reflexe).

    Sir David Geoffrey Manning, von 2003 bis 2007 britischer Botschafter in Washington, über das Verhältnis Präsident Obamas zu Großbritannien, zitiert von der amerikanischen Truppenzeitschrift Stars and Stripes.


    Kommentar: Der Ex-Botschafter sagte das vor dem Auswärtigen Ausschuß des britischen Unterhauses. Seine Bemerkung fand Eingang in einen Bericht des Ausschusses über die britisch-amerikanischen Beziehungen, der am vorvergangenen Sonntag veröffentlicht wurde.

    Ich bin auf das Zitat in der aktuellen Kolumne von Charles Krauhthammer in der Washington Post gestoßen. Ihr Thema ist die, wie Krauthammer sagt, "Politik Obamas, Alliierte ins Gesicht zu schlagen" (Obama's policy of slapping allies). Neben Großbritannien erwähnt Krauthammer Polen und Tschechien, Indien (dem gegenüber er China und Indonesien bevorzuge) und das demokratische Honduras, gegen das sich Obama auf die Seite des Chávez-Freunds Zelaya schlug (siehe Obamas Politik gegenüber Honduras; ZR vom 2. 9. 2009).

    Krauthammer hätte auch Israel nennen können; siehe Pax Obama?; ZR vom 21. 3. 2010). Er hätte andererseits erwähnen können, wie freundlich Obama nicht nur mit China umgeht, sondern auch mit Rußland und mit den Staaten der islamischen Welt.

    Ergibt eine solche Politik, die fast alle Präferenzen der bisherigen amerikanischen Außenpolitik auf den Kopf stellt, irgendeinen Sinn? Krauthammer bekennt sich zu seiner Ratlosigkeit: Erst wenn es einmal eine Obama-Doktrin gebe, werde man wissen, "whether it was pique, principle or mere carelessness" - ob es Ressentiment war, Prinzip oder bloße Nachlässigkeit.

    Vielleicht von allem etwas.

    Obama hat einerseits eine Biographie, in der Europa nie eine Rolle gespielt hat; wohl aber Länder weitgehend außerhalb der abendländischen Tradition wie Kenya, Hawaii und Indonesien. Gut möglich, daß Manning Recht hat und daß dort und nicht bei der transatlantischen Verbundenheit seine gefühlsmäßigen Bindungen liegen.

    Von Nachlässigkeit würde ich nicht sprechen; aber doch von einer großen Unerfahrenheit und Naivität, ja Unbeholfenheit, mit der Obama und seine gleichfalls außenpolitisch unerfahrene Secretary of State Clinton ihre Außenpolitik betreiben.

    Und drittens scheint mir in diesem Muster einer unsicheren, wankelmütigen Außenpolitik in der Tat doch so etwas wie ein Prinzip erkennbar zu sein: Versöhnen statt Spalten. Die ausgestreckte Hand. Kinder, vertragt euch doch endlich. Rhetorik an der Stelle von Diplomatie. Überwertige Ideen dort, wo Realpolitik erforderlich wäre.

    Die Gegner des Westens wird es freuen.



    Und noch eine bizarre Marginalie aus Krauthammers Kolumne: Im Arbeitszimmer des US-Präsidenten, dem Oval Office, stand - so Krauthammer - aus der Zeit von Bush eine Büste von Churchill. Obama hätte sie an die Engländer zurückgeschickt.

    Ich war mir nicht sicher, ob der geschätzte Charles Krauthammer sich in dieser Kolumne - erschienen am 2. April - vielleicht einen nachträglichen Aprilscherz erlaubt hatte, und habe deshalb nachgesehen: Im Telegraph vom 14. 2. 2009 ist die Geschichte tatsächlich zu lesen:

    Seit den Anschlägen des 11. September 2001 stand im Oval Office diese Büste von Winston Churchill; gesandt von Großbritannien als Zeichen der transatlantischen Solidarität. Es handelte sich um eine Leihgabe aus der Sammlung der britischen Regierung.

    Als Obama gewählt worden war, fragte die britische Regierung an, ob die Büste dort weiterhin stehen solle. Obama lehnte dankend ab. Der britische Botschafter mußte sie abholen lassen.



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    8. April 2010

    Zitat des Tages: Margot Käßmann, das Vorbild der Deutschen

    Bei der Frage, welche Personen ihr Handeln besonders stark an jenen Werten ausrichteten, die den Befragten besonders wichtig sind (am häufigsten genannt: "Ehrlichkeit, "Gerechtigkeit", "Verlässlichkeit"), landete Robert Zollitsch, der Vorsitzende der katholischen deutschen Bischofskonferenz, auf dem letzten Platz. Der zurückgetretenen Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche, Margot Käßmann, hat ihre Trunkenheitsfahrt hingegen nicht geschadet: Niemandem trauen die Deutschen mehr Orientierung an den für sie wichtigen Werten zu als Käßmann.

    "Spiegel-Online" heute über eine Umfrage der "Stiftung Wirtschaftsethik" im Auftrag des "manager magazin".


    Kommentar: Selten konnte man so deutlich sehen, wie die öffentliche Meinung durch die veröffentlichte Meinung geprägt wird.

    Es ist den Leitmedien gelungen, die Schuld für das Fehlverhalten von einzelnen Priestern nahezu zur Gänze der Katholischen Kirche als Institution aufzubürden. Es ist ihnen zum anderen durch ganz überwiegend wohlwollende Kommentare gelungen, die Verantwortungslosigkeit einer Geistlichen, die um ihrer eigenen Bequemlichkeit willen leichtfertig das Leben anderer gefährdet hat (bei objektiver Würdigung das Gegenteil von Verläßlichkeit und Gerechtigkeit), in ein mildes Licht zu tauchen.

    Man braucht nur die Gegenprobe zu machen, um zu sehen, daß es dabei nicht um die Art des Vergehens geht, sondern um die politische Verortung der Betroffenen:

    Dem Rechten Jörg Haider hat man noch posthum seine Trunkenheitsfahrt mit höchster moralischer Mißbilligung zum Vorwurf gemacht. Der Ideologie der Achtundsechziger, auf deren Grundlage die sexuellen Übergriffe an der Odenwaldschule stattfanden, werden diese nicht zur Last gelegt. Hier soll es sich, ganz anders als bei den beschuldigten Priestern, um die individuelle Schuld der Betreffenden handeln.



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    Kurioses, kurz kommentiert: Vorbild Südafrika. Wie sich die IG Metall die Aufarbeitung der Finanzkrise vorstellt

    Die IG Metall will Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann vor eine "Wahrheitskommission" zur Aufklärung der Finanz- und Wirtschaftskrise bringen. (...) "Eine solche Kommission kann die absolut notwendige Debatte organisieren: Wer ist verantwortlich für diese Katastrophe?", sagte Gewerkschaftschef Berthold Huber dem Magazin "Stern". Neben Bankmanagern sollten auch Politiker aussagen, die die Deregulierung der Finanzmärkte erlaubt hätten.

    Das bekannteste Beispiel für eine sogenannte Wahrheitskommission stammt aus Südafrika, wo in den 90er Jahren eine "Wahrheits- und Versöhnungskommission" die Verbrechen während der Zeit der Apartheid aufarbeitete.


    Aus einem Artikel im "Tagesspiegel", basierend auf einer Meldung von dpa.


    Kommentar: Man könnte über diese kuriose "Forderung" lachen, die nur zeigt, daß der Vorsitzende der IG Metall keine Vorstellung davon hat, womit sich die Wahrheitskommissionen in Südafrika und in anderen Ländern befassen; in Chile zum Beispiel mit 3.428 Fällen von verschwundenen, ermordeten, gefolterten Menschen; in Südafrika mit zahllosen Menschenrechtsverletzungen; darunter die Entführung und Ermordung von schwarzen Bürgern..

    Daß der Vorsitzende Huber davon augenscheinlich keine Vorstellung hat, ist nicht einmal das Schlimme. Das Schlimme ist, daß mit solchen Äußerungen eine Klassenkampf-Stimmung geschürt werden soll, wie das noch vor wenigen Jahrzehnten in Deutschland unvorstellbar gewesen wäre. Das Wort "Hetze" ist dafür die passende Bezeichnung.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Calimero

    Was steckt hinter Obamas Friedensrhetorik? Die neue Nuklearstrategie der USA und ihr Hintergrund

    Mit großer Rhetorik ist Barack Obama an die Macht gelangt; Rhetorik blieb auch das zentrale Mittel seiner Politik als Präsident. Manchmal verbirgt sich dahinter das blanke Nichts, wie bei seiner Vision von einem bevorstehenden Frieden im Nahen Osten. Manchmal dient die Rhetorik auch dazu, Obamas Politik zu verschleiern.

    Am Montag dieser Woche hat der Präsident den Redakteuren der New York Times David E. Sanger und Peter Baker ein Interview gegeben, über dessen Inhalt das Blatt in der Druckausgabe vom Dienstag berichtete. In einem getrennten Artikel wurden wörtliche Auszüge aus dem Interview dokumentiert. Die zentrale Aussage Obamas faßte die NYT so zusammen:
    President Obama said Monday that he was revamping American nuclear strategy to substantially narrow the conditions under which the United States would use nuclear weapons. (...) ... Mr. Obama described his policy as part of a broader effort to edge the world toward making nuclear weapons obsolete, and to create incentives for countries to give up any nuclear ambitions.

    Präsident Obama sagte am Montag, daß er die Nuklearstrategie der USA so umgestalten werde, daß die Bedingungen, unter denen die USA nukleare Waffen einsetzen würden, beträchtlich eingeschränkt werden. (...) ... Obama kennzeichnete seine Politik als Bestandteil eines umfassenderen Bemühens, die Welt allmählich dahin zu bringen, daß Nuklearwaffen der Vergangenheit angehören, und Anreize zu schaffen, daß Länder alle nuklearen Zielsetzungen aufgeben.
    Das klingt gut, nicht wahr? Und es hat das zu erwartende positive Echo gefunden; auch in Deutschland. Die Deutsche Presse-Agentur berichtete gestern (hier zitiert nach "Zeit-Online"):
    Die Bundesregierung unterstützt ausdrücklich die neue Nuklearstrategie von US-Präsident Barack Obama. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sprach von einem "großen Schritt in Richtung Abrüstung".

    "Wenn eine führende Nuklearmacht auf die Entwicklung neuer nuklearer Sprengköpfe verzichtet und auch die Nutzung der eigenen Atomwaffen schon konzeptionell einschränkt, dann ist das etwas, was man historisch nennen darf", sagte Westerwelle am Mittwoch in Berlin.
    Die Experten im Auswärtigen Amt werden das gesamte Interview analysiert haben. Aber lag ihre Analyse auch dem Außenminister Westerwelle vor, als er das sagte?



