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21. Februar 2011

Guttenbergs Glanz. Guttenbergs Fall. Glamour, Enttäuschung, kognitive Dissonanz

Die Causa Guttenberg - man wird inzwischen sagen können: die Affäre Guttenberg - erregt bemerkenswert viel Interesse. Jedenfalls im Internet ist das so. In Zettels kleinem Zimmer erreichten die drei Threads zu diesem Thema bisher zusammen mehr als 25.000 Pageviews.

Gewiß kann man das nicht auf die Gesamtbevölkerung hochrechnen. Unter den Lesern von Zettels kleinem Zimmer und von ZR dürften diejenigen, die als Studenten oder als Lehrende an Hochschulen Kontakt zur Wissenschft haben oder hatten, überrepräsentiert sein; da interessiert natürlich das Thema "Plagiat beim Abfassen einer wissenschaftlichen Arbeit" besonders. Ähnlich ist es sicherlich in B.L.O.G., wo es zu diesem Thema ebenfalls eine umfangreiche - und sehr lesenswerte - Diskussion gibt.

Aber auch in der gesamten Öffentlichkeit ist das Interesse offenbar groß. Warum? Ich meine, daß das etwas mit der besonderen Rolle zu tun hat, die der Freiherr zu Guttenberg bisher in der deutschen Politik gespielt hat. Es war, so scheint mir, eine Rolle, die es so in der Bundesrepublik Deutschland noch nicht gegeben hatte.



Man kann mit Fug sagen, daß kein Land weit und breit so langweilige, so wenig glamouröse Politiker hat wie Deutschland; daß auf Glanz, Pathos, Zeremonien im politischen Deutschland in einem Maß verzichtet wird, wie sich das kein Staat unseres Rangs auch nur annähernd erlaubt.

Der amerikanische Präsident beispielsweise ist ein Monarch auf Zeit. Wie viel Glamour er entfaltet, hängt zwar vom persönlichen Stil des jeweiligen Amtsinhabers ab. Bei John F. Kennedy war das so viel, daß man von einem Hofstaat à la Camelot gesprochen hat, dem Hof des sagenhaften König Arthur. Präsident Obama möchte es ihm augenscheinlich gern nachmachen. Aber auch Lyndon B. Johnson, auch Ronald Reagan schätzten den Glanz des Amts und wußten ihn für ihre Ziele einzusetzen. Jeder Präsident versuchte auf seine Art, die Würde des Amts in seinem Verhalten sichtbar zu machen.

Bei jedem amerikanischen politischen Ereignis - der Amtseinführung eines Präsidenten, dessen jährlicher Ansprache zur Lage der Nation (state of the Union address), am Nationalfeiertag, ja bei jedem offiziellen Auftritt des Präsidenten vor der Presse; in jeder Sitzung des US-Senats geht es zeremonieller zu als in unserem Land bei einem auch noch so bedeutenden politischen oder staatlichen Anlaß.

Auch der russische Staatspräsident, auch der französische Präsident entfalten einen Glanz, den man sich in Berlin überhaupt nicht vorstellen kann. Da gibt es Zeremonien wie beim Zaren, wie einst bei Napoléon Bonaparte.

Sehen Sie sich beispielsweise einmal dieses Video an; es zeigt einen so banalen Vorgang wie die Amtsübergabe von Jacques Chirac an Nicolas Sarkozy am 16. Mai 2007. Was man in diesen drei Minuten sieht, das ist nur die eigentlich Übergabe im Hof des Palais de l'Élysée. Sie war umrankt von anderen Zeremonien während des ganzen Tags, einer Kranzniederlegung am Grab des Unbekannten Soldaten zum Beispiel. Ich war damals in Paris; die Zeremonien der passation des pouvoirs waren das beherrschende Thema des Tages.

Sehen Sie sich das Video an, und dann überlegen Sie sich bitte, wie die Amtsübergabe von Horst Köhler an Christian Wulff ablief; oder 2005 von Gerhard Schröder an Angela Merkel.

Nicht anders die Personen an der Spitze. Gerade unsere großen Kanzler - Konrad Adenauer, Helmut Schmidt, Helmut Kohl - waren Männer ohne jeden Glamour; ebenso alle Bundespräsidenten mit der Ausnahme vielleicht von Richard von Weizsäcker, der Wert darauf legte, eine gewisse distanziert-leutselige Würde zu vermitteln. Er war der bisher einzige Adlige in diesem Amt, wenn auch nicht von Uralt-Adel wie Guttenberg; ich komme darauf.

Theodor Heuß kehrte immer den bescheidenen Bürger hervor; Heinrich Lübke war das ohnehin. Gustav Heinemann war der Bürgerpräsident schlechthin, der fleischgewordene Anti-Glamour. Walter Scheel gab die rheinische Frohnatur und Roman Herzog den ironischen Intellektuellen. Karl Carstens zog als Wandersmann durch Deutschland. Johannes Rau war hauptsächlich dafür bekannt, gut Witze erzählen zu können; Horst Köhler verstand sich als so etwas wie der Obmudsmann des Volks.

Bürgerpräsidenten waren sie im Grunde alle; keiner versuchte den Glanz und die Würde auszustrahlen, mit der sich jeder amerikanische, jeder französische Präsident umgibt. Oder auch die höchsten Würdenträger Italiens, Polens, fast jeder Republik. Von dem Glanz der konstitutionellen Monarchien ganz zu schweigen, der die Spalten der einschlägigen Presse füllt.



Warum verbieten wir Deutschen uns das? Auch das mag mit der Nazi-Vergangenheit, dem damaligen Führerkult und den pompös-kitschigen Veranstaltungen des Dritten Reichs zusammenhängen. Die Bonner Republik wollte es in Absetzung davon bewußt bescheiden; und die Berliner Republik hat das weitgehend übernommen.

Zu bedenken ist aber, ob die Ursachen für diese Kargheit im staatlichen Leben der Bundesrepublik, für diese nachgerade ostentative Bescheidenheit, diese Dürftigkeit historisch nicht noch weiter zurückreichen. Wir haben eben keine der beiden deutschen Demokratien mit Glanz errungen.

Die erste deutsche Demokratie ging aus der Niederlage in einem Krieg hervor. Bei der zweiten war es nicht anders; eine noch vollständigere Niederlage. Beide Demokratien entstanden dadurch nun einmal in kargen Zeiten; buchstäblich in Hungertagen. Getragen nicht von großen Ideen, sondern aus der Not heraus geboren, einen Neuanfang versuchen zu müssen. Hätten die deutschen Revolutionäre von 1848 die Republik errungen - welch eine glanzvolle Republik wäre das vielleicht geworden!



Die deutschen Politiker, der deutsche Staat verbieten sich den Glamour; und wir Deutschen wollen ihn ja auch nicht. Der einzige Kanzler, der Eitelkeit hatte durchscheinen lassen - Gerhard Schröder - ist dafür gescholten und ironisiert worden. Das Haar gefärbt? Der Kaschmir-Mantel? - Wenn die Franzosen an Sarkozy eines nicht stört, dann sind es die hochhackigen Schuhe, die er trägt.

Aber dem Freiherrn zu Guttenberg hat man seine Eitelkeit nicht nur verziehen, seinen Hang zur Selbstdarstellung (siehe Guttenberg hier! Guttenberg da! Guttenberg oben! Guttenberg unten! Guttenberg hüben! Guttenberg drüben! Guhuhuttenberg!; ZR vom 18. 3. 2009). Es hatte vielmehr den Anschein, als hätte man geradezu darauf gewartet. Endlich ein wirklicher Herr als Chef eines Ministeriums! Endlich jemand, zu dem man aufblicken kann! Und es vor allem darf.

Guttenbergs eitle Pose und sein Gehabe störten nicht nur nicht; sie waren im Gegenteil ein Faktor für seinen Erfolg. Warum fand man bei ihm das gut, was man bei seinem Nachbarn, bei einem Kollegen als schwer zu ertragende Eitelkeit, als Gespreiztheit und Arroganz wahrnehmen würde?

Weil Guttenberg eben kein Nachbar ist, kein Kollege. Auch nicht der Nachbar, der Kollege, der es auch zum Abgeordneten, zum Kanzler hätte bringen können.

Guttenberg wurde nicht als ein Politiker wahrgenommen wie alle anderen, sondern als ein Herr aus der Sphäre des Glamour, der geruht hatte, sich in die Politik zu begeben. Für ihn galten andere Maßstäbe als für die anderen. Er hatte eine Rolle, die zwei Welten zusammenführt: Die der Politik und diejenige des Glamours. Guttenberg gehörte ebenso zu der Sphäre, die durch den "Spiegel" und die "Frankfurter Allgemeine" repräsentiert wird, wie zur Sphäre der "Bunten" und von "Bild der Frau".

Ihm verübelte man deshalb seine Attitüde so wenig, wie man dem spanischen oder dem belgischen König seine steife Würde verübelt. Denn er gehört ja zum Adel, der Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg.



Der Adel, das ist ein Anachronismus in unserer egalitären Gesellschaft. Daß jemand hohes Ansehen allein wegen seiner Abstammung genießt, das gibt es sonst nicht mehr; selbst die Nachfahren von großen Stars oder von erfolgreichen Geschäftsleuten müssen sich ihr Ansehen selbst erarbeiten.

Guttenbergs Ansehen war insofern ebenfalls ein Anachronismus; vielleicht sogar ein Atavismus. Er konnte etwas von dem auf sich ziehen, was in vordemokratischen Zeiten die Herrschenden auf sich zogen: Man unterwarf sich ihnen nicht nur, sondern sie genossen auch Verehrung. Das konnte so weit gehen, daß dem Herrscher Göttlichkeit zugeschrieben wird; wie den Pharaonen, wie dem japanischen und dem chinesischen Kaiser, wie Alexander dem Großen.

Nein, als göttlich wurde der Freiherr nun nicht unbedingt wahrgenommen. Aber man kann schon argumentieren, daß er von diesem atavistischen Mechanismus der Verehrung der Oberen profitierte.

Es war bei seinem Erfolg in der Öffentlichkeit wie so oft, wenn jemand sich selbst Askese verordnet: Man freut sich, wenn man sie guten Gewissens einmal durchbrechen kann. Die Aura des Edlen, die Guttenberg umgab, erlaubte es vielen Deutschen, ihn in einer Weise hochzuschätzen - vielleicht zu verehren -, die man sich bei normalen Politikern verboten hätte; es sei denn, sie konnten in die Rolle des elder statesman wechseln wie Helmut Schmidt.

So jemanden wie den Freiherrn läßt man nicht leichthin fallen; eine solche Verehrung wirft man nicht einfach ab. Es entstünde dann in heftiger Form das, was die Psychologen eine kognitive Dissonanz nennen: Man müßte zugleich Meinungen haben, die nicht zusammenpassen. Man kann den Freiherrn nicht wie bisher hochschätzen und zugleich glauben, daß er etwas so Ehrenrühriges getan hat, wie sich hemmungslos das geistige Eigentum anderer anzueignen.

Auch das mag eine Erklärung dafür sein, daß offenbar erstaunlich wenige Deutsche - jedenfalls nach der bisher einzigen Umfrage, die allerdings schon vom vergangenen Mittwoch datiert - einen Rücktritt Guttenbergs wollen; nicht weniger als 68 Prozent der Befragten wollten ihn weiter als Minister haben.

Freilich kann eine Verehrung auch in ihr Gegenteil umschlagen. Vom Ehrwürdigen zum Lächerlichen ist es eben nur ein kleiner Schritt. Und nicht nur zum Lächerlichen. Aus dem "Hosiannah!" kann auch ein "Kreuziget ihn!" werden. Öffentliche Gestalten vom Zuschnitt des Freiherrn zu Guttenberg verlieren nicht langsam und schrittweise an Ansehen. Entweder hält man ihnen trotz Verfehlungen die Treue; oder man kündigt sie ihnen auf, dann aber gründlich.

Man kann der kognitiven Dissonanz entgehen, indem man die Verfehlung herunterspielt; sie nicht ernst nimmt. Man kann der kognitiven Dissonanz aber auch entgehen, indem man sein Bild von dem einst Verehrten einer radikalen Revision unterwirft. Es ist zu hoffen, daß das bei Guttenberg der Fall sein wird.




Weitere Artikel zu Guttenberg (die zu der jetzigen Affäre sind durch einen Punkt gekennzeichnet):
Guttenberg hier! Guttenberg da! Guttenberg oben! Guttenberg unten! Guttenberg hüben! Guttenberg drüben! Guhuhuttenberg!; ZR vom 18. 3. 2009

Zitat des Tages: Kinderpornographie, Internetzensur und die "Betroffenheit" des Ministers zu Guttenberg; ZR vom 8. 5. 2009

Marginalie: Kanzler Guttenberg? Auch in dieser Diskussion zeigt sich ein Sarrazin-Effekt; ZR vom 24. 10. 2010

Marginalie: Guttenberg besuchte die kämpfende Truppe. Die Linke empört sich. Warum?; ZR vom 15. 12. 2010

Marginalie: Unfälle bei der Bundeswehr und zwei ungeklärte Vorwürfe. Mehr nicht. Der Rest ist politische Propaganda; ZR vom 22. 1. 2011

  • Zettels Meckerecke: Es wird wohl nichts werden mit dem künftigen Bundeskanzler Doktor zu Guttenberg; ZR vom 16. 2. 2011

  • Marginalie: Guttenberg muß gehen. Null Optionen. Nebst einem Nachtrag; ZR vom 18. 2. 2011

  • Zitat des Tages: "Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat". Warum Guttenbergs Erklärung unglaubhaft ist; ZR vom 18. 2. 2011

  • Marginalie: Kann Paragraph 10 der Bayreuther Jura-Promotionsordnung Guttenberg retten? Nein; ZR vom 18. 2. 2011

  • Zettels Meckerecke: Guttenberg der Blender. Plagiate auf 62,8 Prozent aller Seiten der Dissertation entdeckt (momentaner Stand); ZR vom 19. 2. 2011



  • © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette vom Autor Strassengalerie unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported-Lizenz freigegeben.

