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13. Oktober 2012

Aufruhr in Arabien (32): Ein Video zeigt die wahren Ziele der "gemäßigten" Regierungspartei Tunesiens, der Ennahda. Es sind die Ziele der Salafisten

Der "arabische Frühling" begann nicht im Frühjahr, sondern im Dezember; genauer: am 18. Dezember 2010, als es nach der Selbstverbrennung des Obsthändlers Mohamed Bouazizi im tunesischen Sidi Bouzid zu ersten Demonstrationen gegen das sozialistische Regime Ben Ali kam.

Der Scheinwerfer des internationalen Interesses war folglich zunächst auf Tunesien gerichtet; dann schwenkte er auf Ägypten, Libyen und aktuell Syrien. Demnächst könnte Jordanien in den Blickpunkt geraten.

In dieser Serie habe ich die Entwicklung dieser beiden Jahre mit Analysen und Kommentaren begleitet. In der Ankündigung der Serie im Januar 2011 konnten Sie zu Tunesien lesen:

6. Februar 2011

Aufruhr in Arabien (8): Bricht jetzt der arabische Sozialismus so zusammen wie nach 1989 der osteuropäische? Über die Weitsicht von George W. Bush

Sie werden den Titel dieser Folge der Serie vielleicht provokativ finden, ja abwegig. Geht es denn bei dem Aufruhr in Arabien überhaupt um Sozialismus? Ist dies nicht vielmehr ein Aufstand gegen verkrustete, überwiegend prowestliche Diktaturen? War Zine el-Abidine Ben Ali, der - angeblich unter Mitnahme von Reichtümern - floh, denn ein Sozialist? Ist es der einstige Berufssoldat Hosni Mubarak, Held des Jom-Kippur-Kriegs gegen Israel?

Sie sind so viel und so wenig Sozialisten, wie der General Wojciech Jaruzelski ein Sozialist war, der Polen bis zur Revolution gegen das kommunistische Regime 1989/1990 regierte; wie es Nicolae Ceauşescu war. Der eine ein autokratischer Herrscher, der andere ein diktatorischer. Sie herrschten über Länder, deren beiden konstitutiven Merkmale die Einparteienherrschaft und die staatliche Kontrolle über die Wirtschaft waren; mit der Folge allgemeiner Armut und Unfreiheit.

Es gab dort die Wechselwirkungen, die konstitutiv sind für den Sozialismus:

Staatliche Planwirtschaft bedeutet Ineffizienz und damit Armut. In keiner Spielart des Sozialismus hat die Mehrheit der Bevölkerung einen auch nur bescheidenen Wohlstand erreicht.

Armut erzeugt Unmut im Volk; also muß das Regime repressiv sein. Die Repression wiederum verhindert jede Eigeninitiative und perpetuiert damit die Armut. Planwirtschaft und Repression verlangen einen großen, unproduktiven Staatsapparat. Dessen Unproduktivität trägt wiederum zur Armut bei und damit zur Unzufriedenheit in der Bevölkerung; also muß der Repressionsapparat beibehalten, wenn nicht weiter ausgebaut werden. Und so fort; ein in sich geschlossenes und bis zu einem gewissen Punkt auch stabiles System aus Unterdrückung und Armut.

So ist es heute in Ländern wie Tunesien und Ägypten, in denen es jetzt zu Aufständen kam; so ist es in Algerien, dem Jemen und Syrien, die jederzeit folgen können. Ihre politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Systeme verbinden Armut mit Repression, und die Wechselwirkungen sind dieselben wie bis 1990 in Osteuropa. Die Misere Arabiens ist nur eine Spielart der allgemeinen Misere des Sozialismus (siehe die Serie "Arabiens Misere").

Sie werden vielleicht einwenden, das sei eine Ähnlichkeit nur an der Oberfläche. Sozialistisch könne man diese arabischen Länder doch nur dann nennen, wenn die jetzigen Systeme explizit als sozialistische Systeme entstanden wären.

Ja, so ist es. So sind sie entstanden, in jedem einzelnen dieser Länder. Ich will das jetzt am Beispiel Tunesien zeigen. Für Ägypten, Algerien, Syrien, den Jemen läßt sich dasselbe nachweisen.



Tunesien ist - vielleicht wird sich das jetzt, nach der Revolution, ändern - das Land einer sozialistisch-nationalistischen Einheitspartei.

Gegründet wurde sie schon 1920 - also, als Tunesien ein französisches Protektorat war -, als Destour. Damals allerdings war sie noch eine bürgerlich-liberale Partei, deren Ziel ein selbständiges Tunesien mit einer parlamentarischen Demokratie war.

1934 spaltete sich eine Gruppe unter Habib Bourguiba ab, die Néo-Destour, die bald an die Stelle der alten Destour trat. Sie blieb eine nationalistische, bürgerlich-liberale Partei bis über die Unabhängigkeit im Jahr 1957 hinaus.

Dann aber geriet auch die Destour in den Sog des Sozialismus, der die ganze arabische Welt seit den späten fünfziger Jahren erfaßt hatte. Ab 1961 wuchs der Einfluß des Sozialisten Ahmed Ben Salah in der Partei. Bis 1964 war sie eine Partei nach dem Vorbild kommunistischer Parteien geworden.

Bourguiba schloß sich der neuen Mehrheit in seiner Partei an. Grund und Boden wurden verstaatlicht; gegen den Widerstand der Bauern wurde ein System aus Kolchosen eingerichtet. Der bis dahin freie Handel wurde durch eine staatliche Handelsorganisation ersetzt. Ausländische Unternehmen wurden verstaatlicht.

Im Oktober 1964 fand in Bizerta ein Parteikongreß statt, auf dem die Partei in Sozialistische Destour-Partei umbenannt wird. Die Parteiorganisation wurde nach dem Vorbild kommunistischer Parteien umgestaltet; mit einem Zentralkomitee und einem Politbüro an der Spitze.

Die Wirtschaft wurde in drei Sektoren gegliedert: Den staatlichen, den genossenschaftlichen und einen kleinen verbleibenden privaten. 1965 wurde auch die schon bestehende, aber noch unabhängige Einheitsgewerkschaft nach kommunistischem Vorbild gleichgeschaltet. Von da an war Tunesien ein sozialistisches Land, das sich in kaum einem Merkmal von den sozialistischen Ländern Osteuropas unterschied. Bourguiba verfolgte allerdings außenpolitisch einen von der UdSSR unabhängigen Kurs.

Mit der Einführung des Sozialismus begann der Niedergang Tunesiens. Er beschleunigte sich für den Rest der Amtszeit Bourguibas, auch wenn - teils nach Aufständen - gewisse Züge des Sozialismus wieder gelockert wurden. Aber auch Ende der siebziger Jahre standen noch 80 Prozent der Wirtschaft unter staatlicher Kontrolle.

Als 1987 Bourguiba wegen medizinisch festgestellter Amtsunfähigkeit seines Amtes enthoben wurde und der in Frankreich und den USA ausgebildete Zine el-Abidine Ben Ali an seine Stelle tritt, hatte Tunesien den Zustand der Unterentwicklung erreicht, wie er für jedes sozialistische Land charakteristisch ist.

Ben Ali wurde anfangs als eine Hoffnung für Tunesien wahrgenommen, denn er versuchte zunächst gewisse Liberalisierungen. Als einen der ersten Schritte schaffte er das "sozialistisch" im Parteinamen ab; die Einheitspartei hieß ab 1988 auf französisch Rassemblement constitutionnel démocratique; also ungefähr: Sammlungsbewegung für Verfassung und Demokratie (RCD).

Auch nach dieser erneuten Umbenennung ist die Partei aber bis heute nach kommunistischem Vorbild organisiert; mit einem Zentralkomitee und einem Politbüro. Nach kommunistischem Vorbild durchdringt die Partei die gesamte Gesellschaft. Es gibt in Tunesien beispielsweise nach wie vor einen offiziellen Jugendverband, der FDJ vergleichbar (JCD, rund eine halbe Million Mitglieder). Bis zur Januar-Revolution regierte die RCD als Staatspartei, wie jede kommunistische Partei.

Wirtschaftlich hingegen blieben die von Ben Ali anfangs vorangetriebenen Liberalisierungen bestehen und wurden teilweise sogar ausgebaut. Der private Sektor durfte erweitert werden; vor allem in den Bereichen Tourismus, Agrarindustrie und Fischerei sowie in der Elektrotechnik. Heute hat Tunesien eine halbstaatliche Wirtschaft mit Wachstumsraten in der Größenordnung von 5 Prozent.

Im letzten Jahrzehnt war in Tunesien damit ein Hauch des chinesischen Modells zu verspüren: Wirtschaftliche Liberalisierung bei gleichzeitigem Fortbestehen einer staatlichen Repression. Die Wirtschaft genießt heute für ein sozialistisches Land ungewöhnlich viel Freiheit; noch immer freilich wenig im Vergleich zu kapitalistischen Ländern. Die Zahl der Unternehmens-Neugründungen beträgt in Tunesien beispielsweise noch immer erst ein Zehntel der Zahl in dem vergleichbaren kapitalistischen Land Portugal.

Die Januar-Revolution kann auch als Ausdruck der Spannungen verstanden werden, die ein solches sich wirtschaftlich liberalisierendes sozialistisches System erzeugt. Gewährt man den Menschen mehr wirtschaftliche Freiheit, dann bringt man das eingangs skizzierte sozialistische System aus Repression und Armut leicht aus dem Gleichgewicht. Irgendwann wird es instabil; wurde es das jedenfalls jetzt in Tunesien.



Die Zukunft Tunesiens wird demnach davon abhängen, ob die nun eingeleiteten Reformen zu einer Abkehr vom Sozialismus führen werden. Gelingt das, dann kann das Land - vor allem auch mit Hilfe der EU, mit der es ein Assoziierungssabkommen hat - den Weg der Länder Osteuropas gehen und sich aus der sozialistischen Rückständigkeit befreien. Gelingt das nicht, dann dürfte die Gefahr einer zweiten, diesmal islamistischen Revolution wachsen.