    In dem Interview nämlich sagte Obama auch dies (Hervorhebung in der Übersetzung von mir):
    Now, the Nuclear Posture Review states very clearly, if you are a nonnuclear weapons state that is compliant with the NPT, you have a negative assurance we will not be using nuclear weapons against you. That doesn’t mean that you might not engage in some actions that are profoundly detrimental to U.S. national security, which require action on our part. And I’m going to preserve all the tools that are necessary in order to make sure that the American people are safe and secure.

    Nun besagt die Nuclear Posture Review [die neue Nuklearstrategie; Anmerkung von Zettel] sehr klar, daß ein Staat ohne Nuklearwaffen, der sich an den NPT [den Vertrag zur Nichtweiterverbreitung von Nuklearwaffen] hält, die negative Zusicherung hat, daß wir keine Nuklearwaffen gegen ihn einsetzen werden. Das heißt aber nicht, daß sie nicht Handlungen unternehmen könnten, welche die nationale Sicherheit der USA zutiefst beeinträchtigen, so daß Aktionen von unserer Seite erforderlich werden. Und ich werde alle Instrumente zur Verfügung halten, die notwendig sind, um sicherzustellen, daß das amerikanische Volk geschützt und in Sicherheit bleibt.
    Die Botschaft ist klar: Der Verzicht auf einen nuklearen Erstschlag unter der genannten Einschränkung wird nicht auf Kosten der Sicherheit der USA gehen.

    Wie aber will Obama denn Schurkenstaaten davor abschrecken, die USA mit chemischen oder biologischen Waffen anzugreifen, wenn er einen nuklearen Gegenschlag ausschließt? Welches sind die in dem Interview genannten "Instrumente"?

    Dazu sagt Obama in dem Interview nichts. Die Antwort findet man in der heutigen Washington Post unter der Überschrift "U.S. looks to nonnuclear weapons to use as deterrent" - "Für die Abschreckung wenden die USA sich nichtnuklearen Waffen zu".

    Es handelt sich um das Prompt Global Strike-Programm. Entwickelt werden Raketen, die wie die jetzigen ICBMs (interkontinentale Raketen mit Nuklearsprengköpfen) innerhalb einer Stunde jeden beliebigen Punkt auf der Erde erreichen können, die aber mit konventionellen Sprengköpfen mit hoher Zerstörungskraft bestückt sind.

    Sie sind aus der Sicht des Pentagon erforderlich. Die Washington Post:
    Nuclear arms have formed the backbone of U.S. deterrence strategy for six decades. Although the strategy worked during the Cold War, military leaders say they need other powerful weapons in their arsenal to deter adversaries who assume that the United States would refrain from taking the extreme step of ordering a nuclear strike.

    Seit sechs Jahrzehnten bilden Nuklearwaffen das Rückgrat der Abschreckung durch die USA. Während des Kalten Kriegs funktionierte diese Strategie. Aber jetzt benötigen die Führer des Militärs nach ihrer Aussage andere wirkungsstarke Waffen in ihrem Arsenal, und zwar zur Abschreckung von Gegnern, die davon ausgehen, daß die USA nicht den extremen Schritt tun würden, einen Nuklearangriff zu befehlen.
    Warum muß man ein solches System nichtnuklearer Abschreckung neu entwickeln und kann nicht einfach auf eine vorhandene Nuklearrakete einen konventionellen Sprengkopf setzen? Weil der Abschuß einer solchen Rakete von anderen Staaten nicht von dem einer Nuklearrakete unterschieden werden könnte und damit unter Umständen zu deren nuklearem Gegenschlag führen würde. Es wird deshalb an neuartigen Raketen gearbeitet, die sich in ihrem Flugverhalten eindeutig von Nuklearraketen unterscheiden lassen.

    Das Prompt Global Strike-Programm begann schon unter Präsident Bush, wird aber von Obama forciert. Gegenüber dem laufenden Budget will Obama die Mittel für das Projekt um 45 Prozent auf dann 240 Millionen Dollar aufstocken; insgesamt sind bis zum Abschluß der Entwicklung im Jahr 2015 Kosten in Höhe von 2 Milliarden Dollar veranschlagt.



    Es geht also um ein strategisches Problem, das aus der Nuklearstrategie-Debatte zur Zeit des Kalten Kriegs bekannt ist: Abschreckung verliert ihre Wirkung, wenn sie nicht glaubhaft ist.

    Damals betraf das eine nukleare Antwort der USA, falls die UdSSR Westeuropa konventionell angreift. Es wurde argumentiert, ein nuklearer amerikanischer Angriff auf die UdSSR als Antwort werde ausbleiben, weil er einen sowjetischen Gegenschlag gegen die USA selbst und damit deren Zerstörung auslösen würde. Deshalb sei die Drohung und also die Abschreckung wirkungslos. Die Folge war die Nato-Strategie der Flexible Response, der abgestuften Antwort unterhalb der Schwelle eines nuklearen Erstschlags.

    Ähnlich argumentieren jetzt die US-Militärs, die Drohung mit einem nuklearen Erstschlag sei unglaubhaft, weil die USA damit alle Reputation in der Welt verlieren würden. Also verzichtet man in der neuen Nukleardoktrin darauf und setzt stattdessen auf die Abschreckung durch ähnlich wirkungsstarke konventionelle Waffen.

    Alles strategisch vernünftig, alles schon unter Bush auf den Weg gebracht. Aber Obama wäre nicht Obama, wenn er daraus nicht in seiner Rhetorik ein Stück Erlösung der Welt von der Geißel der Atomwaffen machen würde.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Die Titelvignette zeigt das offizielle Foto von Präsident Obama. Es wurde wenige Stunden vor seinem Amtsantritt von Peter Souza aufgenommen und ist unter Creative Commons Attribution 3.0 Unported License freigegeben. Mit Dank an FAB., der mich auf einen Irrtum in meiner Übersetzung aufmerksam gemacht hat.

    7. April 2010

    Marginalie: Was ist in Karsai gefahren? Nichts. Er handelt rational. Warum ich für den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan bin

    "Was ist in Hamid Karzai gefahren? ... Ist Hamid Karzai verrückt geworden?" fragt die Afghanistan-Kennerin Susanne Koelbl heute in "Spiegel-Online". "Was ist passiert mit dem charmanten Staatschef, dem ehemaligen Liebling des Westens im schicken Seidenmantel und mit dem eleganten Englisch?"

    Koelbl nennt allerlei Psychologisches - der stolze Paschtune, den der Westen, den besonders der Präsident Obama beleidigt hat - und kommt dann zum Kern der Sache:
    Der Staatschef weiß: Die westlichen Verbündeten wollen ihre Truppen möglichst bald aus seinem Land abziehen. Die fremden Soldaten jedoch garantieren seine Macht. Deshalb muss sich der afghanische Präsident rechtzeitig neue Verbündete suchen - und zwar diejenigen, die auch dann noch da sind, wenn der Westen mit seinen Schutztruppen fort ist.
    Karsai mag ein stolzer Paschtune sein, vor allem aber ist er ein rational handelnder Politiker. Er reagiert auf eine "Strategie" des Präsidenten Obama, die kurzsichtiger, die dümmer und undurchdachter nicht sein kann. Allenfalls dann, wenn man sie als zynisch interpretiert, läßt sich in ihr Rationalität erkennen.

    Was jetzt in Afghanistan passiert, das ist die Antwort auf die Politik des amerikanischen Präsidenten. Es war am 23. November 2009 in diesem Blog zu lesen, und ich zitiere es der Einfachheit halber, weil es mir heute so richtig erscheint wie damals:
    Präsident Obama macht jetzt in Afghanistan genau das Falsche. Seine Halbherzigkeiten und seine Unentschlossenheit signalisieren den Afghanen - und nicht nur ihnen - , daß auf das Amerika dieses Präsidenten kein Verlaß ist.

    Er hat die Verbündeten in Osteuropa bei der Raketenabwehr fallen lassen. Er wird - so jedenfalls ist jetzt die Wahrnehmung - die Verbündeten der USA in Afghanistan fallen lassen, wenn es ihm opportun erscheint.

    Da stellt man sich doch besser auf die Seite der Feinde der USA. Diese sind entschlossen und berechenbar. Das ist es, was im Augenblick in Afghanistan stattfindet.

    Obama wird das Leben weiterer amerikanischer und verbündeter Soldaten opfern. Erreichen wird er in Afghanistan nichts.
    Am 2. Dezember dann erhob Obama die Planlosigkeit zum Plan, indem er zugleich einen Surge und den Abzug der USA aus Afghanistan im Jahr 2011 verkündete. Das habe ich damals in einem weiteren Beitrag kommentiert; und auch dies scheint mir unverändert aktuell zu sein:
    Einen Surge zu verkünden und zugleich mitzuteilen, daß man 2011 abziehen wird, ist unverantwortlich. Die Taliban, die Kaida wissen damit, daß sie nur bis 2011 durchhalten müssen, um der Sieger zu sein. Die Bevölkerung weiß das auch und wird sich auf ihre Seite stellen; was bleibt ihr übrig.

    Obama konnte Afghanistan fallenlassen, so wie er Osteuropa den Russen überläßt, oder er konnte sich zum Kampf aufraffen. Er hat nicht das eine und nicht das andere getan.

    Er verheizt seine Soldaten für eine Sache, die schon jetzt so gut wie verloren ist.
    Die Bundesregierung sollte ernsthaft darüber nachdenken, ob es richtig ist, dieser wankelmütigen, unberechenbaren US-Regierung in Nibelungentreue zur Seite zu stehen.

    Weder das Völkerrecht, noch das ISAF-Mandat der UNO, noch auch das Mandat des Bundestags zum Einsatz in Afghanistan verbieten es, daß die Bundeswehr sich aktiv im Kampf gegen die Taliban engagiert. Aber die politische Vernunft verbietet es.



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    Zettels Meckerecke: Die Ministerin Aigner droht

    Ministerin Aigner droht Facebook

    Schlagzeile gestern bei FAZ.Net; es geht weiter: "Empfänger verzogen".


    Kommentar: Welche schreckliche Drohung hat die Ministerin Aigner in einem Offenen Brief an Mark Zuckerberg von Facebook ausgestoßen? Diese:
    Sollte Facebook nicht bereit sein, seine Firmenpolitik zu ändern und die eklatanten Missstände zu beheben, sehe ich mich gezwungen, meine Mitgliedschaft zu beenden.
    Zack! Wumm! Rrrums! Da wird er aber einen Riesenschrecken bekomme haben, der Mark Zuckerberg.

    Aber Scherz beiseite. Diese Ministerin wird mit ihrer Profilierungssucht, mit ihrer Neigung, ihre Nase überall hineinzustecken, allmählich zu einer würdigen Nachfolgerin der notorischen Gschaftlhuberin Renate Künast.

