Die Welt berichtet über eine Anfrage der SED zum Thema Rente: Nach 45 Beitragsjahren erhält der durchschnittliche Rentner in Deutschland 1543 Euro. Mit einem gewissen Verteilungsbias zugunsten von Männern gegenüber Frauen und von Westdeutschen gegenüber Ostdeutschen.
Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt
23. Juli 2023
14. Juli 2023
Wo ist eigentlich jetzt der Gummiknüppel?
"Die Taktik von Querdenker:innen ist es, sich Stück für Stück die Straße zu erkämpfen. Polizei muss handeln und im Zweifelsfall Pfefferspray und Schlagstöcke einsetzen. Wir dürfen ihnen kein Millimeter überlassen!"
- Saskia Weishaupt, Twitter, 22.12.201 (Schreibfehler nicht korrigiert)
Das waren noch Zeiten als "Schlagstock-Saskia" dem Bürger mal so richtig Bescheid stoßen wollte wo der Hammer hängt. Immerhin ging es ja um friedliche Demonstrationen gegen Grundrechtseinschränkungen, was könnte da passender sein als den Schlagstock zu benutzen, um dem Bürger mal so richtig zu zeigen, was man von seinen Grundrechten hält? Zumindest wenn es die falschen Bürger sind.
11. Juli 2023
Kleine Zeichen der Hoffnung
Durch die letzten Jahre sind viele Artikel in Zettels Raum, wie auch ein guter Teil der Posts in Zettels kleinem Zimmer, von einer nicht zu übersehenden Depression gekennzeichnet. Die linke Politik der letzten 20 Jahre hat so vieles zerstört, dass viele schon die Hoffnung auf eine bessere Zukunft begraben haben und sich mehr oder minder damit abgefunden haben, dass das Zerstörungswerk immer weiter voran schreitet. Und es ist richtig, dass die Geschwindigkeit mit der sich der Zug auf den Abgrund zubewegt, wenigstens gefühlt durch die letzten drei Jahre noch einmal richtig Geschwindigkeit aufgenommen hat, was auch kaum verwundert, wenn man sieht, dass den "Lokführenden" auf jede neue von ihnen angerichtete Krise nur die Parole "Mehr Dampf" einfällt.
29. Juni 2023
Es muss rückgängig gemacht werden
Am Sonntag war es noch ein Witz: Nach der Wahl des ersten Landrates der AfD in dem beschaulichen Kreis Sonneberg in Thüringen, veralberten die Satiriker noch die die letzte große Wahl in Thüringen, die dann per Kanzleretten-Dekret rückgängig gemacht wurde. Ein bis dato wohl ziemlich einmaliger Vorgang, der vermutlich, auch wenn es dem politischen Mainstream nicht so ganz passt, wenigstens ein Sprach-Meme in der deutschen Sprache hinterlassen hat, welches das Unwohlsein vieler davon ausdrückt, dass das Merkel per Federstrich ganze Regierungen beenden konnte und das keinerlei negativen Folgen für sie hatte.
Doch seit Deutschland sich dazu entschlossen hat politisches Kabarett zur Realität zu erklären (also so gut seit 20 Jahren) sollte man sich mit Witzen wohl doch eher zurück halten, denn wieder wurde ein zuvor recht müder Witz zur bitteren Realität. Die SPD bläst zum Halali auf den Kandidaten der AfD, den sie ernsthaft einem "Demokratie-Check" unterziehen möchte und tatsächlich einen Gummiparagraphen dafür im Kommunalwahlgesetz Thüringens gefunden hat, der ihr das scheinbar erlaubt. Dort wird verlangt, dass ein Landrat nicht gewählt werden kann, wenn er nicht die Gewähr dafür bietet, jederzeit für die FDGO im Sinne des Grundgesetzes und der Landesverfassung einzutreten. Eine interessante Hürde, an der vermutlich dreiviertel der Bundesregierung wiederholt scheitern würde und die uns allen zumindest die letzten acht Jahre mit der Heimsuchung aus der Uckermark erspart hätte.
18. Juni 2023
Wenn der Ofen ausgeht: Anmerkungen zu Stahl aus Wasserstoff
Wer sich ein bischen in der (deutschen) Stahlindustrie auskennt, der weiß das Stahlerzeugung aus Wasserstoff derzeit der "heisse Scheiss" schlechthin ist. Die Presse will es, die Regierung will, selbst die Anlagenbauer wollen es und so müssen es am Ende auch die Betreiber "wollen". Aber das hat so seine Tücken und es zeigt exemplarisch (mal wieder) was die Energiewende in der Praxis bedeutet und was die Kugel Eis am Ende kostet.
16. Juni 2023
Kein UFO
(Bruce Pennington, Titelbild für Kingsley Amis, "New Maps of Hell," New English Library, 1969)
Oh, it came out of the sky, landed just a little south of Moline.
Jody fell out of his tractor, couldn't believe what he’d seen.
Laid on the ground and shook, fearing for his life,
Then he ran all the way to town, screaming: "It came out of the sky!"
Well, a crowd gathered around and a scientist said it was marsh gas.
Spiro came and made a speech about raising the Mars tax.
The Vatican said, "Woe, the Lord has come!"
Hollywood rushed out an epic film.
Ronnie the Populist said it was a communist plot.
The newspaper came and made Jody a national hero.
Walter and Eric said they'd put him on a network TV show.
The White House said, "Put the thing in the Blue Room!"
The Vatican said, "No, it belongs to Rome!"
And Jody said, "It's mine, but you can have it for seventeen million."
(„It Came Out of the Sky“ - Creedence Clearwater Revival, 1969)
I.