Es geht in Tunesien, es geht in Äypten und den anderen Ländern des Arabischen Sozialismus, somit nicht um Demokratisierung allein. Es geht zentral um die Überwindung des Sozialismus und den Aufbau einer kapitalistischen Wirtschaft; nur sie kann die Grundlage für eine stabile Demokratie sein.

Daß Präsident Obama, der auch in der jetzigen Krise wieder eine denkbar unglückliche Rolle spielt, das verstanden hat, ist nicht zu erkennen. George W. Bush aber hatte es verstanden. Am 18. Mai 2008 hielt er auf dem Weltwirtschafts-Forum im ägyptischen Scharm El-Scheich eine Rede über die Zukunft des Nahen Ostens, auf die ich kürzlich in einem kleinen Quiz aufmerksam gemacht habe.

Ich möchte nun einige Passagen aus dieser Rede zitieren; sie liest sich wie ein Drehbuch für den Umbruch in Arabien, der sich jetzt abzeichnet.

Bush erwähnte den Fall von Diktaturen weltweit in den vergangenen Jahrzehnten und wandte sich dann an die anwesenden Staatsmänner aus Arabien:
I strongly believe that if leaders like those of you in this room act with vision and resolve, the first half of 21st century can be the time when similar advances reach the Middle East. This region is home to energetic people, a powerful spirit of enterprise, and tremendous resources. It is capable of a very bright future -- a future in which the Middle East is a place of innovation and discovery, driven by free men and women. (...)

America appreciates the challenges facing the Middle East. Yet the light of liberty is beginning to shine. There is much to do to build on this momentum. From diversifying your economies, to investing in your people, to extending the reach of freedom, nations across the region have an opportunity to move forward with bold and confident reforms -- and lead the Middle East to its rightful place as a center of progress and achievement.

Ich bin der festen Überzeugung, daß dann, wenn führende Staatsmänner wie die in diesem Raum versammelten mit Visionen und Entschlossenheit handeln, die erste Hälfte des 21. Jahrhunderts eine Epoche werden kann, in der im Nahen Osten ähnliche Fortschritte gemacht werden. Diese Region beherbergt Menschen voller Energie und mit einem starken Unternehmungsgeist sowie gewaltige Ressourcen. Ihr steht eine leuchtende Zukunft offen - eine Zukunft, in welcher der Nahe Osten ein Ort der Innovation und der Entdeckungen ist, gestaltet von freien Männern und Frauen. (...)

Amerika weiß um die Herausforderungen, denen sich der Nahe Osten gegenübersieht. Und doch beginnt das Licht der Freiheit zu leuchten. Es ist viel zu tun, um auf diesem Schwung aufzubauen. Von der Diversifizierung ihrer Volkswirtschaften bis zu Investitionen in Ihre Menschen und zur Ausdehnung der Freiheiten haben die Nationen dieser Region die Chance, mit mutigen und zuversichtlichen Reformen vorwärts zu schreiten - und dem Nahen Osten den ihm zustehenden Platz als ein Zentrum des Fortschritts und des Erfolgs zu geben.
Später in der Rede wird Bush konkret und weist auf die Notwendigkeit bestimmter Schritte zur wirtschaftlichen Liberalisierung hin. Die Nationen des Nahen Osten müßten ihre Volkswirtschaften dynamischer machen und sie diversifizieren:
Your greatest asset in this quest is the entrepreneurial spirit of your people. The best way to take advantage of that spirit is to make reforms that unleash individual creativity and innovation. Your economies will be more vibrant when citizens who dream of starting their own companies can do so quickly, without high regulatory and registration costs.

Your economies will be more dynamic when property rights are protected and risk-taking is encouraged -- not punished -- by law. Your economies will be more resilient when you adopt modern agricultural techniques that make farmers more productive and the food supply more secure. And your economies will have greater long-term prosperity when taxes are low and all your citizens know that their innovation and hard work will be rewarded.

Ihr größter Aktivposten bei diesem Bestreben ist der Unternehmungsgeist Ihrer Menschen. Am besten kann man diesen Geist nutzen, wenn man Reformen vornimmt, welche die Kreativität und den Erfindungsreichtum des Einzelnen freisetzen. Ihre Volkswirtschaften werden stärker pulsieren, wenn Bürger, die von der Gründung eines eigenen Unternehmens träumen, das schnell und ohne hohe Kosten für Regulierung und Registrierung umsetzen können.

Ihre Volkswirtschaften werden dynamischer werden, wenn die Eigentumsrechte geschützt sind und wenn durch die Gesetze die Risikobereitschaft gefördert wird - nicht bestraft. Ihre Volkswirtschaften werden belastbarer sein, wenn sie moderne Agrartechnik übernehmen, welche die Landwirtschaft produktiver und die Versorgung mit Nahrung sicherer machen. Und Ihre Volkswirtschaften werden auf lange Sicht mehr prosperieren, wenn die Steuern niedrig sind und alle Ihre Bürger wissen, daß sich Innovationen und ihre harte Arbeit lohnen.
Das war Bushs neoliberales Konzept zur Überwindung des Arabischen Sozialismus. Es war damals, vor fast drei Jahren, richtig. Es ist jetzt erst recht richtig, wo der Aufruhr in Ländern des Arabischen Sozialismus zeigt, daß es dort so wie bisher nicht weitergehen kann.

Wenn Sie wissen wollen, was der richtige Weg für Arabien ist; wenn Sie sich auch das Vergnügen gönnen wollen, die Rede eines klar denkenden US-Präsidenten zu lesen, als Kontrastprogramm zu Obamas Wischiwaschi - dann nehmen Sie sich, sofern Sie Englisch lesen können, die Zeit und lesen Sie diese Rede.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Großmoschee von Kairouan, Tunesien. Vom Autor Wotan unter Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0-Lizenz freigegeben. Bearbeitet. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier.

5. Februar 2011

Aufruhr in Arabien (7): Wie ist eigentlich die Lage in Tunesien? Erstaunlich!

Krisengebiete geraten oft nur kurz in den Fokus des Interesses. Geht es woanders los, dann schwenkt der Scheinwerfer dorthin. So war es jetzt mit Tunesien.

Die Aufmerksamkeit richtete sich auf Tunesien, als Präsident Ben Ali am 14. Januar das Land verließ und damit klar war, daß die Unruhen einen Machtwechsel bedeuteten; welcher Art auch immer (siehe Einige Anmerkungen zur tunesischen Revolution; zu revolutionären Situationen überhaupt; ZR vom 19. 1. 2011). Aus dem Fokus des Interesses verschwand das Land, als die revolutionären Wirren in Ägypten begannen. Wie ist es seither in Tunesien weitergegangen?

Zuletzt habe ich in dieser Serie 30. Januar über Tunesien berichtet; und zwar gestützt auf die ausführlichen täglichen Augenzeugenberichte von Alma Allende, einer Hispano-Tunesierin. Sie schilderte, wie Demonstranten, die nicht nur aus Tunis kamen, sondern auch aus dem Umland, einen Teil des Zentrums von Tunis besetzt hatten und dort die Keimzelle eines revolutionären Tunesien schaffen wollten. Ihr - sie ist eine Linksaktivistin - zunächst enthusiastischer Bericht endete mit einer tiefen Enttäuschung: Am 28. Januar räumte die Polizei den Platz der Kasbah und machte den revolutionären Träumen ein vorläufiges Ende.

Wie ist es seither weitergegangen? Am vergangenen Dienstag schrieb Alma Allende:
Hemos vuelto esta mañana a la Qasba, cerrada por sus cuatro costados por alambradas de espino. Los policías sólo dejan entrar a los funcionarios que trabajan en el recinto. Pero hemos podido ver desde fuera, y fotografíar, esa cal nueva que, como un lifting facial, revela una historia oculta, una antigüedad sofocada.

Han hecho un buen trabajo, no cabe duda. Ni un rastro de pintada ni la coma de un grafito ni un jironcito de tinta negra. Ni siquiera sobre la piedra del palacio del primer ministro se puede localizar el menor rastro del bullicio palabrero que durante cinco días fundió política y vida en un presente puro sin porvenir.

Wir sind heute Morgen zur Kasbah zurückgekehrt, die auf allen vier Seiten mit Stacheldraht abgesperrt ist. Die Polizei läßt nur die Regierungsangestellen durch, die in dem Komplex arbeiten. Aber wir haben von außen diesen neuen Kalkanstrich sehen und fotografieren können, der wie ein Facelifting eine verdeckte Geschichte, eine erstickte Vergangenheit enthüllt.

Sie haben gute Arbeit geleistet, keine Frage. Keine Spur von Malerei, kein Strich eines Grafitos mehr, kein Fitzelchen schwarzer Farbe. Noch nicht einmal auf dem Gemäuer des Palasts des Premierministers kann man die geringste Spur von dem Sprachgetöse finden, das fünf Tage lang Politik und Leben in einer reinen Gegenwart ohne Zukunft verschmelzen ließ.
Poetisch formuliert, und nicht ohne Symbolik: Denn es hat im Augenblick den Anschein, daß die tunesische Revolution zu Ende gegangen ist.

Die Regierung hat das gemacht, was in Ägypten Mubarak bisher nur ankündigte: Sie hat beherzt Reformen innerhalb des bestehenden Systems in Angriff genommen.

Vor allem auf der personellen Ebene. Ministerpräsident Mohammed Ghanouchi hat am 27. Januar sein Kabinett gründlich umgebildet. Mit Ausnahme weniger Ressorts (wie Verteidigung) gehören ihm keine Politiker des alten Regimes mehr an, sondern überwiegend Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft.

Eine Schlüsselposition hat der Ökonom Elyès Jouni, der bisher Professor an der Universität Paris-Dauphine war. Er wird als Staatsminister beim Premierminister die wirtschaftlichen und sozialen Reformen koordinieren. Gesundheitsministerin ist jetzt Habiba Zéhi Ben Romdhane, Medizinprofessorin und Mitgründerin der tunesischen Sektion von Amnesty International. Der Minister für Wirtschaft und Technologie, Afif Chelbi, hat in Frankreich studiert und war zuletzt Vorstandsvorsitzender einer großen Bank.

