22. August 2010

Zitat des Tages: Thilo Sarrazin über Einwanderungspolitik

Wer da ist und einen legalen Aufenthaltsstatus hat, ist willkommen. Aber wir erwarten von euch, dass ihr die Sprache lernt, dass ihr euren Lebensunterhalt mit Arbeit verdient, dass ihr Bildungsehrgeiz für eure Kinder habt, dass ihr euch an die Sitten und Gebräuche Deutschlands anpasst und dass ihr mit der Zeit Deutsche werdet - wenn nicht ihr, dann spätestens eure Kinder. (...)

Wer Türke oder Araber bleiben will und dies auch für seine Kinder möchte, der ist in seinem Herkunftsland besser aufgehoben. Und wer vor allem an den Segnungen des Sozialstaats interessiert ist, der ist bei uns schon gar nicht willkommen.


Thilo Sarrazin in einem fulminanten Essay "Was tun?"; einem Auszug aus seinem demnächst erscheinenden Buch "Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen". Zu lesen im gedruckten "Spiegel" der kommenden Woche (34/2010, S. 136 - 140).


Kommentar: Sarrazin bringt das Problem auf den Punkt: Es geht nicht um pro oder contra Einwanderung. Die Einwanderer sind nun einmal da. Es geht nicht um Fremdenfeindlichkeit versus eine positive Haltung gegenüber Einwanderern.

Es geht darum, ob die Einwanderer sich assimilieren, so wie das jedes klassische Einwanderungsland von ihnen erwartet. Es wird von ihnen in den USA, in Australien, in Neuseeland verlangt, und sie tun es, weil sie gar nicht anders können: Weil sie sich nämlich in der Gesellschaft ihrer neuen Heimat mit der Mühe und der Anstrengung behaupten müssen, die jede Einwanderung nun einmal mit sich bringt. Das gelingt in der Regel nicht ohne Assimilation.

Diese Mühe wird vielen Einwanderern nach Deutschland durch den Sozialstaat abgenommen. Es fehlt damit der Assimilationsdruck. Man wandert in ein soziales Paradies ein, zu dessen besonderen Reizen es gehört, daß man die eigene nationale und kulturelle Identität behalten darf. Wer wollte da nein sagen?

Sarrazin schlägt ein Paket von Maßnahmen vor, um diese Situation zu ändern. Unbedingt lesenswert.



Falls Sie den "Spiegel" nicht ohnehin lesen - kaufen Sie das Heft wegen dieses Essays. Möglicherweise übernimmt "Spiegel-Online" den Text, aber das weiß man nie im voraus.



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21. August 2010

Zitate des Tages: Zweimal Scharia. Eine Operation der Wirbelsäule und das Cordoba-Projekt des Imam Feisal Rauf

A Saudi Arabian judge has asked several hospitals in the country whether they could damage a man's spinal cord as punishment for his attacking another man with a cleaver and paralyzing him, the brother of the victim said Thursday. (...)

Khaled al-Mutairi said that one of the hospitals, in Tabuk, said that it was possible to damage the spinal cord, but that the operation would have to be done at a more specialized facility. (...) "We are asking for our legal right under Islamic law," said Khaled al-Mutairi, 27.


(Ein Saudi-arabischer Richter hat bei mehreren Krankenhäusern des Landes angefragt, ob sie die Wirbelsäule eines Mannes verletzen könnten; als Strafe dafür, daß er einen anderen Mann mit einem Beil angegriffen und ihn damit gelähmt hatte. Dies sagte der Bruder des Opfers am Donnerstag. (...)

Khaled al-Mutairi sagte, daß eine der Kliniken, die in Tabuk, erklärt habe, daß eine solche Verletzung der Wirbelsäule möglich sei, daß die Operation aber in einer stärker spezialisierten Einrichtung durchgeführt werden müsse. (... ) "Wir verlangen, was uns unter dem islamischen Recht gesetzlich zusteht", sagte Khaled al-Mutairi, 27).

Aus einer AP-Meldung, die vorgestern u.a. in der New York Times zu lesen war.


We have been soliciting the opinion of scholars throughout the Muslim world, asking them what defines an Islamic state, from the point of view of Islamic law. What are the principles that make a state Islamic? We can say among them is justice, protection of religion and minorities and elimination of poverty and so on.

(Wir haben die Meinung von Gelehrten aus der ganzen islamischen Welt eingeholt. Wir fragten sie, was einen islamischen Staat aus der Sicht des islamischen Gesetzes definiert. Was sind die Prinzipien, die einen Staat zu einem islamischen machen? Wir können sagen, daß zu ihnen Gerechtigkeit, Schutz der Religion und von Minderheiten und die Abschaffung der Armut und so fort gehören).

Imam Feisal Rauf laut einem Artikel von Rasha Elass in der in Abu Dhabi erscheinenden Zeitung The National vom 21. Juli 2009.


Kommentar: Sie erinnern sich an den Imam Feisal Rauf? Genau, das ist einer der Hauptinitiatoren des Plans, nah Ground Zero eine Moschee zu errichten; siehe "Eine Moschee wäre eine Entweihung von Ground Zero"; ZR vom 17. 8. 2010.

Der Imam Rauf äußerte sein rundum positives Urteil über die Scharia auf einer Konferenz in Kuala Lumpur mit dem Titel "Women's Islamic Initiative in Spirituality and Equality" (Wise); Islamische Fraueninitiative zu Spiritualität und Gleichheit.

Warum gerade in Kuala Lumpur? Weil dort - was wenig bekannt ist - die Cordoba-Initiative des Imam Feisal Rauf ihren zweiten Sitz hat. Rasha Elass:
The Cordoba Initiative, which co-sponsored the Wise conference, is a non-profit organisation with offices in New York and Kuala Lumpur. It is funded by the Malaysian government and other sources in both western and Muslim countries.

Die Cordoba-Initiative, einer der Sponsoren der Wise-Konferenz, ist eine gemeinnützige Organisation mit Büros in New York und Kuala Lumpur. Sie wird von der Malaysischen Regierung und aus anderen Quellen in sowohl westlichen als auch moslemischen Ländern finanziert.
Des Imams Äußerungen zur Scharia waren nicht so dahergesagt. Sie fielen zu einem Projekt, das seine Cordoba-Initiative seit 2006 verfolgt; lange vor dem Plan, eine Moschee bei Ground Zero zu bauen: dem Scharia-Index.

Es wurde ein Katalog von Kriterien erarbeitet, "to rate nations according to how closely they adhere to the principles of Islam", um Nationen danach einzustufen, wie eng sie sich an die Prinzipien des Islam halten.

Saudi-Arabien, in dem einem Menschen von Rechts wegen die Wirbelsäule operativ verletzt werden soll, wird zweifellos Höchstnoten erhalten.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Uwe Richard.

Die Gefahr eines Kriegs im Nahen Osten wächst. 2011 wird das entscheidende Jahr werden

Im Augenblick kommen eher weniger besorgniserregende Meldungen aus dem Nahen Osten. Kein Zwischenfall à la Gaza-Flotte. Aus dem Irak ziehen, so heißt es, die letzten US-Kampftruppen ab. Vom Iran hört man auch wenig Neues, außer daß eine Frau gesteinigt werden soll. Aber das ist ja nichts Neues.

Und doch könnte sich etwas zusammenbrauen. Nicht für die unmittelbare Zukunft, aber für die kommenden Monate, spätestens für das nächste Jahr.

Zum einen hat das jetzige "Ende des Kampfauftrags" der US-Truppen im Irak dort eine verheerende psychologische Wirkung. Es wird als Zeichen dafür gesehen, daß die USA sich auf den vollständigen Rückzug vorbereiten. Das wird Einfluß auf das innenpolitische Kräfteverhältnis haben.

Das Tamtam um den jetzigen "Abzug der letzten Kampftuppen" ist freilich die übliche Obama'sche Schaumschlägerei; siehe Barack Obamas Mogelpackung; ZR vom 27. 2. 2009. In Wahrheit verbleibt mehr als ein Drittel der US-Truppen im Irak; mit 50.000 Mann noch immer mehr als in Afghanistan vor der letzten Truppenaufstockung.

Und natürlich kämpfen diese Truppen auch. Zu Ende gegangen ist lediglich der bisherige Kampfauftrag; er ist durch einen neuen ersetzt worden.

Aber Obama verbirgt das aus innenpolitischen Gründen; und er kann es gegenüber den Irakern nicht anders darstellen. Diese sehen jetzt den Anfang vom Ende des amerikanischen Engangements.

Das könnte sehr leicht bedeuten, daß alles das, was Präsident Bush erreicht hatte - die weitgehende Eindämmung der Gewalt, die Entstehung demokratischer Strukturen, eine zunehmend besser laufende Wirtschaft, ein im Großen und Ganzen friedlicher Umgang der Konfessionen miteinander - verspielt wird. (Wenn Sie noch einmal diesen Weg aus einer schwierigen Lage zu einem möglichen Sieg verfolgen wollen - hier finden Sie Links zu allen 34 Folgen der Serie "Ketzereien zum Irak" in ZR; vom Dezember 2006 bis zum März 2009).



Die Probleme im Irak hat am vergangenen Dienstag George Friedman in Stratfor in einer brillanten Analyse dargelegt:

Nach der Entmachtung Saddams sahen sich die Sunniten der Übermacht der Schiiten ausgeliefert. Sie versuchten sich zu wehren, indem sie sich mit der Kaida verbündeten. Die logische Konsequenz für General Petraeus war es, die Sunniten davon zu überzeugen, daß sie unter amerikanischem Schutz sicherer sein würden als im Bündnis mit der Kaida.

Das war der eigentliche Kern des Surge und führte zu einer weitgehenden Befriedung des Irak dadurch, daß die Sunniten der Kaida die Unterstützung entzogen.

Aber damit könnte es vorbei sein, sobald der amerikanische Schutz wegfällt. Militärisch ist das noch nicht der Fall, solange das amerikanische Kontingent immer noch mehr als ein Drittel seiner während des Surge erreichten maximalen Stärke hat. Aber psychologisch ist dieser Effekt schon da.

Und er wird auch militärisch da sein, wenn Präsident Obama, der ja so stolz darauf ist, jetzt sein Abzugsversprechen erfüllt zu haben, mit dem weiteren Versprechen Ernst macht, bis Ende 2011 auch die jetzt verbliebenen Truppen abzuziehen. Er wird das wohl tun, denn er will 2012 wiedergewählt werden.

Ein amerikanischer Abzug ist aber erst dann zu verantworten, wenn im Irak so stabile demokratische Strukturen entstanden sind, daß sich die Sunniten einigermaßen sicher fühlen können. Dazu muß nicht nur eine gewählte Regierung da sein, sondern diese muß ihren Willen auch durchsetzen können. Davon ist das Land noch weit entfernt. Friedman:
Iraq is not ready to deal with the enforcement of the will of the government because it has no government. Once it has a government, it will be a long time before its military and police forces will be able to enforce its will throughout the country.

Der Irak ist noch nicht so weit, daß man sich mit der Durchsetzung des Willens der Regierung befassen kann, weil das Land keine Regierung hat. Wenn es erst einmal eine Regierung hat, dann wird es noch lange dauern, bis Militär und Polizei in der Lage sein werden, deren Willen überall im Land durchzusetzen.
Mit dem Fortgang des amerikanischen Abzugs wird also eine Situation entstehen, die einerseits viele Sunniten dazu bringen könnte, ihr Heil wieder im Bündnis mit der Kaida zu suchen, und in die andererseits der Iran jederzeit auf der Grundlage seines Einflusses auf die irakische Schiiten hineinstoßen könnte. Schon jetzt ist - so Friedman - der Einfluß des Iran so groß, daß er seit Monaten die Bildung einer Regierung nach den Wahlen hintertreiben kann.