    24. Februar 2011

    Abschließendes zur Affäre Guttenberg

    Zu Guttenberg fällt mir jetzt nichts mehr ein. Dies ist folglich mein letzter Artikel zu dieser unappetitlichen Affäre. Ich werde den weiteren Weg des deutschen Tartuffe verfolgen und mich zu seinen politischen Stellungnahmen, seinen Entscheidungen als Minister dann vielleicht äußern. Aber nicht mehr zu dieser Affäre, die einen Tiefpunkt politischer Kultur in Deutschland markiert.

    Abschließend bringe ich eine Liste der Artikel zu diesem Thema und einige Verse.

    Die Verse stammen von Wilhelm Busch und sind aus dem "Maler Klecksel":
    Wenn wer sich wo als Lump erwiesen,
    So bringt man in der Regel diesen
    Zum Zweck moralischer Erhebung
    In eine andere Umgebung.
    Der Ort ist gut, die Lage neu.
    Der alte Lump ist auch dabei. –
    Hier die Liste der Beiträge zum Thema; Sie können sich diese Artikel auch ansehen, wenn Sie auf diesen Link klicken. Die Artikel zu der jetzigen Affäre sind durch einen Punkt gekennzeichnet:
    Guttenberg hier! Guttenberg da! Guttenberg oben! Guttenberg unten! Guttenberg hüben! Guttenberg drüben! Guhuhuttenberg!; ZR vom 18. 3. 2009

    Zitat des Tages: Kinderpornographie, Internetzensur und die "Betroffenheit" des Ministers zu Guttenberg; ZR vom 8. 5. 2009

    Marginalie: Kanzler Guttenberg? Auch in dieser Diskussion zeigt sich ein Sarrazin-Effekt; ZR vom 24. 10. 2010

    Marginalie: Guttenberg besuchte die kämpfende Truppe. Die Linke empört sich. Warum?; ZR vom 15. 12. 2010

    Marginalie: Unfälle bei der Bundeswehr und zwei ungeklärte Vorwürfe. Mehr nicht. Der Rest ist politische Propaganda; ZR vom 22. 1. 2011

  • Zettels Meckerecke: Es wird wohl nichts werden mit dem künftigen Bundeskanzler Doktor zu Guttenberg; ZR vom 16. 2. 2011

  • Marginalie: Guttenberg muß gehen. Null Optionen. Nebst einem Nachtrag; ZR vom 18. 2. 2011

  • Zitat des Tages: "Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat". Warum Guttenbergs Erklärung unglaubhaft ist; ZR vom 18. 2. 2011

  • Marginalie: Kann Paragraph 10 der Bayreuther Jura-Promotionsordnung Guttenberg retten? Nein; ZR vom 18. 2. 2011

  • Zettels Meckerecke: Guttenberg der Blender. Plagiate auf 62,8 Prozent aller Seiten der Dissertation entdeckt (momentaner Stand); ZR vom 19. 2. 2011

  • Guttenbergs Glanz. Guttenbergs Fall. Glamour, Enttäuschung, kognitive Dissonanz; ZR vom 21. 2. 2011

  • Dokumentation des Zwischenberichts von GuttenPlag Wiki zu Guttenbergs Plagiaten; ZR vom 21. 2. 2011

  • Guttenbergs Kelkheimer Rede. Der Text im Wortlaut und eine Analyse von Guttenbergs Rhetorik. Wie kann Guttenberg überhaupt den Doktorgrad loswerden?; ZR vom 22. 2. 2011

  • Der Lügenbaron vor dem Bundestag. Tartuffe Guttenberg; ZR vom 23. 2. 2011

  • Belege dafür, daß Guttenberg lügt. Eine Handreichung. Das Messer im Rücken ZR vom 24. 2. 2011



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    18. Februar 2011

    Marginalie: Kann Paragraph 10 der Bayreuther Jura-Promotionsordnung Guttenberg retten? Nein

    In "Spiegel-Online" ist seit knapp zwei Stunden eine nachgerade abenteuerliche Idee zu lesen, um Guttenberg zu retten:
    In CSU-Kreisen wird derzeit intensiv die Promotionsordnung der rechts- und wirtschafts-wissenschaftlichen Fakultät der Uni Bayreuth studiert. Dort heißt es in Paragraf 10: "Der Dekan kann die Dissertation dem Bewerber zur Verbesserung zurückgeben." Das überarbeitete Werk sei dann "binnen eines Jahres erneut vorzulegen". Wäre das ein Ausweg für Guttenberg? Nochmal rangehen an die Doktorarbeit? Als "Bewerber"? Manch christsozialer Jurist jedenfalls scheint davon ganz angetan.
    Ich habe mir jetzt diese Promotionsordnung einmal angesehen. Der Paragraph 10, Absatz 4 lautet:
    Der Dekan kann die Dissertation dem Bewerber zur Verbesserung zurückgeben; er muss dies tun, wenn einer der Berichterstatter die Rückgabe der Arbeit zur Verbesserung verlangt. Die überarbeitete Dissertation ist binnen eines Jahres erneut vorzulegen. Die Frist kann in begründeten Ausnahmefällen um ein weiteres Jahr verlängert werden. Wird die Dissertation nicht fristgerecht vorgelegt, so gilt sie als abgelehnt. Eine überarbeitete Dissertation ist nach dem Sach- und Wissensstand zur Zeit der Neuvorlage zu beurteilen.
    Auf den ersten Blick mag das nach einem Ausweg aussehen: Guttenberg überarbeitet die Dissertation und kennzeichnet alle Zitate; dann legt er sie erneut vor, und alles ist gut.

    Tatsächlich ist das aber überhaupt kein Ausweg. Warum nicht, versteht man, wenn man sich den Gang eines Promotionsverfahrens vergegenwärtigt.

    Dessen einzelnen Schritte werden im Detail durch die Promotionsordnung geregelt. Die Bedeutung einer Bestimmung wie der zitierten im Paragraphen 10 ergibt sich wesentlich daraus, auf welchen Schritt sie sich bezieht.

    Ein Promotionsverfahren besteht aus zwei Hauptteilen; der erste betrifft die Dissertation, der zweite ist die mündliche Prüfung (früher meist Rigorosum genannt, heute oft - wie auch in Bayreuth - Kolloquium).

    Die Reihenfolge dieser beiden Teile - der schriftlichen und der mündlichen Promotionsleistung - ist strikt festgelegt: Erst wenn die Dissertation angenommen ist, kann der Kandidat zur mündlichen Prüfung zugelassen werden. Wird die Dissertation abgelehnt, dann kommt es gar nicht erst zu einer mündlichen Prüfung.

    Der Paragraph 10 (Überschrift: "Berichterstattung über die Dissertation") nun bezieht sich auf den ersten Hauptteil des Verfahrens. Er regelt, wie zu verfahren ist, nachdem der Kandidat seine Arbeit eingereicht hat: Es werden (mindestens) zwei Gutachter ("Berichterstatter") bestellt; diese geben "in angemessener Frist" ihre Gutachten ab, einschließlich eines Notenvorschlags.

    An dieser Stelle des Verfahrens nun kann das eintreten, was der Paragraph 10, Absatz 4 regelt: Aufgrund eigener Beurteilung oder auf Wunsch (mindestens) eines der Gutachter kann der Dekan dem Kandidaten die Dissertation zur Verbesserung zurückgeben. Das Verfahren wird damit gewissermaßen für maximal ein Jahr (in Ausnahmefällen für maximal zwei Jahre) angehalten.

    Die verbesserte Fassung wird dann erneut begutachtet, und dann erst wird der Kandidat - falls die Gutachter die Annahme der Arbeit empfehlen - zur mündlichen Prüfung zugelassen.

    Zu Guttenberg hat ja aber das ganze Verfahren bereits durchlaufen; einschließlich Aushändigung der Urkunde. Die Gelegenheit, den Paragraphen 10 zur Anwendung zu bringen, ist längst vorbei.



    Da ich mir nun diese Promotionsordnung schon angesehen habe, zwei Funde, die vielleicht für die Causa Guttenberg von Interesse sind:
    § 8 Antrag auf Zulassung zur Promotion
    Die Zulassung zum Promotionsverfahren ist schriftlich beim Dekan zu beantragen. Dem Antrag sind beizufügen: (...)
    6. eine ehrenwörtliche Erklärung des Bewerbers darüber, dass er die Dissertation selbständig verfasst und keine anderen als die von ihm angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt hat; dass er die Dissertation nicht bereits einer anderen Hochschule zur Erlangung eines akademischen Grades eingereicht hat; dass er nicht bereits diese oder eine gleichartige Doktorprüfung an einer anderen Hochschule endgültig nicht bestanden hat.

    § 16 Ungültigkeit der Promotionsleistungen
    (1) Ergibt sich vor der Aushändigung der Urkunde, dass sich der Bewerber im Promotionsverfahren einer Täuschung schuldig gemacht hat, so erklärt die Promotionskommission alle bisher erworbenen Berechtigungen für ungültig und stellt das Verfahren ein.
    (2) Wird die Täuschung erst nach Aushändigung der Urkunde bekannt, so kann nachträglich die Doktorprüfung für nicht bestanden erklärt werden. Die Entscheidung trifft die Promotionskommission. (...)
    (4) Wird die Prüfung für nicht bestanden erklärt, ist die Promotionsurkunde einzuziehen.
    Wer ist diese Promotionskommission? Darüber gibt Paragraph 3, Absatz 2 Auskunft:
    (2) Die Promotionskommission wird vom Prodekan als Vorsitzendem geleitet. Ihr gehören außerdem an: zwei Professoren der Rechtswissenschaft, je ein Professor für Betriebswirtschaftslehre und für Volkswirtschafts-lehre, sowie ein hauptberuflicher wissenschaftlicher Mitarbeiter, der nach den Vorschriften der Hochschulprüferverordnung in der jeweils geltenden Fassung zur Abnahme der Promotion berechtigt ist. Die Mitglieder der Promotionskommission nach Satz 2 werden für die Dauer von zwei Jahren vom Fachbereichsrat gewählt. Wiederwahl ist zulässig.
    Die Entscheidung darüber, ob zu Guttenbergs Doktorprüfung nachträglich für nicht bestanden erklärt wird, trifft also nicht der Doktorvater, nicht der Dekan und nicht die gesamte Fakultät, sondern diese Kommission.

    Sie wäre gut beraten, sich dabei nicht auf ihre eigene Kompetenz zu verlassen, sondern Gutachter - und zwar am besten externe, die mit dem Verfahren nichts zu tun hatten - zu beauftragen. Das sieht die Promotionsordnung zwar nicht ausdrücklich vor, sie schließt es aber auch nicht aus.



    Weitere Artikel zu Guttenberg (die zu der jetzigen Affäre sind durch einen Punkt gekennzeichnet):
    Guttenberg hier! Guttenberg da! Guttenberg oben! Guttenberg unten! Guttenberg hüben! Guttenberg drüben! Guhuhuttenberg!; ZR vom 18. 3. 2009

    Zitat des Tages: Kinderpornographie, Internetzensur und die "Betroffenheit" des Ministers zu Guttenberg; ZR vom 8. 5. 2009

    Marginalie: Kanzler Guttenberg? Auch in dieser Diskussion zeigt sich ein Sarrazin-Effekt; ZR vom 24. 10. 2010

    Marginalie: Guttenberg besuchte die kämpfende Truppe. Die Linke empört sich. Warum?; ZR vom 15. 12. 2010

    Marginalie: Unfälle bei der Bundeswehr und zwei ungeklärte Vorwürfe. Mehr nicht. Der Rest ist politische Propaganda; ZR vom 22. 1. 2011

  • Zettels Meckerecke: Es wird wohl nichts werden mit dem künftigen Bundeskanzler Doktor zu Guttenberg; ZR vom 16. 2. 2011

  • Marginalie: Guttenberg muß gehen. Null Optionen. Nebst einem Nachtrag; ZR vom 18. 2. 2011

  • Zitat des Tages: "Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat". Warum Guttenbergs Erklärung unglaubhaft ist; ZR vom 18. 2. 2011


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    19. Februar 2011

    Zettels Meckerecke: Guttenberg der Blender. Plagiate auf 62,8 Prozent aller Seiten der Dissertation entdeckt (momentaner Stand)

    "Mehrheit der Deutschen gegen Rücktritt Guttenbergs" lautete gegenwärtig der Aufmacher bei "Welt-Online". In dem Artikel erfährt man, daß laut einer Emnid-Umfrage für "Focus" nicht weniger als 68 Prozent der Deutschen gegen einen Rücktritt des Freiherrn sind; nur 27 Prozent befürworten einen solchen Schritt.

