11. Dezember 2006

Randbemerkung: Zwei Tyrannen und ein Todesfall

Einer der beiden großen Diktatoren Lateinamerikas im Zwanzigsten Jahrhundert ist tot. Der andere, dessen achtzigster Geburtstag im August gefeiert wurde, ist, soviel man weiß, auf den Tod krank.

Dem einen, der jetzt gestorben ist, fielen - so heißt es in der Welt -, 3197 Menschen zum Opfer, die in seinen Gefängnissen gefoltert und ermordet wurden; dazu schätzungsweise 1000 "Verschwundene". Die Opfer des anderen wurden vom Boston Globe am Anfang dieses Jahres auf 9240 Menschen geschätzt, die hingerichtet wurden und in Gefängnissen als politische Häftlinge umkamen.

Hinzu kommt eine unbekannte Zahl von in cubanischen Gefängnissen Gefolterten wie zum Beispiel der Dichter Armando Valladares, der nach seiner auf amerikanischen Druck hin erfolgten Freilassung US-Amerikaner wurde und zeitweilig die USA-Delegation bei der UN- Kommission für Menschenrechte leitete. Er hatte wegen seiner Opposition zu Castros Regime 22 Jahre in cubanischen Gefängnissen gesessen; unter nachgerade unfaßbarem Leiden. Ich empfehle sehr die Lektüre seines Berichts.

Hinzu kommen mehr als 70000 Menschen, die bei dem Versuch, der cubanischen Diktatur zu entkommen, ums Leben kamen; die sogenannten "balseros" auf ihren Flößen, die sie nach Florida bringen sollten.



Zu Pinochet erscheinen jetzt die Nachrufe. Sie gehen so harsch mit ihm ins Gericht, wie er es verdient hat.

"Heute ist der chilenische Ex-Diktator Augusto Pinochet im Kreise seiner Familie gestorben. Seinen tausenden Opfern war dies nicht vergönnt: Viele starben durch Folter und landeten im Meer. Für Chile ist der Tod des Greises die Befreiung von einem 33-jährigen Alptraum", schreibt Carsten Volkrey in Spiegel-Online, dem man hier einmal zustimmen kann. "Tausende wurden während seiner Diktatur ermordet, verschleppt und gefoltert. Der Diktator selbst aber wurde für die Menschenrechtsverletzungen unter seiner Verantwortung nie bestraft", hieß es in der ARD-Tagesschau.

Daß Castro für seine Verbrechen noch zur Verantwortung gezogen wird, ist ebenfalls unwahrscheinlich. Nur, seltsam, während es weltweit bedauert wird, daß Pinochet straflos ausging, hört man kaum eine Stimme, die die Bestrafung Castros fordert.

Nun gut, man ist seiner ja nicht habhaft. Insofern mag eine solche Forderung sich dadurch erledigen, daß sie nicht realisierbar ist.

Aber wer würde überhaupt wollen, daß Castro für das, was er den Cubanern angetan hat, zur Verantwortung gezogen wird? Wieviele der Journalisten, die jetzt zu Recht den toten Pinochet verdammen, legen dieselben Maßstäbe an den sterbenden Castro an?

Warten wir die Nachrufe ab, in ein paar Tagen, Wochen oder Monaten.

10. Dezember 2006

Randbemerkung: Politische Fronten

Kürzlich habe ich hier argumentiert, daß die überkommene Links- Rechts- Dimension für den Verlauf politischer Fronten immer mehr an Bedeutung verliert und daß parallel dazu die Konfrontation zwischen Staatsgläubigen auf der einen und Befürwortern der Freiheit und Verantwortlichkeit der Bürger auf der anderen Seite an Bedeutung gewinnt. "Liberal- etatistisch" ist, so hatte ich argumentiert, die zentrale Dimension der Zukunft in den modernen kapitalistischen Gesellschaften.

Die Diskussion über das Rauchverbot liefert eine aktuelle Illustration. Nachdem die Juristen im Innen- und Justizministerium sich mit ihrer fachlichen Kompetenz endlich gegen die Luftikusse aus dem Gesundheitsministerium durchgesetzt haben, ist es jetzt - so, wie es die Gesetzeslage nun einmal bestimmt - Sache der Länder, ein eventuelles Rauchverbot in Gaststätten zu regeln.

Gibt es da nun eine Front der linksregierten gegen eine Front der rechtsregierten Länder? Überhaupt nicht. Wie in der FAZ zu lesen, sagte der saarländische Ministerpräsident Müller (CDU), der Staat "sollte sich aus der Diskussion um ein Rauchverbot im privaten Bereich heraushalten. 'Ob in Restaurants oder Bars geraucht werden darf, sollen Besitzer und Kunden entscheiden', sagte er."

Ein liberaler Mann also. In Bayern dagegen, so Stoiber, werde es "Rauchverbote in allen öffentlichen Räumen und in Restaurants geben". In Bierzelten nicht; soviel Folklore muß sein.

Beim Verbieten ist sich Stoiber mit der Linkspartei einig, die natürlich immer für mehr Staat ist; deren Gesundheitsexpertin Martina Bunge gibt offenbar nicht viel auf die Gesetzeslage: "... anders als von der Bundesregierung dargestellt, könne der Bundestag sehr wohl Gesetze zum Rauchverbot erlassen", so zitiert sie die FAZ.

Interessante Fronten.

9. Dezember 2006

Chaplin, Schmidt, Borat. Bemerkungen zum Lachen und zum Humor

Wenn wir richtig schön lachen, dann entblößen wir unser Gebiß und stoßen laute, rhythmische Laute aus. In der Regel als Gruppe. Lachen ist ansteckend. Lachen ist sozial, und es spricht alles dafür, daß es eine biologische Grundlage hat. Eine Gesellschaft oder eine Kultur, in der nicht gelacht werden würde, ist nicht bekannt.

Warum wir lachen, das ist - wie könnte es anders sein - wissenschaftlich noch nicht ganz geklärt. Freud vermutete, daß der Witz das Realitätsprinzip negiert und dadurch Verdrängtes freisetzt. Heutige Evolutionsbiologen wie Robert R. Provine sehen eher die soziale Funktion des Lachens. Vielleicht ist es zunächst aus dem Schnaufen beim heftigen Spiel entstanden, wird spekuliert. Richtig lachen konnten unsere Vorfahren erst, als sie sich aufgerichtet hatten, wodurch der Thorax von seiner Stützfunktion befreit und das Atmen kontrollierbar wurde. Damit konnte die spezielle motorische Koordination beim Lachen, eine Koordination der gesamten Atem- und Mund- Muskulatur wie beim Sprechen, einer sozialen Funktion verfügbar werden.

Welcher? Manche, wie Provine, heben hervor, daß man lacht, wenn man gekitzelt wird. Schon Säuglinge tun das. Wenn man sich selbst kitzelt, lacht man nicht. Das Lachen ist eine soziale Reaktion auf einen sozialen Reiz, auf eine bestimmte Art des - im Wortsinn - Angerührtwerdens durch andere. Ein kaum unterdrückbarer Automatismus. Angeblich hat man ja Menschen zu Tode zu foltern versucht, indem man von diesem Automatismus Gebrauch machte.



Aber die meisten Lacher erzeugt, jedenfalls beim erwachsenen westlichen Menschen, nicht das Gekitzeltwerden, sondern Humoristisches. Humor, das heißt eigentlich Saft, Flüssigkeit. Was da fließt und überfließt und aus uns herausfließt, wenn wir über etwas Lustiges lachen, das ist meist ein Gefühl der Überlegenheit.

Eine der evolutionären Theorien des Lachens, die vor einem Jahr von den beiden Biologen Thomas Gervais und David Sloan Wilson publiziert wurde, meint, daß das ursprünglichste Lachen das Lachen über ein Mißgeschick ist. Ungeschicktes, Unschickliches auch, wie Stolpern und Pupsen, das einem anderen widerfährt. Stolpern, so spekuliert diese Theorie, passierte häufig in der Zeit, in der unsere Ahnen den aufrechten Gang erwarben. Wenn ein Gruppenmitglied stolperte, dann wurde gelacht - es war ein Mißgeschick passiert, aber doch kein allzu großes. Wie beim Pupsen, so sagt diese hübsche (und im einzelnen sehr komplexe) Theorie. Und wie auch sonst, wenn eine "nicht ernsthafte soziale Inkongruenz" eintritt. Da macht man sich lustig, da löst sich alles in befreiendes und vereinendes Lachen auf. Auf Kosten desjenigen, den das Mißgeschick traf.

Damit verstehen wir, wieso solche TV-Sendungen wie "Upps - die Pannenshow" (Super-RTL) so erfolgreich sein können, in denen eigentlich nichts als eine Aneinanderreihung von Mißgeschicken gezeigt wird. Pferd und Reiter purzeln über eine Hürde, ein Go-Cart überschlägt sich, dergleichen. Was ist daran lustig? Es ist lustig, und kaum jemand kann sich dem Impuls zum Lachen entziehen, wenn jemand auf einer Bananenschale ausrutscht. "Wo ist da der Witz?", das mag eine akademische Frage sein. Für unser Homo- Sapiens- Gehirn ist es keine Frage. So wenig wie bei der Sahnetorte im Gesicht.



Wenn der - oder sagen wir vorsichtiger: ein - Kern des Humors diese evolutionär alte, automatisch ausgelöste Reaktion ist, über Mißgeschick - sofern es nicht wirklich schlimm ist - zu lachen, dann gibt es offensichtlich für den Humoristen zwei Wege, auf denen er uns zum Lachen bringen kann: Er kann entweder selbst als Opfer von Mißgeschicken auftreten, oder er kann andere dieser Art von Lächerlichkeit preisgeben.

Das erste ist die Methode des Dummen August im Zirkus und des klassischen Slapstick im Kino - von Charlie Chaplin, von Buster Keaton, von Laurel und Hardy zum Beispiel. Sie tappen von einem Ungemach ins nächste, sie stolpern sozusagen durchs Leben, und wir lachen darüber. Gewiß, unser Lachen ist nicht hämisch; Mitgefühl haben wir schon mit diesen armen Kerlen. Aber es ist doch eben ihr Mißgeschick, und im Grunde nichts anderes als dieses ihr Leiden, was uns zum Lachen reizt.

Ein running gag in Buster Keatons wunderbarem The Cameraman besteht darin, daß Buster mit seinem unhandlichen Kameragestell auf der Schulter durch eine Glastür will und diese dabei zerdeppert. Das tut er wieder und wieder, durch den ganzen Film. Und wieder und wieder können wir nicht anders, als lauthals lachen über dieses sich wiederholende Mißgeschick unseres doch eigentlich sympathischen Helden.

Das Mißgeschick war im Slapstick meist körperlicher Natur; später verschob es sich oft mehr in Richtung aufs Peinliche, wie bei Peter Sellers (für mich am Schönsten in The Party) und - sozusagen obersuperpeinlich - bei Rowan Atkinson als Mr. Bean. Oder es war sprachliches Mißgeschick, wie bei Karl Valentin und Heinz Erhardt.

Jacques Tati hat den von klassischen Slapstick- Mißgeschicken (wenngleich von der sanfteren Art) verfolgten Helden noch einmal mit Meisterschaft dargestellt. Doch da war (wie auch in Chaplins Modern Times) das Mißgeschick schon nicht mehr nur zum Lachen. Es trug eine Botschaft, bei Chaplin leise, bei Tati eindringlicher, um nicht zu sagen penetrant: Es ist die moderne Welt, es sind die Auswüchse der modernen Technik, die den ihr ausgelieferten Menschen von Mißgeschick zu Mißgeschick treiben. Da wurde nicht mehr nur gestolpert, sondern doch schon ziemlich der Zeigefinger erhoben. Ein veredeltes Kunststolpern, sozusagen.



Damit nähern wir uns der zweiten Art, wie der Humorist unsere angeborene Neigung, auf Mißgeschick Anderer mit Lachen zu reagieren, ansprechen kann: Nicht, indem er das Opfer solchen Mißgeschicks gibt, sondern indem er sich gewissermaßen auf unsere, der sich darüber durch ihr Lachen Erhebenden, Seite stellt.