Der amerikanische Einfluß schwindet, der des Iran wächst. Kein Wunder. Obama hat klar zu verstehen gegeben, daß die USA den Irak aufgeben werden. Also orientiert dieser sich in Richtung Teheran; welche Wahl hat er?



Sollte der demokratische Irak am Ende scheitern, weil die USA das Land zu früh sich selbst überlassen haben, dann wäre das für sich genommen schlimm genug. Wirklich gefährlich aber könnte es durch die Wechselwirkung mit einer zweiten sich abzeichnenden Entwicklung werden.

In der New York Times erschien vorgestern ein Artikel von Mark Mazzetti und David E. Sanger mit einer Überschrift, die auf den ersten Blick beruhigend klingt: "U.S. assures Israel that Iran threat is not imminent" - die USA versichern Israel, daß keine unmittelbare Bedrohung durch den Iran besteht. Der Inhalt ist aber beunruhigend.

Es geht um einen Luftschlag Israels gegen die Atomrüstung des Iran. Die USA, so heißt es in dem Artikel, versuchen Israel davon zu überzeugen, daß das iranische Nuklearprogramm langsamer vorankommt als befürchtet. Warum will man Israel davon überzeugen? Um einen israelischen Luftschlag gegen den Iran vorerst zu verhindern. Die NYT:
Administration officials said they believe the assessment has dimmed the prospect that Israel would pre-emptively strike against the country’s nuclear facilities within the next year, as Israeli officials have suggested in thinly veiled threats.

Regierungsbeamte sagten, daß nach ihrer Auffassung diese Beurteilung die Aussicht verringert habe, daß Israel innerhalb des nächsten Jahres einen vorbeugenden Schlag gegen die Nuklearanlagen dieses Landes führen werde. Das nämlich hatten israelische Beamte in kaum verhüllten Drohungen angekündigt.
Die Israelis gingen - heißt es in dem Bericht - bisher davon aus, daß Teheran nur noch Monate brauche, um das vorhandene hochangereicherte Uran (es reicht im Augenblick für zwei Atombomben) in nukleare Sprengköpfe einzubauen und diese auf eine der Raketen zu setzen. über die es verfügt (sogenannter breakout point). Die US-Geheimdienste vermuten jetzt, daß es noch ein Jahr dauern könnte, weil in dem Programm Schwierigkeiten aufgetreten seien.

Nur - was wäre gewonnen, wenn das denn stimmte? Ja nur eine Verschiebung des israelischen Angriffs um ein paar Monate, allenfalls ein Jahr.

Sobald aber Israel losschlägt, wird der Iran Gegenmaßnahmen ergreifen. Wenn der Irak sich dann so destabilisiert hat, wie es aufgrund der Politik Obamas zu befürchten ist, dann ist eine offensichtliche Gegenmaßnahme, daß der Iran sich des Irak bemächtigt. Das wäre eine unmittelbare Bedrohung für Saudi-Arabien und für Syrien, die sich würden wehren müssen.

Es muß nicht so kommen, gewiß nicht, glücklicherweise. Aber die Politik von Präsident Obama hat eine Situation erzeugt, in der ein solches Szenario leider realistisch ist.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette frei unter GNU Free Documentation License, Version 1.2 oder später; bearbeitet.

20. August 2010

Kurioses, kurz kommentiert: Willst du ein Liberaler sein, führ eine neue Steuer ein

Hm, sollte es nicht eigentlich eher so sein, daß Liberale für die Abschaffung der einen oder anderen Steuer eintreten, jedenfalls für die Senkung von Steuern? Nein, nicht im Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland; jedenfalls nicht unbedingt.

Dort gibt es seit dem jüngsten Regierungswechsel einen liberalen Wirtschaftsminister namens John Vincent Cable, genannt Vince Cable. Dieser hat kürzlich - so ist es jetzt bei "Zeit-Online" zu lesen - der Öffentlichkeit die Idee für eine neue Steuer vorgetragen: Die Akademikersteuer.

Zahlen soll sie jeder, der im Vereinigten Königreich einen akademischen Abschluß erworben hat und der nun dort berufstätig ist. Und zwar in Höhe von, so heißt es, fünf Prozent des Einkommens.

Was da so zusammenkommt, hat schnell jemand ausgerechnet, nämlich der Verband der Hochschullehrer: Eine Lehrerin würde dann im Lauf ihres Berufslebens rund 46.000 Pfund Akademikersteuer zahlen. Dafür hätte sie knapp 29 Semester an der derzeit teuersten Universität (3225 Pfund Studiengebühren pro Jahr) studieren können.

Lehrer sind nicht gerade Spitzenverdiener; gewiß nicht im UK. Man kann sich also vorstellen, was jemand, der sein Berufsleben als gutverdienender Rechtsanwalt oder Manager verbringt, rückwirkend für sein Studium zahlen müßte.

Und zwar nicht an seine alte Alma Mater, was ja noch einen gewissen Sinn machen würde (in Form von Spenden unterstützen vor allem in den USA viele Ehemalige ihre Universität), sondern an den Fiskus.



Vielleicht mögen Sie sich dieses Video ansehen, in dem Cable seine Idee gegenüber einem Journalisten der BBC erläutert. Es ist amüsant, wie er dessen Fragen ausweicht.

Cable findet es in Ordnung - und meint sogar, daß die meisten Menschen so dächten -, daß nicht alle für dieselbe Leistung dasselbe zahlen, sondern jeder umso mehr für sein Studium berappt, je mehr er später verdient. Und zwar nicht etwa, bis er einen bestimmten Betrag zurückerstattet hat, wie beim Studiendarlehen, sondern auf unbestimmte Zeit. Nicht unbedingt - not necessarily - bis zum Ende seines Berufslebens, sagt Cable; aber auch das will er nicht ausschließen.

Eine kuriose Idee, finden Sie nicht? Wenn man sie einmal gefaßt hat, kann man sie auf das ganze Leben anwenden: Warum sollen überhaupt alle für dieselbe Leistung dasselbe zahlen?

Warum staffelt, sagen wir, die TUI nicht die Preise für ihre Reisen nach Einkommen? Auch der Friseur könnte sich seine Leistungen je nach Einkommen des Kunden bezahlen lassen, der Klavierlehrer, der Autovermieter und der Internet-Provider.

Sie meinen, das sei nicht praktikabel? Kein Problem im Zeitalter der Chipkarte. Jeder führt eine Karte, ausgegeben vom Finanzamt, mit sich, die verschlüsselt sein letztes versteuertes Jahreseinkommen enthält. Beim Bezahlen wird sie in die Kasse gesteckt wie heute die Kundenkarte; und diese ermittelt, wieviel der Kunde zu zahlen hat.

Schwierig wird es nur bei nicht personenbezogenen Leistungen und Waren; die Brötchen könnte die Ministergattin ja vom Dienstmädchen mit dessen Chipkarte bezahlen lassen.



Hirnrissig, finden Sie? In der Tat. Ebenso hirnrissig wie die Idee des Abgeordneten von Twickenham, Whitton, St Margarets, Strawberry Hill, Teddington and the Hamptons, Vince Cable, jetzt Minister für Wirtschaft, Innovation und Ausbildung.

Des liberalen Ministers Cable. Aber mit dessen Liberalismus ist das so eine Sache.

Als Student war er Mitglied der Liberalen Partei. Nach Abschluß seines Studiums verließ er sie und trat in die Labour Party ein. Als Sozialdemokrat versuchte er ab 1970 zweimal vergeblich, einen Sitz im Unterhaus zu bekommen.

1982 wechselte er erneut die Partei und trat der neugegründeten Social Democratic Party (SDP) bei, die sich mit den Liberalen verbündete, um unter dem Mehrheitswahlrecht größere Chancen zu haben. Auch für diese neue Partei kandidierter er zweimal für das Unterhaus und verlor zweimal; 1983 und 1987.

1988 dann vereinigten sich die SDP und die Liberalen zu einer einzigen Partei, und für diese Partei - die Liberal Democrats - schaffte es Cable ins Unterhaus. Das war 1997; also 27 Jahre nach seinem ersten Anlauf als Sozialdemokrat. Danach wurde er noch zweimal wiedergewählt.

Eine politische Biographie also, fast so kurvenreich wie die von Winston Churchill. Ein zweiter Churchill freilich ist Vince Cable nicht; nur ein Sozialdemokrat, den es unter die Liberalen verschlagen hat. Insofern ist die liberale Welt doch noch in Ordnung.



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19. August 2010

Zettels Meckerecke: Ilse Aigners von La Mancha Kampf gegen den Riesen Google. Aber was geht sie eigentlich Google an?

Sie läßt nicht locker. Als hinge das Wohl des Landes daran oder gar ihre Karriere, verbeißt sich Ilse Aigner in einen lächerlichen Kampf gegen Google. Der Kampf des tapferen Edlen Don Quijote de la Mancha gegen die Riesen, die doch nur Windmühlen waren, ist nichts dagegen.

Aktuell schwingt sie das Schwert in einem Interview mit "Spiegel-Online". Man merkt förmlich, wie ernst sie es nimmt, uns vor den, nein in diesem Fall dem Riesen zu schützen:
Ich hatte ... mehrere Treffen mit Google und bin überzeugt: Dort wird man jetzt größten Wert darauf legen, sämtliche Zusagen zum Widerspruchsverfahren auch einzuhalten. Der Imageschaden für die Marke ist bereits enorm. Google kann sich keinen Fehler mehr erlauben. Zumal Deutschland nach den USA einer der wichtigsten Märkte für den Konzern ist.
Der Riese wankt, die tapfere Kämpferin wird das Schwert weiter schwingen. Nicht nur der Edle aus der Mancha gegen die Riesen, sondern auch David gegen Goliath.

Nur: Einmal ganz abgesehen davon, was denn eigentlich dagegen einzuwenden ist, daß Häuserreihen für Google Earth abfotografiert und ins Netz gestellt werden, so wie das jeder Tourist tun darf - was hat Ilse Aigner eigentlich mit diesem Thema zu schaffen?

Ich habe schon einmal darauf aufmerksam gemacht (Über wuchernde Kompetenzen eines kuriosen Ministeriums; ZR vom 6. 3. 2010): Sie steht einem Ministerium vor mit der Bezeichnung "Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz". In dieser Reihenfolge.

Mit Ernährung hat Google Street nicht unbedingt zu tun; mit Landwirtschaft höchstens insofern, als in den fotografierten Häusern vielleicht auch der eine oder andere Bauer wohnt.

Und Verbraucherschutz? Ja, sind denn diejenigen, deren Häuser da fotografiert werden, als Verbraucher zu schützen (sofern ein Schutz überhaupt erforderlich ist, was ich nicht erkennen kann)? Man kann diskutieren, ob sie in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt werden. Aber die konsumieren sie doch nicht.

Ilse Aigner ist schlicht nicht zuständig. Es ist mir unbegreiflich, wie sie es fertiggbracht hat, diese Kompetenz an sich zu ziehen, und wieso die Kanzlerin das duldet.



