19. Januar 2011

Marginalie: Gero von Randow in Tunis. Einige Anmerkungen zur tunesischen Revolution; zu revolutionären Situationen überhaupt

Wer Ende 1989 in der DDR lebte, der hat das miterlebt; die meisten anderen Deutschen nie: Wie eine revolutionäre Situation entsteht und sich entwickelt; welche Stimmung die Menschen erfaßt, wenn das Unerhörte sich entfaltet. Ich habe es nicht wirklich erlebt, aber ein wenig doch, in den vibrierenden Jahren zwischen 1967 und 1969 an einer deutschen Universität.

In diesen Tagen gibt es in Tunesien eine solche Umwälzung. Wenn Sie etwas von dieser Stimmung erfahren wollen, dann lesen Sie, was in der "Zeit" von heute Gero von Randow aus Tunis berichtet. So soll eine Reportage sein: Konkret, detailliert; ohne daß uns der Reporter seine Meinung aufdrängt oder uns mit "Analysen" behelligt, die in einer solchen revolutionären Lage meist ohnehin wenig wert sind.

Denn es ist das Wesen einer solchen Situation, daß sie unbestimmt ist. Wohin ein solcher seiner Natur nach ungesteuerter und nicht steuerbarer Prozeß sich entwickelt, kann niemand prognostizieren. Nie ist die Zukunft offener als während einer Revolution. Strukturen zerbrechen. Es beginnt ein Spiel der Kräfte, von denen man in der Regel nicht weiß, wie stark oder wie schwach sie sind. Was werden wird, weiß niemand.

Das schlägt sich auch auf der subjektiven Seite nieder. Eine allgemeinen Aufgeregtheit erfaßt die Menschen. Die Politik, für die sich viele nicht oder nur wenig interessiert hatten, ist plötzlich das hauptsächliche, nachgerade das einzige Thema, um das ihre Gedanken kreisen; über das man spricht, oft mit wildfremden Menschen.

Diese aufgeregte, etwas fiebrige Stimmung umfaßt verschiedene Komponenten.

Was bisher galt - was die Menschen beengte, ihnen aber auch eine gewisse Sicherheit gab -, gilt nicht mehr. Soziale Rollen geraten aus dem Gleichgewicht. Wer gestern noch Untertan war, redet heute von Gleich zu Gleich mit denen, die geherrscht hatten. Wer eine Autorität anerkannt hatte, der setzt sich jetzt lustvoll über sie hinweg. 1967 haben Studenten das extensiv an ihren Professoren erprobt.

Man darf Tabus verletzen, ja man muß es oft. Man gerät in eine nie erträumte Rolle, in der man sich erst zurechtfinden muß. Andere fallen buchstäblich aus ihrer Rolle. In den Bildern vom Herbst 1989 in der DDR sah man Generäle des MfS, die vor Freundlichkeit fast zitterten; und man sah Pfarrer und andere Intellektuelle, die sich in Positionen des Machtapparats wiederfanden.

Hinzu kommt das intensiv Kollektive einer solchen Zeit. Als Individuum war man vor der Revolution schwach gewesen. Jetzt ist man Teil der revolutionären Bewegung und spürt deren Stärke; ein rauschhaftes, ein für manche Menschen auch beklemmendes Erlebnis. Gustave le Bon, der die Revolution von 1848 als Kind und der die Commune von 1871 als Dreißigjähriger erlebte, hat das in seiner "Psychologie der Massen" geschildert und zu analysieren versucht.

Dann ist da für viele die plötzliche Unsicherheit des eigenen Lebens; die Ungewißheit darüber, was werden wird. Manche fühlen sich bedroht; andere spüren zwar den Boden unter ihren Füßen wanken, sehen aber auch die Tür zu einem neuen Leben sich öffnen. Manche, die am Rand der Gesellschaft gestanden hatten, wittern die Chance, im Handstreich nach ganz oben zu stürmen.

Das alles fordert die Menschen. Sie sind in einem Zustand erhöhter Aktiviertheit, den der menschliche Organismus nicht auf Dauer aufrechterhalten kann. Ihr Organismus tendiert oft ins Instabile, so wie die objektive Situation das tut. Niemand kann ständig aufgeregt sein.

Das ist die Chance zum einen der bisher Herrschenden, zum anderen derer unter den Revolutionären, die kühl kalkulieren; die den Kopf bewahren, die entschlossen und diszipliniert ihre Ziele verfolgen.

Am Ende wird die eine oder die andere Art von Stabilität stehen.

Die Aufgeregtheit legt sich; die Menschen kehren in ihren Alltag zurück, die Revolution ist gescheitert, wenigstens vorerst. Das ist die eine Möglichkeit. So war es beispielsweise in verschiedenen Ländern Europas 1848; so war es im Frühsommer 2009 im Iran.

Oder es siegen diejenigen unter den Revolutionären, die sich als fähig erweisen, die Aufgeregtheit zu nutzen, statt sich an ihr zu beteiligen. Lenin beispielsweise; auf eine ganz andere Art auch der Ayatollah Chomeini. 1989 in der DDR - untypisch für eine Revolution - waren es bedächtige, verantwortungsbewußte Intellektuelle überwiegend aus dem kirchlichen Bereich, die diesen (sonst selten erfolgreichen) Prozeß einer friedlichen und zugleich erfolgreichen Revolution zu steuern verstanden.



In Tunesien erscheint derzeit alles möglich; von einer erneuten Diktatur mit anderem Personal über die Errichtung einer leidlichen Demokratie (sie wäre dann die dritte in einem arabischen Land, nach dem Libanon und dem Irak) bis hin zu einer zweiten Stufe der Revolution, in der diejenigen religiösen und politischen Extremisten ins Spiel kommen und möglicherweise siegreich sein werden, die sich jetzt noch im Hintergrund halten.

