14. Dezember 2009

Marginalie: Jetzt wird aus allen Geschützen gegen die Regierung gefeuert

Seit 1998 hatte Deutschland eine Regierung, die von der Linken beherrscht wurde oder an der sie jedenfalls beteiligt gewesen war.

Jetzt ist das nicht mehr so. Also schießen die Linksmedien aus allen Rohren. Die Regierung Merkel II soll fertiggemacht werden, koste es was es wolle.

"Guttenberg lehnt Rücktritt ab" titelt "Spiegel- Online" im Augenblick.

Guttenberg hat so wenig Grund, zurückzutreten, wie das Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron als Chefredakteure des "Spiegel" haben. Aber er soll fertiggemacht werden. Die liberalkonservative Regierung soll demontiert werden.

Mir scheint, daß diese Regierung die Entschlossenheit der Linksmedien unterschätzt hat. Man will sie zu Fall bringen. Und zwar möglichst durch K.O. in einer der ersten Runden.



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Zitat des Tages. "Leute, die sich mit Besetzungen auskennen". Über den "kleinen Kreis" derer, die den "Bildungsstreik" organisiert haben

Ein Sprecher des Plenums sagt, dass die Besetzung "im kleinen Kreis" über Monate geplant wurde. Dazu gehörte auch die "Auftaktparty" der Besetzung. Sie sollte als "strategisches Mittel" dazu dienen, "Leute ins Boot zu holen, die sich mit Besetzungen auskennen".

Aus einem ausführlichen Artikel in der gestrigen F.A.S. über die sogenannten Besetzungen von Hörsälen usw. im Rahmen des sogenannten Bildungsstreiks.


Kommentar: Selten sind unser Medien ihrer Aufgabe zur objektiven und vollständigen Berichterstattung so wenig nachgekommen wie bei diesem "Bildungsstreik", die zweite (Teil 1 fand im Sommer statt). Der jetzige Bericht der F.A.S. ist eine rühmliche Ausnahme.

Es handelt sich um ein von kommunistischen Gruppen unter Führung der beiden Jugendorganisationen der Partei "Die Linke" (Die Linke. SDS und Linksjugend ['solid]) geplantes und von ihnen gesteuertes Unternehmen. Wie es kommunistische Tradition ist, hält man alles in der Hand, bleibt aber im Hintergrund.

In den Medien war davon so gut wie nicht die Rede. Den Konsumenten dieser Medien wurde suggeriert, daß "die Studenten" plötzlich mit ihren Studienbedingungen unzufrieden waren und ihnen auf einmal die Idee kam, man könnte doch mal Hörsäle besetzten und Demos veranstalten.

Der Hintergrund wurde verschwiegen. Der Leser, der Hörer, der Zuschauer wurde nicht informiert, sondern desinformiert.

Die Kommunisten, die das alles organisiert haben, konnten sich wieder einmal darüber freuen, wie blöd die "Scheißliberalen" doch sind; wie leicht sie sich manipulieren lassen. Oder auch: Wie viele Sympathisanten sie in den Medien haben, die ihr Spiel mitspielen.

Würde nicht die Partei "Die Linke", sondern beispielsweise die NPD hinter einer solchen Aktion stecken, dann hätten sich sofort Scharen investigativer Journalisten aufgemacht, das zu enthüllen. Die Kommunisten aber läßt man gewähren.

Siehe dazu Wer organisiert den Bildungsstreik?; ZR vom 17. 11. 2009.



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13. Dezember 2009

Kurioses, kurz kommentiert: Der kuriose Hohlspiegel

Der "Hohlspiegel" war einmal ein wirklich schönes Ressort des "Spiegel". Wenn ich mich recht erinnere, stand ihm einmal Hans Dieter Jaene vor, der Kurioses aus aller Welt zusammenklaubte.

Dann wurde das irgendwann auf Kuriositäten aus der gedruckten Presse etc. eingeschränkt.

Und jetzt ist es, scheint mir, nur noch das gluckernde Kichern impotenter Besserwisser, die sich daran ergötzen, daß irgendwem eine Ungeschicklichkeit unterlaufen ist.

Und jetzt lachen wir alle ganz laut:
Aus dem "Main-Echo": "Menschen treffen viel komplexere Entscheidungen als andere Tiere, etwa welche Arbeit sie nehmen sollen', sagt Tali Sharot vom Londoner University College."

Aus dem Werbemagazin "Eve": "Aus einem kleinen Raum mit Telefon und Schreibmaschine entwickelte sich binnen 18 Jahren Chiemgauer Naturfleisch."
Ei, un jäzz lache mer alle gaans laud un haue uns of de Schengel. Nahalla Masch un abmasch. Mid einem dreifachn helau helau helau,

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11. Dezember 2009

Gedanken zu Frankreich (33): Die Debatte über nationale Identität wird heftiger. Eine kleine Hommage an Jean Daniel

Weitgehend unbeachtet von den deutschen Medien läuft seit Monaten in Frankreich eine Debatte über nationale Identität. Über ihren Beginn habe ich im Oktober berichtet; in der vorausgehenden Folge dieser Serie. Daß sie eine derartige Heftigkeit annehmen würde, wie es sich jetzt abzeichnet, hatte ich nicht erwartet. Der aktuelle Nouvel Observateur mit Datum vom 10. 12. widmet ihr seine Titelgeschichte.

Der Minister Eric Besson steht dem Ministère de l'immigration, de l'integration, de l'identité nationale de du developpement solidaire vor, dem Ministerium für Einwanderung, Integration, nationale Identität und solidarische Entwicklung.

Eric Besson ist ein früherer Linker. Die Linke sieht ihn als Überläufer. Die Rechte sieht ihn als jemanden, der sich von seinen Irrtümern lösen konnte. Dieser Minister hat Veranstaltungen zum Thema der nationalen Identität in ganz Frankreich angeordnet. Schon das würde genügen, die Debatte anzuheizen.

Zentral aber geht es um ein Thema, das wir in Deutschland bisher unter der Decke gehalten haben: Wieviel Assimilation muß man von Einwanderern erwarten? Wieviel Abweichung von der Kultur der Mehrheit sollte man ihnen zugestehen?

Im Nouvel Observateur gibt es dazu eine einigermaßen miese Geschichte über Besson von Agathe Logeart und Ariane Chemin, die sich auf das Privatleben von Besson konzentriert. Indiskutabel.

Es gibt aber auch kluge Beiträge zum Thema.

Jean Daniel - nordafrikanischer Jude, in der französischen Kultur verwurzelt, unbeirrbarer Linker- , den ich seit dem Tod von Augstein schätze wie keinen lebenden Journalisten, schreibt in seinem Kommentar
Je maintiens qu'il y a bien eu, en France, un vertige identitaire avec la fin de l'empire colonial, la constitution de l'Europe, la guerre froide, le déclin du général de Gaulle et Mai-68. On avait besoin de faire le bilan. J'ai sur ce point précis, et sur bien d'autres, l'appui non pas de mes proches mais de tous mes amis musulmans. Ce n'est pas la première fois.

Es hat, dabei bleibe ich, in Frankreich mit dem Ende des Kolonialreichs, der Schaffung Europas, dem Kalten Krieg, dem Scheitern des General de Gaulle und des Mai '68 ein nationales Herumirren gegeben. Es mußte eine Bilanz gezogen werden. Ich habe zu diesem Punkt, wie zu nicht wenigen anderen, die Unterstützung nicht nur meiner engen, sondern aller meiner moslemischen Freunde. Das ist nicht das erste Mal.
In der Tat. Es geht ja nicht um Moslems und Christen. Es geht um Aufklärung und Rückständigkeit. Dazu Jean Daniel:
Les élites musulmanes de France sont très conscientes de la nécessité de procéder par étapes pour assurer une adaptation harmonieuse de l'islam à la société française. C'est en France, dans notre pays, que des écrivains, des savants, des universitaires approfondissent le mieux ce problème de la modernisation. (...) Les grands arabisants et islamologues français de confession musulmane sont à la veille d'une réforme quasi luthérienne, mais ils n'ont encore que peu d'audience. La plupart d'entre eux font tout pour favoriser l'émergence d'un islam français et ils comprennent tous que les ondes, mêmes lointaines, d'une virtualité islamiste sont un obstacle.

Die moslemischen Eliten Frankreichs sind sich der Notwendigkeit sehr wohl bewußt, schrittweise vorzugehen, um eine harmonische Anpassung des Islam an die französische Gesellschaft zu erreichen. (...) Die großen Arabisten und Islamisten islamischer Konfession in Frankreich befinden sich am Vorabend einer gewissermaßen lutherischen Reformation, aber es fehlt ihnen noch an Zustimmung. Die meisten tun alles, um die Entstehung eines französischen Islam zu begünstigen. Sie verstehen alle, daß die - auch entfernten - Wellen einer Wirkmächtigkeit des Islamismus ein Hindernis sind.
Jean Daniel, dieser große Aufklärer, der im Juli 89 Jahre wurde, sagt das so gut, daß ich dem nichts mehr hinzufügen will.

Wann werden wir auch in Deutschland verstehen, daß es nicht um die Alternative zwischen einer naiv- romantischen Multikulti- Ideologie und einer Ablehnung des Islam geht, sondern darum, den Islam in unsere - ihm weit überlegene - Kultur zu integrieren?


© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie findet man hier. Titelvignette: Eugène Delacroix, La Liberté guidant le peuple (1830); Ausschnitt. Mit Dank an Gorgasal, der mich auf eine ungenaue Übersetzung aufmerksam gemacht hat.

10. Dezember 2009

Gorgasal liest ein Buch (3): Zum Zweiten Weltkrieg

Gerhard L. Weinbergs A World At Arms (deutsch: Eine Welt in Waffen) ist eines der besten Bücher über den Zweiten Weltkrieg, die ich bisher gelesen habe. Weinberg hält sich nicht mit endlosen Schlachtenbeschreibungen oder Augenzeugenberichten auf, sondern legt sein Hauptaugenmerk einerseits auf die Hintergründe der getroffenen Entscheidungen - warum unterstützte die Sowjetunion Deutschland bis 1941, während das Dritte Reich sich den Rücken für den Angriff nach Osten freimachte? - und andererseits auf die globalen Zusammenhänge rund um den Krieg. Sehr lesenswert!

Aus Weinbergs Buch lernt man (oder zumindest: lerne ich) vieles Neues, und vieles erscheint in einem neuen Licht und wird viel verständlicher. So etwa die fundamentale Rolle der Ideologie im Zweiten Weltkrieg: für orthodoxe Kommunisten - und nach den "Säuberungen" der Dreißiger Jahre in der Sowjetunion waren keine anderen mehr übrig - waren die deutschen Nationalsozialisten einerseits Handlanger, andererseits Kulminationspunkt des "Monopolkapitalismus". Nach marxistisch-leninistischer Lehre bekämpften sich die Monopolkapitalisten gegenseitig, und "natürlich" führte Deutschland daher gegen Frankreich und England Krieg. Noch immer nach der reinen Lehre ging es dabei hauptsächlich um Ressourcen, Absatzmärkte und Kolonien. Also würde Deutschland weiter den Krieg im Westen führen, um die englischen und die französischen Kolonialreiche zu übernehmen. Nach dieser Sicht der Dinge gab es überhaupt keinen Grund für Deutschland, die Sowjetunion anzugreifen. Die UdSSR musste nur zuschauen, wie sich die kapitalistischen Staaten gegenseitig ausbluteten, und auf das Übergreifen der Weltrevolution auf die werktätigen Massen im Westen warten. Marx und Lenin hatten das ja alles "wissenschaftlich" vorhergesagt, und die Entwicklung bis kurz vor dem 22. Juni 1941 schien diese Sicht der Dinge zu bestätigen. Und so unterstützte die UdSSR Deutschland enthusiastisch bis kurz vor Operation Barbarossa mit Rohstoffen dabei, den Kontinent zu unterjochen, und musste dann jahrelang in Europa die Hauptlast des Krieges gegen Deutschland tragen.

