9. Juli 2010

Marginalie: Gabriel versucht eine Koalitionsstrategie à la Merkel

Als bei den Bundestagswahlen 2005 der erwartete Wahlsieg von Schwarzgelb ausbliebt, zog Angela Merkel aus dieser Niederlage eine strategische Konsequenz:

Wenn die CDU sich - wie sie das in Leipzig Ende 2003 programmatisch festgelegt hatte - als eine vorrangig liberale Partei versteht, dann konkurriert sie mit der FDP um dieselben Wählerschichten, verliert zugleich Wähler aus der Arbeitnehmerschaft und hat dann zusammen mit der FDP keine Regierungsmehrheit. Also muß die CDU sich zur Mitte, auch einmal zur linken Mitte hin orientieren und das liberale Feld bewußt der FDP überlassen. Gemeinsam kann man dann eine Mehrheit erreichen.

Das war stringent gedacht und führte zum Wahlsieg vom 27. September 2009. Es trug freilich auch dazu bei, daß in dieser siegreichen Koalition bisher nur wenig rund gelaufen ist. Mit der CDU von 2003 hätte die FDP eine größere gemeinsame programmatische Basis gehabt als mit der von 2009.

Es wird immer deutlicher, daß Sigmar Gabriel im Begriff ist, diese Strategie zu kopieren.

So, wie die Union nicht ohne die FDP regieren kann, hat Rotgrün nur in einer Koalition mit den Kommunisten die Aussicht auf eine Rückkehr an die Macht.

Rückt die SPD weiter nach links, wie das Andrea Nahles will, dann wäre das zwar gut für das Klima in einer solchen Volksfront-Koalition.

Nur käme sie gar nicht erst zustande, diese Koalition. Und zwar aus - spiegelbildlich - genau dem Grund, aus dem eine liberale CDU zusammen mit einem liberalen Koalitionspartner 2005 keine Mehrheit schaffte. Eine schwarzgelbe Koalition ist nur mehrheitsfähig, wenn die CDU nicht zu liberal ist. Ebenso kann eine Volksfront-Koalition nur eine Mehrheit erreichen, wenn SPD und Grüne nicht zu weit links sind.

Gegeben diese Strategie von Gabriel, hat er ein schwieriges taktisches Problem zu lösen: Er muß die SPD einerseits, indem er sie zur Mitte hin bewegt, deutlich von den Kommunisten absetzen, andererseits aber diese salonfähig für eine Koalition machen.

Dazu hat er sich die Einteilung in zwei Arten von Kommunisten ausgedacht, die "Chaoten" auf der einen und die "Pragmatiker" auf der anderen Seite; siehe Sigmar Gabriel und die kommunistischen "Demokraten, Pragmatiker, Realisten"; ZR vom 4. 7. 2010. Mit den "Pragmatikern" will er koalieren; aber nur, wenn diese die "Chaoten" und diejenigen ruhigstellen, die allzu laut sagen, daß sie die DDR noch immer für das bessere Deutschland halten.

Die Wahl des Bundespräsidenten war ein wichtiger Schritt auf diesem taktischen Weg Gabriels; denn erstmals haben SPD und Grüne auf Bundesebene mit den Kommunisten über ein Zusammengehen verhandelt.

Da wurde eine Tür geöffnet; oder, in einer vielleicht richtigeren Metapher, ein Bollwerk gegen den Extremismus geschleift, das seit 1949 gestanden hatte; siehe Wahl des Bundespräsidenten: Die Partei "Die Linke" ist gestern salonfähig geworden; ZR vom 1. 7. 2010. Das Tabu, daß sich keine demokratische Partei mit einer extremistischen Partei verbündet, ist gebrochen. Der Weg in die Volksfront ist jetzt frei.



Seit heute Mittag ist in "Welt-Online" ein Artikel zu lesen, in dem sich Günther Lachmann mit diesem Thema befaßt.

Auch er geht davon aus, daß Rotgrün nur zusammen mit den Kommunisten regieren kann ("Ohne die Linke sind SPD und Grüne machtlos" überschreibt er den Artikel). Aber die Wahl des Bundespräsidenten sieht er ganz anders als oben skizziert:
... für Gabriel, Steinmeier, Roth und Künast gibt es keine rot-grüne Machtoption, die von der Linken getragen würde.

Schuld daran ist das taktische Spiel von SPD und Grünen im Zuge der Neuwahl des Bundespräsidenten. (...)

Welche Wirkung dieses taktische Spielchen auf das Verhältnis von SPD und Grünen noch am Tag der Bundespräsidentenwahl zeitigte, das spürten Steinmeier und Gabriel bereits vor dem dritten Wahlgang. Da klopfte die Spitze der Linken bei der SPD an. Es war der letzte Gesprächsversuch mit dem Ziel, an diesem Tag doch noch irgendwie das Gesicht wahren zu können. (...)

Lafontaine und Gysi versuchten eindringlich, ihre schwierige Lage zu erklären. Selbst wenn sie die Fraktion auf Knien bäten, bekämen sie nicht einmal die Hälfte der Stimmen für Gauck, sagte Lafontaine. Doch SPD und Grüne blieben hart. Es sei die Linke, die sich bewegen müsse, entgegnete Gabriel.
Gysi habe darauf mit der Bemerkung reagiert "Wenn ich kann, werde ich mich dafür rächen", schreibt Lachmann.

Gysi hat keinen Grund zur Rache. Natürlich hat seine Partei im dritten Wahlgang nicht besonders gut ausgesehen, als sie ihre Kandidatin zurückzog, aber keinen der beiden verbliebenen Kandidaten wählte. Gysi mag wütend gewesen sein. Langfristig muß und wird er Gabriel dankbar sein. Lachmann:
"Mir geht es um die alte Mitte: bildungsinteressiert, am sozialen Ausgleich orientiert, auch leistungsorientiert", sagt Gabriel. Von diesen Menschen seien Willy Brandt und Helmut Schmidt gewählt worden. Künftig sollen sie Gabriel und Steinmeier wählen.
Dafür nimmt Gabriel in Kauf, daß die einstigen WASG-Wähler nicht zur SPD zurückkehren und daß vielleicht noch weitere Wähler von der linken Seite des SPD-Spektrums zu den Kommunisten abwandern werden. So, wie die CDU mit ihrem Linksschwenk nach der Niederlage von 2005 der FDP die 14,6 Prozent vom 27. September 2009 ermöglicht hat.

Aber so etwas ist zu verschmerzen. Es ist nun einmal der Preis für die Macht; auf der einen wie auf der anderen Seite. Lachmann schließt seinen Artikel so:
Am Tag der Wahl des Bundespräsidenten hatte Gabriel den Linken vorgehalten, sie seien es, die sich bewegen müssten. Unter dem Druck der Grünen und der Notwendigkeit, auch dem Wähler 2013 eine Machtoption der SPD aufzeigen zu müssen, könnte er selbst nun bald in die Verlegenheit geraten, auf die Linke zugehen zu müssen. Spätestens dann dürfte er sich an die Drohungen Gysis erinnern.
Aber er geht ja längst auf die Kommunisten zu, der Sigmar Gabriel. Mit seinem Schwenk zur Mitte macht er links für sie Platz. Mehr "sich bewegen" muß die SPD nicht, um 2013 gute Chancen auf eine Regierung der Volksfront zu haben. Zum Wohl nicht nur Sigmar Gabriels, sondern ebenso Gregor Gysis und seiner Partei.

Und die "Drohungen Gysis"? Lachmann schreibt selbst, daß Gysi die Rache "halb im Scherz" angedroht hatte. Er ist intelligent genug, um die Logik von Gabriels Strategie und seiner Taktik zu erfassen und damit den Vorteil, den sie auch den Kommunisten bieten.

Gysi wird alles tun, um "Die Linke" als eine Partei von "Pragmatikern" und "Realisten" erscheinen zu lassen; koalitionsfähig auch im Bund.

Pragmatisch handeln - das bedeutet ja nicht, daß man zu einer demokratischen Partei geworden ist. In der Partei "Die Linke" ein Pragmatiker zu sein bedeutet, daß man die Beteiligung an einer Volkfront-Regierung im Bund anstrebt.

Daß man sie freilich nicht um ihrer selbst willen anstrebt, sondern als einen weiteren Schritt auf dem Weg zu jenem Ziel, das die Ko-Vorsitzende der Partei Gysis, Gesine Lötzsch, kürzlich so beschrieben hat: Man wolle nach dem "ersten Sozialismusversuch" in der DDR einen "zweiten Sozialismusversuch wagen".



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8. Juli 2010

Multikulti jetzt doch gescheitert? Noch nicht ganz.

Vier lange Jahre lag der Fahnenkult der Sommermärchen-WM den Denkern und Deutern im Magen. Gefährlicher Nationalismus? Ideologiefrei feiernde Jugendliche? Beides unerfreulich; aber was genau hätte man dagegen sagen sollen?

Wenn man nicht weiß, wie man gegen etwas sein soll, kann man sich Gründe überlegen, weshalb man dafür ist. Dies hat gestern, vor dem Spiel, Stefan Kaiser für die FTD auf mustergültige Weise getan.
Die aktuelle Deutschlandbegeisterung hat fast nichts mehr vom damaligen Chauvinismus [den es 1990 noch gegeben habe; K.]. Das macht es leichter, sich mit ihr zu identifizieren. Schon das Sommermärchen 2006 hat den deutschen Nationalkomplex erheblich gelindert. Plötzlich war es selbst in linksliberalen Kreisen nicht mehr verpönt, ein bisschen Patriotismus zu zeigen. Doch das neue deutsche Selbstverständnis ist damals bei Autofähnchen und "Schland"-Rufen stehen geblieben. So richtig wusste niemand, worauf genau er denn jetzt stolz sein soll.
Aber inzwischen weiß man es!
Die WM 2010 bietet nun die Chance, ein damals noch diffus gebliebenes Gefühl mit Inhalt zu füllen. Deutschland hat eine Mannschaft nach Südafrika geschickt, die nicht nur begeisternden Fußball spielt, sondern die in ihrer Zusammensetzung die Wirklichkeit des Landes viel besser spiegelt, als es je eine deutsche Nationalmannschaft vor ihr getan hat.
(...)
Neben Bastian Schweinsteiger aus Kolbermoor oder Thomas Müller aus Weilheim in Oberbayern besetzen mit Mesut Özil oder Sami Khedira die Söhne türkischer und tunesischer Einwanderer tragende Rollen im Team.
(...)
In den Migrantenstadtteilen Berlins - in Kreuzberg, Neukölln oder Wedding - schwenken Türken und Araber deutsche Fahnen.
(...)
Der Stolz auf die deutsche Mannschaft lässt sich nicht loslösen von ihrer multiethnischen Zusammensetzung und der damit verbundenen spielerischen Leichtigkeit.
Patriotismus und Multikulti finden zusammen - wie viele Beobachter und Analytiker haben diese neue deutsche Einheit nicht in den letzten Tagen und Wochen besungen!



Und jetzt?

0:1

Gegen eine monoethnische Mannschaft.

Und das wenige Tage, nachdem die Mustertruppe der Integration, Frankreichs Black-blanc-beur, unter skandalösen Begleitumständen gescheitert ist.

Hat hier die Wahrheit auf dem Platz die wunderbare neue deutsche Fußballtheorie schon wieder sterben lassen? Müssen wir uns von der Erkenntnis, daß sich Fußballspiele mittels diversity management gewinnen lassen, ebenso verabschieden wie wir das von der These des dominanten lateinamerikanischen Fußballs getan haben, die zwischen dem Achtel- und dem Viertelfinale recht beliebt gewesen ist?



Gehen wir kurz die theoretisch möglichen Rettungsversuche durch.

1. könnte man sich Spanien vorknöpfen, und darauf verweisen, daß dessen Multiethnizität so alt ist, daß sie sozusagen autochthon geworden ist. Ein provinzialrömisches Bevölkerungsgemisch, angereichert durch eine gotische und eine arabisch-berberische Erobererkaste; das jahrundertelange Neben- und Miteinander von muslimischer, christlicher und jüdischer Kultur: das sollte eigentlich reichen, um Spanien vor dem Vorwurf der Homogenität in Schutz zu nehmen und zugleich den Erfolg der Mannschaft in seiner historischen Dimension zu würdigen.