Das ist die Rolle des klassischen politischen Kabarettisten. Er stolpert nicht, weder körperlich, noch verbal. Er führt den Stolpernden nicht in dem Sinn vor, daß er ihn spielt, den Stolpernden. Sondern er "führt" ihn in einem anderen Wortsinn "vor", indem er ihn bloßstellt.

Er will uns ja aufklären. Uns zum Lachen bringen, ja schon. Aber nicht um des Lachens willen. Sondern indem er uns darauf aufmerksam macht, wie andere stolpern und wie schlimm das ist. Die Politiker zumal sind Stolpernde. Die Reichen. Die Mächtigen. Kurz alle, die - so sieht es unser politischer Kabarettist - es verdient haben, daß wir uns an ihrem Stolpern, an ihrem Ausrutschen ergötzen.

In der alten Bundesrepublik wurde diese Art von Lächerlichmachen mit hohem moralischem Anspruch hingebungsvoll gepflegt - von politischen (oder, wie sich manchmal auch nannten) literarischen Kabaretts, oft und zunehmend dann auch von Einzelkünstlern. Wir kennen sie alle: Die "Insulaner" und die "Stachelschweine" in Berlin. Das "Kom(m)ödchen" in Düsseldorf. Die "Schmiere" in Frankfurt. Hanns Dieter Hüsch, Franz Josef Degenhardt, Dietrich Kittner.

Wir sollten lachen bei ihren Auftritten, ja. Aber das Lachen sollte uns doch auch im Halse steckenbleiben. Denn das Gestolpere, das sie uns vorführten, war ja die Anarchie des Kapitalismus, die Gemeinheit der Mächtigen, gar die Schlechtigkeit der Welt überhaupt.



Davon ist heute wenig geblieben. Wenn im Nachtprogramm eines öffentlich-rechtlichen Senders Dieter Hildebrandt seinen "Scheibenwischer" zelebrierte, dann wirkte das in letzter Zeit nostalgisch, fast schon rührend.

Stattdessen haben wir Harald Schmidt. Er ist das Muster eines Vertreters derjeniger Humoristen, die um keinen Preis selbst stolpern wollen. Zu stottern wie Heinz Erhardt, sich in der Sprache zu verheddern wie Karl Valentin - das käme ihm nicht in den Sinn. Jeder seiner Auftritte signalisiert uns im Gegenteil, wie intelligent der Mann ist, wie er alles durchschaut und unter Kontrolle hat.

Dabei hält er auf eine beeindruckende Weise die Balance zwischen Ernsthaftigkeit, Zynismus und Verarschung. Er redet über seine religiöse Überzeugung so, wie er über Politiker witzelt. Er ist imstande, die Verleihung des Bambi zu moderieren und dabei den Ton, der dort bei der Moderation üblich ist, halb zu perfektionieren und halb zu parodieren. Die Dummen hören nur die Perfektion, die Intelligenten hören die Parodie heraus.



Und Borat? Tja, der ist noch besser als Harald Schmidt. Wie dieser beherrscht er perfekt diese Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Parodie, wie dieser - nein, ungleich heftiger - setzt er sie ein, um seine Opfer zu verarschen.

Aber Cohen hat mit dieser Figur Borat noch etwas anders gemacht: Dieser Borat ist ja zugleich auch ein Tölpel, ein ständig Stolpernder. Die beiden Grundfiguren des szenischen Humors, der Humorist als Stolpernder und als das Stolpern anderer uns Vorführender - das hat Cohen in dieser Figur des Borat perfekt miteinander verbunden.

Wir können - wie bei Harald Schmidt - mit ihm über andere lachen. Und wir können zugleich - wie bei Charlie Chaplin - über ihn selbst lachen. Genial.



Titelvignette: Der Ha Ha Guy; eine Werbefingur, die in den USA für Forbes Dry Plates warb, in der Frühzeit der Fotografie.

7. Dezember 2006

Bekenntnisse eines Killerspielers

Ich war von Kindheit an ein Killer­spieler. Die erste Killer­waffe habe ich als Sieben­jähriger gebaut. Danach wurden die Waffen mir von Erwachsenen geschenkt. Ich habe sie auf andere Menschen gerichtet, Kinder und Erwachsene.

Es begann, als ich in der Nachkriegszeit keinen Zugang zu Waffen hatte. Ich habe mir also meine eigene gebaut, einen Flitzebogen. Entscheidend war die Biegsamkeit des Weiden­astes und das herausgeschnittene Stück aus einem Holunder­ast, das man auf den Pfeil setzen und durch Hin- und Herschieben austarieren mußte.

Damit habe ich auf Bäume, Tiere, Menschen gezielt. Der Pfeil traf selten; aber die Absicht, zu treffen, bestand.

Als ich auf die Grundschule - sie hieß damals Volksschule - kam, erhielt ich meine erste Feuerwaffe. Eine schwarze Pistole, zwar nur aus Plastik, aber sonst sehr realistisch. Sie verschoß Wasser, und ich habe sie mit großer Freude auf Menschen gerichtet. Manchmal quiekte mein Vater, wenn ich ihn wieder einmal getroffen hatte. Mir zuliebe.

Aber sie war stumm, meine Pistole. Also schrie ich immer "bumm!", wenn ich auf jemanden schoß. Und die Betreffenden taten mir oft den Gefallen und schrien zurück: "aua!" Oder sie hielten sich die getroffene Stelle, oder sanken gar, wenn sie mir besonders wohlgesonnen waren, als tot darnieder.



Es fehlte diesen meinen ersten Waffen allerdings nicht nur der Bumm, sondern auch der Geruch.

Dem wurde abgeholfen, als ich meine erste Zünd­plättchen­pistole bekam. Ich mag damals acht oder neun gewesen sein. Diese Pistole war, streng genommen, keine Pistole, sondern ein Revolver. Ein richtiger, schwarzer Revolver aus Metall. Man öffnete, wie das beim Revolver notwendig ist, das Magazin, indem man es seitlich herausklappte. Dann legte man die Zündplättchen ein und schob das Magazin zurück. Wenn man schoß, dann flog zwar keine Kugel aus dem Lauf, aber das Zündplättchen zündete. Und es roch - das war das Wesentliche - nach Pulver. Pulverrauch, echt.

Mit diesem Revolver habe ich auf Menschen gehalten, was das Zeug hielt. Ich hatte ihn im Karneval dabei, mal als Trapper und mal als Cowboy. Der Friseur unseres Städtchens bot zum Karneval einen Sonderservice: Er bemalte die Kinder. Ich bekam Schnurrbart und Kinnbart. Und lief dann zwei oder drei Tage rum, auf alles schießend, was mir vor den Revolver kam.

Das war schön. Oder, in heutiger Sprache: Es war echt geil.



Im Sommer waren wir beim Onkel auf dem Land, einem Landpastor. Wir spielten Indianer, fast immer. Jeder hatte seine Waffen - ich den Revolver wieder, aber auch Pfeil und Bogen. Auch selbstgebastelte Lanzen hatten manche. Die einen waren Winnetou und Intschu Tschuna. Andere nur Blitzmesser oder Old Wabble.

Das wurde ausgefochten, wer wer war; logischerweise. Man ging mit Lanzen aufeinander los. Es wurde auch schon mal jemand am Marterpfahl befestigt.

Kurzum, wir waren Killerspieler, den ganzen Sommer über. Killerspielen, das war unsere Welt. Auch die der Squaws, auch wenn sie weniger aufs Killen aus waren



Etwas später, als ich vielleicht elf war, verbrachten wir den Sommer in der Schweiz, in Morschach ob Brunnen. Damals war ich so killerspielsüchtig, daß ich fast nur als waffenbehangener Indianer herumlief. Einmal stürmte ich, den Kriegsruf ausstoßend (man schreit "hiiiiiii" und haut sich dabei rhythmisch auf den Mund), einen Weg hinunter, den ein starker Schweizer emporklimmte. Er hat mich kurz beiseitegestoßen, und ich landete im Graben. Buchstäblich, ich rollte einen Abhang hinab, meine Lanze schwingend, matter werdende Kriegsrufe ausstoßend.

Auch ein Killerspiel. Allerdings mußte ich zugeben, daß diesmal ich der Gekillte war.

Dann kam die Luftpistole, das Luftgewehr. Meine Luftpistole war eigentlich keine. Sie verschoß die Geschosse dadurch, daß eine Feder gespannt und mit Betätigung des Abschusses plötzlich entspannt wurde. Man verschoß damit eine Art Pfeile mit einer Gummispitze, die sich durch Unterdruck an das Ziel heftete. Mein Freund hatte aber ein wirkliches Luftgewehr, mit dem er mal auf Äste schoß, mal auf Vögel. Ja, auf Vögel. Er war aber kein Krimineller. Er war Sohn eines Physikers, und er hat sich später sehr schön entwickelt.



Danach war es nicht mehr viel mit den Killerspielen. Ich "durchlief" das Gymnasium, wurde irgendwie intellektueller, verlor den Bezug zur Gewalt.

Ich bekam, als ich als Zweitsemester meinen Eltern mitteilte, ich würde den Sommer über in Frankreich per autostop herumtrampen, eine Gaspistole geschenkt; zu meiner Sicherheit. (Man konnte sie damals, 1961, frei kaufen, und meine Mutter begleitete mich ins Waffengeschäft).

Eine Gaspistole - das war im Prinzip eine Pistole, nur nicht durchgebohrt. Ich hatte sie beim Trampen, jede Sommerferien, immer in der linken Brusttasche. Einmal hätte ich fast geschossen. Das war, als mich spätabends jemand in einsamer Gegend mitgenommen hatte und er mir plötzlich sagte, wir würden jetzt in den Wald fahren, weil er mir ein altes Schloß zeigen wollte.

Da hatte ich die Pistole schon entsichert. Aber er wollte mir wirklich nur das Schloß zeigen. Oder vielleicht war ich auch nicht sein Typ.



Blicken wir zurück: Irgendwie habe ich es geschafft, bisher niemanden zu ermorden, obwohl ich mit Killerspielen aufgewachsen bin.

Liegt es daran, daß die Killerspiele meiner Jugend weniger realistisch gewesen waren als die Killerspiele der heute Jungen? Das Gegenteil ist der Fall: Ich habe auf reale Menschen angelegt. Wer heute ein Egoshooter-Spiel spielt, der legt virtuell auf einen virtuellen Gegner an. Weit weniger realistisch also.

Liegt es daran, daß heute die ganze Welt aggressiver geprägt ist als in den Fünfzigern, den Sechzigern? Ich kann das überhaupt nicht sehen. Mein ganzes Leben lang habe ich nicht so viele freundliche, friedliche, liebe Menschen erlebt wie heute.

Wir sind doch auf dem Weg in eine feminisierte Gesellschaft. Schutz und Sicherheit, Pflegen und Hegen allenthalben. Nie war es so sicher, in diesem Land zu leben.

Wir werden behütet und betütelt, daß uns der Atem wegbleibt.



So sehr herrscht überall Sicherheit, daß selbst ein Gymnasiast, der im Web eine kleine Drohung ausstößt, ein ganzes Bundesland in den Ausnahmezustand versetzen kann.

Glückliches Deutschland also? Hm, so ganz sicher bin ich nicht.



Titelvignette: SigP220-Pistole. Autor: Rama. Frei unter Creative Commons Attribution ShareAlike 2.0 France Licence

Was sagte Gates gestern wirklich? Sie werden überrascht sein ...

Gestern berichtete Spiegel online: "Der designierte Verteidigungsminister Robert Gates hält es unter den gegebenen Umständen im Irak für ausgeschlossen, den Krieg zu gewinnen." Sat1 meldete unter der Überschrift "Rumsfeld- Nachfolger gibt Irak- Sieg auf" über die Aussage von Gates vor dem Verteidiungsausschuß des Senats dies: "Die USA werden seiner Ansicht nach den Krieg im Irak nicht gewinnen." Und News.ch wußte zu berichten, Gates habe "die Frage, ob die USA den Krieg im Irak gewinnen könnten, mit einem 'Nein' beantwortet".