Ein weiteres Beispiel für die zentrale Rolle der Ideologie in diesem Konflikt sind - wenig überraschend - die deutschen Entscheidungen. Schon früh drängten deutsche Militärs und japanische Diplomaten Hitler zu einem Frieden mit der Sowjetunion, damit sich Deutschland auf den Krieg mit den gefährlicheren Westmächten konzentrieren konnte. Dies alles verkannte die sinnstiftende Dimension des Krieges im Osten zur Gewinnung von "Lebensraum" - dagegen war der Krieg im Westen für Hitler nur Mittel zum Zweck.

Hatte überhaupt irgendjemand bei den Alliierten Hitlers Mein Kampf gelesen und ernstgenommen?

Der zweite Schwerpunkt bei Weinberg ist die globale Dimension des Krieges. Beispielsweise wurde die Sowjetunion ja in großem Umfang aus den USA mit Rüstungsgütern versorgt. In Deutschland ist hier vor allem der Transport über den Atlantik nach Murmansk im Bewusstsein, gegen den Deutschland mit U-Booten vorzugehen versuchte. Weniger bekannt ist, dass über diese Route nur etwa ein Viertel der amerikanischen Lieferungen an die UdSSR ging. Ein weiteres Viertel ging durch den Iran, und die Hälfte wurde über den Pazifik transportiert - unter der Nase von Deutschlands Verbündetem Japan. Als Japan mit den USA im Krieg stand, wurden Schiffe in den USA gebaut, an der Westküste sowjetisch umgeflaggt und schipperten unter sowjetischer Flagge ungehindert durch das japanische Gebiet, da die UdSSR ja 1941 einen Neutralitätspakt mit Japan geschlossen hatte und penibel einhielt. Natürlich waren die Deutschen darüber nicht glücklich und drängten Japan wiederholt zu Angriffen auf diesen Nachschub. Allerdings hatte Japan schlechte Erinnerungen an die schweren japanischen Verluste gegen sowjetische Truppen in Grenzkämpfen 1938/39 in Nordchina, und überdies hätten die japanischen Inseln von Flugplätzen in der UdSSR aus erreicht und bombardiert werden können. Die Sowjetunion erlaubte den USA derlei Bombardierungen von ihrem Territorium aus in der Tat nicht, und solange dem so war, störte sich Japan nicht an dem Nachschub für die Sowjetunion, der gegen Deutschland eingesetzt wurde.

Ein weiterer Punkt, den Weinberg sehr schön herausarbeitet, ist die zentrale Rolle der Erfahrungen im und Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg. Alle politischen Führer und hochrangigen Offiziere hatten ihn miterlebt, teilweise in den Materialschlachten an der Westfront, und alle zogen ihre Schlussfolgerungen daraus. Erstens nahmen die westlichen Entscheider unter dem Eindruck der schrecklichen Materialschlachten 1914-18 an, kein vernünftig denkender Politiker wollte noch einen Krieg in Europa. Dies - zusammen mit dem auch im Westen weit verbreiteten Gefühl, Hitlers Forderungen seien prinzipiell nicht unbillig - war sicherlich ein Faktor, der mit zur anfänglichen Nachgiebigkeit gegenüber Hitler führte. Einen Krieg konnte dieser komische Österreicher ja sicher nicht wollen.

Eine zweite wichtige "Lehre" aus dem Ersten Weltkrieg war die "Dolchstoßlegende", die (falsche) Ansicht, die deutschen Truppen seien "im Feld unbesiegt" und nur politische Winkelzüge durch Zivilisten in Berlin für die Kapitulation verantwortlich gewesen. Diese Legende, die ja von der Nazipropaganda gebetsmühlenartig aufgegriffen wurde, war im Zweiten Weltkrieg weithin anerkannt, auch unter den Alliierten. Daraus ergaben sich zwei Konsequenzen: erstens musste der alliierte Sieg diesmal "überzeugend" ausfallen, daher auch die Forderung nach bedingungsloser Kapitulation der Achsenmächte. Und zweitens: die Dolchstoßlegende führte dazu, dass der Moral der Heimatfront ein sehr hohes Gewicht beigemessen wurde. Schließlich hatte die Heimatfront der Legende zufolge zur deutschen Kapitulation 1918 geführt! Die logische Konsequenz war einerseits die Ausplünderung der deutsch besetzten Gebiete, um die deutsche Heimatfront ruhigzustellen; bis 1945 waren die deutschen Rationen die höchsten in Europa. Und zweitens wurden natürlich große Hoffnungen auf die alliierten Bombenangriffe und deren Auswirkungen auf die Moral der Deutschen gesetzt, allerdings vergebens - und umgekehrt erwarteten sich die Deutschen auch noch ähnliche Erfolge von den Bombardierungen Englands, sei es 1940 mit Flugzeugen oder 1944/45 mit V1 bzw. V2.

Eine dritte Konsequenz aus den Erfahrungen im Ersten Weltkrieg war der grundlegende strategische Dissens zwischen den Westmächten 1942-1944. Nach Operation Torch, der Landung amerikanischer und britischer Truppen in Nordafrika 1942, und dem dortigen Bewegungskrieg gegen Rommels Afrikakorps folgte die Invasion Siziliens und Italiens und das langsame Vordringen nach Norden. Gleichzeitig wurde aber die Invasion in der Normandie geplant. Sollte diese Invasion durchgeführt werden, oder sollten lieber Ressourcen nach Italien gebracht und Europa von Süden her aufgerollt werden? Die USA waren der Meinung, der Angriff auf die Normandie sollte auf jeden Fall durchgeführt werden - das Vordringen in Italien ging sehr langsam vor sich, und bis diese Truppen nach Deutschland vordringen könnten, standen ja noch die Alpen im Weg. Und wenn all das zu lange dauerte, könnte sich die immer im Raum stehende Gefahr eines Separatfriedens Deutschlands mit der Sowjetunion konkretisieren. Die Engländer hingegen erinnerten sich einerseits daran, wie sie vor nicht allzu langer Zeit in Frankreich und Griechenland vom Kontinent verdrängt worden waren - ein weiteres Debakel, diesmal in der Normandie, wäre politisch katastrophal gewesen - andererseits aber auch an die Blutmühlen in Frankreich 1914-1918, die viele Kommandeure selbst miterlebt hatten. Weinberg zitiert hier einen Brief von General Sir Hastings Ismay an Field Marshal Archibald Wavell, in der Ismay darauf hinweist, dass vielerorts ein Blutbad wie an der Somme und bei Passchendaele (in Deutschland als "Dritte Flandernschlacht" bekannt) erwartet wurde - bezeichnenderweise beides Schlachten vor dem Kriegseintritt der USA 1917, die zwar im britischen, aber nicht im US-amerikanischen Bewusstsein verankert waren.

Neben all diesen "großen Zusammenhängen" geht Weinberg aber auch teilweise detailliert auf einige mir neue Facetten des Krieges ein. Neu war mir beispielsweise, dass die Führungsspitze der Wehrmacht, alle Feldmarschälle und ein guter Teil der Generalität, systematisch von der Naziführung bestochen wurden, um ihre Loyalität zu sichern. Dies ging so weit, dass Generäle die Zeit für ausgiebige Besichtigungstouren in den eroberten Ostgebieten fanden, um mögliche Landgüter auszusuchen, die ihnen übertragen werden sollten. Oder auch: Hitler hoffte bis zuletzt - in dieser Meinung unterstützt von Dönitz, den Hitler testamentarisch zum Reichspräsidenten und Oberbefehlshaber bestimmte - dass die neuen U-Boot-Klassen XXI und XXIII den Krieg doch noch zu Deutschlands Gunsten entscheiden würden, indem sie den Nachschub der Westalliierten abschneiden würden. Aus diesem Grund igelte sich die Heeresgruppe Kurland in Lettland ein, während die Rote Armee weiter nach Westen vordrang: es galt, möglichst lange das Baltikum für Probefahrten und Ausbildung der neuen U-Boot-Besatzungen frei von sowjetischen Schiffen zu halten, und dazu mussten vor allem die baltischen Häfen gehalten werden. Und das auch um den Preis einer Einkesselung von mehreren 100.000 Soldaten, die zurückgenommen hätten werden können. In diesem Zusammenhang räumt Weinberg auch mit dem Gerücht auf, Hitler hätte auch militärisch gebotene Rückzüge stets verboten. Wie die Beispiele Griechenland und Jugoslawien sowie Südwestfrankreich zeigen, stimmte er Rückzügen durchaus zu, wenn politisch "saubere" Offiziere dafür plädierten, denen Hitler vertraute, etwa Jodl oder Guderian.

Weinbergs Buch beleuchtet vielerlei Ereignisse und Entscheidungen im Zweiten Weltkrieg und stellt sie in den Zusammenhang der Umstände und vorherrschenden Ansichten 1939-1945, die uns im Jahre 2009 teilweise fremd bis unverständlich sind. Allerdings ist das Buch mit seinen über 900 Seiten Text und 180 Seiten Quellenangaben nicht ganz leicht verdaulich. Die großen Schlachten werden recht kurz beschrieben, und für das Verständnis etwa der verwirrenden Schiffsbewegungen der Seeschlacht bei Leyte wären ein paar detailliertere Karten nützlich gewesen; das Kartenmaterial beschränkt sich auf einige lieblose und wenig informative Zeichnungen, in denen man gerade einmal die Lage großer Städte erkennt - allerdings habe ich nur die Ausgabe von 1994, die Neuausgabe mag da besser sein und sollte auch einige neue Informationen aus mittlerweile geöffneten sowjetischen Archiven beinhalten. Man sollte also eine gewisse Vertrautheit mit den groben Eckdaten des Zweiten Weltkriegs mitbringen; auch "Vichy-Frankreich" wird wiederholt erwähnt, bevor erklärt wird, was dieser kleine Kurort mit Restfrankreich zu tun hatte. Insofern ist A World At Arms wohl kein Buch für deutsche Neuntklässler, aber mit einigen Vorkenntnissen und Durchhaltevermögen liest man es mit viel Gewinn.




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Gorgasal und Obama (3): Kinderstube

Heute war Präsident Obama in Oslo, um den Friedensnobelpreis entgegenzunehmen. Nun ist nicht jedem ganz klar, für welche Verdienste genau er den Preis zuerkannt bekam, aber darum soll es uns heute nicht gehen.

Uns soll es heute um Benimm gehen. Und um elementare Höflichkeit.

Anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises speist der Preisträger normalerweise mit dem norwegischen König zu Mittag und mit dem Preiskomitee zu Abend, besucht ein klassisches Konzert, besichtigt die Ausstellung im Nobel-Friedenszentrum, gibt eine Pressekonferenz und nimmt an einem von Kindern organisierten Friedensevent teil.

Welche dieser Termine hatte Obama eingeplant?