2. Alternativ dazu könnte man Spanien beschimpfen, dieses postfaschistische Land, in dem Straßen immer noch nach dem Generalissimus Franco benannt werden, und das sich mit Sperranlagen, wie sie die Wehrmacht an den normannischen Stränden hatte, sowie Todeszäunen in Ceuta und Melilla vor dem talentierten Fußballernachwuchs aus Afrika rassistisch abschottet. "Ja gut," könnte man auf gut fußbabblerisch sagen, "sie haben ein Spiel gegen uns gewonnen, aber wollen wir uns solche Leute wirklich zum Vorbild nehmen? Müssen wir denn wirklich jedes Spiel gewinnen, oder ist es nicht letztlich viel wichtiger, den Migranten zu zeigen, wie sie mit Deutschland gemeinsam verlieren können?"

3. Daran anschließend wäre das Vorurteil in Frage zu stellen, daß Siege in jedem Fall den Niederlagen vorzuziehen sind. Hätte ein Erfolg bei dieser Weltmeisterschaft nicht die größte Errungenschaft der Nachkriegszeit, das unprätentiöse Auftreten des Landes, wieder in Frage gestellt? Hätte nicht der Triumph des Multikulturalismus zu einer neuen Großmannssucht pervertieren können? Wie gut, daß es nicht so weit gekommen ist. Wir haben großartig gespielt und mit Haltung verloren: besser kann es doch nicht gehen.

4. könnte man - aber das wäre schon eine Verzweiflungstat in letzter Minute - vorläufig immer noch darauf verweisen, daß entgegen dem Anschein die WM noch nicht zu Ende ist und die multiethnischen Holländer ja noch gewinnen könnten.



So sehr diese Ansätze an bewährtes bundesrepublikanisches Gedankengut anschließen, so wenig überzeugungsfähig dürften sie sich angesichts des folgenden schlichten Gedankens erweisen.

Es ist doch einfach so: wenn das 4:0 gegen Argentinien ein Beweis für die Überlegenheit der multiethnisch bedingten spielerischen Leichtigkeit gewesen ist, dann ist das 0:1 gegen Spanien die Widerlegung davon. Dagegen kommt keine noch so reflektierte Deutung an.



Nein, hier ist Politik gefordert. Wenn sich so etwas wie gestern nicht wiederholen soll, müssen die Regeln geändert werden.

Die nächstliegende Idee wäre es, eine Migrantenquote einzuführen. Damit wären alle Mannschaften multikulturell und es darf wieder jeder gewinnen oder verlieren, wie ihm gerade ist.

Quotenregeln sind an sich eine ausgezeichnete Methode, haben jedoch in diesem Fall einige Nachteile.

Zunächst einmal leidet der Plan, die Spanier zu zwingen, einige Araber oder Afrikaner einzubürgern, damit wir sie endlich schlagen können, um so den Wert multikultureller Mannschaften wieder herauszustellen, an einer gewissen Widersinnigkeit - ganz abgesehen von der Frage, ob er auch funktionieren würde.

Ferner ist das Verhältnis von Migration und minoritärer Multikultur durchaus fragil. Die Südamerikaner zum Beispiel würden breit grinsen: Wir sind fast allesamt Einwanderer! Quote erfüllt! Das geht natürlich nicht; in Südamerika wäre ja im multikulturellen Sinn keine Einwanderer-, sondern eine Indio-Quote zu verlangen. Doch dann ließe sich Multikultur nicht mehr an dem einfachen Kriterium der Einwanderung festmachen, sondern würde heikle Betrachtungen über Kultur erfordern: was tunlich zu vermeiden ist. Man denke nur, die Bayern würden sich beispielsweise als eigenes Kulturvolk definieren - Deutschland könnte dann die Multikulti-Quote erfüllen, ohne Mitbürger mit türkischem oder afrikanischem Hintergrund zu nominieren. Noch schlimmer sieht es hinsichtlich der Multiethnizität aus. Andere Kriterien dafür als die faktische Migration namhaft zu machen, grenzt ja schon an Rassismus.

Nein, mit einer Quotenregelung geht es hier einmal nicht.



Doch gibt es eine einfache Möglichkeit, wie durch eine Regeländerung der Multikulturalismus vor erneuten Niederlagen geschützt werden, das Fußballspiel sogar noch spannender gestaltet und zugleich die Freude an den Erfolgen des eigenen Landes bewahrt werden kann.

Wer als Kind Fußball gespielt hat, erinnert sich bestimmt an die Methode, einen Haufen Kinder in zwei Mannschaften aufzuteilen: die beiden besten Fußballer werden Mannschaftskapitäne und wählen abwechselnd je einen Spieler für ihre Mannschaft aus. Der Charme der Methode besteht darin, daß die Mannschaften, die so gebildet werden, meistens etwa gleichstark sind und man auch immer wieder mit anderen zusammen spielt.

Und ebenso sollten in Zukunft Länderspiele ablaufen: die beiden Trainer wählen aus den 46 Spielern der vereinigten Aufgebote die Mannschaften für das kommende Spiel nach dieser Kindermethode aus, wie bisher auch unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Die Nationalität der Trainer entscheidet, unter welcher Fahne die Mannschaften jeweils spielen, so daß die Fans wissen, für wen sie jubeln sollen; da die Mannschaften gleich stark sind, ergeben sich stets unglaublich spannende Spiele; und völlig gleichgültig, wie hoch der Migranten- oder Minderheitenanteil der beiden Ausgangskader ist, werden aufgrund dieser Auswahlregel auf beiden Seiten immer gleich viele davon auflaufen. Und das unabhängig davon, an welchen Kriterien man ethnische oder kulturelle Minorität festmachen oder vielmehr lieber nicht festmachen möchte, oder überhaupt welche Art von Minorität man relevant finden will. Ganz ohne komplizierte Definitionen hätte jeglicher Monokulturalismus ausgespielt.

Fahne schwenken, glücklich sein, den Segen der Bedenkenträger haben.

So schön könnte Fußball werden. Und man sage nicht, die Fans wären damit überfordert. Niemand hat heute noch ein Problem damit, wenn in den Ligavereinen keine Söhne der Stadt mehr spielen, oder wenn ein Spieler, dem man heute noch zugejubelt hat, nächste Woche beim Gegner kickt.

Das wär's.

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Marginalie: Ressortleiterin von CNN gefeuert, nachdem sie Sympathie für einen verstorbenen Hisbollah-Führer geäußert hatte. Und was sagt Erdoğan?

Die Meldung steht heute in dem Nachrichtenaggregat The Slatest, und dort bezieht man sich auf das, was das Magazin New York schrieb: Am gestrigen Mittwoch hat CNN die fristlose Kündigung seiner Ressortleiterin für den Nahen Osten, Octavia Nasr, mitgeteilt.

Sie hatte einen Tweet gepostet, in dem sie ihre Wertschätzung für den verstorbenen Hisbollah-Führer Großayatollah Sayyed Mohammed Hussein Fadlallah zum Ausdruck brachte ("Sad to hear of the passing of Sayyed Mohammed Hussein Fadlallah. One of Hezbollah’s giants I respect a lot" - ich habe mit Trauer vom Verscheiden von Sayyed Mohammed Hussein Fadlallah erfahren, eines der Giganten der Hisbollah, dem ich eine Menge Achtung entgegenbringe).

Als das publik wurde, hat Frau Nasr ihren Twitter-Eintrag gelöscht und sich zugleich in ihrem Blog zu erklären versucht. Darüber berichtet The Slatest:
Nasr apologized for the tweet and even wrote a blog post on Tuesday night about the issue. In it, she wrote that when she tweeted about respecting the cleric, she was referring to his attitude toward women's rights: Fadlallah gave women the right to hit their husbands if they were attacked first. "Not the kind of life to be commenting about in a brief tweet," Nasr wrote on her blog. "It's something I deeply regret."

Nasr entschuldigte sich für den Tweet und schrieb Dienstag Nacht sogar einen Blogeintrag zu dem Fall. Dort schrieb sie, daß sie sich bei ihrem Tweet über den Geistlichen auf seine Haltung gegenüber den Rechten von Frauen bezogen habe: Fadlallah billigte Frauen das Recht zu, ihre Männer zu schlagen, wenn sie als erste angegriffen worden waren. "Das [Leben von Fadlallah] ist kein Leben, über das man sich in einem kurzen Tweet äußern sollte" schrieb Nasr in ihrem Blog. "Das bedauere ich zutiefst".
Wenn man sich diesen Blogeintrag ansieht, so wie er heute im Netz steht, dann fehlt allerdings eine Passage über Frauen, die zurückschlagen dürfen. Der betreffende Absatz lautet dort:
I used the words "respect" and "sad" because to me as a Middle Eastern woman, Fadlallah took a contrarian and pioneering stand among Shia clerics on woman's rights. He called for the abolition of the tribal system of "honor killing." He called the practice primitive and non-productive. He warned Muslim men that abuse of women was against Islam.

Ich habe die Wörter "Achtung" und "traurig" verwendet, weil für mich als Frau aus dem Nahen Osten Fadlallah in Bezug auf die Rechte von Frauen unter den schiitischen Geistlichen eine abweichende Position, eine Pionierposition hatte. Er trat für die Abschaffung des tribalistischen Systems der "Ehrenmorde" ein. Er nannte diese Praxis primitiv und unproduktiv. Er mahnte die Moslems, daß Gewalt gegen Frauen unislamisch sei.
Nichts von Zurückschlagen. Vielleicht hat das aber auch der Verfasser der Kurzmeldung in The Slatest eingefügt.



Ob die (vergleichsweise) liberale Haltung des Geistlichen Fadlallah, was die Rechte von Frauen angeht, es rechtfertigt, diesen als einen der "Giganten der Hisbollah" zu achten, sei dahingestellt. Vielleicht hätte es ja auch genügt, ihn in diesem Punkt als einen Islam-Gelehrten zu achten.

Was Fadlallah als "Gigant der Hisbollah" vertreten hat, gibt jedenfalls wenig Grund, ihn zu achten.

Auf seiner WebSite hat er beispielsweise diese Fatwa verkündet:
All American and Israeli goods and products should be boycotted in a way that undermines American and Israeli interests so as to act as deterrence to their war against Muslims and Islam that is being waged under the pretense of fighting terrorism.

This boycott should become an overwhelming trend that makes these two states feel that their economies are in a real and actual danger.

Alle amerikanischen und israelischen Waren und Produkte sind zu boykottieren. Dadurch sollen die amerikanischen und israelischen Interessen unterminiert werden, und dies soll als Abschreckung bei dem Krieg dienen, den sie gegen die Moslems und den Islam führen und der unter dem Vorwand geführt wird, den Terrorismus zu bekämpfen.

Dieser Boykott sollte eine überwältigende Bewegung werden, so daß diese beiden Staaten merken, daß ihre Wirtschaft in einer realen und unmittelbaren Gefahr ist
Und zum Holocaust erklärte Fadlallah laut Wikipedia, Israel plündere Deutschland aus und erpresse es unter dem Vorwand der Nazi-Vergangenheit, wobei der Zionismus die Zahl der Opfer über jede Vorstellungskraft hinaus aufblähe ("Zionism has inflated the number of victims in this holocaust beyond imagination").

Das also ist der Mann, über dessen Tod die Ressortleiterin Nasr trauert und den sie als einen Giganten sieht, für den sie eine Menge Respekt hat.

Daß CNN sie gefeuert hat, war konsequent. Aber interessanter als diese Entscheidung ist die Frage, wie denn die Berichterstattung von CNN über den Nahen Osten ausgesehen hat, solange diese offenkundige Sympathisantin des Islamismus für sie als Ressortleiterin federführend war.



Und interessanter als die Ressortleiterin Nasr ist der Ministerpräsident eines Landes, mit dem die EU Beitrittsverhandlungen führt. Gestern in der Jerusalem Post zu lesen:
Turkish Prime Minister Recept Tayyip Erdogan called Hizbullah chief Hassan Nasrallah to give his condolences over the death of Hizbullah spiritual leader Muhammad Hussein Fadlallah, Al-Manar reported on Wednesday.