Die Überschrift zu dieser Meldung von News.ch lautet (jedenfalls im Augenblick): "Robert Gates soll Aussenminister werden". Und so wahr wie diese Überschrift ist auch das, was die drei zitierten Medien - und viele andere, vielleicht im Gefolge von Agenda Setters wie Spiegel Online - über die Aussage von Gates vor dem Verteidigungsausschuß des US-Senats berichten.



Gestern, als diese Meldungen herumgeisterten, habe ich vergeblich versucht, im Web das Wortprotokoll der Anhörung zu finden. Inzwischen ist es zugänglich, unter anderem bei der International Herald Tribune.

Und wie zu vermuten - Gates hat keineswegs gesagt oder auch nur angedeutet oder impliziert, daß die USA den Krieg nicht gewinnen werden, daß sie ihn nicht gewinnen können, daß ein Sieg unter den gegebenen Umständen ausgeschlossen ist.

Im Protokoll gibt es drei Passagen, in denen Gates zu diesem Punkt Stellung nimmt, und zwar in Beantwortung von Fragen der Senatoren Levin, McCain und Inhofe. Ich zitiere diese Passagen und füge jeweils meine Übersetzung hinzu:
LEVIN: (...) Mr. Gates, do you believe that we are currently winning in Iraq?
GATES: No, sir.

LEVIN: (...) Herr Gates, glauben Sie, daß wir im Augenblick im Irak siegreich sind?
GATES: Nein, Sir.


MCCAIN: (...) I'd like to follow on just what Senator Levin said. We are not winning the war in Iraq. Is that correct?
GATES: That is my view, yes, sir.
MCCAIN: And therefore, the status quo is not acceptable?
GATES: That is correct, sir.

MCCAIN: (...) Ich möchte gern an das anknüpfen, was Senator Levin gesagt hat. Wir sind nicht dabei, den Krieg im Irak zu gewinnen. Stimmt das?
GATES: Das ist meine Sicht, ja, Sir.
MCCAIN: Und deshalb kann der jetzige Zustand nicht hingenommen werden?
GATES: Das stimmt, Sir.


INHOFE: (...) ... you were asked the question, "Are we winning in Iraq?" General Pace was asked that question yesterday. He said, no, we're not winning, but we're not losing. Do you agree with General Pace?
GATES: Yes, sir, at this point.

INHOFE: (...) ... Ihnen wurde die Frage gestellt: "Sind wir dabei, im Irak zu gewinnen?" Dem General Pace wurde gestern diese Frage gestellt. Er sagte, nein, wir sind nicht dabei, zu gewinnen, aber wir sind auch nicht dabei, zu verlieren. Stimmen Sie mit General Pace überein?
GATES: Ja, Sir, im Augenblick.



Es ging also bei allen drei Dialogen um die momentane militärische Situation im Irak. Jeder, der Englisch versteht, kann das dem Protokoll entnehmen. Es wurde nicht gefragt "Can we win?" oder "Will we win?", sondern "Are we winning?"; und beim ersten Dialog wurde das sogar noch durch "currently" unterstrichen - momentan, gegenwärtig, im Augenblick also.

Folglich zog auch Senator McCain aus der bestätigenden Antwort von Gates den Schluß, daß die gegenwärtige Situation (der status quo) nicht hingenommen werden kann. Nicht hingenommen werden kann, so ist zu ergänzen, damit es nicht am Ende zu einer Niederlage kommt.

Und folglich stimmte Gates der Aussage von General Pace zu, man sei nicht am Gewinnen, aber auch nicht am Verlieren.



Auch aus dem übrigen Protokoll der Anhörung geht zweifelsfrei hervor, daß Gates es keineswegs für ausgeschlossen hält, den Krieg zu gewinnen. Ich empfehle allen, die die Zeit dafür aufbringen können, dieses Protokoll zu lesen. (Das Blättern geht schneller, wenn man die Version in 3 Spalten wählt oder gleich die Druckversion). Hier als Kostprobe ein Abschnitt aus Gates' einleitender Stellungnahme:
Developments in Iraq over the next year or two will, I believe, shape the entire Middle East and greatly influence global geopolitics for many years to come. Our course over the next year or two will determine whether the American and Iraqi people, and the next president of the United States, will face a slowly, but steadily improving situation in Iraq and in the region, or will face the very real risk, and possible reality, of a regional conflagration. We need to work together to develop a strategy that does not leave Iraq in chaos, and that protects our long-term interests in and hopes for the region.

Die Entwicklungen im Irak in den nächsten ein bis zwei Jahren werden, glaube ich, den ganzen Mittleren Osten prägen und für viele weitere Jahre die globale Geopolitik bestimmen. Unser Kurs über die nächsten ein oder zwei Jahre wird darüber entscheiden, ob das amerikanische und das irakische Volk - und der nächste Präsident der Vereinigten Staaten - sich einer langsam, aber stetig verbessernden Situation im Irak und in der Region gegenübersehen werden, oder ob sie sich der sehr realen Gefahr eines Flächenbrands gegenübersehen werden, der möglicherweise zur Realität wird. Wir müssen zusammenarbeiten, um eine Strategie zu entwickeln, die den Irak nicht im Chaos hinterläßt und die unsere langfristigen Interessen in dieser Region und unseren Hoffnungen für sie bewahrt.



Man vergleiche das mit den eingangs formulierten Meldungen (und vielen seither; gerade eben hat die Tagesschau wieder gemeldet, laut Gates "sei der Irak-Krieg nicht zu gewinnen") - und man weiß, was man von diesen Medien zu halten hat.

Mit anderen Worten, da hat es gestern mal wieder laut gequakt. Freilich quakt es diesmal - anders als bei den Enten, die ich kürzlich ein wenig geröstet habe - nicht nur aus Hamburg. Sondern es war ein Gequake allüberall zu vernehmen. Jedenfalls im Alten Europa.




Es geht hier natürlich auch um ein Problem des Übersetzens:

Die entscheidende Formulierung lautet We are currently not winning in Iraq.

Also, grammatisch, Present Progressive. Das bedeutet jedenfalls nicht die Vorhersage, daß der Krieg verloren gehen werde, oder gar die kategorische Behauptung, er könne nicht mehr gewonnen werden; so, wie das von den zitierten Medien wiedergegeben wurde. Gates hat eben nicht gesagt We will not win in Iraq oder We cannot win in Iraq.

Ich habe übersetzt, daß "wir im Augenblick nicht siegreich sind", daß - bei dem anderen Zitat - "wir nicht dabei sind, zu gewinnen". Man könnte auch übersetzen: "wir gegenwärtig nicht auf der Siegesstraße sind" oder "der Krieg nicht in Richtung Sieg läuft"; dergleichen.

You are winning oder you are losing - das sagt der Boxtrainer seinem Schützling zwischen den Runden. Er beschreibt damit die Punktewertung, so wie sie im Augenblick ist. Die aktuelle Situation, den momentanen Trend.

Er sagt dem Boxer aber damit natürlich nicht: Du wirst gewinnen. Oder: Du wirst verlieren. Oder gar: Du kannst nicht gewinnen.



Er teilt ihm mit, wie die Dinge stehen, damit er sich darauf einrichten kann: Er ist auf der Verliererstraße, also muß er sich anstrengen, eine bessere Taktik versuchen.

Genau das hat Gates mit seiner Äußerung in Bezug auf den Irak-Krieg ausgedrückt.

Daß Medien - aus einem unverantwortlichen Journalismus heraus und/oder aufgrund mangelnder Kenntnis des Englischen - ihm das Wort im Mund herumdrehen und ihm zuschreiben würden, er hätte den Krieg für nicht gewinnbar erklärt - das hätte er vielleicht antizipieren können.

Vielleicht übersteigt dieses Maß an Chuzpe, oder auch dieses Ausmaß sprachlicher Unfähigkeit, aber auch das, was sich selbst ein alter Fahrensmann aus der CIA ausmalen konnte.

Anmerkung: Bei der Übersetzung des Dialogs mit Inhofe war mir ein Versehen unterlaufen, auf das mich zwei Kommentatoren hingewiesen haben; siehe die Kommentare. Danke! Der Text ist jetzt korrigiert.

6. Dezember 2006

Der Mond und der Pony Express

Bis vor weniger als zweihundert Jahren mußte man eine Nachricht übermitteln, indem man sie physisch überbrachte. Ein Mensch oder mehrere Menschen mußten sie transportieren. Am schnellsten ging das mit Reitenden Boten, die die Pferde wechselten, die auch selbst einander ablösten auf dem Ritt vom Absender zum Empfänger.

Vermutlich die schnellsten Reitenden Boten aller Zeiten waren die Reiter des Pony Express. Eine der Legenden des Wilden Westens, obwohl er kaum zwei Jahre existierte - von April 1860 bis November 1861. Seine Reiter schafften es in der unglaublichen Zeit von zehn Tagen, eine Nachricht von der Ost- zur Westküste der USA zu befördern.

Aber da war der Reitende Bote schon veraltet. Bereits ab ungefähr 1830 waren Telegraphen gebaut worden. Und just im Jahr 1860 waren dem U.S. Post Office vierzigtausend Dollar pro Jahr dafür bewilligt worden, eine Telegraphenleitung von Küste zu Küste zu bauen und zu unterhalten. Schlechte Zeiten, schlechte Startbedingungen also für den wunderbaren Pony Express.



Die Erfindung und Verbreitung des Telegraphen änderte grundlegend das, was "Übermittlung einer Nachricht" bedeutet. Nämlich nicht mehr den physischen Transport von Pergament, Papier, eines versiegelten Schreibens. Sondern die Übertragung von Nachrichten war hinfort ein technischer Vorgang, bei dem - Claude Shannon hat es später in seiner Mathematical Theory of Communication exakt analysiert - eine Zeichenfolge, die der Absender erzeugt, vom Empfänger rekonstruiert werden kann, wenn er über denselben Zeichensatz verfügt.

Mehr oder weniger allerdings rekonstruiert werden kann, verzerrt durch das Rauschen (Noise, Äquivokation), das der Kanal der Nachricht antut; aber doch hinreichend, um eine physische Übermittlung zu ersetzen. Und mit ungleich größerer Geschwindigkeit als diese; selbst den schnellsten Ponies, selbst den schnellsten Flugzeugen weit überlegen.

Für uns ist es heutzutage selbstverständlich, daß Nachrichten nicht physisch, nicht durch sich fortbewegende Menschen übertragen werden. Selbst die Tageszeitung können wir, wenn wir wollen, elektronisch lesen, statt sie uns vom Zeitungsboten morgens in den Briefkasten werfen zu lassen.




Die Erforschung der Welt hat sich über nahezu die gesamte Geschichte der Menschheit hinweg so vollzogen, wie Nachrichten durch einen Boten übermittelt wurden: Man begab sich dorthin, wo man Neues finden wollte.

Die Entdecker segelten los, sie marschierten durch Urwald und Wüstensand, organisierten ihre Safaris. Sie arbeiteten sich dorthin vor, wo noch nie ein Mensch gewesen war, oder zumindest noch nie ein Europäer. Sie löschten durch ihre Expeditionen die "weißen Flecken auf der Landkarte", die noch im Zwanzigsten Jahrhundert oft beschworen wurden. Sie löschten sie, indem sie hingingen und sich alles ansahen; es in ihre Karten eintrugen und es in ihren Expeditions- Tagebüchern notierten,

Heute gibt es sie nicht mehr, die weißen Flecken auf der Landkarte. Es gibt sie vor allem deshalb nicht mehr, weil wir heute die Welt nicht mehr allein durch das kennen, was Menschen gefunden haben, die physisch vor Ort gewesen waren.

Die ersten Satelliten, die ein Auge auf die Erde geworfen haben, waren der Spionagesatellit Discoverer, der in vielen Exemplaren von 1960 bis 1972 spähte, und der Wettersatellit Tiros, mit dem der metereologische Blick auf die Erde begann. Seither ist die Erde für uns alle immer mehr ein aufgeschlagenes Buch; wir können sie uns inzwischen mittels Google Earth so genau angucken, wie nur immer wir mögen. Zoom!



