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21. Oktober 2025

Der kleine Johannes und das große Wirtschaftswunder



„Ich will euch etwas von dem kleinen Johannes erzählen. Meine Geschichte erinnert zwar sehr an ein Märchen, aber dennoch ist alles in Wirklichkeit so geschehen. Sobald ihr das nicht mehr glaubt, sollt ihr nicht weiterlesen, denn ich schreibe dann nicht für euch. Auch dürft ihr nie zu dem kleinen Johannes darüber sprechen, wenn ihr ihm jemals begegnen solltet, denn das würde ihm Kummer bereiten und ich würde es bereuen, euch dies alles erzählt zu haben.“

Frederik van Eeden, Der kleine Johannes (1885/1887/1892/1906)


Namenswitze sind zurecht verpönt und man sollte sie sich tunlichst verkneifen, auch wenn es im Bereich der sozialen Medien mitunter en vogue ist, wie im Fall von Ursula-fond-of-Lying oder Greta Thunfisch. Manche Verehrer von Marcel Proust tragen es ihrem Idol bis heute nach, daß der Verfasser der „Suche nach der verlorenen Zeit“ sich in jungen Jahren ein mattes Wortspiel mit dem Namen seines Freundes Marcel Plantevignes erlaubt hat, als er seinen Namen zum Anlaß dafür nahm: „… Wenn ich Rebstockpflanzer hieße / ließ ich auf dem Balkon die Reben sprießen.“ Und dennoch … mitunter gilt der Satz Oscar Wildes: „I can resist anything but temptation.“ Johann Wadephul, seit jetzt 167 Tagen Nachfolger der glanzlosen Frau Baerbock im Amt des deutschen Außenministers, hat nämlich am Freitag aus Gelegenheit seiner Visite in der Türkei aus Anlaß des 64. Jahrestags des Anwerbeabkommen mit der damaligen türkischen Regierung ganz offiziell auf dem Twitter- (Entschuldigung: X)-Account des Auswärtigen Amtes dies erklärt, bzw. erklären lassen:



„Es waren Menschen aus der Türkei, die das Wirtschaftswunder möglich gemacht & Deutschland mit aufgebaut haben. Heute ist die #Türkei ein wichtiger strategischer Partner, sowohl innerhalb der NATO als auch der G20“ – @AussenMinDE im Gespräch mit @Hurriyet: 12:04 PM Oct 17, 2025


Wörtlich lautet der Passus aus dem Interview mit der Zeitung „Hürriyet“ (die sich übrigens mit „ü“ schreibt, liebes Social-Media-Team unseres Außenminderleisters), das das Auswärtige Amt am Freitag hochgeladen hat (immerhin in deutscher Übersetzung, was mittlerweile nicht mehr selbstverständlich scheint angesichts der Tipps zum Bürgergeld und zur Abschiebungsumgehung auf Arabisch, bei denen man auf deutsche Fassungen aus nachvollziehbaren Gründen verzichtet):

Frage:

Das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei wurde vor ca. 64 Jahren unterzeichnet. Was bedeutet die Beschäftigung dieser Menschen für Deutschland?

Johann Wadephul:

Das Anwerbeabkommen ist auch heute noch bedeutend und prägend für Deutschland. Es waren ganz entscheidend auch Frauen und Männer aus der Türkei, die mit harter Arbeit unter teils sehr schwierigen Umständen das sogenannte „Wirtschaftswunder“ möglich gemacht haben – sie haben das moderne Industrieland Deutschland mit aufgebaut. Das ist viel zu lange nicht ausreichend gewürdigt worden.


31. Mai 2023

Aldous Huxley, "Candide, wiedergelesen" (1923)





(David Low, "Aldous Huxley," Kariketur für den New Statesman and Nation. Die Zeichnung ist auf den 25. Novemmber 1933 datiert.)

Die Möbelwagen hatten ihre Fracht in unserem neuen Heim ausgeladen. Wir waren jetzt eingezogen – oder mußten uns zumindest so gut wie möglich in den Chaos, dem Schmutz und der Unordnung behelfen, so gut es ging. Einer der präraffaelitischen Maler (dessen Name mir gerade nicht einfällt), hat einmal ein Bild mit dem Titel „Der letzte Tag im alten Heim“ gemalt. Es bedürfte eines gröberen, härter geführten Pinsels, um die Schrecken des „Ersten Tags im neuen Heim“ zu schildern. Als ich mich voller Verzweiflung zwischen dem zusammengewürfelten Mobiliar hingesetzt hatte, fiel mir in einer offenstehenden Bücherkiste ein kleines ledergebundenes Büchlein ins Auge, der unter einer Menge größerer Bände hervorstach. Es war der „Candide“ – meine heißgeliebte Erstausgabe von 1759 mit seiner dezent albernen Titelseite: „Candide ou L‘Optimisme, Traduit de L‘Allemand de Mr le Docteur Ralph.“

Ein wenig Optimismus hatte ich dringend nötig – und da der gute Doktor Ralph bekanntlich einer der besten Lehrer in dieser Disziplin ist, nahm ich das Buch her und fing an zu lesen: „Il y avait en Westphalie, dans le Château de Mr la Baron de Thunder-ten-tronkh….“ Und legte den Band nicht aus der Hand, bis ich zum Schlußsatz „Il faut cultiver notre jardin“ gekommen war. Ich fühlte mich durch den Zuspruch von Dr. Ralph angeregt und aufgeheiert.

18. November 2016

Hofreiters Hühner

Grünen-Vorsitzender Hofreiter ist nicht nur ein extrem schöner Mann, sondern immer auch für originelle Aussagen gut. Zum Wahlkampfauftakt behauptet er nun:
"Deutsche Agrarpolitik für Flüchtlingskrise mitverantwortlich".
Konkret gemeint sind subventionierte deutsche Produkte, insbesondere Geflügelerzeugnisse, die in diversen afrikanischen Ländern verkauft werden und dort nach Meinung Hofreiters die Leute in die Flucht schlagen.

Nun haben Subventionen viele Nachteile. Insbesondere für die Leute, die sie bezahlen müssen - hier also die deutschen Steuerzahler. Dagegen profitieren die Leute, denen diese Gelder zugute kommen - hier also deutsche Bauern und afrikanische Konsumenten. Gerade in ärmeren Ländern sind die Ausgaben für Nahrungsmittel der teuerste Anteil der Lebenshaltung und jede Erleichterung ist hochwillkommen.
Nicht so glücklich wie ihre Landsleute sind natürlich afrikanische Hühnerzüchter, denen Geschäft entgeht. Aber diese Leute sollen nun so frustriert sein, daß sich sie zu Tausenden auf den Weg nach Europa machen?

Eigentlich eine ziemlich hanebüchene Behauptung, die Hofreiter natürlich auch nicht belegt. Aber hanebüchen oder nicht - das läuft unkritisiert und unrecherchiert durch die deutschen Medien.
Dabei ist es gar nicht so schwer, das nachzuprüfen.

23. September 2016

Marginalie: Wir schaffen das nicht. "Rückführung"

Manchmal sind es die kleinen, versteckten Meldungen, unauffällig in den hinteren Seiten der Printmedien verborgen, oder auf den Netzportalen der größeren Outlets allein durch eine kurze, kaum auusagekräftige Kurzzeile verlinkten Meldungen, die die gutes Korrektiv zu den allfälligen Spins des tagespolitischen Geschäfts bilden und diese erst in ein aussagekräftiges Verhältnis rücken. Wer vor gut zwanzig Tagen über die Aussage "unser aller Domina und Geiselnehmerin" (Michael Klonovsky) aufgeschreckt worden ist, das Gebot der Stunde heiße jetzt "Rückführung"  -

Das Wichtigste sei nun, abgelehnte Asylbewerber abzuschieben. Man müsse verstärkt auf die Sorgen der Bevölkerung eingehen, sagte sie laut Teilnehmerangaben. Um solchen Flüchtlingen helfen zu können, die wirklich Hilfe bräuchten, und die Akzeptanz dafür in der Bevölkerung zu erhalten, müsse man entschlossen jene in ihre Heimat zurückschicken, die nicht schutzbedürftig seien.
 „Für die nächsten Monate ist das Wichtigste Rückführung, Rückführung und nochmals Rückführung“, wurde Merkel zitiert. Es könnten nur jene bleiben, die wirklich verfolgt sind. (Die Welt vom 3. Sept, 2016)

- der darf sich beruhigt zurücklehnen. Bangemachen gilt nicht; auch für die Große Politik: the show must go on, und eine Gefahr zur Umsetzung einer solchen radikalen Umsteuerung der hierzulande geübten Praxis droht nicht einmal ansatzweise.

13. Oktober 2012

Aufruhr in Arabien (32): Ein Video zeigt die wahren Ziele der "gemäßigten" Regierungspartei Tunesiens, der Ennahda. Es sind die Ziele der Salafisten

Der "arabische Frühling" begann nicht im Frühjahr, sondern im Dezember; genauer: am 18. Dezember 2010, als es nach der Selbstverbrennung des Obsthändlers Mohamed Bouazizi im tunesischen Sidi Bouzid zu ersten Demonstrationen gegen das sozialistische Regime Ben Ali kam.

Der Scheinwerfer des internationalen Interesses war folglich zunächst auf Tunesien gerichtet; dann schwenkte er auf Ägypten, Libyen und aktuell Syrien. Demnächst könnte Jordanien in den Blickpunkt geraten.

In dieser Serie habe ich die Entwicklung dieser beiden Jahre mit Analysen und Kommentaren begleitet. In der Ankündigung der Serie im Januar 2011 konnten Sie zu Tunesien lesen:

17. Mai 2012

Frankreichs Wahljahr 2012 (11): Die Regierung ist ernannt, noch bevor die Nationalversammlung gewählt wurde. Das neue, sozialistische Frankreich

Aus deutscher Sicht ist das höchst seltsam: Das neue Parlament ist noch gar nicht gewählt, aber es gibt bereits die neue Regierung. Gewählt wird am 10. und 17. Juni. Seine Regierung hat Staatspräsident Hollande gestern vorgestellt.

In dieser Umkehrung der zeitlichen Reihenfolge, die man in einer parlamentarischen Demokratie sonst erwartet - der Reihenfolge, die für uns in Deutschland nachgerade selbstverständlich ist -, drückt sich der Umstand aus, daß Frankreichs Fünfte Republik eben keine parlamentarische Demokratie ist, sondern eine Präsidial­demokratie. Der Premierminister wird nicht vom Parlament gewählt, sondern vom Präsidenten ernannt.

18. April 2012

Gedanken zu Frankreich (42): Jean-Luc Mélenchon, die Renaissance des französischen Kommunismus und der diskrete Geburtshelfer Oskar Lafontaine

Der Wahlkampf um das Amt des französischen Präsidenten ist bisher überwiegend unspektakulär verlaufen. Aber es gibt eine Ausnahme: den Aufstieg des linksextremen Kandidaten Jean-Luc Mélenchon.