Keinen. Nur eine "Kurzaudienz" von 15 Minuten beim norwegischen König. (Bin ich der einzige, dem nicht ganz klar wird, wem hier eine Audienz bei wem gewährt wird?)

Nun hat der Präsident der USA natürlich nicht Zeit für alles und jeden, der Terminkalender ist voll, und obendrein sind die Sicherheitsvorkehrungen teuer und ein Heidenaufwand. Alles gewichtige Argumente. Aber ich kann mir die Feststellung nicht verkneifen, dass all das Obama nicht daran hinderte, in Kopenhagen für die Olympischen Spiele in Chicago zu werben.

Nach dem allgemeinen Aufschrei in Norwegen, Schweden, England und weiß Gott wo noch hat Obama jetzt für einen Teil der geplanten Festivitäten zugesagt. Aber die Frage bleibt: hat Obama denn überhaupt keinen Anstand? Keine Kinderstube? Oder als Alternative zu all dem nicht zumindest einen kompetenten Stab, der ihn vor den allerpeinlichsten Fettnäpfchen bewahrt?

Zumindest gegenüber König Harald hätte ich von Obama doch etwas mehr Höflichkeit erwartet - in Anbetracht seines bekannten Respekts vor gekrönten Häuptern.



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Zitat des Tages: "Jeder Haushalt zahlt monatlich 73 Euro". Über ökologische Romantik und die wahren Kosten des "Klimaschutzes"

Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hat die klimaschutzbedingte Kostenbelastung einer Durchschnittsfamilie für DIE WELT errechnet. Ökostrom- und KWK-Umlage, Biosprit-Beimischung und Ökosteuer summieren sich nach RWI-Rechnung bereits auf 35,1 Milliarden Euro pro Jahr. Jeder der 40 Millionen Haushalte in Deutschland trägt damit monatliche Klima-Abgaben von rund 73 Euro im Monat oder 877 Euro im Jahr. (...)

Man kann durchaus der Auffassung sein, dass Kosten von 80 oder 100 Euro pro Haushalt und Monat angemessen sind, um die Erderwärmung aufzuhalten. Man fragt sich allerdings, warum kein Politiker den Mut aufbringt, solche Zahlen einmal öffentlich zu nennen.


Daniel Wetzel gestern in "Welt- Online" unter der Überschrift "Die verborgenen Kosten des Klimaschutzes".


Kommentar: Ist das wirklich eine schwierige Frage, warum kein Politiker den Mut aufbringt, solche Zahlen zu nennen? Wenn die Bürger wüßten, was sie schon jetzt tatsächlich für den sogenannten Klimaschutz zahlen - und wir sind ja erst am Anfang -, dann würde es möglicherweise eine Debatte darüber geben, welche dieser Kosten denn sinnvoll sind und welche nicht.

Dazu "Spiegel- Online" mit Bezug auf den gedruckten "Spiegel" dieser Woche:
Die Regierung fördert Solarstrom mit riesigen Beträgen - und begeht damit einen riesigen Fehler, warnt der Wirtschaftsweise Christoph Schmidt. (...)

Nach Rechnung von Schmidt summieren sich die Nettokosten für alle von 2000 bis 2008 installierten Anlagen über die Laufzeit von 20 Jahren auf rund 35 Milliarden Euro. Bliebe die Subventionierung unverändert, ergäben sich bis 2010 Kosten von gut 53 Milliarden Euro. Die Produktion von Solarstrom sei die teuerste aller Technologien, um CO2 zu vermeiden, so Schmidt: "Die Ausgaben sind enorm." (...)

Im SPIEGEL-Interview widerspricht der Ökonom der Vorstellung, die Photovoltaik habe eine positive Wirkung für das Klima und die Volkswirtschaft. Was man im Rahmen des EEG an CO2-Emissionen spare, werde an anderer Stelle ausgestoßen, sagt Schmidt - die Emissionen würden lediglich verlagert: "Die Umweltwirkung ist also gleich null."
Die immense Subventionierung der Photovoltaik ist ein Erbe aus der Zeit der rotgrünen Regierung, als nicht die Ökonomie und auch nicht die Ökologie, sondern allein die Symbolik zählte.

Man berauschte sich an einer Energie, die sozusagen zum Nulltarif zu haben sei, denn die Sonne scheint ja jeden Tag, ganz kostenlos. Mutter Natur schenkt uns diese Energie; das war die romantische Vorstellung. Die wahren Kosten, jenseits aller Symbolik, interessierten damals kaum jemanden; auch heute dürften viele Deutsche sie nicht kennen.

Und auch der wahre Charakter des Emissionshandels ist kaum bekannt: Keine Maßnahme zur Einsparung von CO2 spart auch nur ein einziges Gramm CO2 ein, denn die Gesamtmenge an CO2 wird innerhalb der EU durch den Emissionshandel festgelegt.

Wird irgendwo weniger CO2 ausgestoßen, dann hat das allein den Effekt, daß es anderswo entsprechend mehr sein darf. Darauf weist der Wirtschaftsweise Christoph Schmidt hin; und darauf habe ich in diesem Blog auch schon hingewiesen: Deutschland im Öko-Würgegriff (15): "Spiegel-Online" deckt einen Umweltskandal auf. Und den dazugehörigen Meta- Skandal; ZR vom 10. 2. 2009.



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9. Dezember 2009

Wie zynisch ist die Afghanistan-Politik von Präsident Obama? Eine Analyse von George Friedman und die Perspektive der Dschihadisten

Zu den Stärken von George Friedman, auf dessen Aufsätze zur Sicherheitspolitik in Stratfor ich schon oft aufmerksam gemacht habe, gehört der Wechsel der Perspektive. Er analysiert ein weltpolitisches Problem, indem er die Lage aus der Sicht der einzelnen Beteiligten untersucht. Das ist oft spekulativ, aber doch immer lesenswert.

In Stratfor vom 7. 12. 2009 analysiert er die Weltlage aus der Sicht der Dschihadisten, also der islamistischen Terroristen, deren wichtigste Organisation die Kaida ist. Ich fasse im folgenden die Argumentation Friedmans zusammen, ohne sie mir unbedingt zu eigen zu machen:

Das Ziel ist die Eroberung der Macht in den sunnitischen Ländern, mit dem schließlichen Ergebnis der Errichtung des neuen Kalifats. Die Dschihadisten wollen das durch Erhebungen der Massen erreichen, die zum Sturz der jetzigen Regierungen führen.

Diese Regierungen werden überwiegend von den USA gestützt. Die Anschläge des 11. September sollten den Massen in diesen Ländern beweisen, wie verwundbar die USA sind, und folglich auch diese Regierungen.

Man rechnete mit Gegenschlägen der USA, von denen man aber annahm, daß sie eher zu einer verstärkten Ablehnung der USA durch die islamischen Massen führen würden.

In den acht Jahren seit 9/11 ist aber etwas anderes eingetreten: Die Regierungen dieser Staaten haben sich den USA weiter angenähert und beteiligen sich jetzt aktiv am Kampf gegen die Dschihadisten. In keinem einzigen der sunnitischen Länder ist es zu Aufständen der Massen gekommen.

Zugleich war die Kaida gezwungen, die Struktur ihrer Organisation zu ändern:
The United States can strike the center of gravity of any jihadist force. It naturally cannot strike what doesn't exist, so the jihadist movement has been organized to deny the United States that center of gravity, or command structure which, if destroyed, would leave the movement wrecked.

Die Vereinigten Staaten können gegen das Gravitationszentrum jeder beliebigen dschihadistischen Streitmacht zuschlagen. Sie können natürlich nicht gegen etwas zuschlagen, das nicht existiert. Also wurde die dschihadistische Bewegung so organisiert, daß sie den USA das Gravitationszentrum, die Kommandostruktur verweigert, mit deren Zerstörung sie die Bewegung hätten in Ruinen legen können.
Diese, wie Friedman es nennt, "Fragmentierung" der Kaida bedeutet nun aber auch, daß sie im wesentlichen nur noch lokal agieren kann. Sie kämpft gegen einzelne Regierungen und versucht dabei, die USA möglichst in den Kampf zu ziehen.

Das aber, meint Friedman, spielt den USA in die Hände. Das Ziel der USA ist es, das eigene Land vor Anschlägen wie dem von 9/11 zu schützen und zweitens zu verhindern, daß die Dschihadisten irgendwo an die Macht gelangen. Das Ziel der USA ist es - so Friedman - aber nicht unbedingt, diese Länder zu stabilisieren.

Das sei zwar das ideale Ziel, aber in den meisten Ländern nicht erreichbar:
The second-best outcome for the United States involves a conflict in which the primary forces battling — and neutralizing — each other are Muslim, with the American forces in a secondary role.

Das zweitbeste Ergebnis für die USA besteht in einem Konflikt, in dem die hauptsächlichen Streitkräfte, die sich bekämpfen - und die einander neutralisieren -, Moslems sind, wobei die Streitmacht der USA eine sekundäre Rolle spielt.



Soweit Friedman. Das klingt zynisch. Friedman meint, daß es auch Obamas Strategie in Afghanistan sei.

Man muß zugeben, daß das, was ohne diesen Zynismus unvernünftig erscheint, dann Sinn macht:

Nehmen wir an, Friedman hat Recht und Obama strebt nicht mehr an, als daß in Afghanistan auf unbestimmte Zeit Moslems gegen Moslems kämpfen. Solange sie das aushalten, kann ein solcher Krieg den USA egal sein; nur dürfen die Dschihadisten und die Taliban nie siegen.

Also veranstaltet Obama jetzt einen Surge, der das bedrohte Gleichgewicht wieder herstellt; der also die Zentralregierung gerade genug stärkt, damit sie sich in einen endlosen Kampf gegen die Taliban und die Kaida begeben kann.

Wenn dies das Ziel Obamas sein sollte, dann allerdings macht es Sinn, daß er nach einem kurzen Surge aus Afghanistan abzieht.

Sein - nach dieser Hypothese - Ziel, daß danach ein endloser Kampf zwischen Moslems, mit allenfalls minimaler Beteiligung der USA, stattfindet, in dem die Dschihadisten aber nicht mehr siegen können, wäre wahrscheinlich erreicht.

Ich hätte mich dann mit meiner Kritik an Obamas Entscheidung (Obama zu Afghanistan; ZR vom 2. 12. 2009) geirrt. Sie wäre dann nicht, wie ich dachte, in sich inkonsistent, sondern sie wäre nur zynisch.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: NSF. Als Werk der US-Regierung in der Public Domain.

Zitat des Tages: "Steinmeier lächelt schief vor sich hin"

Steinmeier zeigt weniger Anspannung. Er hängt zurückgelehnt und mit verschränkten Armen in seinem Stuhl – und lächelt schief vor sich hin. Später wird er ein paar Gähner so gut es geht hinter der Hand verstecken. (...) Steinmeier knetet bei solchen Sätzen die Hände und starrt auf den Boden. (...) Steinmeier steht daneben. Etwas unbeholfen schäkert er mit einer Phoenix-Kamerafrau. Als die sich nach ein paar Sekunden wegdreht, schaut Steinmeier sich verloren um.

Aus einem Bericht in "Zeit- Online" vom 8. 12. 2009 über eine Veranstaltung der SPD an der FU Berlin, an der Steinmeier und der SPD- Vorsitzende Gabriel teilnahmen.