Weil das eben alles ganz ungewiß ist, tut der Journalist gut daran, sich nicht in Spekulationen zu verstricken, sondern das Konkrete zu berichten. Aufzuschreiben, was ist; was er wahrnimmt, was man ihm berichtet.

In Deutschland hat diese Art des Journalismus, für die einst der "Rasende Reporter" Egon Erwin Kisch stand, keine sehr starke Verankerung. Gero von Randows Artikel ist das Paradebeispiel einer guten Reportage; um so erstaunlicher, als von Randow eigentlich, wie schon sein verstorbener Vater, von Haus aus Wissenschaftsjournalist ist (kürzlich erst war er in dieser Rolle im Philosophischen Quartett zu sehen).

Gegenwärtig berichtet er für die "Zeit" aus Paris und hat sich von dort aufgemacht, uns ein Bild von dem zu vermitteln, was in Tunesien geschieht. Ein überaus gelungenes Bild.



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Islam in den USA: Eine andere Bevölkerungsstruktur als in Europa und Ansätze zu einem modernen, liberalen Islam

Das Institute for Global Jewish Affairs bringt in der aktuellen Nummer seiner Publikationsreihe (Nr. 64 vom 16. Januar 2011) einen informativen Artikel von Noam Ivri zum Thema Moslems und Juden in den USA: American Muslims: The community and their relations with Jews. Es ist ein facetten- und faktenreicher Artikel, aus dem ich jetzt aber nur einen einzigen Aspekt herausgreifen möchte, weil er einen unmittelbaren Bezug zu einem auch für Deutschland zentralen Thema hat: Ansätze zu einem modernen Islam in den USA, der mit unseren westlichen Werten und mit dem demokratischen Rechtsstaat vereinbar ist.

Ivri schreibt dazu in der Zusammenfassung seines Artikels:
Muslims in the United States number slightly under three million according to the most accurate population studies. They are among the wealthiest, most educated, and most ethnically diverse Muslim communities in the world. Their integration into the United States is remarkably different than in European countries, most notably in the near-absence of Muslim ghettos or enclaves common across the Atlantic. (...)

Since 9/11 several counterestablishment groups, often led by a charismatic individual, have been formed to promote alternative visions for American Muslims. Strongly influenced by their adopted homeland, they perceive the character and policies of United States more favorably and advocate for a moderate Islam in harmony with democratic, pluralistic values. Nevertheless, their influence among the broader Muslim community is still quite limited. Similar social currents have emerged in the openness of American society, questioning taboo issues such as homosexuality and apostasy, and spurring American Muslims into the spotlight of global Islamic debates.

Die Moslems in den Vereinigten Staaten zählen nach den genauesten Erhebungen etwas weniger als drei Millionen Menschen. Sie gehören zu den wohlhabendsten, gebildetsten und ethnisch unterschiedlichsten Moslem-Gemeinschaften der Welt. Ihre Integration in die Vereinigten Staaten unterscheidet sich in bemerkenswerter Weise von den europäischen Ländern; vor allem darin, daß es so gut wie keine der Moslem-Ghettos gibt, wie sie jenseits des Atlantik oft anzutreffen sind.

Seit 9/11 haben sich - oft geführt von einer charismatischen Person - verschiedene gegen das Establishment gerichtete Gruppen gebildet, die den amerikanischen Moslems alternative Vorstellungen anbieten. Unter dem starken Einfluß ihrer neuen Heimat sehen sie den Charakter und die Politik der Vereinigten Staaten in einem günstigeren Licht und treten für einen gemäßigten Islam ein, der mit demokratischen, pluralistischen Werten im Einklang steht. Jedoch ist ihr Einfluß innerhalb der breiteren moslemischen Gemeinschaft noch recht begrenzt. In der Offenheit der amerikanischen Gesellschaft sind in ähnlicher Weise soziale Bewegungen entstanden, die Tabuthemen wie Homosexualität und Abtrünngikeit hinterfragen und die damit die amerikanischen Moslems ins Scheinwerferlicht der globalen Debatten innerhalb des Islam katapultieren.
Ivri gibt dazu detaillierte Informationen. Was die wirtschaftliche Situation und den Bildungsstand der moslemischen Amerikaner angeht: Anders als in Deutschland oder England entspricht die Einkommensstruktur der US-Moslems derjenigen in der Gesamtbevölkerung; ein Einkommen über 100.000 Dollar im Jahr erreichen sogar etwas mehr (19 Prozent) als die Gesamtheit der Amerikaner (17 Prozent). Ebenso entspricht der Anteil mit College-Abschluß dem Durchschnitt. Moslems sind in akademischen Berufen, in den Medien, in den Ingenieurberufen gut vertreten.

Diesem positiven Bild steht gegenüber, daß die großen islamischen Organisationen durchweg israelfeindlich sind, Moslems als Opfer von "Islamophobie" sehen und ambivalent gegenüber dem islamistischen Terror sind, auch wenn sie diesen offiziell verurteilen. Darauf gehe ich jetzt nicht ein, sondern nur auf den eingangs genannten Aspekt: Wie sieht es mit jenen amerikanischen Moslems aus, die dem säkularen, demokratischen Rechtsstaat positiv gegenüberstehen?



Diese Moslems sind in verschiedenen Gruppen organisiert, die sich unterschiedlich weit vom mainstream entfernt haben:
  • Der American Islamic Congress (AIC). Er entstand nach 9/11; als Reaktion auf den Terrorismus, der scharf verurteilt wird. Man sucht den Dialog mit anderen Religionen (selbst den sonst verteufelten Bahai und Sikhs), tritt für Selbstkritik des Islam ein und verurteilt Menschenrechtsverletzungen in islamischen Staaten. Geführt wird der AIC von einer Frau, Zainab al-Suwaij, die sich für Frauenrechte engagiert. Die Organisation ist vor allem an Universitäten aktiv und hat überwiegend junge Mitglieder.