    Sie ist, das muß offenbar immer einmal wieder gesagt werden, die Bauernministerin. Das Ministerium wurde (siehe Was hat Ilse Aigner mit "Google Street View" zu schaffen?; ZR vom 6. 3. 2010) im Jahr 2001 im Gefolge der BSE-Hysterie um die Bezeichnung "Verbraucherschutz" erweitert; gedacht war an den Schutz der Verbraucher vor schädlichen Lebensmitteln. Eben im Rahmen des Ministeriums für Ernährung und Landwirtschaft.

    Daß eine Ministerin einmal daraus das Recht ableiten würde, sich darum zu kümmern, ob Google Straßen fotografieren und ob Facebook Nutzerdaten weitergeben darf, hätte damals vermutlich niemand gedacht.

    Aber so ist das eben: Solange niemand dieses Bestreben blockiert, neigen Minister dazu, sich Kompetenzen anzumaßen. Verbraucher- und auch Umweltschutz sind dafür ideal; denn wer ist nicht ständig Verbraucher und was tangiert nicht irgendwie die Umwelt?

    Anders als seine Vorgänger Trittin und Gabriel ist der jetzige Umweltminister Röttgen ein eher ruhiger, professioneller Typ, dem das Talent oder der Wille zu populistischen Luftnummern fehlt.

    Es scheint, daß Ilse Aigner entschlossen ist, die dadurch entstandene Lücke zu füllen. Sozusagen Gabriele Trittine Aigner.



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    Zitat des Tages: Die Ostsee-Pipeline und die Machtverhältnisse in Europa. Gerhard Schröders geschäftlicher Erfolg

    Nach fünf Jahren intensiver Planung hat der Bau der Ostsee-Pipeline Nord Stream - des größten Energieprojekts Europas - begonnen. (...) Die Gasleitung soll künftig die Abhängigkeit der EU von Transitländern wie der Ukraine verringern. Ziel ist es, eine Wiederholung von Gaskonflikten zwischen Moskau und Kiew zu vermeiden, die Versorgungsengpässe in mehreren europäischen Ländern zur Folge hatten. Das war zuletzt Anfang 2009 der Fall.

    tagesschau.de über den Baubeginn für die Gas-Pipeline, die durch die Ostsee von Wyborg bei St. Petersburg nach Lubmin bei Greifswald führen wird. Ähnlich waren gestern zahlreiche Meldungen formuliert.


    Kommentar: Das nenne ich Dialektik. Das Ergebnis des Baus wird sein, daß sich unsere Abhängigkeit drastisch erhöht; nämlich die von dem Lieferanten Rußland. Und das wird als die angebliche Verminderung von Abhängigkeiten verkauft, die nie bestanden haben, nämlich von Transitländern wie der Ukraine!

    Vielleicht ist "Dialektik" doch ein zu sanfter Begriff, und man sollte von einer unverfrorenen Desinformation sprechen.

    Es sei das "Ziel ..., eine Wiederholung von Gaskonflikten zwischen Moskau und Kiew zu vermeiden". Ja, wie denn? Diese Konflikte beruhten bekanntlich darauf, daß sich Rußland und die Ukraine nicht auf die Preise für russische Gaslieferungen einigen konnten und daß Rußland die Abhängigkeit der Ukraine von russischen Lieferungen einsetzte, um sich die Ukraine politisch gefügig zu machen.

    Solche Konflikte werden durch den Bau der Ostsee-Pipeline so wenig vermieden werden, wie sie durch, sagen wir, den Bau des Berliner Stadtschlosses vermieden werden.

    Ändern werden sich allerdings die Machtverhältnisse zwischen Rußland und den bisherigen Transitländern (neben der Ukraine die Slowakei und Tschechien für die südliche "Druschba"-Pipeline und Weißrußland sowie Polen für die nördlichere "Jamal-Europa"-Trasse).

    Denn bisher mußte Rußland mit dem Abdrehen des Energiehahns für die Ukraine und diese anderen Länder vorsichtig sein, weil man es vermeiden wollte, damit auch Deutschland und generell die EU zu treffen. Sobald sie als Transitländer nicht mehr unbedingt benötigt werden, weil man auf die Ostsee-Trasse ausweichen kann, entfällt diese Rücksicht.

    Rußland kann sich dann daran machen, die Ukraine wieder endgültig in seinen Machtbereich zurückzuholen; auch Polen, die Slowakei und Tschechien werden Rußlands gewachsene Macht zu spüren bekommen. Eine Orientierung nach Westen hin, gar den Beitritt zur Nato, wird die Ukraine vergessen können.

    Diese Pipeline bedeutet also eine entscheidende Stärkung Rußlands bei seinem langfristig angelegten Versuch, das alte Sowjetreich in Form einer Einflußzone wieder herzustellen; siehe "Mit dem Rückzug ist es vorbei" ZR vom 10. 10. 2008 und Rußland auf dem Weg zurück zu einer imperialen Politik; ZR vom 16. 11. 2008.

    Für Deutschland bedeutet diese Pipeline eine weiter verstärkte Abhängigkeit von Rußland. Eine Politik gegen die Interessen Rußlands wird nur noch schwer möglich sein, wenn dieses jederzeit mit einer erheblichen Beeinträchtigung der deutschen Energieversorgung drohen kann.

    Die Länder des ehemaligen sowjetischen Kolonialreichs - sei es mit dem Status von Sowjetrepubliken wie die Ukraine oder mit dem von Mitgliedern von Comecon und Warschauer Pakt wie Polen - werden also von zwei Seiten in die Zange genommen: Rußland kann sie über die Gasversorgung erpressen; von Deutschland können sie keine Hilfe erwarten, weil dieses seinerseits am Tropf russischer Energielieferungen hängen wird.



    Das alles ist wesentlich das Werk eines Mannes: Gerhard Schröder. Er hat die Pläne für diese Pipeline von Anfang an unterstützt und es fertiggebracht, noch unmittelbar vor Ende seiner Kanzlerschaft alles festzuklopfen, indem er am 8. September 2005 überstürzt die entscheidende Absichtserklärung zusammen mit Putin unterzeichnete. In der "Zeit" schrieb damals Michael Thumann:
    Gerhard Schröders Überzeugung heißt Russland. Er pflegt die Beziehungen zu diesem Land und zu Wladimir Putin mit einem Eifer, mit dem er schon viele erstaunt hat. Zehn Tage vor der Wahl, an diesem Donnerstag, besucht der Freund aus dem Kreml Gerhard Schröder noch einmal. Offenbar halten beide die Wiederwahl des Kanzlers für so unwahrscheinlich, dass sie einen ursprünglich für Oktober geplanten Gipfel vorziehen. Dessen zentrales Thema ist ihnen zu wichtig, als dass sie es anderen überlassen wollen. (...)

    Mit der neuen Pipeline wird Russland in der Lage sein, die Deutschen zu bedienen, während man die Rohrleitung nach Polen oder Lettland auch mal separat zudrehen kann, falls die Lage es erfordert. Weißrussland und Georgien haben diese postsowjetische Spezialbehandlung bereits erlebt. (...)

    Gerhard Schröder will Deutschland und Russland strategisch aneinander binden, er ist den Konzernchefs durch Manneswort und langjährige Freundschaften eng verbunden.
    Als dieser Artikel am 8. 9. 2005 erschien, wußte man noch nicht, wie weit Schröders Chuzpe gehen würde: Nicht nur hatte dieser Mann mit seinem eigenartig engen Verhältnis zu dem "lupenreinen Demokraten" Putin und zum autoritär regierten Rußland alles getan, um Deutschland in größere Abhängigkeit von Rußland zu bringen, sondern er kassierte auch noch ohne eine Schamfrist unmittelbar nach seiner Abwahl als Kanzler den Lohn für seine treuen Dienste; den Job des Aufsichtsrats-Vorsitzenden bei der Nord Stream AG von Gazprom.

    Der Chefredakteur des russischen Radiosenders Echo Moskwy, Alexej Wenediktow sagte damals gegenüber "Spiegel-Online":
    Schröder hat Putin immer unterstützt. Nicht umsonst hat er ihn als "lupenreinen Demokraten" bezeichnet. Bei allen Problemen, die der Kreml-Chef in Europa oder in der G8-Gruppe hatte, im Tschetschenien-Krieg oder beim Thema Pressefreiheit hat Schröder zu ihm gehalten oder im besten Falle einfach keine Kritik geäußert. Putin schätzt diese Loyalität. In Russland vergibt er gern privilegierte Posten an Menschen, die ihm gegenüber loyal sind.(...)

    Bereits früher war abzusehen, dass Schröder auf diesem Posten nützlich sein könnte, wenn er die Wahl verliert. Aus Sicht von Gazprom ist dieser Deal absolut richtig. Schröder hat gute politische und wirtschaftliche Kontakte. Seitens Russlands spielte natürlich die Dankbarkeit eine Rolle. Schwer zu sagen, was überwiegt: die Dankbarkeit oder die geschäftlichen Perspektiven.
    Aus Schröders Sicht dürfte jedenfalls die persönliche geschäftliche Perspektive nicht unerfreulich gewesen sein. Nie in der Geschichte der Bundesrepublik hat ein Kanzler politische, wirtschaftliche und persönliche Interessen so schamlos verquickt wie Gerhard Schröder mit dem Projekt der Ostsee-Pipeline.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

    6. April 2010

    Kleines Klima-Kaleidoskop (12): Fünf Gründe für die Klima-Hysterie (Teil 1)

    Die Spekulationsblase, die ich in der letzten Folge dieser Serie konstatiert habe, ist kein rein innerwissenschaftliches Problem. Daß die Theorie von der menschengemachten globalen Erwärmung mit katastrophalen Folgen einen so überaus großen Zulauf gewinnen konnte, liegt nicht nur daran, daß sie sich in der Forschung bewährt zu haben schien. Es liegt wesentlich auch daran, daß sie nicht nur eine wissenschaftliche Theorie ist, sondern zugleich ein Glaubensinhalt und ein politisches Instrument.