Nicht nur in die Regierung sind glaubwürdige neue Personen eingezogen. Sämtliche Gouverneure wurden ausgetauscht; eine Säuberung der Polizei ist im Gang. Als ich gestern die Internetausgabe der tunesischen Zeitung La Presse durchgesehen habe, gab es dort eine ganze Spalte mit den Biografien der neuen Gouverneure (inzwischen anscheinend nicht mehr zugänglich).

Wie sehr sich die Lage normalisiert hat und wie schnell man die Spuren der revolutionären Tage zu beseitigen trachtet, zeigt ein Blick in La Presse:
  • Man macht sich Sorgen um die Nationalparks, die teilweise durch die Wirren der Revolution in Mitleidenschaft gezogen wurden; sie sollen dringend wieder in Ordnung gebracht werden.

  • Der Winterschlußverkauf hat begonnen und findet wie gewohnt statt; allerdings üben die Verbraucher noch eine gewisse Zurückhaltung. Aufgrund von Hamsterkäufen während der Revolution gibt es noch Engpässe bei der Versorgung.

  • Die Regierung hat Mittel für eine Entschädigung der Opfer der Revolution bereitgestellt.

  • Ein Theater bietet heute um 16 Uhr eine Benefizvorstellung an, deren Erlös den durch die Revolution Geschädigten zugute kommen wird.

  • Ein tunesischer Architekt, der bisher in Europa lebte, schlägt die Errichtung eines Museums für die Revolution vom Januar 2011 vor.
  • Schon ein Museum für diese Revolution! Es scheint, daß sie tatsächlich vorbei ist, und daß sie gelungen ist. Kommende Woche soll der Ausnahmezustand aufgehoben werden.

    Wenn man sich die Biographien derer ansieht, die jetzt in die verantwortlichen Positionen einrücken, dann fällt auf, wie viele von ihnen Verbindungen zu Europa, vor allem zu Frankreich haben. Sie haben mindestens dort studiert. Etliche lebten dort für längere Zeit; oder überhaupt bis zur jetzigen Revolution.

    Das könnte ein entscheidender Faktor werden: Tunesien verfügt, dank der historischen Beziehung zu Frankreich (es war von 1881 bis 1956 französisches Protektorat) über eine europäisch gebildete Elite. Das sind nicht nur gute Voraussetzungen für einen wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Ende der Diktatur, sondern diese Elite könnte auch die personelle Basis für eine parlamentarische Demokratie sein.

    Oder ist sie dafür zu dünn, diese Elite? In der jetzigen Phase dominiert sie. Aber das sagt wenig darüber aus, wie freie Wahlen ausgehen werden. Die Masse der Bevölkerung war nicht an den revolutionären Ereignissen beteiligt. Wie sie politisch denkt, ist schwer zu sagen.

    Rachid Ghanouchi, der Führer der islamistischen Ennahda, ist inzwischen wieder in Tunesien. Ähnlich den Moslem-Brüdern in Ägypten gibt er sich im Augenblick gemäßigt. Wie die Islamisten agieren werden, falls sie in einem demokratischen Tunesien bestimmenden Einfluß gewinnen sollten, ist freilich eine andere Frage. Auch die russische Revolution fand im Februar 1917 zunächst als eine bürgerliche Revolution statt, bevor daraus die Oktoberrevolution wurde.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Großmoschee von Kairouan, Tunesien. Vom Autor Wotan unter Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0-Lizenz freigegeben. Bearbeitet. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier.

    24. Oktober 2011

    Zitat des Tages: "Mehr als neunzig Prozent der Tunesier haben gewählt". Behauptet das ZDF. Und läßt damit eine Ente watscheln

    Die Beteiligung war überwältigend. Mehr als neunzig Prozent der Tunesier folgten dem Aufruf, eine Verfassungsgebende Versammlung zu wählen.
    Das ZDF soeben in der Sendung "heute" von 19 Uhr.

    Kommentar: Mehr als neunzig Prozent Wahlbeteiligung in Tunesien?

    23. Oktober 2011

    Aufruhr in Arabien (22): Heute wählt Tunesien. Die wichtigsten Informationen zum Hintergrund und zur wahrscheinlichen kommenden Entwicklung

    Heute wird in Tunesien eine Verfassungsgebende Versammlung gewählt. Ihre 217 Abgeordneten sollen eine neue Verfassung ausarbeiten und die Bildung einer Regierung in die Wege leiten.

    Ende vergangenen und Anfang dieses Jahres war die Revolution in Tunesien wochenlang das medienbeherrschende Thema gewesen. Diese Serie sollte ursprünglich "Die tunesische Revolution" heißen. Ich habe sie dann in "Aufruhr in Arabien" umbenannt. Denn schon bald zeigte sich, daß der Funke der Revolution in andere Länder übersprang. Damit verschob sich der Fokus der Aufmerksamkeit; erst nach Ägypten, dann nach Syrien und vor allem Libyen.

    Und wie ist es eigentlich in Tunesien weitergegangen? Darüber, wie sich die Lage dort seither entwickelt hat und unter welchen Voraussetzungen die heutigen Wahlen stattfinden, informierte gestern Stratfor. Auf diesen Artikel (nur Abonnenten zugänglich) stütze ich mich im Folgenden hauptsächlich.

    29. Juni 2012

    Marginalie: Salafisten in Tunesien und die Freiheit der Kunst. Ein Nazivergleich

    Ein deutscher Autor hätte diesen Vergleich schwerlich gezogen, aber der Franzose Abdelwahab Meddeb, Schriftsteller und Professor für Vergleichende Literatur­wissen­schaft an der Universität Paris-X in Nanterre, tut es: Er vergleicht die Lage in Tunesien, das seit dem Wahlsieg der Islamisten livrée aux fanatiques sei, den Fanatikern ausgeliefert, mit den Verhältnissen in Deutschland nach der Machtergreifung der Nazis.

    Sein Aufsatz ist gestern in Le Monde erschienen. Der Titel weist allerdings auf eine andere Parallele zu Deutschland hin: "Ennahda se prétend inspiré par la Démocratie chrétienne allemande" - Die Ennahda behauptet von sich, von der deutschen CDU inspiriert zu sein.

    17. Januar 2011

    Zitat des Tages: Der Iran, der Irak, die USA - und jetzt Tunesien

    The United States now faces a critical choice. If it continues its withdrawal of forces from Iraq, Iraq will be on its way to becoming an Iranian satellite. (...)

    If Iraq becomes an Iranian ally or satellite, the Iraqi-Saudi and Iraqi-Kuwaiti frontier becomes, effectively, the frontier with Iran. The psychological sense in the region will be that the United States has no appetite for resisting Iran. (...)

    In other words, with the most strategically located country in the Middle East — Iraq — Iran now has the ability to become the dominant power in the Middle East and simultaneously reshape the politics of the Arabian Peninsula.


    (Die USA stehen jetzt vor einer kritischen Wahl. Wenn sie den Abzug ihrer Truppen aus dem Irak fortsetzen, dann wird der Irak auf dem Weg sein, ein Satellit des Iran zu werden. (...)

    Wenn der Irak ein Alliierter oder Satellit des Iran wird, dann werden die irakisch-saudische und die irakisch-kuweitische Grenze faktisch die Grenze zum Iran sein. Der psychologische Eindruck in der Region wird sein, daß die USA keine Lust darauf haben, dem Iran zu widerstehen. (...)

    Mit anderen Worten: Zusammen mit dem Land des Nahen Ostens mit der wichtigsten strategischen Lage - dem Irak - hat der Iran jetzt die Fähigkeit, die Vormacht des Nahen Ostens zu werden und zugleich der Politik auf der arabischen Halbinsel eine neue Gestalt zu geben.)

    George Friedman am 11. Januar bei Stratfor.


    Kommentar: Lesern von ZR ist diese Analyse nicht neu (siehe Die Gefahr eines Kriegs im Nahen Osten wächst; ZR vom 21. 8. 2010, und "Wir geraten unter iranische Besatzung". Präsident Obama erhält die Quittung für seine Irakpolitik; ZR vom 19. 10. 2010). Die Ereignisse in Tunesien, die Friedman noch nicht berücksichtigen konnte, geben ihr aber einen neuen Aspekt; und eine neue Brisanz.

    Friedmans Aufsatz trägt den Titel "The Turkish Role in Negotiations with Iran", die Rolle der Türkei in den Verhandlungen mit dem Iran. Denn am 21./22. Januar beginnen diese Verhandlungen wieder; auf der anderen Seite des Verhandlungstischs sitzen die fünf ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrats sowie Deutschland. Verhandelt wird in Istanbul; und Friedman diskutiert die Frage, ob die Türkei willens und fähig sein könnte, als Ordnungsmacht der Region an die Stelle der USA zu treten.

    Vielleicht ist die Türkei beides (siehe "Diese Region hat das Potential, die Welt zu gestalten". Erdoğan über die imperialen Pläne der Türkei; ZR vom 13. 1. 2011). Aber der Sturz von Präsident Ben Ali in Tunesien fügt der ohnehin schwierigen Situation in der Region eine weitere Komponente hinzu.

    In der Wochenendausgabe der Washington Post untersuchen Liz Sly und Leila Fadel die Auswirkungen der Entwicklung in Tunesien auf die arabischen Länder:
    For the first time in the history of a part of the world long calcified by autocratic rule, a dictator had been forced from office by a popular revolt, and it was all broadcast live on television

    Leaders braced for the fallout. Elites analyzed the potential for the revolution to spread. Ordinary people celebrated, marveled, gossiped and wondered: Will it happen here? What can we do? And, perhaps most important, who will be next?

    Only one certainty stood out: The turmoil in tiny Tunisia, long ignored as a sleepy outpost of relative stability on the fringe of a volatile region, will have profound ramifications for the rest of the Arab world.

    Erstmals in der Geschichte dieses Teils der Welt, der durch autokratische Regierungen verkrustet ist, wurde ein Diktator durch einen Volksaufstand aus dem Amt gejagt, und alles war live im Fernsehen zu sehen.

    Staatenlenker bereiteten sich auf den Fallout vor. Eliten analysierten die Möglichkeit, daß die Revolution sich ausbreitet. Gewöhnliche Bürger feierten, staunten, gaben Gerüchte weiter und fragten sich: Wird es hier geschehen? Was können wir tun? Und, vielleicht am wichtigsten: Wer ist als nächster dran?