  • Der Islamic Supreme Council of America (ISCA). Er wendet sich unter seinem Führer Sheikh Muhammad Hisham Kabbani, einem sufitischen Geistlichen, gegen die führenden islamischen Organisationen, denen er Extremismus vorwirft. Kabbani stand in Kontakt mit Präsident Bush und verurteilt scharf jede Art von Terrorismus, wobei er sich als Geistlicher des Instruments der Fatwa bedient.

  • Das American Islamic Forum for Democracy (AIFD), ein moslemischer Think Tank. Sein Leiter, Dr. Zuhdi Jasser, war Offizier in der US-Marine und arbeitet vor allem auf dem Gebiet der Aufklärung über den islamistischen Extremismus. Ein ähnliches Programm hat das Center for Islamic Pluralism (CIP), das kürzlich mit seiner Kritik an der Errichtung einer Moschee nah Ground Zero hervortrat (siehe zu diesem Moscheebau Die versteckte Drohung des sanften Imam Feisal Abdul Rauf, der die Moschee nahe Ground Zero bauen will; ZR vom 9. 9. 2010).

  • Die Free Muslims Coalition des aus Palästina eingewanderten Kamal Nawash, der 2005 einen Marsch gegen den Terrorismus organisierte. Beeinflußt ist diese Organisation, von Sheikh Dr. Khaleel Mohammad, einem amerikanischen Islamwissenschaftler, der vor allem gegen den Haß auf Juden eintritt und der auch eine Anhängerschaft in Kanada hat.

  • Auch außerhalb dieser Organisationen gibt es Bewegungen mit ähnlichen Zielen. Eine liberale WebSite, Muslim WakeUp!, organisierte zum Beispiel mit der inzwischen nicht mehr existierenden Progressive Muslim Union einen Freitagsgottesdienst mit einem weiblichen Imam, Amina Wadud.

  • Al-Fatiha ist eine liberale Organisation homosexueller Moslems, die aus einer von Faisal Alam organisierten Konferenz hervorging und die inzwischen mehrere hundert Mitglieder hat. Die Gruppe hat auch Anhänger in anderen westlichen Ländern.
  • Dies sind Gruppen, die innerhalb des gemeinsamen islamischen Glaubens für eine liberalere, tolerantere Variante des Islam eintreten. Andere Gruppen lehnen überhaupt den Islam in seiner jetzigen Form ab.

    Sie fordern eine konsequente Säkularisierung des Islam und damit den Verzicht auf dessen allumfassenden, in die Gesellschaft hineinreichenden Anspruch. Er soll nur noch ein persönlicher, privater Glaube sein. Der Übergang zu einer völligen Loslösung vom Islam ist fließend. Wie im heutigen Christentum gibt es alle Abstufungen von einer geringeren bis hin zur ganz fehlenden Frömmigkeit.

    So veranstaltete beispielsweise 2007 die aus Syrien stammende Psychiatrin Wafa Sultan mit anderen Intellektuellen (unter ihnen Ayaan Hirsi Ali) einen Secular Islam Summit in Florida, aus dem eine Gruppe Former Muslims United hervorging, in der sich Ex-Moslems zusammengefunden haben. Sie werden zwar von den traditionellen moslemischen Organisationen massiv abgelehnt und erhalten sogar Todesdrohungen, wirken aber doch, wie Naom Ivri meint, in die liberalen Strömungen des amerikanischen Islam hinein.



    Um es noch einmal zu betonen: Diese Strömungen sind minoritär. Sofern die US-Moslems überhaupt religiös sind, neigen sie überwiegend einer der traditionell islamischen Organisationen zu. Immerhin zeigt die Existenz der Gruppen und Organisationen, die Ivri beschreibt, daß es innerhalb des Islam auch ein anderes als dieses traditionelle Glaubensverständnis geben kann.

    In Europa wird diese Richtung bisher nur durch wenige Intellektuelle repräsentiert, wie etwa Bassam Tibi. Das mag mit der erwähnten unterschiedlichen sozialen Struktur zusammenhängen; gebildete Moslems sind eben in Europa (sieht man von Frankreich ab) noch vergleichsweise selten. Sollten sich die Bewegungen liberaler Moslems in den USA weiter entwickeln und ausbreiten, dann könnten auch hier wieder einmal die Vereinigten Staaten zum Vorbild für Europa werden.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Eine kalligraphische Seite aus dem Koran. Bardo-Museum Tunesien. Fotografie vom Autor Habib.mhenni unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, 2.5 Generic, 2.0 Generic and 1.0 Generic license freigegeben. Mit Dank an Werner Stenzig.

    Zitat des Tages: Die Aufsichtsrätin Doris Schröder-Köpf

    Bleibt also noch die Frage, ob sie als Frau, die ihre Prominenz vor allem der Heirat mit einem späteren Bundeskanzler verdankt und die in der Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren vor allem als Ehefrau und Mutter dreier Kinder wahrgenommen wurde, ohne klassische Karriere in einem Aufsichtsrat tatsächlich ernst genommen wird.

    Stimmt, Schröder-Köpf hat keine kaufmännische Ausbildung. Aber daheim in Hannover managt sie seit Jahren ein nicht so ganz kleines Familienunternehmen, in dessen Mittelpunkt der Staatsmann, Weltreisende, Wirtschaftsvertreter und Rechtsanwalt Gerhard Schröder steht. Und man darf davon ausgehen, dass sie sich mit den Aufgaben und Pflichten einer Aufsichtsrätin in den vergangenen Wochen intensiv befasst hat.


    Susanne Höll, Redakteurin im Hauptstadtbüro der "Süddeutschen Zeitung", gestern in sueddeutsche.de zur Berufung von Doris Schröder-Köpf in den Aufsichtsrat des Karstadt-Konzerns.


    Kommentar: Wie schön, daß dieser Karrieresprung von der Hausfrau zur Aufsichtsrätin in der SZ einen so freundlichen Kommentar findet.