    Das will ich im folgenden erläutern. Ich diskutiere fünf Aspekte der Klimahysterie:
  • den empirischen Aspekt, also den tatsächlichen Anstieg der globalen Temperatur im 20. Jahrhundert,

  • den theoretischen Aspekt in Gestalt der Theorie vom menschengemachten Treibhauseffekt, der den bisherigen Temperaturanstieg verursacht habe und der ohne eine radikale Reduktion der CO2-Emissionen zu einer Klimakatastrophe führen werde,

  • den spirituell-ideologischen Aspekt, unter dem die behauptete menschengemachte globale Erwärmung als die Folge eines generell sündhaften Umgangs "des Menschen" (vor allem des weißen, westlich-liberalen, männlichen Menschen) mit "der Natur" gesehen wird,

  • den gesellschaftspolitischen Aspekt: Die geforderten Maßnahmen gegen die angebliche Klimakatastrophe sollen zur Legitimierung eines neuen Anlaufs zur totalitären Kontrolle des Einzelnen durch den Staat dienen; als Ersatz für den vorerst gescheiterten real existierenden Sozialismus, oder als dessen moderne Variante,

  • und nicht zuletzt den weltpolitischen Aspekt. In den Ländern des sogenannten Südens hat man erkannt, daß die Klimahysterie in den reichen Ländern ein ideales Druckmittel ist, sich ihnen gegenüber in eine moralisch überlegene Position zu verfügen und sie zu Transferzahlungen zu bewegen.
  • In der jetzigen Folge befasse ich mit den beiden ersten Aspekten.



    1. Der empirische Aspekt: Anstieg der Temperatur. Daß es es im Lauf des 20. Jahrhunderts, vor allem in seinen letzten Jahrzehnten, wärmer geworden ist, bestreitet kaum jemand. Hier ist eine graphische Darstellung der Klimaentwicklung in den vergangenen Jahrhunderten, gezeichnet von einem Klimaskeptiker, dem Polen Wiktor Kobyliński:


    Die rote Kurve zeigt die Temperaturenwicklung nach Kobyliński. Die Sterne stehen für die Zahl der Sonnenflecken. Kobyliński möchte auf die Ähnlichkeit zwischen den beiden Datensätzen aufmerksam machen und damit auf die bekannte Beobachtung, daß die Sonnenaktivität mit Schwankungen des Klimas korreliert.

    Das Faktum einer Erwärmung in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts (nicht aber in den ersten zehn Jahren des jetzigen Jahrhunderts; siehe Es ist vorerst vorbei mit der globalen Erwärmung; ZR vom 19. 11. 2009) - diese Tatsache als solche ist nicht das, was "Klimagläubige" und "Klimaskeptiker" entzweit. Sondern es sind
  • das Ausmaß der Erwärmung,
  • ihre Ursache
  • und die Prognose für die kommenden Jahrzehnte.
  • Was das Ausmaß angeht, schauen Sie sich einmal diese Kurve an. Sie basiert auf Daten von zwei einflußreichen Mitgliedern des Weltklimarats (IPCC), P.D. Jones und M.E. Mann, und wird wegen ihrer Form als "Hockeyschläger-Kurve" bezeichnet:
    In dieser Darstellung, die man zum Beispiel in der französischen Wikipedia findet, sticht die Entwicklung seit Anfang des 20. Jahrhunderts nun wahrlich hervor, als etwas nicht zuvor Dagewesenes. Damit auch der Begriffsstutzigste das sieht, hat jemand noch einen steilen roten Strich in die Graphik hineingezaubert.

    Wenn Sie diese beiden Darstellungen desselben Sachverhalts - der Entwicklung der globalen Temperatur in vergangenen Jahrhunderten - vergleichen, dann bekommen Sie eine Vorstellung davon, wie schlecht es um eine allgemein anerkannte Datenbasis bestellt ist.

    Die Diskrepanzen haben erstens damit zu tun, daß es aus vergangenen Jahrhunderten keine direkten Messungen der Temperaturen gibt und man auf Schätzungen aufgrund von indirekten Indikatoren (Baumringe, Eisbohrkerne) angewiesen ist; zum anderen damit, daß auch nach Beginn der direkten Messungen kein festes, sozusagen geeichtes Netz von Meßstationen zur Verfügung stand und steht. Die Zahl und Lage der Stationen veränderte sich; durch die Urbanisation gerieten ehemals ländliche Stationen in die wärmere Umgebung von Städten; Satellitenmessungen kamen hinzu.

    Aber nicht das ist der Punkt, auf den ich hinweisen möchte. Es geht mir jetzt darum, daß trotz dieser Diskrepanzen das Faktum einer globalen Erwärmung in den vergangenen Jahrzehnten nicht Gegenstand der Kontroverse ist. Diese entzündet sich an Theorien; oder vielmehr an einer einzigen Theorie, nämlich derjenigen vom Treibhaus-Effekt als Ursache der Erwärmung (anthropogenic global warming).



    2. Der theoretische Aspekt: Die Theorie des Treibhauseffekts als Ursache der Erwärmung.

    Der Temperaturanstieg im 20. Jahrhundert und vor allem in dessen letzten Jahrzehnten war und ist eine theoretische Herausforderung. Unter normalen Umständen hätten sich die Vertreter der einschlägigen Disziplinen - Meteorologie, Geophysik, Ozeanographie, Glaziologie, Astronomie usw. - zusammengetan und die Faktoren in Augenschein genommen, von denen man weiß, daß sie das Weltklima beeinflussen: Sonnenflecken-Aktivität, Vulkanausbrüche, Änderungen von Meeresströmungen, der El-Niño-Zyklus und weitere Effekte, die in ihrem Zusammenwirken das außerordentlich komplexe Phänomen "globales Klima" hervorbringen.

    Niemand wäre vermutlich auf den Gedanken gekommen, eine einzige Ursache verantwortlich zu machen. Aber da war die Venusforschung.

    Ja, die Venusforschung. Denn der Erfinder der Theorie von der menschengemachten globalen Erwärmung, James Hansen, begann seine wissenschaftliche Karriere als Venusforscher bei der NASA. Ihn interessierte vor allem die Atmosphäre der Venus. Warum ist es auf der Venus so heiß? Antwort: Wegen eines Treibhauseffekts.

    Die Venus ist von dichten Wolken eingehüllt. Diese verhindern eine Abstrahlung von Wärme in den Weltraum und erzeugen damit, ganz wie das Glas eines Treibhauses, hohe Temperaturen. Hansen hat mit seinen Forschungen in den sechziger und siebziger Jahren wesentlich dazu beigetragen, daß man verstand, wie diese Wolken zusammengesetzt sind und wie sie - vermutlich - entstanden.

    Bevor sich durch die Verdunstung von großen Mengen von Wasser dieser Treibhauseffekt aufbaute, war die Venus - so eine von Hansen geteilte Vermutung - viel erdähnlicher als heute. Offensichtlich kann also die Temperatur eines Planeten sich drastisch erhöhen, wenn sich ein Treibhauseffekt entwickelt und wenn er sich unumkehrbar durch Rückkopplung selbst verstärkt (runaway greenhouse effect).

    Soweit die Venus. Und die Erde? In den achtziger Jahren stellte Hansen die Daten von Meßstationen aus allen verfügbaren Regionen zusammen und kam zu dem Schluß, daß es über das vergangene Jahrhundert hinweg eine globale Erwärmung gebe. Im Jahr 1987 publizierte er diese Daten zusammen mit Sergej Lebedeff.

    Ein Jahr später hat er sie vor dem amerikanischen Kongreß erläutert; zusammen mit den Vorhersagen eines Modells (des GISS-Modells, benannt nach dem Goddard Institute for Space Studies, an dem es entstand), das ebenfalls 1988 publiziert wurde. Ende der achtziger Jahre hatte seine Theorie schon viele Anhänger gefunden, wie dieser Übersichtsartikel von S.H. Schneider aus dem Jahr 1989 zeigt.

    Es war eine Theorie, und es ist bis heute eine Theorie geblieben. Über ihre Richtigkeit kann ich nichts sagen. Ich nehme an, es gibt nicht sehr viele Experten in Deutschland, die das beurteilen können; ich jedenfalls gehöre gewiß nicht dazu. Aber einige allgemeine Gesichtspunkte kann ich beurteilen, weil sie für alle Wissenschaften gelten:
  • Modelle wie das GISS bilden nicht "die Realität" ab, sondern virtuelle Realitäten. Sie sind unverzichtbar bei der Analyse komplexer Systeme, aber man muß verstehen was sie aussagen: Welche Folgerungen sich ziehen lassen, wenn bestimmte Annahmen zutreffen. Ob diese Annahmen zutreffen, verrät kein solches Modell. In der zitierten Arbeit von 1988 sprechen Hansen und Mitautoren von "Experimenten", die sie mit dem GISS anstellten. Genau das ist der Fall: Man stattet das Modell mit bestimmten Funktionsmerkmalen aus, füttert es mit bestimmten Daten und schaut sich an, was es dann macht. Ganz wie der Experimentator im Labor mit seinen Meerschweinchen verfährt.

  • Daß ein solches Modell die empirischen Daten zu simulieren vermag, die bei seiner Konstruktion bekannt waren, sagt überhaupt nichts über seine Qualität aus. Denn dafür wurde es ja konstruiert. Man kann mit hinreichendem Geschick jedes Modell so trimmen, daß es einen gegebenen Datensatz zu simulieren vermag. Das Faktum einer globalen Erwärmung (bis ungefähr zur Jahrtausendwende, vorläufig) sagt also überhaupt nichts darüber aus, ob das Modell des menschengemachten Treibhauseffekts richtig ist; so wenig, wie man aus dem Faktum, daß jemand ermordet wurde, schließen kann, daß eine bestimmte Theorie über den Täter stimmt.

  • Modelle können, auch wenn sie gut sind, immer nur einen Teil des tatsächlichen Kausalgeflechts abbilden. Die erwähnten zyklischen Prozesse (Sonnenflecken-Aktivität, der El-Niño-Zyklus usw.) werden zum Beispiel vom GISS-Modell nicht berücksichtigt. Ebenso können solche Modelle immer nur an einem begrenzten Datensatz getestet werden. In Bezug auf das Steigen des Meeresspiegels hat man z.B. allein Daten aus dem Hafen von Hongkong herangezogen, wo sehr spezielle Bedingungen herrschen (siehe Wird der Meeresspiegel wirklich steigen?; ZR vom 15. 2. 2010).
  • Wenn man diese Einschränkungen kennt und gebührend berücksichtigt, dann können Modelle wie diejenigen des GISS und heute des Weltklimarats (IPCC) nützliche Werkzeuge der Forschung sein. Mehr sind sie nicht. Sie wurden aber zu einer Art Zauberkugeln verklärt, aus denen man die Zukunft des Klimas lesen kann.

    Das hatte keine innerwissenschaftlichen Gründe, sondern es rührte daher, daß die Vision einer vom Klimawandel gebeutelten Erde, die irgendwann vom Schicksal der Venus ereilt werden könnte, auf außerwissenschaftliche Faktoren traf. Mit ihnen befaßt sich der zweite Teil.

    Teil 2; Teil 3



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Drei Bilder, die sich durch das Schütteln eines Kaleidoskops ergeben. Fotografiert und in die Public Domain gestellt von rnbc. Die Grafik von Wiktor Kobyliński wurde von diesem zur beliebigen Verwendung freigegeben. Die Hockeyschläger-Kurve wurde vom Autor Hanno ebenfalls in die Public Domain gestellt.