    Nur eines ragte als sicher heraus: Der Aufruhr im winzigen Tunesien, das lange als verschlafener Außenposten relativer Stabilität am Rand einer unsteten Region galt, wird tiefe Auswirkungen auf die übrige arabische Welt haben.
    Gestern habe ich darauf aufmerksam gemacht, daß die Revolution in Tunesien keineswegs zu einer demokratischen Entwicklung führen muß, sondern ebenso Islamisten an die Macht bringen könnte ("Das Schlimmste kann kommen"; ZR vom 16. 1. 2011).

    Liz Sly und Leila Fadel weisen darauf hin, daß Islamisten in Saudi-Arabien, in Jordanien, in Ägypten und in Syrien die heftigsten Opponenten der jeweiligen Regimes sind. Vor allem in Ägypten ist die Moslem-Bruderschaft stark. Die Autorinnen zitieren einen jordanischen Analytiker, Labib Kamhawi:
    Change could come not for the better but for the worse, if fundamentalist forces succeed in taking over. (...) Tunisia was not that important at the end of the day. But what if a more important ally, such as Egypt or Saudi Arabia, was at stake? Would the Americans risk serious change in a more important country?

    Es könnte eine Veränderung nicht zum Besseren, sondern zum Schlechteren geben, wenn fundamentalistische Kräfte an die Macht kommen. (...) Am Ende wird Tunesien nicht so wichtig gewesen sein. Aber was, wenn ein wichtigerer Alliierter, etwa Ägypten oder Saudi-Arabien, auf dem Spiel stehen würde? Würden die Amerikaner einen grundlegenden Wandel in einem wichtigeren Land riskieren?



    Präsident Obama hat bisher keinen Hinweis darauf geliefert, daß er überhaupt die bisherige Machtposition der USA im Nahen Osten aufrechterhalten will. Er will raus aus dem Irak, um jeden Preis; unter anderem dürfte er sich davon einen Vorteil erhoffen, wenn 2012 seine Wiederwahl ansteht.

    Er wird damit den Irak dem Iran überlassen. Wenn dann noch revolutionäre Situationen in Ländern Arabiens, ausgelöst durch die Ereignisse in Tunesien, hinzukommen sollten, dann könnte der Nahe Osten im Jahr 2011 sehr unruhig werden.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

    16. Januar 2011

    Zitat des Tages: "Das Schlimmste kann kommen". Jean Daniel über die Lage in Tunesien. Die islamistische Gefahr

    Mais aujourd'hui, en ces moments de célébration, tous les gens qui ont appris l'histoire des révolutions savent que si le pire n'est pas toujours sûr, rien ne l'empêche d'arriver, pour le malheur de tous. Il faut que les révolutionnaires d'aujourd'hui pensent à Lech Walesa et Nelson Mandela, et à toutes les révolutions de velours, plutôt qu'aux émeutes sanglantes de la terreur révolutionnaire de 1793 en France et de 1921 en Russie.

    Il faut éviter les convulsions de la vengeance et la division tragique des héritiers, comme cela s'est passé un peu partout dans le monde arabe. Il faut revenir à l'époque glorieuse des dix premières années de Bourguiba. C'est de tout mon cœur ce que je souhaite aux Tunisiens.


    (Aber heute, in diesen Augenblicken des Feierns, wissen alle diejenigen, die sich in der Geschichte der Revolutionen auskennen, daß das Schlimmste zwar nicht sicher ist, daß aber nichts es daran hindert, einzutreten; allen zum Unglück. Die jetzigen Revolutionäre sollten an Lech Walensa denken, an Nelson Mandela und an alle die samtenen Revolutionen, nicht an die blutige Aufruhr des revolutionären Terrors von 1793 in Frankreich und von 1921 in Rußland.

    Es gilt das Aufzucken der Rache zu verhindern, die tragische Spaltung der Erben, wie sie sich allerorten in der arabische Welt zugetragen hat. Notwendig ist eine Rückkehr zu der ruhmvollen Epoche der ersten zehn Jahre von Burgiba. Das wünsche ich den Tunesiern von ganzem Herzen.)

    Der 90jährige Doyen der französischen Publizistik und langjährige Herausgeber des Nouvel Observateur Jean Daniel heute in der Internetausgabe des Nouvel Observateur über die Situation in Tunesien.


    Kommentar: Jean Daniel, der selbst (als Sohn einer jüdischen Familie) in Nordafrika geboren wurde, ist einer der besten Kenner des Maghreb. Er war zeitweilig Ratgeber von Präsident Burgiba und wurde - wie er sich in dem Artikel erinnert - 1961 bei den Unruhen in Bizerta von französischen Kugeln getroffen, als er sich dort bei tunesischen Freunden aufhielt.

    Sein Kommentar gibt überwiegend der Freude über den Sturz von Zine El Abidine Ben Ali Ausdruck, der - wie so viele Führer von Entwicklungsländern - als Reformer begann und später ein autoritäres Regime errichtete.

    Aber in der zitierten Passage drückt Jean Daniel auch eine simple Wahrheit aus, die mir in der gegenwärtigen Berichterstattung über die Vorgänge in Tunesien zu kurz zu kommen scheint: Der Ausgang von Revolutionen ist völlig offen. Wie "spontan" der jetzige Aufstand ist, scheint im Augenblick unklar zu sein. Welche Kräfte sich durchsetzen werden, kann niemand prognostizieren.

    Wie in Algerien gibt es auch in Tunesien eine starke radikal-islamistische Bewegung. Nach seinem Amtsantritt 1987 hat Präsident Ben Ali ihr durch eine moderate Politik gegenüber dem Islam das Wasser abzugraben versucht. Ein offizieller gemäßigter Islam sollte den Zulauf zu den militanten, terroristischen Islamisten, wie sie Jahrzehnte Algerien terrorisiert hatten, unterbinden.

    Den tunesischen Islamisten wurde es verboten, sich als politische Partei zu organisieren. (Das Instrument dazu waren Gesetze vom Mai 1988 und Februar 1989, die jede politische Organisation verboten, die ausschließlich eine bestimmte rassische, regionale, sprachliche oder religiöse Gruppen repräsentiert). Es kam daraufhin zu einem Aufbegehren der Islamisten, deren Organisationen in den Jahren 1990 und 1991 zerschlagen wurden. Diese harte Konfrontation war einer der Gründe dafür, daß das Regime Ben Alis zunehmend repressiv wurde.

    Inzwischen sind diverse terroristische Gruppen in Tunesien tätig, darunter die Kaida. Wie groß ihre Unterstützung in der Bevölkerung ist, läßt sich nicht sagen.

    Vielleicht - hoffentlich - gelingt es gemäßigten politischen Kräften, die jetzige revolutionäre Situation in Tunesien in den Griff zu bekommen. Aber die mahnenden Worte von Jean Daniel weisen darauf hin, daß eine solche positive Entwicklung keineswegs ausgemacht ist. Tunesien könnte auch den Weg des Iran gehen.

    Dort floh der Schah am 16. Januar 1979 - heute vor 32 Jahren - und leitete damit eine Entwicklung ein, die zum Regime der Islamisten führte. Wie Ben Ali (die Hintergründe von dessen Flucht liegen im Dunkeln) verließ er das Land in einer Situation, in der eine erfolgreiche Revolution noch hätte verhindert werden können. Aber mit seiner Flucht machte er den Weg frei für die Islamisten.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

    25. Oktober 2011

    Marginalie: Mit wem werden die islamistischen Wahlsieger in Tunesien zusammenarbeiten? Wer sind die Verlierer?

    Die ersten definitiven Wahlergebnisse aus Tunesien liegen jetzt vor. Es handelt sich um die Stimmen der Auslands-Tunesier. Sie haben in sechs Wahlbezirken abgestimmt: Nordfrankreich, Südfrankreich, Italien, Deutschland, Amerika und Rest Europas, Arabische Welt und Sonstige. Zu vergeben waren 18 der 217 Sitze in der Verfassungsgebenden Versammlung.

    Auf die islamistische Ennahda entfielen 9 Sitze. ("Ennahda" scheint sich als Transkription durchzusetzen; in meinem Vorbericht hatte ich die Transkription "Al-Nahda" verwendet). Auch der einzige von den Tunesiern in Deutschland zu vergebende Sitz ging an die Islamisten.

    14. Februar 2011

    Was ist die Ursache des Aufruhrs in Arabien? Die Klimakatastrophe! Sie glauben das nicht? Dann lesen Sie ...

    In Rußland war es im Sommer 2010 sehr heiß. Was ist die Ursache? Natürlich der Klimawandel. In Australien gab es in den vergangen Monaten große Überschwemmungen. Warum? Selbstredend wegen des Klimawandels. Nordeuropa und Nordamerika erlebten einen der kältesten Winter seit langem, mit Schneestürmen in den USA. Woher kommt's? Vom Klimawandel, wie anders.

    In Tunesien, dann in Ägypten fanden Revolutionen statt; die ganze arabische Welt scheint in Aufruhr zu geraten. Was steckt dahinter? Dies nun wird Sie vielleicht wundern: Auch der Klimawandel.

    Das jedenfalls sagt der Herr, den Sie als Titelvignette sehen. Es ist Francesco Altini, ein Bühnenmagier und Freund der Esoterik. Besser bekannt ist er Ihnen wahrscheinlich unter seinem bürgerlichen Namen Dr. Franz Alt, langjähriger Redakteur des SWF (heute SWR) und Autor von Bestsellern wie "Liebe ist möglich", "Jesus, der erste neue Mann" und "Wege zur ökologischen Zeitenwende".

