6. September 2012

Marginalie: "Spiegel-Online" vor Ort auf dem Parteitag der Demokraten. Vom Leiden des Journalisten. Blogger, du hast es besser

In "Spiegel-Online" kann man heute eine rührende, Mitleid erheischende Geschichte lesen. Sie handelten vom Leid der beiden Journalisten Sebastian Fischer und Marc Pitzke, die sich nach Charlotte, North Carolina, aufgemacht hatten, um von der National Convention der Demokraten zu berichten.

Auszüge aus ihrer Leidensgeschichte:

Enteignung

Früher ging es bei Enteignungen eher rustikal zu: Gewalttätige Leute, meist mit roten oder braunen Parolen, erklärten das Vermögen ihrer Opfer für konfisziert bzw. einer guten Sache (sprich: der maroden Staatskasse) zugeführt. Der Einfachheit halber wurden die Vorbesitzer meist anschließend liquidiert oder in irgendein Lager gesteckt.

Heute geht es distinguierter zu. Die Forderung nach Enteignung kommt von Journalisten, die sich über eine Lösung der Schuldenkrise Gedanken machen. Aber sie wollen eine Lösung, bei der die Ursache des Problems (überhöhte Staatsausgaben) nicht angetastet wird. Da bleibt dann nur die Enteignung der Gläubiger.

Immerhin: Keine komplette und sofortige Enteignung wird gefordert, sondern nur eine teilweise und schleichende.
Ist ja bisher auch schon gut angelaufen: Seit Krisenbeginn sind die Zinsen so drastisch gesunken, daß die Sparer direkt (über ihre Geldanlagen) und indirekt (über Versicherungen und Fonds) fette zweistellige Milliardenbeträge eingebüßt haben. Jetzt noch die Inflation hochgeschraubt, und dieser Schaden kann noch deutlich vergrößert werden.

Aber immerhin: Es soll niemand liquidiert werden. Ist ja auch vernünftig, schließlich sollen die Enteigneten auch weiter brav Steuern abliefern.
R.A.



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Marginalie: Bill Clintons beste Rede. Was aber hält er wirklich von Obama? Die vermutlichen Folgen

Wolf Blitzer von CNN sagte nach der Rede: Seit ich 1992 Korrespondent in Washington war, habe ich viele wichtige Reden Bill Clintons erlebt. Diese war die beste.

Ein Video der Rede können Sie hier sehen; das Transkript gibt es hier.

Clinton hat damit die Latte für Obama sehr hoch gelegt, der heute Nacht spricht.

Der Somst. Mit einem Gemälde als Zugabe

In diesen Tagen beginnt meine Lieblings-Jahreszeit. Sie ist keine der "Vier Jahreszeiten", sondern eine Zeit weit minderen Rangs - nur eine Zwischenzeit, eine Zeit des Übergangs. Im Deutschen heißt sie erst Spätsommer und dann, wenn sie fortschreitet, Frühherbst. Ein anderer Name ist Altweibersommer (Das ist, wie wir der Wikipedia entnehmen können, gemäß Urteil des Landgerichts Darmstadt keine ältere Damen diskriminierende Bezeichung).

In England nennt man sie ganz gleichartig Old Wives' Summer. Der Indian Summer in den USA und in Canada (dort also auch Été Indien) umspannt unseren Frühherbst, ja ragt teilweise bis spät in den Herbst hinein; denn bis in den November findet man dort in bestimmten Gegenden das, was diese Zeit des Jahres ausmacht: Das spezifische Wetter, den spezifischen Zustand der Vegetation.

Wie also diese Zeit nennen? "Somst", schlage ich vor. Zusammengezogen aus Sommer und Herbst. Wie der smog aus smoke und fog.

5. September 2012

Marginalie: Michelle Obamas fulminanter Auftritt; dazu zwei Links. Die Demokraten rücken von Israel ab. Umriß ihrer Strategie

In diesem Fall sollten Sie sich nicht mit dem Lesen des Redetexts begnügen, sondern sich das Video der Rede ansehen.

Ich hatte Michelle Obama noch nie bei einer längeren Rede erlebt. Sie ist fulminant.

Zitat des Tages: "Die europäischen Nationen kann man nicht verschmelzen". André Glucksmann zur Europapolitik

Die europäischen Nationen ähneln sich nicht, deshalb kann man sie nicht verschmelzen. Was sie verbindet, ist nicht eine Gemeinschaft, sondern ein Gesellschaftsentwurf. Es gibt eine europäische Zivilisation, ein westliches Denken. (...)