    Ich versuche mir vorzustellen, wie die SZ wohl kommentiert hätte, wenn - ein naheliegender Vergleich - nicht die Frau des Staatsmanns, Weltreisenden, Wirtschaftsvertreters und Rechtsanwalts Schröder, sondern die Frau des Ministers zu Guttenberg, Stephanie zu Guttenberg, in den Aufsichtsrat eines großen deutschen Konzerns berufen worden wäre.

    Sie übrigens ist - anders als die Frau des Staatsmanns, Weltreisenden, Wirtschaftsvertreters und Rechtsanwalts -Betriebswirtin.



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    18. Januar 2011

    Weiteres zur Dioxinbelastung von Eiern, Bio und konventionell: Viel Lärm um nichts. Oder vielmehr: Ein Lärm um etwas anderes, als man denkt

    Im heutigen "Zitat des Tages" habe ich darauf aufmerksam gemacht, daß man beim Kauf von Bio-Eiern keineswegs generell sicher sein kann, ein weniger mit Dioxin belastetes Produkt zu bekommen, als wenn man konventionell erzeugte Eier kauft. Inwieweit das auch unter Berücksichtigung der jetzigen Fälle von erhöhter Dioxin-Belastung (des "Skandals") gilt, konnte ich nicht sagen, da mir keine statistischen Daten vorlagen, die über die Höhe der Dioxinbelastung in Eiern aus den jetzt betroffenen Betrieben Auskunft geben.

    Solche Daten haben ich immer noch nicht finden können. Ich kann Ihnen aber - vor allem dank der Mithilfe der im Fußtext genannten Autoren in Zettels kleinem Zimmer - jetzt einige weitere Informationen zum Thema geben. Zusammen zeigen sie: Der eigentliche Skandal ist es, daß eine Panne bei einem Futtermittel-Hersteller, deren Folgen gesundheitlich unbedenklich sind, zu einem Skandal aufgebläht wird.



    Im "Zitat des Tages" habe ich auf Daten des baden-württembergischen Ernährungsministeriums aufmerksam gemacht, die eine erhöhte Dioxinbelastung bei Eiern aus kleinen Betrieben zeigen. Dazu liegt mir jetzt eine ausführliche Meldung des Fach-Informationsdienstes animal health online (aho) vom 4. 4. 2006 vor:
    Erhöhte Dioxingehalte bei Eiern aus Kleinstbetrieben mit Auslaufhaltung

    Ein vorsorgliches Untersuchungsprogramm der baden-württembergischen Lebensmittelüberwachung hat gezeigt, dass Eier von Hühnern aus Kleinsthaltungen häufig mit erhöhten Gehalten an Dioxin und dioxinähnlichen Polychlorierten Biphenylen (PCBs) belastet sind. (...)

    Die Untersuchungen ergaben bei Betrieben mit mehr als 250 Hennen bis auf wenige Einzelfälle keine Auffälligkeiten (Mittelwert ca. 1 pg/g Fett). Bei Betrieben mit 100 bis 250 Hennen lagen 39 Prozent der Proben über der zukünftigen Höchstmenge (Mittelwert 6,7 pg/ Fett), bei Betrieben mit 21 bis 99 Hennen 51 Prozent (Mittelwert 7,5 pg/g Fett) und bei Betrieben mit weniger als 20 Hennen sogar 71 Prozent (Mittelwert 20 pg/g Fett).
    Der zulässige Grenzwert liegt bei 3 pg/ Fett. Wer ein Ei aus einem mittelgroßen oder einem kleinen Betrieb kauft, der muß also im Schnitt mit mehr als dem doppelten Belastungswert rechnen; kauft er von einem Kleinstbetrieb mit weniger als 20 Hennen, dann haben diese Eier im Schnitt - im Durchschnitt! - das fast Siebenfache des EU-Grenzwerts. Einzelne Eier liegen also mit Sicherheit noch höher. Nach den Daten dieser Erhebung.

    Zu den Belastungswerten der Eier aus dem jetzt von dem "Skandal" betroffenen Betrieben habe ich, wie gesagt, bisher keine statistischen Werte finden können; immerhin aber zwei kleinere Meldungen. Die erste erschien am 6. 1. 2011 in FAZ.Net:
    Bei rund 240.000 in Bayern sichergestellten Eiern hat sich der Verdacht auf Dioxin bestätigt. Der bei Proben festgestellte Dioxingehalt liegt teilweise dreimal so hoch wie der zulässige Grenzwert.
    Die "kontaminierten" Eier hätten hiernach also "teilweise" einen Dioxinwert, der nach den aho-Daten zwischen den Werten von Eiern aus einem mittelgroßen Betrieb und Eiern aus einem Kleinstbetrieb liegt, wie man sie ganz normal kauft. Das bestätigt auch die folgende Meldung der "Ärzte-Zeitung" vom 5. 1. 2011:
    Beim aktuellen Skandal wurden bisher maximal 12 Pikogramm pro Gramm Ei-Fett aufgespürt, teilte das BfR auf Anfrage der "Ärzte Zeitung" mit. Erlaubt sind maximal 3 Pikogramm. Der Wert in den Eiern war also bis um den Faktor 4 erhöht.
    Zu beachten ist, daß es sich bei diesen Werten von 9 bzw. 12 Pikogramm pro Gramm Ei-Fett um Höchstwerte handelt, während sich die aho-Daten auf Durchschnittswerte beziehen. Und diese liegen bei Eiern aus Kleinstbetrieben nicht bei 9 oder 12 Piktogramm, sondern bei 20.

    Man kann folgern, daß es - falls man überhaupt Angst vor Dioxinbelastung hat - sicherer wäre, sogar Eier beispielsweise aus dieser jetzt in Bayern sichergestellten Produktion von 240.000 Eiern zu kaufen (bekäme man sie denn), als beliebige Eier etwa auf dem Wochenmarkt; sofern man nicht sicher ist, daß diese aus einem Großbetrieb stammen.