Im zweiten Teil meiner kleinen Serie zum „aktuellen Sommerlochaufreger“ – nämlich der Behauptung, die der vorgebliche ehemaligen amerikanische Geheimdienstmitarbeiter David Grusch in der vorigen Woche auf der Internetseite „The Debrief“ und in zwei anschließenden Interviews mit dem amerikanischen Kabelfernsehkanal NewsNation und der französischen Tageszeitung Le Parisien aufgestellt hat – nämlich daß „die USA im Besitz von zwölf bis 15 großen Objekten einer nicht von Menschen stammenden Technologie“ sein sollen – will ich einmal von den Spezifika dieser sagen wir Münchhausiade absehen. Zum einen, weil Grusch seine ursprüngliche Erzählung mittlerweile etwa variiert hat. In der 40-minütigen Fassung seines Gespräch mit dem australischen Journalisten Ross Coulthart, das NewsNation am Sonntag, dem 11. Juni, ausgestrahlt hat, erklärte Grusch zum einen, daß er sich „nicht sicher sei, ob die ‚außerirdische Erklärung‘ zutreffend sei.“ Möglicherweise würde es sich auch im „Wesen aus höheren Dimensionen“ (im O-Ton „multidimensional beings“) handeln. Daraufhin hat die englische Boulevardpostille „The Week“ hat uns gestern stilgerecht darüber aufgeklärt, daß der Vulkan Popocatepetl in Mexiko von solchen Flugobjekten als „Wurmloch“ zur Abkürzung galaktischer Distanzen genutzt wird.
11. Juni 2023
C. M. Kornbluth, "Die Sauregurkenzeit" (1950)
Es war ein heißer Sommernachmittag in unserer Abteilung der World Wireless-Nachrichtenagentur in Omaha, und die Zentrale in New York drängte auf neue Meldungen. Es gab aber nichts zu vermelden, weil des ein heißer Sommernachmittag war. Ein Bericht über die abgelaufenen Baseballsaison war vor einer Stunde rausgegangen, und damit hatte es sich. Außer Baseball fällt im Sommer nichts an. In den Hundstagen fahren die Politiker in die Wälder in Maine, um zu angeln und sich volllaufen zu lassen, Einbrecher sind zu erschöpft, um einzubrechen und Ehefrauen überlegen es sich noch einmal und schlagen ihren Männern erst später im Jahr den Schädel ein.
Ich blätterte einige Pressemitteilungen durch. Ein schludrig auf Matrize getipptes Blatt verkündete: „Wußten Sie, daß der sommergemäße Weg zu Erfrischung und Gesundheit durch Zitronen-Limonade von führenden Physiotherapeuten von Maine bis Kalifornien empfohlen wird? Der Bundesverband der Zitrusfruchtanbauer teilte heute mit, daß einer Umfrage unter 2500 Physiotherapeuten in 57 Städten mit mehr als 25.000 Einwohnern ergeben hat, daß 87 Prozent von ihnen zwischen Juni und September mindestens ein Glas Zitronenlimonade an Tag trinkt, und daß 72 Prozent von ihnen nicht das kühlende und köstliche Getränk nicht nur selbst genießen, sondern es auch verschreiben…“
7. Juni 2023
Aldous Huxley, "Proust und die Bestseller" (1920)
(Aldous Huxley. Portrait von Roger Fry, 1931)
„Marginalien“ (1920)
„Die Verdienste der Literatur“ – der Ausdruck hat etwas Gesetztes, nachgerade Feierliches an sich. Mit einem solchen Ehrentitel versehen, nehmen die dürftigen Groschen, die sie einbringt, einen Anschein von Bedeutung an. Aber leider nur zum Schein – denn wenn es darangeht, sie in Essen und Kleidung umzusetzen, erhält man für diese Groschen keinen Deut mehr als vor dieser Aufwertung. So wie es ist – arm, aber ehrenhaft (oder besser: klug und deshalb arm) – verschlimmert es die Sache noch, wenn man die kargen Früchte unseres Schweißes als „Lohn“ bezeichnet. Aber die großen „Verdienste der Literatur,“ die tausende und zehntausende von Pfund, von denen uns erzählt wird: bleiben die uns für immer verwehrt?
Schließlich, so sagen wir uns, sind wir alles andere als dumm; wir verfügen über Humor. Warum sollte es uns nicht möglich sein, die Verfasser von Bestsellern bei ihrem eigenen Spiel zu schlagen? Es sollte doch nicht so schwer sein, ein paar „ergreifende Liebesgeschichten“ zu verfassen oder einen Band von Preziosen à la Wilcox.
5. Juni 2023
Der Hammer und die Selbstjustiz
Der deutsche Blätterwald ist sich (bis auf den Kinderstürmer aus Kreuzberg) vergleichsweise einig: Selbstjustiz muss strafbar sein und so gehe es schon irgendwie in Ordnung, wenn auch mal Linksextremisten wie "Lina E." angeklagt und verurteilt werden. Die linke Szene ist nicht ganz so begeistert, schließlich handelt es sich bei den Opfern von Lina E. ja um "Rechtsradikale", "Nazis" oder einfach nur "Rechte", deren Menschenrechte ja mit ihrer politischen Positionierung nicht mehr gelten. Die selbe Linke übrigens, die ansonsten permanent von Menschenrechten palavert, so lange diese nur ins eigene Forderungssystem hinein passen.
Selbstjustiz? Wogegen eigentlich? Wenn Rechtsradikalismus eine Straftat wäre, dann stünde sie vermutlich im Strafgesetzbuch. Doch da ist sie nicht zu finden. Nicht einmal "Nazi sein" steht dort unter Strafe. Und am allerwenigsten steht darin, dass es verboten sein soll, bestimmte Kleidung zu tragen, die von Linksextremisten als "irgendwie Nazi" assoziiert wird. Die Unterstellung von Selbstjustiz ist nicht nur sachlich abwegig, sie ist zudem ehrabschneidend und verhöhnt die Opfer von schweren Straftaten. Denn sie unterstellt, dass diese etwas verbotenes getan haben, was aber nicht Gewalttäter wie Lina E. entscheiden sondern immer noch Gerichte. Der ganze Mumpitz um "Selbstjustiz" dient selbst der "normalen" Presse vor allem dazu die Taten von Lina E. zu verharmlosen.