Kein Mensch überbringt uns diese Informationen darüber, wie die Erde von oben ausschaut. Die Ermittlung, die Übertragung von Informationen über unsere Erde sind völlig davon getrennt worden, daß sich Menschen an einen bestimmten Ort begeben.

Ebenso ist es bei der Erforschung des Weltalls. Schon mit der Erfindung des Teleskops entstand die Möglichkeit, mehr über die Welt zu erfahren, ohne daß Menschen weiter reisen mußten. Galilei und seine niederländischen Zeitgenossen ließen ihre Geräte das Licht brechen, statt selbst dorthin zu gehen, wo sie Neues und Genaueres kennenlernen wollten.

Diese Forschungsstrategie hat in den vergangenen Jahrzehnten zu nachgerade unglaublichen Erfolgen geführt - zu den spektakulären Aufnahmen durch das Weltraumteleskop Hubble, zu einer Erweiterung unserer Kenntnisse über das Planetensystem. Die Erforschung zwar nicht "des Alls", aber doch immerhin unseres Planetensystems, ist in vollem Gang. Dank besserer Technik. Ohne daß ein Mensch sich auch nur einen Millimeter von der Erdoberfläche entfernt hätte.

Was um 1860 herum für die Nachrichtenübermittlung möglich wurde, ist heute die Realität der wissenschaftlichen Forschung: Technische Systeme leisten das, was früher Menschen dadurch vollbringen mußten, daß sie sich an den jeweiligen Ort begaben. Wir lassen heutzutage forschen, statt selbst vor Ort zu gehen.



Die Folgerung daraus liegt auf der Hand: Menschen bei der Erforschung unseres Sonnenssystems physisch dorthin zu schicken, wo man etwas erforschen möchte, ist ungefähr so absurd, als hätten die USA um 1860 herum darauf beharrt, Nachrichten von der Ost- zur Westküste nicht durch den Telegraphen zu übertragen, sondern den Pony Express einzusetzen.

Und doch ist genau dies offensichtlich beabsichtigt, und ausgerechnet von der NASA. Ab 2024, so hat sie heute bekanntgegeben, soll eine permanent bemannte Mondstation existieren. Und deren Sinn und Zweck soll sein, einen bemannten Flug zum Mars vorzubereiten.



Vielleicht sollte man ja auch überlegen, ob man Nachrichten von Connecticut nach Californien künftig wieder durch Ponyreiter überbringen läßt.

5. Dezember 2006

Anmerkungen zur Sprache (3): Kleine, gemeine, leise Anglizismen

Daß es reichlich albern ist, wenn die Deutsche Bahn ihre Schalter "Counter" nennt und wenn die Deutsche Telekom sich mit abgekürztem Namen "Tii-komm" aussprechen läßt, liegt auf der Hand. Das sind so dumme Anglizismen, daß man sie gar nicht diskutieren kann. Sie sind indiskutabel. Kein Wort also dazu.

Aber es gibt andere, versteckte Anglizismen, die interessanter sind. Von ihnen ist hier die Rede.



"Hast du deinen Führerschein in der Lotterie gewonnen?" fragte man früher einen tölpelhaften Fahrer. Vielleicht tut man es auch heute noch; ich habe es allerdings lange nicht mehr gehört.

In dieser Redewendung wird "gewinnen" in einer seiner beiden Hauptbedeutungen benutzt: Man "gewinnt" etwas in einem Spiel, einer Ausspielung, einem Wettbewerb. Das große Los, einen Trostpreis, eine Medaille zum Beispiel. In einer zweiten Bedeutungsvariante "gewinnt" man nicht etwas, das man mit nach Hause nehmen kann, sondern ein Spiel, einen Kampf, eine Auseinandersetzung. Der "Gewinner" ist hier nicht der "glückliche Gewinner", sondern der Sieger. Beim Olympiasieger trifft beides zusammen: Er gewinnt, sagen wir, den Marathonlauf; und er gewinnt dafür die Goldmedaille.

Eine Ehrung aber "gewinnt" man im Deutschen nicht. Ebensowenig, wie einen Nobelpreis oder den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Solche Preise bekommt man zuerkannt. Man wird mit einem derartigen Preis geehrt. Schlicht gesagt: Man erhält ihn. Man ist der Preisträger und nicht der Gewinner.

Im Englischen aber sagt man to win the Nobel Prize. Seit ein paar Jahrzehnten häuft sich auch im Deutschen dieser Ausdruck. "Kurz vor 12 Uhr mittags kam ein Anruf aus Stockholm: Er, Hänsch, habe den diesjährigen Nobelpreis gewonnen" konnten wir zum Beispiel vor gut einem Jahr in Spiegel-Online lesen. Offenbar hat man in Stockholm in eine Lostrommel gegriffen - und wie es der Zufall wollte, war der deutsche Physiker Hänsch der Glückliche, dessen Namen auf dem gezogenen Los stand.



Das sind sie - die kleinen, leisen, die gemeinen Anglizismen.

Wenn in Deutschland Schüler und Studierende aus einem Buch lernen, dann ist das ein Lehrbuch. Wenn es ein Buch ist, in dem Texte versammelt sind, dann ist es ein Lesebuch. Neuerdings aber ist es immer häufiger ein "Textbuch". Offensichtlich deshalb, weil so etwas auf Englisch textbook heißt. Besonders apart ist es, wenn selbst ein Deutsch-Lesebuch zum Textbuch mutiert, wie zum Beispiel hier.

Wenn man genau angeben möchte, in welchem Jahr etwas passierte, dann sagt man "im Jahr 1914 brach der Erste Weltkrieg aus" oder "2005 fanden vorgezogene Bundestagswahlen statt". Englisch heißt das in 1914 und in 2006. Auch diese Redeweise beginnt auf breiter Front ins Deutsche einzudringen. Heute lesen wir zum Beispiel im Internet an einem Ort, der sich immerhin als Adresse für Ausbildung, Studium und Beruf empfiehlt: "Eindrucksvoll bestätigen die Ergebnisse des Karrieretests auch in 2006, dass ein BWL-Studium neben dem Beruf ein ausgezeichneter Karriere-Motor ist". Ohne das "in" wäre das ein deutscher Satz. So ist es ein Bastard.

Keine dieser Änderungen des Deutschen ist eine Bereicherung. Der Ausdruck wird dadurch nicht klarer, nicht plastischer, nicht präziser. Der Anglizismus macht keinen Sinn.

"Macht" keinen Sinn? Doesn't make sense, so sagt man es im Englischen. Im Deutschen heißt das: "ergibt keinen Sinn". Oder - was hier besser passen würde - "ist nicht sinnvoll".

Und zumindest wer einen "Kurs in Deutsch lehrt" oder ihn gar "gibt" (teaches a course in German, gives a course), sollte das wissen. Wenn er den Kurs eben nicht "in Deutsch" "lehren" oder "geben" würde, sondern einen Deutschkurs anbieten, leiten oder veranstalten.



Wie kommt es zu diesen versteckten Anglizismen? Anders als das Denglisch à la "Hair Shop" und "Meeting Point" sind sie nicht der unsäglichen Dummheit geschuldet, welche die Werbestrategen bei ihren Kunden vermuten. Sondern sie entstehen aus Nachlässigkeit.

Bilingualismus ist eine der erstaunlichsten Fähigkeiten des menschlichen Gehirns. Kinder können zwei Sprachen so leicht lernen wie eine. Man kann das an vielen Kindern von Einwanderern sehen; seltsamerweise scheinen wir es unseren deutschen Kindern aber nicht zuzutrauen.

Meist gelingt es Bilingualen hervorragend, die beiden Sprachen syntaktisch getrennt zu halten; vor allem bei sogenannten coordinate bilinguals, bei denen die beiden Sprachsysteme auch in Bezug auf die Begrifflichkeit, also "konzeptuell", weitgehend getrennt sind. Aber gelegentlich kommt es doch vor, daß Ausdrucksweisen der einen Sprache in die andere hineinschwappen. Günther Anders, der Deutsch als Muttersprache hatte und in die USA emigrieren mußte, schrieb gern "in anderen Worten" statt "mit anderen Worten". Als jemand, der von Anders eine sehr hohe Meinung hat, habe ich mich wiederholt dabei erwischt, "in anderen Worten" zu schreiben. Nicht, weil ich das besser oder treffender gefunden hätte als den deutschen Ausdruck. Es war die pure Schlamperei.

Vor ungefähr zwanzig Jahren habe ich habe einmal in einem Manuskript geschrieben: "Das ist nicht wirklich plausibel". Damals schrieb die Herausgeberin auf die Druckfahne: "Sie meinen sicherlich 'wirklich nicht plausibel'?" Das habe ich zerknirscht korrigiert; es war ja ein ungewöhnlich dummer Anglizismus gewesen. Heute ist "nicht wirklich" als deutsches Echo auf not really längst etabliert.



Alles nicht schlimm? Vielleicht. Auch Daumenlutschen und Nasebohren sind ja nicht schlimm. Nachlässigkeiten, fehlende Disziplin. Vermutlich wird man diese sprachlichen Schludereien nicht vermeiden können; als Preis des Bilingualismus. Aber man sollte ihnen doch entgegenwirken, so gut man kann. Gerade wenn man, wie ich, dafür eintritt, daß alle Kinder bilingual aufwachsen.

Sie sollten ihre Muttersprache und Englisch beherrschen, aber sie bitte nicht ineinanderrühren. Sondern sie hübsch getrennt halten. Separate but equal.



© Zettel. Titelvignette: Johann Gottfried Herder. Gemälde von Johann Ludwig Strecker (1775). In der Public Domain, da das Copyright erloschen ist. Links zu allen Folgen dieser Serie findet man hier.

3. Dezember 2006

Warum tragen Prolls Goldkettchen?

Diese Frage stellt Stern Online im Augenblick seinen Lesern. Ja, das habe ich auch immer schon wissen wollen.

Was die Leser von Stern Online antworten, das ist leider noch nicht zugänglich; vorläufig öffnet sich nur ein Schreibfenster, wenn man auf die betreffende Überschrift klickt. Also mußte ich mir selbst meine Gedanken machen. Hier sind sie.

Richtig formuliert ist eine Frage manchmal fast schon beantwortet. Im vorliegenden Fall liegt, denke ich, der Schlüssel zur Antwort darin, die Frage so zu stellen: "Warum tragen eigentlich nur Prolls Goldkettchen?" Warum nicht auch der Chefarzt, der Lehrer, der Buchhändler, der Buchhalter? Wenn schon nicht im Dienst, dann doch zumindest in ihrer Freizeit, in der Oper, in geselliger Runde?

Und warum trägt hingegen die Frau Chefärztin, die Lehrerin, warum tragen so viele Frauen Goldkettchen, Perlenketten, Schmückendes aller Art?



Wir haben es offensichtlich erstens mit einem Gender-Problem zu tun, zweitens mit einem Problem von beträchtlichen historischen und interkulturellen Dimensionen.

Frauen schmücken sich. Sie schmücken sich mannigfach. Der Schmuck im engeren Sinn ist ein Teil dieses allgemeinen Sich- Schmückens. Dieses Sich- Schmücken- Dürfens, ja Sich- Schmücken- Sollens. Männern ist das nicht im gleichen Umfang gestattet. Es sei denn, man ist homosexuell. Es sei denn, man ist ein Proll mit Goldkettchen.

Warum ist das so? Woher dieser Unterschied im Rollenverhalten, in der Rollenerwartung?



Eine triviale Antwort liegt auf der Hand, und sie ist erkennbar falsch: Der Rekurs auf die Biologie. Die lange herrschende Skepsis gegen Erklärungen, die biologische, die genetisch bedingte Unterschiede ins Spiel bringen, ist zwar im Abflauen, was erfreulich ist. Aber hier würde uns dieser Weg ganz und gar in die falsche Richtung führen.