    Ich kann sie verstehen, diese 68 Prozent. "Welt-Online" zitiert das, was dazu der Politologe Karl-Rudolf Korte gegenüber der "Passauer Neuen Presse" äußerte:
    Es kann sein, dass am Ende die Mehrzahl der Wählerinnen und Wähler sagen wird: Gut, jeder macht mal Fehler, schreibt mal ab. Dann könnte die Sache für den Politiker zu Guttenberg ausgestanden sein.
    Ja, wenn es denn so wäre. Wenn Guttenberg hier und da einmal abgeschrieben, wenn er gelegentlich das Kennzeichnen von Zitaten vergessen hätte - gut.

    Eine Arbeit mit solchen gravierenden Mängeln kann zwar nach normalen akademischen Maßstäben nicht mehr mit summa cum laude oder auch nur magna cum laude oder cum laude bewertet werden - also "ausgezeichnet", "sehr gut" oder "gut"; aber ein rite (befriedigend) ließe sich vertreten. Kein Grund jedenfalls, die Arbeit abzulehnen oder gar dem Betreffenden, wenn die Sache herauskommt, den Doktortitel abzuerkennen.

    Aber so ist es ja nicht. Guttenberg hat nicht hier und da ein bißchen geschummelt, wie das vermutlich die meisten Befragten glaubten, als sie sich für sein Verbleiben im Amt aussprachen. Sondern Plagiate durchziehen die gesamte Arbeit.

    Bis in den gestrigen Abend hinein wurde die Liste der Funde auf der WebSite GuttenPlag Wiki länger und länger; und auch heute Vormittag geht die Suche mit großem Erfolg weiter. Nach gegenwärtigem Stand gibt es Plagiate auf 247 Seiten der Dissertation; das sind 62,8 Prozent aller Seiten.

    Zu gelegentlichen Schummeleien verhält sich das wie die Niagara-Fälle zu einem sprudelnden Bächlein. Man muß nach dem jetzigen Stand der Überprüfung zu dem Schluß kommen, daß diese Dissertation in die deutsche Akademische Geschichte eingehen wird: Als ein Fall von ausgemachter Dreistigkeit, was das Ausmaß des Plagiierens angeht.



    Und es ist nicht nur das Ausmaß. Guttenberg schreibt nicht nur einfach ab, sondern er verändert mitunter die Texte, die er seiner Arbeit einverleibt. Wie er das tut, das wirft ein bezeichnendes Licht auf diesen Mann.

    Ich habe bereits gestern auf solche Veränderungen aufmerksam gemacht ("Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat". Warum Guttenbergs Erklärung unglaubhaft ist; ZR vom 18. 2. 2011). Sie sind kritisch für die Beurteilung von Guttenbergs Behauptung, ihm seien nur "Fehler" unterlaufen. Denn wenn man zitieren will, dann schreibt man nicht in das Zitat eigene Wörter hinein. Genau das aber hat Guttenberg an inzwischen zahlreichen dokumentierten Stellen getan.

    Die Änderungen, die er an den von anderen übernommenen Texten vornimmt, fallen im wesentlichen in drei Kategorien:
  • Aktualisierungen. Beispiele habe ich gestern genannt: Bei der Übernahme eines Textes aus einem Zeitungsartikel von 1997 hat Guttenberg die alte durch die neue Rechtschreibung ersetzt und eine Zeitangabe aktualisiert; inzwischen war ja rund ein Jahrzehnt vergangen, und so machte er aus "vor rund 200 Jahren" ein "vor über 215 Jahren".

  • Für die zweite und dritte Kategorie habe ich in Zettels kleinem Zimmer Beispiele genannt; dort finden Sie auch die betreffenden Links.

    Die zweite Kategorie kann man so kennzeichnen, daß der Text wortreicher, gewissermaßen breiter gemacht wird; das also, was Journalisten Zeilenschinderei nennen.

    Zwei Beispiele: Im Original (einer Master-Arbeit von 2003) stand der schlichte Satz "Sie spielte für seine Aufgabe keine Rolle". Guttenberg machte daraus "Sie spielte für seine Aufgabe letztlich auch keine fundamentale Rolle". In einem anderen der von ihm ausgeschlachteten Texte hieß es: "Die amerikanische Lösung wird noch heute der 'Great Compromise' genannt". Bei Guttenberg wurde daraus "...wird die amerikanische Lösung noch heute nicht ohne Pathos der 'Great Compromise' (...) genannt". Es darf halt ein bißchen mehr sein. Es kommt ein Sahnehäubchen auf den Kaffee. Nicht ohne Pathos.

  • Damit sind wir bei der dritten Kategorie. Sahnehäubchen nämlich liebt Guttenberg. Wo im Original der Plural von "Referendum" steht, nämlich "Referenden", heißt es bei Guttenberg "Referenda"; was zwar lateinisch klingt, aber falsch ist. Wenn im Original davon die Rede ist, daß ein Text "zustandekommt", dann macht Guttenberg daraus die "Genesis" dieses Textes. Griechisch, aber im Deutschen in einem solchen Zusammenhang völlig unüblich.

    Das Schönste, was ich in diesem Bereich bisher gefunden habe, ist die Sache mit der Mitte. Da ist im abgekupferten Original von einem "Mittelweg" die Rede. Bei Guttenberg wird daraus "aurea mediocritas".

    "Aurea mediocritas" (die Goldene Mitte; wobei ein In-der-Mitte-Sein mitschwingt) ist aber mitnichten ein juristischer Fachausdruck. Es handelt sich um einen Begriff aus der antiken Lebensphilosophie, der das Ideal beschreibt, sich zu mäßigen und Extreme zu vermeiden.

    In dem Text, in den Guttenberg diesen Begriff verpflanzt, geht es aber überhaupt nicht um etwas Derartiges; sondern schlicht um einen Kompromiß zwischen zwei Verfassungsprinzipien.
  • Aber Latein, das schmückt halt, ob passend oder nicht. Der Freiherr Karl-Theodor zu Guttenberg ist ein Blender.



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    15. Dezember 2010

    Marginalie: Guttenberg besuchte die kämpfende Truppe. Die Linke empört sich. Warum?

    Wenn ein trivialer, wenn ein ganz und gar harmloser Sachverhalt bei Politikern empörte Reaktionen auslöst, dann sollte man hellhörig werden.

    Bei "Zeit-Online" ist im Augenblick der meistkommentierte (200 Kommentare) Artikel dieser: "Scharfe Kritik an Guttenbergs Kundus-Besuch".

    Zitiert werden dort Äußerungen über den Besuch des Ministers wie zum Beispiel: "plumpe Eigen-PR" (Claudia Roth), "Staatsschauspieler" (Andrea Nahles) und "Ich finde, Frau Katzenberger fehlt noch. Da hätten wenigstens die Soldaten was davon" (Sigmar Gabriel, der es meist noch eine Etage tiefer schafft als die anderen).

    Die "Deutsche Welle" - der Sender also, den der deutsche Steuerzahler dafür bezahlt, Deutschland für ausländische Hörer und Internetnutzer positiv darzustellen - betitelt seine gestrige Presseschau zu diesem Thema "Peinliches Fronttheater" und reiht einen kritischen Kommentar an den anderen, bevor es genüßlich heißt "Klar hinter den Verteidigungsminster stellen sich einige der kleineren Blätter, so die Cellesche Zeitung".

    Was hat sich zugetragen? Sie können es auf der WebSite des Verteidigungsministeriums lesen. Sachlich berichtete darüber am Montag beispielsweise auch "Focus":
    Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hat am Montag gemeinsam mit seiner Ehefrau Stephanie die in Nordafghanistan stationierten Bundeswehrsoldaten besucht. Nach einem Zwischenstopp beim Regionalkommando Nord in Masar-i-Scharif reiste das Ehepaar nach Angaben des Verteidigungsministeriums ins Feldlager Kundus. (...)

    Begleitet wurde Guttenberg auch von den Ministerpräsidenten David McAllister aus Niedersachsen und Wolfgang Böhmer aus Sachsen-Anhalt (beide CDU). Zur Delegation zählte weiterhin der Fernsehmoderator Johannes B. Kerner, der in Kundus für den TV-Sender Sat 1 eine Talkshow mit Guttenberg und den Soldaten produzieren wollte.
    Das ist alles. Ein Verteidigungsminister besucht vor Weihnachten die kämpfende Truppe. Er wird von einem TV-Team begleitet, weil vor Ort ein Gespräch des Ministers mit Soldaten aufgezeichnet werden soll. Er wird von seiner Ehefrau begleitet. Er wird von Ministerpräsidenten aus zwei Bundesländern begleitet, in denen viele der in Afghanistan kämpfenden Soldaten ihre Standorte haben.

    Guttenberg hat seine Frau mitgenommen, so wie Staatschefs, Regierungschefs und Minister ihre Frauen oft zu wichtigen Reisen mitnehmen. Er hat den Journalisten Johannes B. Kerner und sein Team mitgenommen, so wie fast immer Journalisten mitgenommen werden.

    Auch in Krisengebiete. Manchmal schickt eine Präsident sogar seine Frau auf eine eigene Mission; so zum Beispiel Bill Clinton die First Lady Hillary, die 1996 im Auftrag ihres Mannes die US-Truppen in Bosnien besuchte. Begleitet von ihrer Tochter Chelsea, dem Comedian Sinbad und der Sängerin Sheryl Crow, die vor den Soldaten auftraten.

    Als über diesen Besuch im Wahlkampf 2008 debattiert wurde, kam niemand auf den Gedanken, die Reise der First Lady also solche zu kritisieren oder die Zusammensetzung ihrer Begleitung zu bemängeln. Beanstandet wurde nur, daß Clinton im Nachhinein zu Unrecht behauptet hatte, man sei in Tusla unter dem Feuer von Heckenschützen dem Flugzeug entstiegen.



    Warum also dieses Tamtam um die Reise des Ministers Freiherr zu Guttenberg?

    Vordergründig geht es um den Vorwurf der Selbstdarstellung. Politiker, die sich ständig ins Rampenlicht drängen, werfen dem Minister vor, sich ins Rampenlicht zu drängen. Wenn ausgerechnet Claudia Roth dem Minister Guttenberg "plumpe Eigen-PR" ankreidet, dann hat das schon etwas von Realsatire an sich.

    Tucholsky hat geschrieben, nichts sei verächtlicher, als wenn Literaten Literaten Literaten nennen. So ist es auch, wenn Selbstdarsteller Selbstdarsteller Selbstdarsteller nennen.

    Gewiß ist der Freiherr zu Guttenberg ein glänzender Selbstdarsteller. Ich habe ihn deshalb anfangs unterschätzt (Zettels Meckerecke: Guttenberg hier! Guttenberg da! Guttenberg oben! Guttenberg unten! Guttenberg hüben! Guttenberg drüben! Guhuhuttenberg!; ZR vom 18. 3. 2009). Aber es zeigte sich dann, daß er gute Arbeit als Wirtschaftsminister leistete, und er ist jetzt ein guter Verteidigungsminister.

    Ein Minister also, der weiß, wie wichtig es für Soldaten ist, daß ihre schwierige und gefährliche Arbeit anerkannt wird. Ein Zeichen der Anerkennung und der Fürsorge für die Truppe ist ein solcher Besuch; Ausdruck des Respekts vor dem, was die Soldaten für uns leisten.

    Und hier dürfte wohl ein zweiter Grund für die Häme zu suchen sein, mit der linke Kritiker den Besuch des Ministers bei unseren Soldaten kommentieren.

    Die Kommunisten lehnen den Afghanistan-Einsatz ganz ab. Die Grünen und die SPD stimmen ihm mehrheitlich zähneknirschend zu, weil man ihn, als man regierte, selbst beschlossen hat.

    Aber damals stand man unter dem Eindruck von 9/11. Deutschland konnte sich nicht völlig der Solidarität mit den USA verschließen, aber man wollte diese in Gestalt einer friedenserhaltenden Mission nach beendetem Kampf üben; mit einer nach Afghanistan entsandten Truppe, die Brunnen gräbt und bei der Einrichtung von Schulen hilft. Militär light, wie man es als Linke gerade noch akzeptieren konnte.

    Nun aber stehen unsere Soldaten im Kampf. Die Reise des Ministers unterstreicht das. Seine Frau hat ein Feldlazarett besucht. Mit seinem Besuch würdigt der Minister das, was diese kämpfende Truppe leistet. Das sehen viele Linke mit Argwohn, die - anders als übrigens die Mehrheit der Bevölkerung - noch immer kein normales Verhältnis zum Militär haben.

    Ihre schwierige Arbeit in Afghanistan sollen sie machen, unsere Soldaten, wenn es denn sein muß. Aber daß das von einem Minister ostentativ gewürdigt wird, das mißfällt. Zumal, wenn die Bundesregierung gerade ihren aktuellen Bericht zur Lage in Afghanistan vorgelegt hat und demnächst die Verlängerung des Mandats der Bundeswehr zur Abstimmung im Bundestag ansteht.



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    18. März 2009

    Zettels Meckerecke: Guttenberg hier! Guttenberg da! Guttenberg oben! Guttenberg unten! Guttenberg hüben! Guttenberg drüben! Guhuhuttenberg!

    Nein, ein Figaro ist er nicht, der Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg; freilich sieht er so aus, als ob er einen teuren beschäftigt.

    Und einen teuren Schneider dazu. Und wenn man ihn sieht, wie er mit etwas tänzelnden, federnden Schritten, meist einen Tick schneller als die Entourage, von einem Ort zum anderen eilt, könnte man vermuten, daß er sich auch einen teuren Tanzlehrer geleistet hat, wie einst Molières Monsieur Jourdain seinen Maître à danser.