31. Mai 2023
Aldous Huxley, "Candide, wiedergelesen" (1923)
(David Low, "Aldous Huxley," Kariketur für den New Statesman and Nation. Die Zeichnung ist auf den 25. Novemmber 1933 datiert.)
Die Möbelwagen hatten ihre Fracht in unserem neuen Heim ausgeladen. Wir waren jetzt eingezogen – oder mußten uns zumindest so gut wie möglich in den Chaos, dem Schmutz und der Unordnung behelfen, so gut es ging. Einer der präraffaelitischen Maler (dessen Name mir gerade nicht einfällt), hat einmal ein Bild mit dem Titel „Der letzte Tag im alten Heim“ gemalt. Es bedürfte eines gröberen, härter geführten Pinsels, um die Schrecken des „Ersten Tags im neuen Heim“ zu schildern. Als ich mich voller Verzweiflung zwischen dem zusammengewürfelten Mobiliar hingesetzt hatte, fiel mir in einer offenstehenden Bücherkiste ein kleines ledergebundenes Büchlein ins Auge, der unter einer Menge größerer Bände hervorstach. Es war der „Candide“ – meine heißgeliebte Erstausgabe von 1759 mit seiner dezent albernen Titelseite: „Candide ou L‘Optimisme, Traduit de L‘Allemand de Mr le Docteur Ralph.“
Ein wenig Optimismus hatte ich dringend nötig – und da der gute Doktor Ralph bekanntlich einer der besten Lehrer in dieser Disziplin ist, nahm ich das Buch her und fing an zu lesen: „Il y avait en Westphalie, dans le Château de Mr la Baron de Thunder-ten-tronkh….“ Und legte den Band nicht aus der Hand, bis ich zum Schlußsatz „Il faut cultiver notre jardin“ gekommen war. Ich fühlte mich durch den Zuspruch von Dr. Ralph angeregt und aufgeheiert.
30. Mai 2023
Aldous Huxley, "Jahrhundertfeiern" (1923)
(Zigarettensammelbild der Firma Will's auf dem Jahr 1937, aus der Serie "40 Famous British Authors." Das Formet der Bilder betrug 7,9 x 6,2 cm.)
Vom Bocca di Magra bis zur Bocca d‘Arno, der Mündung des Arno, erstreckt sich der Sandstrand ohne Unterbrechung. Weiter im Land, von einem Gürtel aus Kiefern geschützt, liegt ein ebener Streifen Küstenland, flach wie die Niederlande und von träge fließenden Bächen durchzogen. Hier wachsen Getreide und Wein, getrennt durch Pappelreihen und Feuchtwiesen. Da und dort münden die Bäche in flache Teiche, deren Ufer geflutete Reisfelder bilden. Und hinter diesem Streifen Küste, vier oder fünf Meilen vom Meer entfernt, steigen die Berge auf, unerwartet und steil: die Apuanischen Alpen. Ihre Gipfel bestehen auf nacktem Kalkstein, der stellenweise von dem weißen Marmor durchzogen ist, der den Kleinstädten an ihrem Fuß Wohlstand gebracht hat: Massa und Carrara, Serravazza, Pietrasanta. Die Hälfte der Grabsteine der ganzen Welt sind aus diesem edlen Gestein gehauen worden. Ihre unteren Hänge zeigen das Grau der Olivenbäume und das Grün der Kastanienwälder. Auf ihren Gipfeln ruhen die wie gemeißelt wirkenden Wolkenmassen:
Von Kap zu Kap schlage die Brück‘ ich und rage
gewölbt über strömendem Meer.
Bin fest vor den Pfeilen der Sonn' und zu Säulen
Nehm ich die Gebirge umher.
Die Landschaft zitiert geradezu Shelley. Dieses Meer, mit seiner schimmernden Windstille und plötzlichen Sturmböen, diese blassen blauen Inseln am Horizont, diese Berge mit ihren phantastischen Wolkengebilden, die Flüsse und Wälder – das ist die Essenz seiner Dichtung. Sobald man einige Zeit an dieser Küste verbracht hat, wird man beständig an diese wunderbare und merkwürdig kindliche Poesie, an diesen wunderbaren und kindlich-unschuldigen Mann erinnert. Vielleicht geht sein Geist an diesen Ufern um. Auf diesem Meer hat er mit seiner Nußschale von einem Boot gesegelt, in einer Hand das Ruder und in der anderen den kleinen Aischylos-Band. So stellen wir ihn uns bei schönem Wetter vor. Und wenn der Sturm unverhofft losbricht, fällt er uns ebenfalls ein. Die Blitze fahren über den Himmel, die Donnerschläge sind wie schreckliche Explosionen, die Böen toben. Und was ist mit dem kleinen Boot? Niemand weiß es – nur daß ein paar Tage später die Leiche eines jungen Mannes an den Strand getrieben wird, entstellt, nicht mehr wiederzuerkennen; nur der kleine Band Aischylos in der Westentasche verrät uns, daß dies einmal Shelley war.
Ich habe den letzten Sommer an dieser verwunschenen Küste verbracht. Das möchte ich als Entschuldigung anführen, daß ich in dieser Zeit, die so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, hier einen Dichter erwähne, der seit hundert Jahren tot ist. Aber keine Bange: ich habe nicht vor, hier etwas über den machtlosen Engel, der in der Leere vergeblich mit seinen was-auch-auch-immer-Flügel schlägt. Ich werde mich hier nicht mit Gekrächze dem süßen Chor der übrigen Lobredner zu diesem Zentenar anschließen. Nein, der Geist von Shelley, der in Versilia und der Luniga wandelt, am Golf von La Spezia und bei Pisa an der Mündung des Arno, dieser Geist, dem ich die Hand geschüttelt und mit dem ich mich unterhalten habe, spornt mich nicht zu einer überheblichen und dummdreisten Laudatio an, sondern zu einem Protest gegen die Ergüsse dieser honigsüßen Lobhudler.
27. Mai 2023
Der große Sprung ins Nirgendwo
19. Mai 2023
Das Erbe Lauterbachs mit einem Gruß von Hans Filbinger
Anlass für diesen Beitrag ist eine kleine Anekdote, die diesem Autor vor einigen Wochen widerfahren ist.