    Aktuelles zum Krieg der Dschihadisten (6): Darf die Bundeswehr in Afghanistan die Taliban angreifen? Eine Scheindebatte

    In der heutigen "Süddeutschen Zeitung" fordert Nico Fried eine offene Debatte über den Auftrag der Bundeswehr in Afghanistan. Unter der Überschrift "Was heißt hier Krieg?" fragt er:
    Wenn die Bundeswehr im Krieg ist, muss sich die Debatte hier aber nicht um den Abzug drehen, sondern darum, wie sich die Bundeswehr bis dahin verhalten darf. Kann sie sich nur verteidigen oder darf sie zum Angriff übergehen?
    Ginge es nicht um das Leben unserer Soldaten, dann könnte man bitter lachen. Die Truppe in Afghanistan steht einem Gegner gegenüber, der einen rücksichtslosen Partisanenkrieg führt; unter Mißachtung der Regeln des Kriegsrechts. Und da fragt Fried allen Ernstes, ob die Soldaten "zum Angriff übergehen" dürfen? Wie will man diesen Gegner denn besiegen, wenn nicht durch Angriff?

    Zu den Vorwürfen, die dem Oberst Klein im Zusammenhang mit den Ereignissen in Kunduz gemacht wurden, gehört es, daß er das Ziel verfolgt hätte, Feinde zu töten. Auch das ist leider kein Witz. Im "Spiegel" schrieb am 28. 12. 2009 Holger Stark über den Bericht des Oberst Klein:
    Er habe letztlich das Kommando gegeben, weil er nach Lage der Dinge davon ausgehen konnte, "durch den Einsatz eine Gefahr für meine anvertrauten Soldaten frühzeitig abwenden zu können und andererseits mit höchster Wahrscheinlichkeit dabei nur Feinde des Wiederaufbaus Afghanistans zu treffen".

    Dem Dokument wird im Untersuchungsausschuss eine zentrale Bedeutung zukommen, weil es zu einer Schlüsselfrage der Debatte des Afghanistan-Einsatzes führt: Sollen und dürfen Deutsche am Hindukusch gezielt töten? Klein hat das ungewohnt offen mit dem Begriff "vernichten" in Worte gefasst.


    Die Frage, die jetzt Nico Fried aufwirft, die im vergangenen Dezember Holger Stark formuliert hat, - diese Frage ist keine. Die Debatte darüber ist eine Scheindebatte.

    Über die Befugnisse der Bundeswehr in Afghanistan kann man sich aus kompetenten Quellen kundig machen. Am 18. Dezember 2009 informierte der Presse- und Informationsstab des Bundesministeriums der Verteidigung über die Rechtslage. Drei Tage zuvor war in der FAZ ein sehr detaillierter Artikel des FAZ-Redakteurs und promovierten Völkerrechtlers Reinhard Müller zum selben Thema erschienen. Im Text des Presse- und Informationsstabs heißt es:
    Welche Maßnahmen im Sinne der Resolutionen des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen und im Sinne der Beschlüsse des Deutschen Bundestages zur Durchsetzung des Mandates erforderlich (all necessary measures) sind, ist in erster Linie durch den militärischen Führer vor Ort aufgrund seiner konkreten Bewertung der aktuell gegebenen Situation zu beurteilen.

    Dass seine Handlungsbefugnis sich nicht auf polizeiliche Maßnahmen beschränkt und an polizeilichen Maßstäben zu messen ist, ergibt sich auch aus dem Wortlaut des Beschlusses des Deutschen Bundestages, in dem es heißt "einschließlich der Anwendung militärischer Gewalt".
    Selbstverständlich sind dabei, wie in jedem Krieg, die Grundsätze des humanitären Völkerrechts zu beachten. Diese verbieten aber keineswegs das gezielte Töten von Feinden, auch wenn diese sich als Zivilsten tarnen:
    Rechtsfolge [des UNO-Mandats; Zettel] ist die Geltung und Anwendbarkeit des II. Zusatzprotokolls zu den Genfer Abkommen. Dieses gewährt grundlegende Garantien der menschlichen Behandlung, des Schutzes von Verwundeten und Kranken sowie der Zivilbevölkerung. Der Anwendungsbereich des II. Zusatzprotokolls kennt nicht den Rechtsstatus des Kombattanten. Grundsätzlich sind die nichtstaatlichen organisierten Gruppen als Zivilpersonen einzustufen. Sie haben keine Befugnis zur Gewaltanwendung. Gleichwohl verlieren sie den Schutz als Zivilpersonen, sofern und solange sie unmittelbar an den Feindseligkeiten teilnehmen. Nehmen sie unmittelbar an Feindseligkeiten teil, können demzufolge auch Nichtkombattanten militärisch bekämpft werden.
    Das ist der Rechtsrahmen des UNO-Mandats. Für die deutschen Soldaten in Afghanistan gibt es allerdings eine "Taschenkarte zu den Regeln für die Anwendung militärischer Gewalt", die weitere Einschränkungen enthält. Aber auch sie erlaubt inzwischen den Angriff auf Taliban. Reinhard Müller schreibt dazu:
    Ende Juli 2009 wurde die Taschenkarte geändert mit Billigung aller Fraktionen des Bundestages, die den Einsatz in Afghanistan grundsätzlich mittragen (Union, SPD, FDP und Grüne). (...)

    Ein Waffeneinsatz gegen Personen ist nun erlaubt, die Angriffe "planen, vorbereiten, unterstützen oder ein sonstiges feindseliges Verhalten zeigen". Ein solches feindseliges Verhalten bestehe fort, wenn nicht ausgeschlossen sei, dass ein Angriff gleich wiederaufgenommen wird.


    Das Problem ist also nicht die Rechtslage; weder, was das ISAF-Mandat der UNO noch inzwischen auch, was die Einsatzregeln für die deutschen Soldaten angeht. Das Problem liegt auf zwei anderen Ebenen.

    Zum einen handelt es sich eben um einen Krieg gegen einen Gegner, der völkerrechtswidrig agiert. Die Taliban geben sich nicht als Kombattanten zu erkennen; weder durch eine Uniform, noch auch nur durch Abzeichen, Armbinden oder dergleichen, wie es das Kriegsrecht vorschreibt. Erst indem sie angreifen, lassen sie sich als Feinde identifizieren. Das bringt es mit sich, daß in einem gewissen Umfang gegen sie nur eine Verteidigung möglich ist. In der Regel müssen sie als erste geschossen oder gebombt haben, damit man überhaupt sicher sein kann, daß es sich nicht um Zivilisten handelt.

    Zweitens nährt sich in Deutschland die Scheindebatte daraus, daß wir den Krieg in Afghanistan unter illusionären Voraussetzungen führen. Als der Bundestag am 22. Dezember 2001 die Resolution 1386 des UN-Sicherheitsrats für Deutschland umsetzte und das Mandat für Afghanistan beschloß, regierte Rotgrün. Wie man sich damals das Engagement in Afghanistan vorstellte, sagte laut "Spiegel" (Heft 50/2001 vom 10. 12. 2001) der damalige Außenminister Joschka Fischer so:
    Wir werden uns sehr stark engagieren beim Wiederaufbau, im Bildungssystem, bei der Minenräumung. Wir werden uns stark engagieren bei der Frauenförderung.
    Die Entsendung von Truppen der Bundeswehr wurde als eine flankierende Maßnahme verstanden; es sollte sich um eine "Schutztruppe", eine "Friedenstruppe" handeln. Das war so friedlich-freundlich konzipiert, daß damals sogar Christian Ströbele von den "Grünen" laut "Spiegel" Zustimmung signalisierte.

    Kaum jemand hat damals damit gerechnet, daß mehr als acht Jahre später die Taliban noch immer nicht besiegt sein würden, sondern militärisch stärker als damals, kurz nach ihrer Niederlage.

    Der Auftrag der Bundeswehr hat sich, was das strategische Ziel angeht, nicht geändert: Die afghanische Regierung bei der Aufrechterhaltung der Sicherheit zu unterstützen. Geändert haben sich aber die taktischen Erfordernisse. Sie verlangen inzwischen - leider - die aktive Bekämpfung der Taliban, also auch den Angriff über die reine Selbstverteidigung hinaus.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: NSF. Als Werk der US-Regierung in der Public Domain.

    5. April 2010

    Zettels OsterplauderEi (3): Alice im 3-D-Wunderland. Das Kino wird immer wirklicher. Das Kino wird immer phantastischer

    Nein, wegen Lewis Carroll sind wir nicht in "Alice im Wunderland" gegangen. Mit verfilmter Literatur kann ich nichts anfangen.

    Beim Lesen verbindet sich Sprache mit den Bildern und den Gedanken, die im Geist des Lesers entstehen; das macht seinen Reiz aus. Wird ein Buch verfilmt (das "ver-" ist verräterisch), dann bleibt von der Sprache kaum etwas übrig; die eigenen Bilder werden durch andere, meist ärmlichere ersetzt. Und für Gedanken läßt der Film ohnehin kaum Zeit, denn er zwingt ja dem Zuschauer seine Geschwindigkeit auf, während der Leser sich im Buch so schnell oder so langsam voranbewegen kann, wie es gerade richtig ist.

    Ich kenne keine einzige Literaturverfilmung, die mir gefallen hätte; vorausgesetzt natürlich, daß ich das Buch kannte. Wenn nicht, dann war es selbstredend ein Film wie jeder andere.

    Besonders mißfällt mir verfilmte Literatur dann, wenn es einen Autor getroffen hat, den ich schätze. Wie zum Beispiel den großen Lewis Carroll, als Sprach- und Gedankenkünstler ein Vorläufer von Arno Schmidt. Dennoch bin ich gern mit meiner Frau in diesen Film gegangen. Nicht wegen Lewis Carroll. Der Grund war 3-D.



    Was für ein Weg ist das, den der Film seit seinen Anfängen vor mehr als einem Jahrhundert zurückgelegt hat! Man kann es sehr schön in dem Wikipedia-Artikel "History of Film" nachlesen: Wie die Brüder Lumière mit einer fest auf ein Stativ montierten Kamera einen der ersten Filme drehten mit der aufregenden Handlung "Arbeiterinnen strömen aus der Fabrik"; wie dann Schritt für Schritt die Stilmittel des heutigen Films erfunden wurden: der Gegenschnitt, die Kontinuität der Handlung über verschiedene Einstellungen hinweg, die bewegliche Kamera, Parallelhandlungen und so fort.

    Dann wurde der Film, um 1930 herum, tönend; etwas später auch noch farbig und in den fünfziger Jahren, mit der Erfindung von CinemaScope und ähnlichen Verfahren, so breit, daß er bei richtiger Sitzposition das ganze Gesichtsfeld, wenn nicht gar das Blickfeld des Zuschauers ausfüllte.