    Kurz, Guttenberg macht was her. Als er kürzlich in den USA war, folgten ihm mehr Journalisten als der Kanzlerin bei ihrem letzten Besuch dort; so wurde es jedenfalls berichtet. Mit Fototerminen war er mehr als großzügig; sogar beim Snack zwischen zwei Gesprächen durfte er gefilmt werden. Auch da machte er eine tadellose Figur.



    Einen größeren Kontrast zu seinem Vorgänger Glos kann man sich kaum denken. Man stelle sich jenen biederen und redlichen Müllermeister in Verhandlungen mit ausgebufften US-Managern vor. Aber Guttenberg, der kann das. Erst 37 Jahre ist er, und schon ganz oben.

    Alter Adel, und doch bestimmt eine glänzende Karriere hingelegt, bevor er den Sprung zum Minister schaffte? Studium in Oxford, Harvard, an der London School of Economics? Schnell abgeschlossen, dann Erfahrungen in der internationalen Geschäftswelt?

    Ach nein. Studiert hat der Karl-Theodor zu Guttenberg - so findet man es in der Biografie beim Deutschen Bundestag und auf seiner WebSite - offenbar nur in Deutschland; jedenfalls wird ein Auslandsstudium nirgends erwähnt.

    Bis zur Promotion hat er mehr als zehn Jahre gebraucht; da war er 35. Und sein beruflicher Werdegang sieht so aus: "Geschäftsführender Gesellschafter der Guttenberg GmbH, München. U. a. Freier Journalist bei der Tageszeitung DIE WELT. U. a. Mitglied im Aufsichtsrat der Rhön-Klinikum AG (bis 2002)". Und dann ist da noch von nicht näher bezeichneten "berufliche[n] Stationen in Frankfurt und New York" die Rede.

    Der Mann ist genauso aus der bayerischen Provinz wie der Müllermeister Glos. Nur hat er ungleich weniger politische Erfahrung als dieser. Nur weiß er freilich ungleich besser zu glänzen und zu glitzern.



    Mich erinnert der Karl-Theodor zu Guttenberg sehr an einen seiner Vorgänger im Amt, Jürgen W. Möllemann. Auch er mit bescheidenem beruflichem Hintergrund - ausgebildet als Lehrer für Grund- und Hauptschule, dann aber Public- Relations- Mann. Und unversehens Wirtschaftsminister. Auch er ständig unterwegs wie der Figaro, ständig sich in die Öffentlichkeit drängend.

    Ungefähr 1991 flogen wir in den Urlaub nach Fuerteventura. Wie es der Zufall wollte, saß Möllemann im selben Flieger (er hatte ein Haus auf Fuerteventura). Das konnte keinem der Passagiere entgehen; denn ständig kamen Durchsagen, daß der Herr Minister Möllemann dringed am Telefon verlangt werde. Das paßt zu diesem Gschaftlhuber, fanden meine Frau und ich damals.

    Von dem Minister Horst Ehmke, auch so einem Macher, gibt es die Anekdote, daß er in seinen Dienstwagen stieg und auf die Frage des Fahrers "Wohin?" antwortete: "Egal, ich werde überall gebraucht". Das könnte auch von dem Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg kolportiert werden.



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    18. Februar 2011

    Zitat des Tages: "Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat". Warum Guttenbergs Erklärung unglaubhaft ist

    Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat, und den Vorwurf weise ich mit allem Nachdruck von mir. Sie ist über etwa sieben Jahre neben meiner Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevoller Kleinstarbeit entstanden und sie enthält fraglos Fehler. Und über jeden einzelnen dieser Fehler bin ich selbst am unglücklichsten.

    Es wurde allerdings zu keinem Zeitpunkt bewusst getäuscht oder bewusst die Urheberschaft nicht kenntlich gemacht. Sollte sich jemand hierdurch oder durch inkorrektes Setzen und Zitieren oder versäumtes Setzen von Fußnoten bei insgesamt 1300 Fußnoten und 475 Seiten verletzt fühlen, so tut mir das aufrichtig leid. Die eingehende Prüfung und Gewichtung dieser Fehler obliegt jetzt der Universität Bayreuth.


    Aus der heutigen Erklärung von Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg.


    Kommentar: Ja, Dr. zu Guttenberg. Denn einen Doktortitel kann man nicht ablegen, zurückgeben oder dergleichen. Man kann nur darauf verzichten, ihn zu führen; also ihn auf den Briefkopf, ans Türschild, auf die Visitenkarte zu schreiben. Das ist ohne jeden rechtlichen Belang. Guttenberg bleibt promoviert, bis die Universität Bayreuth ihm den Titel aberkennt.

    Die Dissertation sei kein Plagiat, sagte Guttenberg. Natürlich ist sie kein Plagiat. Niemand sagt das. Vorgeworfen wird dem Minister, daß sie zahlreiche Plagiate enthält.

    Guttenberg dementiert, was niemand behauptet hat; eine sehr offensichtliche und sehr windige Strategie.

    Guttenberg sagt, seine Dissertation sei "in mühevoller Kleinstarbeit entstanden". Ja, das haben Dissertationen so an sich. Auch soll es noch andere Doktoranden geben, die eine Familie haben und die berufstätig sind, während sie an ihrer Dissertation schreiben. Das zur Begründung von "Fehlern" anzuführen ist nachgerade lächerlich.

    Ist Guttenbergs Entschuldigung, es handle sich nur um Fehler und keine bewußten Plagiate, aber überhaupt glaubhaft? Sie ist es nicht, und zwar aus einem einfachen Grund: Wenn man zitiert, dann verändert man den zitierten Text nicht.

    Das einzige Erlaubte sind Auslassungen, wie ich sie in diesem Blog zum Beispiel durch ein "(...)" kennzeichne. (Durch die Klammern wird deutlich, daß sich das Auslassungszeichen nicht bereits im zitierten Text findet, was ja sein könnte).

    Nun haben die fleißigen Rechercheure von GuttenPlag Wiki inzwischen aber Plagiate aufgespürt, bei denen der Text verändert wurde. Und zwar genau so, wie das ein Student macht, der pfuschen will: Man ersetzt Wörter, fügt das eine oder andere hinzu, läßt etwas weg. Sehen Sie sich einmal dieses Beispiel an (Veränderungen sind gefettet):
    Guttenbergs Dissertation, Seite 15:
    Sich zu einer Nation zu vereinigen, die ursprünglich autonome Vielfalt gegen einen von der Zentralregierung gewährten Pluralismus einzutauschen bedeutete indes Verzicht; die bisher unter losem Konföderationsdach weitgehend selbständigen Einzelstaaten mussten um des Gemeinsamen willen den Anspruch auf das Eigene zurückschrauben und Souveränitätsrechte abgeben.

    Barbara Zehnpfennig in der FAZ unter dem Datum 27.11.1997:
    Sich zu einer Nation zu vereinigen, die ursprüngliche autonome Vielfalt gegen einen von einer Zentralregierung gewährten Pluralismus einzutauschen bedeutete natürlich Verzicht; die bisher unter losem Konföderationsdach weitgehend selbständigen Einzelstaaten mußten um des Gemeinsamen willen den Anspruch auf das Eigene zurückschrauben und Souveränitätsrechte abgeben.
    Besonders entlarvend ist die Ersetzung von "mußten" durch "mussten"; also die Anpassung an die neue Rechtscheibung. Ebenso machte in der vorausgehenden Passage der Doktorand zu Guttenberg aus Zehnpfennigs "vor rund 200 Jahren" ein "vor über 215 Jahren". Er paßte den Text an die Zeit an, in der er die Dissertation schrieb.

    Hätte er eigentlich zitieren wollen und nur die Anführungszeichen und die Fußnote vergessen, dann würden solche Änderungen nicht den geringsten Sinn machen. Sie sind eindeutige Indizien für die Absicht des Plagiierens.



    In meinem ersten Artikel zu diesem Thema habe ich erwähnt, daß ich Guttenberg zunächst als einen Blender gesehen, dann aber meine Meinung über ihn geändert hatte (Es wird wohl nichts werden mit dem künftigen Bundeskanzler Doktor zu Guttenberg; ZR vom 16. 2. 2011). Was jetzt zutage getreten ist, hat mich veranlaßt, auch über Anderes bei zu Guttenberg nachzudenken. Über die schnelle Entlassung des "Gorch-Fock"-Kapitäns Norbert Schatz zu Beispiel.

    Oder über den Fall Kundus. Sie erinnern sich? Nach dem Bombardement der beiden Tanklastzüge mit zahlreichen Opfern hatte zu Guttenberg den Staatssekretär Wichert und den Generalinspekteur der Bundeswehr Schneiderhan entlassen, weil sie ihn unzureichend informiert hätten. Es gab damals unterschiedliche Darstellungen des Verlaufs des entscheidenden Gesprächs, und Schneiderhan bezichtigte zu Guttenberg sogar der Lüge.

    Ebenfalls entlassen wurde der Brigadegeneral Henning Hars, der Guttenberg einen Brief geschrieben hatte, in dem er nach den Gründen der Entlassung von Schneiderhan fragte.

    Man kann das als schneidiges und entschlossenes Handeln sehen. Im Licht dessen, was sich jetzt über den Charakter des Freiherrn abzeichnet, stellt es sich mir heute anders dar.



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    26. November 2011

    Marginalie: Des Freiherrn neues Image. Rätsel Guttenberg

    Gewiß können Sie sich noch an diesen Herrn erinnern:

    Das ist das "Offizielle freie Pressefoto von Karl-Theodor zu Guttenberg"; zu finden auf der "Offiziellen Homepage von Karl-Theodor zu Guttenberg". Soviel "offiziell" muß schon sein.

    So kennen wir ihn: Den distinguierte Freiherrn, every inch a gentleman, das gegelte dunkle Haar zurückgekämmt, mit der seriösen Brille und der dezenten Krawatte.

    Und nun sehen Sie sich bitte dieses Foto Guttenbergs an, das vor wenigen Tagen auf einer Sicherheitskonferenz im kanadischen Halifax aufgenommen wurde. Ein flotter junger Mann, brillenlos, das braune Haar keck nach vorn frisiert, die sportliche Tasche um die Schulter geworfen.

    16. Februar 2011

    Zettels Meckerecke: Es wird wohl nichts werden mit dem künftigen Bundeskanzler Doktor zu Guttenberg

    In jeder Schule wird geschummelt. Auf Klassentreffen vergnügt man sich gern damit, sich gegenseitig zu erzählen, wie man es angestellt hat, den Lehrer zu überlisten. Und dieser, so er dabei ist und er Humor hat, wird mitlachen.

    Man wird Schülern vernünftigerweise keinen moralischen Vorwurf machen, wenn sie schummeln (pfuschen, mogeln, abschreiben, spicken - die deutsche Sprache ist ja in diesem Punkt bemerkenswert reich). Schüler haben das getan, seit jemand CAIUS ASINUS EST an eine Tempelwand geschrieben hat; nein, natürlich seit der Zeit der Hieroglyphen.

    Nur sollten sie sich nicht erwischen lassen, die Schüler, die Studenten. Ich habe Studenten bei Klausuren stets gesagt: Sie dürfen gern zu schummeln versuchen. Ich werde versuchen, das zu verhindern oder aufzudecken. Wenn Sie durchkommen, dann haben Sie gewonnen. Wenn nicht, dann haben Sie die Klausur nicht bestanden. Es ist Ihre freie Entscheidung, ob Sie das Risiko eingehen wollen.

    Aber bei wissenschaftlichen Arbeiten ist das anders; während des Studiums, beim Abschluß des Studiums, danach. Denn anders als der Unterricht in der Schule und an der Universität basiert die Wissenschaft auf dem Grundsatz, daß unter keinen Umständen abgeschrieben werden darf.

    Das gilt auf der juristischen Ebene: Wer plagiiert, dem kann der durch das Plagiat erworbene akademische Titel aberkannt werden. Es gilt auf der moralischen Ebene; Plagiate und das Fälschen von Daten verstoßen gegen den Geist der Wissenschaft, der auf Offenheit und Ehrlichkeit basiert. Und es hat ja auch einen ökonomischen Aspekt. Akademische Grade befördern die Karriere. Wer sich einen akademischen Grad erschleicht, der verschafft sich widerrechtlich einen wirtschaftlichen Vorteil.



    Bei der Beurteilung dessen, was dem nicht unvermögenden Freiherrn zu Guttenberg vorgeworfen wird, spielt dieser wirtschaftliche Aspekt sicherlich keine Rolle. Die anderen schon.

    Was heute an Dokumenten zum Vorwurf des Plagiats in der Dissertation Karl-Theodor zu Guttenbergs an die Öffentlichkeit gelangte, das ist haarsträubend.

    Ich bezichtige Guttenberg nicht des Plagiats, solange der Sachverhalt nicht durch die zuständigen Stellen - die Juristische Fakultät der Universität Bayreuth, gegebenenfalls ein Gericht - festgestellt wurde. Aber ich sehe nicht, daß angesichts der Belege, die heute veröffentlicht wurden, diesen Gremien ein sehr großer Beurteilungs- und Entscheidungsspielraum bleibt.

    Schauen Sie sich bitte einmal diese Abbildung aus FAZ.Net an. (Sie können die Textstellen auch unten in dem Artikel als Transskripte lesen).