Die Beliebtheitswerte Mélenchons haben sich im Lauf des Wahlkampfs nahezu verdoppelt. Der Prozent­satz der Wähler, die ihm laut den aktuellen Umfragen am Sonntag ihre Stimme geben wollen, ist inzwischen ebenfalls fast doppelt so hoch wie zu Beginn des Wahlkampfs. In den Umfragen von acht Instituten, die in der vergangenen Woche und zu Beginn dieser Woche stattfanden, liegt Mélenchon zwischen 12 und 17 Prozent.

Im selben Bereich (zwischen 14 und 17 Prozent) bewegen sich die Werte für die rechtsextreme Kandidatin Marine Le Pen. Nimmt man die beiden trotzkistischen Kandidaten Nathalie Arthaud und Philippe Poutou hinzu, die zusammen ein bis zwei Prozent erreichen dürften, dann werden extremistische Kandidaten am kommenden Sonntag ungefähr ein Drittel aller Stimmen erlangen.

15. Januar 2012

Aufruhr in Arabien (24): Guido Westerwelle und "demokratisch-islamische Parteien". Die deutsche Nordafrika-Politik vor einer verhängnisvollen Wende?

Am Donnerstag habe ich eine Vorabmeldung in FAZ.NET kommentiert, die einen Artikel von Bundesaußenminister Westerwelle zur Entwicklung in den arabischen Ländern ankündigte; Überschrift in FAZ.NET: "Westerwelle fordert Islam und Demokratie zu vereinen" (Westerwelle tritt für islamisch-demokratische Parteien ein. Dazu vorerst nur einige Fragen; ZR vom 12. 1. 2012). Ich habe diesen Artikel jetzt gelesen und komme, nun besser informiert, noch einmal auf das Thema zurück.

Ich tat gut daran, mich am Donnerstag zunächst auf das Formulieren von Fragen zu beschränken und mit einer Stellungnahme zu warten, bis ich wußte, in welchem Kontext die Zitate in der Vorabmeldung stehen. Denn manches erscheint jetzt in einem anderen Licht.

20. Oktober 2011

Zettels Meckerecke: Die Klickschinder. Anmerkung zu einer wachsenden Unsitte bei Online-Zeitungen

Eben habe ich das Kreuzworträtsel der "Zeit" online gelöst. Das hat "Zeit-Online" mehr als 200 Klicks eingebracht.

Eine ganze Menge; aber in der Natur der Sache begründet: Man klickt auf eine Nummer, trägt die Lösung ein, klickt auf "Prüfen" und dann, wenn die Lösung stimmt, auf "Einfügen". Das für jede Nummer waagerecht und für jede senkrecht.

Dagegen ist nichts einzuwenden. Warum soll "Zeit-Online" nicht diese Zahl an (für die Anzeigenpreise maßgeblichen) Klicks einfahren, wenn man mir dafür kostenlos diese angenehme Art bietet, das Rätsel zu lösen?

Ganz anders liegen die Dinge dort, wo Klicks geernet, um nicht zu sagen geschunden werden, ohne daß es dafür einen sachlichen Grund gibt.

6. März 2011

Aufruhr in Arabien (15): Zusammenfassung, Zwischenbilanz, Wertung

In die folgende Beurteilung sind Analysen von Stratfor eingeflossen; es ist aber meine eigene Wertung. Zum Teil fasse ich zusammen, was in früheren Artikeln ausführlich zu lesen gewesen war (siehe Links am Ende des Artikels). Dies ist also nur ein knapper Überblick. Details, Begründungen, Quellen finden Sie unter den Links. Eine Zusammenfassung in zehn Punkten:

1. Das Schema "Es finden Revolutionen gegen Diktaturen statt" stimmt nicht.

2. Etwas, das man als eine Revolution bezeichnen könnte, hat allenfalls in Tunesien stattgefunden. Es ist auch das einzige der bisher von der Aufstandswelle erfaßten Länder, in dem sich die Möglichkeit einer langfristigen Entwicklung zur Demokratie abzeichnet. Dabei spielt eine wesentliche Rolle, daß es dort eine westlich denkende, in Frankreich ausgebildete Elite gibt; ein Erbe der Zeit, in der Tunesien ein französisches Protektorat gewesen war.

3. In Ägypten gab es keine demokratische Revolution, sondern das nach wie vor herrschende Militär hat sich Mubaraks entledigt, als dieser seinen Sohn als Nachfolger inthronisieren wollte; die Unruhen kamen dabei zupaß. Vielleicht wird es dort künftig etwas mehr Freiheit geben. Aber auch unter Mubarak waren schon demokratische Parteien zugelassen gewesen und durften sogar die Moslembrüder sich am politischen Leben beteiligen; wenn auch nicht unter diesem Namen.

4. In Bahrain findet keine demokratische Revolution statt, sondern eine Auseinandersetzung zwischen der herrschenden sunnitischen Minderheit und der schiitischen Mehrheit. Im Hintergrund schürt der Iran diesen Konflikt. Auf der Seite der Sunniten versucht sich Saudi-Arabien einzuschalten, vor dessen Küste Bahrain liegt.

5. Der Jemen ist ein Kunstprodukt aus der ehemaligen britischen Kronkolonie Aden, die nach der Unabhängigkeit eine sozialistische Republik geworden war, und dem alten Jemen, in dem noch weit bis ins 20. Jahrhundert hinein mittelalterliche Verhältnisse geherrscht hatten. Das Land droht jetzt wieder in diese beiden Teile zu zerfallen.

6. Dasselbe könnte Libyen bevorstehen. Es ist ebenfalls ein künstlicher Staat, der dadurch entstand, daß Italien sich 1911 drei Provinzen des Osmanischen Reichs aneignete. Unter Mussolini wurden dieses Italienisch-Nordafrika in "Libya" umbenannt. Die dortigen Kämpfe sind weitgehend Auseinandersetzungen zwischen dem Gaddafi-Stamm und anderen Stämmen. Zwischen Ost- und Westlibyen liegen 800 km Wüste; ein Auseinanderbrechen in die frühere Cyrenaika und das ehemalig Tripolitanien (mit Fezzan) würde also von der Geographie begünstigt werden. Im Osten versucht Ägypten, im Westen Tunesien auf die Entwicklung Einfluß zu nehmen.

7. In den beiden konstitutionellen Monarchien Marokko und Jordanien ist schon lange der Prozeß einer vorsichtigen Demokratisierung im Gang. Es gibt dort legale Oppositionsparteien, deren Rechte jetzt erweitert werden. Revolutionen sind in diesen beiden Ländern nicht zu erwarten; lediglich eine Beschleunigung des Prozesses der Demokratisierung.

8. In den beiden nach Libyen schlimmsten Polizeistaaten Arabiens, Algerien und Syrien, ist es - eben wegen dieses ihres Charakters - noch weitgehend ruhig. In Algerien wurden gerade Demonstrationen verboten.

9. Überall in Arabien gibt es mehr oder weniger starke und unterschiedlich radikale islamistische Gruppen. Die Kaida ist am stärksten im Jemen und könnte jetzt in Ostlibyen Fuß fassen. Die Hamas könnte über die Moslembrüder auf Ägypten einwirken. Algerien hat einen blutigen Bürgerkrieg gegen die Islamisten der FIS hinter sich. In Bahrain bekämpfen sunnitische und schiitische Fundamentalisten einander, treten aber gemeinsam gegen einen säkularen Staat auf.

10. Ein Schlüsselaspekt ist der bevorstehende Rückzug der USA aus dem Irak. Drei Staaten stehen bereit, das damit entstehende Machtvakuum zu füllen: Der Iran, dessen Verbündeter al-Sadr inzwischen im Irak eine entscheidende Rolle spielt; die Türkei, deren offensichtliches Bestreben die Wiederherstellung des Osmanischen Reichs in Gestalt von Einflußzonen ist; und Ägypten, das als Militärmacht und mit einer ähnlich großen Bevölkerung wie die beiden anderen Länder (alle drei knapp achtzig Millionen) nach dem Sturz Mubaraks eine aktivere Machtpolitik betreiben dürfte.

Die Türkei mischt sich bereits massiv in dem einst von den Osmanen regierten Ägypten ein; der Staatspräsident und der Außenminister waren gerade dort zu Besuch und haben Gespräche mit dem Militär, der demokratischen Opposition und den Moslembrüdern geführt.



In diesem komplexen und sich schnell verändernden Gefüge "Arabien" gibt es Dreierlei, das als einigermaßen sicher gelten kann:
  • Die USA werden in dieser Region aufgrund von Obamas Rückzugspolitik nicht mehr die bisherige Rolle spielen; jedenfalls nicht, solange dieser Präsident im Weißen Haus regiert.

  • Israel ist damit stärker bedroht als in den letzten Jahrzehnten. Daß es sich unter diesen Umständen dem Risiko eines möglicherweise bald von der Hamas regierten Palästinenserstaats auf der West Bank aussetzt, ist schwer vorstellbar.

  • Der Islamismus wird an Bedeutung gewinnen.



  • Die früheren Artikel, in denen die einzelnen Länder (allerdings manchmal nicht als das Hauptthema) erwähnt werden, können Sie unter diesen Links lesen:
  • Tunesien
  • Algerien
  • Marokko
  • Libyen
  • Ägypten
  • Irak
  • Bahrain
  • Türkei
  • Iran.
  • Die größeren Artikel finden Sie auch unter diesem Link, der zu der Rubrik "Stratfors Analysen" führt. Oder Sie mögen vielleicht den Link im Fußtext nutzen.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Großmoschee von Kairouan, Tunesien. Vom Autor Wotan unter Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0-Lizenz freigegeben. Bearbeitet. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier.

    21. Februar 2011

    Stratfors Analysen: Die aktuelle Lage in den arabischen Ländern und im Iran. Teil 3: Libyen

    Im zweiten Teil habe ich mich mit zwei der kleineren arabischen Länder befaßt; Jordanien und Bahrain. Trotz oberflächlicher Ähnlichkeiten in der momentanen politischen Lage zeigte die genauere Analyse, daß die jeweiligen Unruhen ganz unterschiedliche Ursachen haben.

    Im jetzigen dritten Teil gehe ich auf nur ein Land ein, Libyen. Zum einen, weil es seit einigen Tagen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Zweitens aber auch, weil über dieses Land, vor allem den historischen Hintergrund des jetzigen Aufruhrs, in den Medien selten Konkretes berichtet wird. Mehr als in den ersten beiden Teilen gehe ich dabei über das hinaus, was dazu Stratfor an Informationen geliefert hat.



    Libyen ist eines der vielen Länder, die Anfang des 20. Jahrhunderts aus der, sagen wir, Konkursmasse des zerbrechenden Osmanischen Reichs hervorgingen.