Denn erstens sind quer durch die Fauna fast immer die Männchen die Prächtigeren, die Geschmückteren. Was auch eminent Sinn macht, denn da die Weibchen in der Regel nur eine relativ kleine Zahl von Nachkommen gebären können, von Eiern legen können, während die Männchen über einen üppigen Samenvorrat verfügen, ist es an den Weibchen, wählerisch zu sein. Sie sind die Konsumentinnen, die Männchen die Anbieter in einer freien Marktwirtschaft.

In anderen Worten: Bei Männchen macht's die Masse, daß sie ihre Gene weitergeben. Bei Weibchen macht's die geschickte Selektion. Also müssen die Männchen sich anstrengen. Im Verhalten, aber eben auch im Aussehen. Sie müssen so prächtig daherstelzen, daherschwimmen, daherfliegen, wie sie nur eben können. Weibchen nicht.

So war und ist es in der Regel auch beim Menschen. Daß Männer sich weniger schmücken als Frauen, ist schlicht nicht der Fall. In der Regel schmücken sich beide Geschlechter, und nicht selten treiben die Männer dabei den größeren Aufwand. Vom sein Penisfutteral vor sich hertragenden Papua bis zum Barockfürsten unter seiner Allonge, auf hochhackigen Pumps daherstelzend und zierlich sein Spazierstöcklein schwingend.



Nein, der ungeschmückte, der jedenfalls im Vergleich zur Frau bescheiden geschmückte Mann ist eine Erfindung unserer Kultur, unserer Gegenwart. Es begann Ende des 18. Jahrhunderts mit einer gewissen Unordentlichkeit, die sich als Einfachheit gab - der Revoluzzer als Sansculotte, zwar nicht ohne Hose, aber ohne die höfische Kniebundhose; stattdessen in unförmigen, um seine untere Körperhälfte herumschlotternden Beinkleidern. Der Stürmer und Dränger mit wirrem Haarschopf über seinem Feuerkopf. Dann, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Turner im Schillerkragen, im altdeutschen Wams, den Zottelbart auf die Brust wallend, wie beim Turnvater Jahn.

Da war die Schmucklosigkeit Protest. Protest gegen die als dekadent, als überzüchtet, als gekünstelt erlebte Feudalgesellschaft. Ehrlich, kernig, treu, unverfälscht wollte man sein. Im Inneren wollte man das sein, und dem korrespondierte ein schmuckloses Äußeres.

Damals - in den Jahrzehnten vor und nach der Wende zum neunzehnten Jahrhundert - ging den Männern nicht nur die Perücke verloren, sondern auch der meiste sonstige Schmuck. Ihre Kleidung wurde schwarz, grau, jedenfalls gedeckt. Jemand, der, wie der junge Werther, im blauen Frack mit gelber Weste herumlief, wäre Mitte des neunzehnten Jahrhunderts als ein Geck erschienen, ein Dandy, wie man das dann nannte. Der Dandy war, Ende jenes Jahrhunderts, gewissermaßen der lebende Protest gegen diese Entwicklung zur Schmucklosigkeit.

Warum vollzog sie sich? Da kann man viel spekulieren. Aufstieg des Bürgertums auf der Grundlage der protestantischen Ethik. Ethos der Arbeit. Figuren wie der Vater in Hebbels "Maria Magdalena" bestimmten nun die Gesellschaft. (In Lessings "Emilia Galotti" war eine ähnliche tragische Vaterfigur noch das hilflose Opfer in einer Feudalgesellschaft gewesen).



Vielleicht war es ja wirklich diese Schmucklosigkeit, die uns den Aufstieg des Kapitalismus bescherte. Der emsige Kaufmann, der disziplinierte Unternehmer, der unermüdliche Ingenieur, der mit strenger Methodik exakt forschende Wissenschaftler - sie alle tragen ja Merkmale dieser Austerität, dieses Verzichts aufs Schmückende, auf die Pose, die Darstellung. Les savants austères, heißt es bei Baudelaire.

Gut möglich, daß diese Zeit des bürgerlichen Aufstiegs, des Erfolgs strengen Denkens und disziplinierten Handels in unseren Tagen zu Ende geht. Jedenfalls werden die Männer wieder bunter.

Und dabei passiert etwas, was kulturgeschichtlich ganz untypisch ist: Die oberen Schichten orientieren sich an den unteren.

Fast immer in der Geschichte war es umgekehrt. Die Unteren eiferten den Oberen nach; in den Sitten, im Denken, auch in der Mode. "Volkstrachten" sind ja oft nichts anderes als die Oberschicht-Mode vergangener Zeiten. Der Frack, den noch heute die Saaldiener im Bundestag tragen, war vor zweihundert Jahren Alltagskleidung; die Frackschöße dienten dem bequemen Reiten.



Jetzt aber dringt die Unterschicht-Kultur nach oben. Und damit sind wir wieder bei den Goldkettchen der Prolls. Die Unterschicht, jedenfalls Teile davon, hat die skizzierte Entwicklung zur bürgerlichen Unscheinbarkeit und Austerität nie ganz mitgemacht. Dort war man immer weniger "verbogen"; die Prolls aller Zeiten haben sich, ob Frau oder Mann, am Klitzernden, am Bunten gefreut - ob nun Talmi oder richtiges Gold, ob Glas oder Besseres.

Und man hat dort auch schon lange dieses kindlich- unverkrampfte Schmuckbedürfnis auf die eigene Haut bezogen, sich also tätowieren lassen, allerlei Schmückendes an der Haut befestigt, der Nase, wo immer es sich anbot. Mag sein, daß das Seeleute aus der Südsee mitgebracht hatten.

Inzwischen ist diese Proll-Kultur dabei, in die besseren Kreise vorzudringen, oder in das, was davon übriggeblieben ist. Gepiercte Akademikerinnen, tätowierte Polizisten sind keine Seltenheit mehr. Es gibt Verprollungstendenzen in allen Schichten der Gesellschaft.

Vielleicht ist das ja nur eine Rückkehr zur Normalität, der Abschied vom Bürgertum des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts. Vielleicht geht damit aber auch mehr einher, eine gewisse Auflösung der Strenge und Disziplin, die unsere Kultur zur Weltkultur gemacht haben.

Nun, heute geht sie in einer neuen Weltkultur auf. Also, wer weiß, vielleicht sind die Goldkettchen an Männerarmen und -Hälsen in ein paar Jahrzehnten so normal, wie es Ende des achtzehnten Jahrhunderts normal wurde, ohne Perücke herumzulaufen.

Randbemerkung: "Das Leben der Anderen". Ein politischer Film?

Kunst hat nichts mit Politik zu tun. Ob ein Gedicht gut ist oder ein Roman, hängt so wenig von der politischen Haltung des Autors ab, wie die politische Einstellung des Malermeisters darüber bestimmt, ob er eine Wohnung ordentlich renoviert oder Pfusch abliefert.

Man sollte sich eigentlich scheuen, eine solche Binsenwahrheit zu schreiben. Aber sie wurde und wird von vielen nicht gesehen, ja ausdrücklich geleugnet. In den siebziger und achtziger Jahren war die Auffassung weit verbreitet, ja sie galt unter Intellektuellen nachgerade als Gemeinplatz, daß jede Kunst erstens politisch sei, ob sie es wolle oder nicht. Und daß es zweitens die Pflicht jedes anständigen Künstlers sei, seine Kunst in den Dienst fortschrittlicher, also linker, politischer Ziele zu stellen.

Meist sehr verschwommen formulierter Ziele, wie Gerechtigkeit und Solidarität. Manchmal aber auch sehr konkreter, sehr praktischer Ziele. Nicht wenige Künstler haben sich damals - nicht einfach als Staatsbürger, sondern sozusagen als im Dienst befindliche Kunstschaffende - zur DKP bekannt und deren Ziele, beispielsweise die Veränderung des europäischen militärischen Gleichgewichts zugunsten der Sowjetunion, unterstützt. Sie verstanden das als Arbeit für den Frieden.

Sich überhaupt politisch "einzubringen", Manifeste und Deklarationen zu unterzeichnen, sich "zu Wort zu melden", das gehörte bis weit in die achtziger Jahre hinein sozusagen zum Berufsbild des Künstlers. Kaum ein Monat, in dem nicht in den Zeitungen und Zeitschriften irgendwelche Anzeigen erschienen, in denen Künstler urteilten, sich empört zeigten, mahnten, zu Diesem und Jenem aufriefen.



Der Film war von dieser seltsamen Sicht auf die Kunst natürlich nicht ausgenommen. Ihm, als einem Massenmedium, galt sogar die besondere Aufmerksamkeit linker Theoretiker. Harmlos erscheinende Unterhaltungsfilme wurden in ihrer "politischen Funktion" entlarvt.

Der Revuefilm der vierziger Jahre, so wurde verkündet, - sollte von den Leiden des Kriegs ablenken. Der deutsche Heimatfilm der fünfziger und sechziger Jahre - diente der Restauration des Nationalismus. Der amerikanische Katastrophen- und UFO-Film derselben Epoche - sollte das Gefühl der Amerikaner, von den Kommunisten bedroht zu werden, verstärken.

Und so fort. Wer suchet, der findet.

Freilich gab es Filme, die wirklich politisch waren. Durchhaltefilme, patriotische Filme auf beiden Seiten der Front im Zweiten Weltkrieg; der letzte deutsche war "Kolberg" von Veit Harlan und Wolfgang Liebeneiner, der inmitten des untergehenden Reichs 1945 fertiggestellt worden war. Nach dem Krieg waren vor allem die Filme, die unter der Herrschaft des Kommunismus hergestellt wurden, politische Filme. Die DEFA war zur Parteilichkeit verpflichtet. Sie sollte "helfen, in Deutschland die Demokratie zu restaurieren, die deutschen Köpfe vom Faschismus zu befreien und auch zu sozialistischen Bürgern erziehen", lesen wir als Zitat aus der Gründungszeit der DEFA in der deutschen Wikipedia; leider wieder einmal ohne Quellenangabe.

Politische Filme sollte die DEFA verfertigen. Es waren schlechte Filme, ganz überwiegend; notwendigerweise.

Denn gute politische Kunst zu machen ist schwer, fast unmöglich. Das Kunstwerk als das angestrebte Arbeitsergebnis und die politische Wirkung als Ziel laufen einander zuwider. Kunst ist facettenreich, widersprüchlich, uneindeutig. Deshalb lädt sie ja zur Interpretation ein, erlaubt sie viele Deutungen. Politische Agitation aber verlangt Eindeutigkeit, die klare "Stellungnahme", die zugespitzte "Aussage".

Agitationsfilme sind deshalb fast immer schlechte Filme, so wie auf dem Theater Agitationsstücke zwar vorübergehend populär sein können, aber ihre Zeitaktualität selten überdauern. Brechts Lehrstücke sind ein Beispiel, die Stücke von Rolf Hochhuth sind ein offensichtliches Beispiel. Was soll man an einem Stück interpretieren, das seine vom Autor vorgesehene Interpretation wie eine Monstranz vor sich herträgt? Was in aller Welt sollte einen Regisseur an einem Stück reizen, dem just die Vieldeutigkeiten und die Assoziationsgeflechte fehlen, die einen neuen inszinatorischen Blick auf den Text ermöglichen?



Gestern ist "Das Leben der Anderen" in Warschau mit gleich drei europäischen Filmpreisen ausgezeichnet worden: Dem für den besten Film und für das beste Drehbuch. Und Ulrich Mühe erhielt den mehr als verdienten Preis für den besten Hauptdarsteller.

"Das Leben der Anderen" - ein politischer Film. Kein politischer Film.

Ein politischer Film insofern, als sein Thema der Umgang einer Staatsmacht mit "ihren" Bürgern ist; spezifischer sind es die psychischen Verformungen, die es bei Herrschenden wie Beherrschten mit sich bringt, wenn ein Staat keine Achtung vor der Menschenwürde seiner Untertanen hat, und damit letztlich auch vor der Menschenwürde seiner eigenen Diener.