Ich musste vor besagten Wochen mal wieder einen Arzt besuchen (auch schlechte Menschen werden krank) und da musste man ja bekannterweise immer noch so ein Gesichtstuch tragen, was ich dummerweise vergessen hatte. Kein Problem: Inzwischen werden ja die meisten Ärztehäuser von irgendeinem Apotheker belagert und so ging ich in eben jene Apotheke vor Ort und verlangte wohl etwas zu salopp einen "Lauterbach-Lappen" (okay, ich mag noch ein deutsche Wort mit Sch... davor gesetzt haben, weil ich ziemlich spät dran war und mich gelegentlich ärgere die wirklich unverhältnismäßig teuren wie sinnlosen Tücher bezahlen zu müssen). Ich war dabei keinesfalls unhöflich sondern haben eben nur ausgedrückt, was ich von dem Tuch halte, ich habe selbstverständlich um die Ware höflich gebeten. Der gute Mann stutzte, änderte seinen Tonfall und betonte wie wenig Verständnis er dafür habe. Ich habe sicher keine politische Diskussion gesucht (erst recht nicht, wenn ich es eilig habe) und nur noch gesagt: "FFP2 bitte". Aber etwas war geschehen: Mein Gegenüber sah mich nur mit einer Mischung aus Feindseligkeit und Empörung an und verwies mich seines Geschäftes. Ich war erst einmal etwas verdattert, habe noch einmal nachgefragt, worauf er das bestätigte, dass er mir nichts mehr verkaufen wolle. Auch die ebenso höfliche Frage, ob er mich an seinen Wettbewerb verweisen könne, wurde verneint, er war wirklich sichtlich empört. Und er wurde seinerseits unhöflich. Was erlaube Kunde? Soweit, so schlecht.
Joris-Karl Huysmans. "Auf Reede." Ein Mondspaziergang aus dem Jahr 1887
Meine Damen und Herren, die Gesundheit ist doch das Kostbarste, das wir besitzen. Und da können wir nicht dankbar genug sein, daß uns vor kurzem noch ein neues, fast unberührtes Erholungsgebiet erschlossen wurde - da haben wir für Sie eine Wanderroute ausgearbeitet, die für Alt und Jung die ideale Möglichkeit freizeitlicher Entspannung bietet. Nach zügiger Anfahrt von knapp 385.000 Kilometern parken wir unser Fahrzeug hier am südlichen Ausläufer des Mare Nectaris. Von dort wählen wir den gut gekennzeichneten Fußweg in Richtung nordwestlicher Richtung. Wir erreichen ein entzückendes Hochplateau, wo wir schon einen hübschen Blick auf die romantischen Ringgebirge Hortensius, Reinhold und Eddington genießen. Wir nutzen den Aufenthalt zu einer kleinen Rast, da die Temperaturen bei steigender Sonne 125 Grad übersteigen dürften. Vorsicht mit verderblichem Proviant! Frisch gestärkt nähern wir uns nun dem Gipfelgrat des Kraters Kopernikus, wobei ältere Herrschaften die leichtere Route am südlichen Rand des Mare Galilei wählen, oder einem leichten Bogen nach Osten gleich über eine gut geräumte Schotterhalde den Weg zurück zum Fahrzeug nehmen. Wanderfreudige Teilnehmer dagegen und die Jugend erreichen bei rüstigem Ausschreiten in gut drei Monaten die Zwillingsgipfel Castor und Pollux, von wo wir durch einen wundervollen und unvergesslichen Blick über das Mare Imbrium bis hin zum majestätischen Krater Plato belohnt werden. Vorsicht bei empfindlicher Haut, und bitte: Abfälle gehören in die Papierkörbe! Wenn Sie noch einen Urlaubstag zugeben können und den Umweg von 4000 Kilometern nicht scheuen, lohnt sich der Abstecher über die Mare Serenitatis und Tranquillitatis mit ihren reichlichen Vorkommen an kosmischem Staub. Es werden tiefe Eindrücke zurückbleiben!
- Loriot, "Die Mondwanderung" (gesendet in der Folge 8 der Reihe „Cartoon“ des Süddeutschen Rundfunks am 8. März 1969)
* * *
14. Mai 2023
Scriven Bolton und "Yuggoth". Zweimal Pluto im Jahr 1929
Star-Winds
It is a certain hour of twilight glooms,
Mostly in autumn, when the star-wind pours
Down hilltop streets, deserted out-of-doors,
But showing early lamplight from snug rooms.
The dead leaves rush in strange, fantastic twists,
And chimney smoke whirls round with alien grace,
Heeding geometries of outer space,
While Fomalhaut peers in through southward mists.
This is the hour when moonstruck poets know
What fungi sprout in Yuggoth, and what scents
And tints of flowers fill Nithon's continents,
Such as in no poor earthly garden blow.
Yet for each dream these winds to me convey,
A dozen more of ours they sweep away.
H. P. Lovecraft
Sternenwinde
Es gibt die Stunde, wenn die Dämmerung sinkt,
Zumeist im Herbst, wenn Sternenwinde wehen
Den Hügelweg herab und durchs verlassene Feld
Und früher Lampenschein die Zimmer sacht erhellt.
Wenn tote Blätter sich in wilden Kreisen drehen
Und Rauchfahnen in sachten Schwaden treiben
Und Bahnen, nicht von dieser Welt, beschreiben
Und Fomalhaut im Süden durch den Nebel blinkt.
Das ist die Zeit, wenn irre Dichter träumen
Von Pilzen auf dem Yuggoth, wenn sie die Farben sehn,
den Duft der Blumen riechen, die Nithons Gestade säumen,
Wie sie in keinem Garten hier auf Erden stehn.
Und doch: mit jedem Traum, den mir die Winde bringen
Lassen sie ein Dutzend von den unseren verklingen.
(Lovecraft, "Star-Winds," Manukript. Digitalisat der Lovecraft Colldection der Brown Univsersity.)
