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3. September 2007

Zitat des Tages: Rüdiger Safranski über Kunst und Verbieten

Aus einem Interview mit Rüdiger Safranski im heutigen "Spiegel":
Aber die Ausnüchterung, also der Geist der ökonomischen und politischen Nützlichkeit greift auch auf die Kunst über. Was soll aus ihr werden im Zeitalter des allgemeinen Rauchverbots?
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7. Juni 2007

"Ja, ist das denn noch Kunst?" Ein erster Blick auf die Documenta 12

Die "Zeit" erscheint neuerdings wieder mit einer Beilage im Stil des unvergessenen "Zeit- Magazins". Sie heißt jetzt "Leben"; das war der Name des Gesellschafts- Ressorts in der magazinlosen Zeit gewesen.

Fein, sehr fein. Das Lösen des Kreuzworträtsels wird wieder komfortabel. Und viel Schönes zu sehen gibt's. Und der sehr kluge Peter Bieri hat eine monatliche Kolumne.

Das aktuelle Heft schwelgt in Bildern. Kein Wunder, denn das Hauptthema ist die "Documenta 12", die in knapp zwei Wochen öffnet.

Mich haben diese Fotos sehr überrascht. Ästhetische Objekte und Installationen; ornamentale Tafelbilder. Eine Plastik von Zheng Guogu stellt einen Wasserfall dar, aus Wachs geformt. Eine Skulptur aus Edelstahl und Plastikbahnen, von einer brasilianischen Künstlerin in einen halbdunklen Raum gestellt. Alte, geschnitzte Holzstühle, gegen einen hohen Fenster- Vorhang aufgereiht.



Vor mir liegt der Katalog der "Documenta 11" von 2002; ein ziemlicher Trumm von etlichen Kilo. Zum Mitnehmen in die Ausstellung ungefähr so geeignet wie ein Überseekoffer als Wandergepäck. Also gedruckt zum Vor- und Nachbereiten.

Ich schlage dieses Werk von fast 600 Seiten aufs Geratewohl auf; Methode Bibelstechen. Es trifft Fabian Marcaccio. Seine Bilder, mit Anklängen an den Expressionismus, zeigen wilde Gestalten, Soldaten, Blut, Schreiende.

Dann suche ich gezielt. Ich suche in dem Katalog nach einem Künstler, der mir besonders gut in Erinnerung ist: Thomas Hirschhorn. Zu seinem Werk wurde man in einem Pendelbus gefahren. Es bestand in einer Art Schuppen oder Pavillon, in dem junge Leute allerlei Verrichtungen vornahmen. Es gab Bücher, Dokumente, Videos.

Was das ganze sollte, hat sich mir nicht erschlossen - aber jedenfalls war es schwer sozial engagiert, war es durch und durch politisch. So, wie diese ganze "Documenta 11".

Ich hatte damals den Eindruck, daß die Gegenwartskunst - wenn denn die "Documenta" sie dokumentierte -, ein Art engagé ist, wie es sie so dominant noch nie gegeben hat. Kunst aus ästhetischen Gründen, Kunst als nach formalen Kriterien zu beurteilen - das schien graue Vergangenheit zu sein.



Offenbar war das grottenfalsch gewesen. Denn wenn das aktuelle Heft von "Leben", mit den ersten Fotos von der "Documenta 12" und mit einem begleitenden Artikel von Hanno Rautenberg, nicht täuscht, dann gibt es diesmal wenn auch nicht L'art pour l'art zu sehen, so doch eine Kunst, die sich von der Politik, von der Gesellschaftskritik wieder entfernt:
... bei aller Politisierung: Niemals rutscht die Documenta 12 ab in ein wohlfeiles Weltverbesserungsgehabe. Davor bewahrt sie ihr beharrliches Fragen nach dem Eigensinn der Formen. Sie interessiert sich für die Geschichte des Ornaments, für Textilkunde, für hauchfein hingezeichnete Schraffuren ...
Für "Kleinbürgerlichen Formalismus" also, für Ästhetik.

Mit anderen Worten, für Kunst.



Es ist schon interessant:

Die "Documenta 11" von 2002 war eine Ausstellung gewesen, die vor dem Anschlag vom 11.9. 2001 konzipiert worden war; die Vorbereitung einer solchen Mammutshow dauert ja Jahre.