Kein politischer Film aber, weil er keine "Botschaft" transportiert. Florian Henckel von Donnersmarck hat sehr sorgfältig recherchiert, jahrelang. Er hat eine - soweit das unter Beachtung der Dramaturgie eines Films möglich ist - realistische Geschichte erzählt, auch wenn gelernte DDR-Bürger das eine oder andere Detail für unglaubwürdig halten mögen.

Aber der Film "will uns" nichts "sagen". Er klagt nicht an, er agitiert nicht. Er ist insofern eben gerade kein politischer Film. Und kann deshalb ein großer Film sein.

Ich glaube, einen so unpolitischen politischen Film konnte nur jemand aus einer Generation machen, die nicht mehr durch die politischen Verkrampftheiten der siebziger und achtziger Jahre geschädigt ist. Und daß es gerade jemand mit der Weltläufigkeit Henckels von Donnersmarck war, dem dieses Werk über ein Stück deutsche Geschichte gelang, ist vielleicht auch kein Zufall.

2. Dezember 2006

Armut (5): Statistisches

"Als arm gilt hierzulande jeder, dem weniger als 60 Prozent des in seiner Region durchschnittlichen Netto- Einkommens zur Verfügung stehen", war gestern im Tagesspiegel zu lesen.

Es geht in dem Artikel des "Tagesspiegel" um eine statistische Korrelation zwischen Armut und Krankheit. Eine Korrelation, die vom Tagesspiegel kühn mit der Feststellung "Armut macht krank" interpretiert wird.

Ich will mich jetzt nicht mit dieser Interpretation einer Korrelation als Kausalzusammenhang befassen (die etwa so zwingend ist wie die bekannte Deduktion: Die Zahl der Storchennester korreliert mit der Zahl der Kinder; also werden die Kinder vom Storch gebracht), sondern mit der Definition der Armut: Arm sei, so besagt es diese Definition, wer weniger als sechzig Prozent des Durchschnittseinkommens verdient.



Um Armut messen und um damit Armutshäufigkeit zählen zu können, braucht man eine operationale Definition von "Armut".

Man könnte qualitative Kriterien verwenden - Mangelernährung, fehlende ärztliche Versorgung, die Abwesenheit von Merkmalen eines auskömmlichen Lebens (livelyhood). Das so zu ermitteln, daß man zu verläßlichen Daten gelangt, ist aber schwierig; von der Problematik eines Teils dieser Kriterien, wie sie im vierten Teil dieser Serie diskutiert wurde, ganz abgesehen.

Also basieren statistische Armutsdaten in der Regel nicht auf solchen qualitativen Kriterien, sondern auf quantitativen Merkmalen, die sich einigermaßen sicher erheben lassen. Dazu gehören zum Beispiel die Lebenserwartung, der Prozentsatz der Analphabeten, die Häufigkeit von Kinderarbeit und dergleichen.

Allerdings gelangt man auch damit noch nicht zu griffigen Aussagen darüber, wieviel Prozent einer Bevölkerung arm sind; denn natürlich korrelieren diese Kriterien nur mäßig miteinander. Im einen Land - sagen wir, Cuba - kann die Alphabetisierung gut sein, aber die Ernährungslage schlecht; anderswo - beispielsweise in einem arabischen Ölstaat - mag es umgekehrt sein. Ganz und gar kann man aufgrund derartiger Merkmale nicht die einzelne Person oder die einzelne Familie als arm klassifizieren, weil es ja häufig der Fall sein wird, daß sie gemäß Kriterium X als arm zu gelten hätte, gemäß Kriterium Y aber nicht.

Folglich wird, wenn man einen Prozentsatz von Armut ermitteln möchte, im allgemeinen die Einkommenshöhe zugrundegelegt. Das ist ein unproblematisches, leicht zu ermittelndes Kriterium.



Wenn man die Grenze, bis zu der jemand als arm betrachtet wird, anhand der Einkommenshöhe bestimmen möchte, dann gibt es im Prinzip zwei Möglichkeiten. Man kann dieses Limit als einen bestimmten Geldbetrag festlegen, oder man kann es auf einen Kennwert beziehen, der auf allen Einkommen basiert. Im ersten Fall definiert man absolute, im zweiten relative Armut.

Ein oft verwendetes absolutes Kriterium habe ich in früheren Teilen der Serie erwähnt: Arm ist, nach der Definition der Weltbank, wer - paritätsbereinigt - weniger als einen Dollar am Tag zum Leben hat (extreme Armut) bzw. weniger als zwei Dollar (mäßige Armut).

Die so operationalisierte Armut ist, wie zum Beispiel hier zu sehen, im Weltmaßstab massiv zurückgegangen; von rund 40 Prozent im Jahr 1981 auf 21 Prozent im Jahr 2001. Allerdings nicht gleichmäßig; im Afrika südlich der Sahara ("Schwarzafrika") hat sie sogar zugenommen.

Für Europa, für Nordamerika spielt Armut, so definiert, so gut wie keine Rolle. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die in diesem absoluten Sinn arm sind. Dennoch gibt es in den betreffenden Ländern eine lebhafte Armutsdiskussion. Sie beruht darauf, daß Armut anders definiert wird, nämlich relativ. Ob jemand arm ist, wird bei dieser Art von Definition nicht mehr durch das Einkommen dieser Person oder Familie allein bestimmt, sondern wesentlich auch durch das Einkommen der anderen.

Verbreitet sind Festlegungen, die jemanden als arm definieren, wenn er weniger als 50 Prozent oder - das ist die geltende Definition in der EU - weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens bezieht. Als "mittleres Einkommen" wird dabei der Median der Einkommen betrachtet, also dasjenige Einkommen, unterhalb und oberhalb von dem jeweils die Hälfte der Einkommen liegen. Manchmal wird aber auch das arithmetische Mittel verwendet. Je nach Schiefe der Verteilung ergibt das etwas abweichende Daten; der Einfachkeit halber verwende ich bei den folgenden Beispielen das geläufigere arithmetische Mittel.

Schaut man sich diese Definitionen von Armut vorurteilsfrei an, dann kommt man zu einem einfachen Ergebnis: Definitionen der Armut als Einkommen unterhalb einer Grenze, die als ein bestimmter Prozentsatzes des durchschnittlichen Einkommens bestimmt wird, sind absurd. Sie sind so erkennbar absurd, daß man sich fragt, wie jemand sie überhaupt vorschlagen, geschweige denn offiziell einführen konnte.



Sie sind absurd aus mindestens zwei Gründen:
  • Erstens implizieren sie, daß die Armen einfach dadurch aus ihrer Armut befreit werden können, daß man die Einkommen der Reichen reduziert.

    Nehmen wir den folgenden fiktiven Fall: In einem Land X verdient das unterste Quintil (die untersten zwanzig Prozent) 1.000 Dollar, das nächste Quintil 2.000 Dollar, das dritte 5.000, das vierte 10.000 und das oberste Quintil 50.000 Dollar. Das Durchschnittseinkommen beträgt somit 13.600 Dollar. Jemand, der 6.000 Dollar verdient, liegt bei weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens, ist also gemäß der EU-Definition arm.

    Wie befreit man ihn aus seiner Armut? Nichts einfacher als das: Die Einkommen des obersten Quintils werden radikal besteuert, so daß deren Durchschnitt auf 30.000 Dollar absinkt. Das mittlere Einkommen liegt dann nur noch bei 9.600 Dollar, und unser Einkommensbezieher ist mit seinen 6.000 Dollar aus seiner Armut erlöst.

    Es geht ihm zwar nicht besser als zuvor. Bei seinem Einkommen, bei Einkommen seiner Nachbarn und seiner Bekannten hat sich ja nichts geändert. Nur diejenigen, deren Einkommen sich auf seine Lebensqualität überhaupt nicht auswirkt, sind in ihrem Einkommen beschnitten worden. Aber schwupp! - der zuvor Arme ist nicht mehr arm.

  • Die zweite Absurdität ist noch offensichtlicher. Wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens "seiner Region" bezieht, sei nach EU-Definition arm, so heißt es in der eingangs zitierten Passage aus dem "Tagesspiegel".

    Ja, was ist das denn, "seine Region"? Seine Gemeinde, sein Bundesland, sein Kanton oder sein Département? Seine Nation? Oder die EU? Jemand kann von Arm zu Reich, wieder zu Arm und wieder zu Reich wechseln, so wie Alice durch das Knabbern am Pilz mal schrumpfte und mal wuchs, je nachdem, was man als "Region" zu definieren beliebt. Ein Bauer mag der Reichste in seinem Dorf sein - als Luxemburger ist er vielleicht arm. Und als EU-Europäer wieder weit davon entfernt, arm zu sein. Viele Einwohner der DDR, die - in der "Region" DDR - alles andere als arm gewesen waren, wurden - jetzt in der "Region" Bundesrepublik Deutschland - mit dem Tag der Wiedervereinigung zu Armen. Auch wenn es ihnen von diesem Tag an besser ging.


  • Was also soll der Unsinn? Wie kann man mit einem Maß für Armut operieren, das so erkennbar absurd ist?

    Nun, es verliert seine Absurdität sofort, wenn man unterstellt, daß es gar nicht um Armut geht, sondern um die Ungleichheit der Einkommen. Das EU-Maß mißt überhaupt nicht, ob jemand in irgendeinem vernünftigen, begründbaren Sinn arm ist. Sondern es mißt, wie stark die Einkommen gespreizt sind.

    Für die Spreizung der Einkommen nun allerdings gibt es sehr viel subtilere Maße als das grobschlächtige Armuts-Kriterium der EU. Das geläufigste ist der Gini-Koeffizient.

    Hier ist eine Grafik, die für eine Reihe von Ländern die Entwicklung dieses Koeffizienten über die vergangenen Jahrzehnte zeigt. Je niedriger der Koeffizient, umso weniger Ungleichheit der Einkommen gibt es, und damit - definiert man Armut relativ - tendenziell auch umso weniger Armut.

    Der Staat in der Grafik, der hiernach im Jahr 2002 die geringste Armut gehabt hätte, ist Bulgarien.

    1. Dezember 2006

    In eigener Sache

    Wie es der Zufall will, treffen fast auf den Tag genau zwei kleine Jubiläen dieses Blogs zusammen: Heute wurde der fünfzehntausendste Besucher gezählt, und "Zettels Raum" wird in diesen Tagen ein halbes Jahr alt. Am 4. Juni erschien der erste Beitrag; ein Abschiedsgruß an das aus formalen Gründen geschlossene Forum von Schrippe, in dem ich jahrelang viel geschrieben hatte.

    Im Alter von einem halben Jahr ist man noch sehr klein; aber man krabbelt viel. Man ist neugierig und versucht die Welt zu verstehen. Und man freut sich, wenn man Freundlichkeiten von schon Herangewachsenen erfährt: Wie "Zettels Raum" zum Beispiel heute von B.L.O.G.. Als hätte man dort die beiden kleinen Jubiläen geahnt. ;-) Danke!

    Dank auch an alle, die durch ihren Besuch in "Zettels Raum" und durch ihre Kommentare (hier oder in "Zettels kleinem Zimmer") die Rückmeldung geben, die man braucht, wenn man etwas schreibt. Die jedenfalls ich brauche.

    Denn ein Rufer in der Wüste zu sein - das ist das Letzte, was zu "Zettels Raum" passen würde.

    30. November 2006

    Zettels Meckerecke: Hilfssheriffs

    Der "Mannesmann-Prozeß" ist zu Ende. Er ist so zu Ende gegangen, wie es gelegentlich im Western passiert: Bevor der Bösewicht zum Galgen geführt werden konnte, kommt jemand angeritten, sprengt die Tür zum Gefängnis, hievt den Bösen auf sein Pferd, und beide suchen das Weite.

    Die Bewohner von Tombstone oder Carson City fühlen sich dann um ihr Schauspiel betrogen. Sie wollten den Bösen hängen sehen, und nun wurde ihnen dieses Vergnügen genommen. Also lassen sie sich als Hilfssheriffs vereidigen, schwingen sich zu Pferde und machen sich auf, Gerechtigkeit zu üben.