    Es gibt aber eine wesentliche Besonderheit: Nicht Frankreich oder England lösten dort als die vorläufigen neuen Herren die Osmanische Herrschaft ab, wie auf der Arabischen Halbinsel, sondern Italien. Und das fand nicht als ein Ergebnis des Ersten Weltkriegs statt, sondern schon zuvor.

    Das damals noch längst nicht faschistische Italien, eine konstitutionelle Monarchie, hatte im September 1911 die Osmanischen Provinzen Tripolitanien, Fezzan und Cyrenaica schlicht überfallen, um ein Stück aus dem immer schwächer werdenden Reich des Sultans im fernen Istanbul zu rauben. So entstand die Kolonie Italienisch-Nordafrika; unter Mussolini in Libya umgetauft, nach einem antiken Namen der Region. Mussolini liebte ja das Antike; der Begriff "Faschismus" selbst ist bekanntlich dem Justizsystem des Römischen Reichs entlehnt.

    Die Kolonialmacht Italien herrschte brutal und versuchte Italiener in der Kolonie anzusiedeln; die einheimische Bevölkerung führte gegen die Landräuber einen blutigen, aber erfolglosen Unabhängigkeitskrieg. Es gibt Schätzungen, daß mehr als die Hälfte der Beduinen-Bevölkerung dabei ums Leben kam.

    Nachdem im Zweiten Weltkrieg die Briten in Nordafrika gegen Italien und Rommels Afrikakorps gesiegt hatten, geriet Libyen zuerst unter britische, teils auch französische Verwaltung und wurde dann Ende 1951 selbständig; und zwar als Königreich unter dem einstigen Emir von Cyrenaika Idris, der den Widerstand gegen die Italiener angeführt hatte und der als Idris I (und, wie sich dann zeigte, auch Idris der Letzte) den Thron bestieg.

    Bemerkenswert ist, daß dieser neue, sofort in die UNO aufgenommene Staat eine ausgesprochen liberale, rechtsstaatliche Verfassung hatte und damit in der gesamten arabischen Welt an der Spitze lag. Bis zum Putsch Gaddafis im Jahr 1969 war Libyen das politisch modernste arabische Land mit einer in ihrer großen Mehrheit moslemischen Bevölkerung (der gemischt christlich-moslemische Libanon ist ein Sonderfall); auch wenn es im Lauf der Regierungszeit von Idris gewisse Einschränkungen gab.

    Als am 1.September 1969 der König wegen einer ärztlichen Behandlung außer Landes war, putschte eine Gruppe von sozialistischen Offizieren unter Anführung durch den erst 27jährigen Hauptmann Gaddafi, erklärten die Monarchie für abgeschafft, löste das Parlament auf und proklamierte den Sozialismus innerhalb einer Arabischen Republik Libyen. Der Putsch war nach dem Vorbild von Nassers Machtergreifung in Ägypten 17 Jahre zuvor modelliert. Wie Nasser lehnte man den Kommunismus ab und trat für einen eigenen arabischen, nicht rigoros atheistischen Sozialismus ein.

    Anfang der siebziger Jahre inszenierte Gaddafi nach dem Vorbild Maos eine "Kulturrevolution" zwecks der völligen sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft. Das Land hieß ab 1977 "Sozialistische Libysche Arabische Volks-Jamahiriya". Das letzte Wort in diesem etwas länglichen Namen ist schwer zu übersetzen; Arabisten schlagen etwas in Richtung "Massenbewegung" oder "Volksgemeinschaft" vor.

    Ebenfalls nach dem Vorbild Maos verfaßte Gaddafi ein grundlegend-theoretisches Werk. Diese Gedanken des Vorsitzenden Gaddafi waren aber nicht in einem roten, sondern einem grünen Buch niedergelegt. Gaddafi trug fortan die beiden schönen Titel "Führer der Großen Revolution des Ersten September der Sozialistischen Libyschen Arabischen Volks-Jamahiriya" sowie "Brüderlicher Leiter und Führer der Revolution". Den Text des Grünen Buchs können Sie (auf Englisch) hier lesen.

    In den folgenden Jahrzehnten ging das Land seinen sozialistischen Gang, wie man ihn überall sieht, wo der arabische Sozialismus gesiegt hatte; freilich besonders häßlich: Gewaltherrschaft, Armut, Stagnation in allen Lebensbereichen. Eine Besonderheit war, daß Gaddafi sich bei der Unterstützung des internationalen Terrorismus hervortat. In den letzten Jahren sagte er sich allerdings vom Terrorismus los; an den desolaten inneren Zuständen, die zu dem jetzigen Aufruhr führten, änderte sich aber nichts.



    In den Schlagzeilen, in der TV-Berichterstattung hat in den letzten Tagen Libyen den Krisenstaat Bahrain abgelöst, der die vergangene Woche dominiert hatte. Die Aufmerksamkeit der Medien wendet sich nun einmal immer dorthin, wo es gerade am spektaklärsten, wo es am blutigsten zugeht. Das ist, wie man zum Beispiel in diesem Bericht in der Wochenendausgabe der FAZ lesen kann, im Augenblick Libyen; Berichte von dort dominierten auch die meisten Fernseh-Nachrichten.

    Ein offensichtlicher Unterschied zur Berichterstattung aus Bahrain und Ägypten ist allerdings, daß aus Libyen kaum Informationen, vor allem so gut wie keine Bilder nach außen dringen. Man ist weitgehend auf Berichte von Reisenden und Gastarbeitern angewiesen, die das Land jetzt verlassen; sowie auf das, was mutige Libyer an Berichten, Fotos und gelegentlich auch Videos ins Internet stellen. Dazu gibt es die propagandistischen Berichte der vollständig vom Staat kontrollierten Medien.

    Die Unruhen scheinen am Dienstag vergangener Woche in Benghazi begonnen zu haben, wo Demonstranten die Freilassung des inhaftierten Rechtsanwalts und Menschenrechtlers Fathi Turbil verlangten. Bereits am Donnerstag, der von der Opposition als der erste "Tag des Zorns" angekündigt worden war, kam es dann in Benghazi and Al Bayda zu blutigen Aktionen der Sicherheitskräfte gegen Demonstranten; mit Todesopfern. Das Staatsfernsehen in Tripoli zeigte derweil Bilder des Diktators Muammar al-Gaddafi, wie er über einer Schar von Anhängern thronte und Küsse verteilte.

    Viele werden nicht in Stimmung gewesen sein, ihm mit einem Kußhändchen zu antworten. Denn in diesem durch sein Öl eigentlich reichen, aber vom Sozialismus völlig heruntergewirtschafteten Land liegt die Jugend-Arbeitslosigkeit höher als irgendwo sonst im nördlichen Afrika; sie wird auf zwischen 40 und 50 Prozent geschätzt. Auch die allgemeine Arbeitslosigkeit ist sehr hoch. Außerhalb des von Ausländern gemanagten Ölsektors gibt es praktisch keine Industrie.

    Es fehlt an der einfachsten Grundversorgung. Die Versorgung mit Wohnungen ist miserabel. Zwei Drittel der Bevölkerung in diesem reichen Ölstaat leben von weniger als 2 Dollar am Tag. Von auch nur annähernd unabhängigen Medien kann keine Rede sein. Eine innere Opposition konnte wegen der polizeistaatlichen Repression bisher kaum entstehen; die meisten Oppositionellen sind im Exil oder sitzen im Gefängnis.

    Stratfor meint, es sei bemerkenswert, daß es in einem derartigen Polizeistaat überhaupt zu Demonstrationen hatte kommen können. Das Regime werde versuchen, den Aufruhr mit eiserner Faust zu beenden; allerdings gehören zum Konzept auch gewisse Konzessionen. Beispielsweise wurde Turbil jetzt freigelassen.

    Bei der Niederschlagung etwaiger weiterer Aufstände kann sich Gaddafi auf ihm ergebene Truppen stützen; nicht wie in Ägypten Wehrpflichtige, sondern Berufssoldaten und Söldner aus dem Ausland.

    Ein geschickter Schachzug Gaddafis war es gewesen, einen Teil der militanten Islamisten, die auch in Libyen aktiv sind, abzuspalten und in seine Streitkräfte zu integrieren; auch die Beduinenstämme sind eng mit dem Militär verbunden. Anders als in Ägypten bei Mubarak ist also eher nicht damit zu rechnen, daß das Militär sich gegen Gaddafi stellt.

    Die Lage ist aber offenbar im Fluß. Heute Vormittag hat sich der Aufruhr ausgeweitet. Al Jazeera meldet soeben, es hätte heute bereits Dutzende von Toten gegeben. Die Protestierer hätten ein Militärlager besetzt, das darauf von der Luftwaffe bombardiert worden sei. Es gibt Gerüchte, daß Aufrührer die Stadt Benghazi "erobert" hätten. Auch Al Jazeera meldet wie schon Stratfor, daß Gaddafi möglicherweise ausländische Söldner gegen die Aufständischen einsetzen werde.



    Eine besondere Note erhält die Situation in Libyen durch den Machtkampf um Gaddafis Nachfolge, den sich seine beiden Söhne Seif al-Islam und Motasem liefern.

    Seif al-Islam gilt als der Gemäßigtere. Er hat die Ölindustrie hinter sich; mit dem Chef der Nationalen Ölgesellschaft Shukri Ghanem ist er ein Bündnis eingegangen. Mosem, der Sicherheitschef des Landes, hat das Militär und die Betonköpfe der Revolution auf seiner Seite.

    Gestern trat nicht Gaddafi selbst, sondern Seif al-Islam im Staatsfernsehen auf und hielt eine Rede, in der er zugleich Reformen wie aber auch ein hartes Durchgreifen gegen Demonstranten ankündigte. Man kann das so interpretieren, daß er im Augenblick in diesem Bruderkampf in Führung gegangen ist.

    Ob er damit durchkommt, oder ob ihm gerade sein Reformwille das Genick bricht (er war sogar so weit gegangen, eine von ihm kontrollierte Organisation Berichte über Verletzungen der Menschenrechte in Libyen publizieren zu lassen), ist im Augenblick völlig offen.



    Von den bisher in dieser Artikelfolge behandelten Staaten - Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Jordanien und Bahrain - hat Libyen das mit Abstand repressivste System.

    Der Vergleich macht deutlich, daß man nicht nur zwischen den konstitutionellen Monarchien mit weitgehenden politischen Freiheiten (Marokko, Jordanien, in Grenzen Bahrain) auf der einen Seite und den sozialistisch geprägten, bisher diktatorisch regierten Ländern (Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten; dazu das später zu besprechende Syrien) auf der anderen Seite unterscheiden muß.