Europa stellte nie eine nationale Einheit dar, nicht einmal im christlichen Mittelalter. Die Christenheit blieb immer gespalten – römisch, griechisch, später protestantisch. Ein europäischer Föderalstaat, eine europäische Konföderation ist ein Fernziel, das in der Abstraktion des Begriffs verharrt. Sie anzustreben halte ich für eine falsch gestellte Aufgabe.
Der französische Philosoph André Glucksmann in einem "Spiegel"-Gespräch mit dem Titel "Kontinent des Kummers" (Heft 34/2012vom 20. 8. 2012, S. 124 - 127).

Kommentar: Im Internet ist das Gespräch in seiner Originalversion für Nichtabonnenten nicht verfügbar. Es gibt aber eine englische Übersetzung bei Spiegel-Online International.

Ist Glucksmann, wie es das Zitat vermuten läßt, ein Euroskeptiker?

4. September 2012

Die Achse des Bösen? Romney/Ryan im (Zerr)-Spiegel deutscher Berichterstattung. Ein Gastbeitrag von Juno

Loyalität zum "eigenen" Lokal- oder Nationalteam ist in der Sportberichterstattung selbstverständlich. "Wir" sollen natürlich gewinnen, und "wir" jubeln und leiden deshalb gemeinsam. Selbst im Sportjournalismus ist es allerdings heute üblich, die Qualitäten des Gegners halbwegs objektiv darzustellen und zu analysieren. Aus Gründen der Fairness, aber auch, weil "wir" uns ein realistisches Bild vom Stand der Dinge machen wollen. Es hilft ja nichts, über die Spanier nur zu lästern, wenn sie uns aufm Platz dann doch wieder vorführen.

In der Berichterstattung über den US-Wahlkampf ist das seltsamerweise anders. "Wir" - jedenfalls laut Umfragen 80 bis 90 Prozent der deutschen Bürger - sind loyale Obama-Fans (auch wenn er "uns" zuletzt doch ziemlich enttäuscht hat). Und die Medienberichterstattung über den Gegner vom Team Romney/Ryan besteht in wesentlichen Teilen nur aus Hohn und Karikatur.

Marginalie: Goebbels-Vergleich, betrunkene Delegierte. Patzer und Pannen im Vorfeld des Parteitags der Demokraten

Warum ich diese beiden Meldungen bringe, werde ich am Schluß sagen.

Noch bevor der Parteitag der Demokraten begonnen hat, gab es schon die ersten Patzer und Pannen.

Zitate des Tages: Ankauf von Daten-CDs. Leutheusser-Schnarrenberger hat in der Sache Recht. Aber politisch war ihr Alleingang denkbar unglücklich

Der Kauf von gestohlenen Daten durch die Obrigkeit verleiht dem Datendieb eine ungerechtfertigte Legitimation. Der Staat fährt taktisch wie moralisch auf der gleichen Schiene wie der Dieb.
Der Präsident des Deutschen Anwaltvereins, Wolfgang Ewer, zitiert in der gestrigen FAZ.
Bei uns können fiskalische Interessen nicht über rechts­staat­liche Prinzipien gestellt werden.
Erbprinz Alois von Liechtenstein am 19. Februar 2008, damals zitiert in ZR.
Der Staat setze sich mit dem Datendieb an einen Tisch. Er belohnt für das Delikt, erzeugt einen ganzen Markt krimineller Datensammler und macht sich nebenbei auch noch selbst zum Datenhehler. Kurz gesagt: Um eine mittelschwere Straftat (Steuerbetrug) zu verfolgen, begehen Organe des Rechtsstaats selbst Straftaten (Hehlerei, Begünstigung, Beihilfe zur strafbaren Verwertung von Geschäftsgeheimnissen, Hehlerei).
Aus einem Artikel in der F.A.S. vom 31. Januar 2010, damals zitiert in ZR.

Kommentar: Der Vergleich der Zitate zeigt, wie alt die Diskussion ist, die jetzt wieder um Steuerflucht und die Verfolgung von Steuerflüchtigen geführt wird.

3. September 2012

Marginalie: Morgen beginnt in den USA der Wahlparteitag der Demokraten. Eine Vorschau

Morgen beginnt in Charlotte im Staat North Carolina die National Convention der Demokraten, auf der am Donnerstag Präsident Obama zum Kandidaten für eine zweite Amtszeit gewählt werden wird. Alle Informationen dazu finden Sie, laufend aktualisiert, hier.

Die Ausgangslage hat Jim Rutenberg in der New York Times analysiert. Auf seinen Artikel stütze ich mich teilweise.