    Eine solche handgreifliche Form der Bürgerbeteiligung ist im Fall Ackermann nun freilich nicht zu befürchten. Aber der Wunsch danach dürfte in mancher deutschen Brust kochen; und vor sozusagen virtuellen Hilfssheriffs wimmelt es nur so.

    Statt sich unter einem Schuldspruch zu beugen, macht sich der Bösewicht Ackermann vom Acker, indem er in die Westentasche greift und einen lächerlichen Betrag von ein paar Millionen Euro löhnt. Und wir, die auf das Schauspiel seiner Verurteilung wartenden Bürger, haben das Nachsehen. "Schluß, aus, vorbei", wie der Stern titelt.



    Wenn der Volkszorn kocht, dann brodeln die Äußerungen unserer Politiker mit. Spiegel Online konstatiert einen "allgemeinen Aufschrei" und nennt die Begründung der Entscheidung "hanebüchen". Dort wird Renate Künast zitiert: "Die Bürger müssten den Eindruck gewinnen, dass die Summe nur hoch genug sein müsse, damit Manager vor ihrer Strafe davon kommen könnten." Und der Vorsitzende der Landesgruppe der CSU im Bundestag, Ramsauer, fand, laut Spiegel-Online, diese Worte: "Wie eine solche Freikaufaktion auf das gesunde Rechtsempfinden der Menschen im Lande wirkt, so wirkt sie auch auf mich." Laut Tagesspiegel sagte des weiteren Oskar Lafontaine: "Es entsteht der Eindruck, wenn du viel Geld hast, kannst du dich von Strafen freikaufen."

    Einige von denjenigen, die sich so geäußert haben - besonders prononciert der Grüne Fritz Kuhn gestern abend bei Frank Plaßberg - sind Juristen, andere nicht. Aber kaum einer scheint überhaupt an den juristischen Gesichtspunkten interessiert zu sein, die zur Einstellung des Verfahrens gegen die Zahlung von Geldauflagen geführt haben.

    Soweit das bekannt wurde, wäre es ein Prozeß mit höchst ungewissem Ausgang geworden, der über lange Zeit hätte andauern können. Für Ackermann wäre (die Welt hat es vorgerechnet) gemäß den Paragraphen 40 und 54 des StGB maximal 3,6 Millionen Euro Geldstrafe herausgekommen - maximal, wohlgemerkt; im Fall eines Schuldspruchs. Jetzt zahlt er unwesentlich weniger, 3,2 Millionen.

    Die Staatsanwaltschaft, die Verteidigung und das Gericht haben sich auf das verständigt, was bei dieser Sachlage vernünftig war und was der Paragraph 153a der Strafprozessordnung vorsieht: Einstellung des Verfahrens gegen Zahlung von Geldauflagen.



    Nun hört man - zuletzt habe ich es gestern in den "Tagesthemen" so vernommen - immer wieder die Argumentation, diese Möglichkeit der Einstellung sei für kleinere Delikte gedacht gewesen. Und oft im selben Atemzug wird behauptet, daß nur Millionäre sich auf diese Art "freikaufen" könnten. Ja, watt denn nu? sagt der Berliner in solch einem Fall.

    Es wird irrational argumentiert, was das Zeug hält. Wenn irrational argumentiert wird, dann liegt der Verdacht nahe, daß es in den Tiefen der Volksseele rumort.

    Andreas Platthaus hat in einem lesenswertigen Beitrag in der FAZ die psychologischen Gründe dafür analysiert, daß Ackermann zum Buhmann wurde; zum Bösewicht eben, wie er im Western auf seine Hinrichtung wartet. Nicht nur seine unverschämt hohen Bezüge, nicht nur sein Erfolg, seine Härte beim Rationalisieren - sondern jenes V-Zeichen sei es, das man ihm angekreidet habe:
    Denn was Ackermann endgültig in die Rolle des Buhmanns der Nation brachte, war das Foto mit dem Victoryzeichen vor dem ersten Verhandlungstag. (...) Es ist (...) viel weniger der Neid auf Ackermanns jährliche Millioneneinkünfte (...); es ist das medial befeuerte Gefühl, daß dort einer ohne Rücksicht die Welt verändern wolle. Daß er sich von allem gelöst habe, was als Wert gemeinhin anerkannt wird.
    So einen wollen wir hängen sehen.



    Mag sein, daß viele Menschen nicht fähig sind, von ihrem Neid, von ihrer Ablehnung des Fremden, des Kühlen, des Globalisierers zu abstrahieren und den Fall sachlich zu sehen. Das ist halt das "gesunde Volksempfinden". Das dumpfe Bauchgefühl, das es uns allen gelegentlich schwer macht, unseren Verstand zu gebrauchen.

    Aber sollten Politiker nicht eigentlich einem solchen Brodeln des "gesunden Volksempfindens" entgegentreten, statt ihm nach dem Mund zu reden? Brüsten viele sich nicht oft genug damit, den "Anfängen zu wehren", wenn es um dumpfen Nationalismus, um dumpfe Fremdenfeindlichkeit geht? Erheben sie sich nicht ständig über "die Stammtische"?

    Ja, das tun sie. Jedenfalls meist. Offenbar nur dann nicht mehr, wenn es um dumpfen Neid auf die Reichen geht, auf die Erfolgreichen, die Globalisierer. Dann scheint auf einmal der Aufklärungsbedarf wie weggepustet zu sein. Dann schwadronieren Politiker, linke wie rechte, herum, als säßen sie im Bierdunst der Dorfkneipe.

    Sie reiten, die Hilfssheriffs. Und kein Marshall ruft sie zur Räson.

    29. November 2006

    Anmerkungen zur Sprache (2): Die neue Lingua Franca

    Gestern am späten Nachmittag übertrug der Sender Phoenix den Besuch des Papstes beim diplomatischen Corps in Ankara. Die Begrüßungsworte sprachen ein katholischer Würdenträger und der Doyen des diplomatischen Corps, der Botschafter des Libanon. In welcher Sprache redeten sie? Natürlich sprachen sie Englisch.

    Der Papst sprach dann teils Englisch, teils Französisch. Er wechselte mehrfach zwischen diesen Sprachen. Nach welchen Gesichtspunkten, habe ich nicht verstanden, denn der Papst war ohnehin schlecht zu verstehen. Ärgerlicherweise brabbelte nämlich ein Übersetzer darüber, so daß die Worte des Papsts weitgehend akustisch maskiert wurden.

    So, wie es leider in einem Land die Regel ist, in dem die Medien offenbar unterstellen, daß ihre Zuschauer und Zuhörer sozusagen akustisch illiterat sind, sobald ein Text nicht auf Deutsch gesprochen wird.



    Es gehört zu den Merkmalen aller Hochkulturen, daß sie sich eine gemeinsame Sprache schaffen, eine Lingua Franca. Es war folglich immer das Merkmal der Zivilisierten, mindestens zweisprachig zu sein.

    In der Antike war das Griechische die Sprache der Wissenschaften und der Philosophie. Dies blieb es auch noch, als Griechenland politisch abgestiegen war und Rom die zivilisierte Welt dominierte. Damals wurde Latein die Lingua Franca außerhalb des Kulturlebens. Aber noch der Jude Paulus schrieb, bereits auf einem Höhepunkt der Macht des Römischen Reichs, nicht Latein, sondern Griechisch.

    Aus dem Lateinischen gingen viele europäische Sprachen hervor, und viele andere - das Englische zum Beispiel, das Deutsche - wurden stark vom Latein beeinflußt. Zugleich blieb es aber die Sprache der Wissenschaft, auch zum Teil die Sprache von Urkunden, von Verträgen.

    Es war ein ungeheurer Vorteil für das mittelalterliche Europa, daß es diese gemeinsame Sprache, diese Lingua Franca, hatte. Es gab dadurch einen geistigen Austausch, der keine Grenzen der Länder, der Nationen kannte.



    Bei vielen der Gelehrten des Mittelalters ist es belanglos - und wird oft auch gar nicht beachtet -, welcher Nationalität sie eigentlich waren. Thomas von Aquin war Italiener, aus der Gegend von Neapel gebürtig, lehrte aber in Paris. Sein Lehrer Albertus Magnus war Deutscher - Bayer -, studierte aber in Padua und Bologna. Er lehrte an verschiedenen deutschen Universitäten und dann in Paris. Duns Scotus war, wie sein Name sagt, geborener Schotte. Er studierte und lehrte in Oxford, in Paris, später in Köln.

    Und so fort. Ein bedeutender Gelehrter des Mittelalters, der sich als "Deutscher", als "Franzose" oder als "Schotte" verstanden hätte und der gar darauf beharrt hätte, in seiner Nationalsprache zu lehren und zu schreiben, war undenkbar.



    Als Sprache der Wissenschaft blieb das Latein bis ins achtzehnte, teilweise bis ins neunzehnte Jahrhundert dominant. Noch der große Physiologe E.H. Weber publizierte seine bahnbrechende Arbeit über den Tastsinn zunächst unter dem Titel "De tactu". Das war 1834! Und noch Schopenhauer schrieb teilweise Lateinisch und bewarb sich auf Latein an der Berliner Universität.

    Aber das war damals, in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, schon zu Seltenheit geworden. Bereits Descartes hatte seine Schriften zwar noch zum Teil auf Latein, zum Teil aber schon auf Französisch verfaßt; wie den berühmten "Discours de la méthode", die Abhandlung über die Methode.

    Etwa zu seiner Zeit - also in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts - begann eine Epoche, in der das Französische das Latein weitgehend als Lingua Franca ablöste. Spinoza schrieb noch Latein, Leibniz aber schon überwiegend Französisch. Im achtzehnten Jahrhundert dann war Französisch die Sprache der Gebildeten. Friedrich II von Preußen beherrschte sie perfekt; die Feinheiten hatte er sich von Voltaire lehren lassen. In Fontanes wunderbarem Roman "Vor dem Sturm" kann man lesen, wie die Gebildeten in Deutschland Anfang des 19. Jahrhunderts noch Französisch parlierten; in Rußland tat man es bis zur Oktoberrevolution.

    Davon ist das Französische als "Sprache der Diplomatie" geblieben, wie es der Papst gestern erwähnte, als er auf Englisch begründete, warum er jetzt ins Französische wechseln würde. Aber selbst Diplomaten verständigen sich heute überwiegend auf Englisch; auch wenn sie noch einen Doyen haben und als Attachés ein Aide-Mémoire ausarbeiten.



    Also, der Papst war, als er in Ankara passagenweise Französisch sprach, mal wieder ein Konservativer. Die Zeit des Französischen ist jedoch vorbei. Die heutige Lingua Franca ist natürlich das Englische. Oder genauer gesagt: English with a foreign accent.

    Kürzlich wurde ich vor der Universität von zwei Iranern auf eine Spende angesprochen, die sich als exilierte Professoren ausgaben. Natürlich auf Englisch. Sie sahen in mir einen Universitätsmenschen; also setzten sie voraus, daß ich Englisch konnte. Zu Recht natürlich. Wer in einer Wissenschaft arbeitet, der liest und schreibt Englisch. Das ist so selbstverständlich, wie ein Physiker die Mathematik beherrschen muß und ein Musiker die Notenschrift.

    Aber längst ist ja das Englische nicht mehr nur die Lingua Franca der Wissenschaft. Sondern es ist die Lingua Franca der Globalisierung.

    Junge Leute, die als Rucksacktouristen unterwegs sind, verständigen sich ebenso selbstverständlich auf Englisch wie Geschäftsleute, die Waren ex- und importieren oder die in multinationalen Unternehmen tätig sind. Jeder Künstler, der etwas taugt, spricht auf Vernissagen, bei der Vorstellung eines Films, bei Konzertproben Englisch mit den Mitarbeitern, mit den Gästen. Auf internationalen Konferenzen gebietet es zwar oft der Nationalstolz, Reden in der eigenen Sprache zu halten; aber wenn man sich informell trifft, dann wird natürlich auf Englisch diskutiert.



    In den kleineren Ländern Europas ist diese Zweisprachigkeit längst selbstverständlich geworden. Ob man in Schweden unterwegs ist oder in Lettland, ob in Holland oder Dänemark - man wird kaum jemanden treffen, mit dem man sich nicht auf Englisch verständigen kann.