Kommentar: Wer ist es, der da den Fraktionsvorsitzenden der SPD als einen kraftlosen, unbeholfenen Schlaffi porträtiert (und den Vorsitzenden Gabriel übrigens als Jungdynamiker)?

Der Autor, dessen Adlerblick im Gesicht Steinmeiers ein "schiefes" Lächeln und ein "verlorenes" Sich- Umschauen zu erkennen vermag, ist derselbe, der auf einer anderen Veranstaltung erkannte, daß das Publikum "entschlossen schaut". Es ist jener Michael Schlieben, dessen Texte mir schon mehrfach aufgefallen sind; siehe In Jena ein Hauch Obama; ZR vom 29. 8. 2009.

Man sollte so etwas schon aufmerksam zur Kenntnis nehmen. Nachdem Müntefering und Steinbrück gekippt sind, ist Steinmeier der Letzte der Mohikaner. Der Letzte, der noch der kompletten Machtübernahme des Duo Infernale Nahles/Gabriel in der SPD im Weg steht.

Achten Sie bitte einmal auf solche Negativ- Berichte über Steinmeier; und achten Sie darauf, wer sie schreibt.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

8. Dezember 2009

Klimaschutz als Religionsersatz. Und die Kirchen machen mit. Ein Gastbeitrag von Herr

Religion hat es nach Paul Tillich (1886 – 1965), einem der wichtigsten Theologen des vergangenen Jahrhunderts, mit dem zu tun, "was uns unbedingt angeht" (in seinen englischsprachigen Veröffentlichungen "ultimate concern"). Ich möchte zeigen, dass diese Sicht auf Religion auch geeignet ist, die Öko- und insbesondere die Klimaschutzbewegung als quasireligiöses Phänomen zu beschreiben ('quasi-' deshalb, weil diese Bewegung sich selber nicht explizit als religiös versteht).

Zweifellos geht es dabei Millionen von Menschen um ein "unbedingtes Anliegen", die Rettung der Welt vor dem drohenden Klimakollaps bzw. im weiteren Sinne der Ökoreligion vor der Zerstörung der menschlichen Lebensgrundlagen. Der quasireligiöse Charakter zeigt sich schon in der Qualität dieses Anliegens: Es geht um nicht weniger als die Rettung der Welt. In der Vergangenheit war diese göttlichen Rettergestalten vorbehalten; heute fühlt sich der Mensch selbst dazu berufen.

Zur Religion gehören zumeist bestimmte Lehren und Dogmen. Im Christentum als für uns nächstliegender Bezugsreligion geht es kurz gesagt darum, dass der Mensch auf Grund eigenen Verschuldens das ewige Leben verloren hat; aber es gibt eine Rettung, wenn er Buße tut, glaubt und fortan nach der christlichen Lehre lebt.

Die Lehre der Ökoreligion lautet ganz analog: Der Mensch zerstört auf Grund eigenen Verschuldens die Welt und damit das Fortleben künftiger Generationen; aber es gibt eine Rettung, wenn er alsbald Buße tut und fortan anders lebt als bisher. Es geht um Rettung aus der Apokalypse. Der eschatologische Zug ist unverkennbar.

Für die Details gibt es so was wie ein Lehramt (vielleicht repräsentiert durch das IPCC). Es argumentiert wissenschaftlich, aber auf Grund unhinterfragbarer Dogmen. Eine gewisse Bandbreite an Interpretationen wird zugelassen; alles, was darüber hinaus geht, ist Ketzerei.

Ketzerei deshalb, weil es ja nicht um wertfreie Überzeugungen von Wahr oder Falsch geht, sondern weil daran das Heil, die Rettung der Welt hängt. Deshalb müssen zur Not auch die Fakten uminterpretiert oder ignoriert und Gegner mundtot gemacht werden. So ist das auch bei der Klimareligion.

Jede Religion hat ihre Priester und ihre Propheten, ihre Heiligen und ihre Narren, ihre Gläubigen und ihre Ketzer. So ist das auch bei der Klimareligion.

Religion äußert sich in einer bestimmten Moral und Ethik. Durch nichts wird zur Zeit das Verhalten der Menschen stärker zu beeinflussen versucht als durch die Öko- Moral. Es wird dazu aufgerufen, für den Klimaschutz Verzicht zu üben. Diese Ethik hat – typisch für religiöse Ethiken – vor allem asketische Züge. Und wie im Mittelalter gibt es Wege, sich von den Sünden per Ablass freizukaufen: durch Ökosteuern im Kleinen und Verschmutzungszertifikate im Großen.

Religion hat natürlich auch ihren Kult, ihre Rituale. Eine Klimakonferenz wie in Kopenhagen gleicht einer Wallfahrt oder vielleicht sogar einem Konzil. Zwischen solchen ausgemachten Höhepunkten gibt es kleinere Rituale: die regelmäßige Veröffentlichung von bedrohlichen Daten zum Beispiel. Oder die Inszenierung von kleinen Erfolgen auf dem Feld erneuerbarer Energien.



Wie steht nun die christliche Altreligion zur neuen Öko- und Klimareligion? Sollte sie in ihr nicht eine Konkurrentin erblicken? Ein unbedingtes Anliegen lässt seinem Begriff nach kein anderes unbedingtes Anliegen neben sich zu, oder, wie Jesus sagte: "Keiner kann zwei Herren dienen." Insofern sollte man bei den Kirchen einen starken ideologiekritischen Impuls gegen die ökologische Neureligion vermuten.

Das wäre allerdings, wie wir wissen, weit gefehlt. Die Kirchen haben sich schon vor über zwei Jahrzehnten "Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung" auf die Fahnen geschrieben. Damit verfolgen sie Anliegen, die im Sinne der christlichen Lehre eigentlich keinen Unbedingtheitsanspruch haben.

Über Frieden und Gerechtigkeit ist jetzt nicht zu reden. Zur Bewahrung der Schöpfung verfügt die Kirche aber eigentlich über eine eigene Lehre, und diese besagt, dass nicht der Mensch, sondern Gott, seine Schöpfung bewahrt. Und das nicht zweckfrei und für alle kommenden Generationen, sondern bis zur kommenden Erlösung und Vollendung der Welt, die wiederum der Mensch nicht selbst schaffen kann.

Die Christen im zweiten Jahrhundert haben gebetet: "Es vergehe die Welt und es komme dein Reich". Sie hätten sich gewundert, wie wenig sich die Christen von heute um das Kommen des Reiches Gottes sorgen und wie sehr um die Erhaltung der Welt.

Nun ist das Christentum heute nicht mehr das des zweiten Jahrhunderts. Keiner wird sich nach dem Weltuntergang sehnen. Aber eine Stimme, die aus einer gläubigen Gelassenheit heraus die Lage nüchterner und ohne religiöse Überhöhung beurteilt, das könnte die Kirche schon sein. Wenn wir es in diesen Tagen wieder hören oder singen: "Christ, der Retter ist da", dann weiß ich als gläubiger Mensch, dass ich nicht selber die Welt retten muss, und das finde ich sehr beruhigend.



© Herr. Der Autor ist evangelischer Theologe. Für Kommentare bitte hier klicken.

Marginalie: Was die Konferenz von Kopenhagen mit der Hirnforschung zu tun hat. Und was mit Ziegeleien in Bangla Desh

Zuerst das mit den Ziegeleien in Bangla Desh. Es ist so absurd, daß Sie es vielleicht nicht glauben werden. Aber ich habe es aus absolut seriöser Quelle, nämlich aus der aktuellen Nummer von Science News; der Internet- Ausgabe vom 5. 12. 2009.

Es geht um einen dieser "Fußabdrücke" (footprints), die meßbar machen sollen, welche "Klimabilanz" ein bestimmtes Produkt oder ein Verhalten aufweist; siehe Über Fußabdrücke und die Metaphysik der "Klimabilanz"; ZR vom 27. 5. 2008. Gern drückt man das in Tonnen CO2 aus, die der Atmosphäre zugeführt werden.

Das wurde nun auch für die Kopenhagener Klimakonferenz gemacht. Eine zuständige Einrichtung der UNO, die UNFCCC, schätzt, daß diese Konferenz alles in allem für ungefähr 40.000 Tonnen mehr CO2 in der Atmosphäre verantwortlich sein wird.

Hauptsächlich wegen des Flugbenzins, das benötigt wird, um die Delegierten aus allen Gegenden der Welt heranzuschaffen. Aber es müssen auch Systeme zur Kommunikation mit den 192 Heimatländern aufgebaut werden, die Konferenzsäle müssen beheizt und beleuchtet werden und dergleichen mehr. Das kostet alles nun einmal Energie.

Was tun? Die dänische Regierung, vertreten durch ihre Energie- Agentur, und die Weltbank haben sich mit einer Investment- Bank in Bangla Desh zusammengetan. Es soll Geld für die Modernisierung von zwanzig Ziegeleien rund um Dhaka bereitgestellt werde. Diese stellen ihre Ziegel dann mit einem geringeren Ausstoß an CO2 her; und die Welt ist wieder in Ordnung.

Die Frage, was das eine mit dem anderen zu tun hat und ob man die Modernisierung der Ziegeleien nicht auch ohne die Konferenz von Kopenhagen hätte finanzieren können, scheint sich niemand gestellt zu haben.



Der zweite Artikel - ein längerer Aufsatz zur Hirnforschung von Laura Sanders -, steht in derselben Internet- Ausgabe von Science News, ist aber der gedruckten Ausgabe mit Erscheinungsdatum vom 19. Dezember entnommen (Band 176, Nr. 13, S. 16).

Auf den ersten Blick geht es um ein ganz anderes Thema als das Klima, nämlich die Methode, mittels funktioneller Kernspin- Tomographie (fMRI) die Aktivität einzelner Areale im Gehirn zu messen und daraus Folgerungen für die physiologischen Grundlagen psychischer Prozesse abzuleiten.

Ich habe diese Methode in einem früheren Artikel beschrieben (Über die Fortschritte der Hirnforschung in einem halben Jahrhundert; ZR vom 10. 7. 2009). Sie ist im einzelnen physikalisch sehr kompliziert, läuft aber im Kern darauf hinaus, zu messen, wieviel sauerstoffreiches Blut einem Areal zugeführt wird.

Je höher die Aktivität der Nervenzellen, umso mehr Sauerstoff wird benötigt; und das Gehirn verfügt über Mechanismen, die Zufuhr schnell und effizient dem Bedarf anzupassen. Man kann sich das wie auf einem freien Markt vorstellen, auf dem die Nachfrage bestimmt, was in welcher Menge angeboten wird.

Dieses Verfahren ist seit seit einigen Jahrzehnten ein Standard- Verfahren der Hirnforschung. Laura Sanders berichtet nun über eine Reihe von aktuellen Publikationen, die schwere Zweifel an ihm wecken; jedenfalls an vielen Resultaten, die mit ihm gewonnen wurden.

Man hat beispielsweise "erhöhte Aktivität" im Gehirn eines Versuchstiers "gemessen", das bereits tot war. In einer anderen Untersuchung wurden Probanden wiederholt zufällig auf zwei Gruppen verteilt, und man fand "signifikante" Unterschiede zwischen diesen Gruppen.

Es würde zu weit führen, hier diese methodischen Probleme im einzelnen darzustellen. Falls Sie an Neurophysiologie interessiert sind, dann empfehle ich Ihnen sehr die Lektüre des Artikels.