"Erdogan gave his condolences and asked to relay them to Fadlallah's family and the Lebanese people," the Lebanese television station reported. Al-Manar added that "Nasrallah responded by expressing appreciation for the telephone call, and for Erdogan's stance on the Palestinian issue."

Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdoğan rief den Führer der Hisbollah Hassan Nasrallah an, um sein Beileid zum Tod des geistlichen Führers der Hisbollah, Muhammad Hussein Fadlallah, zum Ausdruck zu bringen. Dies berichtete Al-Manar [der Sender der Hisbollah; Zettel] am Mittwoch.

"Erdoğan sprach sein Beileid aus und bat darum, dieses der Familie von Fadlallah und dem libanesischen Volk zu übermitteln", berichtete der libanesische TV-Sender. Al-Manar fügte hinzu, daß "Nasrallah in seiner Antwort seinen Dank für den Anruf und für Erdoğans Haltung zur Palästina-Frage zum Ausdruck brachte".


Wann endlich beginnt in Europa eine öffentliche Debatte über die Türkei, die sich mit großen Schritten Syrien, dem Iran und der Hisbollah annähert (siehe Über die neue Außenpolitik des Tayyep Recip Erdoğan; ZR vom 14. 1. 2010)?

Wann endlich sehen die Verantwortlichen in Europa ein, daß nur ein sofortiger und bedingungsloser Abbruch der Beitrittsverhandlungen die angemessene Antwort auf die unverhüllte Parteinahme der Türkei für den Terrorismus ist?



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Zitat des Tages: Spaniens Sieg über die vorgeblich "furchteinflößenden, brillanten" Deutschen. Warum war unsere Elf genau das gestern nicht?

Si el fútbol es un depósito de sentimientos, España es una gozada. Si el fútbol es arte y épica, España es el equipo a seguir. En su partido frente a la temible y deslumbrante Alemania lo tuvo todo, fue sublime en el juego y también supo remangarse cuando fue preciso.

(Wenn Fußball ein Hort von Emotionen ist, dann bieten die Spanier ein sinnliches Vergnügen. Wenn Fußball Kunst und Epik ist, dann ist dies die Mannschaft, auf die man sein Augenmerk richten sollte. In dem Spiel gegen die furchteinflößenden, brillanten Deutschen besaß Spanien das alles; die Mannschaft bot ein ausgefeiltes Spiel und konnte sich auch einen Ruck geben, wenn das nötig war).

José Samana in der spanischen Tageszeitung El País über das gestrige Spiel in Durban, Südafrika.


Kommentar: Furchteinflößend und brillant erschien sie gestern nicht unbedingt, unsere Mannschaft. Aber nach den Siegen über England und Argentinien konnte man sie schon so erwarten.

Warum präsentierte sie sich gestern so ganz anders? Mir kam das Spiel vor wie die Geschichte vom Hasen und dem Igel: "Ick bün all dor". Die Spanier machten genau das, was die Deutschen sich vorgenommen hatten: Schnelles, präzises Kurzpaßspiel, das perfekte Spiel ohne Ball.

Von Australien bis Argentinien hatte Deutschland während des Turniers mit diesem Spiel den Gegner verblüfft. Wer so ausgespielt wird wie diese Mannschaften von Deutschland, der hat ausgespielt. Der hat das psychologische Duell verloren.

Diese Überlegenheit gab der deutschen Mannschaft Selbstvertrauen und verstärkte damit ihre Überlegenheit. Was aber macht man, wenn der Gegner die eigenen Tricks beherrscht, und das sogar noch besser als man selbst?

Das muß deprimierend und irritierend sein. Es hat unserer Mannschaft gestern gegen Spanien das Selbstvertrauen genommen. Nach der ersten Viertelstunde hatte sie das psychologische Duell verloren. Sie war nun nicht furchteinflößend und brillant, sondern eher ein bißchen ängstlich und unsicher.

Mich hat das an die berühmte Szene aus dem Film "Duck Soup" der Marx Brothers erinnert, wo Harpo Marx dem Groucho Marx als sein eigenes Spiegelbild entgegentritt. Das irritiert schon sehr. Sie können die Szene hier sehen.



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7. Juli 2010

Marginalie: Deutschland nimmt aus Guantánamo entlassene Häftlinge auf

"Spiegel-Online" war es vor einer Stunde eine Eilmeldung wert: Deutschland wird zwei Häftlinge aufnehmen, die aus Guantánamo entlassen wurden.

Mag sein, daß man der Obama-Regierung ein wenig Zucker geben wollte, ohne daß das viel kostet. Mag auch sein - ich kann das beim momentanen Informationsstand nicht beurteilen -, daß die beiden, die demnächst in Deutschland leben dürfen, sich wirklich vom Terrorismus abgewandt haben.

Soeben gibt Innenminister de Maizière dazu eine Pressekonferenz, in der er darlegt, daß die beiden Betreffenden wohl nicht rückfällig werden dürften. Einen Dritten aufzunehmen hat man abgelehnt, weil nicht die Gewähr bestand, daß er nicht wieder seine terroristischen Aktivitäten aufnehmen würde.

De Maizière verlangt auch das Naheliegende, nämlich daß die USA ja auch selbst solche Häftlinge aufnehmen sollten. Er schließt auch aus, daß Deutschland noch weitere Häftlinge aus Guantánamo aufnehmen wird.

Also kommen zwei Unschuldslämmer nach Deutschland? Vielleicht. Sicher ist das keineswegs. Denn viele der "Unschuldigen", die aus Guantánamo entlassen werden, kehren alsbald in den Terrorismus zurück.

Lesern von ZR ist das nicht neu; siehe zum Beispiel "Wie gefährlich sind eigentlich die Häftlinge, die aus Guantánamo entlassen werden?"; ZR vom 16. 1. 2009. Aber vielleicht haben Sie ja mehr Vertrauen in das, was der "Spiegel" meldet. Dort war am 23. März dieses Jahres zu lesen:
Laut einer Pentagon-Studie kehrt jeder siebte entlassene Guantanamo-Häftling in den Kampf zurück und ist dann noch radikaler als zuvor. So wurden die pakistanischen Taliban von dem ehemaligen Guantanamo-Häftling Abdullah Masoud aus Süd-Waziristan mitbegründet. Der zweite Mann von al-Qaida im Jemen, der Saudi-Araber Said Ali Schahri, war Ende 2007 nach sechs Jahren Guantanamo-Aufenthalt in seine Heimat verlegt worden. Er habe gute Chancen zur Rehabilitierung, hieß es in Riad. Kurz darauf setzte sich Schahri ins Nachbarland ab.
Natürlich waren das alles "Unschuldige", die freigelassen wurden. Denn die vermutlich Schuldigen werden ja weiterhin festgehalten; ihnen soll auch unter Obama der Prozeß gemacht werden (siehe Ist Umar Farouk Abdul Mutallab ein Krimineller?; ZR vom 7. 1. 2010).

Vielleicht hat Deutschland mit den beiden, die jetzt zu uns kommen dürfen (de Maizière hat gesagt, daß ihre Namen geheim bleiben sollen) ja wirklich Glück. Vielleicht auch nicht. Positiv ist jedenfalls, daß mit dieser einmaligen Aktion sich die Bundesregierung offenbar gegenüber Obama freigekauft hat. Weitere Terroristen werden wir nicht aufnehmen.



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Marginalie: Wenn es heute Abend zum Elfmeterschießen kommt - in welcher Reihenfolge sollten dann die Schützen antreten? Die Mathematik sagt es uns

Die optimale Reihenfolge der Elfmeterschützen läßt sich ausrechnen. Das zeigt der Dortmunder Physikprofessor Metin Tolan in seinem sehr schönen Buch "So werden wir Weltmeister: Die Physik des Fußballspiels". Eine kurze Besprechung des Buchs finden Sie zum Beispiel hier.

In diesem Fall geht es allerdings nicht um Physik, sondern um Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Beim Elfmeterschießen hat eine Mannschaft dann gewonnen, wenn sie bei den ersten fünf Versuchen mehr Tore erzielt hat als der Gegner; danach geht es bei Gleichstand anders weiter (ein Tor Vorsprung genügt).

Wenn wir nun diese ersten fünf Versuche jeder Mannschaft betrachten, dann ist die Wahrscheinlichkeit, daß eine Mannschaft N Tore schießt, gleich dem Produkt der Wahrscheinlichkeiten, daß jeder von N Spielern ein Tor schießt.

Wenn zum Beispiel der Spieler A mit einer Wahrscheinlichkeit von p(A)=.95 trifft, der Spieler B mit einer Wahrscheinlichkeit von p(B)=.85 und der Spieler C mit einer Wahrscheinlichkeit von p(C)=.75, dann ist die Wahrscheinlicheit dafür, daß alle drei Bälle im Tor landen p(A,B,C)=.606.

Das gilt allerdings nur dann, wenn die Spieler die Nerven behalten und jeder seine volle Leistung bringt; egal, wann er schießt. Was aber nicht realistisch ist.

Denn jetzt kommt die Reihenfolge der Schützen ins Spiel. Tolan nimmt an, daß sich mit jedem Schuß die nervliche Belastung erhöht, die Leistung also schlechter wird. Nehmen wir einmal an, sie sinkt mit jedem Schuß jeweils um zehn Prozent der maximal möglichen Leistung von p=1.0.

Dann sähen die Trefferwahrscheinlichkeiten in dem obigen Beispiel, wenn in der Reihenfolge A --> B --> C geschossen wird, so aus: P(A)=.95; P(B)=.75; p(C)=.55. Das ergibt p(A,B,C)=.392.

In diesem Fall war der stärkste Schütze zuerst angetreten und der schwächste zuletzt. Wie sieht es nun aus, wenn wir die Reihenfolge umkehren und erst den schwächsten und zuletzt den stärksten Elfmeterschützen antreten lassen?

Dann haben wir p(A)=.75, p(B)=.75 und p(C)=.75; denn die Leistung von C, der jetzt als erster antritt, ist gar nicht durch zusätzlichen Stress reduziert, die von B aber um 10 Prozentpunkte und die von A, dem besten Schützen, der jetzt aber zuletzt antritt, um 20 Prozentpunkte.

Für die Verbundwahrscheinlichkeit, daß alle drei treffen, bekommen wir jetzt p(A,B,C)=.422, also einen besseren Wert als bei der umgekehrten Reihenfolge.



Dieses Beispiel finden Sie so nicht in dem Buch von Tolan. Mir scheint es aber illustrativ zu sein. Das Ergebnis hängt nicht an dieser Illustration, denn allgemein gilt: Wenn die Summe von N Faktoren konstant ist, dann ist ihr Produkt umso größer, je weniger sie sich voneinander unterscheiden.

Mir hat das einmal ein Mitarbeiter, der Mathematiker war, anhand der Frage erklärt, warum es auf langen, schmalen Gängen immer so kühl ist: Weil bei einer gegebenen Grundfläche die Gesamt-Wandlänge umso größer ist, je mehr sich die kurzen und die langen Wände voneinander unterscheiden.

Oder andersherum gesagt: Wenn Robinson Crusoe nur eine bestimmte Zahl von Palisaden zur Verfügung hatte und sich mit ihnen ein rechteckiges Refugium bauen wollte, dann bekam er den größten Wohnraum dann, wenn er alle vier Wände gleich lang machte.

Und wenn unsere Jungs heute Abend ins Elfmeterschießen müssen, dann ist ihre Chance dann am größten, wenn die Schwächsten zuerst und die Stärksten zuletzt schießen, so daß sich die Trefferwahrscheinlichkeiten einander annähern.



Es sei denn ...

Es sei denn, daß andere Faktoren eine Rolle spielen, die Tolan nicht in seine Überlegungen einbezogen hat. Zum Beispiel, daß spätere Schützen sicherer werden, wenn die vorausgehenden getroffen haben. Zum Beispiel, daß man die gegnerische Mannschaft demoralisieren kann, wenn man die ersten Elfmeter im Tor versenkt.

Wenn man solche weiteren Faktoren berücksichtigt, dann wackelt die schönste Berechnung von Wahrscheinlichkeiten. Man müßte sie irgendwie in die Berechnung einbeziehen, aber dann wird die Sache arg willkürlich.