Und warum verbeißt sich wohl die Ministerin, die sich um das Brüsseler Agrarprogramm und die Qualität unserer Lebensmittel zu kümmern hätte, in dieses Thema? Da kann man natürlich nur spekulieren. Vielleicht liefert diese Passage aus dem Interview mit "Spiegel-Online" einen Hinweis:
Aigner: ... Wer mich kennt, der weiß, dass ich alles andere als technikfeindlich bin. Da kann ich nur milde lächeln ...

SPIEGEL ONLINE: ... weil Sie früher in der Hubschrauberentwicklung gearbeitet haben?

Aigner: Auch deshalb. Ich interessiere mich persönlich für das Internet und neue Technologien. Ich gestehe: Das Thema macht mir richtig Spaß.
Tja, da haben wir's wohl. Ilse Aigner kommt, anders als fast jeder Landwirtschaftsminister vor ihr (Renate Künast und Horst Seehofer waren Ausnahmen) nicht aus der Landwirtschaft. Die Wikipedia:
Nach der Mittleren Reife 1981 in Bad Aibling absolvierte Ilse Aigner bis 1985 eine Lehre zur Radio- und Fernsehtechnikerin und arbeitete danach im elterlichen Elektrohandwerksbetrieb. Von 1988 bis 1990 besuchte sie eine Technikerschule, die sie als staatlich geprüfte Elektrotechnikerin beendete. Anschließend war sie bis 1994 bei der Eurocopter Group in der Entwicklung von Systemelektrik für Hubschrauber tätig.
Nicht gerade das übliche Profil einer Ministerin für Landwirtschaft und Ernährung. Auch nicht einer Ministerin für Verbraucherschutz.

Aber das Internet, das ist Technik. Das macht ihr Spaß, der Ministerin, die für Google Street überhaupt nicht zuständig ist, weil es keine Verbraucher gibt, die vor Google Earth zu schützen wären.

Nur, seit wann darf eine Ministerin sich in diejenigen Themen hineinhängen, die ihr Spaß machen, statt sich mit dem zu befassen, wofür sie bezahlt wird?



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Marginalie: Woher die Feindschaft gegen Israel? Thesen eines israelischen Wissenschaftlers

Vielleicht ist die Frage, woher der weitverbreitete Haß auf Israel rührt, so schwer zu beantworten wie die nach den Gründen für den Antisemitismus.

Gewiß gibt es nicht eine einzige Ursache. Auf der Linken zum Beispiel spielt eine zentrale Rolle, daß man in den Kategorien von Ausbeutern und Ausgebeuteten, von Unterdrückern und Unterdrückten denkt und daß man auf eine unreflektierte Weise dieses Schema auf das Verhältnis zwischen Israel und den Arabern anwendet. Auf der extremen Rechten ist der Haß auf Israel im wesentlichen eine Form, in der sich Antisemitismus ausdrückt.

Aber es dürfte noch viele andere Ursachen geben. Auf eine davon hat vorgestern Daniel Pipes in der Online-Ausgabe des National Review aufmerksam gemacht.

Er referiert dort zustimmend eine Abhandlung von Yoram Hazony vom Shalem Center in Jerusalem, die am am 14. Juli in Hazonys Blog Jerusalem Letters erschienen war. Sie befaßt sich mit der europäischen Feindschaft gegenüber Israel.

Ihr Kerngedanke ist, daß sich in der Gegenwart ein Paradigmenwechsel vollzieht, was den Nationalstaat angeht.

Das alte, zu Ende gehende Paradigma sah den Nationalstaat als etwas Positives; als eine Institution, die das Volk schützt und seinen Wohlstand ermöglicht.

In diesem Licht erscheint der ausgeprägte Nationalstaat Israel als etwas Positives. Auschwitz wurde möglich, weil den Juden ein Nationalstaat fehlte. Für die Israelis ist Israel heute der Schutz gegen ein zweites Auschwitz.

Heute wächst nun aber immer mehr eine Ablehnung des Nationalstaats zugunsten von übernationalen Einrichtungen wie der EU. Das nennt Hazony einen Paradigmenwechsel. Der Nationalstaat wird zunehmend als etwas Negatives gesehen, und damit auch der Nationalstaat Israel.

Aus dieser Sicht war Auschwitz ein Auswuchs des deutschen Nationalismus. Die Antwort muß also die Überwindung des Nationalstaats sein.



Hazony stellt die beiden Paradigmen gegenüber. Erst mit Blick auf Auschwitz:
Paradigm A: Auschwitz represents the unspeakable horror of Jewish women and men standing empty-handed and naked, watching their children die for want of a rifle with which to protect them.

Paradigm B: Auschwitz represents the unspeakable horror of German soldiers using force against others, backed by nothing but their own government’s views as to their national rights and interests.

Paradigma A: Auschwitz steht für das unaussprechliche Grauen, daß jüdische Frauen und Männer mit leeren Händen und nackt dastehen und ansehen müssen, wie ihre Kinder sterben, weil sie kein Gewehr haben, sie zu schützen.

Paradigma B: Auschwitz steht für das unaussprechliche Grauen, daß deutsche Soldaten Gewalt an anderen üben, gestützt allein auf den Glauben ihrer eigenen Regierung an ihre nationalen Rechte und Interessen.
Nun mit Blick auf Israel:
Paradigm A: Israel represents Jewish women and men standing rifle in hand, watching over their own children and all other Jewish children and protecting them. Israel is the opposite of Auschwitz.

Paradigm B: Israel represents the unspeakable horror of Jewish soldiers using force against others, backed by nothing but their own government’s views as to their national rights and interests. Israel is Auschwitz.

Paradigma A: Israel steht dafür, daß jüdische Frauen und Männer mit dem Gewehr in der Hand bereitstehen, um über ihre Kinder und alle anderen jüdischen Kinder zu wachen und sie zu schützen. Israel ist Auschwitz entgegengesetzt.

Paradigma B: Israel steht für das unaussprechliche Grauen, daß israelische Soldaten Gewalt an anderen üben, gestützt allein auf den Glauben ihrer eigenen Regierung an ihre nationalen Rechte und Interessen. Israel ist Auschwitz.
Welches Fazit zieht Hazony? Er sieht eine große Gefahr für Israel:
On the battlefield of ideas, the state of Israel is today in danger as never before. But the danger isn't coming from Israel's traditional enemies and it can't be fought using the traditional means. You can't fight a paradigm with facts — because pretty much any facts you've got are either dismissed as irrelevant or absorbed into the new paradigm and reinterpreted in a way that only reinforces it.

Auf dem Schlachtfeld der Ideen ist Israel heute in einer größeren Gefahr als je zuvor. Aber die Gefahr rührt nicht von den traditionellen Feinden Israels her, und sie kann nicht auf die traditionelle Weise bekämpft werden. Man kann ein Paradigma nicht mit Fakten bekämpfen - weil so gut wie alle Fakten, die man vorbringt, entweder als irrelevant beiseite geschoben oder aber so in das neue Paradigma eingebaut werden, daß dieses nur noch verstärkt wird.
Also, folgert der Autor, bleibe nur das Eintreten für eine Rückkehr zum alten, nationalstaatlichen Paradigma.

Ein Schluß, der aus Hazonys Argumentation folgt. Aber auch etwas Realisierbares? Etwas, das jemals auf breite Zustimmung in Europa stoßen könnte?



Dieser Artikel ist die verkürzte Darstellung des Grundgedankens eines gedankenreichen und differenziert argumentierenden Textes. Wenn Sie die Zeit dazu haben, empfehle ich die Lektüre der Abhandlung von Yoram Hazony selbst (Informationen über den Autor hier). Eine sehr genaue Zusammenfassung finden Sie bei Daniel Pipes.



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18. August 2010

Zitat des Tages: "Kämpfe zur Übernahme der Kontrolle über die Produktionsmittel". Venezuela und der Traum der Unvernunft

Mittlerweile haben die Protagonisten des Prozesses eine solche Stärke erreicht, daß sie zum einen die Selbstregierung konsequent ausbauen und zum anderen den reaktionären Staatsapparat in einer Doppelherrschaft bekämpfen oder auch zersetzen können. Außerdem gibt es immer mehr Kämpfe zur Übernahme der Kontrolle über die Produktionsmittel.

Helke Buttkereit in der heutigen "Jungen Welt" über die Entwicklung in Venezuela.


Kommentar: Der Artikel trägt den Titel "Von unten auf", ist ziemlich lang und vertritt die These, daß Venezuela nicht durch einen Umsturz in der Art der Oktoberrevolution zum Sozialismus gelangen werde, sondern in "einem sozialrevolutionären Prozeß neuen Typs".

Der Autor beschreibt diesen Prozeß so, daß ich bei der Lektüre den Eindruck einer Zeitreise in die sechziger und siebziger Jahre hatte. Da ist wieder dieses idealisierende Bild von "den Menschen", vom guten Proleten:
Die Menschen in Venezuela kämpfen Tag für Tag gegen alte und neue Bürokratie, privatwirtschaftlichen wie staatswirtschaftlichen Kapitalismus.
Da wird wieder die tiefe theoretische Durchdringung gefordert:
Der Aufgabe einer theoretischen Durchdringung, der Kritik und Selbstkritik des Prozesses, die die revolutionäre Organisation zu leisten hat, wird zwar die PSUV [die Sozialistische Einheitspartei Venezuelas; Zettel] derzeit kaum gerecht. (...) Es kommt zudem darauf an, den Kampf auf eine klare theoretische Grundlage zu stellen, da nur von dieser ausgehend das Ziel wirklich sichtbar und vor allem dann auch zu erreichen ist.
Und so fort, die ganze linke Phraseologie, die einst die Diskussionen im SDS und später in den K-Gruppen kennzeichnete.

Was der Autor mit ziemlich vielen Worten beschreibt, ist Chávez' Strategie zur Einführung des Sozialismus, die ich gern eine Salami-Taktik nenne: Nicht der Putsch, nicht der Bürgerkrieg, sondern das langsame Abwürgen des Rechtsstaats, der demokratischen Freiheiten, der Privatwirtschaft (siehe z.B. Heimlich, still und leise. Die kommunistische Machtergreifung in Venezuela; ZR vom 13. 4. 2007; "Kein Iota". Chávez schnippelt wieder; ZR vom 11. 6. 2009; Wie Hugo Chávez die Meinungsfreiheit endgültig beseitigen will; ZR vom 31. 7. 2009).



Und wer schreibt nun so, wie man als revolutionärer Linker vor vierzig Jahren schrieb? Wer ist dieser Autor Helge Buttkereit?

Ich stellte mir einen im Kampf ergrauten Kommunisten vor, der diesen Jargon, der diese Denkweise in seiner Jugend erlernt und nie abgelegt hat. Und als jemanden aus der Schar dieser Alt-Achtundsechziger, den es einmal nach Cuba, nach Nicaragua oder vielleicht ja auch nach Venezuela verschlagen hatte.

Weit gefehlt! Helke Buttkereit ist 1976 geboren, war nach dem Studium der Journalistik in Leipzig von 2004 bis 2006 Volontär bei der "Celleschen Zeitung" und ist seither freier Journalist. Artikel hat er überwiegend für Tageszeitungen geschrieben; sofern aus der Liste eine Spezialisierung erkennbar ist, gilt sein besonderes berufliches Interesse dem Musikmarkt, dem Fußball und dem Handball.

Seine biografischen Angaben lassen nicht erkennen, daß er je in Lateinamerika gearbeitet hat.