    Wie sieht es mit Eiern aus "Freilandhaltung" und mit Bio-Eiern aus?

    Man muß sich zunächst klarmachen, warum die Eier aus mittleren und kleinen Betrieben eine so hohe durchschnittliche Dioxinbelastung aufweisen. Das liegt daran, daß diese Hühner in der Regel im Freien herumlaufen können und dort Bodenmaterial aufpicken; und zwar eine ganze Menge im Lauf eines Tages (eine Henne bis zu 45 Gramm Sand). In vielen Böden aber findet sich Dioxin aus den unterschiedlichsten Quellen.

    In einem Überblicksartikel faßt C.A. Kaas, der in der Animal Sciences Group in Wageningen (NL) über die Schadstoffbelastung durch Tierhaltung forscht, den Stand der Forschung zusammen:
    In different countries thus, the small scale, organic or free range production system seems to add an extra risk for dioxin contamination of eggs.

    In verschiedenen Ländern scheinen somit die Produktion in Kleinbetrieben, die organisch-dynamische Produktion und Produktionssysteme mit freilaufenden Hühnern einen zusätzlichen Risikofaktor für eine Verunreinigung von Eiern durch Dioxin darzustellen.
    Das Dioxin im Boden stammt aus verschiedenen Quellen; unter anderem vermutlich verbranntem Holz, Industrierückständen, die über die Luft in den Boden gelangen, und bestimmten Mineralien im Boden selbst.

    Man könnte befürchten, daß Eier auch aus Großbetrieben, die Freilandhaltung betreiben, erhöhte Dioxin-Werte aufweisen. Das ist aber nach den aho-Daten nicht der Fall; und zwar vermutlich deshalb nicht, weil in diesen Betrieben die Tiere auf bestimmten präparierten Futterflächen laufen, die weitgehend frei von solchen Rückständen sind.

    Was die Eier aus Bio-Anbau angeht, sind die Daten, die ich bisher kenne, nicht eindeutig. Laut aho lag in der baden-württembergischen Untersuchung in Ökobetrieben "der Mittelwert aller Proben für den Gesamtgehalt an Dioxinen oder dioxinähnlichen PCBs deutlich unter der zugelassenen Höchstmenge".

    Allerdings ist zu fragen, wo denn der Mittelwert bei den 240.000 in Bayern "sichergestellten" Eiern lag. Für diese habe ich nur einen Höchstwert gefunden. Wo dieser Höchstwert bei den Ökobtrieben in Baden-Württemberg lag, geht wiederum aus dem aho-Bericht nicht hervor. Auch wenn der Durchschnittswert unter der kritischen Grenze liegt, können natürlich einzelne Stichproben höhere Werte aufweisen.

    Andere Daten deuten auf eine erhöhte Belastung auch bei Öko-Eiern hin. 2007 berichteten im Fachblatt Poultry Science A. Kijlstra und Mitautoren über ihre Untersuchung zu diesem Thema:
    The aim of the study was to investigate parameters that are involved in the contamination of eggs from chickens raised under organic conditions. Samples from 34 organic farms (...).

    Egg dioxin content varied between 0.4 and 8.1 pg of toxic equivalents (TEQ)/g of egg fat with a mean of 2.2 pg of TEQ/g of egg fat. Nine out of 34 farms exceeded the EU limit of 3 pg of TEQ/g of egg fat. In addition, dioxin-like polychlorinated biphenyls (DL-PCB) were measured, and 8 samples exceeded the limit for the sum of dioxins and DL-PCB. Overall, egg samples from 10 farms were noncompliant with the dioxin or total TEQ limits.

    Ziel der Studie war es, Parameter zu untersuchen, die bei der Verunreinigung der Eier von Hennen eine Rolle spielen, die ökologisch gehalten werden. (...) Es wurden Stichproben aus 34 ökologischen Betrieben erhoben (...).

    Der Dioxingehalt der Eier lag zwischen 0,4 und 8,1 pg toxischem Äquivalent (TEQ)/g Eifett, wobei der Durchschnitt bei 2,2 pg TEQ/g Eifett lag. Neun der 34 Betriebe lagen über dem EU-Grenzwerte von 3 pg TEQ/g Eifett. Weiterhin wurden dioxinähnliche polychlorierte Biphenyle (DL-PCB) gemessen; 8 Stichproben lagen oberhalb des Grenzwerts für die Summe von Dioxinen und DL-PCB. Zusammen entsprachen die als Stichprobe genommenen Eier von 10 Betrieben nicht den Grenzwerten für Dioxin oder für TEQ insgesamt.
    Mehr als ein Viertel der untersuchten Öko-Betriebe produzierten also Eier, deren Gehalt an Dioxin und/oder ähnlichen Schadstoffen oberhalb des EU-Grenzwerts lag. Die Daten der Untersuchung deuten des weiteren darauf hin, daß der kritische Faktor die Zeit ist, welche die Tiere im Freien verbringen. Je länger sie draußen sind, umso mehr sind ihre Eier belastet.



    Wer sich also vor Dioxin im Ei ängstigt, der sollte, wenn er auf Nummer Sicher gehen will, Eier entweder aus einem konventionellen Betrieb mit Käfighaltung kaufen, oder aus einem Großbetrieb mit Freilandhaltung. Die Eier aus dem Bio-Supermarkt zu beziehen ist - nach den Daten, die ich bisher kenne - nicht sicherer, als so zu verfahren; es ist wahrscheinlich unsicherer.

    Aber gibt es überhaupt Grund, sich zu ängstigen? Lesen Sie einmal dies:
    Verbraucherministerin Renate Künast bestätigte Meldungen, nach denen in mehreren Bundesländern der EU-Grenzwert für Dioxin bei Eiern von freilaufenden Hühnern überschritten wurde. Es bestehe aber keine Gesundheitsgefahr.