    Sehen Sie sich bitte das an, was sueddeutsche.de an Textvergleichen anbietet. Im zugehörigen Artikel von sueddeutsche.de heißt es:
    Die jetzt beanstandeten Stellen, die insgesamt mehrere Seiten umfassen, fallen in drei Kategorien. Bei den Fällen, die am schwersten wiegen, finden sich wortgleiche Übereinstimmungen mit Texten, die Guttenberg offenbar weder in einer Fußnote noch im Literaturverzeichnis ausweist. (...)

    Die zweite Kategorie von Verdachtsfällen betrifft Stellen mit wortwörtlich oder leicht abgewandelten Passagen anderer Autoren, die zwar im Literaturverzeichnis allgemein aufgeführt, im laufenden Text aber nicht zitiert werden. Und schließlich fallen, drittens, Abschnitte auf, in deren Umfeld zwar eine Fußnote auf den Ursprung hinweist. Aus den Hinweisen geht jedoch nicht hervor, dass Guttenberg die Passagen wörtlich und teilweise über mehrere Sätze hinweg direkt übernommen hat.
    Für das Zitieren in wissenschaftlichen Arbeiten gibt es in den einzelnen Disziplinen unterschiedliche Vorschriften. Gemeinsam ist ihnen aber allen dies:
  • Wenn man einer Quelle einen Gedanken, eine Information, wenn man ihr Daten entnommen hat, dann wird das allgemein angegeben. Man schreibt also zum Beispiel: "Wie schon xyz (1999) hervorhob, ist das kritisch zu betrachten".

  • Wenn man etwas wörtlich übernimmt, dann ist es unbedingt und ausnahmslos als wörtliches Zitat zu kennzeichnen. Das bedeutet erstens, daß es in Anführungszeichen gesetzt wird (oder eingerückt dargestellt wird; oder kursiv, oder wie immer Zitate in der betreffenden Arbeit gekennzeichnet werden).

    Zweitens muß bei einem wörtlichen Zitat nicht nur der Autor genannt werden, sondern es muß auch einen eindeutigen Hinweis auf die Fundstelle geben; so eindeutig, daß es dem Leser leicht möglich ist, das Zitat aufzufinden und nachzuprüfen. Also zum Beispiel: "xyz (1999, S. 77) stellte zu Recht fest: 'Das muß kritisch gesehen werden'". Die Zitiervorschriften sind, wie gesagt, im einzelnen verschieden. Statt des Jahrs der Publikation (in den Naturwissenschaften verbreitet) kann man zum Beispiel auch auf die Nummer des Eintrags im Literaturverzeichnis oder die Nummer einer Fußnote verweisen (Also: "xyz (Fußnote 88, S. 77) stellte zu Recht fest ..."; oder "xyz (666, S. 77) stellte zu Recht fest ...").
  • Die heute publizierten Faksimiles lassen kaum einen anderen Schluß zu, als daß zu Guttenberg an den dokumentierten Textstellen so nicht verfahren ist. Es entsteht der schwer abweisbare Eindruck, daß er Textstellen übernommen hat, aber dies für den Leser so aussehen läßt, als handle es sich um seinen eigenen Text.

    Wenn das so ist, dann stellt sich nicht nur die Frage, ob zu Guttenberg den derart erworbenen akademischen Grad noch führen darf. Dann stellt sich auch die Frage, wie es denn mit seiner politischen Tätigkeit, mit seiner politischen Karriere weitergehen soll und überhaupt weitergehen kann.



    Als Karl-Theodor zu Guttenberg, der zuvor Generalsekretär der CSU gewesen war, nach dem Rücktritt des Wirtschaftsministers Glos überraschend ins Bundeskabinett einrückte, hatte ich zunächst eine sehr kritische Meinung zu ihm; siehe Guttenberg hier! Guttenberg da! Guttenberg oben! Guttenberg unten!; ZR vom 18. 3. 2009.

    Mir gefiel damals Guttenbergs Art der Selbstdarstellung nicht. Ich fand auch seinen beruflichen Werdegang nicht sehr überzeugend und habe in diesem Zusammenhang auf seine Promotion hingewiesen:
    Studiert hat der Karl-Theodor zu Guttenberg - so findet man es in der Biografie beim Deutschen Bundestag und auf seiner WebSite - offenbar nur in Deutschland; jedenfalls wird ein Auslandsstudium nirgends erwähnt. Bis zur Promotion hat er mehr als zehn Jahre gebraucht; da war er 35.
    Dann aber hat mich der Minister zu Guttenberg zunehmend überzeugt; wie er ja sehr viele Deutsche mit seinem entschlossenen, kompetenten Auftreten überzeugt hat.

    Jetzt frage ich mich, ob er nicht doch der Blender ist, als den ich ihn damals, vor fast zwei Jahren, gesehen habe.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an C.

    2. März 2011

    Nachgedanken zur Affäre Guttenberg (1): "Hänge dich auf oder nicht; du wirst beides bereuen". Die christlich-liberale Koalition nach dem Rücktritt

    Søren Kierkegaard, der erbarmungslose Pessimist, schreibt in "Entweder - oder":
    Verheirate dich, du wirst es bereuen; verheirate dich nicht, du wirst es auch bereuen. Heirate oder heirate nicht, du wirst beides bereuen. Verlache die Torheiten der Welt, du wirst es bereuen; beweine sie, beides wirst du bereuen. Traue einem Mädchen, du wirst es bereuen; traue ihm nicht, du wirst auch dies bereuen. Fange es an, wie du willst, es wird dich verdrießen. Hänge dich auf, du wirst es bereuen; hänge dich nicht auf, beides wird dich gereuen. Dieses, meine Herren, ist der Inbegriff aller Lebensweisheit.
    Was immer die Kanzlerin im Fall Guttenberg tat: Es war klar, daß es sie gereuen würde. Es gab keinen Ausweg, der das christlich-liberale Lager unbeschädigt hätte aus der Affäre hervorgehen lassen können.

    Die Kanzlerin konnte Guttenberg nicht fallenlassen; es hätte sie gereut, denn viele Unionswähler verehren ihn noch immer. Es hätte bei den anstehenden Wahlen geschadet.

    Sie konnte ihn am Ende aber auch nicht halten. Nicht gegen diejenigen, die in ihrer Partei für Anstand und Ehrlichkeit eintraten - Norbert Lammert, Annette Schavan, Kurt Biedenkopf, Bernhard Vogel, Wolfgang Böhmer zum Beispiel. Sie konnte ihn nicht gegen die Wissenschaftler halten, die zu Tausenden protestierten. Er war spätestens dann nicht mehr zu halten, als selbst sein Doktorvater Häberle sich von ihm distanzierte und als ihn der Bayreuther Verfassungsrechtler Lepsius ohne jede Beschönigung einen Betrüger nannte (siehe "Für mich steht außer Frage, daß Herr zu Guttenberg ein Betrüger ist"; ZR vom 27. 2. 2011).

    Jede Entscheidung, die Angela Merkel hätte treffen können, wäre falsch gewesen. Es war in gewisser Weise damit eine auf die Kanzlerin zugeschnittene Situation. Sie wartete ab; vermutlich wußte sie, daß die Entwicklung unausweichlich sein würde. Ein Minister, gegen den die Staatsanwaltschaft ermittelt, konnte nicht im Amt bleiben.



    Kurzfristig wird Guttenbergs Abgang der Union möglicherweise schaden. In Baden-Württemberg wird zwar vermutlich kaum ein Unionswähler deshalb eine andere Partei wählen; aber manche werden vielleicht gar nicht zur Wahl gehen und auf diese Weise gegen den Politikbetrieb protestieren, dem dieser "gute Mann" zum Opfer fiel.

    Langfristig liegt in dieser Affäre für die Union, überhaupt für die christlich-liberale Regierung, eine Gefahr und eine Chance.

    Die Gefahr ist, daß Guttenberg der charismatische Führer einer rechtspopulistischen Partei werden könnte. Bisher gibt es keine Indizien dafür, daß er es will. Aber objektive Faktoren lassen es denkbar erscheinen, daß dies eintreten wird:
  • Wie Okar Lafontaine, der vor fast genau zwölf Jahren zurücktrat, ist Guttenberg ein eitler, ehrgeiziger Mann, den sein Scheitern tief treffen muß. Lafontaine hat gezeigt, wie man aus einer solchen Niederlage einen Sieg machen kann: Als Führer einer populistischen Partei.

  • Guttenberg ist schon jetzt der Populist schlechthin. Die Herzen fliegen ihm zu; ja nicht für seine politischen Auffassungen (die höchst unbestimmt sind), sondern für seine Haltung, seinen Stil, seine Person. Er ähnelt darin sehr Jörg Haider und Geert Wilders.

  • Eine rechtspopulistische Partei fehlt im deutschen Parteienspektrum; es ist da eine Lücke. Die Zeit der Volksparteien ist vorbei; wir steuern auf Weimarer Verhältnisse zu, was das Parteiensystem angeht. Die Linkspopulisten haben sich als eine feste Größe etabliert; warum sollte das nicht auch Rechtspopulisten gelingen? Es ist ihnen fast überall in Europa gelungen. Nur braucht Populismus den Charismatiker; eben einen Lafontaine, einen Haider, einen Wilders, einen Le Pen. Das Rollenfach war bisher in Deutschland vakant. Guttenberg wäre die ideale Besetzung.
  • Ich will nicht prognostizieren, daß es so kommen wird. Ein zu Guttenberg bewegt sich in einem sozialen Umfeld, in dem Populismus verpönt ist. Es ist auch gut möglich, daß er sich ganz aus der Politik verabschiedet. Er ist jung genug, sich einem ganz anderen Lebensentwurf zuzuwenden. Aber die Gefahr einer solchen Entwicklung besteht; und sie wäre eine massive Bedrohung sowohl für die Union als auch für die FDP.

    Die Affäre Guttenberg enthält aber auch eine Chance für die christlich-liberale Koalition. Sie macht eklatant auf das aufmerksam, was allen drei Parteien fehlt: Das Zündende, das Begeisternde.

    Guttenberg war (und ist vermutlich immer noch) so beliebt, weil er es den Deutschen mit seinem Stil, mit seinem Auftreten, mit seinem Glamour endlich erlaubte, einmal einen Politiker richtig gut zu finden (siehe Guttenbergs Glanz. Guttenbergs Fall; ZR vom 21. 2. 2010). Politik ist eben - trivialerweise - mit Emotionen verbunden. Obama hat damit die Wahl gewonnen; ihm flogen 2008 die Herzen zu. Er war der jugendliche Held, Typ Alexander der Große, wie Guttenberg ihn auch verkörpert (siehe Warum Huckabee und Obama gewannen; ZR vom 4. 1. 2008).

    Man kann sich so jemanden nicht schnitzen. Die Kanzlerin wird nicht schaffen können, daß ihr die Herzen zufliegen; selbst wenn sie das wollte. Sie verhält sich zu Guttenberg wie der preußische Klassizismus zum bayerischen Barock. Aber die Chance der Regierungsparteien liegt jetzt darin, daß man die Bedeutung dieses emotionalen Faktors erkennt.

    Die Wahlentscheidungen sind, wie man es neudeutsch sagt, "volatil" geworden. Immer weniger Wähler sind an eine bestimmte Partei gebunden. Der beliebte Ole von Beust konnte das traditionell sozialdemokratische Hamburg erobern; nach seinem Abgang kam es fast zur Halbierung der Wählerschaft der CDU. Die FDP sackte wenige Monate nach ihrem triumphalen Wahlerfolg in die Nähe der fünf Prozent. Die Partei "Die Grünen" nahm einen Höhenflug, aus dem sie sich jetzt offenbar wieder in Richtung Bodenhaftung bewegt.

    Die Union und die FDP haben einen großen Fehler gemacht, als sie in der Sarrazin-Debatte die Stimmung "im Volk" ignorierten. Was die Menschen bewegt, das muß von der Politik aufgegriffen werden. Wenn es die Union und die FDP nicht tun, dann wird es eine rechtspopulistische Partei tun.



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    9. März 2011

    Hat Guttenberg seinen Doktorvater Häberle plagiiert? Hätte dieser etwas bemerken müssen? Noch einmal zur Hypothese der gekauften Dissertation (Teil 1)

    Als Guttenbergs Plagiate bekannt geworden waren, gab es bald die Vermutung, er hätte die Dissertation gar nicht selbst verfaßt, sondern es handle sich um einen Text, den er von einem Anderen oder von Anderen gegen Bezahlung hatte schreiben lassen.

    Er war aber - so ging diese These - hereingelegt worden. Statt für gutes Geld einen Text von Qualität anzufertigen, lieferte der - oder lieferten die - Ghostwriter ein Machwerk voller Plagiate.

    27. Februar 2011

    Zitat des Tages: "Für mich steht außer Frage, daß Herr zu Guttenberg ein Betrüger ist". Das vernichtende Urteil eines Bayreuther Juristen

    Wir sind alle entsetzt. Wir sind einem Betrüger aufgesessen, und die Universität hat daraus die Konsequenzen gezogen und ihm den Grad aberkannt. Niemand hätte sich vorstellen können, mit welcher Dreistigkeit hier ein Plagiat eingereicht wurde. (...) Für mich steht außer Frage, daß Herr zu Guttenberg ein Betrüger ist. (...) Es ist einfach ein Ausmaß an Dreistigkeit, das wir noch nicht erlebt haben.

    Der Bayreuther Jurist Prof. Dr. Oliver Lepsius, heutiger Inhaber des Lehrstuhls, an dem Guttenberg promoviert hatte, gegenüber dem Bayrischen Rundfunk über Guttenbergs erschlichenen Doktorgrad.


