
Heute vor genau dreihundert Jahren, am Dienstag, den 25. April 1719, erschien in London, beim Buchdrucker und -händler T. Walker, die erste Ausgabe des Buches, das seitdem, unter anderem, den Ruf hat, der "erste Roman" der Neuzeit zu sein: The Life and Strange Suprizing Adventures of Robinson Crusoe, of York, Mariner: who lived eight and twenty years, all alone in an un-inhabited island on the coast of America … Written by himself. Natürlich war dies nicht der erste Versuch einer längeren, geschlossenen Erzählung auf Buchlänge, die sich um das Lebensschicksal seines Protagonisten herum zentriert und - nicht unwichtig - sein Seelenleben, seinen inneren Kosmos in den Mittelpunkt der Schilderung rückt. Auch im englischen Sprachbereich, aber auch im französischen, wo die Literaturgeschichte als ersten Beispiel die Princesse de Cleves der Marie-Madeleine de La Fayette von 1678 als erstes Beispiel verbucht, hatte es Ansätze gegeben, aus den ziellosen Geschehenssträngen des pikaresken Abenteuerromans, den satirischen Burlesken und den exotischen Lokalitäten der fiktionalen Reiseberichten mit ihren oft ins Utopische lappenden Schilderungen ein geschlosseneres ganzen zu formen. Aber dem "Robinson" war es als erstem vergönnt, sich hier ins kulturelle Gedächtnis einzuprägen. Und zwar nicht nur im eigenen Heimathafen, also der englischen Literatur, auch nicht nur dem Kulturerbe Europas (beziehungsweise "des Westens" - zu dessen prägenden Texten er ohne zweifel zu zählen ist), sondern weltweit, sofern dort solche Texte eine Rolle spielen. Auch für Leser oder Zuschauer in China oder Japan, in Lateinamerika, in Russland wie den Teilen Afrikas, in denen von einer literarischen Tradition die Rede sein kann, ist das Bild des auf seiner Insel gestrandeten unfreiwilligen Eremiten, dem nach Jahrzehnten der Einsamkeit die Begegnung mit einem menschlichen Fußabdruck am Strand zur existentiellen Krisis gerät, ein unvergeßlichen, sofort wiedererkannter Zündmoment der Erinnerung.