    Schuld an den erhöhten Gehalten sei das in der Luft vorkommende Dioxin. Das Gift ist aber bereits vor einigen Jahrzenten entstanden und kommt überall in der Luft vor.

    Die Hühner nehmen das Dioxin durch Picken vom Boden auf. Bei den Käfighühnern ist die Belastung deutlich geringer.
    Wie Sie am Namen der Ministerin sehen können, ist diese Meldung nicht ganz frisch. Sie ist fünf Jahre alt und wurde damals von der "Tagesschau" verbreitet. Dort ist sie allerdings nicht mehr abrufbar; aber "Stern ShortNews" hat sie aufbewahrt.

    Damals freilich war nicht die Industrie schuld, sondern die Luft; und die grüne Ministerin signalisierte "keine Gesundheitsgefahr".

    Nun ist es für die Wirkungen des Dioxins - so es denn diese gibt - allerdings egal, wie dessen Herkunft politisch korrekt zu bewerten ist. Ob Luft oder Futtermittel, das macht da keinen Unterschied.

    In Bezug auf diese Wirkung nun sieht es so aus, wie es die Ärzte-Zeitung mit Berufung auf das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) beschreibt:
    Betrachtet wurde das Schicksal von Eier-Liebhaber[n], die im Schnitt täglich zwei oder mehr Eier konsumieren - das sind nur fünf Prozent der Bevölkerung. Angenommen wurde zudem, dass die Eier alle die gemessene Spitzenbelastung aufweisen.

    In einem solchen ungünstigen Fall kommt es zu einer täglichen Mehrbelastung von knapp 4 Pikogramm Dioxin pro kg KG. Die Gesamtbelastung steigt damit auf 6 Pikogramm pro kg KG und liegt damit etwas über dem WHO-Grenzwert.

    Für die meisten Konsumenten, die jetzt unbemerkt dioxinhaltige Eier verzehrt haben, dürfte die Belastung jedoch deutlich geringer sein. So isst jeder Bürger im Schnitt nur 0,6 Eier pro Tag, eihaltige Produkte wie Nudeln und Gebäck eingeschlossen.

    Die zusätzliche Belastung bei einem solchen Eierkonsum liegt maximal bei 1 Pikogramm pro kg KG, die Gesamtbelastung bleibt damit zumindest unter dem WHO-Grenzwert. Oder anders ausgedrückt: Gelegentlich ein Dioxin-Ei ändert nun wenig an der Dioxin-Bilanz.

    Doch selbst wenn der WHO-Grenzwert für die tägliche Aufnahme für eine gewisse Zeit leicht überschritten wird, besteht damit nicht automatisch eine Gesundheitsgefahr: Die Konzentrationen, ab denen im Tierversuch erste Schäden beobachtet wurden, liegen in der Regel um den Faktor 50 bis 100 über dem Grenzwert für Menschen.
    Es ist also wieder einmal wie so oft: Viel Lärm um nichts.



    Nein, doch nicht ganz um nichts. Was unsere Gesundheit angeht, steht der Lärm in keinem Verhältnis zu seinem Gegenstand. Aber es geht ja auch um Politik. Genauer: um Landwirtschaftspolitik.

    So, als sei man sicher vor jeder Dioxinbelastung, wenn man Bio-Eier kauft, wird anläßlich des angeblichen Skandals die Trommel für den Umstieg von konventioneller Landwirtschaft auf Bio gerührt. Aus einem Interview der "Welt am Sonntag" vom 16. 1. 2011 mit dem Landwirtschaftsminister von NRW, Johannes Remmel:
    Welt am Sonntag: Was muss sich aus Ihrer Sicht vor dem Hintergrund des aktuellen Skandals in der Agrarproduktion ändern?

    Johannes Remmel: Bei fast jedem Lebensmittelskandal der letzten Jahre waren die Futtermittel der entscheidende Faktor. In der aktuellen Diskussion muss man aber weiter gehen. Wir müssen das ganze System der industriellen Agrarproduktion auf den Prüfstand stellen. (...)

    Welt am Sonntag: Weg von der industriellen und hin zur bäuerlichen Produktion mit nachhaltigen und ökologischen Strukturen, das fordert die NRW-Landesregierung auch im Koalitionsvertrag. Wie ist das eigentlich zu machen?

    Johannes Remmel: Das ist ein Strukturwandel, den man nicht in einem oder zwei Jahren hinbekommt. Man muss ja auch alle Beteiligten überzeugen mitzumachen, von den Erzeugern über die Verarbeiter bis hin zu den Verbrauchern. Wir müssen die gesamte Kette im Auge haben.
    Ja, man muß "alle Beteiligten überzeugen", auch die Verbraucher. Und wie könnte man besser Überzeugungsarbeit leisten, als durch das Aufblähen einer ungefährlichen Panne in einem Futtermittel-Betrieb zu einem "Skandal", der - Sie konnten es in dem vorausgehenden Artikel lesen - die Verbraucher zu "Angstkäufe[n] im Bio-Supermarkt" treibt?


    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Titelvignette: Vom Autor Kacper "Kangel" Aniołek unter GNU Free Documentation License, Version 1.2 oder später freigegeben. Mit Dank an Gorgasal und an Popeye.

    Zitat des Tages: "Angstkäufe im Bio-Supermarkt" und der Dioxingehalt von Eiern aus Bodenhaltung

    Je länger der Dioxin-Skandal die Berichterstattung dominiert, umso mehr Leute tätigen Angstkäufe im Bio-Supermarkt. Das überfordert die Öko-Produzenten mit ihren meist kleinen Betrieben. Die Lieferanten der Bio-Märkte können sich vor Anfragen kaum noch retten. "Wir kommen nicht mehr nach mit der Produktion", sagte Walter Höhne, Chef der bayrischen Erzeugergemeinschaft "Die Biohennen".