    Auch in dieser zweiten Gruppe gibt es große Unterschiede. Das Ägypten Mubaraks war vergleichsweise frei; mit (wenn auch unfairen) Wahlen und mit zugelassenen Oppostionsparteien. Härter war die Repression im Tunesien von Ben Ali; noch erheblich brutaler ist sie in Algerien. Mit Abstand am weitesten fortgeschritten bei der Verwirklichung des Sozialismus aber ist die Sozialistische Libysche Arabische Volks-Jamahiriya. (Wird fortgesetzt).



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Lesen Sie zu "Stratfors Analysen" bitte auch die Ankündigung dieser Rubrik.

    20. Februar 2011

    Stratfors Analysen: Die aktuelle Lage in den arabischen Ländern und im Iran. Teil 2: Jordanien und Bahrain

    Im ersten Teil habe ich mich, weitgehend gestützt auf Informationen von Stratfor, mit der Lage in Ägypten und in den drei Ländern des Maghreb befaßt.

    Es folgt heute der Blick auf Jordanien und Bahrain. Ich verwende wie stets in dieser Rubrik (siehe Fußtext) überwiegend Material von Stratfor, ergänze es aber durch weitere Informationen. Für Bewertungen bin ich verantwortlich; sie finden sich so nicht unbedingt bei Stratfor.


    Jordanien: Jordanien ist das einzige verbliebene Königreich der Haschemiten, einer uralten arabischen Dynastie, die sich auf den Propheten zurückführt. Im Mittelalter stellte sie über Jahrhunderte den Emir von Mekka.

    Die jetzige Herrschaft der Haschemiten in Jordanien geht auf den Ersten Weltkrieg zurück.

    Bis dahin gehört das heutige Jordanien, wie der größte Teil Arabiens, zum Osmanischen Reich, wobei die Macht des Sultans im fernen Istanbul mehr oder weniger weit in die Wüste hineinreichte. Der jetzige König Abdullah II ist der Ur-Urenkel des Emirs Hussein bin Ali, der sich im Ersten Weltkrieg als Verbündeter der Engländer am Aufstand gegen die Osmanische Herrschaft beteiligt hatte (eindrucksvoll, wenn auch mit viel Phantasie, in Szene gesetzt in Lawrence von Arabien).

    In dieser Monarchie mit einer langen Tradition herrschen ganz andere Verhältnisse als in den vom Sozialismus geprägten Ländern Tunesien und Ägypten; die Lage ähnelt eher derjenigen in Marokko. Wie in Marokko ist die Opposition legal. Der politische Zweig der Moslem-Bruderschaft, die Islamische Aktionsfront (IAF), ist eine zugelassene Partei; auch wenn diese Partei sich - wie anders - mehr Einfluß wünscht.

    Wie in Ägypten ist in Jordanien die Moslem-Bruderschaft die stärkste Oppositionsgruppe. Sie reagierte sehr schnell auf die Vorgänge in Tunesien und begann mit Aktionen in Gestalt von friedlichen Demonstrationen und Sit-Ins. König Abdullah antwortete seinerseits fast sofort: Die Subventionen für Güter des täglichen Bedarfs wurden erhöht, die Regierung ausgewechselt.

    Abdullah betreibt eine vorsichtige Öffnung zum Islamismus, zieht aber klare Grenzen. Der neue Premierminister Marouf al-Bakhit, ein Militär, bildete ein Kabinett unter Einschluß von Ministern, die dem Islamismus nahestehen. Die IAF gehört dieser Regierung nicht an, hat aber angekündigt, sie vorläufig zu tolerieren und abzuwarten, wie sie sich verhalten werde. Inzwischen organisiert sie weiter friedliche Demonstrationen.

    Nach der Einschätzung von Stratfor akzeptiert die IAF diese ihr vom König genehmigte Rolle; einen Sturz des Königs strebt sie nicht an.

    Neben der IAF haben die Führer der Beduinenstämme großen Einfluß im politischen Leben. Sie nutzten jetzt die Gunst der Krise und beschwerten sich über Korruption. Der König regelte die Sache auf ruhige Art, indem er die Subsidien für die Stämme erhöhte.


    Bahrain: Die letzten Tage haben gezeigt, daß die Situation dort ganz anders ist als in Jordanien, nämlich explosiv. Anders als in Tunesien und Ägypten liegt der Grund aber überhaupt nicht in Sozialismus-bedingter Armut und Unterdrückung.

    Die Probleme dieses reichen, kleinen (so viele Einwohner wie München) Ölstaats, der sich auf 33 Inseln erstreckt, sind sehr ähnlich denjenigen des Irak: Eine Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten; der persische Einfluß; Konflikte zwischen Islamisten und säkularen Kräften.

    Regiert wird das Land - wie Jordanien und Marokko eine konstitutionelle Monarchie - von der sunnitischen Al-Khalifa-Dynastie; aber ungefähr zwei Drittel der moslemischen Bevölkerung sind Schiiten. Zwanzig Prozent der Bevölkerung sind Nichtmoslems; vor allem Christen und Hindus. Das Land hat zahlreiche Gastarbeiter, die mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen.

    Wie im Irak gibt es in Bahrain einen schiitischen und einen sunnitischen Fundamentalismus, die sich zwar einerseits gegenseitig bekämpfen, die aber andererseits gemeinsam gegen den Säkularismus gerichtet sind.

    Die jetzigen, teilweise blutigen Demonstrationen, die vor einer Woche begannen, werden hauptsächlich von Schiiten veranstaltet, die mehr Rechte für sich fordern. Daß die Auseinandersetzungen so erbittert geführt werden, dürfte auch damit zusammenhängen, daß (wie einst im Irak Saddam Husseins) der Sicherheitsapparat in der Hand der sunnitischen Minderheit ist; ungefähr 90 Prozent der Sicherheitskräfte sind Sunniten.

    Wenn schiitische Demonstranten Todesopfer zu beklagen haben, dann ist dieses Beklagen oft eine Quelle weiterer Zusammenstöße; der schiitische Islam ist eine Kultur des Märtyrertums. Begräbnisse führen leicht zu neuen Demonstrationen.

    Nach dem Urteil von Stratfor wird es zu neuen, wahrscheinlich auch blutigen Auseinandersetzungen kommen; es sei aber unwahrscheinlich, daß am Ende der Sturz der Monarchie stehen werde. Die Dynastie Al-Khalifa hat schon manche Krisen überstanden.

    So klein das Land ist - die dortigen Unruhen sind von größter geopolitischer Bedeutung, denn Bahrain liegt am Schnittpunkt des Konflikts zwischen dem Iran auf der einen und den USA sowie Saudi-Arabien auf der anderen Seite.

    Der Inselstaat liegt unmittelbar vor der Küste Saudi-Arabiens, mit dem die Hauptinsel durch eine Dammstraße, den König-Fahd-Damm, verbunden ist. Auf der anderen Seite des Golfs, 250 km von Bahrain entfernt, liegt Persien. Saudi-Arabien fürchtet, daß eine Machtübernahme der Schiiten in Bahrain seine eigene schiitische Minderheit in den Küstenprovinzen unruhig werden lassen könnte. Die USA, deren 5. Flotte in Bahrain stationiert ist, fürchten eine Ausweitung der Macht des Iran.

    Stratfor wurden Informationen zugespielt, nach denen sich bereits saudische Spezialeinheiten in Bahrain befinden, um einen eventuellen Aufstand niederzuschlagen. Nach der Analyse von Stratfor ist dies aber Desinformation, die vom Iran verbreitet wird. Damit soll der Vorwand dafür geschaffen werden, daß der Iran seinerseits den Schiiten zur Hilfe kommt; vor allem Al Wefaq, der größten schiitischen Oppositionsgruppe.



    Der Vergleich zwischen Jordanien und Bahrain zeigt - wie der Vergleich zwischen den vier Ländern, mit denen ich mich im ersten Teil befaßt habe -, wie verschieden die Probleme in den einzelnen Regionen Arabiens sind, die jetzt zu Konflikten führen. Das alles in das Klischee zu pressen "Das unterdrückte Volk fordert mehr Demokratie" ist oberflächlich, ja irreführend.

    Bahrain wie Jordanien sind kleine Länder - Jordanien hat auch nur ungefähr sechs Millionen Einwohner -; und beide sind konstitutionelle Monarchien. (Allerdings führt sich die Al-Khalifa-Dynastie nicht auf den Propheten zurück, sondern entstand erst im 18. Jahrhundert). Beide Länder haben, wie jedes Land des Nahen Ostens, ein Problem mit einer islamistischen Opposition. Damit enden aber bereits die Gemeinsamkeiten.

    Jordanien hat ein Brutto-Nationalprodukt pro Kopf von 6.000 Dollar; Bahrain von 27.000 Dollar.

    Jordanien hat sich seit dem Friedensschluß mit Israel 1994 aus allen Konflikten heraushalten können; Bahrain befindet sich, wie geschildert, mitten in der heißesten Konfliktzone des Nahen Ostens.

    In Jordanien regiert ein aufgeklärter Monarch, der eine schrittweise Demokratisierung eingeleitet hat. Zum Beispiel gibt es dreißig legale Parteien; von der extremen Linken (der bereits seit 1993 legalen Kommunistischen Partei) bis zur extremen Rechten (der erwähnten IAF als der politischen Organisation der Moslem-Brüder).

    Die Monarchie in Bahrain ist zwar auch konstitutionell; und es gibt Fortschritte bei der Demokratisierung. Aber das Land ist unter der Kontrolle der Khalifa-Dynastie, der neben dem König der Premierminister und ungefähr die Hälfte des Kabinetts angehören; dazu der Armeechef und der Parlamentspräsident. Hinzu kommt die geschilderte sunnitische Vorherrschaft vor allem im Sicherheitsapparat.

    Die jetzigen Unruhen haben, nicht verwunderlich vor diesem Hintergrund, ganz verschiedene Ursachen. In Bahrain findet so etwas wie ein Stellvertreter-Krieg zwischen Persien und Saudi-Arabien statt, die jeweils eine Seite des schiitisch-sunnitischen Konflikts unterstützen. In Jordanien kann keine Rede von einer solchen kritischen Situation sein; hier versuchen lediglich zwei Gruppen - die Moslem-Brüder und die Stammesführer - vor dem Hintergrund der allgemeinen Krise des Nahen Ostens vom König Zugeständnisse zu erreichen.



    Wenn die Verhältnisse, wenn die Konflikte so verschieden sind - wie kommt es dann aber, daß seit der Revolution in Tunesien fast synchron in der gesamten Region Unruhen ausbrechen?

    Das hat wohl wenig mit Ursachen zu tun, aber viel mit Auslösern. Im Zeitalter von Al Jazeera, Facebook und Twitter breiten sich nicht nur Informationen, sondern auch Emotionen und Stimmungen schnell aus. Die Unzufriedenheit hat viele, sehr unterschiedliche Ursachen. Aber der Funke springt über; so, wie Funken von einem brennenden Heuhaufen in ein Treibstofflager fliegen können, obwohl diese aus ganz unterschiedlichen Gründen leicht brennbar sind. (Wird fortgesetzt).