    Kommentar: Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, mich zur Affäre Guttenberg nicht mehr zu äußern. Mir schien, daß alles gesagt ist.

    Aber was Lepsius gegenüber dem Reporter des Bayrischen Rundfunks geäußert hat, das ist sensationell. Weitere Kernsätze des Interviews:
    Jemand schreibt vierhundert Seiten, und das ist eine Collage. Das ist von Anfang an als Collage geplant. Das ist doch kein Versehen. Hier geht jemand bewußt vor. Der Mann hatte einen bewußten Vorsatz des Plagiierens. Mir ist vollkommen schleierhaft, wie er diesen Vorsatz bestreiten kann.
    Lepsius fragt sich deshalb, ob Guttenberg nicht ein Fall für den Psychologen ist:
    Mich würde - darf ich ehrlich sein - die Einschätzung eines Psychologen interessieren; was ein Psychologe zu einem solchen Fall von Wirklichkeitsverdrängung meint. (...)

    Das politische Berlin muß sich schon die Frage stellen, ob jemand das Amt eines Bundesministers ausüben kann, der X tut, aber in Abrede stellt, daß er X getan hat. Wer solch eine Selbsteinlassung vornimmt, von dem muß man fragen: Wenn er in diesem Fall nicht wußte, was er tut - weiß er's denn in anderen Fällen?
    Das Sensationelle ist, daß der Jurist Lepsius den Freiherrn explizit einen Betrüger nennt.

    Ich habe mich bisher nicht getraut, das in diesem Blog zu tun, ohne - wie das auch Thomas Oppermann im Bundestag gemacht hat - hinzuzufügen "im umgangssprachlichen Sinn" oder ähnlich. Denn Betrug im juristischen Sinn ist natürlich ein strafbares Delikt.

    Wenn der Jurist Lepsius jetzt Guttenberg ausdrücklich Betrug vorwirft, dann bringt er diesen in Zugzwang. Er kann wegen Verleumdung oder übler Nachrede klagen. Dann wird er vor Gericht den Beweis führen müssen, daß er nicht betrogen hat. Oder er kann das auf sich sitzen lassen. Dann wird künftig jeder Bürger, jeder Abgeordnete im Bundestag berechtigt sein, den Freiherrn einen Betrüger zu nennen.

    Auch ich werde das dann tun, es freudig tun. Ich habe mir solche Epitheta angewöhnt; zum Beispiel nenne ich Barack Obama gern Barack den Redner (Barack der Redner; ZR vom 4. 6. 2009). "Guttenberg der Betrüger", das scheint mir angemessen zu sein, sobald klar ist, daß Guttenberg nicht gegen Lepsius klagt.



    Die Kanzlerin sitzt da, als ginge sie die ganze Affäre nichts an. Dieser Skandal geht sie aber etwas an. Je länger sie dem Unvermeidlichen entgehen will und dem Bundespräsidenten nicht vorschlägt, diesen Minister zu entlassen, umso schlimmer wird es werden.

    Guttenberg scheint im Augenblick in einer starken Position zu sein, weil sich, nicht zuletzt dank der seltsamen Linie der "Bild"-Zeitung, die Bevölkerung noch nicht von ihm abgekehrt hat und weil die Union zähneknirschend hinter ihm steht, in diesem Superwahljahr.

    Das wird sich ändern; spätestens dann, wenn die offiziellen Berichte der beiden Kommissionen der Universität Bayreuth vorliegen, die jetzt mit dem Fall befaßt sind. Je länger die Kanzlerin Guttenberg, den ich wohl demnächst einen Betrüger nennen darf, zu halten versucht, umso mehr wird sie selbst in diese Affäre hineingezogen werden; eine der unappetitlichsten in der Geschichte der Bundesrepublik.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Nola und Leibniz.

    24. Februar 2011

    Belege dafür, daß Guttenberg lügt. Eine Handreichung. Das Messer im Rücken

    Wer meine Artikel zu der Affäre Guttenberg verfolgt hat (Sie können sie lesen, wenn Sie auf diesen Link klicken) und wer in Zettels kleinem Zimmer mitliest, für den wird dieser Beitrag wenig Neues bringen. Ich schreibe ihn für Leser, die nur gelegentlich oder zum ersten Mal hier hereinschauen und/oder die den Blog lesen, aber die Diskussionen im kleinen Zimmer nicht verfolgen.

    Der Artikel wendet sich zum einen an diejenigen, die schon davon überzeugt sind, daß Guttenberg lügt; für diese als, sagen wir, Argumentationshilfe. Diejenigen, die das noch nicht glauben, kann er vielleicht überzeugen; ihnen jedenfalls beim Nachdenken helfen.



    Auf den ersten Blick erscheint der Fall sonnenklar: Guttenberg hat eine Doktorarbeit abgeliefert, die nicht irgendwo ein Plagiat enthält, sondern die aus Plagiaten buchstäblich zusammengeschustert ist. Es ist - auf den ersten Blick - ein Fall von Täuschung bei einer wissenschaftlichen Arbeit, wie ihn die Bundesrepublik bei einem Prominenten noch nicht erlebt hat (siehe Dokumentation des Zwischenberichts von GuttenPlag Wiki zu Guttenbergs Plagiaten; ZR vom 21. 2. 2011). Der Mann hat - vielleicht nicht im juristischen, aber im umgangssprachlichen Sinn des Wortes - nach Strich und Faden betrogen.

    Jeder Student, jeder Inhaber eines Doktorgrads, der so eindeutig des Plagiats überführt werden würde, wäre ohne Diskussion den Sanktionen ausgesetzt, die für diesen Fall vorgesehen sind: Aberkennung des Doktorgrads, Nichtbestehen der jeweiligen Prüfung; bei Studierenden an den Hochschulen der Bundeswehr dienstrechtliche Konsequenzen bis hin zur Entfernung aus dem Dienst.

    Nun argumentiert Guttenberg so, wie jeder in einer derartigen Situation argumentieren könnte, und wie vermutlich Unzählige argumentiert haben: Ihm sei das alles "passiert" (so in der Kelkheimer Rede), ohne daß er es beabsichtigt gehabt hätte.

    Der Mörder hat sein Opfer nicht erstochen, sondern es hat sich ihm irgendwie ins Messer gedrängt.



    Ja, das kann sein. Mancher fällt so unglücklich nach hinten, daß er plötzlich ein Messer im Rücken hat. Aber der Angeklagte, der sich mit dieser Erklärung retten möchte, muß das doch ein wenig begründen.

    Bei Guttenbergs Einlassungen (in der Kelkheimer Rede wie auch bei seiner Erklärungsversuche gestern im Bundestag) fällt auf, daß er gar nicht erst versucht, konkret zu schildern, wie denn die Plagiate so in das Manuskript geraten sein könnten, daß er sie - versehentlich, wie das so geht - nicht als Zitate gekennzeichnet hat. Er konkretisiert das nicht, sondern er sagt einfach (so in der Kelkheimer Rede): "Ich habe diese Fehler nicht bewußt gemacht. Ich habe auch nicht bewußt oder absichtlich in irgendeiner Form getäuscht". Soll ihm doch einer mal das Gegenteil nachweisen. Sollen sich doch andere überlegen, wie die Plagiate denn in die Arbeit geraten sind.

    Andere überlegen das in der Tat. Unterstützer von Guttenberg haben Theorien dazu ersonnen, wie denn dieser grundanständige, nur offenbar reichlich schusselige Mann ganz unbegründet in den Verdacht geraten ist, er hätte weite Passagen seiner Doktorarbeit abgeschrieben. Die gängige Theorie geht so, wie das gestern in Zettels kleinem Zimmer Florian zusammengefaßt hat, ohne es sich zu eigen zu machen:
    Nach dieser Erklärung war Guttenberg bei der Abfassung der Dissertation einfach überfordert. Er hat schludrig gearbeitet und Zitate, die er im Laufe der Diss-Erstellung eingebaut hat, nicht von Anfang an klar markiert. Als er dann ggf. erst lange Zeit später wieder an der gleichen Stelle weitergearbeitet hat, war ihm nicht mehr bewusst, dass es sich hierbei überhaupt um ein Fremd-Zitat handelte. Er glaubte, seinen eigenen Text vor sich zu haben und diesen dann natürlich auch verändern zu können.
    Gegen diese Erklärung ist die Aussage des Mafioso Rinaldo Malvivente, der Francesco Vittima sei ihm ganz unglücklich ins Messer gefallen, ein Muster an Glaubwürdigkeit. Denn:

    Erstens lernt jeder Student in den ersten Semestern, daß alle Zitate belegt werden müssen. Die Vorschriften, wie das zu machen ist, sind unterschiedlich.

    Manchmal werden Fußnoten verlangt (die Zitate werden mit einer Nummer versehen, und am Ende der Seite steht, meist kleingedruckt, unter dieser Nummer die Quelle). Manchmal werden Endnoten verlangt (alle Zitate in einem Kapitel oder im ganzen Text werden durchnumeriert, und im Apparat - dem Anhang, der auf den eigentlichen Text folgt - findet man die Quelle unter der jeweiligen Nummer).

    Verbreitet ist auch das Verfahren, die Belege im Literaturverzeichnis zu versammeln. Im Text steht dann zum Beispiel als Quelle "(Guttenberg, 2009)"; und im Literaturverzeichnis findet man unter "Guttenberg" die Monographie "Guttenberg, Karl-Theodor, Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU. Berlin: Duncker & Humblot, 2009".

    Wenn man nun eine Arbeit schreibt - sei es eine Seminararbeit, eine juristische Hausarbeit, eine Diplomarbeit oder eine Dissertation -, dann hat man offenkundig das Problem, daß auch alle Zitate in der jeweils verlangten Form belegt werden. Also kennzeichnet man sie, sobald man sie ins Manuskript einträgt. Niemand, der eine wissenschaftliche Arbeit schreibt, verzichtet auf eine solche Markierung; es sei denn, er hätte einen IQ unter 80.

    Wie man die Zitate, sobald man sie in das Manuskript einfügt, kennzeichnet, das wird unterschiedlich gehandhabt.

    Die heutigen Texteditoren bieten dazu komfortable Funktionen: Man markiert das Zitat, klickt auf die entsprechende Option und trägt den Literaturnachweis ein. Den Rest erledigt das Programm.

    Vor der Zeit der Texteditoren mußte man das per Hand machen. Manche schrieben das Zitat eingerückt, andere markierten es sofort mit einem gelben Marker. Wer eine Kugelkopf-IBM benutzte, der machte sich vielleicht auch die Mühe, den Kugelkopf auszutauschen, um das Zitat kursiv zu setzen.

    Wie auch immer: Daß Zitate sofort - in dem Augenblick, in dem sie in das Manuskript gelangen - eindeutig markiert werden müssen, ist eine Selbstverständlichkeit, wenn man ein wissenschaftliches Manuskript schreibt. Es geht nicht anders - denn wie soll man denn später seine Fuß- oder Endnoten, sein Literaturverzeichnis zusammenstellen?

    Natürlich kann es einmal passieren, daß man das Markieren vergißt. Es kann in einem umfangreichen Manuskript vielleicht auch zweimal passieren. Daß es auf den meisten Seiten passiert (gegenwärtig steht die Zählung bei GuttenPlag Wiki bei 72,8 Prozent aller Textseiten, in denen Plagiate entdeckt wurden), ist so unwahrscheinlich, wie daß Francesco Vittima nicht nur in das Messer von Rinaldo Malvivente gefallen ist, sondern daß er im Fallen auch noch dessen Fingerabdrücke am Messer abgewischt hat.



    Der zweite Beweis dafür, daß Guttenberg lügt, ist ebenso eindeutig. Er betrifft den sogenannten Kontext der Zitate.

    Warum zitiert man überhaupt in einer wissenschaftlichen Arbeit; warum schreibt man nicht alles selbst? Das kann verschiedene Gründe haben:
  • Man verweist auf eine Autorität. Man zitiert also, um zu belegen, daß andere dieselbe Meinung vertreten wie man selbst. Wer als Jurist zum Beispiel die Rechtsprechung der jeweils obersten Instanz zitiert, der braucht nicht mehr unbedingt zu begründen, warum er dieselbe Meinung vertritt.

  • Man führt etwas auf, weil man es selbst nicht besser formulieren könnte. Wenn zum Beispiel in einer Quelle viele Zahlen und Fakten aufgeführt sind, dann ist es einfacher, die Quelle zu zitieren, als das mit eigenen Worten zu sagen.

  • Man zitiert die Quelle, um sie zu kommentieren. Das ist ein sehr häufiges Motiv für Zitate. Der Autor hat eine bestimmte Meinung, aber andere sehen das anders. Also zitiert man einen von ihnen und erläutert dann, warum er - nach Ansicht des Autors - Unrecht hat; oder warum seine Meinung ergänzt, vertieft, modifiziert werden muß.
  • Es gibt auch noch andere Motive für das Zitieren (man kann, sagen wir, ein Zitat auch zur Auflockerung bringen, weil es lustig ist) - aber in jedem Fall macht der Autor in seinem Text deutlich, warum er zitiert.

    Es gibt das schlechterdings nicht, daß man ein Zitat einfach in den Text hineinmontiert, ohne daß man davor und/oder danach etwas zu diesem Zitat schreibt. Also beispielsweise "Zur amerikanischen Verfassungsgeschichte hat Barbara Zehnpfennig 1997 in der FAZ treffend notiert:". Oder "Wie sogar ein Student in seiner Ausarbeitung zu einem Einführungskurs richtig erkannt hat:". Dergleichen.