Die wahren Täter.
Ob es wirklich Edmund Burke war, der das erste mal den Satz formte "Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun." ist bis heute recht umstritten. Aber eigentlich ist es auch nicht wichtig, denn die Griffigkeit der Formel hat ja wenig mit dem Autor zu tun, der sie sich ausgedacht hat. Und so ist es dieser Satz, der mir dieser Tage durch den Kopf geht, wenn ich sehe welches Verbrechen an diesem Lande (ja, Verbrechen!) durch die Regierung begangen wird.
Okay, nach den (ebenso) Verbrechen der Regierung Merkel ist es schwer eine Steigerung zu erspähen, zu massiv sind die Schäden, die durch die ehemalige(?) FDJ-Sekretärin für Propaganda angerichtet wurden, vom Verlust der inneren Sicherheit über die irrwitzige Vernichtung von Vermögen zur Zerstörung der Energieversorgung bis zur deutlichen und schmerzhaften Beschädigung des Rechtsstaates auf wenigstens Jahre, eher Jahrzehnte hinaus. Und dennoch sind die aktuellen Entwicklungen für sich betrachtenswert, ein heutiger Mörder verliert ja auch nicht seinen Status, weil es früher auch schon Mörder gegeben hat.
6. Mai 2023
Danuri
Южный полюс Луны задремал, он уснул между гор величавых,
Поражающих правильной формой своей.
Это — мысль, заключенная в стройных октавах,
Эти горы живут без воды, в полосе неподвижных лучей,—
Ослепительно ярких, как ум, и ложащихся отблеском странным
На долины, что спят у подножия гор,
Между кратеров мертвых, всегда светлотканных,
Вечно тихих, нетронутых тьмой, и ничей не ласкающих взор.
Эти страшные горы горят неподвижностью вечного света,
Над холодным пространством безжизненных снов,
Это ужас мечты, это дума веков,
Запредельная жизнь Красоты, беспощадная ясность Поэта.
Константин Бальмонт - Южный полюс Луны (1899)
Der Südpol des Mondes: zwischen majestätische Berge gespannt
Schläft er, von ihren starren kristallinen Formen besiegt
Ein Gedanke, in schlanke Oktaven gebannt -
In einem steinernen Ring, der im ewigen Licht liegt.
Gleißend wie der Verstand, so senden sie
Einen Lichtstrahl, ins ewige Dunkel geführt
In die Täler und toten Krater, wo nie
Ein sterbliches Auge das ewige Schweigen berührt.
Dieses furchtbare Lodern im Schweigen des ewigen Lichts
Unter den toten Träumen im eisigen All
Zeitlose tote Schönheit, im unendlichen Nichts
Diese gnadenlose Klarheit, Dichter, sei dein Ideal.
Konstantin Balmont, „Der Südpol des Mondes“ (1899)
3. Mai 2023
Hakuto-R. Coda
So wie kalte Tränen ist der Regen
So wie außer Atem ist der Wind
So wie nasse Augen sind die Sterne
Wenn das überhaupt noch Sterne sind
Und so als ab dein Herz ein alter Seemann wär
Der das Fernrohr falsch rum hält und alles ist so sehr
Weit weg, dass es die müden Augen schont
So blass und kalt hängt über dir der Mond
- Element of Crime, „Über dir der Mond“ (2008)
I.
Daß die erste „Mondlandung“ eines Privatunternehmens, die Mission Hakuto-R M1, am vorigen Dienstag, den 25. April 2023, um 20:40 Mitteleuropäischer Sommerzeit mit einem Fehlschlag geendet ist, weil dem Lander gut zwei Minuten vor dem Aufsetzen im Meer der Kälte der Treibstoff ausging, hat keinen Nachrichtenwert mehr. Daß die japanische Firma ispace bereits an der Umsetzung für eine zweite Mission arbeitet, der „Serie 2,“ die im nächsten Jahr gestartet werden soll und mit 4,2 Metern Höhe doppelt so hoch ist wie der havarierte Lander, kann als Fußnote vermerkt werden, aber hier gilt der neudeutsche Satz „we’ll cross that bridge when we come to it“ – zumal noch unklar ist, welche Konstruktionsänderungen sich aus der Auswertung der gescheiterten Mission ergeben werden.
Natürlich ist es bitter, wenn man als Raumfahrtbegeisterter sehen muß, wie ein solches Unternehmen nach einer Dauer von 4 Monaten und einer zurückgelegten Flugstrecke von fast 2,5 Millionen Kilometern buchstäblich auf den letzten Metern scheitert – zumal keine Woche vorher in Florida der langerwartete erste Start des Starships von SpaceX in einem Feuerball geendet war. Aber unerwartet ist es nicht – vor allem dann nicht, wenn man diesen Flug in den Kontext der bisherigen unbemannten Sondenmissionen setzt, die seit mittlerweile 65 Jahren in Richtung des Erdtrabanten gestartet worden sind.
Im Allgemeinen gilt für die Satelliten, die zur Naherkundung des Sonnensystems eingesetzt werden werden, daß die Systeme ausreichend getestet und redundant genug ausgelegt sind, um zu einem vollen Erfolg zu führen. Das gilt für alle Flüge, die bislang zum Merkur, zur Venus, zu den Asteroiden und den vier äußeren Gasplaneten stattgefunden haben – einschließlich der Sonde New Horizons, die 2015 am französischen Nationalfeiertag, dem 14. Juli, den zum „Zwergplaneten“ degradierten Pluto in einer Entfernung von 13.000 Kilometern passiert hat. Die beiden Ausnahmen auf dieser Liste sind der Mars und eben der Mond – wobei im Fall des Mars die Erfolge recht ungleich verteilt sind. Während die 20 Missionen der NASA, seit der ersten durch Mariner 1 im November 1964 alle bis auf eine erfolgreich waren (der Mars Climate Orbiter stürzte im September 1999 ab, weil bei der Bremszündung für das Einschwenken in die Umlaufbahn das von Rolls-Royce gebaute Hauptriebwerk auf die britische Maßeinheit Fuß pro Pfund und Sekunde ausgelegt worden war, während die Planer der NASA für die Zündung in den Einheiten Newtonsekunden berechnet hatten – ein Unterschied um fast das Fünffache) – endeten die insgesamt 19 Missionen, die die Sowjetunion (und ihr Nachfolger, die Russische Föderation) bislang gestartet hat, ausnahmslos als Fehlschläge – einschließlich der ersten weichen Landung von Mars 3 im Dezember 1971, als 110 Sekunden nach dem erfolgreichen Aufsetzen im Krater Ptolemäus und 20 Sekunden nach dem Beginn der Übertragung des ersten Fernsehbildes der Funkkontakt abbrach. Da an der Landstelle zu dieser zeit auch noch ein Staubsturm herrschte war, auf den 70 B gesendeten Bildzeilen auch nichts als ein konturloser Nebel zu erkennen.