    Das schien es dann eigentlich gewesen zu sein: Der CinemaScope-Ton-Farbfilm, wie er vor einem knappen halben Jahrhundert - und also ein gutes halbes Jahrhundert nach der Erfindung des Kinos - eingeführt wurde, bietet visuell das, was man vom Kino nur erwarten kann. Nur der Ton wurde später durch Mehrkanal-Systeme noch deutlich verbessert.

    Mehr schien technisch kaum noch zu gehen. Der Film hatte sich immer mehr der Realität genähert. Blieben nur noch exotische Ideen. Wie das Geruchskino: Tannenduft, wenn der Förster durch den Silberwald schreitet. Und wenn Käptn Ahab den Moby Dick jagt, eine Luft, die nach Salz schmeckt und nach Meer. Und es blieb 3-D.



    Der Gedanke, den Film auch noch dreidimensional werden zu lassen, um ihn einen letzten Schritt an die Realität anzunähern, bietet sich an, wenn man weiß, wie unser Tiefensehen funktioniert.

    Daß wir die Welt dreidimensional sehen, beruht wesentlich darauf, daß wir Primaten - anders als etwa das Kaninchen oder das Pferd - die Augen so stehen haben, daß sich die Abbildungen auf den beiden Netzhäuten weitgehend gleichen. Nur ist die eine aufgrund der Gesetze der geometrischen Optik etwas gegen die andere horizontal verschoben (Querdisparation); und zwar für das einzelne Objekt umso mehr, je näher es ist. Das nutzt das visuelle System aus, um aus Querdisparation Tiefe zu errechnen.

    Nimmt man nun eine Szene mit zwei Kameras im richtigen Abstand auf und bringt man es durch geeignete Filterung fertig, bei der Vorführung jedem Auge eine der beiden Versionen zu zeigen, dann entsteht künstliche Querdisparation, und der Zuschauer sieht den Film dreidimensional. Ein einfaches Prinzip, aber schwer zu realisieren. So schwer, daß es ein halbes Jahrhundert dauerte, bis aus dem Gedanken eine Technik geworden war, die jetzt - seit wenigen Jahren erst - sich durchzusetzen verspricht.

    Es gab viele technische Probleme, die das Vergnügen leicht verderben konnten. Zum Beispiel wurden die beiden Versionen bei der Projektion schon einmal asynchron. Schon bei kleinen zeitlichen Abweichungen sah man nicht mehr so sehr Tiefe, als daß man vielmehr Kopfschmerzen bekam. Bewegte man zu sehr den Kopf, dann erschienen statt Tiefe Doppelbilder.

    Derartige Probleme führten dazu, daß der 3-D-Film nie recht aus den Puschen kam. Ähnlich wie auch Cinerama - nicht eigentlich ein 3-D-Verfahren -, so eindrucksvoll es war. Der Film "Cinerama Holiday", den ich Ende der Fünfziger Jahre im Empire in Paris gesehen habe, gehörte zu den eindrucksvollsten Kinoerlebenissen meiner Jugend. Aber es war doch mehr ein Spektakel als eine Weiterentwicklung der Filmkunst. Und über die Ränder dort, wo sich die Bilder der drei Projektoren aneinanderfügen sollten, mußte man großzügig hinwegsehen.

    Heute hat man 3-D im Griff. Verfahren wie RealD Cinema bieten die perfekte Illusion der Tiefe. So realistisch, daß man unwillkürlich den Kopf einzieht, wenn ein Vogel oder ein Objekt - derartige Effekte verkneifen sich die Filmemacher natürlich nicht - auf den Zuschauer "zufliegt". Das Kino ist ultimativ realistisch geworden, realissimo.



    Ist es das wirklich? "Alice im Wunderland" war der zweite 3-D-Film, den wir jüngst gesehen haben. Der andere war "Up", ein wunderbarer, märchenhaft-philosophischer Animationsfilm. (Die Verdeutschung "Oben" ist einmal mehr nachgerade schwachsinnig. Der Film heißt eben nicht "Above", und es geht eben nicht ums Obensein, sondern um die Aufwärtsbewegung. "Aufwärts" oder "Hinauf" wäre richtig gewesen, oder auch "Hoch!"). Beide sind nun allerdings das Gegenteil von realistischen Filmen.

    Es gibt da zwei seltsam gegenläufige Entwicklungen.

    Einerseits ist der Film in seiner gut hundertjährigen Geschichte immer realistischer geworden; realistisch in dem Sinn, daß er immer perfekter das nachahmt, was wir sehen und hören, wenn wir Information aus der Realität aufnehmen. Die zappelnden schwarzweißen Männlein in den flackernden Filmen der Gebrüder Lumière hatten nur eine sehr abstrakte Ähnlichkeit mit wirklichen Menschen. Der heutige dreidimensionale, farbige Breitwandfilm im Mehrkanalton bietet alle Möglichkeiten, dem Zuschauer die Illusion zu geben, er erlebe ein reales Geschehen.

    Aber man bietet ihm ja kein reales Geschehen.

    Die Gebrüder Lumière zeigten die erwähnten Arbeiterinnen, die aus der Fabrik strömen; oder man sah Schmiede bei der Arbeit oder das Angeln von Goldfischen. Später, als die Filme länger sein konnten, gab es "Dramen"; aber das war fotografiertes Theater. Die meisten Filme waren realistisch in dem Sinn, das das gezeigte Geschehen sich so hätte in der Wirklichkeit abspielen können; auch wenn man anfangs noch die Cowboys ihre Abenteuer in abenteuerlichen Kulissen erleben ließ. Bald aber verließ die Crew für die Außenszenen die Studios; die Prärie und die Rocky Mountains waren fortan real.

    In diesem Film realistisch sind auch heute noch die meisten Filme - aber just diejenigen nicht, die uns dank 3-D auf einer anderen Ebene ein Höchstmaß an Realismus bieten. In "Alice im Wunderland" wähnen wir uns mitten im Geschehen; aber dieses Geschehen besteht darin, daß eine Raupe weise spricht, daß Spielkarten und Schachfiguren gegeneinander fechten und daß der gar grausliche Drachen Jaberwocky die Nüstern bläht und mit den Tatzen fuchtelt.

    Ist das nicht seltsam? Die Entwicklung zu größtem sinnlichen Realismus geht einher mit einer Entwicklung zum Fantastischen auf der kognitiven Ebene.

    Vielleicht ist es aber doch gar nicht verwunderlich, sondern bei genauerer Betrachtung eigentlich ganz natürlich.

    Man hat Hollywood die "Traumfabrik" genannt. Mit seinen Schnitten, mit dem Wechsel der Perspektive, mit ineinander verwobenen Handlungen hat der Film als Genre viel mehr Ähnlichkeit mit Träumen als mit dem Erleben realen Geschehens. Oder anders gesagt: Daß wir es überhaupt fertig bringen, einen Film zu verstehen, ihm zu "folgen", liegt daran, daß unser Gehirn Träume, Phantasien, Gedankenspiele, Tagträume erzeugen kann.

    Wir sind von der Evolution mit Mechanismen ausgestattet, die uns zur Aufnahme von Filmen befähigen; so wie unsere angeborene Fähigkeit zum Sprachverstehen das Lesen ermöglicht. Und in diesen Fähigkeiten zum Träumen und Phantasieren trifft sich beides: Der Realismus auf der bildhaft-sinnlichen Ebene und die Lösung von der Realität auf der kognitiven Ebene.

    Vermutlich ist das einer der Gründe dafür, daß Filme wie "Alice im Wunderland", "Up" und jüngst "Avatar" so ausnehmend erfolgreich sind. Sie sprechen mit Mitteln der höchstentwickelten Technologie sehr elementare Bedürfnisse an, sie bedienen sich phylogenetisch alter Mechanismen unseres Gehirns.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Theodor Fontane. Gemälde von Carl Breitbach (1883). In der Public Domain, da das Copyright erloschen ist.

    4. April 2010

    Zitat des Tages: "Schizophrenie beruht nicht auf dem Erziehungsverhalten der Mutter". Über voreingenommene Wissenschaft

    So beruht das Leiden keinesfalls - wie noch vor einigen Jahren von Ärzten vermutet - auf einer "schizophrenogenen" Mutter, die durch dominantes Verhalten ihr Kind in die Krankheit treibt.

    Der Schizophrenieforscher Thomas Nickl-Joschkat von der RWTH Aachen in "Spiegel-Online" über die Ursachen der Schizophrenie.


    Kommentar: Wer noch vor wenigen Jahrzehnten Medizin, Psychologie oder eine Sozialwissenschaft studierte, der lernte in der Regel, daß Schizophrenie keinesfalls genetisch bedingt sei, sondern daß sie hauptsächlich als eine Folge des Erziehungsverhaltens der Mutter entstehe, die durch sogenannte "double binds", durch in sich widersprüchliche Signale an das Kind, dessen Entwicklung schwer schädige.

    So, wie man lernte, daß Erbfaktoren für die Intelligenz keine Rolle spielten und daß Wissenschaftler wie Arthur Jensen, die das Gegenteil sagen, nur rechtsextreme Ideologen seien. So, wie man lernte, daß die Unterschiede zwischen Mann und Frau nur durch unterschiedliche "Rollenklischees" zustande kämen. Bei entsprechender Erziehung würden sich Mädchen ebenso für Technik interessieren wie Jungen, und Jungen ebenso für Puppen und Mode wie Mädchen.

    Alles das war, wie wir heute wissen, falsch. Es war nicht das Ergebnis sorgfältiger Forschung gewesen, sondern solche Behauptungen basierten auf unwissenschaftlichen, überwiegend politisch und weltanschaulich bedingten Vorurteilen. Es waren voreingenommene, also schlechte Wissenschaftler gewesen, die sie in die Welt gesetzt und vertreten hatten.

    Ein mene, mene tekel für die Klimaforschung.



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    Marginalie: Schumis trauriger Abgang

    Vermutlich gibt es keinen Sport, in dem die Leistungsfähigkeit so vom Lebensalter abhängig ist wie in der Formel 1. Warum das so ist, das habe ich im vergangenen Dezember geschrieben, als Schumacher seinen Comeback-Versuch ankündigte: Weil bei diesem Sport die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung von ausschlaggebender Bedeutung ist. Und diese läßt nun mal ab Mitte Zwanzig nach. Das kann man vielleicht in einem gewissen Umfang durch Erfahrung kompensieren; aber kein Vierzigjähriger kann besser fahren als die Mittzwanziger.

    Soeben hat Sebastian Vettel den Großen Preis von Malaysia gewonnen. Michael Schumacher ist ausgefallen, nachdem er schon bei den vorausgehenden Rennen nicht vorn hatte mitfahren können.

    Er hatte es noch einmal wissen wollen. Jetzt weiß er es.