    Aus einem gestrigen Bericht in "Welt-Online" mit dem Titel "Deutsche stürmen Bio-Märkte wegen Dioxin-Skandal".


    Kommentar: Die Vorstellung, daß in Bio-Eiern generell ein geringerer Gehalt an Dioxinen sei als in Eiern aus konventionellen Großbetrieben, ist nach allem, was ich ermitteln konnte, nicht belegt.

    Die Dioxinbelastung hängt in erster Linie davon ab, ob die Hühner freien Auslauf haben und damit mit Ackerboden in Kontakt kommen; beim Picken in den Boden nehmen sie das Dioxin auf.

    Je größer die Betriebe sind, umso weniger Dioxin ist in den Eiern; das können Sie in diesen Informationen des Baden-Württembergischen Ministeriums für Ernährung und den ländlichen Raum nachlesen:

    Eine Erhebung nach Betriebsgröße aus den Jahren 2004 und 2005 fand Überschreitungen der WHO-Grenzwerte nur bei Betrieben mit weniger als 100 Hühnern; weitaus am stärksten bei Betrieben mit weniger als 20 Hühnern.

    Eier aus den Kleinbetrieben bis zu 20 Hühnern überschritten den Grenzwert von 3 pg WHO-TEQ (3 Pikogramm pro Gramm Fett) im Schnitt um mehr als das Dreifache (Werte zwischen 9 und 10 pg WHO-TEQ).

    Einen Überblick über die Belastungen durch den derzeitigen "Skandal" finden Sie hier. Wie hoch der Dioxingehalt der als belastet eingestuften Eier über dem Grenzwert liegt, habe ich trotz längeren Suchens nicht herausfinden können. Für sachdienliche Hinweise wäre ich dankbar.




    Nachtrag um 23.50 Uhr: Im Lauf des Tages sind weitere Informationen zusammengekommen, die Sie in diesem Artikel finden.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken.

    17. Januar 2011

    Kurioses, kurz kommentiert: "Den Begriff der Integration durch Vielfalt ersetzen". Ein kurioser, aber durchaus ernst gemeinter Vorschlag

    Vertreter aus der Politik, Wissenschaft und Jugendbildung haben in Frankfurt am Main die Abschaffung des Begriffs "Integration“ gefordert (...) Die Termini "Integration“ und auch "Migrationshintergrund“, wie sie Sarrazin benutze, seien "diskriminierend und rassistisch“, sagte die kurdisch-stämmige Islamwissenschaftlerin Öztürk vor etwa 160 Teilnehmern. Denn Menschen mit Migrationshintergrund seien für den SPD-Politiker ausschließlich Muslime. Deswegen schlug Öztürk vor, den Terminus "Integration“ durch Begriffe wie Vielfalt, gesellschaftliche Teilhabe, Pluralität oder Demokratie zu ersetzen.

    Aus einer Meldung, die seit heute um 19.12 Uhr in "Welt-Online" zu lesen ist.


    Kommentar: Abgesehen davon, daß in Sarrazins Buch Menschen mit Migrationshintergrund keineswegs "ausschließlich Muslime" sind (er diskutiert im Gegenteil ausführlich die verschiedenen Gruppen von Einwanderern und deren jeweiligen Integrationserfolg) - abgesehen davon ist dies einer der dreistesten Versuche, einen Sachverhalt durch Sprachregelung in sein Gegenteil zu verkehren, den ich jemals erlebt habe.

    Das reicht schon an das von George Orwell in "1984" beschriebene Ministry of Truth heran; das "Ministerium für Wahrheit", dessen Aufgabe das Lügen und Fälschen ist.

    Integration ist eben nicht "Vielfalt", sondern sie ist das Gegenteil davon: Die Verringerung der Vielfalt dadurch, daß sich Einwanderer in unsere Kultur einfügen.

    Sie ist nicht "gesellschaftliche Teilhabe", sondern diese Teilhabe ist vielmehr die Folge von Integration. Man kann an einer Gesellschaft nur in dem Maß teilhaben, in dem man sich in sie einfügt; eine Binsenweisheit.

    Ebenso ist Integration weder "Pluralität" noch gar "Demokratie", so wichtig diese Konzepte auch für unsere Gesellschaft sind.

    Die Äußerung Öztürks fiel auf einer Tagung mit dem kuriosen Namen "'Statt-Integrationskonferenz' des Deutsch-Türkischen Jugendwerks". Auch andere Redner, die dort auftraten, sprachen sich gegen das Konzept der Integration aus.

    Sarrazins Buch zeigt also Wirkung. Multikulti gibt sich noch lange nicht geschlagen. Bemerkenswert finde ich, mit welcher Chuzpe das geschieht. Auf die Reaktionen bin ich gespannt.



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    Marginalie: Lötzsch bei Illner, Lafontaine bei Will. Deutschland diskutiert wieder über den Kommunismus. Anmerkungen zum Kampf um Aufmerksamkeit

    Jeder, der etwas von Werbung versteht, ob kommerziell oder in der Politik, kennt die Bedeutung der Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit auf ein Thema zu lenken, auf ein Produkt - das ist das A und O. Deshalb diese vor Aufgeregtheit fast überschnappenden Stimmen im Werbe-TV, deshalb die Piepser in den Spots, die Aufmerksamkeit erzwingen sollen. Deshalb auch die "Reizthemen", mit denen Politiker hantieren.

    Je mehr wir von wuchernden Informationen umgeben sind, je vielfältiger das Warenangebot wird, umso härter wird die Konkurrenz um unsere Aufmerksamkeit. Sie ist sozusagen das neue knappe Gut. Überhaupt beachtet zu werden ist ein Wert an sich.