Seine Kenntnisse Venezuelas, soweit sie in dem Artikel sichtbar werden, bezieht er offenbar aus theoretischen und revolutionären Schriften, die er gelesen hat. Daher wohl der seltsam abgehobene Charakter seines Textes, in dem von den realen Verhältnissen in Venezuela - von der desaströsen wirtschaftlichen Entwicklung, von der Inflation, vom sinkenden Lebensstandard - nichts vorkommt.

Nun, vielleicht interessiert ihn das alles nicht, weil es nur die Bourgeoisie betrifft. Dem Proletariat dient sie doch bestimmt, die Politik von Chávez?



Nein, auch dort ist es nicht so, wie es sich der deutsche Journalist Buttkereit offenbar aus der Ferne ausmalt.

2008 erschien in Foreign Affairs dazu ein längerer Artikel des Ökonomen Francisco Rodríguez, der sich in Venezuela auskennt. Er war von 2000 bis 2004 Chefökonom der venezolanischen Nationalversammlung.

Ich habe damals ausführlich über diesen Artikel berichtet und aus ihm zitiert; ... Blick auf die wirtschaftliche und soziale Situation in Venezuela; ZR vom 20. 6. 2008). Man kann dort nicht nur lesen, wie und warum die Politik von Chávez das Land ruiniert, sondern erfährt auch, wie sich während seiner Amtszeit die Lage der armen Bevölkerung entwickelt hat; nämlich in vielen Bereichen (zum Beispiel den Wohnverhältnissen) abwärts.

Aber es ist schon seltsam: Der Glaube daran, daß Sozialismus etwas Gutes für diejenigen sei, die unter ihm leben, ist offenbar durch keinen Blick auf die Wirklichkeit zu beseitigen.

Oder sagen wir: Diejenigen, die diesen Traum in ihrer Jugend träumten, erwachen oft irgendwann und werfen einen gründlichen Blick auf die Realität. Aber dann kommt die nächste Generation, wie die von Helge Buttkereit, und fängt wieder mit dem Träumen an. Mit dem Traum der Unvernunft.



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17. August 2010

Zitat des Tages: "Eine Moschee wäre eine Entweihung von Ground Zero". Religionsfreiheit und Liberalität. Über die Gefühle von Moslems und Nichtmoslems

Location matters. Especially this location. Ground Zero is the site of the greatest mass murder in American history -- perpetrated by Muslims of a particular Islamist orthodoxy in whose cause they died and in whose name they killed.

Of course that strain represents only a minority of Muslims. Islam is no more intrinsically Islamist than present-day Germany is Nazi -- yet despite contemporary Germany's innocence, no German of goodwill would even think of proposing a German cultural center at, say, Treblinka.


(Es kommt auf den Ort an. Vor allem auf diesen Ort. Ground Zero ist die Stelle des größten Massenmords in der amerikanischen Geschichte - begangen von Moslems einer besonderen islamistischen Orthodoxie, für deren Sache sie starben und in deren Namen sie mordeten.

Natürlich stellt diese Strömung nur eine Minderheit der Moslems dar. Der Islam ist nicht in seinem Wesen islamistischer, als ein heutiger Deutscher ein Nazi ist - aber trotz dieser Schuldlosigkeit des heutigen Deutschland würde kein Deutscher guten Willens auch nur daran denken, ein deutsches Kulturzentrum in, sagen wir, Treblinka vorzuschlagen.)

Charles Krauthammer in seiner aktuellen Kolumne in der Washington Post über den beabsichtigten Bau einer Moschee nah bei Ground Zero, wo die Anschläge vom 11. September 2001 stattfanden


Kommentar: Eine Moschee gehört so wenig neben Ground Zero, schreibt Krauthammer, wie Japan ein japanisches Kulturzentrum ausgerechnet in Pearl Harbor bauen sollte - so gern solche Zentren sonst in den USA gesehen sind. Und er erinnert weiter an den Fall des Konvents von Karmelitinnen in Auschwitz, den Papst Johannes Paul II schließen ließ; nicht, weil er die reinen und guten Absichten der Nonnen bezweifelt hätte, sondern weil es ihm darum ging, jüdische Gefühle nicht zu verletzen.

Ich stimme Charles Krauthammer, wie so oft, zu.

Ja aber, wie steht es mit liberalen Prinzipien? Mit Religionsfreiheit; auch mit der banalen Freiheit, auf die gestern der von mir sehr geschätzte Autor Rayson in B.L.O.G. aufmerksam machte: "Aus liberaler Sicht ist die Sache eindeutig: Wem der Grund und Boden gehört, der darf darauf selbstverständlich auch eine Moschee errichten"?

Juristisch ist das zwar nicht so; es bedarf einer baurechtlichen Genehmigung. Eine erste Stufe dieses Genehmigungsprozesses hat das Projekt durchlaufen, als der Finanzausschuß des zuständigen Community Board von New York zustimmte. (Community Boards sind eine Art Bezirksparlamente).

Aber was liberale Prinzipien angeht, finde ich Raysons Argumentation einleuchtend und teile sie weitgehend. Sein Artikel ist auch unbedingt lesenswert wegen der informativen Einzelheiten, der klugen Argumentation und der Links, die er enthält. Im entscheidenden Punkt aber bin ich anderer Meinung als Rayson:

Für die Anwendung aller Prinzipien gibt es Grenzen. Auch für die liberalen. Ich selbst muß, wenn ich mir zu einem Thema eine Meinung zu bilden versuche, beispielsweise oft liberale gegen konservative Prinzipien abwägen. "Meinen liberalkonservativen Vermittlungsausschuß" habe ich das einmal halb im Scherz genannt; ZR vom 6. 1. 2007.

Natürlich haben Moslems das Recht, auch in den USA Moscheen zu errichten; das ist Teil der Religionsfreiheit. Aber sie haben auch in den USA - so, wie jedermann - nicht das Recht, auf jedem beliebigen Baugrund, der ihnen gehört, jedes beliebige Gebäude zu errichten. Die Kommunen erstellen Baupläne und genehmigen Bauten; das ist das Spannungsfeld zwischen der Freiheit des Eigentums und dem Interesse der örtlichen Gemeinschaft.

Wenn die New Yorker Behörden endgültig über das Projekt entscheiden, dann sind sie verpflichtet, alle relevanten Gesichtspunkte zu prüfen. Zu diesen gehört eben auch die symbolische Bedeutung eines solchen Orts; eines, wie Krauthammer sogar schreibt, "geheiligten Orts", der den Opfern und den Hinterbliebenen gehört. Der durch die Moschee eine Entweihung erfahren würde.



Nun sehen allerdings diejenigen, die diese Moschee bauen wollen, durchaus die Symbolik des Orts.

Imam Feisel Abdul Rauf, einer der Initiatoren, erklärte, das Projekt sei "dazu gedacht, bessere Beziehungen zwischen dem Westen und Moslems zu fördern". Eine andere Initiatorin, Daisy Khan, sagte laut CNN im Mai dieses Jahres:
The time for a center like this has come because Islam is an American religion. (...) We need to take the 9/11 tragedy and turn it into something very positive.

Die Zeit für ein solches Zentrum ist gekommen, weil der Islam eine amerikanische Religion ist. (...) Wir müssen die Tragödie von 9/11 nehmen und sie in etwas sehr Positives umkehren.
Das mag gut gemeint sein, obwohl etwas eigenartig formuliert. Aber auf genau dieses "gut gemeint" zielt die Argumentation von Krauthammer; auch die Karmelitinnen hatten es vermutlich gut gemeint, als sie in Auschwitz einen Konvent einrichteten.

Und wie immer die guten Absichten - man sollte, besonders die Stadt New York sollte auch die Außenwahrnehmung im Auge haben. Eine Moschee just am Ort des Verbrechens von 9/11 würde nicht nur von vielen Amerikanern, sondern auch von vielen Moslems weltweit als ein weiterer Sieg des Islam wahrgenommen werden.

Und möglicherweise, entgegen ihren Beteuerungen, auch von den Initiatoren.

In der Wikipedia werden eine ganze Reihe von Stimmen von Moslems zitiert, die das belegen. In der vergangenen Woche schrieben beispielsweise im kanadischen Ottawa Citizen die beiden moslemischen Autoren Rahel Raza und Tarek Fatah:
... we Muslims know the idea behind the Ground Zero mosque is meant to be a deliberate provocation to thumb our noses at the infidel. The proposal has been made in bad faith (...) Building an exclusive place of worship for Muslims at the place where Muslims killed thousands of New Yorkers is not being considerate or sensitive (...) As Muslims we are dismayed that our co-religionists have such little consideration for their fellow citizens and wish to rub salt in their wounds and pretend they are applying a balm to sooth the pain.

... wir Moslems wissen, daß die Idee hinter der Moschee auf Ground Zero so gemeint ist, daß wir in einer bewußten Provokationen die Ungläubigen vor den Kopf stoßen. Der Vorschlag wird in unredlicher Weise gemacht. (...) Der Bau einer Andachtsstätte exklusiv für Moslems dort, wo Moslems Tausende von New Yorkern ermordeten, ist nicht rücksichtsvoll oder sensibel. (...) Als Moslems sind wir bestürzt, daß unsere Glaubensbrüder so wenig Achtung für ihre Mitbürger haben und Salz in ihre Wunden streuen wollen, wobei sie vorgeben, den Schmerz mit einer Salbe zu lindern.
Neben dem Artikel von Rayson möchte ich Ihnen diesen Artikel von zwei moslemischen Autoren, die beide Bücher über den Islam publiziert haben, besonders zur Lektüre empfehlen; Sie haben dann die ganze Spanne der Sichtweisen zu diesem Thema.



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16. August 2010

Marginalie: Wann kommt die Wiedervereinigung Koreas? Die Vorbereitungen dafür laufen

Die Teilung Koreas ist in vielerlei Hinsicht nicht mit der deutschen Teilung vergleichbar. Das Klima zwischen den beiden Staaten war immer eisig; es gab nie etwas, das mit dem seinerzeitigen "innerdeutschen Dialog" vergleichbar wäre. Die Grenze war und ist noch weniger durchlässig, als es die Berliner Mauer zu den meisten Zeiten war.

Hinzu kommt, daß der Gegensatz zwischen den Systemen extrem ist; größer als derjenige zwischen der alten Bundesrepublik und der DDR. Die Verhältnisse in Nordkorea sind vergleichbar denen in der UdSSR zu den schlimmsten Zeiten Lenins und Stalins; siehe "Sie leben und sterben in Lumpen". Über den Gulag Nordkoreas; ZR vom 26. 6. 2009.

Wir sind angesichts dieser Kluft zwischen den beiden Staaten daran gewöhnt, uns die Teilung Koreas als noch auf lange Zeit unverbrüchlich vorzustellen. Aber die Wiedervereinigung könnte schon bald bevorstehen. Die Vorbereitungen dazu laufen, wie heute Chico Harlan in der Washington Post schreibt.

Kim Jong Il gilt als schwer krank; in Nordkorea wird die Thronbesteigung seines Sohns Kim Jong Eun vorbereitet. Das könnte ein Zeitpunkt für den Zusammenbruch der Diktatur der Kim-Dynastie sein; diesen jedenfalls einleiten.

Jedenfalls muß sich Südkorea auf diesen Fall vorbereiten. Der südkoreanische Präsident Lee Myung-bak hat gestern einen Dreistufenplan für die Wiedervereinigung vorgelegt und - offenbar nach dem Vorbild des deutschen Solidaritätszuschlags - eine Sondersteuer zur Finanzierung der Kosten der Vereinigung angekündigt.

Diese werden immens sein, angesichts der Armut, die in Nordkorea herrscht und der heruntergekommenen Wirtschaft; auch dies noch schlimmer als 1989 in der DDR.