    Schade, daß er es nicht fertiggebracht hatte, auf dem Höhepunkt seines Erfolgs für immer abzutreten. Jetzt wird er also langsam nach unten rutschen, der große Schumi. Wie ein einst gefeierter Schlagerstar, der auf seine alten Tage durch die Kaffeefahrten tingelt.



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    3. April 2010

    Zitat des Tages: "Wer liberal ist, muß nicht naiv sein". Bundesrichter di Fabio zum Islam. Nebst einer Anmerkung über Liberale und Konservative

    SPIEGEL: Was aber, wenn ein kämpferischer Islam den Freiraum nur gnadenlos ausnutzt, den unsere Ordnung bietet?

    Di Fabio: Wer liberal ist, muss nicht naiv sein. Wenn unsere Hoffnungen sich als Illusionen entpuppen sollten, wenn es etwa an Schulen zu Übergriffen von Gläubigen auf Nichtgläubige käme, wenn Zwang, Gewalt und Fremdbestimmung sich ausbreiten würden, dann darf man nicht einfach nur zu- oder gar wegschauen, sondern muss die Grenzen des Erlaubten klar markieren. Es ist eben eine Fehlvorstellung, dass Liberalität Weichheit bedeutet. Liberalität ist anstrengend. Das gilt auch im Umgang mit Religion.


    Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio in einem "Spiegel"-Gespräch mit den Redakteuren Stefan Berg und Dietmar Hipp ("Spiegel" 14/2010 vom 3. 4. 2010, S. 30 - 31).


    Kommentar: Die kämpferisch-liberale Haltung, die der Rechtswissenschaftler Di Fabio vertritt, ist gleich weit entfernt von einer pauschalen Ablehnung des Islam wie von der "linksliberal"-indolenten Haltung, die auch noch gegen die Intoleranz grenzenlose Toleranz fordert.

    Di Fabios allgemeine rechtsphilosophische Position ist in der Wikipedia - ein ebenso erfreulicher wie seltener Fall - so gut dargestellt, daß ich einfach zitieren möchte:
    Der westliche Wertekanon, der im Aufklärungszeitalter aus seinen spezifischen antiken und jüdisch-christlichen Wurzeln erwachsen sei, rechtfertige keinen Absolutheitsanspruch und sei mit Behutsamkeit und Reflexionsbereitschaft an andere gewachsene Kulturen heranzutragen.

    Aufgabe der an Selbsterhaltung und am Fortbestehen ihrer Leitwerte interessierten Nationalstaaten aber sei es, die Quellen ihrer Kultur nicht versiegen zu lassen. Zweierlei hält Di Fabio dazu für notwendig: zum einen die Neubelebung Bindung stiftender Kulturgüter und Institutionen, zum anderen und in Verbindung damit die Vorsorge für ausreichende Nachkommenschaft. Denn wo die künftigen Träger fehlen, können kulturbezogene Werte nicht überdauern.

    In der Konsequenz fordert Di Fabio eine gesellschaftliche Umorientierung weg von flachen, oft kurzatmigen Selbstverwirklichungsideen und –praktiken hin zu nachhaltigem Wirken und Aufgehobensein in sozialen, vor allem familiären Bindungen. In diesem Sinne finden auch Religionsgemeinschaften als Mittler von gewachsener Kultur und Bindung bei ihm positive Berücksichtigung.
    Der Liberalismus hat sich, historisch bedingt, lange als Gegenbewegung zum Konservativismus verstanden; Whigs gegen Tories. Das ist Geschichte. In den USA werden die liberalen Werte der Selbstbestimmung des Individuums, der Rechte des Einzelnen gegen den Staat, der westlichen Freiheit traditionell von den Konservativen vertreten und gerade nicht von denjenigen, die dort liberals heißen, die aber Linke sind.

    Es ist Zeit, daß auch in Deutschland Liberale und Konservative zusammenrücken. Sie stehen gemeinsam gegen Etatismus auf der einen und eine Haltung des multikulturellen laissez-faire auf der anderen Seite.



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    Zettels OsterplauderEi (2): Bitte recht freundlich! Über gute Manieren. Den Lesern von ZR ein freundliches "Frohe Ostern"!

    Unser Lokalblättchen hat eine Reihe von Fotografen als feste freie Mitarbeiter unter Vertrag. Wenn ein Verein Jubiläum feiert, wenn eine Bürgerin das gesegnete Alter von hundert Jahren erreicht, dann ist einer von ihnen zur Stelle und macht ein schönes Foto. Aber auch Anderes, was solch eine Zeitung im Lokalteil vermeldet, wird oft durch Fotos illustriert.

    Jemand hat einen Riesen-Kürbis gezüchtet. Nun steht er stolz daneben und zeigt auf sein Werk. Ein Professor der Universität hat eine Auszeichnung erhalten. Man sieht ihn, umringt von seinen Mitarbeitern, vor einer Bücherwand (Geisteswissenschaftler) oder umgeben von Laborgeräten (Naturwissenschaftler). Einer Frau wurde ihr Auto so zugeparkt, daß sie die Parklücke nicht mehr verlassen konnte. Auf dem Foto (diesmal mit dem Zusatz "nachgestellt") sieht man sie in dieser Situation, anklagend den Arm in Richtung eingeklemmtes Auto ausgestreckt.

    Und sie alle lächeln. Es lächelt der Kürbiszüchter, es lächelt der Professor, es lächeln seine Assistenten und Doktoranden. Nun gut, das mag das Lächeln der Erfolgreichen sein. Aber auch die Frau lächelt, der man das Auto zugeparkt hat. Kürzlich war ein Polizist abgebildet, der einen neuen Schlagstock in die Kamera hielt, mit dem künftig die Polizei ausgerüstet werden soll. Er lächelte.

    Wir wissen, wie das zustandekommt. Wenn der Fotografierte nicht schon selbst seine Rolle begriffen hat und freiwillig lächelt, dann hilft der Fotograf nach. Das traditionelle "Bitte recht freundlich" ist ein wenig abgegriffen. Heute sagt der Fotograf: "Nun machen Sie doch mal ein fröhliches Gesicht" oder dergleichen.



    Kindern kann man das nur schwer sagen. Sie können nicht so tun, als seien sie fröhlich, wenn sie in Wahrheit ängstlich beobachten, was der Fotograf Seltsames treibt.

    In der Zeit, als wir Kinder - meine Geschwister und ich - einmal im "Atelier" fotografiert wurden, war das furchterregend. Seltsame Gerätschaften, Scheinwerfer, Reflektoren. Der Fotograf hinter seiner riesigen, auf einem Dreibein thronenden Kamera, unter schwarzem Tuch verborgen, hinter dem er immer wieder hervorkam, um uns richtig zu arrangieren. Es sollte ja ein Foto fürs Familienalbum werden, also für die Ewigkeit.

    Nur das Lächeln konnte er nicht befehlen, der Fotograf. Also benutzte er allerlei Schnickschnack, um uns zum Lachen zu bringen. Auch die Ankündigung, jetzt werde gleich ein Vögelchen aus der Kamera kommen. Vermutlich sollte das "staunende Kinderaugen" hervorbringen. Bei mir, mit sieben Jahren schon ein schnöder Aufklärer, brachte es allerdings nur Staunen über den blöden Trick hervor und ließ mich erst recht finster gucken.



    Das Lächeln in die Kamera hinein ist ein besonders krasser Fall dessen, was man gern "aufgesetzte Freundlichkeit" nennt. Man guckt freundlich, nicht weil einem danach zumute wäre, sondern weil die Situation das verlangt. Die soziale Situation des Fotografiertwerdens. Das Lächeln ist nicht Ausdruck einer Stimmung, sondern ein Signal an andere. Nicht Kundgabe, sondern Appell, wie das Karl Bühler genannt hat, bezogen auf die Sprache.

    Woran appelliere ich beim anderen, wenn ich freundlich bin? In der Regel an dessen eigene Freundlichkeit. Nicht immer, aber doch meist, ist Freundlichkeit reziprok. Sie sagt dem Anderen: Ich möchte friedlich und kooperativ mit dir umgehen und erwarte das auch von dir. Insofern hat Freundlichkeit den Charakter dessen, was die Verhaltensbiologen Beschwichtigungsgebärde (calming signal) nennen.

    Nicht immer ist das, wie gesagt, reziprok. Der unterlegene Hund sendet - hübsch illustrierte Beispiele finden Sie hier - solche Signale auch gegenüber dem Stärkeren aus, ohne daß dieser sie erwidern muß. Dem Chef gegenüber ist man freundlich, aber nicht immer quittiert dieser das mit gleicher Freundlichkeit. Je größer der hierarchische Abstand, je autoritärer die Beziehung, desto einseitiger wird die Freundlichkeit.



    Wie reziprok die Freundlichkeit ist, das sagt somit etwas aus über die Offenheit einer Gesellschaft; über die Freiheit, die in ihr herrscht.

    In den linken siebziger Jahren dominierte in Deutschland das auch heute noch verbreitete Klischee von der "Ellenbogengesellschaft" in den USA. Raubtierkapitalismus. Cowboy-Mentalität. Der häßliche Amerikaner.

    Damals hatte ich einen studentischen Mitarbeiter, der sich nach dem Abschluß des Studiums und vor Berufsantritt zu einer Reise durch die USA aufmachte. Quer über den Kontinent, meist per hitchhiking. Er stand politisch weit links wie damals viele Studenten und erwartete von den USA zwar Abenteuer und beeindruckende Natur, aber auch die Unfreundlichkeit von Menschen, die sich im Kapitalismus ihrer Haut wehren müssen; jeder gegen jeden. Einzelkämpfer unter dem brutalen Druck der Konkurrenz, unsolidarisch.

    Als er zurückkam, war dieser junge Mann ein anderer Mensch geworden. Er hatte nicht Unfreundlichkeit angetroffen, sondern eine Freundlichkeit, wie sie damals in Deutschland alles andere als die Regel war. Fremde Menschen hatten ihm nicht nur einen lift gegeben, ihn also im Auto mitgenommen, sondern ihn auch gleich zu sich eingeladen, gar in ihrem Freundeskreis weitergereicht.

    Überall hätte er eine schier unglaubliche Hilfsbereitschaft erfahren, berichtete er uns staunenden Daheimgebliebenen. Sogar an der Kasse des Supermarkts werde man mit einem freundlichen hello! begrüßt! Von seinen antiamerikanischen, antikapitalistischen Klischees war nichts geblieben.



    Ähnlich muß es wohl vielen DDR-Bürgern nach der Öffnung der Grenze im Spätherbst 1989 gegangen sein. In den Interviews mit solchen Besuchern, die das Fernsehen brachte, wurde immer wieder das Erstaunen darüber artikuliert, wie freundlich man im Westen behandelt werde. Daß der Westen wohlhabender war als man selbst, das wußte man ja. Aber auch in der DDR herrschte offenbar das Klischee von der Raubtiergesellschaft des Kapitalismus. Und nun traf man auf nette Menschen, die bereitwillig halfen.