    Alt betreibt einen Blog, der seinen Namen trägt, sowie den Untertitel sonnenseite.com. Dort kann man derzeit einen Artikel mit der Überschrift "Ägypten und Tunesien: Die ersten Klima-Revolutionen" lesen. Darin heißt es:
    Dürre in ganz Afrika, Feuer in halb Russland, gewaltige Überschwemmungen in Australien, Pakistan und Lateinamerika, Trockenheit in Lateinamerika. Die Zeichen mehren sich. (...) Das alles hat riesige Ernteausfälle zur Folge. Die Lebensmittelpreise steigen weltweit so wie die Zahl der Hungernden. In Arabien hat der Hunger, die Arbeitsplatzmisere der vielen jungen Menschen und die Sehnsucht nach Freiheit die Lust zur Revolte bestärkt. (...) Wie rasch sich Hungeraufstände mit der Forderung nach mehr Demokratie und Freiheit verbinden können, erleben wir gerade.
    Ein Gedanke, so einfach wie plausibel: Die globale Erwärmung bewirkt Wetterkatastrophen. Infolgedessen sinken die Ernteerträge. Das führt zu einem geringeren Angebot an Nahrungsmitteln und damit steigenden Preisen. Die davon betroffenen Menschen geraten in Aufruhr. Das erleben wir jetzt in Tunesien und Ägypten.

    Das ist so plausibel, wie daß es deshalb in Australien Überschwemmungen gibt, weil durch die globale Erwärmung mehr Ozeanwasser verdunstet, das dann als Regen niedergeht.

    Nur kann die globale Erwärmung ebenso zu Dürren führen; diese und nicht Überschwemmungen hatte der einflußreiche australische Klimaforscher Tim Flannery für seinen Kontinent vorhergesagt (siehe Die Todesopfer des Klimawahns, ZR vom 15. 1. 2011).

    Postdiction - die "Nachhersage" - ist halt leichter als prediction, eine Vorhersage. Flannerys deutscher Kollege Mojib Latif hatte im Jahr 2000 prognostiziert: "Winter mit starkem Frost und viel Schnee wie noch vor zwanzig Jahren wird es in unseren Breiten nicht mehr geben"; siehe "Nie wieder Schnee". Erinnerung an eine Prognose von Mojib Latif; ZR vom 25. 11. 2010. Das entnahm er damals den im Prinzip selben Modellen, mit denen heute der kalte Winter erklärt wird.

    Man sieht: Was plausibel ist, muß nicht schon deshalb stimmen. Der Zusammenhang, den Alt herstellt, klingt plausibel. Aber stimmt er auch?



    Alt hat seine Theorie von dem amerikanischen Ökonomen Paul Krugman übernommen, der dazu in der New York Times zwei Artikel publiziert hat: Soaring food prices (Steil ansteigende Nahrungsmittelpreise) am 5. Februar und Droughts, Floods and Food (Dürren, Überschwemmungen und Nahrungsmittel) einen Tag danach.

    Krugman freilich hat diese Theorie auch nicht erfunden, sondern sie kursiert schon seit dem Beginn der Unruhen in Tunesien; man findet sie zum Beispiel ausführlich, mit Zitaten und Links, am 30. Januar im - laut Time Magazine - "einflußreichsten Blog zum Klimawandel", Climate Progress. Über den Zusammenhang zwischen steigenden Lebensmittelpreisen und dem Aufruhr in Tunesien berichtete die Washington Post bereits am 14. Januar.

    Jedenfalls für Tunesien ist dieser Zusammenhang auch plausibel; denn laut dem Bericht der Washington Post versprach Präsident Ben Ali vor seinem Rücktritt eine Senkung der Preise für Zucker, Milch und Brot. Aber wie plausibel ist es, daß die momentan hohen Weltmarktpreise für Nahrungsmittel eine Folge der globalen Erwärmung sind?

    Das hat der Fachblog für Agrarwissenschaft big picture agriculture gründlich unter die Lupe genommen. Die Autorin Kalpa analysiert die Versorgung mit Getreide auf dem Weltmarkt und kommt zu folgenden Ergebnissen:
  • Die drei Grundnahrungsmittel im Weltmaßstab sind Reis, Weizen und Mais. Trotz des ungünstigen Wetters in einigen Teilen der Welt im Jahr 2010 ist die Versorgung mit Reis und Weizen gut; das Angebot an Mais ging zurück.

  • Die weltweite Produktion von Reis lag 2009/2010 um zwei 2 Prozent niedriger als im Jahr zuvor, das ein Rekordjahr gewesen war. Das geht im wesentlichen auf eine schlechte Reisernte in Indien zurück. Die USA, die der viert- bis fünftgrößte Exporteur von Reis sind, hatten 2009/2010 um 20 Prozent höhere Reisvorräte als im Vorjahr.

  • Die weltweiten Weizenvorräte waren von 2000/2001 an drastisch zurückgegangen und sind seit 2008/2009 wieder gestiegen; auch 2009/2010 gegenüber dem Vorjahr. Für 2010/2011 wird ein weltweiter Weizenvorrat von knapp unter 100 Tagen erwartet (in den letzten vier Jahrzehnten lag das Minimum bei ungefähr 70, das Maximum bei ungefähr 135 Tagen).

  • Die weltweite Weizenproduktion lag 2010 um 5 (in Worten: fünf) Prozent niedriger als 2009, wo es eine Rekordernte gegeben hatte. Das geht teils auf die Dürre in Rußland und der Ukraine zurück; teils darauf, daß die Produktion wegen des Überangebots im Jahr 2009 verringert worden war. Dürren auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion sind nichts Ungewöhnliches; sie kommen im Schnitt in zwei von fünf Jahren vor.

  • Was nun den Mais angeht, war die Ernte in den USA - dem größten Maisexporteur - im Jahr 2010 die dritthöchste überhaupt. Dennoch gingen die weltweiten Maisvorräte zurück. Ein wesentlicher Grund ist, daß inzwischen 40 Prozent der Produktion in den USA zur Gewinnung von Bio-Treibstoff verwendet wird.
  • Soweit die Fakten, wie sie big picture agriculture beschreibt. Und warum sind nun gegenwärtig die Preise für Nahrungsmittel so hoch? Paul Krugman nennt selbst einige der Gründe:

    Die weltweite Nachfrage steigt, weil in den sich entwickelnden Ländern immer mehr Menschen sich besser ernähren können. Ähnliche durch steigende Nachfrage bedingte Preissteigerungen findet man auch bei Rohstoffen von Aluminium bis Zink. Speziell steigt die Nachfrage nach Futtergetreide, weil immer mehr Menschen sich Fleischmahlzeiten leisten können. Das Angebot geht auf der anderen Seite teilweise zurück, weil die Anbauflächen zu anderem als zur Produktion von Nahrungsmitteln genutzt werden - Baumwolle beispielsweise; oder eben Mais für Biodiesel.

    Die hohen Preise sind also teils angebots- und teils nachfragebedingt. Krugman betont nun auf der Angebotsseite einen Rückgang des Weizenangebots aus Rußland und der Ukraine im Sommer 2010; aufgrund der Mißernte. So etwas löst Spekulationen aus. Wie erwähnt, lagen die weltweiten Weizenvorräte dennoch höher als im Vorjahr; aber die vorübergehende Verknappung führte via Spekulationen eben doch zu einem steilen Anstieg der Preise.

    Diese vorübergehende Verknappung lag am Wetter in Rußland und der Ukraine. Ob die Dürre eine normale Wetterschwankung war oder etwas mit einer globalen Erwärmung zu tun hat, kann niemand sagen. Daß die hohen Lebensmittelpreise bei der Revolution in Tunesien eine Rolle spielten, ist wahrscheinlich. Ob auch in Ägypten, weiß man nicht.



    Wir haben es mit drei jeweils hochkomplexen, nichtlinearen dynamischen Systemen zu tun (also Systemen mit sehr vielen Variablen, von denen jede den Effekt der anderen beeinflussen kann):
  • Dem System des Wetters und des Weltklimas;

  • dem System der Preisbildung an den weltweiten Börsen;

  • und mit dem chaotischen Geschehen, das Revolutionen kennzeichnet.
  • Aus dem Zusamenwirken dieser drei Systeme eine simple Kausalkette Klimawandel --> Teure Lebensmittel --> Aufruhr in Tunesien und Ägypten zu basteln, mag eine oberflächliche Plausibilität haben. Seriös ist es nicht.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Reiner aus dem Saarland. Titelvignette: Franz Alt. Vom Autor The weaver unter GNU Free Documentation License, Version 1.2 oder oder später, freigegeben. Bearbeitet.

    15. Januar 2012

    Aufruhr in Arabien (24): Guido Westerwelle und "demokratisch-islamische Parteien". Die deutsche Nordafrika-Politik vor einer verhängnisvollen Wende?

    Am Donnerstag habe ich eine Vorabmeldung in FAZ.NET kommentiert, die einen Artikel von Bundesaußenminister Westerwelle zur Entwicklung in den arabischen Ländern ankündigte; Überschrift in FAZ.NET: "Westerwelle fordert Islam und Demokratie zu vereinen" (Westerwelle tritt für islamisch-demokratische Parteien ein. Dazu vorerst nur einige Fragen; ZR vom 12. 1. 2012). Ich habe diesen Artikel jetzt gelesen und komme, nun besser informiert, noch einmal auf das Thema zurück.

    Ich tat gut daran, mich am Donnerstag zunächst auf das Formulieren von Fragen zu beschränken und mit einer Stellungnahme zu warten, bis ich wußte, in welchem Kontext die Zitate in der Vorabmeldung stehen. Denn manches erscheint jetzt in einem anderen Licht.

    8. Januar 2012

    Marginalie: Ägypten hat gewählt. Vermutlich 62 Prozent der Abgeordneten sind Islamisten

    Gestern ist in Ägypten die dritte Runde der Wahlen für das Parlament zu Ende gegangen (die sogenannte Volksversammlung; Ende des Monats beginnen die Wahlen zum weniger wichtigen Oberhaus).

    Nach dem gegenwärtigen Stand der Auszählung werden die Islamisten 62 Prozent der 498 jetzt vergebenen Mandate in der Volksversammlung haben; hinzu kommen 10 vom regierenden Militärrat zu ernennende Abgeordnete. Der Rest der Sitze verteilt sich auf 13 oder 14 kleine Parteien. Nur rund 1,5 Prozent der Abgeordneten werden Frauen sein.

    11. November 2012

    Aufruhr in Arabien (33): In Tunesien gerät die Ennahda unter wachsenden Druck der Salafisten

    Über kein Land des "Arabischen Frühlings" konnten Sie in dieser Serie und anderswo in ZR so oft etwas lesen wie über Tunesien. Dort begann diese Bewegung, und dort - in diesem Land mit seinen traditionellen Bindungen an Frankreich - waren die Voraussetzungen am besten dafür, daß aus der Revolution ein demokratischer Rechts­staat hervorgehen könnte.