Es hat sich jedenfalls gezeigt, daß viele Untersuchungen mit dieser Methode so angelegt sind, daß man das findet, was man sucht. Beliebt ist das Verfahren (das man Studenten im Statistikkurs auszutreiben versucht), zunächst einmal aus dem Wust der Daten die auffälligen herauszufischen und diese dann auf einen signifikanten Unterschied zu anderen Daten zu testen. Eine Metaanalyse von 53 Untersuchungen ergab, daß dieser Fehler in 28 von ihnen begangen worden war. Eine zweite Metaanalyse lieferte ein ähnlich bedenkliches Ergebnis.

Damit sind wir bei Klimamodellen.

In einer normal funktionierenden Wissenschaft kommt es zu solchen Fehlern, weil Wissenschaftler auch nur Menschen sind, die gern etwas Neues herausfinden wollen, die also nach deutlichen, publikationsfähigen Resultaten suchen. Das gehört nun einmal zum Wissenschaftsprozeß.

Aber zugleich gibt es in einer normal funktionierenden Wissenschaft eine ständige gegenseitige Kontrolle. Alle Kritikpunkte, die Laura Sanders darlegt, wurden von Forschern vorgetragen, die selbst auf diesem Gebiet in führender Position arbeiten. Es ging ihnen selbstverständlich nicht darum, ihre eigene Disziplin zu diskreditieren, sondern sie besser zu machen.

So sollte es in der Klimaforschung auch sein. Aber faktisch ist es so, daß viele Forscher sich auf eine Überzeugung - die vom menschengemachten Klimawandel - geeinigt haben, die sie nicht mehr zur Disposition stellen. Der Prozeß der ständigen gegenseitgen Kritik funktioniert nicht mehr so, wie er sollte.

Die Klimaforschung hat es ungleich schwerer als die Neurophysiologie, zu prüfen, ob ein Modell stimmt, weil sie nicht experimentieren kann. Hier wäre der ständige Prozeß wissenschaftlicher Kritik also besonders vonnöten.

Nichts davon werden wir aus Kopenhagen hören. Eine der problematischsten Wissenschaften; eine, die auf besonders schwankendem Boden steht, wird gegenüber der Öffentlichkeit so präsentiert werden, als sei sie in der Lage, mit großer Gewißheit in die Zukunft zu blicken. Wacklige Modelle werden als Abbildung der Realität verkauft werden.

Und diejenigen, die versuchen, das in jeder Wissenschaft Normale zu tun, nämlich Daten und Theorien kritisch zu prüfen, werden als Ignoranten und Bösewichter hingestellt werden.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

7. Dezember 2009

Marginalie: Gefährden diese Produkte unsere Gesundheit? Schaden sie dem Weltklima und der Umwelt?

Das sind Fragen, die Sie anderswo erwarten, aber vermutlich eher nicht hier in ZR.

Ich will sie auch gar nicht stellen. Ich will nur darauf aufmerksam machen, daß sie seltsamerweise in der Öffentlichkeit kaum gestellt werden. Jedenfalls nicht in dem Ausmaß, in dem man das bei anderen Produkten erwarten würde.

Das Produkt, um das es geht, sind aber Energiesparlampen.



Bei Volker Panzer trafen sich gestern, wie immer zu später Stunde im "Nachtstudio" des ZDF, vier Wissenschaftler aus verschiedenen Gebieten, um zum Thema Licht zu diskutieren.

Wie meist war es eine bunt gemischte Runde. Versammelt waren diesmal die Kulturwissenschaftlerin Beate Binder, der Physiker und Schriftsteller Ralf Bönt, der Aqua- Ökologe Klement Trockner und der Mediziner Alexander Wunsch.

Wie oft in dieser Sendung entspann sich unter der zurückhaltenden, dabei aber neugierig fragenden Moderation durch Volker Panzer eine interessante Diskussion. Man debattierte über die Bedeutung des Lichts; darüber, daß es auf der Erde durch Kunstlicht immer heller wird.

Und der Mediziner Alexander Wunsch wetterte gegen die Energiesparlampe. Nein, "wetterte" ist nicht ganz richtig. Er trug nur unerbittlich Argument nach Argument gegen die Energiesparlampe vor.

Es war ihm anzumerken, daß er das alles schon oft gesagt hatte. Es ist in der Tat sein Thema seit Jahren. Hier finden Sie seine Homepage. Seine wissenschaftliche Argumentation können sie in dieser Stellungnahme gegenüber dem Umweltministerium nachlesen.

Griffiger und kürzer finden Sie dieselben Argumente in dieser Powerpoint - Präsentation, die Sie als PDF- Datei herunterladen können. Eine Zusammenfassung und Ergänzung durch Argumente anderer Autoren bietet auch hier eine Stellungnahme von Prof. Mag. Albert Fischer vom "Österreichischen Institut für Licht und Farbe".



Die hauptsächlichen Argumente Wunschs gegen die Energiesparlampe liegen auf zwei Ebenen:

Erstens sei ihre Verwendung gesundheitsschädlich, weil sich die spektrale Zusammensetzung das abgestrahlten Lichts negativ auf das vegetative System des Menschen auswirke.

Zweitens seien sie umweltschädlich, weil sie nur mit hohem Energieaufwand zu produzieren seien und weil bei bei ihrer Produktion und Entsorgung schädliches Quecksilber frei werde. Gefährdet seien vor allem Arbeiter in beispielsweise China, wo diese Lampen überwiegend hergestellt werden.

Ich kann die Stichhaltigkeit dieser Argumente fachlich nicht beurteilen; so wenig, wie ich das im Fall der Klimatologie kann.

Von vornherein abwegig scheinen sie mir jedenfalls nicht zu sein; sie stützen sich überwiegend auf Forschungsergebnisse aus den letzten Jahren. Aber es mag sein, daß es gute - vielleicht bessere - Argumente gegen die Position von Wunsch gibt. Es mag sein, daß er ein Außenseiter ist, dessen Argumente der fachlichen Prüfung nicht standhalten.

Nicht darum geht es mir, sondern um die Reaktion der Öffentlichkeit.

Abwegige Ängste wie die Angst vor Handy- Strahlung werden breit diskutiert. Die Angst vor Schadstoffen in Kinderspielzeug führt zu grotesken Überreaktionen (siehe Läden sitzen auf unverkäuflicher Ware; ZR vom 7. 3. 2009). "Gifte in Lebensmitteln" sind ein Dauerthema.

Die Argumente gegen Energiesparlampen aber bleiben weitgehend unbeachtet. Sie sparen ja Energie, gehören also zu den Rettern der Erde. Da schweigen auf einmal alle Bedenken.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

Kurioses, kurz kommentiert: Das Ritual der Gottschalk-Verrisse. Versuch eines Blicks in die Seele des Zuschauers

Mag sein, daß "Spiegel- Online" damit angefangen hat; inzwischen machen es jedenfalls fast alle: Wenn Gottschalk seine Sendung hatte, dann muß bis zum Sonntag Nachmittag ein Verriß im Blatt stehen; oder vielmehr in seiner Internetausgabe.

Bei "süddeutsche.de" lieferte Lilith Volkert gestern bereits um 8.20 Uhr ("Bitte, bitte, einen Wettskandal!"). In "Spiegel- Online" hatte Christoph Twickel um 10 Uhr 36 das Werk vollbracht ("Crazy auf Katzenfutter"). Bei "Welt Online" ließ sich Florian Stark bis 17.47 Uhr Zeit, bevor er seinerseits mit einer Wette einstieg ("Wetten, dass es diese Show nicht mehr lange gibt!").

Wieso diese Autoren so lang gebraucht haben, ist mir unerfindlich. Jeder hätte seine Kritik schon im Lauf der Woche schreiben und in den Stehsatz geben können; die Namen der Gäste und die Art der Wetten wären in ein paar Minuten hineingeschrieben gewesen.

Denn alles, was in derartigen Kritiken steht, ist ja in der Aussage identisch mit dem, was in jeder derartigen Kritik geschrieben wurde; was geschrieben werden wird, bis Gottschalk aufs Altenteil geht: Daß die Gäste gelangweilt sind und nur Promotion machen wollen. Daß die Wetten blöd sind. Daß Gottschalk seicht ist und geschmacklose Witze reißt.

Das ist alles so überraschend, wie daß es beim Bäcker Brötchen gibt und keine LED- Fernseher. Warum in aller Welt wird es uns - ist das nicht kurios? - immer wieder mitgeteilt? Ich weiß es nicht.

Ich habe aber eine Vermutung.



Offenbar gibt es für diese Art von Pseudokritik einen Markt. Vielleicht wollen manche Leute, die eine solche Sendung gesehen haben, sie anhand des Rückblicks noch einmal vor ihrem geistigen Auge vorbeiziehen lassen. Vielleicht interessiert es sie, ob der Praktikant oder Redakteur, der die Kritik verfaßt hat, die Sendung so wahrgenommen hat wie sie selbst.

Das erklärt freilich noch nicht, warum zum Ritual der erbarmungslose Verriß gehört. Möglichst süffissant; möglichst ironisch, soweit die sprachlichen und intellektuellen Mittel das Autors das erlauben.

Daß das vom Leser offenbar gern genommen wird, ist insofern überraschend, als er ja vermutlich am Abend zuvor ein Seher gewesen war. Warum genießt er es jetzt, etwas verhohnepiepelt zu lesen, das er doch freiwillig angesehen hatte?

Meine Vermutung ist, daß viele Leute ambivalent gegenüber solchen Sendungen sind. Sie mögen sie; aber sie schämen sich, daß das so ist. Sie finden, daß es im Grunde unter ihrem Niveau ist, sich Gottschalk anzusehen. Ihr Überich tadelt das. Wenn sie den Verriß lesen, dann wird dem Überich sozusagen Satisfaktion gegeben.



Ich schalte übrigens Gottschalk gern ein. Aber ich käme nie auf den Gedanken, mich vor die Glotze zu setzen, um ihm meine ganze Aufmerksamkeit zu widmen.