25. April 2023
Levania. Der Blick vom Mond
...Forse
a Levania approdai nella sepolta
esistenza anteriore, ed era il cono
dell’eclissi che l’algida schiudeva
nera via degli spiriti.
Sergio Solmi, “Levania” (1954)
. .…vielleicht
bin ich auf Levania gelandet, in einem vergessenen
früheren Leben, und es war der Kegel
der Sonnenfinsternis, der mir den eisigen
schwarzen Geisterweg öffnete.
I.
Dies ist mein dritter Beitrag in Folge zum Thema Raumfahrt, oder präziser „Zur Raumfahrt am Donnerstag, dem 20. April 2023.“ Aber anders als in meinen beiden vorigen Postings geht es diesmal nicht um den ersten „Integral Flight Test“ des Starships von SpaceX, der um 16 Uhr 33 (MESZ) von der Starbase abhob und ein Trümmerfeld hinterließ, das gestern an dieser Stelle zu besichtigen war.
Dieser Beitrag reiht sich ein in eine andere Serie, in der ich seit einiger Zeit, gerade mit Bezug auf dem Mond, erstaunliche Zufälle scherzhaft als „Anzeichen“ dafür genommen habe, daß es sich bei der sogenannten „Wirklichkeit“ in Wirklichkeit um eine Simulation handelt, deren Betreiber dies aufmerksamen Beobachtern innerhalb des Programms durch solche versteckten Fingerzeige (bei Computerspielen Ostereier oder Easter Eggs genannt) zu erkennen geben: etwa, daß die Wahrscheinlichkeit 1 zu 2 steht, daß bei den ersten beiden anstehenden bemannten Mondlandungen der NASA ein Raumfahrer (eine RaumfahrerIN in diesem Fall) namens McLane an Bord eines Raumschiffs namens „Orion“ beteiligt sein wird – wie bei den Einsätzen der „Raumpatrouille“ vor einem halben Jahrhundert; daß die Einschläge der Trümmer des Kometen Shoemaker-Levy 9 auf dem Jupiter im Juli 1994 zum Teil minutengenau 25 Jahre nach den entscheidenden Phasen der ersten Mondlandung von Apollo 11 erfolgt sind. Und daß 1961 in der „größten Weltraumserie der Welt,“ Perry Rhodan, der entscheidende fiktionale Zeitpunkt zum „Aufbruch der Menschheit in den Kosmos“ auf denselben Tag gelegt worden ist, den 8. Juni 1971, an dem in Südafrika der Mann geboren wurde, der diese Rolle tatsächlich ausfüllt wie kein Mensch vor ihm: Elon Musk. Heute ist ein weiteres solches Puzzleteil hinzugekommen.
Heute nachmittag, um 14:25 Mitteleuropäischer Sommerzeit (oder heute an späten Abend, um 23:25 nach JST, japanischer Standardzeit) hat nämlich das private Raumfahrtunternehmen ispace ein Foto veröffentlicht, das die Mondlandesonde HAKUTO-R gute zehn Stunden vor dem Abheben des Starship in Texas aufgenommen hat.
23. April 2023
Starship. Coda. Oder: "Das Abenteuer des havarierten Raumschiffs"
Heute, zwei Tage nachdem der erste Startversuch der größten und leistungsstärksten Rakete, die je in der Geschichte der Raumfahrt gebaut worden ist, 30 Kilometer über dem Golf von Mexiko in einem Feuerball geendet ist, läßt sich, nach der ersten genaueren Auswertung der Daten und der Inaugenscheinnahme der Schäden an der Startrampe ein genaueres Bild über den Hergang und die wahrscheinliche Ursachen, die zu diesem Ende geführt haben, zeichnen.
Der Verlauf
Anders als ich es in meinem letzten Posting geschrieben habe, die die ersten drei der Raptor-Raketenmotoren der Startstufe, der 70 Meter hohen Boosters, nicht gleich beim Start ausgefallen. Die Eindruck entstand, weil die Statusanzeige, die das Funktionieren der Treibwerke anzeigte, der nach fünf Sekunden nach der Zündung, nachdem die Meßdaten von der Rakete eintrafen, während der Live-Übertragung angezeigt wurden und sie als inaktiv zeigten. Tatsächlich sind sie erst zwei Sekunden nach der Zündung ausgefallen. Alle 33 Triebwerke, sowohl die 20 des äußeren Ring, die 10 der inneren sowie die drei zentral montierten, haben also wie vorgesehen mit 85 Prozent ihrer Leistung gezündet. Erst nachdem die Rakete den Startturm hinter sich gelassen hatte, wurde die Leistung auf 100 Prozent gesteigert. Nach zwei Sekunden Flugzeit kam es zeitgleich zum Ausfall der Motoren 1 in der Mitte und der Treibwerke 20 und 32 des äußeren Rings. Des weiteren versagten während der nächsten etwas mehr als zwei Minuten folgen Treibwerke in dieser Reihenfolge:
21. April 2023
Starship
I.