Die also in politisch ruhigen Zeiten gestaltet worden war; ruhig jedenfalls, gemessen an den Turbulenzen, die wir seither erlebt haben, und deren Auswirkungen in diesen Tagen um Heiligendamm herum zu besichtigen sind.

Und wie war die Kunst, die damals für diese Weltausstellung ausgewählt worden war, in diesen recht friedlichen Zeiten? Sie war politisch, kämpferisch, anklagend.

Und heute, wo wir in ständiger politischer Aufgeregtheit leben, da wird uns eine "Documenta" geboten, die offenbar - jedenfalls überwiegend, jedenfalls vom Konzept her - viel eher "klassisch" ist, weniger politisch.



Zum Teil liegt das sicher an den jeweiligen Ausstellungs- Machern. Aber es könnte doch auch einen allgemeineren Grund haben:

Kunst ist halt, wenn sie gute Kunst ist, nicht "zeitgemäß". Gute Künstler folgen nicht dem "angesagten" Trend; sie setzen ihn höchstens.

Also schockiert Kunst, sie verstößt gegen Erwartungen. Das war so, als die Impressionisten ihren ersten Salon veranstalteten; es war seither bei jeder neuen Kunstrichtung so. "Ist das noch Kunst?" - diese Frage begleitet jede originäre künstlerische Leistung. Es kann gar nicht anders sein.

Also werden sich vermutlich viele Besucher der aktuellen "Documenta", die mit der politisierten Kunst aufgewachsen sind, fragen:

"Ja, ist das denn noch Kunst, wenn sie gar kein gesellschaftliches Anliegen hat?"

3. Dezember 2006

Randbemerkung: "Das Leben der Anderen". Ein politischer Film?

Kunst hat nichts mit Politik zu tun. Ob ein Gedicht gut ist oder ein Roman, hängt so wenig von der politischen Haltung des Autors ab, wie die politische Einstellung des Malermeisters darüber bestimmt, ob er eine Wohnung ordentlich renoviert oder Pfusch abliefert.

Man sollte sich eigentlich scheuen, eine solche Binsenwahrheit zu schreiben. Aber sie wurde und wird von vielen nicht gesehen, ja ausdrücklich geleugnet. In den siebziger und achtziger Jahren war die Auffassung weit verbreitet, ja sie galt unter Intellektuellen nachgerade als Gemeinplatz, daß jede Kunst erstens politisch sei, ob sie es wolle oder nicht. Und daß es zweitens die Pflicht jedes anständigen Künstlers sei, seine Kunst in den Dienst fortschrittlicher, also linker, politischer Ziele zu stellen.

Meist sehr verschwommen formulierter Ziele, wie Gerechtigkeit und Solidarität. Manchmal aber auch sehr konkreter, sehr praktischer Ziele. Nicht wenige Künstler haben sich damals - nicht einfach als Staatsbürger, sondern sozusagen als im Dienst befindliche Kunstschaffende - zur DKP bekannt und deren Ziele, beispielsweise die Veränderung des europäischen militärischen Gleichgewichts zugunsten der Sowjetunion, unterstützt. Sie verstanden das als Arbeit für den Frieden.

Sich überhaupt politisch "einzubringen", Manifeste und Deklarationen zu unterzeichnen, sich "zu Wort zu melden", das gehörte bis weit in die achtziger Jahre hinein sozusagen zum Berufsbild des Künstlers. Kaum ein Monat, in dem nicht in den Zeitungen und Zeitschriften irgendwelche Anzeigen erschienen, in denen Künstler urteilten, sich empört zeigten, mahnten, zu Diesem und Jenem aufriefen.



Der Film war von dieser seltsamen Sicht auf die Kunst natürlich nicht ausgenommen. Ihm, als einem Massenmedium, galt sogar die besondere Aufmerksamkeit linker Theoretiker. Harmlos erscheinende Unterhaltungsfilme wurden in ihrer "politischen Funktion" entlarvt.