Er läuft bei mir im Hintergrund, während ich am Rechner beschäftigt bin. Damit ist, so scheint es, mein Überich zufriedengestellt.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

6. Dezember 2009

Ken Feinberg, Gehälterzar

Kenneth R. Feinberg
Die Bank of America kün­dig­te ver­gangenen Mitt­woch über­rasch­end an, das staat­liche Rettungs­geld in Höhe von 45 Milliard­en Dollar zu­rück­zu­zahl­en. Nach Meinung von Ana­lyst­en wird dies die Suche nach ei­nem Nach­folg­er des am Jahres­ende aus­scheid­en­den Chefs Ken­neth Lewis er­leichtern.
Am 22. Oktober hat Kenneth R. Fein­berg, der den barocken Titel Special Master for Troubled Asset Relief Pro­gram Executive Com­pen­sation trägt, näm­lich ver­fügt, daß die 25 best­ver­dienen­den Chefs jener sieben Firmen, die der Staat mehrmals vor der Pleite bewahrte, Ein­kommens­kürzungen von mehr als 50% zu ertragen haben, wobei die Geld­bezüge gedeckelt, Boni um 90% gekürzt und Ver­gütung haupt­säch­lich in Form lang­fristig zu haltender Aktien vor­ge­schrieben wurden.
(Einzelheiten stehen hier. Es handelt sich um die Firmen Citi­group, Bank of America, AIG, GM, Chrysler, GMAC und Chrysler Finan­cial. Das Troubled Asset Relief Program ist der Topf zur Sanierung notleidender Kredite, der am 3.10.2008 mit 700 Mrd. Dollar aus­gestattet worden ist.)
Eigen­artiger­weise scheinen diese Kürz­ungen nicht dem Zweck zu dienen, daß die be­treffen­den Herr­schaften nun weniger verdienen werden, sondern um sie zur Zurück­zahlung der Staats­hilfe zu bewegen, wodurch sie die Gehalts­kürzungen ver­meiden würden. So erläuterte am 22. Oktober der Finanz­minister Tim Geithner:
We all share an interest in seeing these companies return taxpayer dollars as soon as possible, and Ken today has helped bring that day a little bit closer.
Wir alle sind daran interessiert, daß diese Firmen die Steuer­gelder so rasch wie möglich zurückzahlen, und Ken hat uns heute diesem Tag ein wenig näher gebracht.
Dazu passt auch die jüngste Erklärung Geithners gegenüber dem Kongress, das 700 Mrd. Dollar-Programm "bald" zu beenden, und den nicht­ausgegebenen Rest wieder in den Staatshaushalt zurückfließen zu lassen.
Vorgestern erklärte nun Geithner andererseits, es sei geplant, die Bezahlung von Bank­managern "substantiellen Ein­schränkungen" (fundamental constraints) zu unterwerfen. Das alles klingt so, als wollte er den Pleitiers erst einmal eine Verschnauf­pause gönnen, um sie zur Rück­zahlung der Bailout­gelder zu bewegen, und später die Daumen­schrauben wieder fester­ziehen.
Soviel zu diesen Pirouetten.
Der Special Master Ken Feinberg wird in den Medien auch gern als pay czar, "Gehälterzar", tituliert, eine Bezeichnung, die in den USA eine längere, bis zum Ersten Weltkrieg zurückgehende Tradition hat.
Doch war es erst Franklin D. Roosevelt, der während des Krieges Sonder­beauftragte für allerlei Zwecke, die meist mit der Kriegs­wirtschaft zu tun hatten, einsetzte, etwa einen Öl-, Gummi- und Kriegs­schiff­zaren, insgesamt 19 solche prä­si­den­tiellen Ge­hilfen. Das kam den Zeit­genossen schon reichlich viel vor, und man erwartete bereits spöttelnd einen "Zar der Zaren" zum Zweck ihrer Koordi­nierung. Dazu kam es aber nicht. Über­haupt geriet das Zaren­wesen nach Roose­velt aus der Mode, zwischen 1945 und 2001 gab es nur 33 davon.
Bekannt wurde in dieser Zeit vor allem der Energiezar William E. Simon von 1973-74. Präsident Nixon gab ihm weit­reichende Voll­machten, er verglich seine Rolle als Kopf der Federal Energy Ad­ministration sogar mit jener Albert Speers für die deutsche Rüstungs­produktion während des Krieges - ein Vergleich, von dem Simon gar nicht sehr begeistert war. Auch das Wort "Zar" trifft in den Ver­einigten Staaten und vor allem bei den Zaren selbst immer wieder auf Vor­behalte, da es in amerikanischen Ohren fast so übel klingt wie "König".
Richtig in Schwung kam das Zaren­tum wieder unter George W. Bush, der 47 ernannte, darunter einen Drogenzaren, einen AIDS-Zaren, einen Abstinenz­zaren, einen Banken­rettungs­zaren, Vogel­grippe­zaren, Demokratie­zaren, Lese­zaren, Wissenschafts­zaren, Anti-Terrorismus­zaren, Kriegs­zaren, und auch einen Ge­bäude-Wetter­schutz-Zaren; den Obama behalten hat.
In seinem ersten Jahr ernannte Präsident Obama bereits 29 Zaren, den AfPak-Zaren Holbrooke, der sich um Af­ghanistan und Pakistan kümmert, einen AIDS-Zaren, mehrere Autozaren, einen Banken­rettungs­zaren, einen Staats­grenzen­zaren, einen Klima­zaren und eine Klima­zarin, eine Gesundheits­zarin und eine Häusliche-Gewalt-Zarin, einen Drogen­zaren, Wirtschafts­zaren, einen Öko-Job-Zaren, einen Zaren für die Schließung von Guan­tanamo, einen Industrie­zaren, Nahost­zaren, je einen Kon­junk­tur-, Techno­logie- und Terrorismus­zaren, einen für die Nicht­weiter­ver­breitung von Massen­ver­nichtungs­waffen, einen für städtische Belange, einen Infor­mations- und einen Geheim­dienst­zaren, einen Große-Seen-Zaren, einen Iran­zaren, einen Waffen­zaren, sowie Zaren für Spar­samkeit und Büro­kratie­abbau (falls ich die Begriffe performance und regulatory richtig verstanden habe). Wenn er so weiter macht, wird er am Ende seiner Amtszeit mehr als doppelt so viele Zaren ernannt haben wie alle Präsidenten vor ihm zu­sammen­ge­nommen.
Eigentliche Befugnisse haben diese Beauf­tragten nicht. Sie können jedoch faktisch Macht ausüben, indem sie direkten Kontakt zum Präsidenten haben und dieser hinter ihren Vorschlägen steht. Manchmal wächst aus dem Büro eines Zaren auch eine neue dauerhafte Büro­kratie; zum Beispiel ist die Drogen­kon­troll­be­hörde so entstanden.
Falls dieses Beauftragten­wesen wirklich im letzten Jahr­zehnt so stark ausgedehnt worden sein sollte - und nicht nur die Bezeichnung "Zar" für Ratgeber und Beauftragte des Präsidenten populär geworden ist -, dann hat das sicher et­was zu be­deuten.
Die Entstehung des Zaren­wesens im Krieg ist kein Wunder. Im Krieg tauchen immer wieder Probleme auf, die akut und mit hoher Priorität gelöst werden müssen. Da liegt es nahe, solche Aufgaben jemandem zu übertragen, der am normalen schwerfälligen Dienstweg vorbei Maßnahmen treffen kann. In ruhigen Friedens­zeiten ist es dagegen angemessener, nicht irgendwelche Fragen auf Kosten anderer mit Vor­rang zu behandeln, sondern möglichst allen Problemen gerecht zu werden. Der gleich­mäßige, auf Gesetzen basierende Umgang mit den öffentlichen Auf­gaben schafft zudem eine Rechts­sicherheit, die der Ad-hoc-Vorgehensweise solcher Zaren nun einmal nicht anhaftet.
Daß solche Kriegs­krisen­methoden im zivilen Bereich angewendet werden, kann man also schon bedenklich finden. Wird aus­gewählten Belangen eine über­triebene Wichtig­keit zugemessen, dann dürfte dies zu einer un­nötigen Ver­nach­lässigung anderer Bereiche führen - die Qualität der Staats­verwaltung verschlechtert sich insgesamt. Sollte andererseits die Zahl der Zaren nun tat­sächlich ins Unabsehbare wachsen, würde sich das wieder ausgleichen: ist alles top priority, dann hat gar nichts mehr Priorität, und die Krise ist vorüber.
Ebenfalls problematisch erscheint mir die Ko­ordinierungs­funktion der Zaren. Sie stehen meist außerhalb der Büro­kratie und bündeln die Ressourcen verschiedener Behörden. Nimmt nun der Koordinierungs­auf­wand zu, dann spricht das dafür, daß die Auf­gaben­ver­teilung der Behörden nicht mehr sachgerecht ist. Die büro­kratische Hier­archie dient ja bereits der Koordinierung der ein­zelnen Behörden. Wenn man nun eine zusätzliche Koordinierung der Koordinierer braucht, läuft etwas schief. In diesem Fall wäre ein neuer Ressort­zuschnitt sicher besser als die will­kürliche Koordinierung durch Sonder­beauftragte: vielleicht ja eine feine Auf­gabe für einen Ver­waltungs­auf­gaben­ver­teilungs­zaren?
Positive Seiten gibt es natürlich auch: wie sich die Zaren in ihrem Wirken auf den Präsidenten stützen müssen, so kann sich umgekehrt auch ein über­forderter Präsident auf seine Zaren stützen und einfach tun, was sie ihm vorschlagen. Statt Zaren könnte man sie dann Krücken nennen. Taugen sie einigermaßen etwas, braucht das Land nicht am Ver­sagen eines einzelnen Men­schen zu scheitern - und da Obama hier offen­kundig in die Spuren Bushs tritt, gibt es Hoffnung.
Und schließlich soll nicht übersehen werden, daß manche Kenner dieses Zarentum nur für faulen Zauber halten:
"There've been so many czars over last 50 years, and they've all been failures," said Paul Light, an expert on govern­ment at New York University. "Nobody takes them seriously anymore." (...) "We only create them because departments don't work or don't talk to each other," Mr. Light said, adding that creation of a White House post doesn't usually change that. "It's a symbolic gesture of the priority assigned to an issue, and I emphasize the word symbolic. When in doubt, create a czar."
"Es gab so viele Zaren in den vergangenen 50 Jahren, und sie sind alle gescheitert", meinte Paul Light, ein Politologe der New York Uni­versity. "Keiner nimmt sie noch ernst." (...) "Wir ernennen sie nur, weil die Behörden nicht funktionieren oder nicht miteinander reden", sagte Light, und fügte hinzu, daß ein neuer Posten im Weißen Haus daran nichts zu ändern pflege. "Es ist die sym­bolische Geste, daß ein Thema für wichtig gehalten wird, und ich betone das Wort 'symbolisch'. Wenn man nicht weiter weiß, ernennt man einen Zaren."
Wie beruhigend.


© Kallias. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Samuel Wantman. Frei unter GNU Free Documentation License, Version 1.2 oder später.


Deutschland im Öko-Würgegriff (20): "Hilft nur die Öko-Diktatur?" Über einen Aufsatz in der einst liberalen "Zeit"

Auf seiner Randspalte weist "Zeit-Online" auf neu aufgenommene Artikel hin; in numerierter Abfolge. Gegenwärtig steht dort ganz oben zu lesen: "Neu auf ZEIT ONLINE - 1. Klimagipfel in Kopenhagen - Hilft nur die Ökodiktatur?"

Der Aufsatz selbst, auf den damit aufmerksam gemacht wird, trägt eine leicht entschärfte Überschrift: Diese und der Vorspann lauten:
Klimagipfel in Kopenhagen - Ein bisschen Diktatur
Wie das deutsche Städtchen Marburg die Ökoherrschaft versuchte – und was Kanzlerin Merkel und Chinas Regierungschef Wen daraus für die Klimaverhandlungen lernen können
Es geht zuvorderst um einen Vorgang, der den Lesern dieses Blogs vertraut ist. Ich habe vor knapp zwei Jahren darüber berichtet (Deutschland im Öko- Würgegriff (4): Ein dreifach donnerndes Helau!; ZR vom 1. 2. 2008): In der von einem grünen Bürgermeister mit rot- grüner Mehrheit regierten Stadt Marburg sollte eine "Solarsatzung" verabschiedet werden, die es Besitzern eines Hauses vorgeschrieben hätte, auf ihren Dächern eine Solaranlage zu installieren. Auf eigene Kosten, versteht sich; bei einem Neubau ebenso wie bei der Sanierung eines Altbaus.

Darauf bezieht sich der Autor des Aufsatzes in der "Zeit" (dem aktuellen Heft 50/2009), den jetzt "Zeit- Online" übernommen hat. Es ist ein gewisser Frank Drieschner, über dessen journalistische Themen Sie hier mehr erfahren können.