Beim Fußball spielt eben - auch das betont Tolan - der Zufall eine große Rolle; siehe auch Warum ist der Fußball eine so attraktive Sportart?; ZR vom 12. 6. 2010. Und von Zufall sprechen wir bekanntlich dann, wenn ein Ereignis von sehr vielen Faktoren abhängt, die wir nicht genau genug kennen, um ein exaktes Ergebnis vorherzusagen.



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Žižek, Negri und Genossen - die linken Schreibtischtäter

Wie kam eigentlich Pol Pot auf die Idee, Millionen seiner Landsleute zu ermorden; als eine leider nun einmal nötige Voraussetzung für den Aufbau des Sozialismus?

Pol Pot war, solange er in Kambodscha lebte, ein politisch uninteressierter junger Mann, der an einer Fachhochschule Technik studierte. 1949 erhielt er ein Stipendium zum Studium der Radiotechnik in Paris. Als Student war er ein Versager; nachdem er dreimal durch die Prüfung gefallen war, mußte er im Januar 1954 nach Kambodscha zurückkehren. Aber er wurde - zu dieser Zeit hieß er noch Saloth Sâr - in Paris politisiert. Damals nahm er die Ideen auf, die ihn zum Massenmörder werden ließen.

Wo hatte er sie her, diese Ideen? Von linken Intellektuellen. Aus der Kommunistischen Partei Frankreichs, der er 1951 oder 1952 beitrat. Besonders aber aus dem Cercle Marxiste, einem geheimen Zirkel radikaler kambodschanischer Studenten. Einige von ihnen promovierten bei linken Professoren; Hou Yuon and Khieu Samphan beispielsweise entwickelten in ihren Dissertationen die Ideen, die Pol Pot später in politische Praxis umsetzte.

Dieser biographische Hintergrund eines späteren Massenmörders ist kein Einzelfall; viele der späteren Revolutionäre in Asien und Afrika wurden während ihres Studiums in Europa zu Kommunisten. An den Händen der Professoren, die sie radikalisierten, klebt kein Blut. Sie waren nur Schreibtischtäter.



Ende Juni fand in Berlin ein sogenannter Kommunismus-Kongreß statt ("Die Idee des Kommunismus - Philosophie und Kunst"), finanziert u.a. von der parteinahen Stiftung der Partei "Die Linke", der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Und finanziell gefördert - nein, das ist kein Witz - durch den Hauptstadtkulturfonds. Dabei handelt es sich um Bundesmittel, die Berlin zufließen, damit es seinen kulturellen Verpflichtungen als Bundeshauptstadt gerecht werden kann.

Beispielsweise, wie man sieht, indem man Kommunisten aus allerlei Ländern einlädt, damit sie sich über den Kommunismus öffentlich den Kopf zerbrechen. Eingeladen waren neben anderen Rednern Antonio Negri, der in den siebziger Jahren den bewaffneten Kampf propagiert hatte und wegen seiner Verbindungen zu den Roten Brigaden im Gefängnis saß, und ein gewisser Slavoj Žižek.

Auf dem Kongreß machte sich Negri in seinem Vortrag Gedanken darüber, ob man auch ohne Marx Kommunist sein könne, während Žižek sich der Frage widmete, wie man die Gespenster des 20. Jahrhunderts loswerden könne ("To begin from the beginning, or, how to get rid of the ghosts of the XXth century").

Wenn Sie sich ein Bild von den politischen Ideen dieses Slavoj Žižek machen wollen, dann können Sie sich dieses Interview anhören (auf Englisch).

Sie können auch im aktuellen gedruckten "Spiegel" den Artikel von Philipp Oehmke lesen ("Der Denkautomat"; Spiegel 27/2010 vom 5. 7. 2010, S. 98 - 102) oder sich das Interview ansehen, das Žižek Doris Akrap und Tankia Martin von der "Tageszeitung" gegeben hat. Vielleicht genügen Ihnen aber auch die folgenden Zitate aus diesen beiden Quellen.

Philipp Oehmke schreibt:
Sein Repertoire ist ein Mix aus der Psychoanalyse des obskuren Jacques Lacan und der Idealismusphilosophie Hegels, aus Filmanalyse, Demokratie-, Kapitalismus- und Ideologiekritik und einem manchmal autoritärem Marxismus gepaart mit Alltagsbeobachtungen. Er erklärt das ontologische Wesen der Deutschen, Franzosen und Amerikaner anhand ihrer Toiletten und dem daraus abzuleitendem Verhältnis zu ihren Fäkalien und reagiert auf Kritik zunächst mit einem fröhlichen "Fuck you!", ausgerufen in harten slawischen Konsonanten. (...)

Am Ende von Žižeks Vortrag stellt ein Zuschauer eine ziemlich komplizierte Frage, die nicht zu verstehen ist. "You made a good point", sagt Žižek und redet weiter über Hegel. Seine Antwort hat nichts mit der Frage zu tun, die wiederum überhaupt nichts mit dem Vortrag zu tun hat. So könnte das Spiel endlos weitergehen. Plötzlich schiebt Žižek die Pappfassaden beiseite und unterbricht seinen Hegel-Vortrag. "Na ja! Egal. Wie ich schon sagte, Sie hatten einen ziemlich guten Einwand. Und die Wahrheit ist, ich habe keine Antwort. Mein langwieriger Talk war auch nur ein Versuch, das zu verschleiern!" Dankbarkeit im Publikum. Man darf also sagen, dass man nichts versteht und keine Ahnung hat, Žižek tut es auch.
Ein postmoderner Schaumschläger also, so kann man es Oehmkes Artikel entnehmen. Aber vielleicht tut Oehmke dem Slavoj Žižek ja bitter Unrecht. Lesen wir also, was er den beiden Journalisten der "Tageszeitung" zu sagen hatte:
Ich will Lenin auf kierkegaardsche Weise lesen. Das bedeutet, nicht zu wiederholen, was Lenin getan, sondern was er gesagt hat. Lenin zu wiederholen, bedeutet endlich zuzugeben, dass Lenin tot ist. Die Sowjets waren die linke Utopie im 20. Jahrhundert. Ich bin gegen die gegenwärtige Form von Staat. Aber es braucht einen globalen Organismus aus Disziplin und Organisierung. (...)

Überhaupt, wissen Sie, warum der kubanische leader Fidel Castro heißt? Weil ganz Cuba "fidelity to castration" ist, also der Kastration ergeben. Die Cubaner feiern ihre Armut als Zeichen der Authentizität ihrer Revolution. Psychoanalytisch gesprochen ist das Kastration. (...)

Unser Dilemma besteht in Cola light, Bier ohne Alkohol und Keksen ohne Fett: Alles ist Fake. Die Forderung muss lauten, das Reale zu ändern, einen neuen Zucker zu erfinden. (...)

Es geht darum, was Lenin getan hat. Er ging in die Schweiz und begann, Hegel zu lesen. Das ist es, wovon wir heute mehr brauchen. (...)

Im 20. Jahrhundert haben wir ein bisschen zu schnell versucht, die Welt zu ändern. Heute sollten wir sie ein wenig mehr interpretieren. Ich habe keinen Plan für eine neue Revolution. Ich weiß nur, dass es nicht die Barrikaden des 20. Jahrhunderts sein werden.
Sie sehen, das ist ein fürchterliches Gewäsch, ein verschwurbeltes Dahergerede. Aber für Leser und Hörer, die von Lenin so wenig gelesen haben wie von Kierkegaard, Freud oder Hegel, spricht da ein großer Denker.

Ein Denker, dessen Kernbotschaft es ist, daß die Gesellschaft, in der wir leben, von Grund auf schlecht ist und folglich beseitigt werden muß. Das verstehen sie, die Teilnehmer des "Kommunismus-Kongresses", die - so berichtet es Oehmke - noch nicht einmal einem auf Englisch oder Französisch gehaltenen Vortrag folgen konnten, sondern sich das simultan übersetzen ließen ("Dabei sind die meisten Wortbeiträge schon in ihrer Originalsprache kaum zu verstehen. Simultan übersetzt werden sie zu sinnfreier Lyrik"; so Oehmke).

Diese Botschaft von der schlechten Gegenwart bekommen sie mit, die Zuhörer in der Berliner Volksbühne, laut Oehmke "junge Menschen, die meisten unter dreißig, ein Panoptikum linker Subkulturen, manche haben sich als Brecht verkleidet, andere als Sartre". Das verstehen sie, daß man diese von Grund auf schlechte Gesellschaft bekämpfen muß. Und wenn sich auch Žižek hütet, offen zur Revolution aufzurufen - natürlich ist genau dies die Botschaft, die sie seinem intellektuellen Brimborium entnehmen.

Gewiß, zu Pol Pots werden sie dadurch nicht werden. Ihren Kampf gegen die Gesellschaft, zu dem ein Schreibtischtäter wie Žižek sie ermuntert, führen sie vorerst mit Steinen und mit Molotow-Cocktails.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Slavoj Žižek im Mai 2009, fotografiert von Mariusz Kubik und von diesem freigegeben.

6. Juli 2010

Marginalie: Industriespionage. Wer austeilt, muß auch einstecken können? Nicht Rotchina

Wie man weiß, sind die Rotchinesen (ich nenne sie bei ihrem vollständigen Namen, weil ja inzwischen oft übersehen wird, daß es neben dem kommunistischen China auch noch das demokratische Taiwan gibt) Meister der Industriespionage. Im "Handelsblatt" konnte man im Januar dieses Jahres lesen:
Deutsche Sicherheitsbehörden schätzen das Risiko für deutsche Firmen als "hoch" ein, in Deutschland von chinesischen Bürgern ausspioniert zu werden. Wie eine Sprecherin des Bundesamtes für Verfassungsschutzes (BfV) dem Handelsblatt bestätigte, sind insbesondere die heimlichen Internetaktivitäten der Chinesen seit 2005 gleichbleibend stark. Experten schätzen den Anteil chinesischer Industriespionage auf 60 Prozent. Hintergrund ist das von der chinesischen Regierung verordnete Ziel, bis 2020 mit westlicher Spitzentechnologie gleichzuziehen.
Wer austeilt, der sollte auch einstecken können? Nicht die Rotchinesen. So eifrig sie selbst spionieren, so erbarmungslos gehen sie gegen das vor, was sie als Spionage in China interpretieren.

Dazu gab es gestern diese Meldung in Bloomberg Businessweek:
A U.S. geologist was sentenced to eight years in prison by a Chinese court after being convicted of violating the state secrets law by selling a database on the country’s oil industry. (...)

China in April passed legal changes aimed at making people, companies and organizations more responsible for protecting state secrets, according to amendments approved by legislators at the time.

State secrets include information that may damage the nation in fields ranging from defense and diplomacy to "national, economic and development projects" and technology. The government also has the power to label anything else a state secret, according to the amendments passed in April.

Ein Geologe aus den USA wurde von einem chinesischen Gericht zu acht Jahren Freiheitsentzug verurteilt, nachdem er für schuldig befunden worden war, das Gesetz über Staatsgeheimnisse dadurch verletzt zu haben, daß er eine Datenbasis zur Ölindustrie verkaufte. (...)

Im April verabschiedete China Änderungen der Gesetzeslage, die darauf zielen, Personen, Firmen und Organisationen in Bezug auf den Schutz von Staatsgeheimnissen stärker zur Verantwortung zu ziehen; so die damals vom Parlament angenommenen Gesetzesänderungen.

Als Staatsgeheimnisse zählen Informationen, die der Nation auf Gebieten abträglich sein könnten, welche von der Verteidigung und der Diplomatie bis zu "nationalen, ökonomischen und Entwicklungsprojekten" und Technologie reichen. Die Regierung ist nach der im April verabschiedeten Gesetzesänderung auch befugt, alles andere zum Staatsgeheimnis zu erklären.
So ist das nun einmal, wenn man es mit Kommunisten zu tun hat:

Wenn die demokratischen Länder so dumm sind, ihre Industriegeheimnisse ausspionieren zu lassen, dann ist das ihre Sache; es ist - so darf man das wohl interpretieren - in den Augen der Rotchinesen ihre Schwäche. Die Kapitalisten verkaufen noch den Strick, an dem man sie aufhängen wird; so haben die Kommunisten es von Lenin gelernt.