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Lesen Sie zu "Stratfors Analysen" bitte auch die Ankündigung dieser Rubrik.

    19. Februar 2011

    Stratfors Analysen: Die aktuelle Lage in den arabischen Ländern und im Iran. Teil 1: Ägypten und der Maghreb

    Stratfor hat jetzt in einer umfangreichen Analyse die Lage in den Ländern von Marokko bis zum Iran untersucht. Ich fasse sie in mehreren Folgen zusammen; einbezogen sind weitere Informationen und meine eigenen Bewertungen:


    Ägypten: Wie George Friedman in einem eigenen Artikel zu Ägypten dargelegt hat (siehe "Anfang der Woche regierte ein alter Soldat Ägypten. Ende der Woche regierte ein anderer alter Soldat Ägypten" (George Friedman); ZR vom 16. 2. 2011), hat aus der Sicht von Stratfor in Ägypten keine Revolution stattgefunden, sondern ein vom Militär sorgfältig inszenierter Machtwechsel.

    Auf dem Höhepunkt der Unruhen demonstrierten nicht mehr als 200.000 bis 300.000 Menschen (Kairo hat 7 Millionen Einwohner; im Nildelta leben ungefähr 30 Millionen Ägypter). Das Militär nutzte die Unruhen, um Mubarak loszuwerden.

    Im Augenblick scheint es sich mit den Moslembrüdern und den demokratischen Kräften zu arrangieren, aber Stratfor sagt eine wachsene Kluft vorher; denn das Militär wird seine Macht und seine Pfründe nicht freiwillig aufgeben.


    Tunesien: Hier hat eher so etwas wie eine Revolution stattgefunden (siehe auch Wie ist eigentlich die Lage in Tunesien? Erstaunlich!; ZR vom 5. 2. 2011). Die Geheimpolizei ist weitgehend entmachtet; es kehrt wieder annähernd Normalität ein. Noch in diesem Jahr, aber bisher ohne festgelegten Termin, sollen Wahlen stattfinden. Die demokratische Opposition ist jedoch schwach; auch die Islamisten sind es nach Einschätzung von Stratfor. Die bisherige Staatspartei NDP ist dabei, sich zu reorganisieren und dürfte an den Schalthebeln der Macht bleiben.

    Das könnte neue Unruhen mit sich bringen; möglicherweise ein Eingreifen des Militärs nach ägyptischem Vorbild nach sich ziehen.


    Algerien: Wie in Ägypten und Tunesien ist die Jugendarbeitslosigkeit anhaltend hoch und sind die Lebensmittelpreise in letzter Zeit stark gestiegen. Es ist bisher aber nur zu vereinzelten Protesten gekommen, denn der Unterdrückungsapparat arbeitet sehr effizient. Für den 25. Februar wurde zu einer Demonstration aufgerufen; bereits jetzt werden für diesen Tag Polizeikräfte zusammengezogen. Sowohl die Islamisten der verbotenen FIS als auch einige der großen Gewerkschaften haben zu dem Protest aufgerufen.

    Wie in Ägypten findet aber nach der Analyse von Stratfor der eigentlich Machtkampf hinter den Kulissen statt, und zwar zwischen dem autoritär herrschenden Abdel Aziz Bouteflika und dem Sicherheitschef, General Mohamed "Toufik" Mediene. Er ist ein alter Weggefährte Bouteflikas und leitet die Sicherheitskräfte schon seit 1990.

    In den letzten Jahren entwickelte sich aber zwischen den beiden eine immer schärfere Rivalität. Es geht wesentlich um die Nachfolge des 73jährigen Bouteflika. Mediene hat gute Kontakte zur Opposition, vor allem zu Saeed Saidi, der wie er Berber ist. Die Berber stellen ungefähr ein Drittel der Bevölkerung; ihre Unzufriedenheit ist einer der Faktoren hinter den jetzigen Unruhen. Die arabische Mehrheit scheint sich bisher hingegen überwiegend ruhig zu verhalten.

    Auch in Algerien könnte das Militär ein kritischer Faktor werden. Es hat unter Bouteflika an Macht verloren. Die Militärführung steht zwar bisher zu dem Präsidenten, aber in den mittleren und unteren Rängen gibt es viel Unzufriedenheit.

    Bouteflika versucht jetzt, die Opposition durch Entgegenkommen ruhigzustellen. Die Subventionen für Lebensmittel wurden erhöht; der Ölstaat Algerien kann sich das wegen der hohen Erdölpreise leisten. Bouteflika hat versprochen, Ende Februar den Ausnahmezustand zu beenden, und er hat politische Reformen angekündigt.

    Es ist eine Doppelstrategie: Einerseits materielle Verbesserungen und die Ankündigung politischer Reformen; andererseits ein hartes Vorgehen gegen die Opposition.


    Marokko: In Marokko ist es bis auf kleinere Demonstrationen bisher weitgehen ruhig geblieben. Für den morgigen Sonntag ist aber ein nationaler Protesttag angekündigt worden. König Mohammed VI hat reagiert, indem er mit Vertretern der Opposition zusammengetroffen ist und versprochen hat, die im Gang befindlichen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Reformen zu beschleunigen.

    Wie in Ägypten gibt es eine demokratische und eine islamistische Opposition. Die Letzere ist stärker als in Tunesien; allein die verbotene Partei für Gerechtigkeit und Wohlfahrt soll 200.000 Mitglieder haben. Keine der oppositionellen Gruppen will jedoch die konstitutionelle Monarchie abschaffen. Gefordert wird eine Verfassungsreform, welche die Rechte des Monarchen einschränken soll.

    Der Unterschied zu Algerien zeigt sich schon darin, daß die für morgen angekündigten Demonstrationen von der Regierung ausdrücklich erlaubt wurden.

    Im Zug der Unruhen im Maghreb könnten auch außenpolitische Konflikte wieder belebt werden. Der marokkanische Außenminister Taieb Fassi Fihri hat bereits Algerien davor gewarnt, Unruhen in der Westsahara zu schüren; einem Land zwischen Algerien, Marokko und Mauretanien, in dem die Polisario-Front herrscht (ihr "Befreiungskampf" war einst ein Thema in der deutschen Linken gewesen).



    Bereits diese vier Staaten zeigen also ein sehr unterschiedliches Bild.

    Die vergleichsweise geringsten Probleme hat das westlich orientierte Königreich Marokko, das als einziges dieser Länder nie sozialistische Tendenzen entwickelt hat.

    Algerien lebt immer noch mit dem Trauma des blutigen Bürgerkriegs gegen die islamistische FIS; Bouteflika könnte mit seiner Strategie von Zuckerbrot und Peitsche Erfolg haben.

    In Tunesien erscheint derzeit alles möglich - von einem System mit Zügen einer westlichen Demokratie bis hin zu einem Militärputsch.

    In Ägypten wird die Frage sein, ob es dem Militär gelingt, seine Machtstellung zu behaupten, oder ob es mit seinem Putsch gegen Mubarak eine Dynamik in Gang gesetzt hat, die es schließlich selbst gefährdet.

    Die große Unbekannte ist in allen vier Ländern die Stärke der Islamisten. Sie waren bisher überall verboten oder sind es noch. Es läßt sich kaum sagen, wie gut sie bei freien Wahlen abschneiden würden. (Fortsetzung hier).



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    10. Dezember 2010

    Marginalie: Die Boykotteure von Oslo. Länder, deren Botschafter heute bei der Verleihung des Friedensnobelpreises fehlten

    Im letzten kleinen Quiz wurde gefragt, welche Staaten aus einer vorgestellten Liste wohl die heutige Verleihung des Friedensnobelpreises an den chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo boykottieren würden, indem sie ihren Botschafter nicht an der Feier teilnehmen lassen. Die richtigen Antworten waren - damals, Stand vom 20. November - Cuba, der Irak, Kasachstan, Marokko und Rußland.

    Der illustre Kreis hat sich inzwischen erheblich erweitert. Die aktuelle Liste, basierend auf offiziellen Angaben, kann man auf der WebSite des Nouvel Observateur lesen: Rußland, Afghanistan, Algerien, Saudi-Arabien, Cuba, Ägypten, der Irak, der Iran, Kasachstan, Marokko, Pakistan, der Sudan, Tunesien, Venezuela, Vietnam und die palästinensische Autonomiebehörde.

    Wie der Direktor des Nobel-Instituts, Geir Lundestad, mitteilte, hätten Columbien, Serbien, die Philippinen und die Ukraine, die ebenfalls einen Boykott angekündigt hatten, nun doch zugesagt. Ebenfalls werde Argentinien seinen Botschafter entsenden, das lange geschwankt hatte.

    Unwahrscheinlich sei hingegen, daß Sri Lanka das tun werde. (In Colombo wurde inzwischen mitgeteilt, daß man boykottiert). Aus Manila gebe es widersprüchliche Meldungen zur Haltung der Philippinen. Serbien werde zwar vertreten sein, aber nicht durch seinen Botschafter in Oslo.

    Die palästinensische Autonomiebehörde, so Lundestad, hätte zunächst zugesagt, in letzter Minute aber entschieden, die Zeremonie doch zu boykottieren.



    Es sind damit vermutlich zusammen mit China selbst knapp zwanzig Staaten, die diesen ungewöhnlichen Schritt tun, ihren Botschafter in Oslo nicht an der Verleihung eines Friedensnobelpreisees teilnehmen zu lassen. Eine beträchtliche Zahl, wenn man berücksichtigt, daß ja nicht alle Staaten der Welt überhaupt eine Botschaft in Oslo unterhalten; beispielsweise nicht kleinere Staaten Afrikas, wo der Einfluß Chinas gegenwärtig rapide zunimmt.

    Bei einigen der boykottierenden Staaten braucht man über die Gründe kaum zu spekulieren. Cuba, Venezuela und Vietnam beispielsweise sind kommunistisch bzw. sozialistisch und auf die wirtschaftliche und/oder militärische Hilfe der Chinesen angewiesen.

    Bei anderen Staaten, die dem Kommunismus nicht unbedingt gewogen sein dürften, kann man vermuten, daß sie generell etwas dagegen haben, einen Dissidenten zu ehren; es könnte heimische Dissidenten ermuntern. Saudi-Arabien zum Beispiel, Rußland, der Iran.

    Eine dritte Gruppe sollte man sich genauer ansehen. Staaten, die als "westlich orientiert" gelten; die zum Teil erhebliche Hilfe aus dem Westen erhalten. Pakistan, Afghanistan, der Irak beispielsweise. Vor allem die palästinensische Autonomiebehörde, deren politisches Gebilde ohne massive Hilfe aus dem Westen überhaupt nicht lebensfähig wäre.

    Da beißt man die Hand, die einen füttert. Warum? Diese Hand füttert zwar, aber als eine starke Hand wird sie, seit in Washington Barack Obama regiert, immer weniger wahrgenommen.