Der Revuefilm der vierziger Jahre, so wurde verkündet, - sollte von den Leiden des Kriegs ablenken. Der deutsche Heimatfilm der fünfziger und sechziger Jahre - diente der Restauration des Nationalismus. Der amerikanische Katastrophen- und UFO-Film derselben Epoche - sollte das Gefühl der Amerikaner, von den Kommunisten bedroht zu werden, verstärken.

Und so fort. Wer suchet, der findet.

Freilich gab es Filme, die wirklich politisch waren. Durchhaltefilme, patriotische Filme auf beiden Seiten der Front im Zweiten Weltkrieg; der letzte deutsche war "Kolberg" von Veit Harlan und Wolfgang Liebeneiner, der inmitten des untergehenden Reichs 1945 fertiggestellt worden war. Nach dem Krieg waren vor allem die Filme, die unter der Herrschaft des Kommunismus hergestellt wurden, politische Filme. Die DEFA war zur Parteilichkeit verpflichtet. Sie sollte "helfen, in Deutschland die Demokratie zu restaurieren, die deutschen Köpfe vom Faschismus zu befreien und auch zu sozialistischen Bürgern erziehen", lesen wir als Zitat aus der Gründungszeit der DEFA in der deutschen Wikipedia; leider wieder einmal ohne Quellenangabe.

Politische Filme sollte die DEFA verfertigen. Es waren schlechte Filme, ganz überwiegend; notwendigerweise.

Denn gute politische Kunst zu machen ist schwer, fast unmöglich. Das Kunstwerk als das angestrebte Arbeitsergebnis und die politische Wirkung als Ziel laufen einander zuwider. Kunst ist facettenreich, widersprüchlich, uneindeutig. Deshalb lädt sie ja zur Interpretation ein, erlaubt sie viele Deutungen. Politische Agitation aber verlangt Eindeutigkeit, die klare "Stellungnahme", die zugespitzte "Aussage".

Agitationsfilme sind deshalb fast immer schlechte Filme, so wie auf dem Theater Agitationsstücke zwar vorübergehend populär sein können, aber ihre Zeitaktualität selten überdauern. Brechts Lehrstücke sind ein Beispiel, die Stücke von Rolf Hochhuth sind ein offensichtliches Beispiel. Was soll man an einem Stück interpretieren, das seine vom Autor vorgesehene Interpretation wie eine Monstranz vor sich herträgt? Was in aller Welt sollte einen Regisseur an einem Stück reizen, dem just die Vieldeutigkeiten und die Assoziationsgeflechte fehlen, die einen neuen inszinatorischen Blick auf den Text ermöglichen?



Gestern ist "Das Leben der Anderen" in Warschau mit gleich drei europäischen Filmpreisen ausgezeichnet worden: Dem für den besten Film und für das beste Drehbuch. Und Ulrich Mühe erhielt den mehr als verdienten Preis für den besten Hauptdarsteller.

"Das Leben der Anderen" - ein politischer Film. Kein politischer Film.

Ein politischer Film insofern, als sein Thema der Umgang einer Staatsmacht mit "ihren" Bürgern ist; spezifischer sind es die psychischen Verformungen, die es bei Herrschenden wie Beherrschten mit sich bringt, wenn ein Staat keine Achtung vor der Menschenwürde seiner Untertanen hat, und damit letztlich auch vor der Menschenwürde seiner eigenen Diener.

Kein politischer Film aber, weil er keine "Botschaft" transportiert. Florian Henckel von Donnersmarck hat sehr sorgfältig recherchiert, jahrelang. Er hat eine - soweit das unter Beachtung der Dramaturgie eines Films möglich ist - realistische Geschichte erzählt, auch wenn gelernte DDR-Bürger das eine oder andere Detail für unglaubwürdig halten mögen.

Aber der Film "will uns" nichts "sagen". Er klagt nicht an, er agitiert nicht. Er ist insofern eben gerade kein politischer Film. Und kann deshalb ein großer Film sein.

Ich glaube, einen so unpolitischen politischen Film konnte nur jemand aus einer Generation machen, die nicht mehr durch die politischen Verkrampftheiten der siebziger und achtziger Jahre geschädigt ist. Und daß es gerade jemand mit der Weltläufigkeit Henckels von Donnersmarck war, dem dieses Werk über ein Stück deutsche Geschichte gelang, ist vielleicht auch kein Zufall.