Zitat des Tages: "Golgatha ist keine Zahnpasta". Ein ausgezeichneter Artikel zu unserer christlichen Tradition

Golgatha ist keine Zahnpasta, und Sodom und Gomorrha sind kein Ehepaar. Noah ist nicht bloß der Vorname von Boris Beckers Sohn und Hiob nicht allein der Titel eines Romans von Joseph Roth. Ostern ist nicht das Fest von Jesu Hochzeit und Pfingsten nicht das seiner Auferstehung.

Viele Bewohner des sogenannten christlichen Abendlandes wären sich da allerdings nicht so sicher.
Beginn eines Artikels von Christine Brinck, der zunächst in der gedruckten "Zeit" erschien und seit gestern auch bei "Zeit-Online" zu lesen ist.

Kommentar: Ich möchte Ihnen sehr empfehlen, diesen Artikel zu lesen. Er ist ein glänzendes Plädoyer gegen das, was ich in einem anderen Zusammenhang Traditions­vergessen­heit genannt habe.

Dort ging es um die Vernachlässigung der geschichtlichen Tradition vor allem in Deutschland. Christine Brinck befaßt sich mit der Vernachlässigung der religiösen Tradition; insbesondere mit der wachsenden Unkenntnis der Bibel.

2. September 2012

Marginalie: Unter dem Präsidenten Hollande sind die Franzosen so pessimistisch wie selten zuvor

Kaum jemals hatte ein Präsidentschaftskandidat den Franzosen eine so schöne Zukunft versprochen wie François Hollande. In der Debatte mit Nicolas Sarkozy konnte er gar nicht aufhören, zu schildern, welche großartigen Dinge er tun werde ("Ich als Präsident ..."). Sie konnten seinen Wahlkampf in diesem Blog in der Serie "Frankreichs Wahljahr 2012" verfolgen.

Hollande hat vor gut einem Vierteljahr sein Amt angetreten, am 15. Mai. Jetzt besagt eine Umfrage, daß die Franzosen noch nie in der Zeit nach der Amtsübernahme eines Präsidenten so pessimistisch waren wie jetzt.

1. September 2012

Marginalie: Wie kam es zu Clint Eastwoods Rede?

Wenn Sie im Augenblick auf die Startseite der Washington Post gehen, dann finden Sie als die beiden meistgelesenen Artikel das Transkript der Rede von Clint Eastwood und einen Artikel über seinen Auftritt.

Diesen habe ich gestern kommentiert. Er war erbärmlich. Aber wie konnte so etwas passieren?

31. August 2012

Anmerkungen zur Sprache (14): Sprachschluderei

Lesen Sie einmal dies, das im Augenblick, verantwortet von einem anonymen Redakteur, bei "Zeit-Online" steht: "19 Jahre lang war Norbert Walter Chefökonom der Deutschen Bank, als einer der ersten sagte er die Wirtschafts­krise voraus. Er starb aus noch ungeklärten Umständen."

Er starb aus Umständen. Wie kann jemand, der des Deutschen mächtig ist, so etwas zu Papier bringen, es in seinen Rechner eintippen?

Marginalie: Romneys Rede. Clint Eastwoods peinlicher Auftritt. Mit einem Link zu Video und Transkript

Der Parteitag war perfekt gewesen. Dann, am letzten Abend, leistete sich die Regie gleich zwei unverständliche Fehler.

Es hatte gut begonnen mit Berichten von Menschen, die Romney kennen; denen er ohne Aufsehen geholfen hat

30. August 2012

Marginalie: Susana Martinez. "Das Überraschendste in dieser Nacht"


Die Washington Post nennt als die erfolgreichsten Redner des gestrigen Abends auf der National Convention der Republikaner Condoleezza Rice, Paul Ryan und - Susana Martinez.

Marginalie: Die USA haben einen neuen Politstar. Ein Link zur Rede von Paul Ryan. Es lohnt sich, sie zu lesen

Fast alle Reden des gestrigen Abends auf der National Convention der Republikaner in Tampa, Florida waren sehr gut.

Rand Paul von der Tea Party ist ein besserer Redner als sein Vater Ron Paul und steht vielleicht am Beginn einer großen politischen Karriere. Die Intelligenz seiner Rede hat wieder einmal gezeigt, wie dumpf und krude die in Deutschland verbreiteten Vorurteile über die Tea Party sind, die zu mehr als einem Drittel aus Akademikern besteht

29. August 2012

Marginalie: Condoleezza Rice heute Abend

Die Tagesordnung des Parteitags der US-Republikaner finden Sie hier.