    Den Westen zu desavouieren kostet heutzutage nichts. Jeder kann es sich erlauben. Es mit den Chinesen zu verderben aber könnte nachteilig sein. Oder umgekehrt gesagt: Wer sich jetzt den Chinesen als Musterknabe präsentiert, der die Ehrung von Liu Xiaobo boykottiert, der dürfte sich als einer derer sehen, die sich rechtzeitig auf die richtige Seite schlagen; auf die Seite der neuen Weltmacht.



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    20. November 2010

    Mal wieder ein kleines Quiz: Welche Länder wollen die Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo boykottieren?

    Am 8. Oktober wurde der Friedensnobelpreis an den chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo verliehen. Die chinesische Regierung reagierte wütend und mit den üblichen Maßnahmen eines totalitären Regimes: Um die Verbreitung der Nachricht in China zu verhindern, wurden ausländische Sender gestört. Filter für SMS und das Internet wurden eingerichtet, die alle Nachrichten mit dem Namen Liu blockierten. Lius Frau wurde unter Hausarrest gestellt.

    Es ist derzeit unklar, ob die Feier zur offiziellen Übergabe des Nobelpreises überhaupt stattfinden kann, da dieser nur entweder von dem Preisträger oder einem Angehörigen entgegengenommen werden kann. Nach Aussage eines Sprechers des Nobelpreis-Komitees hat die chinesische Regierung signalisiert, daß sie kein Mitglied der Familie Lius ausreisen lassen wird.

    Aber bevor überhaupt entschieden ist, ob die Feier stattfindet, haben etliche Staaten bereits mitgeteilt, daß ihre Botschafter in Oslo sie boykottieren werden. Wie Associated Press am Donnerstag meldete, geschah das auf diplomatischen Druck Chinas hin.

    Nun die Quizfrage. Die Meldung von AP nennt fünf Staaten, die den Boykott angekündigt haben. Welche unter den zehn folgenden Staaten sind es?
    (A) Afghanistan
    (B) Brasilien
    (C) Cuba
    (D) Irak
    (E) Kasachstan
    (F) Marokko
    (G) Nordkorea
    (H) Rußland
    (I) Syrien
    (K) Vietnam
    Die Lösung finden Sie wie immer in Zettels kleinem Zimmer.



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    15. Februar 2010

    Kleines Klima-Kaleidoskop (8): Wird der Meeresspiegel wirklich steigen? Die trüben Quellen des Weltklimarats

    Vor drei Wochen habe ich auf einen Artikel von Hanspeter Born in der "Weltwoche" aufmerksam gemacht, in dem sachlich und kenntnisreich die Argumente für und wider eine "menschengemachte globale Erwärmung" zusammengestellt sind. Inzwischen ist der angekündigte zweite Teil erschienen, in dem sich Born vor allem mit Climagate (der Veröffentlichung kompromittierender Emails von Klimaforschern) sowie mit den Argumenten der Klimaskeptiker befaßt. Wiederum sehr lesenswert; auch wegen der Links zu den WebSites von Klimaskeptikern.

    In der aktuellen Ausgabe der "Weltwoche" (6/2010 vom 10. 2. 2010) nun ist ein weiterer Artikel von Born erschienen, auf den ich mich im Folgenden stütze. Titel: "Mängel, Behauptungen, Schlampereien". Daraus wird vor allem deutlich, in wie trüben Quellen die Autoren des letzten Sachstands- Berichts des IPCC (Fourth Assessment Report = AR4) gegründelt haben.



    Erstes Beispiel: Nahrungsmittelproduktion in Afrika. Behauptet wird in AR4:
    Durch Klimaschwankungen und -änderungen werden für viele Länder und Regionen Afrikas schwerwiegende Beeinträchtigungen der landwirtschaftlichen Produktion – einschliesslich des Zugangs zu Nahrungsmitteln – projiziert . . . In einigen Ländern könnten sich die Erträge aus der vom Regen abhängigen Landwirtschaft bis 2020 um bis zu 50 Prozent reduzieren.
    Diese Behauptung stützt sich auf eine einzige Quelle, und zwar das Exposé eines marokkanischen Beamten namens Ali Agoumi. Nicht in einer wissenschaftlichen Zeitschrift publiziert; nicht von Fachleuten begutachtet. Veröffentlicht wurde der Text, man ahnt es, von einer Umweltschutz- Organisation.

    Agoumi hatte Unterlagen der marokkanischen, der algerischen und der tunesischen Regierung eingesehen. Nur die marokkanischen enthielten die Prognose eines Rückgangs der Produktion. Die algerischen prognostizierten bis 2020 deren Verdopplung; die tunesischen enthielten überhaupt keine Prognose.

    Agoumi pickte sich die Prognose für Marokko heraus. Die Autoren von AR4 machten aus Marokko "einige Länder" Afrikas.


    Zweites Beispiel: Der angebliche Anstieg des Meeresspiegels. Er gehört bekanntlich zu den wichtigsten Szenarien, mit denen das IPCC uns schrecken möchte. (Übrigens hatte der "Spiegel" schon 1986 eine Fotomontage auf dem Titel, die den Kölner Dom darstellte, in Fluten versinkend).
    AR4 enthält die Behauptung, daß das Ansteigen des Meeresspiegels das Nildelta und andere afrikanische Küstengebiete gefährden könnte. Auch hier gibt es eine einzige Quelle - die nicht veröffentlichte Dissertation eines Studenten an der Al-Azhar-Universität von Kairo.

    Weiterhin behauptet der Bericht, daß 55 Prozent der Fläche Hollands unter dem Meersspiegel lägen. Laut offiziellen holländischen Daten sind es 26 Prozent.

    In AR4 steht des weiteren:
    Aufgrund des Anstiegs des Meeresspiegels wird projiziert, dass bis zu den 2080er Jahren viele Millionen Menschen mehr pro Jahr von Überschwemmungen betroffen sein werden. Für dichtbesiedelte Standorte sowie tiefliegende Gebiete, in denen die Anpassungskapazität relativ gering ist und die bereits durch andere Gefahren wie etwa Tropenstürme und örtliche Absenkung der Küsten bedroht sind, ist das Risiko besonders hoch.
    Gibt es dafür Belege? Einer der führenden Forscher auf diesem Gebiet, der schwedische Geologe und Physiker Nils-Axel Mörner, bestreitet das. Mörner war von 1999 bis 2003 Präsident der INQUA, der Internationalen Kommission für Meeresspiegelveränderungen und Küstenentwicklung. Er hat Veränderungen des Meeresspiegels empirisch untersucht und keine Hinweise auf einen bevorstehenden Anstieg gefunden.

    Wie also kommt es zu der ganz anderen Prognose in AR4? Zum einen, sagt Mörner, ist von den 22 Autoren des betreffenden Abschnitts kein einziger Spezialist für die Erforschung des Meersspiegels. Mörner: "Man gab ihnen diese Aufgabe, weil sie versprachen, die richtigen Antworten zu liefern".

    Das sagte Mörner dem "Weltwoche"-Autor Hanspeter Born in einem Interview. Und zu der Frage, wie die abweichenden Prognosen zustandekämen, meinte er sodann:
    Ich stütze mich auf Forschungen im Feld, während die anderen in ihren Büros vor den Computern sitzen und in Modellen Gezeitenmessungen auswerten. Gezeitenmessungen sind eine komplizierte Angelegenheit, und man muss die Geologie in Betracht ziehen, wenn man sie auswertet. Die Leute vom IPCC haben sich für Hongkong entschieden, das sechs Gezeitenpegel hat, und sie haben die Messungen desjenigen Pegels ausgewählt, der einen jährlichen Anstieg des Meeresspiegels um 2,3 Millimeter anzeigt. Jeder Geologe weiss, dass Hongkong ein sinkendes Gebiet ist. Der Boden sinkt wegen der Kompression der Sedimente. Deshalb ist in diesem Fall die Gezeitenmessung genau das Mittel, das man nicht brauchen sollte.


    Und dann war Mörner noch auf den Malediven, von denen jeder weiß, daß sie Opfer eines steigenden Meeresspiegels sein werden. Eine Forschungsgruppe unter seiner Leitung sammelte dort Daten und kam nach deren Auswertung zu dem Ergebnis, daß es keine Hinweise auf einen steigenden Meeresspiegel gebe.

    Freute das die dortigen politischen Verantwortlichen? Mitnichten. Mörner und seine Mitarbeiter hatten einen Film hergestellt, in dem gezeigt wurde, warum die Malediven nicht gefährdet seien. Die dortige Regierung untersagte die Vorführung des Films.

    Fazit von Hanspeter Born: "Und so wird wohl die Welt weiter in die Tasche greifen, auch wenn laut Professor Mörner keine Gefahr besteht, dass ein steigendes Meer die Inselrepublik überflutet".


    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Drei Bilder, die sich durch das Schütteln eines Kaleidoskops ergeben. Fotografiert und in die Public Domain gestellt von rnbc.

    31. Januar 2010

    Zitat des Tages: "Der Kapitalismus wird gemeinsame Werte schaffen". Vali Nasr über die Entwicklung des Islam

    Spiegel: Mr. Nasr, in Europa tobt eine Debatte darüber, wie Muslime in die westliche Gesellschaft integriert werden können und wie viel Toleranz ein modernes Gemeinwesen ihnen gegenüber aufbringen muss. (...)

    Nasr: In der Geschichte haben sich Veränderungen immer graduell vollzogen, und sie hingen mit der Industrialisierung und den technischen und ökonomischen Kräften zusammen, die daraus entstanden. Im Kern geht es nicht um die Frage der Toleranz, sondern darum, wie Muslime und der Westen zu gemeinsamen Werten kommen. Und da ist die Antwort eindeutig: Der Kapitalismus, die Ausweitung der Märkte, also die Globalisierung, werden dafür sorgen. Toleranz ist eine moralische Kategorie, gemeinsame wirtschaftliche Interessen aber schaffen Bande, die weit darüber hinausgehen. Statt Toleranz zu predigen, ziehe ich es vor, auf historische Kräfte zu setzen, die den Westen und die Muslime zu gemeinsamen Interessen und Werten bringen werden.


    Aus einem "Spiegel"- Interview, das Bernhard Zand mit dem amerikanischen Politologen und Islam- Spezialisten Vali Nasr führte, zur Zeit Chefberater des Afghanistan- Beauftragten Richard Holbrooke. Das Gespräch erscheint im gedruckten "Spiegel" der kommenden Woche, S. 124 - 126.


    Kommentar: Nasr entwickelt in dem sehr lesenswerten Gespräch einen Gedanken, der so einfach ist, daß man ihn trivial nennen mag: Der Schlüssel zur Entstehung eines modernen, toleranten und also nicht fundamentalistischen Islam sei ein erfolgreicher Kapitalismus in den islamischen Ländern.