Ich muß zugeben, daß ich – als Chronist in Sachen Raumfahrt und besonders der Entwicklung von SpaceX, dem erfolgreichsten privaten Unternehmen in dieser Branche - ein tiefes Gefühl des Enttäuschung, des Bedauerns nicht unterdrücken konnte, als heute am frühen Nachmittag – oder am frühen Morgen, nach der Ortszeit in Texas – der Erststart des Starship fast genau vier Minuten nach dem Abheben in der Starbase in Boca Chica, genau an der Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko – 30 Kilometer über en Golf von Mexiko ein Ende fand, als die in ein unkontrolliertes Trudeln geratene Rakete von der Flugleitung gesprengt wurde. Dabei gibt es, bei Licht betrachtet, keinen Grund, hier enttäuscht zu sein.
Und dennoch: zu hoch war die Spannung, mit der der erste Testflug der größten Rakete, die jemals gebaut worden ist, erwartet wurde – besonders, nachdem der erste Countdown vor drei Tagen, am Montag, den 17. April 2023, acht Minuten vor der Zündung abgebrochen worden war. Und zu lang war die Pause seit dem letzten Start, als vor fast genau zwei Jahren, am 5. Mai 2021, ein Prototyp der Zweitstufe des Starship, ebenfalls als „Starship“ bezeichnet“ endlich, im sechsten Anlauf, den ersten Probeflug bis in 10 Kilometern Höhe erfolgreich absolvierte und SN 15 nicht nach der Landung in einem Feuerball explodierte wie seine Vorgänger, an denen das Prinzip, eine 50 Meter hohe Rakete mit einem Gewicht von 100 Tonnen - ohne Treibstoff - senkrecht zu landen. (Zum Vergleich: der Booster, die Startstufe der Falcon von Space X wiegt bei einer Höhe von 70 Metern unbetankt nur 25 Tonnen.) SpaceX-Chef Elon Musk hatte im Vorfeld vor allzu hohen Erwartungen gewarnt. Es könne noch allzuviel beim Start und dem Flug des noch nie erprobten Gesamtsystems fehlschlagen. Am Sonntag, vor dem ersten Countdown, hatte er erklärt: „Alles, was dazu führt, daß die Startrampe nicht zerstört wird werten wir als Erfolg – wenn wir es weit genug schaffen, um sie nicht in die Luft zu jagen.“ Überstanden hätten die beiden Stufen, das Starship wie die 70 m hohe Erststufe, ebenfalls „Booster“ genannt, den ersten Einsatz auf keinen Fall. Der Booster wäre im Meer versunken wie alle Startstufen der amerikanischen Raketen seit dem Beginn des Raumfahrtzeitalters, bevor SpaceX im September 2013 beim sechsten Flug einer Falcon 9 die erste erfolgreiche Landung gelang. Das Spaceship selbst – die zweite Stufe – wäre nach der Zurücklegung fast eines ganzen Erdorbits eineinhalb Stunden später beim Wiedereintritt in die Atmosphäre über dem Pazifik östlich von Hawaii verglüht.
20. April 2023
Frau Pastor, ich würde gern wetten!
"Unsere" liebe Bundestagsvizepräsidentin(!) Katrin Göring-Eckardt verkündet im MDR folgende Aussage(n):
„Der Strompreis wird natürlich günstiger werden, je mehr Erneuerbare wir haben. Wind und Sonne, die kriegen wir immer zum Nulltarif. Da brauchen wir die Anlagen und die Netze, und deswegen ist das das Entscheidende.“
Ihre weiteren Aussagen zur Atomkraft sollen an dieser Stelle nicht das Thema sein (und auch Witze über Kobolde und Netzsspeicher seien an der Stelle ausnahmsweise mal beiseite gelassen). Nein, es soll einfach nur um diese Aussage gehen. Frau Göring-Eckart führt aus, dass der Strompreis natürlich(!) günstiger werden wird. Wie wir die letzten 20 Jahre ja gesehen haben. Und natürlich weil man, wenn man das Angebot verknappt, man auch niedrige Preise erwarten darf. Zumindest in der Welt von Frau Göring-Eckart. Aber wie dem auch sei, es gibt da dieses wunderbare Konzept, dass die Amis gerne mal vorbringen: Put your money where your mouth is!
18. April 2023
Unternehmen Ganymed
I.
Im Gegensatz zum englischsprachigen Markt jenseits des Atlantiks (und zu einem gewissen Maß auch in England) war „die Zukunft“ in Gestalt der Science Fiction in ihrer audiovisuellen Darreichungsform, also auf der Kinoleinwand oder dem Fernsehbildschirm, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fast ausschließlich als Importware präsent. Und die wenigen Produktionen, die der Medienapparat des westlichen deutschen Teilstaats bis zur Wiedervereinigung nach dem Mauerfall produziert hat, sind bis auf eine Ausnahme ausschließlich für das Fernsehen produziert worden. Diese Ausnahme sind die ersten vier Filme, die Roland Emmerich zu Beginn seiner Laufbahn als Regisseur in München gedreht hat. Aber schon sein Erstling „Das Arche-Noah-Prinzip,“ in den Jahren 1982 bis 1984 als Abschlußarbeit für die Hochschule für Fernsehen und Funk in München entstanden, war mit seinem Budget von knapp 1,2 Million D-Mark gegenüber der Konkurrenz aus Hollywood nur ein „Kammerspiel mit Spezialeffekten.“ Der Film kam zu einer Zeit in die Lichtspielhäuser, als das Publikum seit dem Boom des Genres mit „Star Wars,“ Spielbergs „Unheimlicher Begegnung der dritten Art“ und Ridley Scotts „Alien“ längst andere Maßstäbe gewohnt war. Ende 1983 war „E.T. – der Außerirdische“ der Film mit dem höchsten weltweiten Einspielergebnis der gesmaten Kinogeschichte geworden; ebenfalls 1983 war mit „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ der dritte und erfolgreichste Teil der Star-Wars-Reihe gelaufen; vier Wochen nach dem Kinostart von Emmerichs Film reiste ein Terminator der Baureihe T-3000 aus dem Jahr 2029 zurück ins Jahr 1984, um zu verhindern, daß der Anführer der Widerstandsbewegung gegen die die Künstliche Intelligenz von Skynet, die 1997 Selbstbewußtsein erlangt hat, geboren wird. Und selbst der relativ billige, aber zum Kultfilm gewordene „Repoman,“ der eine Woche nach dem „Arche-Noha-Prinzip“ in der Bundesrepublik Premiere hatte, wies ein höheres Produktionsbudget auf. Emmerich hat seine nachfolgenden Filme gleich auf Englisch mit Blick auf den internationalen Markt produziert. Und natürlich können die bescheidenen Erfolge von „Joey,“ „Hollywood Monster“ und „Moon 44“ in keiner Weise mit dem Erfolg seiner späteren, in Hollywood entstandenen „Blockbuster“ „Stargate“ (1994), „Independence Day“ (1996) oder „The Day After Tomorrow“ (2004) mithalten.