Ich hatte die Sache seinerzeit nicht weiter verfolgt und entnehme nun dem Aufsatz von Drieschner, daß der zuständige Regierungspräsident in Gießen dem Spuk jedenfalls vorerst ein Ende gemacht hat, indem er diese Satzung kassierte.



So weit, so gut. Da hatte eine ideologisierte Stadtregierung massiv in das Eigentumsrecht ihrer Bürger eingreifen wollen, und das war von der Aufsichtsbehörde verhindert worden. Ein liberales Blatt hätte das erleichtert berichtet: Noch gibt es Schranken, die wildgewordene Behörden daran hindern, ihre Untertanen nach Belieben zu kujonieren.

Aber die "Zeit" ist ja längst kein liberales Blatt mehr; jedenfalls in vielen Bereichen nicht. Jedenfalls dann nicht, wenn es um den Klimawahn geht.

Der Autor Drieschner nämlich berichtet nicht nur bedauernd über die Entscheidung des Gießener Regierungspräsidenten ("... hier wagt ein kleiner Teil des Landes einen kleinen Schritt in die richtige Richtung – und geht damit angeblich schon zu weit? Man muss sich in die Details der Marburger Pläne vertiefen, um zu sehen, wie harmlos sie waren"). Sondern er schlägt auch kühn eine Brücke zur Kopenhagener Konferenz, ja zum Weltklima überhaupt.

Für Drieschner ist der Vorgang in Marburg nur ein Beispiel für einen generellen Sachverhalt:
Als der Weltklimarat vor zwei Jahren sein bislang bekanntestes Gutachten formulierte, gingen die Wissenschaftler wie selbstverständlich davon aus, dass ein Großteil der zukünftigen Energieeinsparungen als Folge des technischen Fortschritts quasi von selbst eintreten werde. Das Marburger Beispiel zeigt, wie aberwitzig optimistisch diese Annahme war. Selbst wo es eine Klimapolitik gibt, die sich auf eine Mehrheit gewählter Repräsentanten stützt, können sich die Bürger westlicher Demokratien mit Erfolg gegen den technischen Fortschritt wehren.
Wie viel besser haben es da die Chinesen:
Chinas Kommunisten sind die liberalen Skrupel westlicher Demokraten im Umgang mit ihren Bürgern fremd; bedenkenlos regieren sie selbst in die Ehebetten ihres Landes hinein. Und sie haben auf diese Weise die weltweit wirksamste Maßnahme zum Klimaschutz durchgesetzt, nämlich ihre Ein- Kind- Politik, ohne die China erheblich mehr Treibhausgase ausstoßen dürfte, als es das ohnehin schon tut.
Gewiß, China ist eine Diktatur; aber Drieschner sieht doch auch das Positive:
Es ist eine ironische Pointe des Streits um die Marburger "Ökodiktatur", dass dieselben Deutschen, die sich daheim selbst winzige Eingriffe in ihre Eigentumsrechte verbitten, nun hoffen müssen, dass Chinas Kommunisten ihrer Bevölkerung den Verbrauch fossiler Energieträger notfalls mit der ganzen Rücksichtslosigkeit und Konsequenz austreiben, zu der sie erwiesenermaßen fähig sind.



Von Zeit zu Zeit plädiere ich dafür, daß der Kommunist Wolfgang Harich endlich den Platz in der Geschichte erhält, der ihm zusteht.

Früher als die meisten seiner weniger intelligenten Genossen hatte Harich erkannt, daß die üblichen Rechtfertigungen für eine kommunistische Dikatur - "soziale Gerechtigkeit", eine angebliche Friedenspolitik - auf die Dauer nicht tragen würden. Wohl aber die ökologische. Aus der Erziehungsdikatur wollte Harich bereits 1975 die Ökodiktatur machen:
Wobei es dann selektiv zu unterscheiden gilt zwischen solchen Bedürfnissen, die beizubehalten, als Kulturerbe zu pflegen, ja gegebenenfalls erst zu erwecken bzw. noch zu steigern sind, und anderen, die den Menschen abzugewöhnen sein werden - soweit möglich, mittels Umerziehung und aufklärender Überzeugung, doch, falls nötig, auch durch rigorose Unterdrückungsmaßnahmen, etwa durch Stillegung ganzer Produktionszweige, begleitet von gesetzlich verfügten Massen- Entziehungskuren.
Das ganze Zitat und Erläuterungen zu Harich finden Sie hier.



Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen bisherigen Folgen dieser Serie findet man hier. Titelvignette: Schiffe sinken im Sturm. Gemälde von Ludolf Backhuysen (ca 1630). In der Public Domain, da das Copyright erloschen ist (Ausschnitt).

5. Dezember 2009

Marginalie: Wollen Sie einmal die Islamischen Emirate von Afghanistan kennenlernen?

So nämlich heißt die offizielle politische Organisation der Taliban, und hier ist ihre WebSite auf Englisch, täglich aktualisiert. Aufmerksam geworden bin ich darauf durch einen heutigen Artikel von Jane Jamison im American Thinker.

Überwiegend ist das öde Kriegsberichterstattung im Stil von "Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt ...". Aber es findet sich doch auch politisch Interessantes.

Mir ist beim Durchsehen zweierlei aufgefallen:

Erstens habe ich wenig von der mit religiöser Bedeutung aufgeladenen bombastischen Sprache sonstiger islamistischer Verlautbarungen gefunden. Sondern es überwiegt etwas, von dem ich dachte, daß es auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet sei: Die Sprache des "antikolonialistischen Kampfs", des "nationalen Befreiungskriegs".

Beispiel aus einem mit "Der Herausgeber" gezeichneten Artikel vom 14. November 2009 über die Ziele der Mudschaheddin:
As an Islamic liberation force, the Mujahideen of the Islamic Emirate represent aspirations of the Afghan masses who want to free themselves from the claws of colonialism. (...) They want to establish an Islamic system based on justice and equality and gain independence of the country where the Afghans will be owners of their own country and fate.

Als eine islamische Befreiungsarmee repräsentieren die Mudschaheddin des Islamischen Emirats die Sehnsüchte der afghanischen Massen, die sich aus den Klauen des Kolonialismus befreien wollen. (...) Sie wollen ein islamisches System errichten, das auf Gerechtigkeit und Gleichheit beruht, und sie sie wollen die Unabhängigkeit des Landes erringen, in dem die Afghanen die Herren ihres eigenen Landes und ihres Schicksals sein werden.
Das ist genau jene Mischung aus Nationalismus und egalitären gesellschaftlichen Tendenzen, die auch die "Nationalen Befreiungsbewegungen" der sechziger bis achtziger Jahre bestimmt hat.

Jedenfalls in diesem Internet- Auftritt geben sich die Taliban nicht als fundamentalistische Hinterwäldler, sondern als Revolutionäre in der Tradition von Ho Tschi Minh und Che Guevara. Natürlich kann das eine Strategie ihrer Propaganda sein.

Das zweite ist, daß man zwar zahlreiche Drohungen gegen die USA und vor allem die Briten liest (die als die eigentlichen Kolonialherren dargestellt werden), daß Deutschland aber ausgespart wird; jedenfalls habe ich keine Drohungen gegen Deutschland gefunden.

Die Strategie der Taliban scheint auch in diesem Punkt keineswegs mit derjenigen der Kaida deckungsgleich zu sein, die ja vor den Bundestagswahlen Deutschland massiv unter Druck zu setzen versucht hat; siehe Das deutsche Volk "fällt sein eigenes Urteil"; ZR vom 19. 9. 2009.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Der Vollständigkeit halber weise ich darauf hin, daß ich mich selbstverständlich vom Inhalt der verlinkten WebSites distanziere.

4. Dezember 2009

Bessere Anreize für Professoren? - Mehr Geld für Hiwis! Eine Anmerkung zur Quantität der Lehre

Bei den Kollegen vom ÖkonomenBlog fordert Dominique Döttling bessere Anreize für Professoren. Anreize nämlich, bessere Lehre anzubieten. Das Argument ist bekannt: "Professoren können durch gute Lehre ihre eigene Reputation kaum verbessern. Darum wird lieber geforscht und veröffentlicht, während die Lehre oft nur als notwendiges Übel angesehenen wird."

Daran ist viel Wahres. Wer will, der kann als Hochschullehrer die Lehre als lästige Routine behandeln und seine Kraft der Forschung widmen, oder vielleicht ja auch der Hochschulpolitik.

Viele allerdings geben sich viel Mühe mit der Lehre, weil sie nicht nur Karriere machen wollen, sondern weil sie Menschen mit Verantwortungsgefühl und mit Pflichtbewußtsein sind. Auch ist Lehren für viele etwas Schönes.

Nur - liegt das gegenwärtige Problem mit dem Bologna- Prozeß überhaupt bei der Qualität der Lehre? Ich kann das nicht erkennen. Es liegt bei der Quantität der Lehre.



Mit der Einführung der Bachelor- Studiengänge ist das Studium verschult worden; das war ja der Sinn der Sache. Nicht das gesamte Studium, aber eben das Studium bis zum Abschluß als Bachelor. Das anschließende Master- und Promotionsstudium ist davon nicht betroffen.

An die Stelle der klassischen Vorlesung sind Kurse getreten, zu denen ein Leistungsnachweis verlangt wird. Statt daß die Studierenden ein- oder zweimal im Lauf ihres Studiums in die Prüfung gehen, finden Semester für Semester studienbegleitende Prüfungen statt.

Das bedeutet eine Mehrbelastung der Lehrenden, die in der gegenwärtigen Diskussion so gut wie nicht zur Sprache kommt.

Zugleich sind die Anforderungen an die Qualität der Lehre nicht gestiegen, sondern sie sind gesunken.

Ein verschultes Studium benötigt nicht den Hochschullehrer, der durch eigene Spitzenforschung ausgewiesen ist, sondern den guten Didaktiker. In vielen Fächern geht man nach einem Lehrbuch vor, wie in der Schule. International ist das schon längst üblich.

Statt Anreize für Professoren zu schaffen, sollte man also - auch da in Anpassung an das, was international üblich ist - fortgeschrittene Studenten (graduate students) und vor allem Doktoranden in viel größerem Umfang in die Lehre einbeziehen. Das würde die Quantität der Lehre erheblich verbessern können und ihnen zugleich bei der Finanzierung ihres Studiums helfen.

In Deutschland hat sich für diese Lehrenden, die zugleich selbst noch Studierende sind, der häßlich Begriff Hiwis eingebürgert - "Hilfswillige"; ursprünglich eine Wortschöpfung der Nazis. Nun gut, er ist wohl nicht mehr zu beseitigen. Es müßte möglich sein und es wäre finanzierbar, daß jeder Masters- Student und jeder Doktorand in der Regel eine Hiwi- Stelle bekommt. Stipendien könnten dann gestrichen werden.



Was nun den Anreiz für die Professoren angeht - wenn man ihn denn für erforderlich hält -, gibt es ein ganz einfaches Mittel, das in der Geschichte unserer Universitäten eine lange Tradition hat: das Hörergeld.

Als ich Anfang der sechziger Jahre studierte, mußte ich für jede Vorlesung, für jedes Seminar, für jedes experimentelle Praktikum zahlen. Nicht pauschal, sondern so, wie man eben eine Dienstleistung kauft. Nur ganze wenige Veranstaltungen waren privatissime gratis.