Der Plan sieht als eine erste Stufe ein Ende der nordkoreanischen Atomrüstung vor und dann eine schrittweise Wiedervereinigung, die von einer "Friedensgemeinschaft" zur "nationalen Gemeinschaft" führen soll. Der Präsident Lee Myung-bak laut der Nachrichtenagentur Yonhap:
Inter-Korean relations demand a new paradigm. (...) It is imperative that the two sides choose co-existence instead of confrontation, progress instead of stagnation. The two of us need to overcome the current state of division and proceed with the goal of peaceful reunification.

Die innerkoreanischen Beziehungen verlangen nach einem neuen Paradigma (...). Es ist zwingend erforderlich, daß die beiden Seiten Koexistenz statt Konfrontation wählen, Fortschritt statt Stillstand. Wir müssen beide den jetzigen Zustand der Spaltung überwinden und uns auf den Weg zum Ziel einer friedlichen Wiedervereinigung machen.



Natürlich ist dieser Vorstoß auch ein Schachzug innerhalb der jetzigen Auseinandersetzungen.

Aber das nordkoreanische Regime ist ein Anachronismus. Es wird verschwinden wie die Herrschaft der Kommunisten in der UdSSR und in Osteuropa.

Die Frage ist natürlich, wie das friedlich hinzubekommen sein wird. Eine große Herausforderung für die Politik nicht nur Südkoreas, sondern auch der USA. Gut möglich, daß Korea demnächst zu einem Brennpunkt der internationalen Politik werden wird.



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"Fast ein wenig wie mittelalterliche Herrschertreffen". Über ein Ritual an deutschen Universitäten

Axel Michaels hat an der Universität Heidelberg eine Professur für klassische Indologie. Er ist Spezialist für die Erforschung von Ritualen; beispielsweise der Feste und Riten am Pasupatinatha-Tempel von Deopatan.

Aber warum immer in die Ferne schweifen? Professor Michaels hatte eine nette Idee, die zu einem Artikel in der letzten Wochenendausgabe der FAZ geführt hat: Wer Rituale erforscht, der sollte eigentlich auch zu den Ritualen von Wissenschaftlern etwas zu sagen haben, die - beispielsweise - Rituale erforschen. Oder auch anderes.

"Rituale der Forschungsevaluation - Die große Begehung der Mittelbaustelle" heißt der Artikel und befaßt sich mit einem Ritual, das die meisten Wissenschaftler aus ihrer Erfahrung kennen, von dem zu erfahren aber auch für Nichtwissenschaftler ganz amüsant sein könnte: Der Begehung eines Sonderforschungsbereichs der DFG durch eine Kommission auswärtiger Experten.

Ich empfehle Ihnen den Artikel von Professor Michaels, will aber für den Fall, daß er Ihnen zu lang ist - Wissenschaftler neigen zur Ausführlichkeit -, das Wichtigste in ein paar Sätzen zusammenfassen; auch als Grundlage für meinen Kommentar zu Michaels' Kommentar.



Ein großer Teil der universitären Forschung wird in Deutschland aus sogenannten Drittmitteln bezahlt; dabei ist die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit einem Etat von weit über einer Milliarde Euro im Jahr der mit Abstand größte Geldgeber.

Was will sie als Gegenleistung für ihr gutes Geld (überwiegend Bundesmittel) haben, die DFG? Gute Forschung natürlich. Und wie ermittelt man, ob Forschung gut ist?

Publikationen in angesehenen, heutzutage ganz überwiegend englischsprachigen Fachzeitschriften sind das wichtigste Kriterium. Aber die DFG möchte sich doch gern auch ein persönliches Bild machen, sozusagen. Dazu dienen Begehungen.

Man kann zwar auch als Einzelwissenschaftler seine Forschung von der DFG finanziert bekommen, aber eine zentrale Rolle spielen Einrichtungen, die der Bündelung der Forschung zwecks Synergie-Effekten dienen.

Zu ihnen gehören die Sonderforschungsbereiche (SFB), in denen sich Forscher derselben Universität, aber oft aus verschiedenen Fakultäten oder Abteilungen, zusammenschließen. Gruppiert um ein Thema herum, das die einzelnen Forscher aus ihren verschiedenen Perspektiven angehen können. An der Universität Heidelberg gibt es beispielsweise den SFB 619 "Ritualdynamik", dessen Sprecher Axel Michaels ist.

Solche SFB also sind das Objekt von Begehungen zwecks ihrer Evaluation. Das ist für die Beteiligten sehr wichtig, denn es geht meist um weitere Finanzierung; und davon hängen die Stellen von Mitarbeitern und Doktoranden ab.

Was Michaels nun zeigt, das ist die verblüffende Übereinstimmung solcher Begehungen durch eine Kommission von Gutachtern mit den Ritualen, wie sie die Ritualforschung untersucht. Der Ablauf ist bis ins Detail geregelt:
Der vielleicht umstrittenste Modus ist die Überhöhung oder Heiligung der Ritualhandlungen (...) Auch für eine Begehung trifft das Kriterium der Überhöhung zu – und zwar in einem entscheidenden Maße, denn es macht die Evaluation überhaupt erst zu einem akademischen Ritual. Eine Begehung ist ein großes, bedeutendes Ereignis, das inszeniert und zelebriert wird. Die Spitzen der Institution kommen zusammen und präsentieren sich im besten Licht.
Und es ist genau festgelegt, wann welche rituelle Handlung erfolgen muß:
So beginnt die eine Begehung eines Sonderforschungsbereichs am ersten Tag mit der Begrüßung durch den Senatsvertreter der DFG. Dann folgen ein Bericht des Sprechers, exemplarische Darstellungen von Forschungsprojekten, eine vom Senatssprecher geleitete Diskussion und ein Abschlusswort des Sprechers. Am Nachmittag schließen sich Besuche der Gutachter bei den einzelnen Teilprojekten an, am Abend zieht sich die Gutachtergruppe zu ersten Beratungen zurück. Der nächste Tag beginnt mit ...
Und so weiter und so fort. Die Gutachter fällen noch am Ort ihr Urteil und verkünden es.



Muß das so sein? Michaels hat auch keine bessere Form der Evaluation anzubieten und schlägt am Ende seines Artikels nur einen "Appell zu mehr Vertrauen" vor. Auch wenn sein Aufsatz mit viel Ironie gewürzt ist, hat man doch den Eindruck, daß er das jetzige Verfahren jedenfalls wenig schätzt.

Ich sehe das weniger kritisch. Nach meiner Erfahrung hat das Ritual, so altfränkisch und vielleicht muffig es sein mag, zwei ausgesprochen positive Effekte:

Erstens ist der Zwang, sich zu präsentieren und evaluieren zu lassen, für die Forscher oft ein Motiv, das eine oder andere zu tun, was sonst leicht der Routine zum Opfer fällt. Innerhalb des SFB führt man in Erwartung der Begehung Gespräche, klärt Prioritäten, verbessert die gemeinsame Planung. Vieles wird klarer, gewinnt eine bessere Struktur, wenn man es präsentieren muß.

Und zweitens sind die neugierigen Fragen auswärtiger Gutachter ja auch hilfreich und nicht nur eine Last. Sie zeigen Perspektiven auf, die man innerhalb der eigenen Gruppe vielleicht übersehen hatte, bringen nicht selten auch neue Ideen für den Fortgang der Forschung ins Spiel. Das hängt natürlich sehr von der Qualität dieser Gutachter ab und von der Bereitschaft, sich überhaupt der Anstrengung eines solchen zweitägigen Marathons zu unterziehen.

Denn anstrengend ist das; nicht nur für die Begutachteten, sondern auch für die Gutachter. Und besonders luxuriös leben diese Experten auch nicht während des Marathons. Die Richtlinien sehen - auch das ist ritualisiert - für sie "einen Mittagsimbiss am ersten Tag, ein Abendessen während der Klausur am ersten Tag und einen Mittagsimbiss am zweiten Tag" vor. Sowie im Hotel immerhin ein "Einzelzimmer mit Dusche/WC".



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Das Ritual Rimski von 1640. In der Public Domain.

15. August 2010

Was war so toll am realen Sozialismus?

Wie konnten westliche Linke, selbst wenn sie keine Kommunisten waren, so sehr an den kläglichen Regimes sowjetischen Typs hängen? Sie waren ja nun nicht direkt begeistert davon: den Anblick der Berliner Mauer haben nur wenige geliebt, Zensur und Geheimpolizei auch nicht, und die Führungsriegen um Breschnew, Honecker oder Ceaușescu wirkten kaum inspirierend für junge Revolutionäre im Westen. Und doch hatten diese marxistischen Diktaturen, wie sich am klarsten in der Zeit ihres Unterganges zeigte, als man jammerte und wehklagte, eine enorme Bedeutung für die Westlinken; man war auf eine seltsame Weise loyal. Seither fühlen sie sich einsam in einer durch und durch kapitalistischen Welt.


Eines hatten diese Regime zu bieten, das den Westlinken fehlte: sie hatten Macht. Die Arbeiterklasse hat es zu einer atomar bewaffneten Supermacht gebracht! Das war doch schon etwas.

Die marxistischen Diktaturen gaben der Linken einen Trost und eine Hoffnung, den die Sozialisten vor 1917 noch nicht kannten; diese hatten ja nur eine Niederlage nach der anderen erlebt. Insgeheim, abseits der öffentlich vertretenen optimistischen Prognosen, dürften die meisten Zweifel daran gehabt haben, ob die sozialistische Bewegung jemals mehr als eine Randerscheinung sein würde. Lenin hat dann gezeigt, daß man ein großes Land unter seine Herrschaft bekommen kann: das hat die ganze Szene ungeheuer beeindruckt. Viele Sozialisten, die zuvor Gegner des Marxismus waren, schlossen sich ihm an oder schlugen vor, ihn nachzuahmen.

Zwei gegensätzliche Haltungen erlaubten es, diesem Sog zu widerstehen. Die eine besteht im ideologischen Starrsinn, wie ihn etwa der italienische Sozialist Errico Malatesta in überragendem Maße aufwies; er dachte in seinem Todesjahr 1932 über die Welt und wie man sie verbessern sollte, exakt so, wie er schon 1878 dachte. Fast wie ein Automat produzierte er jahrzehntelang dieselbe Propaganda. Lenins Revolution beeindruckte ihn sowenig wie jede andere Veränderung, die sich in der Welt ereignet hatte.

Der andere Weg besteht in extremer Biegsamkeit, verbunden mit Beobachtungsgabe. Das Paradebeispiel dafür ist Bertrand Russell, von dem behauptet wird, er habe etwa alle sechs Monate seine philosophischen Grundüberzeugungen ausgewechselt. Als er 1920 nach Rußland fuhr, ärgerte ihn die ständige Bewachung und Bespitzelung derart, daß er dem Regime die Zuneigung entzog.

Betrachtet man die beiden Extremfälle Malatesta und Russell, so erscheint der Mittelweg gerade als der problematischste: wenn man flexibel genug ist, um für neue Propaganda oder dem Prestige des Erfolgreichen aufgeschlossen zu sein, dann aber an einer einmal akzeptierten Position auch gegen widerstrebende Erfahrung festhält, wird man am leichtesten zum Mitläufer.