    Das war aber von Anfang an nur eine der möglichen Entwicklungen gewesen; neben - so stand es in der ersten Folge dieser Serie am 24. Januar 2011 - den Möglichkeiten einer Militärdiktatur und eines islamistischen Staats.

    Eine Militärdiktatur ist gegenwärtig ausgeschlossen; wenn auch längfristig denkbar. Ob aber Tunesien weiter den Weg zum demokratischen Rechtsstaat geht oder in den Islamismus abgleitet, ist derzeit völlig offen.

    19. Februar 2011

    Stratfors Analysen: Die aktuelle Lage in den arabischen Ländern und im Iran. Teil 1: Ägypten und der Maghreb

    Stratfor hat jetzt in einer umfangreichen Analyse die Lage in den Ländern von Marokko bis zum Iran untersucht. Ich fasse sie in mehreren Folgen zusammen; einbezogen sind weitere Informationen und meine eigenen Bewertungen:


    Ägypten: Wie George Friedman in einem eigenen Artikel zu Ägypten dargelegt hat (siehe "Anfang der Woche regierte ein alter Soldat Ägypten. Ende der Woche regierte ein anderer alter Soldat Ägypten" (George Friedman); ZR vom 16. 2. 2011), hat aus der Sicht von Stratfor in Ägypten keine Revolution stattgefunden, sondern ein vom Militär sorgfältig inszenierter Machtwechsel.

    Auf dem Höhepunkt der Unruhen demonstrierten nicht mehr als 200.000 bis 300.000 Menschen (Kairo hat 7 Millionen Einwohner; im Nildelta leben ungefähr 30 Millionen Ägypter). Das Militär nutzte die Unruhen, um Mubarak loszuwerden.

    Im Augenblick scheint es sich mit den Moslembrüdern und den demokratischen Kräften zu arrangieren, aber Stratfor sagt eine wachsene Kluft vorher; denn das Militär wird seine Macht und seine Pfründe nicht freiwillig aufgeben.


    Tunesien: Hier hat eher so etwas wie eine Revolution stattgefunden (siehe auch Wie ist eigentlich die Lage in Tunesien? Erstaunlich!; ZR vom 5. 2. 2011). Die Geheimpolizei ist weitgehend entmachtet; es kehrt wieder annähernd Normalität ein. Noch in diesem Jahr, aber bisher ohne festgelegten Termin, sollen Wahlen stattfinden. Die demokratische Opposition ist jedoch schwach; auch die Islamisten sind es nach Einschätzung von Stratfor. Die bisherige Staatspartei NDP ist dabei, sich zu reorganisieren und dürfte an den Schalthebeln der Macht bleiben.

    Das könnte neue Unruhen mit sich bringen; möglicherweise ein Eingreifen des Militärs nach ägyptischem Vorbild nach sich ziehen.


    Algerien: Wie in Ägypten und Tunesien ist die Jugendarbeitslosigkeit anhaltend hoch und sind die Lebensmittelpreise in letzter Zeit stark gestiegen. Es ist bisher aber nur zu vereinzelten Protesten gekommen, denn der Unterdrückungsapparat arbeitet sehr effizient. Für den 25. Februar wurde zu einer Demonstration aufgerufen; bereits jetzt werden für diesen Tag Polizeikräfte zusammengezogen. Sowohl die Islamisten der verbotenen FIS als auch einige der großen Gewerkschaften haben zu dem Protest aufgerufen.

    Wie in Ägypten findet aber nach der Analyse von Stratfor der eigentlich Machtkampf hinter den Kulissen statt, und zwar zwischen dem autoritär herrschenden Abdel Aziz Bouteflika und dem Sicherheitschef, General Mohamed "Toufik" Mediene. Er ist ein alter Weggefährte Bouteflikas und leitet die Sicherheitskräfte schon seit 1990.

    In den letzten Jahren entwickelte sich aber zwischen den beiden eine immer schärfere Rivalität. Es geht wesentlich um die Nachfolge des 73jährigen Bouteflika. Mediene hat gute Kontakte zur Opposition, vor allem zu Saeed Saidi, der wie er Berber ist. Die Berber stellen ungefähr ein Drittel der Bevölkerung; ihre Unzufriedenheit ist einer der Faktoren hinter den jetzigen Unruhen. Die arabische Mehrheit scheint sich bisher hingegen überwiegend ruhig zu verhalten.

    Auch in Algerien könnte das Militär ein kritischer Faktor werden. Es hat unter Bouteflika an Macht verloren. Die Militärführung steht zwar bisher zu dem Präsidenten, aber in den mittleren und unteren Rängen gibt es viel Unzufriedenheit.

    Bouteflika versucht jetzt, die Opposition durch Entgegenkommen ruhigzustellen. Die Subventionen für Lebensmittel wurden erhöht; der Ölstaat Algerien kann sich das wegen der hohen Erdölpreise leisten. Bouteflika hat versprochen, Ende Februar den Ausnahmezustand zu beenden, und er hat politische Reformen angekündigt.

    Es ist eine Doppelstrategie: Einerseits materielle Verbesserungen und die Ankündigung politischer Reformen; andererseits ein hartes Vorgehen gegen die Opposition.


    Marokko: In Marokko ist es bis auf kleinere Demonstrationen bisher weitgehen ruhig geblieben. Für den morgigen Sonntag ist aber ein nationaler Protesttag angekündigt worden. König Mohammed VI hat reagiert, indem er mit Vertretern der Opposition zusammengetroffen ist und versprochen hat, die im Gang befindlichen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Reformen zu beschleunigen.

    Wie in Ägypten gibt es eine demokratische und eine islamistische Opposition. Die Letzere ist stärker als in Tunesien; allein die verbotene Partei für Gerechtigkeit und Wohlfahrt soll 200.000 Mitglieder haben. Keine der oppositionellen Gruppen will jedoch die konstitutionelle Monarchie abschaffen. Gefordert wird eine Verfassungsreform, welche die Rechte des Monarchen einschränken soll.

    Der Unterschied zu Algerien zeigt sich schon darin, daß die für morgen angekündigten Demonstrationen von der Regierung ausdrücklich erlaubt wurden.

    Im Zug der Unruhen im Maghreb könnten auch außenpolitische Konflikte wieder belebt werden. Der marokkanische Außenminister Taieb Fassi Fihri hat bereits Algerien davor gewarnt, Unruhen in der Westsahara zu schüren; einem Land zwischen Algerien, Marokko und Mauretanien, in dem die Polisario-Front herrscht (ihr "Befreiungskampf" war einst ein Thema in der deutschen Linken gewesen).



    Bereits diese vier Staaten zeigen also ein sehr unterschiedliches Bild.

    Die vergleichsweise geringsten Probleme hat das westlich orientierte Königreich Marokko, das als einziges dieser Länder nie sozialistische Tendenzen entwickelt hat.

    Algerien lebt immer noch mit dem Trauma des blutigen Bürgerkriegs gegen die islamistische FIS; Bouteflika könnte mit seiner Strategie von Zuckerbrot und Peitsche Erfolg haben.

    In Tunesien erscheint derzeit alles möglich - von einem System mit Zügen einer westlichen Demokratie bis hin zu einem Militärputsch.

    In Ägypten wird die Frage sein, ob es dem Militär gelingt, seine Machtstellung zu behaupten, oder ob es mit seinem Putsch gegen Mubarak eine Dynamik in Gang gesetzt hat, die es schließlich selbst gefährdet.

    Die große Unbekannte ist in allen vier Ländern die Stärke der Islamisten. Sie waren bisher überall verboten oder sind es noch. Es läßt sich kaum sagen, wie gut sie bei freien Wahlen abschneiden würden. (Fortsetzung hier).



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Lesen Sie zu "Stratfors Analysen" bitte auch die Ankündigung dieser Rubrik.

    6. März 2011

    Aufruhr in Arabien (15): Zusammenfassung, Zwischenbilanz, Wertung

    In die folgende Beurteilung sind Analysen von Stratfor eingeflossen; es ist aber meine eigene Wertung. Zum Teil fasse ich zusammen, was in früheren Artikeln ausführlich zu lesen gewesen war (siehe Links am Ende des Artikels). Dies ist also nur ein knapper Überblick. Details, Begründungen, Quellen finden Sie unter den Links. Eine Zusammenfassung in zehn Punkten:

    1. Das Schema "Es finden Revolutionen gegen Diktaturen statt" stimmt nicht.

    2. Etwas, das man als eine Revolution bezeichnen könnte, hat allenfalls in Tunesien stattgefunden. Es ist auch das einzige der bisher von der Aufstandswelle erfaßten Länder, in dem sich die Möglichkeit einer langfristigen Entwicklung zur Demokratie abzeichnet. Dabei spielt eine wesentliche Rolle, daß es dort eine westlich denkende, in Frankreich ausgebildete Elite gibt; ein Erbe der Zeit, in der Tunesien ein französisches Protektorat gewesen war.

    3. In Ägypten gab es keine demokratische Revolution, sondern das nach wie vor herrschende Militär hat sich Mubaraks entledigt, als dieser seinen Sohn als Nachfolger inthronisieren wollte; die Unruhen kamen dabei zupaß. Vielleicht wird es dort künftig etwas mehr Freiheit geben. Aber auch unter Mubarak waren schon demokratische Parteien zugelassen gewesen und durften sogar die Moslembrüder sich am politischen Leben beteiligen; wenn auch nicht unter diesem Namen.

    4. In Bahrain findet keine demokratische Revolution statt, sondern eine Auseinandersetzung zwischen der herrschenden sunnitischen Minderheit und der schiitischen Mehrheit. Im Hintergrund schürt der Iran diesen Konflikt. Auf der Seite der Sunniten versucht sich Saudi-Arabien einzuschalten, vor dessen Küste Bahrain liegt.

    5. Der Jemen ist ein Kunstprodukt aus der ehemaligen britischen Kronkolonie Aden, die nach der Unabhängigkeit eine sozialistische Republik geworden war, und dem alten Jemen, in dem noch weit bis ins 20. Jahrhundert hinein mittelalterliche Verhältnisse geherrscht hatten. Das Land droht jetzt wieder in diese beiden Teile zu zerfallen.