Aber man selbst denkt nicht im Traum daran, eine derartige Schwäche zu zeigen. Im Gegenteil: Je erfolgreicher das Schwert der Partei ist, umso mehr wird man ihm einen starken Schild hinzufügen wollen. Je erfolgreicher die Rotchinesen die Industrie des Westens ausspionieren, umso rücksichtsloser hüten sie ihre eigenen industriellen Geheimnisse.

Viele mögen das bisher nicht sein. Aber auf ihrem Weg zur Weltmacht (siehe Die Konturen des Jahrhunderts werden sichtbar; ZR vom 19. 12. 2009) haben die Chinesen verstanden, daß im 21. Jahrhundert nicht mehr nur die militärische Stärke zählen wird (die sie zielstrebig aufbauen), sondern auch die Fähigkeit, anderen ihre industriellen Geheimnisse zu rauben und die eigenen zu schützen.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an The Slatest.

Zitat des Tages: Heute einmal als Link

Gerade noch rechtzeitig, bevor ich mich daran gemacht habe, das heutige "Zitat des Tages" zu schreiben, habe ich gesehen, daß man es schon lesen kann.

Meine Empfehlung: Lesen Sie es! Und vielleicht mögen Sie auch noch ein wenig in dem schönen Blog Pfarrer 2.0 stöbern, in dem es steht.



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

5. Juli 2010

Gorgasals Kleinigkeiten: Die Prioritäten der NASA

Die National Aeronautics and Space Administration (NASA) der USA wurde 1958 gegründet, um die Erforschung des Weltraums voran zu treiben. In der Zwischenzeit hat die NASA Hunderte von bemannten und unbemannten Missionen durchgeführt, mehrere Menschen auf den Mond und zurück gebracht und Lebenszeichen der Menschheit in den interstellaren Raum geschickt, die vielleicht noch unterwegs sind, wenn es die Erde gar nicht mehr gibt.

Man hätte also allen Grund zur Annahme, der Chef der NASA hätte die Erforschung des Weltraums als Kernaufgabe. To boldly go where no man has gone before; kühn dorthin zu gehen, wo noch kein Mensch seinen Fuß gesetzt hat.

Hier findet sich ein Interview von Al-Jazeera mit Charles Bolden, den Präsident Obama im Mai 2009 zum Administrator der NASA ernannte. Welche drei wichtigen Aufgaben gab Obama Bolden mit auf den Weg?

"When I became the NASA Administrator – well, before I became the NASA Administrator - he [President Obama] charged me with three things: One was that he wanted me to help re-inspire children to want to get into science and math, he wanted me to expand our international relationships, and third, and perhaps foremost, he wanted me to find a way to reach out to the Muslim world and engage much more with dominantly Muslim nations to help them feel good about their historic contribution to science, math, and engineering."

"Als ich Chef der NASA wurde - nun, bevor ich Chef der NASA wurde - trug er [Präsident Obama] mir drei Dinge auf: erstens wollte er, dass ich helfe, Kinder neu dazu zu inspirieren, sich für Naturwissenschaft und Mathematik zu interessieren; er wollte, dass ich unsere internationalen Beziehungen erweitere; und drittens, vielleicht am wichtigsten, er wollte, dass ich einen Weg finde, der muslimischen Welt die Hand entgegenzustrecken und viel stärker Kontakt mit hauptsächlich muslimischen Nationen aufzunehmen, um ihnen zu helfen, sich wegen ihrer historischen Beiträge zu Naturwissenschaften, Mathematik und Ingenieurswesen gut zu fühlen."

Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch in einem Interview mit dem NASA-Chef Sozialarbeiterjargon wie reach out, engage with und feel good about hören würde. Wie sich die Zeiten ändern.



© Gorgasal. Mit Dank an Travis J. I. Corcoran. Für Kommentare bitte hier klicken.

4. Juli 2010

Marginalie: Striktes Rauchverbot in Bayern - ein Beispiel für die Fragwürdigkeit Direkter Demokratie

Die Bayern haben sich heute in einem Volksentscheid für das strikteste Rauchverbot aller deutscher Länder ausgesprochen.

Die Bayern? Nein. Es waren genau 23 Prozent der wahlberechtigten Bayern, nämlich 61 Prozent von den 37,7 Prozent, die es für Mühe wert hielten, an dieser Volksabstimmung teilzunehmen.

Oder in absoluten Zahlen: Von knapp 9,4 Millionen wahlberechtigten Bayern haben noch nicht einmal 2,2 Millionen heute entschieden, daß diese 9,4 Millionen in Gaststätten und öffentlichen Einrichtungen nicht mehr rauchen dürfen; auch nicht in Raucherräumen und dergleichen.

Ausgenommen sind, putzigerweise, psychisch Kranke, für die in Kliniken weiter spezielle Raucherräume zur Verfügung stehen dürfen. Soll'n sie doch rauchen, die Depperten; Raucher sind eh deppert. So interpretiere ich das.



So ist das halt mit der Direkten Demokratie. Ich will nicht behaupten, daß sie nicht funktionieren kann. Dort, wo sie historisch verankert ist, wie in der Schweiz und in den USA, scheint sie ja ganz gut zu funktionieren. Aber ihre Gefahr ist heute wieder einmal deutlich geworden.

In Bezug auf das Rauchen in Gaststätten gibt es, grob gesagt, drei Gruppen:
(A) Diejenigen, die weiter gern in ihre Kneipe gehen und dort rauchen möchten; wenn auch unter den eingeschränkten Bedingungen, die bisher in Bayern galten.

(B) Die Eiferer, für die der Tabak ein Teufelszeug ist, so wie einst den Abolitionisten der Alkohol. Unter ihnen gibt es Kneipenbesucher; aber viele sind auch für das Rauchverbot in Kneipen, obwohl sie dort selten oder nie einen Fuß hineinsetzen. Denn es geht ihnen ja ums Prinzip. Ein solcher Zelot ist auch für ein Rauchverbot in Flugzeugen, selbst wenn er wegen Flugangst noch nie ein Flugzeug von innen gesehen hat.

(C) Diejenigen, denen das schlicht egal ist. Es ist ihnen wurscht, weil sie ohnehin kaum in Gaststätten gehen oder weil sie dorthin gehen, es aber nicht störend finden, wenn andere dort ihr Raucherzimmer haben. Diese dritte Gruppe ist offenkundig in Bayern in der Mehrheit; 62,3 Prozent der Wahlberechtigten nahmen nicht an der Abstimmung teil.
Deren Ergebnis hing folglich davon ab, ob sich die Gruppe (A) oder die Gruppe (B) durchsetzen würde; welche der Minderheiten also über die andere siegen würde. Heute in Bayern hat die Minderheit der Eiferer gegen die Minderheit der rauchenden Kneipenbesucher obsiegt.

Das ist Direkte Demokratie. Wünschenswert kann ich das nicht finden.

Es gibt viele Minderheiten, denen andere, eifernde Minderheiten gern das Leben schwer machen würden. Wie würde wohl ein Volksentscheid ausgehen, der den Schießsport verbietet, eine Ehe zwischen Homosexuellen oder die Erzeugung von Strom mittels Nuklearenergie?

Ein grundlegendes Prinzip der Demokratie ist dasjenige der Mehrheitsentscheidung. Ein Grundprinzip des liberalen Rechtsstaats ist aber der Minderheitenschutz. Daß eifernde Minderheiten sich durch geringe Wahlbeteiligung wie Mehrheiten benehmen und damit die Freiheiten von anderen Minderheiten einschränken können, scheint mir weder besonders demokratisch noch gar im Sinn des liberalen Rechtsstaats zu sein.



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Zitat des Tages: Sigmar Gabriel und die kommunistischen "Demokraten, Pragmatiker, Realisten"

Jetzt müssen die Demokraten, Pragmatiker, Realisten dort endlich um die Zukunft ihrer Partei kämpfen, statt die Vergangenheit zu beschönigen. Wenn sie das tun und gewinnen, dann gibt es genug Gemeinsamkeiten mit der SPD, um auch über Regierungshandeln im Bund und in den Ländern zu reden.

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel über die Partei "Die Linke" in einem "Spiegel"-Gespräch, das in der Ausgabe 27/2010 vom 5. 7. 2010 erscheint. Siehe dazu auch die Vorabmeldung in "Spiegel-Online".


Kommentar: Sigmar Gabriel wäre nicht Sigmar Gabriel, wenn er nicht dieses unverhohlene Koalitionsangebot an die Kommunisten mit Kritik an ihrer Partei garnieren würde.

"Ich werde die Partei Kurt Schumachers nicht in ein Bündnis mit einer Partei führen, die ein ungeklärtes Verhältnis zum DDR-Unrecht und zum Parlamentarismus hat", sagte er in dem "Spiegel"-Gespräch.

Und dann aber wieder: "Das ist eine ganz normale andere Partei. (...) Es gibt keine prinzipiellen Vorbehalte dagegen, mit einer Partei zusammenzuarbeiten, die sich politisch als links von der SPD einstuft".

Die Linie Gabriels ist klar: Die Kommunisten sollen die DDR-Nostalgiker und die undisziplinierten Westlinken ruhigstellen. Die Partei "Die Linke" soll ein ordentliches und solides Bild abgeben. Dann wird die SPD mit ihr koalieren.

Daß die "Demokraten, Pragmatiker, Realisten" in dieser Partei unter "Demokratie" etwas sehr Eigenes verstehen, würde Gabriel augenscheinlich nicht stören. (Sie verstehen darunter nämlich eine Staatsform, wo "im Interesse der Mehrheit" regiert wird, also den Sozialismus; siehe Oskar Lafontaines Verständnis von Demokratie; ZR vom 21. 10. 2010).

Und es stört den Vorsitzenden der SPD offenbar auch nicht, worauf denn der Pragmatismus dieser Pragmatiker gerichtet ist und was denn der Realismus dieser Realisten beinhaltet: Sie haben realistisch erkannt, daß der "zweite Sozialismusversuch" in Deutschland (nach dem ersten, gescheiterten mit der DDR) nur auf dem Weg über eine schrittweise, legale Eroberung der Macht gehen kann, und sie arbeiten infolgedessen pragmatisch auf Volksfront-Regierungen in den Ländern und dann auch im Bund hin.

Sie glauben nicht, lieber Leser, daß die Partei "Die Linke" wirklich einen "zweiten Sozialismusversuch" anstrebt? Dann lesen Sie bitte, was deren Vorsitzende Gesine Lötzsch dazu vor wenigen Tagen gesagt hat: "Karl Marx hätte seine helle Freude an unserer Partei"; ZR vom 1. 7. 2010.



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Marginalie: Schüler wünschen sich längere Laufzeiten für Atomkraftwerke

Ein Leser hat mich auf einen Artikel im hessischen Kreisanzeiger, Lokalausgabe Gedern im Vogelsberg aufmerksam gemacht. Darin heißt es unter der Überschrift "Schüler wünschen sich längere Laufzeiten für AKWs", daß "die Mädchen und Jungen der Klasse 3a der Erlenbachschule" jetzt ihre Wünsche vorgetragen hätten, was die künftige Energiepolitik angeht. Unter anderem hätten sie die Verlängerung der Laufzeiten von AKWs gefordert.

Seltsam, nicht wahr? Denn erstens sind Drittklässler Kinder von ungefähr neun oder zehn Jahren. Wie sollten Schüler in diesem Alter eine Vorstellung von Energiepolitik haben und gar über den Nutzen und Nachteil von AKWs urteilen können? Wie sollten sie dazu überhaupt eine Meinung haben?

Das könnte doch - zweitens - nur von den Lehrern kommen. Und dann wäre es ein Skandal. Denn dann würden die Kinder, die in die dritte Klasse der Erlenbachschule in Gedern im Vogelsberg gehen, offenkundig von ihren Lehrern politisch indoktriniert werden.

Von Lehrern, die vielleicht von der Atomlobby gekauft sind oder die der FDP nahestehen. Von Lehrern, die ihre Pflichten gröblich verletzen, indem sie den Kindern ihre persönliche politische Meinung als Lehrstoff aufdrängen.