Und dieser Mittelweg der begrenzten Flexibilität ist nun einmal leider der am weitesten verbreitete: Man möchte ja ungern jeden Tag einer neuen geistigen Mode hinterherrennen - ewig gestrig an alten Vorurteilen zu kleben möchte man aber auch nicht. Sich starr gegen den wechselnden Zeitgeist zu behaupten, erfordert unangenehm viel Kraft; sich aber einzugestehen, einem Irrtum, und schlimmer noch einem Betrug aufgesessen zu sein, fällt ebenfalls schwer. Also passen wir uns gerne an, wenn es nicht allzu oft geschehen soll. Das ist soweit schon rational und bei vielen nebensächlichen Fragen sicher die sinnvollste Methode.

Will man sich als Normalmensch aber davor schützen, ernsthaft vor einen Karren gespannt zu werden, muß man sich wohl oder übel auf einen von zwei schwierigen Wegen machen: entweder reagibler zu werden oder sturer. Der Weg der Aufklärung ist zweifellos der erste; er verlangt mehr Mut - dafür erfordert er weniger Charakter.


Fast ebensowichtig wie die Macht ist wohl die Legalität der Macht gewesen. Richelieu soll einmal dem König gesagt haben, Rebellen würden immer unterliegen, weil sie hinter dem Schwert, das sie schlägt, bereits das Beil sähen, das sie richtet. Umso wichtiger ist es, aus dem Bereich des Strafrechts herauszukommen, und also anerkannte souveräne Hoheitsgewalt zu erlangen. Von dem "souveränen Kampuchea" und dergleichen war entsprechend oft die Rede, und Linke waren ganz in diesem Sinne immer pingelig, was die Gesetze der DDR betraf. Die durften natürlich auf keinen Fall verletzt werden, wie das etwa die Fluchthelfer taten: die einzige Migration, die von der Linken je abgelehnt wurde, war die der DDR-Bürger in den Westen; die war nämlich kriminell.

Gegen die BRD-Gesetze konnte man selbstverständlich "Rechtsbrüche in Kauf nehmen, um menschliche Verhältnisse zu schaffen", wie J. Fischer das einmal formulierte. Das Recht an sich aber respektierte man, wenigstens das der DDR, über deren Sozialismus der Glanz der offiziellen Legalität leuchtete.


Einen Sonderfall stellt die Faszination dar, die Pol Pots oder Enver Hodschas Sozialismus auf eine Minderheit der Linken ausgeübt haben. Hier dürfte die Lust am Extremismus als solchem eine Rolle gespielt haben. Ich kannte mal einen, der sich in den 80er-Jahren für den albanischen Sozialismus begeistert hat: "Das reichste Land der Welt! Drei Ernten im Jahr! Das hab' ich echt geglaubt." Dann faszinierte ihn Landauer, später eine Art von spirituellem Öko-Anarchismus. Anschließend war er ein paar Jahre im Umkreis von Horst Mahler. (Was dann kam, weiß ich nicht.) Ich glaube, er hatte immer das Bedürfnis, weitab vom Mainstream eine Gemeinschaft zu finden; was er da jeweils "glaubte", war kaum von Bedeutung, Hauptsache es handelte sich um extreme Außenseitermeinungen. Der Anblick des Beils, sofern es nur weit genug weg ist, hat auch etwas Erregendes.

Ich finde, selbst das hat seine Logik für sich. Entweder man ist Mainstream und wird wohlhabend und anerkannt, oder man bricht restlos mit dem System und fühlt sich als Rebell. Am Rand zu stehen, das ist das Allerschlechteste. Jeder, der bei Trost ist, will von dort weg.

So gesehen, hat sich die 68er-Bewegung in drei Richtungen aufgeteilt: jene, die Staat wurden, jene die Außenseiter blieben - und die vielen, die beides nicht geschafft haben und ungebrochen bis heute in ihrer Nische hocken blieben, die traurigen Malatestas unserer Zeit.

© Kallias. Für Kommentare bitte hier klicken.

14. August 2010

Zitat des Tages: "Mein Heim sollte das eines Helden sein". Aus dem Leben eines Talib. Nebst einer Bemerkung über kulturelle Grenzen

I took three A.N.A. soldiers prisoner myself, then took them home and killed them in my house, so my home would be the home of a hero.

(Ich nahm selbst drei Soldaten der A.N.A. gefangen, dann nahm ich sie mit zu mir nach Hause und tötete sie in meinem Haus, so daß mein Heim das eines Helden sein würde).

Ein Talib in Afghanistan, laut einem Bericht der New York Times vom vergangenen Donnerstag, über ein Kriegsabenteuer.


Kommentar: Ich bin auf diesen Bericht erst verspätet aufmerksam geworden, und zwar über den französischen Nouvel Observateur, der gestern Nachmittag darüber informierte.

Das Thema ist eine Offensive der A.N.A. (Afghanistan National Army), die offenbar, so schreibt es die NYT und so übernahm es der Obs', in einem "Debakel" endete; denn sie war verraten worden, und die Soldaten gerieten in einen Hinterhalt der Taliban.

Amerikanische und französische Soldaten wurden zur Hilfe gerufen; die Offensive war zuvor offenbar nicht mit der ISAF abgestimmt gewesen. Ein Versuch also vermutlich des afghanischen Militärs, Selbständigkeit zu demonstrieren.

Nach dem Erfolg der Taliban über die A.N.A. vollbrachte der Talib, dessen Namen nicht genannt wird, seine Heldentat, drei Kriegsgefangene zu ermorden.

Wenn ich so etwas lese, dann frage ich mich, ob es zwischen den Kulturen nicht wirklich Grenzen des noch - oder des eben nicht mehr - Nachvollziehbaren gibt.

Unterstellen wir, daß das Zitat stimmt: Was kann einen Menschen dazu bewegen, das Abschlachten von Wehrlosen in seinem Haus als eine Heldentat zu sehen und sich dessen zu brüsten?

Ja gewiß, Grausamkeit galt in vielen traditionellen Kulturen als der Nachweis von Macht. Je grausamer ein Herrscher war, umso mächtiger.

Das sind aus unserer Perspektive nun freilich versunkene Kulturen, vergangene Epochen. Wie groß muß die Kluft sein, wenn in Afghanistan heute noch so gedacht wird.

Wie unsinnig ist also die Idee, diesem Land eine Demokratie nach unserem Vorbild verpassen zu wollen.

Der Westen muß den Afghanen helfen, die Taliban zu vertreiben, die dort ja nicht verwurzelt sind. Dann muß man warten, bis sich dieses Land in Jahrzehnten, vielleicht in vielen Jahrzehnten, modernisiert.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

13. August 2010

Huckabee for President

Gut möglich, daß man demnächst wieder über Mike Huckabee reden wird, auch in Europa.

Er war im Vorwahlkampf der USA 2008 zeitweilig so etwas wie der Obama der Republikaner; siehe Warum Huckabee und Obama gewannen; ZR vom 4. 1. 2008.

Der Einfachheit halber zitiere ich, was ich damals geschrieben habe, als die beiden Außenseiter Obama und Huckabee die Vorwahlen in Iowa gewonnen hatten:
Obwohl also Bedingungen, die in den meisten anderen Bundesstaaten so nicht existieren, wesentlich für den Erfolg der beiden Sieger verantwortlich sein dürften, hat diese Wahl doch immense nationale Bedeutung. Und zwar deswegen, weil beide Sieger bis gestern als nicht wirklich aussichtsreich galten. Obama, weil er unerfahren und ein Schwarzer ist; Huckabee, weil er unerfahren und ein Evangelikaler ist.

Sie haben beide jetzt überzeugend bewiesen, daß sie siegen können. Beide haben das auch in ihren gestrigen Reden hervorgehoben, deren Tenor so gut wie identisch war: Man hat mir einen solchen Sieg nicht zugetraut, aber siehe - hier ist er.
Ich habe damals beiden gute Chancen eingeräumt, Kandidat ihrer jeweiligen Partei zu werden. Bei Obama lag ich richtig, bei Huckabee falsch.



But wait.

Präsident Obama ist auf dem Weg, einer der unbeliebtesten Präsidenten in der Geschichte der USA zu werden. Hier können Sie sehen, wie die Zustimmung zu seiner Amtsführung von Monat zu Monat zurückgeht.

Wer immer gegen diesen incumbent, den Amtsinhaber, im Herbst 2012 antritt - er hat eine exzellente Chance, der nächste Präsident zu werden.

Und das könnte sehr gut Mike Huckabee sein. Er war ein Überraschungskandidat wie Obama im Januar 2008. Aber er ist in Vielem das Gegenteil von Barack Obama:

Kein Narziß, der sich für den Größten hält, sondern ein Mann mit leiser Ironie. Keiner, der die Welt mit hochfliegender Rhetorik verbessern will, sondern einer, der in dieser Welt, wie sie nun einmal ist, das Vernünftige, das Pragmatische tun will.

Einer mit konservativen Prinzipien, Ronald Reagan in mancher Hinsicht ähnlich. Auch darin, daß er ein ungemein sympathischer, unprätentiöser Mensch ist.

Huckabee ist das personifizierte Gegenprogramm zu dem Großkotz Obama. Einer, den die Amerikaner vielleicht wollen, wenn sie genug haben vom Welterlöser.

Mike Huckabee hat zu erkennen gegeben, daß er 2012 wieder kandidieren wird. Und er hat heute - das ist der Anlaß für diesen Artikel - eine für ihn charakteristische Position bezogen.



In den USA gilt bekanntlich das Staatsbürgerrecht des Bodens. Wer in den USA geboren wurde, der ist Amerikaner; so bestimmt es der 14. Verfassungszusatz.

Dieser wird nun gegenwärtig debattiert, weil es immer mehr illegale Einwanderer gibt; siehe Albtraum Arizona?; ZR vom 4. 8. 2010. (Das Wort "illegal" ist allerdings inzwischen nicht mehr pc. Die Betreffenden sollen nach aktueller Sprachregelung "undocumented" genannt werden; ohne Dokumente also. Dem französischen sans papiers nachgebildet).

Huckabee hat dazu eine glasklare Position bezogen, heute zu lesen beispielsweise bei CBS. Er will nicht nur, daß in den USA geborene Kinder illegaler Einwanderer weiterhin Amerikaner sind, so wie es die Verfassung vorschreibt, sondern daß ihre Staatsbürgerschaft auf Antrag auch möglich ist, wenn sie nicht in den USA geboren sind:
You do not punish a child for something the parent did. (...)

The question is: Is [an undocumented child born outside of the U.S.] better off going to college and becoming a neurosurgeon or a banker or whatever he might become, and becoming a taxpayer, and in the process having to apply for and achieve citizenship, or should we make him pick tomatoes? (...)

I think it's better if he goes to college and becomes a citizen.

Man bestraft ein Kind nicht für etwas, das Eltern taten. (...)

Die Frage ist: Ist [ein Kind ohne Dokumente, außerhalb der USA geboren] besser dran, wenn es zum College geht und Neurochirurg wird, oder Banker, oder was immer es vielleicht werden könnte und Steuerzahler wird, und wenn der Betreffende dann die Einbürgerung beantragt und erhält, oder sollten wir ihn lieber Tomaten ernten lassen? (...)

Ich bin der Meinung, daß es besser ist, wenn er ins College geht und Bürger der USA wird.


Wer von Anfang an ZR gelesen hat, der weiß, daß ich für John McCain als Präsidenten der USA eingetreten bin, als noch kaum jemand ihm eine Chance eingeräumt hat; siehe Wer meine Stimme als US-Präsident hätte; ZR vom 17. 12. 2007.

Jetzt oute ich mich als Fan von Mike Huckabee.