    Es ist völlig ausgeschlossen, daß ein Autor, der bei Sinnen ist, einfach dutzendweise Zitate in sein Manuskript hineinbefördert, ohne auf diese oder eine ähnliche Weise zu begründen, warum er jeweils zitiert.

    Auch wenn Guttenberg die hanebüchene Dummheit begangen haben sollte, seine Zitate nicht durch ein Mittel wie die Einrückung im Manuskript zu kennzeichnen, hätte ihm bei der Lektüre "nach Jahren" allein durch diesen Kontext klar sein müssen, daß es sich um Zitate handelt. Er hätte sie bei der Schlußredaktion seiner Arbeit also korrekt kennzeichnen können.



    Das sind die beiden Hauptbeweise dafür, daß Guttenberg gestern den Bundestag angelogen hat. Es gibt noch ein weiteres starkes Indiz: Jeder Autor überlegt sich genau und oft lange, wie er seine Arbeit beginnt. Daß Guttenberg unter einer derartigen Amnesie litt, daß er beim Wiederlesen nicht einmal mehr wußte, daß die einleitende Passage von Barbara Zehnpfennig war und nicht von ihm selbst, ist völlig unglaubhaft.

    Das Opfer des Mafioso ist nicht nur ins Messer gefallen und hat im Fallen die Fingerabdrücke abgewischt, sondern es hat im Fallen auch noch eine Erklärung unterzeichnet, daß Rinaldo Malvivente unschuldig ist.

    Dieser Mann, der schamlos lügt, ist eine Schande für das Bundeskabinett. Er ist eine Schande für unser Land.



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    23. Februar 2011

    Der Lügenbaron vor dem Bundestag. Tartuffe Guttenberg

    "Ein Plagiat setzt voraus, wie Sie wissen und wie viele wissen, daß man bewußt und vorsätzlich getäuscht haben sollte". So begründete Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg in der heutigen Fragestunde des Deutschen Bundestags, daß er die Vorwürfe von Plagiaten vergangene Woche "abstrus" genannt hatte.

    Er bleibt also dabei, daß ihm "gravierende Fehler" unterlaufen seien, daß er aber nicht absichtlich plagiiert hätte. Er bleibt auch vor dem Bundestag bei dem, was er am Montag den Kelkheimer Wählern weisgemacht hat (siehe Guttenbergs Kelkheimer Rede. Der Text im Wortlaut und eine Analyse von Guttenbergs Rhetorik. Wie kann Guttenberg überhaupt den Doktorgrad loswerden?; ZR vom 22. 2. 2011).

    Das ist eine so dreiste Lüge, daß Guttenberg sich damit den Titel "Lügenbaron" verdient hat ("Baron" ist in anderen Sprachen der Freiherr). Er wird hoffentlich nicht versuchen, ihn "zurückzugeben", diesen wohlverdienten Titel.

    Es gibt erdrückende Beweise dafür, daß die Plagiate nicht versehentlich zustandegekommen sein können. Man kann Anführungszeichen vergessen; aber wie will Guttenberg erklären, daß die Zitate systematisch verändert wurden? Wie will er erklären, daß er eine Jahreszahl in einem fremden Text durch eine andere ersetzt hat, damit sie zum Abgabetermin seiner Arbeit paßte? Wie will er alle die anderen Veränderungen in den Textpassagen erklären, die er vorgeblich nur hatte zitieren wollen?

    Wie will er erklären, daß er quer durch die Arbeit Wörter in die nicht gekennzeichneten Zitate eingefügt, daß er sie aufgemotzt hat, indem er deutsche Wörter durch Fremdwörter ersetzte? Siehe dazu "Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat". Warum Guttenbergs Erklärung unglaubhaft ist; ZR vom 18. 2. 2010; sowie Dokumentation des Zwischenberichts von GuttenPlag Wiki zu Guttenbergs Plagiaten; ZR vom 21. 2. 2010. Im aktuellen "Spiegel" (8/2011 vom 21. 2. 2011, S. 22) findet man weitere Beispiele; so ersetzte Guttenberg in einem Plagiat etwa das Wort "Oberstes Bundesgericht" durch "Supreme Court". Macht doch gleich viel mehr her.

    Solche Veränderungen sind beim Zitieren streng verboten; das lernt ein Jurastudent in den ersten Semestern. Es ergibt im übrigen ja auch gar keinen Sinn, daß ein Autor sich die Mühe macht, einen Text derart zu verändern, wenn er ihn nur zitieren will. So etwas ist allein damit zu erklären, daß Guttenberg den plagiierten Text als seinen eigenen ausgeben wollte und ihn - nach Guttenberg-Art - dabei mit Fremdwörtern schmückte.

    Kurz, es gibt für die Plagiate keine andere Erklärung als die, daß Guttenberg bewußt und in großem Stil Texte anderer Autoren als seine eigenen ausgeben wollte. Nun hat er also vor dem Bundestag gelogen. Franz-Josef Strauß mußte als Minister gehen, nachdem ihm nachgewiesen worden war, daß er vor dem Bundestag gelogen hatte.



    Wie kommt es, daß dieser Mann, der so dreist lügt, derart beliebt werden konnte? Die Antwort könnte trivial sein. Es war der Tartuffe-Effekt.

    Molières Tartuffe wird im Untertitel der Komödie als ein imposteur bezeichnet, als ein Scharlatan. Tartuffe erzielt seine Erfolge in der Familie seines Gastgebers dadurch, daß er alle mit seiner Redlichkeit beeindruckt, mit seiner Tugendhaftigkeit.

    Orgon, der Hausherr, ist von Tartuffe derart überzeugt, daß er ihm sein Haus überschreibt, so daß Tartuffe ihn ruinieren kann. Nur ein Eingreifen des Königs - Molières Reverenz an seinen König Ludwig XIV - rettet am Ende Orgon vor Tartuffe.

    Der Erfolg jedes Scharlatans liegt just daran, daß er als ein Ehrenmann wirkt. Heute vor dem Bundestag hat Guttenberg versucht, diese Rolle durchzuhalten. Es wirkte wie eine Parodie.

    Orgon wird erst von seiner Verehrung für Tartuffe geheilt, als er - unter dem Tisch versteckt - erlebt, wie der vorgeblich so fromme und keusche Tartuffe seine Frau zu verführen versucht. Alle Indizien, alle Warnungen hatte Orgon zuvor ignoriert.

    So ist es wohl auch mit den Bewunderern Guttenbergs unter den Deutschen. Indizien versuchen sie zu ignorieren, der kognitiven Dissonanz auszuweichen (siehe Guttenbergs Glanz. Guttenbergs Fall. Glamour, Enttäuschung, kognitive Dissonanz; ZR vom 21. 2. 2011). Es fehlt ihnen die smoking gun, der zwingende, für jeden sichtbare Beweis.

    Krista Sager (Die Grünen) hat heute im Bundestag gesagt:
    Ich frage Sie, wenn Sie schon glauben, daß Sie die Menschen in diesem Lande, die Sie so sehr bewundert haben die ganzen Wochen und Monate, wenn Sie schon glauben, daß Sie die für dumm verkaufen können, - glauben Sie, daß Sie auch Menschen, die sich im wissenschaftlichen Bereich auskennen und die selber wissenschaftlich arbeiten oder gearbeitet haben, daß Sie die auch für dumm verkaufen können?
    Guttenbergs entwaffnende Antwort war: "Ja gerade nicht".

    Daß ihm die "Menschen im Lande" seine Lügen abnehmen, so wie Orgon sie dem Tartuffe abgenommen hat, das ist gut möglich. Es ist die Sache derer, die das besser beurteilen können, dieselbe Aufklärungsarbeit zu tun, die Orgons Frau Elmire leistete, als sie die Szene mit Orgon unter dem Tisch arrangierte, damit dieser selbst erleben konnte, wie der nichtsahnende Tartuffe sie zu verführen suchte.



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    22. Februar 2011

    Guttenbergs Kelkheimer Rede. Der Text im Wortlaut und eine Analyse von Guttenbergs Rhetorik. Wie kann Guttenberg überhaupt den Doktorgrad loswerden?

    In den USA ist es üblich, daß man wichtige politische Reden nach wenigen Stunden im Wortlaut lesen kann - bei CNN etw, in der New York Times oder der Washington Post. In Deutschland gibt es das leider nur selten; auch nicht zu der Rede, die Karl-Theodor zu Guttenberg gestern in Kelkheim gehalten hat. Ich habe deshalb ein Wortprotokoll der für den Plagiatsvorwurf relevanten Passage angefertigt.

    Die Quelle ist Phoenix; die Aufzeichung der Rede beginnt dort bei 2:00. Zur besseren Lesbarkeit habe ich Absätze eingefügt. Grammatische Fehler im Redetext sind durch "[sic]" gekennzeichnet. Bei der Interpunktion habe ich mich so eng wie möglich an der Prosodie der gesprochenen Sprache orientiert; doch bleibt hier ein Spielraum der Interpration.

    Im Anschluß an das Wortprotokoll finden Sie eine Analyse von Guttenbergs Rhetorik.



    Wortprotokoll (Transskript) der Anfangspassage der Rede von Karl-Theodor zu Guttenberg am 21.2.2011 in der Stadthalle Kelkheim

    Meine Damen und Herren,

    es hat ja so ein bißchen gemunkelt an der einen oder anderen Ecke: Kommt er überhaupt? Drückt er sich? So weit kommt's noch, meine Damen und Herren, daß man sich nach einem solchen Sturm drücken würde, so weit kommt's noch. Und hier steht, und hier oben steht zu Ihrer aller Versicherung auch das Original und kein Plagiat, meine Damen und Herrn. Und ich darf ... aber ich werde auch mit dem gebotenen und dem notwendigen Ernst auf diesen Themenkomplex noch eingehen, weil ich glaube, daß das wichtig und geboten ist, auch dieser Tage. Die Medienvertreter, die ja ohnehin nur für die Kommunalwahl - in Anführungszeichen, für die große Kommunalwahl - gekommen sind, können jetzt auch den Raum verlassen. Dann können wir uns entsprechend dieses Themas annehmen.

    Ich werde das mit Sicherheit machen. Aber mir ist es in diesen Tagen auch einfach noch einmal wichtig, zu sagen, daß ich hier nicht als Selbstverteidigungsminister gekommen bin, meine Damen und Herrn, sondern als Bundesminister der Verteidigung der Bundesrepublik Deutschland, als Freund, als Nachbar, als geduldeter Oberfranke hier, das darf man ja auch sagen, als fränkisch geduldeter Nachbar und insbesondere als einer, der in diesen Tagen auch deutlich macht, daß eine oberfränkische Wettertanne solche Stürme nicht umhauen, meine Damen und Herren, und daß es mit Sicherheit hier guten Grund gibt, zu kämpfen und sich weiterhin dieser Aufgabe anzunehmen, die eine sehr fordernde ist, die aber gleichzeitig eine großartige ist, weil sie mit Verantwortung für viele, viele Menschen, die wir insbesondere in den Einsatz schicken und geschickt haben, mit verbunden ist.

    Und, meine Damen und Herren, da verläßt man nicht irgendwelche Schiffe, sondern da bleibt man an Deck, und dann hält man die Dinge auch entsprechend durch. Und wenn es gelegentlich etwas absurd wird, dann hält man die Dinge einfach auch aus. Auch das ist eine Erwartungshaltung, die Sie, glaube ich, an jemanden auch haben, der in Verantwortung steht. Und so soll's auch sein.

    Meine Damen und Herren, ich habe ... ich möchte das Thema gerne aufgreifen, weil es dieser Tage doch sehr, sehr interessiert. Und ich weiß, daß man den Anspruch auch hat, daß jemand, der sich in die Öffentlichkeit begibt, dann in der Öffentlichkeit auch zu gewissen Dingen Stellung nimmt. Und ich mache das mit großer Freude und von Herzen gerne vor Ihnen heute Abend, und nicht alleine vor der Hauptstadtpresse in Berlin, sondern bewußt und gerne vor Ihnen, weil ich glaube, daß dieser Bezugspunkt einer ist, der deutlich macht, daß uns die Öffentlichkeit als Öffentlichkeit wichtig ist, und daß Sie erfahren können aus erstem Munde, was mir am Herzen liegt, was in meinen Augen mitteilenswert ist, und nicht erst, was durch Kommentierung Sie letztlich wieder erreicht. Und deswegen ist das, glaube ich, die richtige und auch die gebotene Herangehensweise.

    Ich habe in der - wenn man so will - in der Affäre um Plagiat ja oder nein an diesem, wie ich sagte schon [sic], besonders gemütlichen Wochenende, mir auch die Zeit nehmen dürfen, nicht das zu lesen und anzusehen, was da alles so geschrieben wurde und was gesendet wurde, sondern mich auch noch einmal mit meiner Doktorarbeit zu beschäftigen. Und ich glaube, das war auch geboten und richtig, das zu tun. Und nach dieser Beschäftigung, meine Damen und Herren, habe ich auch festgestellt, wie richtig es war, daß ich am Freitag gesagt habe, daß ich den Doktortitel nicht führen werde.