Sie werden es gemerkt haben, lieber Leser: Ich habe mich des Mittels bedient, etwas kenntlich zu machen, indem ich es in einem unwesentlichen Punkt verändert habe.

Denn natürlich lautet die Überschrift des Artikels nicht "Schüler wünschen sich verlängerte Laufzeiten für AKWs", sondern "Schüler wünschen sich Ausstieg aus der Atomenergie". Und natürlich sind es keine von der Atomlobby beeinflußten FDP-Lehrer, die den Schülern ihre persönliche Meinung als Lehrstoff aufdrängen, sondern es sind Lehrer auf der Linie der Parteien "Die Grünen" und "Die Linke" sowie des linken Flügels der Sozialdemokratie.

Aus dem Artikel im "Kreis-Anzeiger":
Während der ersten Hessischen Kinder-Klimakonferenz im Wiesbadener Landtag trugen die Mädchen und Jungen der Klasse 3a der Erlenbachschule jetzt ihre Wünsche vor. Die hatten es in sich: mehr umweltfreundliche Kraftwerke zur Stromerzeugung, ein schneller Ausstieg aus der Atomenergie, ein geringerer CO2-Ausstoß durch industrielle Filteranlagen, weniger Autofahrten. (...)

Gründlich vorbereitet hatten sich die Erlenbachschüler seit dem Ende der Osterferien. Mit ihrer Klassenlehrerin Elke Emmel waren sie Klimakillern auf der Spur, erstellten ein Landschaftsmodell, machten sich Gedanken über alternative Stromerzeugung durch Wind, Wasser und Sonne, drehten einen Video-Clip und nahmen ein Hörspiel auf, befassten sich im Unterricht mit den drei Säulen Klima, Medien und Politik und nahmen mit dem Klima-Karl im Internet Kontakt auf.
Wie die Jungen Pioniere in der DDR, ging es mir durch den Kopf, als ich das las. Nur hätte man dort keine Kinder-Klimakonferenz veranstaltet, sondern eine Kinder-Solidaritätskonferenz oder eine Kinder-Friedenskonferenz.

Wer hat sie denn eigentlich veranstaltet, diese "Konferenz"? Hier finden Sie die Liste der Initiatoren:

Ein "Fachzentrum Klimawandel Hessen", das Hessische Landesamt für Umwelt und Geologie, das Hessische Kultusministerium, das Hessische Ministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, der Hessische Landtag, eine Organisation namens "kontextmedien - Interaktive Bildungskonzepte" sowie eine "Medieninitiative Schule@Zukunft", die als ihre Adresse das Hessische Kultusministerium angibt.

Des weiteren werden als Kooperationspartner ein "Medienzentrum Offener Kanal Offenbach" sowie ein "Umweltzentrum Hanau" genannt, dessen Zielsetzung die "Herbeiführung eines Bewußtseinswandels bei den Menschen" ist, "damit sie in der Lage sind, ihre Anliegen und Bedürfnisse in Bezug auf eine nachhaltige Entwicklung abzuschätzen und anzugehen".

Also der übliche rotgrüne Filz. Und so ist es denn auch die Hessische Landesregierung, die am 30. Juni stolz diese Kinder-Klimakonferenz präsentierte:
Die Folge von zu viel Kohlendioxid ist, dass es auf unserer Erde immer wärmer wird und das Klima sich verändert. Dadurch schmilzt das Eis an Nord- und Südpol, der Meeresspiegel steigt an, es kommt zu Überschwemmungen und die Winter sind nicht mehr so kalt. Tiere und Pflanzen leiden darunter. (...)

Um darüber nachzudenken und vielleicht sogar Lösungen zu finden, haben sich 320 Grundschülerinnen und Grundschüler aus Hessen kürzlich im Hessischen Landtag in Wiesbaden zur 1. Hessischen Kinderklimakonferenz getroffen. Das war eine ziemlich spannende Angelegenheit für die Drittklässler, deren Eltern und Lehrer. (...)

Kultusministerin Dorothea Henzler sagte zu Beginn: "Umweltschutz ist ein Thema, dass [sic] uns alle angeht" und Umweltministerin Silke Lautenschläger fand es so wichtig, "dass nicht nur Erwachsene darüber reden sollten."
Aber Moment mal, wer regiert doch gleich in Hessen? Richtig, Roland Koch, und zwar seit 1999. Und die Kultusministerin, in deren Ministerium diese "Kinderkonferenz" offenbar wesentlich vorbereitet wurde, ist Dorothea Henzler, seit 1981 Mitglied der FDP.

Wundert sich da noch jemand darüber, daß in Deutschland nicht Liberale und Konservative, sondern Linke und Grüne die Meinungsführerschaft haben?



© Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Reiner Engler.

3. Juli 2010

Marginalie: Warum kann Deutschland gegen Argentinien gewinnen? Joachim Löw sagt es. Nebst einer Erinnerung an die Fohlen-Elf

In der FAZ ist heute ein Interview zu lesen, das Michael Ashelm und Michael Horeni mit Bundestrainer Löw geführt haben. Darin wird deutlich, warum die an Stars vergleichsweise arme deutsche Elf die Argentinier schlagen kann:
  • Erstens dürfte es kaum eine Mannschaftsleitung geben, die jedes Spiel so sorgfältig vorbereitet wie das Team von Joachim Löw: "Die Vorarbeit dauert Monate. Das beginnt bei unserem Scout Urs Siegenthaler, dem Team Köln mit den Studenten der Sporthochschule und unseren Beobachtern, die wir zu den Spielen der Argentinier geschickt haben. Bei der WM haben wir sie noch zwei Mal beobachtet. Daraus entsteht das Gesamtbild, aus dem wir eine Mannschaftscharakteristik erstellen."

  • Zweitens hat Löw ein junges Team: "Wenn man viele Spieler hat, die ihren Zenit überschritten haben, die viel erreicht und erlebt haben – dann wird es schwieriger bei der Zusammenarbeit in einem Turnier. Diese Spieler sind, was die Motivation betrifft, vielleicht nicht immer bei hundert Prozent. Bei unseren jungen Spielern sehe ich zudem, dass sie enorm belastbar sind."

  • Drittens hat Löw eine Strategie, die zu diesem jungen Team paßt: "Ich bin ein Trainer, der die Offensive liebt. Deshalb freut es mich besonders, wenn im Spiel der Ball läuft, die Laufwege stimmen und schnell gespielt wird – mit einem hohen Rhythmus auch ohne Ball. Das sind Momente, in denen ich sehr zufrieden bin."
  • Wenn Sie, lieber Leser, sich schon etwas länger für Fußball interessieren, dann haben Sie vielleicht ein Déjà-Vu-Erlebnis. Denn Löws Fußball-"Philosophie" ähnelt verblüffend derjenigen, mit der Hennes Weisweiler in den sechziger Jahren Borussia Mönchengladbach aus der Regionalliga West in die Bundesliga führte und zu einer Spitzenmannschaft formte.

    Die "Fohlen-Elf" hießen sie damals, die Spieler um Jupp Heynckes, Günter Netzer und Berti Vogts. Warum, das beschrieb der Präsident von Borussia Mönchengladbach von 1999 bis 2004, Adalbert Jordan, so:
    Die Mannschaft, die der damalige Sportredakteur der Rheinischen Post, W. A. Hurtmanns, nach dem Aufstieg in die Bundesliga 1965 erstmals als Fohlen-Elf bezeichnete, verdiente sich diesen Beinamen nicht nur durch ihr geringes Durchschnittsalter. Die Kicker aus Mönchengladbach ließen auf den Spielplätzen der Bundesliga ihrer Lust am Fußball freien Lauf wie junge Fohlen ihrer Lust am Leben: leichtsinnig und ungestüm, leichtfüßig und sorglos.
    Sorglos wird die deutsche Elf heute gewiß nicht spielen. Aber daß das offensive, schnelle Spiel, wie es Weisweiler liebte und wie es heute Löw praktizieren läßt, seine Gefahren hat, liegt auf der Hand. Läßt der Gegner dieses Spiel zu, wie das Australien und England getan haben, dann wird wunderbarer Fußball gezeigt. Legt es der Gegner aber konsequent darauf an, den Spielfluß zu zerstören, dann können auch Fohlen ganz schön alt aussehen.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

    Zettels Meckerecke: "Sofortige Aufhebung der Blockade des Gaza-Streifens". Die dümmste Resolution des Bundestags seit Gründung der Bundesrepublik

    Sie erinnern sich an die Propaganda-Aktion von Islamisten mit dem sogenannten "Hilfskonvoi für Gaza"? Ich habe damals, Ende Mai und Anfang Juni, auf die israelfeindliche Berichterstattung vieler Medien und auf die Hintermänner der Aktion aufmerksam gemacht.

    Was die Hintermänner angeht, spielte die İnsani Yardım Vakfı (IHH) eine zentrale Rolle; eine reiche islamistische Organisation mit Kontakten zur Kaida, die es durch ihre Unterstützung dem Free Gaza Movement ermöglicht hatte, die Aktion auf die Beine zu stellen.

    Inzwischen sind über den Führer der IHH, Fahmi Yildirim, erhellende Einzelheiten bekanntgeworden. Es handelt sich um einen Islamisten mit besten Kontakten zur Moslem-Bruderschaft und zur Hamas, der bei der Vorbereitung der gewaltsamen Konfrontation mit dem israelischen Prisenkommando eine Schlüsselrolle spielte.

    Er war - so jedenfalls berichtet es das israelische Intelligence & Terrorism Information Center - an Bord der Mavi Marmara und gab persönlich den Befehl, die israelischen Soldaten am Betreten des Schiffs zu hindern und sie, sollten sie doch einen Fuß auf das Schiff setzen, ins Meer zu werfen. Er hatte den "Hilfskonvoi" zuvor organisiert, den Kauf der Schiff und das Einwerben von Mitteln in die Wege geleitet und dabei mit islamistischen Organisationen weltweit zusammengearbeitet.

    Der "Hilfskonvoi" war bekanntlich ein voller Propaganda-Erfolg. Der Druck auf Israel wurde als Folge dieser Aktion so groß, daß die israelische Regierung vor knapp zwei Wochen die Blockade faktisch aufgehoben hat. Unser Minister für Entwicklungshilfe geriet da mitten hinein; siehe Niebels "Eklat". Die vermutlichen Hintergründe des Theaterdonners; ZR vom 21. 6. 2010.



    Und nun also fühlt sich der Deutsche Bundestag berufen, eine Resolution zu verabschieden. Die FAZ in ihrer heutigen Ausgabe:
    Der Bundestag hat eine sofortige Aufhebung der Blockade des Gazastreifens gefordert. Die Abriegelung des formal autonomen palästinensischen Gebietes am Mittelmeer sei kontraproduktiv und diene nicht den israelischen Sicherheitsinteressen, heißt es in einem gemeinsamen Antrag von CDU/CSU, SPD, FDP und Grünen, der am späten Donnerstagabend einstimmig vom Parlament verabschiedet wurde.
    Die im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien zerbrechen sich also den Kopf Israels. Sie fühlen sich ermächtigt, ein Urteil darüber zu fällen, was den Sicherheitsinteressen Israels dient und was nicht. Offenbar kann man das von Berlin aus schärfer sehen als von Jerusalem aus.

    Der Deutsche Bundestag findet nichts dabei, sich durch diese Resolution in die Angelegenheiten Israels, in die Angelegenheiten auch der Palästinenser einzumischen.

    Wie wohl würde man es in Deutschland finden, wenn die Knesset eine Resolution verabschieden würde, die, sagen wir, die Bestrebungen der EU verurteilt, die Türkei als Mitglied aufzunehmen? Oder eine Knesset-Resolution, die sich gegen die Finanzhilfe der EU für Griechenland wendet? Oder gegen die deutsche Beteiligung an der ISAF?

    Wie also kommt der Deutsche Bundestag zu dieser Anmaßung und dieser Dummheit? Eine Anmaßung ist diese Resolution, weil sie eine Einmischung in die Angelegenheiten des Nahen Ostens darstellt. Eine Dummheit, und zwar eine erhebliche, ist sie, weil sie das fordert, was das israelische Sicherheitskabinett bereits am 20. Juni beschlossen hat.

