26.3.12

Über Tätowierungen. Schmuck, sozialen Narzißmus und die "Generation Next"

Bei einem flüchtigen Blick auf das nebenstehende Bild könnte man meinen, dieser Mann trage eine sehr eng anliegende, prächtig gewirkte Strumpfhose. Er ist aber tätowiert. Es handelt sich um eine traditionelle Tätowierung in Samoa.

Dieses Bild illustriert eines der Motive für Tätowierungen bei Naturvölkern: Sie schmücken; so, wie es Kleidung, Haartracht und Gegenstände aller Art tun, die man an den Kleidern oder direkt am Körper anbringt - Broschen, Ringe, Ketten, Federn und dergleichen.

Die Funktion ist dieselbe; nur sind beim Tätowieren die Mittel anders. Statt prächtig bemalte oder gewebte Stoffe und Accessoires zu tragen, versieht man die eigene Haut mit Bildern und Ornamenten. Das erfordert weniger Aufwand; es ist auch in warmen Gegenden, wo man wenig Bekleidung benötigt, bequemer.

Tätowierungen und Körperschmuck sind dabei oft miteinander integriert. Sie sind einander ergänzende Mittel, um dasselbe Ziel zu erreichen: Möglichst attraktiv, möglichst prächtig auszusehen. Hier ist das Foto eines Maori aus dem Jahr 1913. Die Haartracht, die Federn, die Pfeife im Mund und das tätowierte Gesicht bilden ein Gesamtkunstwerk:


Zu schmücken war allerdings nicht die einzige Funktion von Tätowierungen. Sie dienten auch diesen weiteren Funktionen:
  • Der (nahezu) unveränderbaren Kennzeichnung von Menschen. Im alten China beispielsweise wurden Strafgefangene durch eine Tätowierung gebrandmarkt. In Japan wurden Kriminelle mit Tätowierungen als eine Art Kainsmal versehen; ebenso trugen Prostituierte bestimmte Tätowierungen. Im antiken Rom wurden Tätowierungen eingesetzt, um Sklaven als Eigentum ihres Herrn zu kennzeichnen. In den USA gibt es noch heute unter Kriminellen die Sitte, ihre Banden­zugehörigkeit, ja ihre Gefängniskarriere in Form von Tätowierungen zu dokumentieren.

  • Aber auch ein hoher sozialer Rang konnte durch Tätowierungen erkennbar gemacht werden; beispiels­weise auf Samoa, von wo auch das Wort tattoo (tatau) stammt. Dort bildeten die Nichttätowierten (die "Nackten") eine soziale Unterschicht; denn nur wer es sich erstens finanziell leisten konnte und wer zweitens stark genug war, die rund zehntägige Qual des Tätowiertwerdens durchzustehen, genoß soziales Ansehen.

  • Drittens haben Tätowierungen manchmal auch eine religiöse Bedeutung. Im Hinduismus beispielsweise ist es verbreitet, die Hände zum Schutz gegen böse Geister zu tätowieren. Ebenfalls mit der Religion in Zusammenhang steht es, daß es in Bosnien unter Katholiken üblich war, Kinder mit christlichen Symbolen zu tätowieren, um sie gegen eine Zwangskonversion zum Islam zu schützen.



  • Das ist überwiegend Geschichte; Folklore. Aber seltsamerweise sind Tätowierungen auch ein aktuelles Thema. Sehen Sie sich einmal diese beiden Fotos an:












    Beide entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts. Das linke (aufgenommen 1912) zeigt ein Mädchen aus Neuguinea, das rechte (aufgenommen 1907) eine Frau in den USA. Beide illustrieren das eingangs Gesagte: Die Tätowierung ist wie schmückende, festliche Kleidung. Bei dem Mädchen ersetzt sie die Kleidung; bei der Amerikanerin ist sie wie eine Bluse, die sie in ihrem Kleid trägt.

    Diese Amerikanerin dürfte zur Unterschicht gehört haben. Denn das bei Naturvölkern verbreitete Tätowieren drang auf dem Weg über die Unterschicht in das moderne Europa ein. Seefahrer waren zuerst im 18. Jahrhundert in der Südsee damit bekannt geworden. Tätowierte Menschen waren von ihnen nach Europa mitgebracht und dort bestaunt worden.

    Seeleute übernahmen diese Art, sich zu schmücken; dann allmählich auch andere Personen im Milieu der Häfen, des Rotlichts, des unteren Rands der Gesellschaft. Die Wikipedia zitiert eine Untersuchung von 2004, die eine repräsentative Stichprobe von Erwachsenen zwischen 18 und 50 Jahren mit und ohne Tätowierungen verglich. Von den Nichttätowierten waren 6 Prozent schon einmal im Gefängnis gewesen; unter den Tätowierten waren es 72 Prozent.