Die interessanten Sprecher heute:

Zitat des Tages: Alltäglicher Rassismus

Condoleezza Rices rotes Petticoat-Kleid, ihr künstlich glatt gesträhntes tiefschwarzes Haar, der dicke Lippenstift, das erinnerte doch sehr an die sechziger Jahre und die US-Fernsehserie Mad Men.
Martin Klingst (fast) in "Zeit-Online"

Kommentar: Ich habe den Text ein wenig verändert. Im Original lautet er:

Der Josephsweg

. Spiegel online textet:
Der wachsenden europakritischen Stimmung im Volk will ein Bündnis von zehn großen deutschen Stiftungen (siehe Kasten links) nun mit einer breit angelegten Kampagne entgegentreten, wie sie das Land noch nicht gesehen hat.
Auch wenn ich geneigt bin, bei SpOn nicht alles für bare Münze nehmen, diesmal hat Christoph Sydow ins Schwarze getroffen oder besser noch ins Braune. Deutschland hat glücklicherweise bisher noch nicht gesehen, dass zehn große deutsche Stiftungen für ihre Kampagneseite Joseph Goebbels gewonnen haben, der das deutsche Volk auf das letzte Gefecht für Europa einstimmt.

27. August 2012

Mal wieder ein kleines Quiz: Was sagte der französische Minister?

Ein Minister der linken französischen Regierung Hollande / Ayrault hat gestern etwas gesagt, das heute in den Medien Frankreichs debattiert wird. Was hat er gesagt?

26. August 2012

Kampagnenkritik

Am Freitag hat R. A. hier einen Beitrag zur aktuellen Europa-Kampagne geschrieben. Ich habe in meinem Blog spontan geantwortet und Zettel hat mich gebeten, den Beitrag für ZR zu überarbeiten.

Ich habe mir die bisher vorgestellten Motive der Europa-Kampagne angesehen. Auch wenn darunter einige vernünftige Aussagen zu finden sind, bleibt ein schaler Beigeschmack. Insgesamt erinnert mich diese Kampagne sehr an die Zeit in der DDR: Das einfache Volk soll möglichst wenig wissen, sondern nur in die richtige Richtung marschieren. Dazu später mehr.

25. August 2012

Demonstrationskultur

Die Praxis des "Herankarrens" - so lautet der Fachausdruck - von Demonstranten ist ein alter Hut und hat ebensolange einen schlechten Ruf, so einen Beigeschmack von Populismus und autoritärem Regime.

Ein deutlich modernerer Ansatz ist die Vermittlung von Miet-Demonstranten, wie sie seit April die Seite www.demonstrantenmieten.de anbietet. Der "Welt" zufolge, die diesen neuen Dienst jetzt dankenswerterweise bekanntgemacht hat, handelt es sich dabei zugleich um Satire und um ein reales, buchbares Angebot. (Bezahlte Demonstranten – Miete Deinen Wutbürger)

23. August 2012

Nichts kapiert

Im Raumschiff Regierungsviertel macht man sich offenbar zunehmend Sorgen über die Stimmung unten auf der Erde. Die Basis verschiedener Parteien fängt ebenso an zu murren wie die Wählerschaft insgesamt. Über zwei Jahre dauern nun die als "Eurokrise" betitelten Versuche, mit den überbordenden Staatsschulden fertig zu werden. Und die Vorträge der Politiker und Journalisten überzeugen immer weniger.

Also soll eine Image-Kampagne her. Mit mehr oder weniger gelungenen Sprüchen werben Promis von Altkanzler Schmidt und Altpräsident Herzog bis hin zu merkwürdigen Stars der Unterhaltungs-Industrie für - ja für was eigentlich?

20. August 2012

Prioritäten

Muß sich wirklich die oberste EU-Ebene um Details des täglichen Lebens kümmern? Muß wirklich ein EU-Kommissar für Energie darüber befinden, in welchen Regalen Glühbirnen verkauft werden?
Da kann man schon zweifeln.

Aber wo man nicht mehr zweifeln muß: "Das in Berlin zuständige Landesamt kündigte an, sieben neue Stellen für Mitarbeiter der Marktüberwachung zu schaffen."

Das muß man sich mal vorstellen!
Berlin ist pleite, lebt von den Hilfszahlungen anderer Bundesländer. Die Infrastruktur verfällt, Projekte scheitern mit Millionenschaden.
Aber Geld für sieben zusätzliche, völlig überflüssige Kontrollbürokraten, das ist da.
R.A.

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