    Also, was soll das?

    Laut dem Bericht der FAZ hatten die Kommunisten im Bundestag zunächst einen "wesentlich israelkritischeren Antrag" eingebracht. Hatten die demokratischen Parteien Angst, daß auch viele aus ihren Reihen sich den linksextremen Feinden Israels anschließen würden, und hat man deshalb flugs einen milderen Antrag formuliert? Ist es also schon so weit gekommen, daß die Kommunisten bestimmen, welche Resolutionen der Bundestag verabschiedet?

    Oder haben diejenigen, die diese abwegige und völlig überflüssige Resolution formuliert haben, vier Wochen nach dem Propaganda-Coup der IHH geglaubt, sie müßten jetzt doch noch auf den Musikwagen aufspringen und Tamtam gegen Israel machen?

    Die FAZ jedenfalls schreibt:
    Ausschlaggebend für die Resolution war die Erstürmung einer internationalen Gaza-Hilfsflotte durch die israelische Armee. Dabei waren vor einem Monat neun Personen getötet worden. Nach dem Vorfall hatte Israel die vor drei Jahren verhängte Blockade gelockert. Außenminister Westerwelle hat mehrfach ein komplettes Ende der Abriegelung durch Israel gefordert.
    Komplett, ja fein. Dann können endlich die Waffen für die Hamas unbehelligt nach Gaza gebracht werden.

    Oder doch nicht? Die FAZ:
    In der Resolution wird hervorgehoben, dass Lieferungen in den Gazastreifen weiterhin überwacht werden müssten, um Waffenschmuggel und Raketenangriffe auf Israel zu verhindern.
    Ja wat denn nu, sagt der Berliner. Ein komplettes Ende der Abriegelung, aber zugleich eine weitere Überwachung? Was in aller Welt wollen denn die im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien über das hinaus, was Israel bereits am 20. Juni in Kraft gesetzt hat? Nämlich, wie man in der Wikipedia nachlesen kann, "a new system governing the blockade that would allow practically all non-military items to enter the Gaza strip"; ein neues Blockadesystem, das praktisch die Einfuhr aller nichtmilitärischen Güter in den Gaza-Streifen erlaubt?



    "Der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte den Antrag der Parlamentsfraktionen als einseitige Parteinahme gegen Israel kritisiert", schreibt die FAZ.

    Ich hoffe, daß nicht nur der Zentralrat der Juden diese dumme, diese hanebüchene Resolution kritisieren wird. So dumm hat sich das Parlament der Bundesrepublik Deutschland nicht per Resolution geäußert, seit am 7. September 1949 der erste Deutsche Bundestag zu seiner konstituierenden Sitzung zusammentrat.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Kallias und an Werner Stenzig.

    2. Juli 2010

    Kleines Klima-Kaleidoskop (14): Was die globale Erwärmung alles anrichtet. Etwas zum Stöbern. Nebst einem Therapieangebot

    Waren Sie schon beim Ökopsychologen, weil Sie unter Ökoangst leiden? Nein? Trösten Sie sich. Wahrscheinlich sind Sie nicht unheilbar gesund, sondern Ihnen fehlt nur das nötige Wissen.

    Was Sie wissen müssen, um die Symptome der Ökoangst zu entwickeln, das können Sie sich aneignen, wenn Sie sich diese Liste einmal ansehen: Die komplette Liste dessen, was die globale Erwärmung anrichtet. Zusammengestellt hat sie in seinem Blog Number Watch der emeritierte Informatik-Professors John Brignell.

    Je nach Temperament und Diszipliniertheit werden Sie vielleicht die Liste Punkt für Punkt in alphabetischer Reihenfolge durchgehen wollen; oder Sie picken sich - wie ich es gemacht habe - das eine oder andere heraus.

    Sie werden staunen. Die globale Erwärmung ist zum Beispiel schuld daran, daß es in Bagdad im Januar 2008 schneite und daß auf dem Drogenmarkt mehr Heroin angeboten wird.

    Sie ist verantwortlich daür, daß der Eispanzer der Antarktis wächst und daß der Eispanzer der Antarktis schrumpft. Nur ein nicht umweltbewußter Besserwisser wird darin einen Widerspruch sehen.

    Ja, die globale Erwärmung ist sogar schuld daran, daß die Taliban immer mehr Kämpfer rekrutieren können und daß in dreißig bis vierzig Jahren die meisten Menschen sterben und die Überlebenden nur noch durch Kannibalismus ein karges Dasein fristen werden.

    Nicht wahr, wenn man das liest, dann kann man schon diese neue psychische Störung "Ökoangst" entwickeln? Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren, heißt es am Ende von Lessings "Emilia Galotti".

    Und das meine ich nicht als düstere Vorhersage. Sie ist längst unter uns, diese neue Psychokrankheit. Auch das kann man der Liste von Professor Brignell finden, in einem Artikel der New York Times vom Februar 2008:
    For people who feel an acute unease about the future of the planet, a small but growing number of psychotherapists now offer a treatment designed to reduce worries as well as carbon footprints: ecopsychology. (...) Some therapists offer strategies for eco-anxiety in private sessions, or lead discussion groups for the conservation-minded. More than 120 therapists from Alaska to Uruguay are listed as practitioners at the International Community for Ecopsychology Web site (ecopsychology.org), and colleges in the United States and Europe offer courses in the field.

    Für Menschen, die eine akute Beklommenheit über die Zukunft des Planeten verspüren, bietet eine kleine, aber schnell wachsende Zahl von Psychotherapeuten jetzt eine Behandlung an, die sowohl diese Besorgnisse als auch den CO2-Fußabdruck verringern soll: die Ökopsychologie. (...) Manche Therapeuten bieten Strategien zur Ökoangst in privaten Sitzungen an oder leiten Diskussionsgruppen für diejenigen, deren Denken um die Erhaltung unserer Umwelt kreist. Auf der WebSite der International Community for Ecopsychology (ecopsychology.org) sind mehr als 120 Therapeuten von Alaska bis Uruguay mit ihrer Praxis verzeichnet, und Kollegen in den Vereinigten Staaten und in Europa bieten in diesem Bereich Kurse an.
    Und nun habe ich leider noch eine Enttäuschung für Sie: In der aktuellen Liste der Ökotherapeuten gibt es keine einzige Praxis in Deutschland!

    Wer in Deutschland eine Ökotherapie braucht, der muß entweder nach Österreich ausweichen, oder er fliegt am besten gleich in die USA. Denn dort gibt es - wenigstens hier sind die USA noch Weltspitze - mehr praktizierende Ökopsychologen als im ganzen Rest der Welt zusammen.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Drei Bilder, die sich durch das Schütteln eines Kaleidoskops ergeben. Fotografiert und in die Public Domain gestellt von rnbc. Mit Dank an Thomas Pauli.

    Kurioses, kurz kommentiert: Passend zur heutigen Hitze die Geschichte von Molly Hagerty und dem Schicksal unseres Planeten

    An sich wäre diese Geschichte nicht erwähnenswert:

    Ein prominenter Amerikaner bestellt sich eine Masseuse in seine Suite im Hotel Lucia in Portland, Oregon. Sie ist eine seriöse Vertreterin ihrer Zunft, kann also wirklich massieren und will auch nichts anderes tun, als nach den Regeln ihrer Kunst den Betreffenden durchzukneten.

    Dieser aber hat sich offenbar etwas anderes erwartet. "Call me Al", sagte der Prominente gleich zur Begrüßung und verpaßt der Masseuse "a big hug", was eine freundliche Umarmung sein kann, aber auch schon ein wenig ins Knuddeln gehen.

    Beim Massieren dann wollte er - so beschreibt es die Masseuse - gern auch dort massiert werden, wo eine seriöse Masseuse nicht massiert. Sie lehnte das ab und massierte ihn zu Ende. Als sie ihre Sachen packen und gehen wollte, begann er ernsthaft zu fummeln. Sie wollte das nicht, entwand sich ihm und sagte: "You're being a crazed sex poodle"; frei übersetzt: "Du bist scharf wie Nachbars Lumpi".

    Irgendwie blieb sie dann, und man redete über Dies und Jenes. Einmal versuchte er sie noch auf das Bett zu drücken und spielte dazu das Lied "Dear Mr. President" der Sängerin Pink.

    Um halb zwei in der Nacht ging die Masseuse, sie heißt Molly Hagerty, nach Hause und rief eine Freundin an, um ihr den Vorfall zu schildern.

    Das war's. Nichts, das eine öffentliche Befassung mit dem Fall rechtfertigen könnte, wäre "Al" nicht der Nobelpreisträger und frühere Vizepräsident Al Gore gewesen, der sich in der Stadt Portland aufhielt, um dort eine Rede über globale Erwärmung zu halten.

    Das war im Jahr 2006. Hagerty erstattete damals Anzeige gegen Gore, aber die Sache verlief im Sand. Jetzt aber hat sie dem Klatschmagazin National Enquirer ihre Geschichte erzählt. Und nun hat die Polizei von Portland ihre Ermittlungen wieder aufgenommen.



    So, und jetzt die Pointe, deretwegen ich dieses Fall in die Rubrik "Kurioses, kurz kommentiert" einordne. Aus dem gestrigen Artikel von MSNBC:
    The woman said she was initially dissuaded from contacting the police by liberal friends, whom she refers to as "The Birkenstock Tribe," and of which she counts herself a member. One friend "was basically asking me to just suck it up, otherwise the world's going to be destroyed from global warming," she said.

    Die Frau sagte, linke Freunde, die sie als die "Birkenstock-Sippe" bezeichnete und zu denen sie sich selbst zählt, hätten ihr zunächst ausgeredet, sich an die Polizei zu wenden. Ein Freund "hat im Prinzip von mir verlangt, es halt zu schlucken. Denn sonst würde die Welt durch die globale Erwärmung vernichtet werden."



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    1. Juli 2010

    Marginalie: Wie bastle ich eine Bombe in Mutters Küche? Fragen Sie El Kaida! Oder vielleicht doch besser nicht ...

    Wollten Sie nicht immer schon wissen, wie man in Mutters Küche eine Bombe bastelt? Jetzt können Sie es erfahren, oder jedenfalls fast.

    Wie Marc Ambinder gestern in der Internet-Ausgabe von The Atlantic berichtete, hat die Kaida-Organisation der Arabischen Halbinsel (Al Qaeda on the Arabian Peninsula, AQAP) ein englischsprachiges Magazin namens Inspire gestartet, mit dessen Hilfe Moslems mit der Muttersprache Englisch angeworben werden sollen.

    Die erste Ausgabe enthält unter anderem eine Botschaft von Osama bin Laden darüber, wie die Welt gerettet werden kann, und Zitate von Anwar Al-Awlaki, einem in den USA geborenen islamistischen Terroristen, der jetzt im Jemen vermutet wird (Näheres zu ihm in "Nidal Hassan ist ein Mann mit Gewissen"; ZR vom 10. 11. 2009); dazu ein Interview mit dem Führer der AQAP und eben die Anleitung zum Basteln einer Bombe.

    Hier können Sie die Titelseite des Magazins sehen und hier das Inhaltsverzeichnis.

    Textauszüge allerdings sind bei Ambinder nicht zu lesen, denn der Versuch der Kaida, sie ins Web zu stellen, scheint - so Ambinder - daran gescheitert zu sein, daß sie mit Viren verseucht sind.

    Vielleicht waren da westliche Geheimdienste am Werk?

    In der Diskussion zu Ambinders Artikel hat allerdings jemand, der sich ActionFromTheBackSection nennt, vor vier Stunden geschrieben, daß er den Text hätte, und daß zwar offensichtlich jemand absichtlich Müll (debris) darin untergebracht hätte, aber keine Viren. Wenn Sie, lieber Leser, mutiger sind als ich, dann können Sie ja die dort angegebene URL ausprobieren; suchen sie bei den Kommentaren einfach nach ActionFromTheBackSection.