    Dort - in der Unterwelt, am Rande der Gesellschaft - verblieb das Tätowieren lange. Inzwischen aber ist es sozusagen aus diesem Biotop ausgebrochen - so, wie der amerikanische Waschbär nach Europa eingewandert ist; und sich hier, mangels Freßfeinden und dank eines guten Angebots an Nahrung, munter vermehrt. So hat sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten die Sitte des Tätowierens rapide in die Mittel- und teilweise in die Oberschicht hinein ausgebreitet; jedenfalls in deren, sagen wir, locker-hedonistische Milieus.

    Im Jahr 2006 führte eines der großen demoskopischen Institute der USA, das Pew Research Center, eine umfassende Untersuchung zu einer Generation durch, die als "Generation Next" bezeichnet wurde; die der damals 18-25jährigen. Zwei Aspekte dieser Untersuchung sind in unserem jetzigen Zusammenhang bemerkenswert; der eine mittelbar, der andere unmittelbar:

    Unmittelbar relevant ist das Ergebnis, daß mehr als ein Drittel der Befragten tätowiert waren. Mittelbar von Bedeutung ist etwas, das vielleicht die Ursache - jedenfalls eine der Ursachen - dafür verständlich macht: Pew nennt diese Generation die "Look at Me" generation; die Generation derer, die sich präsentieren wollen; die wollen, daß man auf sie blickt.



    Lassen Sie mich das ein wenig weiterführen; spekulativ natürlich, wie auch anders:

    Diese Generation erlebt zweierlei in einem Maß, das frühere Generationen nicht gekannt hatten: Kommunikation und Perfektion. Das Internet ermöglicht unbegrenzte Kommunikation und verlangt es, sich zu präsentieren. Es bietet zugleich aber in vielen Bereichen ständig Vorbilder an Perfektion; von der perfekten Selbstdarstellung in den sozialen Medien bis zur Pornografie, in der alle Menschen schöne Körper haben und ständig sexuell aktiv sind.

    Das begründet - so ließe sich das fortführen - etwas, das man einen sozial motivierten Narzißmus nennen könnte. Der klassische Narziß ist einfach verliebt in sich selbst, in seinen Körper. Der sozial motivierte Narziß will den perfekten, den interessanten Körper haben, um sich gegenüber anderen attraktiv zu präsentieren.

    Wir erleben in dieser Generation Next einen Körperkult, wie es ihn in den vorausgegangenen Generationen nicht gegeben hatte. Schon in ihrem jugendlichen Alter unterziehen sich diese jungen Leute nicht selten kosmetischen Operationen. Sie entfernen sorgsam jedes Körperhaar. Der Körper soll glatt und sozusagen lupenrein sein - die ideale Leinwand, auf der dann die Bilder der Tätowierungen leuchten können.

    Die Damen des Rokoko waren gewiß nicht weniger auf ihr Aussehen bedacht als heute die jungen Damen (und kaum anders die jungen Herren) dieser Generation Next. Aber sie warfen sich nur, wie der treffende Ausdruck lautet, "in Schale". In der Schale dieser pompösen Kleider steckte ein oft ungepflegter Körper. Fiel die Perücke, war die dicke Schminke entfernt, dann blieb wenig Attraktives übrig. Der "Putz", den man trug, war etwas Äußerliches, Ichfernes.

    Tätowierungen hingegen sind ichnah. Man "besitzt" sie nicht wie ein Kleid oder eine Halskette, sondern sie "gehören zu einem". Die Dame des Rokoko machte sich schön, wenn sie sich herrichtete. Die heutige junge Dame will schön sein; auch und gerade unter den Kleidern. Das ist, so scheint mir, die Erklärung dafür, daß die Tätowierung, die schon bei Naturvölkern diese Funktion gehabt hatte, wie ein Kleid und wie Accessoires zu schmücken, jetzt in der Kultur unserer westlichen Zivilisation heimisch werden konnte.
    Zettel



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Traditionelle Tätowierung in Samoa. Vom Autor CloudSurfer unter Creative Commons Attribution 3.0 Unported-Lizenz freigegeben. Übrige Abbidlungen: Gemeinfrei, da das Copyright erloschen ist. Mit Dank an Llarian, dessen gestriger Beitrag in Zettels kleinem Zimmer diesen Artikel motiviert hat.