    Der fundamentalistische Islam, erst recht der militante Islamismus sind ja in der Tat Relikte der vorindustriellen Gesellschaft. Natürlich muß der Westen den aggressiven Islamismus der Dschihadisten bekämpfen, der uns mit Terror bedroht. Aber aus der Welt wird man ihn damit nicht schaffen können. Nasr: "Denn wer wird den Extremismus besiegen? Gewiss nicht wir im Westen, indem wir den Muslimen Lektionen erteilen. Er wird von innen besiegt werden - von dem Teil der Gesellschaft, der weiß, dass der Dschihad dem Geschäft schadet".

    Warum gibt es in vielen islamischen Ländern nicht einen stärkeren Widerstand gegen den militanten Islamismus? Auch dafür hat Nasr eine ökonomische Erklärung: Wer im Staatsdienst arbeitet, wer durch Transferleistungen alimentiert wird, der erfährt kaum Nachteile durch die Dschihadisten. Wer hingegen in der Privatwirtschaft sein Geld verdient, wer sich Sorgen macht, ob er seine Waren absetzen kann, der sieht die Welt anders. Er braucht ein günstiges Geschäftsklima; ihn stören die Fanatiker.

    Nasr weist auf die wirtschaftlichen Erfolge der islamischen Länder Türkei, Malaysia und Indonesien hin; auch auf die positiven Aussichten von westlich orientierten Ländern wie Jordanien, Tunesien und Marokko.

    Auf die Frage, warum andere islamische Länder so weit zurückgeblieben sind, daß in ihnen der Islamismus Fuß fassen konnte, geht Nasr in dem Gespräch nicht ein. Aus meiner Sicht ist ein wesentlicher, oft übersehener Faktor, daß die meisten dieser Länder - Algerien und Ägypten, Libyen, Syrien und der Irak - jahrzehntelang sozialistisch regiert wurden.

    Der Aufstieg des Islamismus ab den achtziger Jahren war eine Reaktion auf das totale Versagen dieses Arabischen Sozialismus. Daß diese Spielart des Sozialismus in einem nicht unerheblichen Umfang von einer rückständigen religiösen Ideologie abgelöst wurde und nicht (wie z.B. in Rußland und China) von einer Hinwendung zum Kapitalismus, dürfte wesentlichen mit dem Erbe des Osmanischen Reichs zusammenhängen. Ich habe das im September 2006 in der dreiteiligen Serie "Arabiens Misere" im einzelnen zu analysieren versucht. (1. Wirtschaftlicher Rückstand; 2. Der Arabische Sozialismus; 3. Das Erbe des Osmanischen Reichs).



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    29. Oktober 2009

    ... aber der Barack, der läßt sie nicht verkommen. Wie der Saubermann Obama seine Unterstützer im Wahlkampf jetzt belohnt

    Zu dem Bild vom strahlenden Helden, das Barack Obama von sich im Wahlkampf entwarf, gehörte der Kampf gegen "Washingon" - die Chiffre für Lobbyismus, Kungelei und Vetternwirtschaft. Mit dem Morast ("muddy waters") wolle er aufräumen, hatte er versprochen, der Herkules Obama.

    Knapp ein Jahr nach seinem Wahlsieg zeichnet sich jetzt ab, daß kein US-Präsident seit Menschengedenken so skrupellos wie Obama darin war, diejenigen, die ihm mit Geldspenden geholfen haben, mit Wohltaten zu bedenken und mit Ämtern zu versorgen. Dazu ist heute in USA Today ein Artikel erschienen, der das bestätigt und ergänzt, was gestern in der Washington Times zu lesen gewesen war. Aufmerksam geworden bin ich auf beide Artikel durch das Internet- Magazin The Slatest.

    Obama hatte, wir erinnern uns, im Vorwahlkampf gegen seine demokratischen Mitbewerber und im Wahlkampf gegen John McCain mehr Geld zur Verfügung gehabt als irgendein Konkurrent. Das verdankte er seinem Charisma und der konsequenten Nutzung des Internet; vor allem aber verdankte er es denjenigen, die für ihn kleine Spenden gesammelt und sie ihm gebündelt überwiesen hatten, den sogenannten bundlers (Bündlern).

    Diese erhalten jetzt ihre Belohnungen, und zwar je nach der Größe ihres Verdienstes auf einer von zwei Ebenen: Sie werden entweder mit Privilegien ausgestattet, den sogenannten perks, oder sie bekommen einen schönen Posten.



    Privilegien für eifrige Spender sind in Washington nichts Neues. Aber Obama, der Saubermann, hat sie auf eine neue Höhe geführt.

    Sie umfassen, wie Matthew Mosk in der Washington Times schreibt, "VIP access to the White House, private briefings with administration advisers and invitations to important speeches and town- hall meetings" - VIP-Zugang zum Weißen Haus, private Hintergrund- Gespräche mit hochrangigen Beamten der Regierung und Einladungen zu wichtigen Reden und Bürger- Versammlungen.

    Ein Spender wurde zu seinem Geburtstag ins Weiße Haus eingeladen. Ein anderer durfte mit seiner Familie die Bowling- Anlage des Weißen Hauses benutzen. Bündler durften gemeinsam mit dem Präsidenten einer Vorführung im Kino des Weißen Hauses beiwohnen. Wer sehr viel gebündelt hatte, wie der Geschäftsmann Robert Wolf, der wurde auch schon einmal zum Golfspiel mit dem Präsidenten an dessen Urlaubsort Martha's Vineyard eingeladen.

    Nun gut, Peanuts. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Oder sagen wir: Serenissimus gewährt seine Huld je nach Verdienst. Auch nach in Aussicht gestelltem Verdienst. Ebenfalls laut Washington Times wurde künftigen Spendern für die Wahlen 2010 schon jetzt ein privilegierter Zugang zu Beamten des Weißen Hauses versprochen.



    Nicht mehr unter "Peanuts" zu subsumieren aber ist die Verteilung von Posten an diejenigen, die dem Kandidaten Obama gefällig gewesen waren. In USA Today nennt Fredreka Schouten dazu beeindruckende Zahlen:
  • Von den 47 Bündlern, die für Obama mehr als jeweils 500.000 Dollar gesammelt hatten, sind 20 inzwischen in durchweg hohe Regierungsämter berufen worden.

  • Insgesamt sind von den rund 600 Bündlern bisher 54 in der Regierung untergekommen - von Ministerämtern über Führungspositionen im Regierungsapparat bis hin zur Aufnahme in Gremien wie etwa die Kommission, die das Land aus der Rezession führen soll.

  • Am eindrucksvollsten aber ist, in welchem Umfang Obama seine Getreuen mit Posten als Botschafter belohnt hat.
  • Daß ein Teil der Botschafter sich nicht aus dem diplomatischen Corps rekrutiert, hat in den USA Tradition. Wenn allerdings jemand zum Botschafter berufen wird, der erkennbare persönliche Beziehungen zum Präsidenten hat oder sich um dessen Wahl verdient gemacht hat, dann galt das bisher als anrüchig und wurde in der Presse regelmäßig kritisiert.

    Die folgenden Personen haben für Obama mehr als 500.000 Dollar gebündelt:

    Nicole Avant, jetzt Botschafterin auf den Bahamas; Matthew Barzun, jetzt Botschafter in Schweden; Don Beyer, jetzt Botschafter in der Schweiz und Liechtenstein; Jeff Bleich, als Botschafter in Australien nominiert; William Eacho, jetzt Botschafter in Österreich; Donald Gips, jetzt Botschafter in Südafrika; Howard Gutman, jetzt Botschafter in Belgien; William Kennard, als Botschafter bei der EU nominiert; Bruce Oreck, jetzt Botschafter in Finnland; Charles Rivkin, jetzt Botschafter in Frankreich und Monaco; John Roos, jetzt Botschafter in Japan; Alan Solomont, als Botschfter in Spanien und Andorra nominiert; Cynthia Stroum, als Botschafterin in Luxemburg nominiert. - Bei den Nominierten steht die Bestätigung durch den Senat noch aus.

    Wer weniger als 500.000 Dollar gesammelt hat, der muß in der Regel auch mit einer weniger hochrangigen Position vorliebnehmen.

    In dieser weit kopfstärkeren Gruppe finden sich nur noch sieben Botschafter: Samuel Kaplan, jetzt Botschafter in Marokko; Louis Susman, jetzt Botschafter in Großbritannien; Barry White, jetzt Botschafter in Norwegen; Laurie Fulton, jetzt Botschafterin in Dänemark; Vinai Thummalapally, jetzt Botschafter in Belize; David Jacobson, jetzt Botschafter in Kanada und Susan Rice, jetzt Botschafterin bei den Vereinten Nationen.

    Die meisten in dieser Gruppe der weniger erfolgreichen Bündler mußten sich mit Regierungsämtern minderen Rangs begnügen. A. Marisa Chun (Sammlerin in der Kategorie von 200.000 bis 500.000 Dollar) wurde zum Beispiel Deputy associate attorney general (ungefähr: Unterstaatssekretärin im Justizministerium); Fred Hochberg (100.000 bis 200.000 Dollar) wurde Präsident der US- Import- und Exportbank, und Rocco Landesman (50.000 bis 100.000 Dollar) steht jetzt der Nationalen Kunststiftung vor.

    Nicht immer hat sich der Präsident allerdings streng an Verdienst und Würdigkeit gehalten. Eric Holder (50.000 bis 100.000 Dollar) hat deutlich weniger gesammelt als A. Marisa Chun (200.000 bis 500.000 Dollar). Dennoch ist er als Justizminister jetzt ihr Vorgesetzer.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Die Titelvignette zeigt das offizielle Foto von Präsident Obama. Es wurde wenige Stunden vor seinem Amtsantritt von Peter Souza aufgenommen und ist unter Creative Commons Attribution 3.0 Unported License freigegeben.

    16. Januar 2009

    Zitat des Tages: Innenminister Schäuble "braucht keine Belehrung". Wie gefährlich sind eigentlich die Häftlinge, die aus Guantánamo entlassen werden?

    Frau Merkel und ich brauchen da von manchen Beteiligten gar keine Belehrung.

    Innenminister Wolfgang Schäuble laut "Spiegel- Online" gestern auf dem Treffen der EU-Innenminister in Prag zu der Frage, ob Deutschland aus Guantánamo entlassene Häftlinge aufnehmen soll.

    Schäuble bezog sich offensichtlich auf die von seinem Kollegen Steinmeier in einem Offenen Brief an den künftigen US-Präsidenten Obama angedeutete Bereitschaft, Gefangene aus Guantánamo in Deutschland aufzunehmen. Ende Dezember war gemeldet worden, daß im Auswärtigen Amt an Plänen zur Aufnahme von Häftlingen aus Guantánamo gearbeitet werde.