Aber „deutsche SF“ mit Bewegtbildern und Ton in der alten Bonner Republik meinte stets: Fernsehproduktionen. (Erstaunlicherweise hat es die DEFA, einziges Studio im Real Existenten Sozialismus, auf immerhin vier „waschechte Science Fiction“-Filme gebracht – von denen allerdings drei Ko-Produktionen mit anderen Bruderstaaten darstellten: „Der schweigende Stern“ von 1960 ist in Zusammenarbeit mit Film Polski entstanden, bei „Signale – ein Weltraumabenteuer“ (1970) griff man für die Spezialeffekte auf die Technik des Warschauers Studio Przedsiebiorstwo Realizacji Filmów zurück, bei „Eolomea“ sah sich die DEFA 1976 außerstande, die auf 70 mm gedrehten Szenen selbst zu entwickeln und mußte das Material jedesmal erst an die technische Abteilung von Mosfilm in Moskau einsenden, um sehen zu können, ob ein „Take“ gelungen war. Erst mit „Im Staub der Sterne“ brachte die DEFA eine Eigenproduktion in die Kinos.) Zu diesen Produktionen gehörten etwa die sieben Folgen der „Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion“ (1966), Tom Toelles „Das Millionenspiel“ (1970) nach der Erzählung „The Prize of Peril“ von Robert Scheckley aus dem Jahr 1958 (daß der Verlag Goldmann, von dem der WDR die Filmrechte erworben hatte, diese selbst nicht besaß, war übrigens der Grund, warum der Film erst 2002 wieder im deutschen Fernsehen gesendet worden ist – nicht, weil das Thema einer tödlichen Menschenjagd als Reality-TV „zu kontrovers“ war), und Rainer Werner Faßbinders Zweiteilers „Welt am Draht“ von 1973.
13. April 2023
Streiflicht: Fünf Milliarden Dollar
Fünf Milliarden Dollar. Das ist die Summe, die die Marktkapitalisierung der Brauerei Anheuser-Busch in den letzten zwei Wochen gefallen ist und das entspricht so ungefähr fünf Prozent des Unternehmens. Ist das so erwähnenswert? Ja. Insbesondere weil es durchaus nicht bei den fünf Prozent bleiben muss. Doch, wie immer, der Reihe nach:
Eines der erfolgreichsten Produkte der Brauerei ist das Bier "Bud-Light", eine Light Version des ursprünglich zentralen Produktes Budweiser, das sich, nicht zuletzt aufgrund seines eher geringen Preises, einer ausgesprochen großen Beliebtheit in den USA erfreut. Qualitativ handelt es sich um ein äußerst mittelmäßiges Bier, eher auf dem Niveau eines typisches "Supermarkt-Bieres", vielleicht in Deutschland am ehesten vergleichbar mit Öttinger Pils, einem ebenso günstigen, wenn auch recht süffigen Alltagsbiers.
12. April 2023
Uranus
(Uranus. Aufnahme der NIRCAM des JWST vom 6. Februar 2023)
Ich bin mir durchaus bewußt, daß ich in meinen Beiträgen an der Stelle dazu neige, einen Detailfetischismus, eine Zahlenbesessenheit und (doch, ja) eine Besserwisserei an den Tag zu legen, die von manchem Leser als durchaus störend empfunden werden könnten. Andererseits nehme ich dies bei einem Netztagebuch, daß zumindest mit seinem Namen dem Andenken und dem Geist Arno Schmidts gewidmet ist, eher als „Feature“ denn als „Bug,“ ja nachgerade als eine Verpflichtung. Denn bei Schmidt handelte es sich nachweislich um den wohl notorischsten Pedanten, Zahlenfetischisten und Besserwisser, der die deutsche Literatur der letzten hundert Jahre unsicher gemacht hat. Bei Schmidt kam freilich zu der maßlosen Selbstzentrierung auf das eigene Ich und seine Befindlichkeit, wie sie für so viele hochbegabte Asperger-Autisten (und um einen solchen handelte es sich bei Schmidt zweifelsohne) ebenfalls notorisch ist, die Tatsache hinzu, daß er als reiner Autodidakt nie eine Gültigkeit seiner Ideen, Einfälle, Vermutungen kritisch hinterfragt und abgewägt hat, sondern sie stets als unumstößliche Wahrheiten vertreten hat – was ihm im Fall seiner „freudschen“ Auslegung des Werks von Karl May in „Sitara und der Weg dorthin“ (1962) auf besonders bizarre Weise zum Fallstrick geworden ist.
Wie dem auch sei: auch für den Kleine Pedanten™, der hier stets mitschreibt, gilt der Satz von Oscar Wilde „I can resist anything but temptation“ (der K.P. merkt an, daß Lord Darlington ihn zu Lady Windemere im ersten Akt von Wildes erstem großen Bühnenerfolg, „Lady Windermeres Fächer“ aus dem Jahr 1892 sagt). Und wenn der der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA ein in der Sache trivialer, aber überraschender Schnitzer unterläuft, dann stellt das eine Versuchung dar, der er nicht widerstehen kann.
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