    Ich sage das ganz bewußt, weil ich am Wochenende - auch, nachdem ich diese Arbeit mir intensiv noch einmal angesehen habe - feststellen mußte, daß ich gravierende Fehler gemacht habe; gravierende Fehler, die den wissenschaftlichen Kodex, den man so ansetzt, nicht erfüllen. Ich habe diese Fehler nicht bewußt gemacht. Ich habe auch nicht bewußt oder absichtlich in irgendeiner Form getäuscht und mußte mich natürlich auch selbst fragen, meine Damen und Herren, wie konnte das geschehen, wie konnte das passieren.

    Und so ist es, daß man nach ... man den Blick dann zurückwirft und feststellt, man hat sechs, sieben Jahre an einer solchen Arbeit geschrieben und hat in diesen sechs, sieben Jahren möglicherweise an der einen oder anderen Stelle - an der einen oder anderen Stelle auch zuviel - auch teilweise den Überblick über die Quellen verloren. Und das ist eine Feststellung, die darf man treffen und die muß man treffen. Und dann gibt es ganz besonders peinliche Beispiele dabei. Etwa daß dann auch noch eine ... daß etwa die "Frankfurter Allgemeine" so prominent in der Einleitung einer Doktorarbeit erscheint. Das ist im Umfeld von Fra ... Frankr ... Frankfurt natürlich als solches eher schmeichelhaft, meine Damen und Herren, aber es ist weniger schmeichelhaft in einer Doktorarbeit.

    Und das sind selbstverständlich Fehler. Und ich bin selbst auch ein Mensch mit Fehlern und Schwächen. Und deshalb stehe ich auch zu diesen Fehlern. Und zwar öffentlich zu diesen Fehlern, meine Damen und Herren, und bin auch ganz gerne bereit, dies in die hier stehenden Kameras zu sagen, die ja de facto wegen der Kommunalwahlen heute gekommen sind.

    Und ich sage ebenso, und das sage ich mit der notwendigen und die [sic] mir in diesen Tagen gerne abgesprochenen Demut - auch die gehört zum politischen Handeln mit dazu - ich sage ebenso, daß ich mich von Herzen bei allen jenen entschuldige, die ich mit Blick auf die Bearbeitung dieser Doktorarbeit verletzt habe. Das ist eine Entschuldigung, die von Herzen kommt, und die als solche auch zu sehen ist.



    Analyse von Guttenbergs Rhetorik in der Rede

    Guttenberg ist ein ungewöhnlich guter Rhetoriker. Das zeigt sich auch in dieser Rede; d.h. in der Passage zu den Plagiatsvorwürfen, die ich dokumentiert habe und die ich abgekürzt im folgenden "die Rede" nenne.

    Das gilt zum einen für die Sprachmelodie, auf die ich Sie zu achten bitte, falls Sie das Video ansehen wollen. Guttenberg wechselt das Sprechtempo (am Anfang sehr schnell, an den wichtigen Stellen langsam), legt Kunstpausen ein, betont geschickt bestimmte Wörter, redet manchmal schneidend und manchmal sanft, ändert die Lautstärke. Mimik und Gestik unterstreichen das Gesprochene wirkungsvoll. Das ist absolut professionell.

    Rhetorisch ebenso glänzend ist die Rede in Aufbau und Stil.

    Im Aufbau zerfällt sie in zwei Teile: Den einleitenden, dessen Ziel es ist, die Gunst des Publikums zu gewinnen (captatio benevolentiae), und den Kernteil, in dem der Redner zur Sache kommt; hier also seine Stellungnahme zu den Plagiatsvorwürfen.


    Einleitender Teil: Er reicht bis zu "Und so soll's sein". Guttenberg verwendet klassische rhetorische Mittel, um die Gunst des Publikums zu gewinnen:
  • Er beginnt, um einen ersten Kontakt zum Publikum herzustellen, mit einem kleinen Scherz ("Und hier steht, und hier oben steht zu Ihrer aller Versicherung auch das Original und kein Plagiat, meine Damen und Herrn")

  • Er stellt dann eine emotionale Gemeinsamkeit mit dem Publikum her. Der Topos bei Politikern ist, daß sie den betreffenden Ort loben; sagen, daß sie dort schon einmal gewesen sind und daran eine schöne Erinnerung knüpfen usw. Guttenberg macht es über die geographische Nähe zwischen Franken und Hessen: "... als Freund, als Nachbar, als geduldeter Oberfranke hier, das darf man ja auch sagen, als fränkisch geduldeter Nachbar und insbesondere als einer, der in diesen Tagen auch deutlich macht, daß eine oberfränkische Wettertanne solche Stürme nicht umhauen".

  • Die "Wettertanne" leitet zu einem weiteren Mittel über, die Gunst des Publikums zu gewinnen: Guttenberg präsentiert sich zum einen als charakterstark ("Und, meine Damen und Herren, da verläßt man nicht irgendwelche Schiffe, sondern da bleibt man an Deck, und dann hält man die Dinge auch entsprechend durch"); zum anderen betont er seine Bedeutung und Verantwortung für die Bundeswehr (" ... sich weiterhin dieser Aufgabe anzunehmen, die eine sehr fordernde ist, die aber gleichzeitig eine großartige ist, weil sie mit Verantwortung für viele, viele Menschen, die wir insbesondere in den Einsatz schicken und geschickt haben, mit verbunden ist"). Das Ziel dieses Mittels ist es, nach der emotionalen Zuwendung nun auch Respekt für den Redner zu gewinnen.

  • Das vierte von Guttenberg eingesetzte Instrument zur captatio benevolentiae ist ebenfalls ein klassisches Mittel der Rhetorik: Der Redner stellt Gemeinsamkeit mit dem Publikum dadurch her, daß man sich miteinander über Dritte mokiert. Diese Dritten sind in der Rede die Medien. Guttenberg äußert sich ironisch darüber, daß sie eigens wegen einer Veranstaltung zum Kommunalkampf angereist sind ("Die Medienvertreter, die ja ohnehin nur für die Kommunalwahl - in Anführungszeichen, für die große Kommunalwahl - gekommen sind"; später noch einmal im zweiten Teil: "... und bin auch ganz gerne bereit, dies in die hier stehenden Kameras zu sagen, die ja de facto wegen der Kommunalwahlen heute gekommen sind").

    Diese rhetorische Strategie weitet er im zweiten Teil noch aus, wenn er deutlich macht, wie sehr er das Kelkheimer Publikum der "Hauptstadtpresse" vorzieht ("Und ich mache das mit großer Freude und von Herzen gerne vor Ihnen heute Abend, und nicht alleine vor der Hauptstadtpresse in Berlin, (...) daß Sie erfahren können aus erstem Munde, was mir am Herzen liegt, was in meinen Augen mitteilenswert ist, und nicht erst, was durch Kommentierung Sie letztlich wieder erreicht").
  • Bevor er überhaupt zum Thema der Plagiatsvorwürfe kommt, hat Guttenberg damit sein Publikum für sich gewonnen; das jedenfalls versucht: Man soll ihn als einen sympathischen und bodenständigen, charakterstarken und verantwortungsvollen Politiker sehen, der gegen die "Medien" und die "Hauptstadtpresse" auf der Seite des Kleinen Mannes steht, wie ihn das Kelkheimer Publikum verkörpert.

    Zugleich ist mit der Distanzierung von den Medien auch eine Grundlage für den zweiten Teil der Rede gelegt. Denn es sind ja vor allem die Medien, die den Vorwurf des Plagiats erheben; die Medien in ihrer Bedeutung herunterzuspielen und zu ironisieren, schwächt diesen Vorwurf.


    Kernteil: Hier versucht Guttenberg, drei Aufgaben zu bewältigen:
  • Erstens will er den Eindruck erwecken, daß seine jetzige Verteidigungslinie dieselbe sei wie diejenige am vergangenen Freitag, als er vor "ausgewählten Medienvertretern" seine Erklärung abgab. Zu diesem Zweck sagt er: " ... habe ich auch festgestellt, wie richtig es war, daß ich am Freitag gesagt habe, daß ich den Doktortitel nicht führen werde". In Wahrheit hatte er am Freitag gesagt: "Und ich werde gerne bis zum Ergebnis dieser Prüfung vorübergehend, ich betone vorübergehend, auf das Führen des Titels verzichten, allerdings nur bis dahin, anschließend würde ich ihn wieder führen".

  • Zweitens räumt Guttenberg bereitwillig Fehler ein, um so dem Vorwurf des bewußten Plagiats zu entgehen. Er baut dabei auf die Unkenntnis des Publikums, was die Vorgehensweise bei der Anfertigung einer wissenschaftlichen Arbeit angeht (" ... gravierende Fehler, die den wissenschaftlichen Kodex, den man so ansetzt, nicht erfüllen. Ich habe diese Fehler nicht bewußt gemacht. Ich habe auch nicht bewußt oder absichtlich in irgendeiner Form getäuscht ...").

    Guttenberg bringt das Bauernopfer, gravierende Fehler zu gestehen, um seine Position zu retten, er habe keine bewußten Plagiate begangen. Tatsächlich ist es so gut wie ausgeschlossen, daß Plagiate der Art, wie sie GuttenPlag Wiki dokumentiert hat, unbeabsichtigt zustandekommen (siehe "Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat". Warum Guttenbergs Erklärung unglaubhaft ist; ZR vom 18. 2. 2010, sowie Dokumentation des Zwischenberichts von GuttenPlag Wiki zu Guttenbergs Plagiaten; ZR vom 21. 2. 2010).

    Den meisten im Kelkheimer Publikum dürfte unklar sein, wie eine wissenschaftliche Arbeit entsteht; daß man zum Beispiel jedes Zitat, sobald man es ins Manuskript setzt, sofort kennzeichnet (durch Einrücken, durch eine gelbe Markierung oder was immer), damit man nicht vergißt, dazu später eine Fuß- oder Endnote anzulegen und das zitierte Werk ins Literaturverzeichnis zu übernehmen. Heutige Texteditoren machen das automatisch. Außerdem ist es ausgeschlossen, daß ein Autor in einem Zitat Jahreszahlen verändert oder Wörter einfügt.

  • Während dieses Mittel sich an die Kognition des Publikums richtet (es soll die Plagiate für Versehen halten), appelliert ein drittes rhetorisches Instrument an dessen Emotionen: Guttenberg präsentiert sich als reuig, äußert Selbstvorwürfe und gibt seine Demut zu Protokoll ("besonders peinliche Beispiele"; er sei "selbst auch ein Mensch mit Fehlern und Schwächen"; er spricht von der "notwendigen Demut" und endet mit Herz-Schmerz-Rhetorik: "... daß ich mich von Herzen bei allen jenen entschuldige, die ich mit Blick auf die Bearbeitung dieser Doktorarbeit verletzt habe. Das ist eine Entschuldigung, die von Herzen kommt, und die als solche auch zu sehen ist").

    Das Ziel ist es, Mitleid und zugleich Sympathie zu wecken. Das klassische Vorbild in der politischen Rhetorik ist Richard Nixons "Checkers-Rede" am 23. September 1952, mit der er die amerikanische Nation zu Tränen rührte.
  • Guttenbergs Kelkheimer Rede ist ein rhetorisches Meisterstück. Sie verdient es, in eine Sammlung von Beispielen dafür aufgenommen zu werden, wie jemand sich mit exzellenter Rhetorik aus einer eigentlich hoffnungslosen Situation zu winden versucht.



    Denn hoffnungslos ist sie bei nüchterner Betrachtung, die Lage des Freiherrn. Seine Darstellung im Kernteil der Rede ist so weit von den belegbaren Sachverhalten entfernt wie Schloß Guttenberg vom Tadsch Mahal.

    Auch ein "Zurückgeben des Doktortitels" kann nicht funktionieren. So etwas sieht die Promotionsordnung für die Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Bayreuth so wenig vor, wie irgend eine andere mir bekannte Promotionsordnung.

    Der Doktorgrad kann nur aberkannt werden, indem die Prüfung nachträglich als nicht bestanden erklärt wird.

    Und das geht laut der Bayreuther Promotionsordnung nicht schon deshalb, weil dem Kandidaten "gravierende Fehler" unterlaufen sind, ohne daß er hatte täuschen wollen. In Paragraph 16, Absatz 3 heißt es nämlich ausdrücklich:
    (3) Waren die Voraussetzungen für die Zulassung zur Promotion nicht erfüllt, ohne dass der Kandidat hierüber täuschen wollte, und wird diese Tatsache erst nach Aushändigung der Urkunde bekannt, so wird dieser Mangel durch das Bestehen der Doktorprüfung geheilt.
    Seinen in Bayreuth erworbenen Doktortitel kann Guttenberg nur auf eine Art loswerden: Wenn die Promotionskommission eine absichtliche Täuschung feststellt. Dann nämlich greifen die ersten beiden Absätze des Paragraphen 16:
    (1) Ergibt sich vor der Aushändigung der Urkunde, dass sich der Bewerber im Promotionsverfahren einer Täuschung schuldig gemacht hat, so erklärt die Promotionskommission alle bisher erworbenen Berechtigungen für ungültig und stellt das Verfahren ein.

    (2) Wird die Täuschung erst nach Aushändigung der Urkunde bekannt, so kann nachträglich die Doktorprüfung für nicht bestanden erklärt werden. Die Entscheidung trifft die Promotionskommission.
    Entweder diese Kommission erkennt auf Täuschung, oder Guttenberg bleibt juristisch ein Dr. jur.; wobei es ihm natürlich freigestellt ist, ob er den Titel auf seine Visitenkarte schreibt oder ihn sonstwie benutzt. Los ist er ihn dann nicht.



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