    Kommentar: "Keine Belehrung" braucht Schäuble von seinem Kollegen Steinmeier, denn, so "Spiegel- Online": "Schäuble erklärte dazu, zuständig seien eindeutig 'die Innenminister von Bund und Ländern'".

    In der Tat - Steinmeiers Vorstoß ist schon sehr eigenartig. Zum einen, weil er damit im Kompetenzbereich eines Kollegen wildert. Zum anderen, weil er noch dazu seinen Vorstoß mit diesem offenbar nicht abgestimmt hatte - sonst würde sich ja Schäuble jetzt nicht so ostentativ von Steinmeiers Plänen distanzieren.

    Und drittens, weil nicht zu sehen ist, welches Interesse Deutschland daran haben kann, sich ehemalige Insassen des Lagers Guantánamo ins Land zu holen. Denn damit holt man sich freiwillig potentielle Terroristen ins Land.



    Um wen geht es überhaupt? In der "Zeit" hat Heinrich Wefing am 31. Dezember ein nachgerade idyllisches Bild von diesen Gefangenen gezeichnet:
    Gestrandete des "Kriegs gegen den Terror" sind sie, Männer, deren einziges Verbrechen es wohl gewesen ist, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Nichts liegt gegen sie vor, kein Komplott gegen Amerika haben sie geplant, kein Selbstmordattentat, wie selbst die Regierung Bush einräumt, und doch sitzen sie zum Teil seit Jahren in Guantánamo fest, wenn auch unter gelockerten Bedingungen. Ihnen Asyl in Deutschland zu gewähren, ganz so wie anderen politisch Verfolgten auch, wäre ein Signal an Washington. Und ein Akt der Menschlichkeit.
    Schön wäre es, wenn die Entscheidung so einfach wäre, wie Wefing es sich vorstellt.

    Was es tatsächlich mit den noch in Guantánamo Einsitzenden auf sich hat, darüber habe ich im November auf der Grundlage eines sachkundigen Artikels in der Washington Post berichtet:

    Es sind erstens Personen, denen der Prozeß gemacht werden soll, weil gegen sie hinreichend eindeutige Beweise vorliegen.

    Es sind zweitens enemy combattants, also feindliche Kämpfer, denen kein Verbrechen nachgewiesen werden kann. Diese zerfallen wiederum in die Gruppe derer, die die US- Behörden für immer noch so gefährlich halten, daß sie sie weiter festhalten möchten; sowie rund sechzig Personen, die sie bereit sind in ihre Heimtländer abzuschieben, weil sie sie für nicht mehr gefährlich halten.

    Um diese letztere Gruppe geht es, jetzt noch ungefähr 60 Männer.

    Sind das "Gestrandete", die nur das Pech hatten, "zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein"? Nichts spricht dafür. Sie wurden bei Kampfhandlungen oder unter anderen Umständen gefangen genommen, die darauf hindeuten, daß sie feindliche Kämpfer sind.

    Die USA haben sie bisher so festgehalten, wie man auch in regulären Kriegen gefangen genommene feindliche Kämpfer festhält: Damit sie nicht weiterkämpfen können. Kriegsgefangenen muß man nicht Mann für Mann nachweisen, daß sie kriminelle Handlungen begangen haben.



    Gibt es die Möglichkeit, zu prognostizieren, wie sich die 60 Gefangenen verhalten werden, wenn sie erst einmal freigelassen sind? Niemand weiß es. Aber es gibt die Möglichkeit zu so etwas wie einer Hochrechnung.

    Die meisten derer, die bisher freigelassen wurden - von denen die US-Behörden also annahmen, sie seien nicht mehr gefährlich -, sind in der Tat nicht wieder als Terroristen bekannt geworden. Die Dunkelziffer kennt man, wie es Dunkelziffern an sich haben, nicht. Aber ungefähr sieben Prozent wurden überführt, erneut als Terroristen aktiv geworden zu sein. Ein Überblick findet man in der Wikipedia. Aktuelle Beispiele nennt eine Zusammenstellung (Fact Sheet) der Defense Intelligence Agency.

    Einige Beispiele daraus:
  • Ibrahim Shafir Sen wurde im November 2003 in die Türkei entlassen. Im Januar 2008 wurde er im türkischen Ort Van festgenommen und angeklagt, Führer einer lokalen Zelle der El Kaida zu sein.

  • Ibrahim Bin Shakaran und Mohammed Bin Ahmad Mizouz wurden im Juli 2004 nach Marokko entlassen. Im September 2007 wurden sie aufgrund der Anklage, Kämpfer für die Gruppe von Abu- Musab al- Zarkawi, der Organisation der Kaida im Irak, angeworben zu haben, zu zwei bzw. zehn Jahren Haft verurteilt.

  • Abdullah Mahsud war im März 2004 nach Afghanistan entlassen worden. Im Oktober 2004 übernahm er u.a. die Verantwortung für einen Bombenanschlag auf ein Hotel. Als ihn pakistanische Truppen im Juli 2007 festnehmen wollten, beging er Selbstmord.

  • Mohammed Ismail erklärte nach seiner Freilassung im Januar 2004, er werde zu seinen Angehörigen zurückkehren und Arbeit suchen. Im Mai 2004 wurde er gefangen genommen, als er an an einem Angriff auf US- Truppen in Afghanistan teilnahm. Er trug einen Brief bei sich, der ihn als Mitglied der Taliban auswies.

  • Maulvi Abdul Ghaffar wurde Ende 2002 aus Guantánamo entlassen. Er wurde danach der regionale Kommandeur der Taliban in den afghanischen Provinzen Uruzgan und Helmand. Im September 2004 wurde er bei einem Angriff auf US- Truppen getötet.
  • Und so fort. Wohlgemerkt: Alle diese Leute wurden entlassen, weil die US- Behörden hinreichend sicher waren, daß sie nicht wieder in den Terrorismus zurückkehren würden. Sie gehörten also zu jener dritten Gruppe von jetzt noch 60 Gefangenen, von denen unser Außenminister Steinmeier gern einige aufnehmen möchte.

    Deutschland kann Glück haben, und wir bekommen nur solche Entlassene, die aussteigen wollen. Vielleicht auch solche, die tatsächlich, wie der "Zeit"- Autor Wefing es sich vorstellt, nur "zur falschen Zeit am falschen Ort" waren.

    Wenn wir allerdings Pech haben, dann holen wir uns ein paar Terroristen ins Land.

    Und da man niemandem ansieht, ob er zur einen oder zur anderen Gruppe gehört, wird dem Innenminister Schäuble, falls sein Kollege Steinmeier sich mit seinem Plan durchsetzt, nichts anderes übrig bleiben, als die Aufgenommenen von unseren Sicherheitsorganen überwachen zu lassen.

    Absurd, finden Sie nicht? Aber vielleicht haben wir ja Glück, und der eine oder andere reist gleich ins Ausbildungslager in Pakistan oder Afghanistan weiter.



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    17. Mai 2008

    Monarchie - warum eigentlich nicht?

    Durch eine Mail, die mir freundlicherweise zugeschickt wurde, bin ich auf einen am 10. Mai gegründeten Verein aufmerksam geworden. Er heißt "Bund aufrechter bayerischer Monarchisten und Föderalisten", hat das "Ziel des bayerischen Staatsoberhauptes aus dem Hause Wittelsbach" und möchte sich diesem Ziel vorerst dadurch nähern, daß man Lehrern an bayerischen Schulen einschlägige Unterrichtsmaterialien zur Verfügung stellt.

    Die WebSite, auf der sich die Informationen darüber finden, heißt "Monarchistische Nachrichen", und das "kaisertreu" in der Webadresse läßt erkennen, daß es um Monarchie allgemein und nicht nur um die Treue zum Haus Wittelsbach geht.



    Es geschieht immer wieder einmal, daß mir jemand eine Mail schickt in der Erwartung oder Hoffnung, daß sie einen Artikel in ZR anregt. Daß ich das im jetzigen Fall aufnehme, mag Stammleser von ZR zu der kopfschüttelnden Frage veranlassen, ob ich denn, zusätzlich zu den sonstigen gedanklichen Kapriolen, die mir gelegentlich angelastet werden, nun auch noch zum Monarchisten geworden bin.

    "Hm, hm, ..." lautet meine Antwort, und statt ihn zu schütteln, wiege ich den Kopf.

    Denn einerseits bin ich gewiß durch die Nachricht von der Gründung dieses Vereins zu nichts geworden, was ich nicht schon war. Andererseits - war ich vielleicht schon, bin ich also vielleicht ein Monarchist?



    Als ZR noch jung und sehr klein war, im August 2006, habe ich mich schon einmal mit der Monarchie befaßt; in einem Artikel, in dem das zu lesen ist, was ich sonst jetzt hier schreiben würde.

    Vielleicht ist dieser Artikel ein Lob der Monarchie; jedenfalls steht darin Positives über die europäischen Monarchien.

    Es steht darin Positives, denn wenn man vorurteilslos an die Sache herangeht, dann kann der Vergleich zwischen Monarchien und Republiken nur zugunsten der Monarchien ausgehen.

    Alles in allem ist es denjenigen europäischen Ländern, die ihre Monarchen behalten haben, statt sie im 19. Jahrhundert oder nach dem ersten Weltkrieg davonzujagen, besser gegangen als vielen Republiken. Ganz sicher ist es ihnen nicht schlechter gegangen, den Briten und Schweden, den Luxemburgern und Norwegern und nicht zuletzt den Spaniern, denen die Monarchie den friedlichen Übergang von der Franko- Diktatur in die Demokratie ermöglicht hat.



    Demokratie und Monarchie - das sind ja keine Gegensätze. Eine demokratische politische Verfassung ist in keiner Weise an die Staatsform der Republik gebunden. Eher im Gegenteil, möchte man sagen.

    Die schlimmsten Diktaturen waren und sind Republiken; von den Staatswesen Hitlers, Stalins, Maos, Pol Pots und Saddams bis zu den heutigen Diktaturen im Iran, in Cuba, in Nordkorea.

    Oder nehmen wir Indochina und den arabischen Raum: In der Monarchie Thailand geht es entschieden demokratischer zu als in den Republiken Vietnam und Burma alias Myanmar. Ebenso finden sich Ansätze zu einer Mehrparteien- Demokratie unter den arabischen Ländern nicht in Republiken wie Algerien und Syrien, sondern in den Monarchien Marokko und Jordanien.



    Und also?

    Nein, wir werden in Deutschland nicht wieder eine Monarchie bekommen; auch nicht in Bayern.

    Aber dem "Bund aufrechter bayerischer Monarchisten und Föderalisten" wünsche ich dennoch gute Arbeit. Träumen darf man ja in der Politik. Und ein Bund, der von einer Monarchie träumt, ist mir entschieden lieber als Parteien und Vereinigungen, die vom Sozialismus träumen.



    Mit Dank an Martin Spannbrucker. Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.