    Oder ist vielleicht alles ein Fake, wie dieser Kommentator ActionFromTheBackSection es für möglich hält? Vielleicht. Andererseits ist Marc Ambinder der Chef des Ressorts Politik von The Atlantic, einem durch und durch seriösen Magazin, gegründet 1857. Und aufmerksam geworden bin ich auf den Artikel durch das ebenfalls absolut seriöse Nachrichtenaggregat The Slatest, das die Meldung derzeit sogar auf dem ersten Platz seiner Meldungen von heute Nachmittag hat.



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    Wahl des Bundespräsidenten: Die Partei "Die Linke" ist gestern salonfähig geworden. "Karl Marx hätte seine helle Freude an unserer Partei!"

    Auf den ersten Blick sieht es so aus, als gehörten die deutschen Kommunisten zu den Verlierern jener neun Stunden, deren es gestern bedurfte, um Christian Wulff zum Bundespräsidenten zu wählen.

    Die Partei "Die Linke" stand zwischen dem zweiten und dem dritten Wahlgang vor der Entscheidung, Gauck mitzuwählen, was - so sah es jedenfalls vor diesem Wahlgang aus - möglicherweise zu dessen Sieg oder vielleicht einem Patt hätte führen können; oder aber bei ihrer Linie zu bleiben und die Kandidatur von Lukrezia Jochimsen aufrechtzuerhalten.

    Für diese letztere Entscheidung sprach, daß in der einstigen Staatspartei der DDR eine tiefe Abneigung gegen alles herrscht, wofür Gauck steht - Freiheit, Demokratie, Marktwirtschaft, Aufarbeitung der DDR-Verbrechen. Seit seiner Nominierung hatte darüber hinaus Joachim Gauck nichts getan, um auf die Kommunisten "zuzugehen"; er hatte sie im Gegenteil schonungslos charakterisiert (siehe Joachim Gauck über die Partei "Die Linke"; ZR vom 26. 6. 2010).

    Aber es sprach auch viel dafür, daß man über seinen Schatten springen und diesen "konservativen Neoliberalen" dennoch zähneknirschend wählen sollte. Dafür sprach, daß man sich eine solche Entscheidung von den Rotgrünen würde abhandeln lassen können; als Schritt in Richtung auf gemeinsame Volksfront-Regierungen in westdeutschen Bundesländern und schließlich, nach den Wahlen 2013, im Bund.

    Die kommunistischen Wahlleute schafften es nicht, sich zwischen diesen beiden Alternativen zu entscheiden. Sie zogen einerseits die Kandidatin Jochimsen zurück; verzichteten also darauf, weiter Flagge zu zeigen. Sie schwenkten andererseits nicht zu Gauck über, sondern ihre Wahlleute enthielten sich fast alle der Stimme. Ein Verhalten, dessen alleiniger Sinn es war, zu verbergen, daß man keine einheitliche Linie hatte finden können. Die Enthaltung war der kleinste gemeinsame Nenner gewesen.



    Aber daß damit die Kommunisten zu den Verlierern des gestrigen Tages gehören, stimmt nur an der Oberfläche. Denn es hat sich etwas abgespielt, was in der deutschen Politik bisher ohne Beispiel ist: Zwei demokratische Parteien haben auf Bundesebene nicht nur mit den Kommunisten über ein Zusammengehen gesprochen, sondern sie haben darum regelrecht gebuhlt.

    Nach dem zweiten Wahlgang nämlich traf man sich in illustrer Runde: Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier von der SPD; Renate Künast, Jürgen Trittin, Claudia Roth und Cem Özdemir als die doppelte Doppelspitze der Grünen; für die Kommunisten deren nominelle Vorsitzenden Gesine Lötzsch und Klaus Ernst sowie die wahren Chefs Gregor Gysi und Oskar Lafontaine.

    "Die Gesprächsatmosphäre wird als konstruktiv beschrieben" heißt es dazu in dem heutigen Bericht der FAZ, in dem Mechthild Küpper, Stephan Löwenstein und Majid Sattar die gestrigen Ereignisse schildern. Das Verhalten der Vertreter von SPD und Grünen im Vorfeld des Treffens mit den Kommunisten wird dort so beschrieben:
    Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel verfolgte eine Doppelstrategie: keine Häme in Richtung bürgerliche Koalition und emphatische Appelle in Richtung Linkspartei. (...) Die Linkspartei habe nun die einmalige Chance, die DDR-Vergangenheit hinter sich zu lassen und in der Bundesrepublik anzukommen. (...)

    Als fröhlich und gelöst wird die Stimmung bei den grünen Delegierten beschrieben (...) "Sehr pädagogisch" müsse man mit den Linken reden und sie fragen, ob sie wirklich Schwarz-Gelb stabilisieren wollten, sagt der eine Fraktionsvorsitzende, Trittin. Die andere Fraktionsvorsitzende, Künast, zitiert (ohne allerdings die Melodie anzustimmen) ein Lied aus der Zeit der Demonstrationen gegen neue Atomkraftwerke: "Auf welcher Seite stehst du hier" - so müsse man auch die Linkspartei jetzt fragen.
    Die Wahl eines Bundespräsidenten ist bekanntlich manchmal die Weichenstellung für eine neue Koalition. So, als 1969 die SPD (damals noch in der Großen Koalition) und die FDP (in der Opposition) gemeinsam Gustav Heinemann wählten; so, als 2004 noch zur Zeit der rotgrünen Regierung die Union und die FDP ein Bündnis zur Wahl Horst Köhlers schlossen.

    So hätte es nach dem Willen der SPD und der Grünen auch bei der jetzigen Wahl laufen sollen: Im Volksfront-Bündnis mit den Kommunisten wollten sie Joachim Gauck zum Bundespräsidenten machen. Sie waren nicht nur bereit, hinzunehmen, daß ihr Kandidat auch mit den Stimmen der Kommunisten gewählt werden würde; sondern sie verhandelten mit diesen regelrecht darüber.

    Laut FAZ war ein Problem, daß man aber als Gegenleistung "nichts zu bieten" hatte, etwa Regierungsbeteiligungen in Erfurt und/oder in Düsseldorf. Eine bezeichnende Anekdote aus dem Bericht der FAZ:
    Nun wird mit der Linksfraktion verhandelt. Kurze Fraktionssitzung, die Hannelore Kraft, die stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende verpasst, weil sie Interviews gibt. Sie wird mit den Worten empfangen: "Die Linke stimmt für Gauck, Du musst denen aber in Düsseldorf zwei Ministerien geben!" Frau Kraft stockt der Atem. "Ein Witz, Hannelore, ein Witz!"
    Kein Witz ist es, daß die deutschen Kommunisten gestern auch auf Bundesebene als potentieller Partner von Rotgrün salonfähig geworden sind. Mit der "Gemeinsamkeit der Demokraten", die seit Gründung der Bundesrepublik gegolten hatte - alle demokratischen Parteien sind untereinander koalitionsfähig; keine wird mit einer extremistischen Partei zusammenarbeiten - ist es seit gestern vorbei.



    Ja, aber ist denn die Partei "Die Linke" wirklich eine extremistische Partei? Ist es nicht kruder, verstaubter Antikommunismus, wenn ich sie beharrlich als "die Kommunisten" bezeichne?

    Schön wäre es, wenn die Partei "Die Linke" nicht mehr kommunistisch wäre. Sie ist es aber nach wie vor. Ihr langjähriger Vorsitzender Lothar Bisky ist jetzt Vorsitzender der europäischen Vereinigung kommunistischer Parteien "Europäische Linke"; siehe Lothar Bisky, Vorsitzender von zwei Parteien; ZR vom 1. 9. 2008. Und auch die heutige Vorsitzende Gesine Lötzsch verbirgt gar nicht, daß sie eine stramme Kommunistin ist.

    Vielleicht ist es Ihnen, wenn sie gestern die TV-Berichterstattung zur Bundesversammlung verfolgt haben, aufgefallen: Lötzsch, SED-Mitglied seit 1984, benutzt weiter den Jargon der DDR-Nomenklatura. Sie hat beispielsweise von ihrer Fraktion in der Bundesversammlung als "Delegation" gesprochen; sie hat gesagt, man "schätzt ein, daß", eine typische SED-Formulierung.

    Nun gut, das sind Äußerlichkeiten. Aber wenn man nachsieht, was Gesine Lötzsch in letzter Zeit zu den Zielen ihrer Partei gesagt hat, dann kommt Substantielleres zum Vorschein.

    Anläßlich des Geburtstags von Karl Marx hielt Gesine Lötzsch am 5. Mai dieses Jahres eine Rede, in der sie dies sagte:
    Doch ich will meine Zeit nicht mit der CDU oder der FDP verschwenden, mir ist meine Partei, DIE LINKE, viel wichtiger! Dazu ein Brief von Karl Marx an Bracke 5.5.1875: "Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme." (...) Ich habe keine Sorge. Unsere Partei ist die jüngste, die dynamischste und lernfähigste Partei in Deutschland. Karl Marx hätte seine helle Freude an unserer Partei!
    Wohl wahr. Zumal diese Partei, zumal jedenfalls ihre gegenwärtige Vorsitzende gar keinen Hehl mehr daraus macht, daß sie "einen zweiten Sozialismusversuch wagen" will.

    Am vergangenen Wochenende fand in Berlin eine "Konferenz Sozialistische Politik zur Überwindung des Finanzmarktkapitalismus - Schritte zu einem Sozialismus des 21. Jahrhunderts" statt, veranstaltet von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der parteinahen Stiftung der Partei "Die Linke".

    Lesen Sie einmal das Programm; dann werden Sie verstehen, wie ernst es den deutschen Kommunisten mit "sozialistischen Transformationsperspektiven", mit "antikapitalistischer Umgestaltung", mit einem "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" ist. Auch Gesine Lötzsch hat auf dieser Konferenz einen Vortrag gehalten; auszugsweise hat ihn die "Junge Welt" gestern dokumentiert. Darin sagte Lötzsch:
    Über neue Ansätze sozialistischer Transformations-perspektiven zu sprechen heißt nicht unbedingt, in die Zukunft oder in ferne Länder zu schweifen. Wir können uns unser Leben hier und jetzt anschauen und verschüttete und neue sozialistische Ansätze finden. (...)

    Ich erlebe, daß sich Menschen mit eingezogenem Kopf der Diskussion um die Geschichte der Linken stellen und bereit sind, sich für Dinge zu entschuldigen, für die man sich nicht entschuldigen muß. Wir müssen uns nicht dafür entschuldigen, daß unsere Väter und Mütter nach dem Zweiten Weltkrieg versucht haben, eine Gesellschaft auf deutschem Boden ohne Krieg und Ausbeutung aufzubauen. Dieser Versuch war absolut legitim. (...)

    Es ist nicht immer angenehm, sich mit seinen eigenen Fehlern auseinanderzusetzen, doch es führt kein Weg daran vorbei, wenn man einen zweiten Sozialismusversuch wagen will. Wir können dieses Erbe nicht ausschlagen. Wir würden einen großen Fehler machen, wenn wir die Bewertung des ersten Sozialismusversuchs einfach unseren politischen Gegnern überließen.
    So sieht sie das, die Vorsitzende Gesine Lötzsch; so sehen es vermutlich die meisten in ihrer Partei: Die DDR war ein legitimer "erster Sozialismusversuch", bei dem freilich Fehler gemacht wurden. Jetzt steht ein "zweiter Sozialismusversuch" auf der Tagesordnung, bei dem man diese Fehler vermeiden wird.



    Wie ist es möglich, daß die beiden grundgesetztreuen Parteien SPD und "Die Grünen" bereit sind, mit einer solchen Partei zusammenzuarbeiten, jetzt auch auf Bundesebene? Ich weiß es nicht.

    Vielleicht gibt es auch in diesen Parteien genug einflußeiche Befürworter eines "zweiten Sozialismusversuchs"; einer neuen DDR 2.0, in der die "Fehler" der DDR 1.0 vermieden werden sollen. Vielleicht herrscht in diesen beiden Parteien auch nur der blanke Opportunismus. Man will an die Macht, und dafür ist man bereit, auch die Kommunisten an die Macht zu lassen.

    Karl Marx hätte in diesen Tagen seine helle Freude wohl nicht nur an den deutschen Kommunisten, sondern auch an ihren Unterstützern in der SPD und in der grünen Partei.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Karl Marx (1882). In der Public Domain, da das Copyright erloschen ist.