Huckabee for President!



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Mike Huckabee. Als Werk der US-Regierung (Department of Health and Human Services) in der Public Domain.

13. August 1961


Wer es nicht erlebt hat, kann es sich - das ist meine Erfahrung aus Gesprächen - schwer vorstellen: Was der Mauerbau damals bedeutete.

Er war eine Ungeheuerlichkeit. Man konnte das nicht fassen. Man hatte den Kommunisten viel zugetraut, aber das nicht, daß sie die Menschen in ihrem Herrschaftsbereich einmauern würden.

Ich kann mich noch sehr genau an diesen Tag erinnern; jeder kann es vermutlich, der damals schon erwachsen war.

Es begann mit Meldungen im Rundfunk, daß an der Sektorengrenze in Berlin Sperren errichtet würden, daß dort Soldaten der Nationalen Volksarmee Stellung bezogen hatten.

Man wußte zunächst nicht, was das zu bedeuten hatte. Man ahnte Böses. Dann, im Lauf des Tages, wurde deutlich, daß das nicht nur eine vorübergehende Maßnahme war, sondern daß regelrecht gebaut wurde. Hauseingänge wurden zugemauert. Wo zunächst nur Stacheldraht gewesen war, wurde Stein auf Stein gesetzt.

Das mitten in Berlin. Unfaßbar. Ich habe mich damals gefragt, wie man Menschen dazu bringen konnte, so etwas zu machen, und habe mir vorgestellt, daß hinter den Maurern Soldaten mit schußbereitem Gewehr standen, die sie zum Mauern zwangen. So ungefähr war es wohl auch. Und hinter den DDR-Soldaten standen Soldaten der Roten Armee.



Es war an diesem 13. August 1961 eine kollektive Emotion, wie ich sie nur noch in einem anderen Fall erlebt habe, beim Mord an Kennedy. Fassungslosigkeit. Wut und eine depressive Stimmung.

Denn es war ja klar, daß man nichts machen konnte. Man hat Adenauer vorgeworfen, nicht sofort nach Berlin gekommen zu sein; aber was hätte er denn machen können? Was hätten die Amerikaner machen können, wenn sie doch nicht einen atomaren Weltkrieg führen wollten?

Die Kommunisten saßen am längeren Hebelarm; damit lernte man sich abzufinden.

Freilich hatte sich der Kommunismus damit auch - so dachten wir damals - vollständig diskreditiert. Was war das für ein Staat, der "unsere Menschen" einmauerte wie Zuchthäusler, damit sie ihm nicht scharenweise davonliefen!

Aber irgendwie hat man sich dann an dieses Monstrum Mauer gewöhnt. Erich Honecker, der innerhalb der SED als ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen den Bau der Mauer organisiert hatte, durfte sogar 1987 einen Staatsbesuch in der Bundesrepublik machen.

Man dachte - auch ich dachte das damals -, daß sich hinter der Mauer, daß sich im Schutz der Mauer ein doch recht stabiler, ein auf seine Art auch respektabler Staat entwickelt hätte. Welch ein Irrtum.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Abbildung; Eine Frau winkt über die damals noch provisorische Mauer. Bild in der Library of Congress und damit in der Public Domain.

12. August 2010

FKK, ja natürlich

In "Welt-Online" kann man derzeit erfahren, welches die "zehn besten FKK-Strände der Welt" sind.

Mit Rankings ist das natürlich immer so eine Sache. Dieses Ranking, das "Welt-Online" von einem Portal namens TripAdvisor übernommen hat, scheint mir allerdings kräftig danebenzuliegen.

Cap d'Agde auf Platz eins? Das dürfte schwer zu begründen sein. Ein langweiliger Strand, wie überall im Languedoc.

Schöne Strände am französischen Mittelmeer sind fast immer Felsstrände; und da gibt es ja immer noch die Île du Levant, "mondialement connu depuis 1931", seit 1931 in der ganzen Welt bekannt als Ferienziel für Naturisten; heute eher ein Geheimtip. Ein kleiner Sandstrand, "La Grotte", sonst nur Felsen.

Sylt? Ja, das hat den zweiten Platz verdient. Nicht nur wegen der wunderbaren Strände, sondern auch deshalb, weil es dort für FKK keine Reservate gibt. Man kann von List aus die ganze Länge der Insel entlangwandern, bis zur Südspitze, im - so nannten das die alten FKKler - "Lichtkleid".

Natürlich kommt man an Textilstränden vorbei, aber niemanden stören dort nackte Wanderer. Jedenfalls haben wir es so erlebt.

Ebenso ist auf Fuerteventura, das in dem Ranking überhaupt nicht vorkommt. Dort gibt es die schönsten FKK-Strände Europas - wenn man Fuerte denn zu Europa zählen will -, und auch dort stören die Nackten die Textilen so wenig, wie die Textilen die Nackten stören. Jeder badet so, wie er es mag.



Ist es nicht seltsam, daß es im aufgeklärten Westen immer noch Bekleidungsvorschriften gibt?

Viele stören sich bei uns an islamischen Bekleidungsvorschriften. Am Kopftuch also, an der Burka.

Aber die Bekleidungsvorschrift, am Strand den Badeanzug zu tragen, ist ja im Prinzip nichts anderes.

Das eine wie das andere ist Ausdruck von sozialen Tabus, die den Menschen vorschreiben, wie sie sich zu kleiden haben.

In traditionellen Gesellschaften war und ist das die Regel. In einer freiheitlichen Gesellschaft ist es ein Anachronismus. Jedermann kann sich so kleiden, wie er mag; so erlaubt es unsere Gesellschaft. Warum kann er nicht auch auf Bekleidung verzichten, wenn er das mag?

Gewiß soll niemand andere stören oder sie in ihren Empfindungen verletzen. Das kann man freilich durch häßliche Bekleidung ebenso tun wie durch keine.

Aber wie ist es mit der "Ästhetik"? Ich höre und lese immer wieder dies: Ja, junge, gut gewachsene Körper, die mag man auch nackt sehen. Aber den Schwabbelbauch ...

Ja, ist denn der Schwabbelbauch, der die meisten von uns irgendwann ereilen wird, ästhetischer, wenn er aus einer Badehose herausquillt?



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Schild in Port Leucate, einer französischen FKK-Anlage. Vom Autor Gerbil unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license freigegeben.

11. August 2010

Zitat des Tages: "Al Kaida erlebt hier ein großes Comeback". Die Folgen der Irak-Politik von Präsident Obama

Al-Qaida has made a big comeback here. This is my neighbourhood and I know every single person living here. And I know where their allegiances lie now.

(Al Kaida erlebt hier ein großes Comeback. Das hier ist meine Nachbarschaft, und ich kenne jeden Einzelnen, der hier wohnt. Und ich weiß, wem sie sich jetzt anschließen).

Sabah al-Janabi von der irakischen proamerikanischen Organisation "Söhne des Irak" gegenüber Martin Chulov vom britischen Guardian.


Kommentar: Barack Obama wollte den Irak der Kaida überlassen, als er noch Senator war. Sein damaliger Gesetzesentwurf - Datum: 30. Januar 2007 - ist wenig bekannt; hier in ZR konnte man darüber lesen (Präsident Obama gratuliert dem Irak zu den Wahlen. Grund, an den Gesetzentwurf des Senators Obama vom 30. Januar 2007 zu erinnern; ZR vom 1. 2. 2009).

Vor wenigen Tagen hat dieser Mann, inzwischen bekanntlich aufgestiegen, sich damit gebrüstet, daß, wie von ihm angekündigt, "der Kampfauftrag der US-Truppen" im Irak am 31. August enden werde.

Es ist im Irak wie in Afghanistan: Jeder sieht, daß die USA unter diesem Präsidenten das Feld räumen. Jeder, der sich zu den Stärkeren hin orientiert, wendet sich also von den USA ab.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an The Slatest.

Marginalie: Die Verbrecher von WikiLeaks. Ja, die Verbrecher

Wer den Tod von Menschen bewußt verschuldet, der ist ein Verbrecher, nicht wahr?

Lesen Sie einmal, was Marc A. Thiessen in der Washington Post schreibt:
The documents Assange made public exposed the identities of at least 100 Afghans who were informing on the Taliban -- in some cases including the names of their villages, family members, the Taliban commanders on whom they were informing, and even GPS coordinates where they could be found. The Taliban quickly announced that it was combing the WikiLeaks Web site for information to use to punish these Afghans.

Then, just four days after the WikiLeaks documents were published death threats began arriving at the homes of Afghan tribal leaders. A few days later, one such leader was dragged from his home and executed.

Die Dokumente, die Assange [von WikiLeaks; Zettel] öffentlich machte, enthüllten die Identität von mindestens 100 Afghanen, die über die Taliban informierten - in einigen Fällen einschließlich der Namen ihrer Dörfer, ihrer Familienmitglieder, der Kommandeure der Taliban, über die sie informiert hatten, und sogar die GPS-Koordinaten, wo sie gefunden werden konnten. Die Taliban gaben umgehend bekannt, daß sie die Informationen von WikiLeaks mit anderen Informationen verknüpfen würden, um diese Afghanen zu bestrafen.

Dann, nur vier Tage nachdem die Dokumente von WikiLeaks veröffentlicht worden waren, erhielten Stammesführer in Afghanistan Todesdrohungen. Einige Tage später wurde einer dieser Führer aus seinem Haus entführt und exekutiert.
Julian Assange ist ein Verbrecher, der den Tod von Menschen bewußt herbeigeführt hat.



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Zettels Meckerecke: Wo ist eigentlich der liberale Flügel der FDP? Wer widerspricht den beiden Quotenfrauen? Nebst keinem Nachtrag

Erst S. L.-S., dann S. K.-M.: Innerhalb weniger Tage haben zwei Spitzenpolitikerinnen der FDP mit Forderungen nach Quoten liberale Prinzipien mit Füßen getreten.

Am Donnerstag habe ich die Ankündigung der Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger kommentiert, die Bundesregierung werde "zum Instrument der Quote" greifen, um mehr Frauen in die Aufsichtsräte privater Unternehmen zu bringen; es sei denn, daß die Unternehmen sich das von der Regierung zuvor bereits "aktiv deutlich machen" ließen; "Zum Instrument der Quote greifen"; ZR vom 5. 8. 2010.

Gestern nun brachte das "Hamburger Abendblatt" ein Interview mit der Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, der FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin, das Jan Filter im Filterblog trefflich aus liberaler Sicht kommentiert hat; auch in Zettels kleinem Zimmer wurde gestern darüber diskutiert.

Das Interview enthält den folgenden Dialog mit den Interviewern Jochen Gaugele und Karsten Kammholz, den ich aus Gründen des Copyrights kürze:
Bundeswirtschaftsminister Brüderle hat eine Kontroverse ausgelöst mit dem Vorschlag, ausländische Fachkräfte mit einem Begrüßungsgeld nach Deutschland zu locken. Ein kluger Ansatz?

Ich finde, ja. (...) Der Staat kann auch eine Vorreiterrolle einnehmen, indem er für Vielfalt in der öffentlichen Verwaltung sorgt.

Das bedeutet?

Das Europäische Parlament beschreitet diesen Weg bereits. Uns geht es um Chancengleichheit und Vielfalt, was Herkunft, Geschlecht oder Religion der Beschäftigten angeht. Dazu wollen wir massive Anreize setzen. Auf meinen Vorschlag sind auch ausdrücklich Quotenregelungen vorgesehen. Dieses Projekt kann der deutschen Verwaltung als Vorbild dienen.