    6. Dasselbe könnte Libyen bevorstehen. Es ist ebenfalls ein künstlicher Staat, der dadurch entstand, daß Italien sich 1911 drei Provinzen des Osmanischen Reichs aneignete. Unter Mussolini wurden dieses Italienisch-Nordafrika in "Libya" umbenannt. Die dortigen Kämpfe sind weitgehend Auseinandersetzungen zwischen dem Gaddafi-Stamm und anderen Stämmen. Zwischen Ost- und Westlibyen liegen 800 km Wüste; ein Auseinanderbrechen in die frühere Cyrenaika und das ehemalig Tripolitanien (mit Fezzan) würde also von der Geographie begünstigt werden. Im Osten versucht Ägypten, im Westen Tunesien auf die Entwicklung Einfluß zu nehmen.

    7. In den beiden konstitutionellen Monarchien Marokko und Jordanien ist schon lange der Prozeß einer vorsichtigen Demokratisierung im Gang. Es gibt dort legale Oppositionsparteien, deren Rechte jetzt erweitert werden. Revolutionen sind in diesen beiden Ländern nicht zu erwarten; lediglich eine Beschleunigung des Prozesses der Demokratisierung.

    8. In den beiden nach Libyen schlimmsten Polizeistaaten Arabiens, Algerien und Syrien, ist es - eben wegen dieses ihres Charakters - noch weitgehend ruhig. In Algerien wurden gerade Demonstrationen verboten.

    9. Überall in Arabien gibt es mehr oder weniger starke und unterschiedlich radikale islamistische Gruppen. Die Kaida ist am stärksten im Jemen und könnte jetzt in Ostlibyen Fuß fassen. Die Hamas könnte über die Moslembrüder auf Ägypten einwirken. Algerien hat einen blutigen Bürgerkrieg gegen die Islamisten der FIS hinter sich. In Bahrain bekämpfen sunnitische und schiitische Fundamentalisten einander, treten aber gemeinsam gegen einen säkularen Staat auf.

    10. Ein Schlüsselaspekt ist der bevorstehende Rückzug der USA aus dem Irak. Drei Staaten stehen bereit, das damit entstehende Machtvakuum zu füllen: Der Iran, dessen Verbündeter al-Sadr inzwischen im Irak eine entscheidende Rolle spielt; die Türkei, deren offensichtliches Bestreben die Wiederherstellung des Osmanischen Reichs in Gestalt von Einflußzonen ist; und Ägypten, das als Militärmacht und mit einer ähnlich großen Bevölkerung wie die beiden anderen Länder (alle drei knapp achtzig Millionen) nach dem Sturz Mubaraks eine aktivere Machtpolitik betreiben dürfte.

    Die Türkei mischt sich bereits massiv in dem einst von den Osmanen regierten Ägypten ein; der Staatspräsident und der Außenminister waren gerade dort zu Besuch und haben Gespräche mit dem Militär, der demokratischen Opposition und den Moslembrüdern geführt.



    In diesem komplexen und sich schnell verändernden Gefüge "Arabien" gibt es Dreierlei, das als einigermaßen sicher gelten kann:
  • Die USA werden in dieser Region aufgrund von Obamas Rückzugspolitik nicht mehr die bisherige Rolle spielen; jedenfalls nicht, solange dieser Präsident im Weißen Haus regiert.

  • Israel ist damit stärker bedroht als in den letzten Jahrzehnten. Daß es sich unter diesen Umständen dem Risiko eines möglicherweise bald von der Hamas regierten Palästinenserstaats auf der West Bank aussetzt, ist schwer vorstellbar.

  • Der Islamismus wird an Bedeutung gewinnen.



  • Die früheren Artikel, in denen die einzelnen Länder (allerdings manchmal nicht als das Hauptthema) erwähnt werden, können Sie unter diesen Links lesen:
  • Tunesien
  • Algerien
  • Marokko
  • Libyen
  • Ägypten
  • Irak
  • Bahrain
  • Türkei
  • Iran.
  • Die größeren Artikel finden Sie auch unter diesem Link, der zu der Rubrik "Stratfors Analysen" führt. Oder Sie mögen vielleicht den Link im Fußtext nutzen.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Großmoschee von Kairouan, Tunesien. Vom Autor Wotan unter Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0-Lizenz freigegeben. Bearbeitet. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier.

    7. Februar 2011

    Aufruhr in Arabien (9): Ein Bericht über die Revolution in der tunesischen Provinz. Mehr als 50 Tote in einer einzigen Stadt. Die Rolle des Islamismus

    Bilder von einer Revolution, die wir im TV sehen, und viele der Berichte, die wir lesen und hören, haben eine eigentümliche Distanz zum Geschehen: Da wird, wie jetzt in Kairo, tagelang aus Hotelzimmern heraus oder mittels irgendwo fest aufgestellter Kameras das Geschehen fotografiert. Reporter gelangen selten über die jeweilige Hauptstadt hinaus; in dieser oft nicht über den einen oder anderen Brennpunkt des Geschehens.

    Im Nouvel Observateur hat jetzt Sara Daniel, eine auf Reportagen aus Krisengebieten spezialisierte Journalistin, einen Bericht darüber publiziert, wie sich die Revolution in einer tunesischen Provinzstadt zugetragen hat; wie sie sich jetzt dort weiter auswirkt.

    Ich fasse ihre Reportage zusammen und ergänze damit die Augenzeugenberichte von Alma Allende, auf die ich in zwei früheren Folgen der Serie aufmerksam gemacht habe (Die (vorerst) gescheiterte (Fast-) Commune in der Kasbah von Tunis; ZR vom 30. 1. 2011, und Wie ist eigentlich die Lage in Tunesien? Erstaunlich!; ZR vom 5. 1. 2011).

    Sara Daniel hat sich in der Provinzstadt Kasserine umgesehen; ungefähr in der Mitte Tunesiens gegen die algerische Grenze hin gelegen.

    Kasserine war einer der Orte gewesen, von denen die Revolution ausging. Mehr als 50 Menschen waren in den Revolutionstagen ums Leben gekommen. Zahlreiche Einwohner waren an der gescheiterten Besetzung der Kasbah von Tunis beteiligt gewesen und nun, als Sara Daniel die Stadt besuchte, gerade nach Hause zurückgekehrt.

    Sie sind in eine Stadt zurückgekehrt, in der, wie die Autorin schreibt, "Abrechnungen und Säuberungen herrschen". Wer gestern noch zu den Herrschenden gehörte, ist heute verfemt. Jeder überlegt sich, mit wem er sich noch zeigen, wem man noch die Hand geben darf.

    Es gibt diejenigen, die in letzter Minute ihr Herz für die Revolution entdeckt haben und die nun umso lauter auf das alte Regime schimpfen. Es gibt die Wendehälse, die sich still und leise an die neuen Verhältnisse anpassen.

    Angehörige der jetzt entmachteten Miliz und der Geheimpolizei sind unterwegs, mit einer, sagt Sara Daniel, "Politik der verbrannten Erde". Sie hausen in Schulen, plündern Lagerhallen. Sie wissen, daß ihnen in dieser heruntergekommenen Stadt niemand verzeihen wird.

    Es gibt Listen mit Schergen des alten Regimes, die "von der Bevölkerung gesucht" werden. Dazu gehören der ehemalige Bürgermeister, der Gouverneur, die Chefs der Geheimpolizei; aber vor allem die sogenannten Omdas: Bürokraten, die nur gegen Bakschisch ein Krankenhausbett oder einen Arbeitsplatz vergaben. Es gab Personen, die sich das Monopol auf den lokalen Schmuggel an der Grenze zu Algerien erkauft hatten. Einer liegt - so Sara Daniel - jetzt im Krankenhaus; er war während der Revolution zusammengeschlagen worden.

    Jeder hätte, schreibt die Autorin, seine Geschichte aus diesem kafkaesken System der Überwachung, der mafiösen Ausbeutung zu erzählen; einem Krebsgeschwür, das bis ins kleinste Dorf reichte.

    Der Besitzer eines Hammam beispielsweise, der seinen Betrieb schließen mußte, weil er eine geforderte "Spende" nicht hatte aufbringen können. Der Verwaltungschef eines Krankenhauses, der eine Entscheidung des Präsidenten Ben Ali kritisiert hatte und daraufhin seines Postens enthoben worden war; ein Arbeitskollege hatte ihn denunziert, der dann sein Nachfolger wurde. Oder der Lehrer Abdelkader, der zu oft in die Moschee gegangen war und daraufhin als Islamist denunziert wurde. Er mußte sich täglich auf zwei Polizeistationen melden; zwischen ihnen liegt eine Entfernung von 160 km.

    In dem Armenviertel Zoor besuchte Sara Daniel die 17jährige Afaf Idoudi. Sie hatte während der Revolution an der Beerdigung einer Nachbarin teilgenommen, die von einem Scharfschützen der Polizei durch einen Kopfschuß getötet worden war. Die Trauergemeinde wurde wiederum beschossen, und Afaf Idoudi erhielt einen Schuß ins Bein.

    Sie erzählt, wie sie - Serviererin mit 70 Euro Monatseinkommen - ebenfalls an die staatliche Mafia hatte zahlen müssen. Wenn sie das Geld nicht hätte, dann sollte sie es sich eben leihen, sagte man ihr. Ihr Bruder berichtete, daß ihm die Saisonarbeit im Hotel Yasmin Beach in Hammamet gekündigt worden war, weil er zu oft in die Moschee gegangen sei. Die Religion sei für viele eine Nische gewesen, in die sie sich vor dem Regime flüchteten, meint Sara Daniel.

    In der Wichtigkeit direkt nach der Demokratie rangierend, sei die Religionsfreiheit dasjenige, was diese Jugend besonders von der Revolution erwarte. Allgemein werde berichtet, wie jeder im Land Repressionen ausgesetzt gewesen sei, der regelmäßig die Moschee besuchte oder auch nur einen Bart getragen hatte; ebenso Frauen, die verschleiert gingen.