    Im Sommer 1990, unmittelbar nach der Währungsunion, aber noch zu DDR-Zeiten, haben wir einen Campingurlaub in der DDR verbracht. Vieles war noch weit schlimmer, als wir es erwartet hatten - die heruntergekommenen Städte und Dörfer, die holprigen Straßen, die verfallenen Kirchen und Schlösser. Am Deprimierendsten aber war der Umgangston Fremden gegenüber.

    Eine mürrische Grundstimmung. Der Versuch, auch noch im Kleinsten Herrschaft auszuüben. Der Kellner gab einem zu verstehen, wie froh man sein durfte, von ihm bedient zu werden. Am Ufer eines Sees hatten Fischer eine Verkaufsstelle eingerichtet. Wir suchten uns einen Zander aus und baten, ihn zu filetieren. Dazu hätte er jetzt keine Lust, beschied uns der Verkäufer, den wir aus seinem Dösen hochgeschreckt hatten. Wir könnten ja eine andere Fischart nehmen, die seien schon filetiert.



    Kürzlich habe ich eine Verwandte im Krankenhaus besucht. Keine Privatklinik, sondern ein normales Städtisches Krankenhaus. Die Freundlichkeit im Umgang mit Patienten und Besuchern war beeindruckend. Die Schwestern, die Ärzte grüßten den Besucher, wenn man aneinander vorbeiging. Die Schwestern waren nicht weniger freundlich als das Personal eines gut geführten Hotels.

    Kurz, man behandelte die Patienten als Kunden. Kein Wunder, sagte mir meine Verwandte, denn heute haben viele Krankenhäuser Überkapazitäten. Sie müssen sich um jeden Patienten bemühen.

    Und damit sind wir wohl beim Kern der Sache: Freundlichkeit - nicht die unterwürfige, sondern die reziproke Freundlichkeit - entsteht dort, wo es ein Verhältnis zwischen Gleichrangigen gibt, von denen jeder Vorteile von Freundlichkeit hat.

    Solange die Krankenhäuser nicht darauf angewiesen waren, attraktiv für Patienten zu sein, herrschte der Kasernenhofton, den ich dort als junger Mann einmal erlebt habe. Mangelwirtschaft, wie auch in der DDR. Also Unfreundlichkeit. Heute ist man freundlich miteinander, weil die Patienten das Krankenhaus brauchen, aber eben auch das Krankenhaus die Patienten.

    Heute sagt auch in Deutschland die Kassiererin im Supermarkt "Guten Tag". Wir dürften, was die Freundlichkeit angeht, inzwischen in Deutschland ähnliche Verhältnisse haben, wie sie mein Mitarbeiter vor fast vierzig Jahren in den USA kennenlernte.



    Ja, ist also diese ganze Freundlichkeit nur der Not geschuldet? Mühsam zustandegebracht, weil man auf Teufel komm raus verkaufen muß? Nein. Überhaupt nicht.

    Freundlichkeit hat etwas mit guten Manieren zu tun; sie ist vielleicht der Kern guter Manieren. Gute Manieren haben die Funktion, uns das Zusammenleben angenehmer zu machen. Wenn jemand bei Tisch rülpst, mag das ihm selbst angenehm sein; seinen Tischgenossen aber nicht. Höflichkeit besteht darin, daß man es vermeidet, andere zu verletzen oder auch nur zu ärgern.

    Freundlichkeit und Höflichkeit gehören zusammen. Auch Höflichkeit hat, wenn man so will, etwas Gekünsteltes. Es gibt Menschen, die sich der Höflichkeit verweigern, weil sie sich als "echt" darstellen möchten, als "unverbiegbar". Ich bin grob, aber ehrlich, das ist ihre Devise.

    Von ihrer Unverbogenheit hat der Andere nur selten etwas. Ihre Grobheit aber beeinträchtigt sein Wohlbefinden.

    Freundlichkeit ist angenehm, nicht nur für den Adressaten, sondern auch für den Freundlichen. Indem er die Regeln der Höflichkeit befolgt, fühlt er sich selbst auch gut. Unser Tun hängt von unserem Fühlen ab, unser Fühlen aber auch von unserem Tun.

    Wenn ein Kind traurig ist, dann sagt man ihm "Lach doch mal", und indem es lacht, wird es auch wirklich wieder fröhlich. Der amerikanische Psychologe William James und unabhängig der dänische Physiologe Carl Lange haben darauf eine Theorie der Gefühle aufgebaut.

    Nun, dann ein freundliches "Frohe Ostern!"



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Theodor Fontane. Gemälde von Carl Breitbach (1883). In der Public Domain, da das Copyright erloschen ist.

    2. April 2010

    Zitat des Tages: Schatten und Licht

    U-Bahn-Desaster wirft Schatten auf Köln.

    Überschrift eines Artikels von Steffen Uttich gestern in FAZ.Net über den U-Bahn-Bau in Köln. Geschildert werden Vorwürfe von "kriminellen Machenschaften, gefälschten Prüfprotokollen und einem Kontrollversagen auf allen Ebenen".


    Kommentar: Hätte die Überschrift nicht heißen müssen: "U-Bahn-Desaster wirft Licht auf Köln"?



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

    1. April 2010

    Zettels OsterplauderEi (1): Über Zettels OsterplauderEi

    Zu Ostern, wenn der alte Winter in seiner Schwäche sich in rauhe Berge zurückgezogen hat (dieses Jahr, wir sind im Zeitalter der globalen Erwärmung, freilich eher ins sanfte Mittelgebirge), herrscht traditionell eine heiter-gelassene Feiertagsstimmung. Nichts von der Hektik, aber auch nichts von der emotionalen Beanspruchung, wie wir sie zu Weihnachten erfahren. Und weit entfernt von karnevalistischer Ausgelassenheit. Ostern ist ein Fest in Pastelltönen.

    Feste haben meist etwas Kindliches. Feiern bedeutet eine vorübergehende Suspendierung des Realitätsprinzips. "Heute sind wir fröhlich wie die Kinder" singt man im Karneval. "Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein" heißt es am Ende des "Osterspaziergangs"; der Winter hat sich ja, man erfuhr es am Anfang, in die rauhen Berge zurückgezogen. Und ganz Mensch sind wir bekanntlich nur, wenn wir spielen; was nun nicht Goethe geschrieben hat.

    Also ist Weihnachten, ist Ostern zuvörderst etwas für Kinder. Wir richten das Fest für sie her und freuen uns, daß wir dabei selbst, sozusagen unter diesem Vorwand, ein wenig kindlicher sein dürfen, als wir es uns sonst gestatten.

    Den Weihnachtsbaum, hieß es in meiner Familie, haben wir ja nur wegen der Kinder und der Großeltern. Vermutlich haben meine Eltern sich aber auch selbst an ihm erfreut. So ist es auch mit den kleinen Geschenken zu Ostern, mit der lustigen Sitte des Ostereier-Suchens.

    Als ich im Nachkriegsdeutschland aufwuchs, waren Eier eine Kostbarkeit. Meine Eltern hatten zu Ostern zwei Eier aufgetrieben. Mit diesen inszenierten sie - ich mag drei Jahre gewesen sein - eine Art immerwährendes Spiel, ein Perpetuum Mobile sozusagen:

    Während ich nach dem Ei A suchte, wurde das Ei B versteckt, ohne daß ich es bemerkte. Hatte ich A gefunden und mich auf die Suche nach dem Ei B gemacht, wurde A, das ich achtlos zur Seite gelegt hatte, erneut versteckt. Und so fort. Die Freude des Findens währte schier ewig, und als Kind im präoperationalen Stadium fiel es mir durchaus nicht auf, daß ich viele Eier gefunden, am Ende aber nur zwei im Körbchen hatte.



    Sie sehen, ich gerate ins Plaudern. Und genau das will ich.

    Es hat eine gewisse Tradition in diesem Blog, daß über die Ostertage - passend eben zu dieser heiter-lockeren Feiertagsstimmung, vielleicht auch inspiriert durch sie - kleine Serien erscheinen, die ein wenig anders sind als sonst die Artikel in ZR.

    2007 war es Zettels OsterlobhudelEi, eine kleine Auszeit heraus aus den kritischen Kommentaren, die sonst diesen Blog prägen. Gedanken über das Lobenswerte, kleine Laudationes sozusagen. Ein Lob des Klimawandels beispielsweise. Ich habe den Artikel eben noch einmal gelesen; mir scheint, er paßt ganz gut zur aktuellen Diskussion.

    2009 gab es eine kleine OsterfragerEi - zur Wiedervereinigung zum Beispiel, zur Mathematik und, auch heute wieder aktuell, zum Bischof Mixa und seinen radikalen Ansichten zum Atheismus. Da habe ich mir die Freiheit genommen, einmal nicht für meine Meinung zu argumentieren, sondern hier und dort etwas von dem darzulegen, wozu sich bei mir keine feste Meinung einstellen mag.

    Diesmal also OsterplauderEi. Diesmal nehme ich mir die Freiheit zu plaudern. Feuilleton somit.

    Ein feuilleton ist, wörtlich übersetzt, ein Blättchen. Als Blättchen legte man im 18. Jahrhundert den Teil mit den Theaterkritiken und dergleichen dem eigentlichen Blatt, der Zeitung also, bei.

    Aber Feuilleton, das ist auch eine Art des Schreibens. Heine und Tucholsky waren Meister dieses Plaudertons; auch der junge Sebastian Haffner. Und keiner so sehr wie Theodor Fontane, mit seinen Plaudereien in den "Wanderungen durch die Mark Brandenburg", aber auch mit den Plaudereien, denen sich die Gestalten seiner Romane und Erzählungen gern und ausführlich hingeben. Ihn habe ich deshalb für die Titelvignette dieser Oster-Plaudereien gewählt.

    Feuilletonistisches war für ZR von Anfang an vorgesehen. Der Blog hat sich dann politischer entwickelt, als ich es eigentlich geplant und im ersten Artikel am 4. Juni 2006 angekündigt hatte. Der zweite Artikel beschäftigte sich damals, anläßlich der Eröffnung des Berliner Hauptbahnhofs, mit den Vorzügen von Kopfbahnhöfen. Im dritten ging es um Daily Soaps, nicht viel später um den Reiz des Fußballs.

    Sie sehen, dieser Blog begann recht feuilletonistisch. Die OsterplauderEi ist also auch ein wenig eine Rückkehr: Ad fontes!



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Theodor Fontane. Gemälde von Carl Breitbach (1883). In der Public Domain, da das Copyright erloschen ist.