Sie wollen eine Ausländerquote für deutsche Rathäuser und Ministerien?

Wenn andere Anreize nicht helfen - warum nicht? Eine Quote für Migranten in der öffentlichen Verwaltung kann dazu beitragen, dass mehr qualifizierte Zuwanderer nach Deutschland kommen.



Es gehört zum Charakter einer liberalen Partei, daß in ihr ein breites Spektrum von Meinungen vertreten wird. Auch solche, die mit liberalen Grundsätzen nicht nur nichts zu tun haben, sondern die deren exaktes Gegenteil sind.

Man wirft deshalb jemanden nicht gleich aus der Partei. Aber einen kräftigen Widerspruch, einen laut hörbaren Widerspruch, den wird es doch wohl in solchen Fällen in einer liberalen Partei geben? Und zwar nicht nur bei liberalen Bloggern wie Jan Filter und mir, sondern aus den Reihen derer, die gegenüber der Öffentlichkeit für die FDP stehen; für ihr, wie man das gern nennt, "liberales Profil"?

Die eine FDP-Politikerin will, daß der Staat darüber entscheidet, wen ein Privatunternehmen in seinen Aufsichtsrat beruft. Sie hält es für erstrebenswert, daß eine AG gegebenenfalls auf einen qualifizierten Mann verzichtet und eine weniger qualifizierte Frau in den Aufsichtsrat holt, weil der Staat dem Unternehmen das aufzwingt. Zu dessen möglichem wirtschaftlichem Nachteil; aber den Schaden würde ihm der Staat nicht erstatten.

Etatismus pur also; das Hineinregieren des Staats in den Verantwortungsbereich der privaten Wirtschaft. Das Gegenteil dessen, was Guido Westerwelle am 15. Mai 2009 auf seiner großen Hannoveraner Rede als Ziel liberaler Politik formuliert hat.

Ebenso ist es das Gegenteil einer liberalen Gesellschaftspolitik, wenn, wie es die andere FDP-Politikerin verlangt, die Positionen in öffentlichen Verwaltungen nach anderen Kriterien als demjenigen der Qualifikation und Leistung vergeben werden; nämlich nach "Herkunft, Geschlecht oder Religion".

"Leistung soll sich wieder lohnen"? Lohnend ist es, falls Koch-Mehrin und ihre Mitstreiter im roten und grünen Lager sich durchsetzen, die richtigen Eltern, die richtige Religion, das richtige Geschlecht zu haben.

Hinzu kommt, daß Koch-Mehrin augenscheinlich auch noch aus Europa nach Deutschland hineinregieren will.

Zwar ist vorerst nur vom europäischen "Vorbild" für Deutschland die Rede; aber das läßt sich ja auch in die Form von Direktiven gießen. Wie ein solches Hineinregieren funktioniert, das habe ich einmal im September 2008 am Beispiel der europäischen Seilbahnen untersucht; einem besonders aberwitzigen, also instruktiven Beispiel (Über Seilbahnen in Europa, die Bürokraten in Brüssel und das Wesen der Juristerei (Teil 1); ZR vom 13. 9. 2008 sowie Teil 2; ZR vom 14. 9. 2008).

Wo also sind die liberalen Spitzenpolitiker, die sich gegen die Äußerungen ihrer beiden Parteifreundinnen wenden? Die gegenüber der Öffentlichkeit sichtbar machen, daß Liberalismus nicht Etatismus light ist? Wann meldet sich der liberale Flügel der FDP zu Wort?

Ich habe bisher keinen Widerspruch aus der FDP-Spitze gegen die Ankündigungen der beiden Politikerinnen vernommen.

Vielleicht sind mir diese Äußerungen entgangen; dann bin ich Ihnen für eine kurze Mitteilung in Zettels kleinem Zimmer oder durch eine Mail an mich dankbar. Es gibt dann einen Nachtrag zu diesem Artikel.

Oder sagen wir, vermutlich realistischer: Es gäbe ihn dann.




Kein Nachtrag am 11. 8.: Bisher hat mir niemand mitgeteilt, daß irgendwer aus der FDP-Führung den beiden Quotenfrauen oder einer von ihnen widersprochen hätte. (Der Artikel erschien ursprünglich am 8. 8. um kurz nach 19 Uhr).



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10. August 2010

Marginalie: Zweifel

Das mache ich jetzt zum ersten Mal: Ich verlinke einen Artikel, dem ich vollständig zustimme und dem ich viele Leser wünsche, ohne weiteren Kommmentar.



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Kurioses, kurz kommentiert: Die Notrutsche, die Insel, der tote Dackel. Wie tief kann man ins Sommerloch fallen?

Genervter Steward flüchtet mit Bier über Notrutsche

Lothar Matthäus ist jetzt reif für die Insel

Hier wohnen Deutschlands schlimmste Verkehrsrowdys

GEZ wollte Geld von totem Dackel eintreiben

1000 Möglichkeiten, ein Bier zu öffnen

Das Frauen-Tennis von seiner schönsten Seite


Überschriften von Meldungen, die Sie aktuell bei "Welt-Online" auf der Startseite lesen können.


Kommentar: Früher einmal nannte man das "Revolverjournalismus".

Die Bild-Zeitung brachte ihn nach Deutschland, und viele genossen das und amüsierten sich darüber. Ernst hat das kaum jemand genommen.

Wir Jugendlichen machten uns damals, als es damit losging, in den fünfziger Jahren, über die Bild-Zeitung lustig: "Doppelmord im Fahrradschlauch. Täter entkam durchs Ventil", so in dieser Art.

Das war halt die Schmuddelpresse. Seriös waren damals die FAZ und die "Welt". Das waren die beiden Zeitungen, die man las, wenn man dem Revolverjournalismus entgehen wollte. Oder man las die biedere, grundseriöse Heimatpresse.



"Welt-Online" hat in den vergangenen Monaten seinen Internet-Auftritt aufgepeppt. Er ist in der Tat schneller, informativer, vielfältiger geworden; inzwischen durchaus mit "Spiegel-Online" auf Augenhöhe.

Aber sollte man sich deshalb noch unter das Niveau von "Spiegel-Online" begeben?

Ja gewiß, das Sommerloch. Aber auch im Sommerloch gibt es ernsthafte Themen. Zum Beispiel aktuell bei "Welt-Online" dieses:
Migranten bekommen nicht mehr Kinder als Deutsche

Migranten bekommen ihren Nachwuchs zwar früher, sie haben aber nicht mehr Kinder als deutsche Frauen. Das ist das Ergebnis einer Forschungsarbeit, über die die Universität in Rostock informiert hat. "Frauen der zweiten Migrantengeneration haben sich dem Geburtenverhalten von deutschen Frauen nahezu angepasst", erklärte die Autorin der Studie, Nadja Milewski.
Nanu? Bekommen Einwanderinnen aus der Türkei wirklich nicht mehr Kinder als eingesessene deutsche Frauen? Natürlich bekommen sie mehr Kinder. Denn weiter geht es in dem Bericht:
Auch heute noch neigen vor allem türkische Frauen in der zweiten Migrantengeneration zu einer frühen Eheschließung, die dann mit der Geburt des ersten Kindes einhergeht. Auch haben türkischstämmige Frauen - im Gegensatz zu Migrantinnen aus anderen Ländern – häufiger drei Kinder.
Wäre da nicht in "Welt-Online" die Überschrift angemessener gewesen: "Frauen türkischer Herkunft bekommen mehr Kinder"?

Auch das hätte ja das Sommerloch irgendwie gefüllt.



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9. August 2010

Kleines Klima-Kaleidoskop (16): Das Wetter spielt mal wieder verrückt

Daß das Wetter verrückt spielt, weiß jeder. Immer spielt das Wetter verrückt.

Meine Großmutter hat mir das in den fünfziger Jahren erklärt: Es liegt an den Atombomben. An den Versuchen mit Atombomben. Davon war sie vollständig überzeugt, denn so verrückt wie damals, in den fünfziger Jahren, war das Wetter doch noch nie gewesen.

Ja, in ihrer Jugend. Da waren die Sommer noch Sommer gewesen, mit milder Wärme im Juni und Hitze im Juli und August. Dann der freundliche Herbst im September und vielleicht noch im Oktober, dann der naßkalte Herbst im November. Dann der klirrende Winter, und ab März der lachende Frühling. Dann noch April, April, der weiß nicht, was er will. Und dann der freundliche Mai und der schon sommermilde Juni. So hat ein Jahr zu sein.

Natürlich hat auch meine Großmutter selten solche Jahre erlebt. Aber sie hatte eine Vorstellung vom idealtypischen Ablauf des Wetterzyklus.

Was davon abwich, das erschien ihr nicht normal.

Sie war damals keineswegs eine Außenseiterin, wenn sie für die Hitzewellen, die seltsam milden Winter, die Naturkatastrophen der fünfziger Jahre die Versuche mit Atombomben verantwortlich machte. Schließlich muß doch alles seine Ursache haben, was von der Norm abweicht. Man sucht sich seine Erklärungen, man macht sich einen Reim. Man weiß doch, was los ist.

Was los ist, das ist freilich nur, daß das Idealtypische selten vorkommt. Abweichungen sind die Regel. Die meisten Franzosen tragen keine Baguette unter dem Arm, haben kein Menjou-Bärtchen, rauchen keine Gauloises, trinken nicht jeden Tag Rotwein und rufen nicht ständig "Vive la liberté".



In "Welt-Online" steht seit heute Abend ein Artikel mit der Überschrift "Klimawandel - Warum das Wetter so verrückt spielt".

Warum spielt es so verrückt, das Wetter?
Das Wetter wird extremer – darin sind sich Klimaforscher wie Stefan Hagemann vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg und sein Kollege Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung einig. (...)

"Wir gehen davon aus, dass mit der globalen Erwärmung extreme Ereignisse sehr viel häufiger auftreten werden", erwartet Hagemann. Im Sommer wird es demnach öfter Dürre oder Trockenheit geben. Wenn es mal regnet, kann es dann aber durchaus heftiger sein
Ja, so ist das wohl. Wir hatten einen extrem heißen Juli, natürlich wegen der globalen Erwärmung. Jetzt haben wir einen eher durchwachsenen Sommer und regional Starkregen, der zur Neißeflut führte.

Wegen der globalen Erwärmung. Wie anders soll man das erklären, da doch niemand mehr Atombombenversuche macht, oder fast niemand mehr?

Der letzte Winter war bekanntlich in Deutschland extrem kalt. Auch wieder ein "extremes Ereignis". In Rußland ist es jetzt heiß, und in Pakistan gibt es Überschwemmungen. Natürlich wegen der globalen Erwärmung. See, stupid?



Alles "extreme Ereignisse", also die Kapriolen des Wetters wie immer.

Das Wetter besteht aus extremen Ereignissen, und daraus bilden wir eine intuitive Statistik, die wir "das normale Wetter" nennen.

Das aber eben, wie alles Idealtypische, nicht die Regel ist. Meine Großmutter wußte, daß die Abweichung vom Idealtypischen an den Atombombenversuchen lag. Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe und seine Mitstreiter wissen, daß sie an der globalen Erwärmung liegt.

Ich habe damals die Erklärung meiner Großmutter nicht für plausibel gehalten und immer wieder mit ihr darüber gestritten. Mit Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe zu streiten macht vermutlich keinen Sinn.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Drei Bilder, die sich durch das Schütteln eines Kaleidoskops ergeben. Fotografiert und in die Public Domain gestellt von rnbc.