    Neben Einwohnern der Stadt Kasserine hat Sara Daniel auch den neuen Minister für Regionalentwicklung interviewt, Ahmed Néjib Chebbi, der als Kandidat für die Präsidentschaft Tunesiens gilt. Er meinte, daß die Zukunft seines Landes durch diese Jugend in der Provinz entschieden werde, die sich in den Islam geflüchtet hätte. Entweder werde man deren Bedürfnisse befriedigen können, oder es werde eine Explosion geben; und Gott wisse, wer dann ans Ruder komme.



    Ich habe mich bei dieser Zusammenfassung eng an die Reportage gehalten. Ob alle Angaben stimmen, ist naturgemäß nicht nachprüfbar; aber Sara Daniel ist Journalistin eines seriösen Nachrichtenmagazins mit einem ausgezeichneten Ruf als Reporterin aus Krisengebieten.

    Mich haben an dem Bericht drei Dinge beeindruckt:

    Zum einen, daß es offenbar bei dieser Revolution nicht nur einen Machtwechsel in Tunis gegeben hat, sondern ein radikales Zerbrechen der alten Strukturen auch in der Provinz; unter erheblichen Kämpfen. Es war eine wirkliche, flächendeckende Revolution und nicht nur ein Putsch in der Hauptstadt.

    Und es war keine friedliche Revolution wie 1989 in der DDR, sondern eine blutige; mindestens so blutig wie 1989 in Rumänien. Tunesien hat - so sieht es jedenfalls im Augenblick aus - nach mehr als zwanzig Jahren das nachgeholt, was Osteuropa damals gelungen ist: sich vom Sozialismus befreit (siehe Bricht jetzt der arabische Sozialismus so zusammen wie nach 1989 der osteuropäische?; ZR vom 6. 2. 2011).

    Zweitens wirft der Bericht ein Schlaglicht auf einen Aspekt der Islam-Frömmigkeit vermutlich nicht nur in Tunesien: In einem sozialistischen System, das alle Bereiche des Lebens zu kontrollieren trachtet, ist die Religion ein Refugium, eine Gegenmacht. So war es auch im kommunistischen Polen vor 1990 gewesen; bis zu einem gewissen Grad ebenfalls in der DDR.

    Drittens macht auch dieser Bericht wieder deutlich, daß die westlich orientierten Modernisierer, die jetzt in Tunis an der Macht sind, nur einen Teil des Bildes dieses revolutionären Tunesien repräsentieren.

    Wie stark die Islamisten in der Provinz sind, weiß niemand. Wenn es stimmt, daß der Islam als die einzige Gegenmacht zum sozialistischen Regime in Tunis wahrgenommen wurde, dann könnten sie vielleicht sehr stark sein.

    Wie möglicherweise in Ägypten könnten freie Wahlen sie an die Macht bringen; dann wäre die jetzige Freiheit wahrscheinlich nur eine Episode gewesen.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Großmoschee von Kairouan, Tunesien. Vom Autor Wotan unter Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0-Lizenz freigegeben. Bearbeitet. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier.

    28. Oktober 2011

    Aufruhr in Arabien (23): Eine Analyse des Wahlergebnisses in Tunesien. Unruhen in Sidi Bouzid

    Zuerst war es für Montag oder Dienstag angekündigt worden, das vorläufige amtliche Endergebnis der Wahlen in Tunesien. Dann begann ein frustierendes Warten: Immer wieder setzte die Wahlkommission ISIE Pressekonferenzen an, die meist verschoben wurden und dann doch wieder nur Teilergebnisse brachten. Ergebnisse, die meist zuvor schon von der staatlichen Nachrichtenagentur TAP publik gemacht worden waren.

    Gestern um 22 Uhr Ortszeit (23 Uhr MEZ) war es endlich so weit: Die ISIE (Instance supérieure indépendante pour les élections; Unabhängige Hohe Wahlbehörde) teilte das vorläufige amtliche Endergebnis mit. Mit Betonung auf "vorläufig", denn es sind noch zahlreiche Wahlanfechtungen zu prüfen. Diese Prüfung soll innerhalb von zwei Wochen abgeschlossen sein.

    24. Januar 2011

    Aufruhr in Arabien (1): Die tunesische Revolution. Ankündigung einer Serie

    Wie immer sich die tunesische Revolution entwickeln wird: Es ist schon jetzt absehbar, daß sie eines der heraus­ragenden Ereignisse des Jahres 2011 sein wird; so jung dieses auch noch ist.

    Was aus einer Revolution wird, ist in der Regel ganz ungewiß; siehe Einige Anmerkungen zur tunesischen Revolution; zu revolutionären Situationen überhaupt; ZR vom 19. 1. 2011.

    Bei der Revolution in Tunesien kann man inzwischen eine der möglichen Entwicklungen einigermaßen ausschließen: Die Konterrevolution; eine Rückkehr des Clans von Ben Ali.

    Alle anderen Varianten sind möglich: Ein demokratischer Rechtsstaat; was unerhört wäre für ein Land des Maghreb, seit de Gaulle Algerien preisgab. Eine Militärdiktatur. Oder auch der erste islamistische Staat im Maghreb; ein Vordringen des Islamismus bis vor die Haustür Europas.

    Was auch immer sich am Ende als der stabile Zustand erweisen wird, der aus der jetzigen Instabilität hervorgeht: Dieses Ergebnis der tunesischen Revolution wird weitreichende Auswirkungen auf die arabische Welt haben; also auf den gesamten Nahen Osten und damit auf die Weltpolitik.

    Ich werde in dieser Serie über die Entwicklung in Tunesien berichten; so wie seinerzeit über den Irak. Die dortigen Ereignisse habe ich mit der Serie "Ketzereien zum Irak" begleitet. Wenig von dem, was Sie damals lesen konnten, hat sich als falsch erwiesen. Ich meine sagen zu können, daß Leser dieser Serie besser informiert waren als die meisten deutschen Zeitungsleser.

    Auch in der neuen Serie geht es mir darum, zuverlässige Informationen zu finden und aufzubereiten. Ich werde vor allem die tunesische, die französische und die amerikanische Presse verfolgen.



    Der tunesische Informationsdienst Business News.com.tn meldete gestern Abend:
    Larbi Nasra propriétaire de la chaîne "Hannibal TV" et son fils Mehdi Nasra ont été arrêtés, pour "haute trahison" et "complot" contre la sécurité de l'Etat, informe une source officielle. (...)

    Il a ..., indiquent des sources officielles, diffusé de fausses informations sur sa chaîne dans l’objectif de créer un vide constitutionnel, faire entrer la Tunisie dans le chaos et faire revenir Zine El Abidine Ben Ali au pouvoir. L'enquête, actuellement en cours, devrait se pencher également sur le commerce d'armes de Larbi Nasra.

    Larbi Nasra, der Besitzer des Senders "Hannibal TV" und sein Sohn Mehdi Nasra wurden nach offiziellen Angaben wegen "Hochverrats" und eines "Komplotts" gegen die Sicherheit des Staats verhaftet. (...)

    Er hat ... laut diesen offiziellen Quellen über seinen Sender falsche Informationen verbreitet; und zwar mit der Absicht, ein Verfassungs-Vakuum herbeizuführen, Tunesien ins Chaos zu stürzen und Zine El Abidine Ben Ali zurück an die Macht zu bringen. Die Untersuchung, die jetzt im Gang ist, dürfte sich auch auf den Waffenhandel von Labri Nasra erstrecken.
    Es geht also alles seinen revolutionären Gang. Es wird verhaftet, es wird verboten, es wird beschuldigt; in jeder Revolution ist das so.

    Meist sind diejenigen, die heute verhaften und beschuldigen, zugleich diejenigen, die morgen selbst verhaftet und beschuldigt werden. Die Revolution frißt erst ihre Feinde, dann ihre Kinder, ihre Kindeskinder.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Großmoschee von Kairouan, Tunesien. Vom Autor Wotan unter Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0-Lizenz freigegeben. Bearbeitet. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier.

    25. Juli 2012

    Zitat des Tages: "Sträfliche Naivität, schlichte Ignoranz". Warum werden wir durch die deutschen Medien so schlecht über die Syrien-Krise informiert?

    Man kann nur staunen über das Ausmaß an fast schon sträflicher Naivität oder auch nur schlichter Ignoranz, das viele Beurteiler der Syrien-Krise an den Tag legen (...) Folgt man der Darstellung des Konflikts in weiten Teilen der westlichen Welt, dann scheint es sich lediglich um die Frage zu handeln, ob es gelingt, die syrische Bevölkerung von einem blutigen Diktator zu befreien. Vor allem in Deutschland scheint die Unkenntnis, mit der diese Auseinandersetzung derzeit diskutiert wird, grenzenlos zu sein (...)
    Hans-Christof Kraus, Professor für Neuere und Neueste Geschichte, in der FAZ über die Berichterstattung zu Syrien.

    Kommentar: Wenn Sie die Serie Aufruhr in Arabien verfolgt haben, dann wissen Sie, wie nur allzu richtig Kraus' Diagnose ist.

    Die deutschen Medien vermitteln überwiegend dieses Bild; nicht nur in Bezug auf Syrien: In Arabien herrschten bis Ende 2010 "Tyrannen" oder "Diktatoren". Dann begann, zuerst in Tunesien, "das Volk" sich gegen sie zu erheben, danach auch in anderen Ländern. Und nun hoffen wir alle, daß das Volk überall gewinnt und eine Demokratie errichtet.

    So dürfte man noch nicht einmal Kindern die Welt erklären.

    25. Oktober 2011

    Marginalie: Wahlen in Tunesien - doch absolute Mehrheit für die Islamisten?

    Je mehr Ergebnisse der Wahlen am Sonntag bekannt werden, als umso größer stellt sich der Wahlsieg der islamistischen Ennahda dar.

    Wie tunesia-live.net heute Mittag meldete, hat das arabische Programm von Al Jazeera jetzt eine erste Projektion erstellt. Danach erhielt die Ennahda 45 Prozent der Stimmen, das CPR (die Menschenrechtspartei von Moncef Marzouki) 15 Prozent, die sozialdemokratische Ettakatol 10 Prozent. Der Rest entfällt auf kleine Parteien.