    Als ich einmal in Holland gearbeitet habe, sind meine Versuche, das Niederländische zu lernen, dadurch untergraben worden, daß ich überall mit Englisch durchkam, ja daß man es mir aufdrängte. Vom Hausmeister des Instituts, in dem ich arbeitete, bis zum Taxifahrer und zur Kellnerin antworteten mir alle sofort auf Englisch, wenn ich Niederländisch zu radebrechen anhub.

    Nur in den "großen Nationen", allen voran Frankreich und Deutschland, klappt es noch nicht mit der Einführung der Lingua Franca. In beiden sehen viele den Vormarsch des Englischen als eine Attacke auf die eigene Sprache, ja die eigene Kultur.

    Quelle sottise! Denn wer eine zweite Sprache beherrscht, der hat natürlich viel mehr Verständnis für die eigene Sprache als diejenigen, die das nicht tun. Es sind ja gerade die Ungebildeten, diejenigen, die des Englischen nicht mächtig sind, die auf das dumme, manchmal absurde Denglisch der Werbung, der Medien hereinfallen. Man beutet aus, daß sie kein Englisch können; jedenfalls nicht hinreichend Englisch können.

    Dazu ein paar Überlegungen im dritten Teil.



    © Zettel. Titelvignette: Johann Gottfried Herder. Gemälde von Johann Ludwig Strecker (1775). In der Public Domain, da das Copyright erloschen ist. Links zu allen Folgen dieser Serie findet man hier.

    28. November 2006

    Zettels Meckerecke: Spiegel Online nimmt ernst

    Amerikanische Kolumnisten lieben das, was man als ein counterfactual Argument bezeichnet - ein Argument, das einen Gesichtspunkt auf die Spitze treibt, ihn durch irgendeine absurde hypothetische Konsequenz illustriert. Durch etwas, was nichts mit der Realität zu tun hat, was aber ein Schlaglicht auf die Realität werfen soll.

    Dieses Stilmittels hat sich in der Los Angeles Times der Kolumnist Jonathan Chait bedient, als er in seiner Kolumne vom 26. November die Lage im Irak, so wie er sie sieht, diskutierte. Um deutlich zu machen, wie ernst diese Lage sei, spielt Chait die kontrafaktische Idee durch, einfach Saddam Hussein zurück an die Macht zu bringen. Schlimmer als jetzt, so sagt er, könne es dann auch nicht werden. Und malt genüßlich auch noch die "Vorteile" aus, die das hätte.

    Bittere Satire, schwarzer Humor. Fast jeder, der den Artikel liest, merkt das von den ersten Sätzen an.

    Fast. Da aber auch die Los Angeles Times dumme Leser hat, macht Chait am Ende noch einmal deutlich, daß er natürlich nicht ernsthaft fordert, Saddam Hussein wieder als Präsidenten des Irak einzusetzen:
    I know why restoring a brutal tyrant to power is a bad idea. Somebody explain to me why it's worse than all the others.

    Ich weiß, warum es eine schlechte Idee ist, einen brutalen Tyrannen zurück an die Macht zu bringen. Aber dann soll mir mal jemand erklären, warum sie schlimmer ist als alle die anderen Ideen.



    Solche kontrafaktischen Argumentationen mögen amerikanische Leser, und sie verstehen sie natürlich so, wie sie gemeint sind - als witzig-brutaler Denkanstoß. Art Buchwald ist ein Meister dieses Stils. Und wer's gar nicht versteht, der wird manchmal zur Sicherheit mit der Nase darauf gestoßen, wie es Chait mit diesen Schlußsätzen getan hat.

    Nur mit Spiegel-Online, mit SPON, hatte Chait offensichtlich nicht gerechnet.

    Dort erschien noch am selben Tag eine Meldung über Chaits Kolumne. Unter der Überschrift: Irak-Krieg: "Saddam, come back!" heißt es dort:
    Die Irak-Debatte in den USA wird immer verzweifelter. (...) Jetzt fordert ein prominenter Kommentator die Rückkehr Saddam Husseins an die Macht - Totalitarismus sei besser als Chaos. (...) Die Rückkehr Husseins, "ein Mann, den alle Iraker kennen und fürchten", wäre genau das Richtige, fantasiert Chait weiter. (...) Chaits Kommentar zeigt, wie schnell enttäuschter Idealismus in einen vermeintlich realistischen Zynismus umschlagen kann.
    Was die SPON-Meldung zeigt, da ist, wie schnell eine schlechte Redaktion eine Ente produzieren kann. Eine Ente produzieren kann, indem sie ein solches kontrafaktisches Argument als ernsthafte "Forderung" verkauft.



    Freilich ist es hier eine doch schon arg, sagen wir abgehangenes Exemplar von Ente. Die USA-Berichterstattung von SPON ist ja reich an solchem Federvieh. Und wenn es noch dazu um Präsident Bush und/oder um den Irak-Krieg geht, dann riecht sie besonders streng, die Ente.

    Als ich kürzlich hier ein anderes Exemplar aufgespießt habe, da kommentierte das in "Zettels kleinem Zimmer" ein Diskutant, Mach, so: "SPON hat nichts mit objektivem (falls der wirklich möglich wäre) Journalismus zu tun (...). Was machst du dir die Mühe, SPON-Artikel zu kommentieren (...)?"

    Berechtigte Frage. Ich habe Mach geantwortet, daß das ja nicht nur eine Mühe ist, sondern auch Spaß macht.

    Den Spaß, den es - mir jedenfalls - macht, hier und da ein wenig aufzuklären. Auch wenn dieser Blog nur von ein paar hundert Menschen gelesen wird und SPON von - ich weiß es nicht - Hunderttausenden, vielleicht Millionen. Worauf mich Mach sehr berechtigterweise hingewiesen hat.



    PS: Im aktuellen gedruckten "Spiegel" wird in der Rubrik "Rückspiegel" ein Branchendienst namens "Insight" mit lobenden Worten über SPON zitiert. SPON würde in einer neuen Publikation "neben hohem Prestige unter Journalisten auch die Rolle eines Agenda Setters" zugewiesen.

    Ein Agenda Setter ist keine Hunderasse, sondern ein themenbestimmendes Medium.

    Mag sein, daß ein Teil der Medien SPON hinterherdackelt. Kein freundliches Urteil über diese Medien.

    26. November 2006

    Randbemerkung: Mischas Begräbnis

    Kleine symbolische Gesten verraten oft mehr über politische Verhältnisse als laute Reden.

    Gestern wurde Markus Wolf zu Grabe getragen. Unter den 1500 Trauergästen waren, selbstverständlich, die alten Tschekisten der Stasi; selbstverständlich auch die heutige Führung der deutschen Kommunisten, allen voran der PDS-Vorsitzende Bisky und deren Ehrenvorsitzender Modrow. Kurz, es trafen sich an Wolfs Grab die Überlebenden der DDR-Nomenklatura.

    Aber nicht nur deren Vertreter waren unter den prominenten Trauernden, sondern auch ein Ausländer: Kein Geringerer als der Botschafter der Russischen Föderation in Berlin, Wladimir V. Kotenew.



    Er war nicht nur einer der Trauergäste, sondern er spielte eine hervorgehobene Rolle auf diesem Begräbnis. Die Junge Welt kündigte es vorgestern so an:
    Die Trauerfeier findet um 11 Uhr auf dem Zentralfriedhof Berlin-Friedrichsfelde statt. Redner sind der Botschafter Rußlands, Wladimir Kotenew, der Regisseur Manfred Wekwerth und die Schauspielerin Renate Richter.
    Und Fokus Online berichtete am gleichen Tag:
    Vladimir Kotenev, der Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland, wird am Samstag bei der Beisetzung von Markus Wolf die Trauerrede halten. Das bestätigte sein Sprecher gegenüber FOCUS Online. (...) Botschafter Vladimir Kotenev werde Markus Wolf in seiner Trauerrede als einen Freund und Kenner Russlands charakterisieren, so sein Sprecher. Außerdem wolle er ihn als einen Mann würdigen, der an seine Ideale glaubte und für den Freundschaft kein leerer Begriff gewesen sei.
    In der gestrigen Berichterstattung von dem Begräbnis wurde Kotenews Rolle allerdings überwiegend weniger in den Vordergrund gestellt. In der dpa-Meldung von Jutta Schütz, wie man sie zum Beispiel bei N.24 lesen kann, steht dazu ein einziger Satz im letzten Teil der Meldung:
    Botschafter Kotenev sagte, an "Mischa" Wolf erinnerten sich in seinem Land viele Menschen. Wort und Tat seien bei Wolf nicht auseinander gegangen.



    Mir scheint, damit wird der Brisanz des Vorgangs nicht Rechnung getragen.

    Markus Wolf war jemand, der jahrzehntelang als überzeugter Kommunist aktiv gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung gekämpft hat. Seine Tätigkeit als Chef der Auslandsaufklärung der DDR war zwar, wie höchstrichterlich klargestellt wurde, als solche nicht justiziabel. Aber wegen Freiheitsberaubung, Körperverletzung und Nötigung wurde er 1997 rechtskräftig zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren sowie einer Geldstrafe verurteilt.

    Daß der Botschafter einer auswärtigen Macht auf einem Begräbnis die Trauerrede hält, ist für sich genommen schon ein seltenes Ereignis. Es ist, selbstverständlich, nicht dessen persönliche Geste, sondern ein diplomatischer Akt von hoher Aussagekraft. Wenn ein Land seinem Botschafter einen solchen Auftrag erteilt, dann will es damit ein politisches Signal setzen. Wenn das aber noch dazu beim Begräbnis eines Mannes geschieht, der jahrzehntelang an vorderster Front gegen das Gastland dieses Botschafters gearbeitet hat, dann hat es diplomatische Brisanz. Es ist ein Affront.



    Darüber, was Putins Rußland mit dieser ostentativen Würdigung eines hochrangigen deutschen Kommunisten - noch dazu eines wegen Straftaten verurteilten - signalisieren wollte, kann man nur Vermutungen anstellen. Hier ist eine:

    Wolf war seit 1936 sowjetischer Staatsbürger gewesen. Er hatte exzellente Beziehungen zur sowjetischen Nomenklatura, wie sich auch bei seiner Flucht 1989 in die UdSSR zeigte. Nein, das ist eigentlich zu wenig gesagt. Er gehörte zu dieser sowjetischen Funktionärselite.

    Diese Nomenklatura ist - hier im Westen viel zu wenig beachtet - dabei, auch im postkommunistischen Rußland wieder die Fäden der Macht in die Hand zu bekommen. Wie der "Spiegel" in seiner Putin-Titelgeschichte vom 10. Juli dieses Jahres berichtet, stammen die russischen Regierungsbürokraten inzwischen zu 77 Prozent aus Geheimdienst und Militär. Die beiden Autoren des Artikels, Walter Mayr und Christian Neef, sprechen von einer "marxistisch-leninistisch vorgebildeten Putin-Kamarilla".

    Die Sowjethymne wurde unter Putin wieder die russische Nationalhymne. In den Streitkräften wurde wieder die Rote Fahne eingeführt. Kleine symbolische Gesten. Wie die Trauerrede des russischen Botschafters am Grab des Kommunisten Wolf.

    Der Sowjetbürger Mischa war einer der Ihren gewesen, einer von denjenigen, aus denen sich die Kamarilla Putins rekrutiert. Und so ehren sie ihn als einen der Ihren. Sie signalisieren damit, daß sie sich dazu wieder stark genug fühlen. Auch und gerade gegenüber dem demokratischen Deutschland.

    Seltsam, daß dieses Signal in Deutschland so unbeachtet bleibt. Die Regierung tut vielleicht aus diplomatischen Erwägungen gut daran, die Sache nicht hochzuspielen. Aber wo ist die Oppositionspartei, wo sind die Publizisten, die sich zu Wort melden und auf diese, milde gesagt, unfreundliche Geste Rußlands gegenüber Deutschland aufmerksam machen?