Dieses Hörergeld erhielt der Hochschullehrer Semester für Semster abgerechnet, zusätzlich zu seinem Gehalt. Wenn er fair war, gab er es anteilig an seine Mitarbeiter weiter, falls diese an den Lehrveranstaltungen beteiligt gewesen waren.

Ich hatte damit Anspruch auf gute Lehre, für die ich ja schließlich bezahlte. Ich war nicht der arme abhängige Student, sondern König Kunde.

Und die Professoren hatten ein Interesse daran, gute Lehre anzubieten, denn sie wollten ja viele Kunden haben.

Als ich dann Mitte der sechziger Jahre auf die andere Seite wechselte, bin ich selbst in den Genuß der Hörergelder gekommen. Ein paar Jahre später wurden sie durch eine "Hörergeldpauschale" ersetzt, die dann irgenwann in die Besoldungsordnung eingearbeitet wurde.

Wenn jetzt Studierende wieder Studiengebühren zahlen, dann wissen sie nicht, an wen und für was. Ich kann verstehen, daß sie dagegen protestieren.

Sie sollen sich wieder die Dienstleistung ihres Prof kaufen dürfen, und sie sollen als zahlende Kunden damit das Recht erwerben, anständig bedient zu werden.



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Gorgasals Kleinigkeiten: Herr Platzeck hat Schmerzen


Aus der FAZ:
Nach mehreren Enthüllungen früherer Stasi-Verbindungen von Linkspartei-Abgeordneten in Brandenburg hat Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) einen Fehlstart der rot-roten Regierung eingestanden. Die Regierung sei ihrem Anspruch in den ersten Wochen nicht gerecht worden, sagte Platzeck am Freitag bei einer Sondersitzung des Landtags in Potsdam. „Das ist ein schmerzhaftes Eingeständnis.“

Ich persönlich finde es ja viel schmerzhafter, diese Stasileute in der Regierungskoalition zu haben, als selbiges lediglich einzugestehen. Aber Herr Platzeck hat offenbar eine zur meinigen orthogonale Schmerzschwelle.



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Kurioses, kurz kommentiert: "Die Polizisten konnten sich in Sicherheit bringen"

04. Dezember 2009. Mehrere Vermummte haben am späten Donnerstagabend eine Polizeiwache in Hamburg angegriffen. Die etwa zehn Täter hätten mit Steinen mehrere Fensterscheiben eines Polizeikommissariats im Schanzenviertel eingeworfen, sagte ein Polizeisprecher. (...) Die Polizeibeamten auf der Wache konnten sich in Sicherheit bringen.

Heute in FAZ.Net so zu lesen.


Kommentar: Eigentlich erübrigt sich ein Kommentar. Gewaltverbrecher greifen eine Polizeiwache an, und die Beamten nehmen sie nicht etwa fest, sondern "bringen sich in Sicherheit". Der Begriff der Sicherheitsorgane bekommt eine neue Bedeutung: Das sind diejenigen, die sich in Sicherheit bringen.

Nur bleibt einem das Lachen doch im Hals stecken. Wir stehen offensichtlich vor einer neuen Welle des Terrorismus. Linksextreme Gewalttäter testen im Augenblick, was sich der Staat alles gefallen läßt. Sie dürften sich ermutigt fühlen.

Nicht nur in Hamburg. In Berlin treten die Täter als, wie "Spiegel- Online" es verharmlosend nennt, "Zündler" auf; das heißt sie verüben Brandstiftung:
Die Autos brennen, doch kaum ein Täter wurde festgenommen oder gar verurteilt. Gegen vier Männer laufen in Berlin derzeit Ermittlungsverfahren wegen politisch motivierter Brandstiftung. Vier Haftbefehle wurden ausgesprochen, ihr Vollzug jedoch ausgesetzt.
Mit Brandstiftung begann bekanntlich der Terrorismus der siebziger Jahre. Es scheint, daß wir unfähig sind, aus der Geschichte zu lernen.

Das ist nun allerdings gar nicht kurios.



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Zitat des Tages: Wenn de denkst de hasdn hibbder ausm Kasdn

Officials from the Obama administration and the Pentagon tried on Thursday to reassure worried senators, telling them that plans to begin withdrawing American troops in July 2011 are definite, yet flexible enough to give American military commanders the discretion they need.

(Beamte der Regierung Obama und des Pentagon versuchten am Donnerstag beunruhigten Senatoren Sicherheit zu geben. Sie erklärten ihnen, daß die Pläne für den Beginn eines Abzugs der amerikanischen Truppen im Juli 2011 definitiv seien, aber flexibel genug, um den amerikanischen Militär- Kommandeuren den Spielraum zu lassen, den sie brauchen würden).

Erste Sätze eines Artikels von David Stout und Brian Knowlton in der gestrigen New York Times.


Kommentar: So ist sie, diese Regierung Obama. Es gibt keine klaren Ziele. Alles verschwimmt im Nebel des Ungewissen. Kaum glaubt man einmal eine belastbare Aussage erkannt zu haben, da wird sie schon wieder aufgehoben.

Dieser von seinem Amt heillos überforderte Präsident weiß nicht, was er will. Er weiß nicht aus, nicht ein. Kaum hat er etwas gesagt, da läßt er es sicherheitshalber schon wieder dementieren.

Wenn de denkst de hasdn hibbder ausm Kasdn, sagt der Hesse.

Daß das noch drei Jahre so weitergehen wird, ist ein Alptraum. Die USA werden aufatmen, die Welt wird aufatmen, wenn die Amtszeit dieses Dilettanten im Weißen Haus vorbei ist.



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3. Dezember 2009

Zitat des Tages: Hoch leben die Rechten in der Schweiz!

Wie immer man das Ergebnis dieser Volksabstimmung in der kleinen Alpenrepublik betrachten mag - allein die weltweite Aufregung zeigt, dass die Eidgenossen uns womöglich einen großen Dienst erwiesen haben. Sie haben eine notwendige Debatte eröffnet über Demokratie und Integration, über eine freie Gesellschaft und die Grenzen der Religion.

Das schreibt ausgerechnet in "Spiegel- Online" ausgerechnet der dortige Achtundsechziger vom Dienst Reinhard Mohr.


Kommentar: Ja guck.

Wir haben über die Jahrzehnte unsere eigene Kultur verleugnet, jede andere Kultur hingegen gepriesen.

Es war so etwas wie unsere Staatsreligion, daß man um Gottes Willen niemandem unsere abendländische Kultur nahebringen darf, hingegen die cultural diversity ganz wunderbar finden muß.

Wir haben uns geschämt, überhaupt Deutsche, Europäer, Christen zu sein.

Ja, logischerweise haben diejenigen aus anderen Kulturen, die kein derart pathologisches Verhältnis zu ihrer eigenen nationalen und kulturellen Identität haben, das sehr dankbar registriert.

Sie verhalten sich rational. Sie versuchen ihre Kultur durchzusetzen. So what?



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2. Dezember 2009

Gorgasal und Obama (2): Obama zitiert Eisenhower

Zitate von historischen Persönlichkeiten sind etwas Schönes. Man ordnet eigene Ansichten in einen historischen Kontext ein, man stellt sich sozusagen auf die Schultern von Riesen, man beweist Bildung (nun gut, genauer: die Redenschreiber beweisen, dass sie mit Zitatensammlungen umgehen können).

Und so hat auch Präsident Obama in seiner Rede zu Afghanistan, die Zettel bereits kommentierte, einen seiner Vorgänger zitiert: Dwight D. Eisenhower, seines Zeichens Oberbefehlshaber der alliierten Landung in der Normandie 1944 und nach dem Krieg Präsident der Vereinigten Staaten. Nicht wahr, so jemand wird genügend zitierfähige Weisheiten hinterlassen haben, die bei der Strategie in Afghanistan weiterhelfen können?

Und welches Zitat von Eisenhower bringt Obama?
Each proposal must be weighed in the light of a broader consideration: the need to maintain balance in and among national programs.

Jeder Vorschlag muss im Lichte einer umfassenderen Überlegung abgewogen werden: der Notwendigkeit, Ausgewogenheit innerhalb und zwischen nationalen Zielsetzungen zu bewahren.

Ein schwammigeres, lavierenderes Zitat haben Obamas Souffleure bei Eisenhower wohl nicht gefunden. Aber es passt gut zu Obama und seiner Präsidentschaft.

Fürs nächste Mal: Wikiquote hat mehr Auswahl.



© Gorgasal. Die Inspiration stammt von David Beito. Für Kommentare bitte hier klicken.

Marginalie: Obama zu Afghanistan

Soeben ist die Rede des Präsidenten in West Point zu Ende gegangen. Hier können Sie Obamas Rede im Wortlaut lesen.

Der Berg kreißte und gebar nicht einfach nur eine Maus, sondern ein verhuschtes, verloren wirkendes Mäuslein.

Ein Surge kann dann und nur dann funktionieren, wenn er eine psychologische Wirkung hat (siehe John McCain zu Afghanistan; ZR vom 23. 11. 2009). Der Feind und vor allem die Bevölkerung müssen durch ihn überzeugt werden, daß man zum Sieg entschlossen ist.

Einen Surge zu verkünden und zugleich mitzuteilen, daß man 2011 abziehen wird, ist unverantwortlich. Die Taliban, die Kaida wissen damit, daß sie nur bis 2011 durchhalten müssen, um der Sieger zu sein. Die Bevölkerung weiß das auch und wird sich auf ihre Seite stellen; was bleibt ihr übrig.

Obama konnte Afghanistan fallenlassen, so wie er Osteuropa den Russen überläßt, oder er konnte sich zum Kampf aufraffen. Er hat nicht das eine und nicht das andere getan.

Er verheizt seine Soldaten für eine Sache, die schon jetzt so gut wie verloren ist. Er hat wieder einmal bestätigt, daß er einer der unfähigsten Präsidenten ist, die jemals im Weißen Haus amtiert haben.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Ursprünglich wurde dieser Artikel als eine Kurzmitteilung mit einem längeren Nachtrag publiziert.

Marginalie: Michalski schleicht ums Haus

Zwei Insassen waren aus einem Gefängnis ausgebrochen. Sie haben sich irgendwie durchzuschlagen versucht; mit einer Chance, davonzukommen, die ungefähr so groß war wie sechs Richtige mit Zusatzzahl im Lotto.

Für jeden von uns war die Gefahr, vom Blitz erschlagen zu werden, größer als die, von Michalski oder von Michael Heckhoff ums Leben gebracht oder auch nur belästigt zu werden.

Aber es gab eine gewaltige Angst. Der Taxifahrer, mit dem ich gestern fuhr, hat mir erzählt, daß seine Zentrale alle Fahrer angewiesen hatte, ihre Fahrzeuge beim Warten von innen zu verschließen. Von Bekannten habe ich gehört, daß sie ihr Haus des nachts, so gut es ging, verbarrikadiert haben.

Nun also können wir alle aufatmen. Auch Michalski ist gefaßt. Der Wolf ist tot, der Wolf ist tot. Nun hat ein Ende alle Not.



Darum nämlich scheint es mir zu gehen: Die Angst, daß da ein Mörder herumschleicht und uns ans Leben will, ist uralt. Vielleicht geht sie zurück auf die Urangst der Hominiden, von Raubtieren gefressen zu werden. Jedenfalls steckt sie tief in uns.

Wir verhalten uns irrational, wenn eine solche Gefahr auftaucht. Auch wenn wir genau wissen, daß Michalski ein armes Schwein ist und nicht der böse Wolf.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.