    Als Gesine Lötzsch mit der bisherigen Politik der deutschen Kommunisten seit der Wiedervereinigung brach und in ihrem Artikel in der "Jungen Welt" die Katze aus dem Sack ließ (siehe Gesine Lötzsch, Vorsitzende der Partei "Die Linke", über die Wege zum Kommunismus; ZR vom 4. Januar 2011 sowie die beiden Anschlußartikel), da habe ich mich - wie vermutlich viele - gefragt: War das jetzt eine Panne, oder war es ein überlegter taktischer Schachzug?

    Hat Gesine Lötzsch die Kaderlinie ihrer Partei, die normalerweise - der Name sagt es - nur den eingeweihten Kadern mitgeteilt wird, versehentlich an die Öffentlichkeit getragen; vielleicht in der Erwartung, ein Artikel in der linksextremen Zeitung "Junge Welt" werde nur diese Adressaten erreichen und ansonsten unbeachtet bleiben? Oder wurde da mit Überlegung ein Stein ins Wasser geworfen, damit er Kreise zieht?

    Was das Motiv der Vorsitzenden Lötzsch angeht, vermag ich das immer noch nicht zu sagen. Jedenfalls war ihr Text nicht so nebenher entstanden, sondern sie hatte sich auf einen Entwurf gestützt, den sie bei dem einstigen Dozenten für Historischen Materialismus in Ostberlin und IM des MfS, dem jetzigen Direktor des Instituts für Gesellschaftsanalyse der "Rosa-Luxemburg-Stiftung" Michael Brie bestellt hatte.

    Das war also schon wohlüberlegt. Und was auch immer Gesine Lötzsch sich von ihm versprochen hatte - im Rückblick war ihr Artikel ein Volltreffer. Denn seither redet das politisch interessierte Deutschland über den Kommunismus. In der Konkurrenz um unsere Aufmerksamkeit hat man gepunktet.

    Die aktuellen Sendungen sowohl von Maybrit Illner also auch gestern von Anne Will waren dem Thema "Kommunismus" gewidmet.

    Gewiß wurde dort und wird auch anderswo nicht nur - wird nicht einmal überwiegend - freundlich über den Kommunismus geredet. Möglicherweise aufgrund dieser Diskussion sind die Umfragewerte der Kommunisten sogar leicht zurückgegangen.

    Aber was macht das schon aus Sicht der Kommunisten?

    Natürlich wird kontrovers diskutiert. Natürlich wurde in diesen beiden Sendungen von den Nichtkommunisten alles das, was am Kommunismus falsch und verbrecherisch ist, zur Sprache gebracht. Aber langfristig schadet das den deutschen Kommunisten so wenig, wie die berüchtigte Negativ-Werbung dem Absatz der Firma Benetton geschadet hat.

    Auch der Linksruck der Bundesrepublik in den siebziger Jahren begann mit Debatten über das, was die radikalen Studenten wollten; Debatten, in denen fast jeder gegen sie argumentierte. Aber sie setzten damit die Themen. Sie erzwangen sich Aufmerksamkeit. Das war der Startpunkt für ihren "langen Marsch durch die Institutionen", der viele von ihnen zwei, drei Jahrzehnte später in die höchsten Positionen von Staat und Gesellschaft geführt hat.



    Das, worüber man diskutiert, ist nicht mehr indiskutabel.

    Überhaupt noch über den Kommunismus zu diskutieren, nach fast einem Jahrhundert Erfahrung mit ihm, sollte sich unter Demokraten verbieten; wir diskutieren ja auch nicht über das Für und Wider des Nationalsozialismus oder des islamistischen Terrors. Diskussionen wie die am Donnerstag bei Illner und gestern bei Anne Will sind schon deshalb ein großer Erfolg für Lötzsch und ihre Genossen, weil sie den Eindruck vermitteln, der Kommunismus sei wieder diskutabel.

    In seiner heutigen Besprechung der Sendung von Anne Will schreibt in Faz.NET Matthias Hannemann über den Auftritt von Oskar Lafontaine:
    Zwar verrenkte der sich leidlich, als Anne Will ihn auf die Empörung ansprach, die das Kommunismus-Bekenntnis von Lötzsch auslöste. Auch wich er reichlich aus, spulte Phrasen ab und Programme. Doch das war gut. Denn gerade diese politische Aerobic rief in Erinnerung, mit welch verschwörungstheoretisch fundierter Ignoranz all jene zu Werk gehen, die nichts anderes als Kommunismus meinen, wenn sie "Gemeinschaftseigentum" und "demokratischen Sozialismus" sagen - sie treiben die Debatte voran, weil sie ihnen alten Wein in neuen Schläuchen zu verpacken hilft.
    Nein, Ignoranz ist da nicht am Werk, so wenig wie eine Verschwörungstheorie.

    Auch wird ja immer weniger alter Wein in neue Schläuche gefüllt.

    Es geht den Kommunisten, wie es scheint, darum, uns allmählich, nach zwanzig Jahren der Abstinenz, wieder an ihren alten Wein in seinen alten Schläuchen zu gewöhnen. Uns an ihn "heranzuführen", wie der Agitprop-Fachausdruck lautet. Und unsere öffentlich-rechtlichen Talkshows tun ihnen den Gefallen, dafür die Probierstuben zu öffnen.



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    Zitat des Tages: Der Iran, der Irak, die USA - und jetzt Tunesien

    The United States now faces a critical choice. If it continues its withdrawal of forces from Iraq, Iraq will be on its way to becoming an Iranian satellite. (...)

    If Iraq becomes an Iranian ally or satellite, the Iraqi-Saudi and Iraqi-Kuwaiti frontier becomes, effectively, the frontier with Iran. The psychological sense in the region will be that the United States has no appetite for resisting Iran. (...)

    In other words, with the most strategically located country in the Middle East — Iraq — Iran now has the ability to become the dominant power in the Middle East and simultaneously reshape the politics of the Arabian Peninsula.


    (Die USA stehen jetzt vor einer kritischen Wahl. Wenn sie den Abzug ihrer Truppen aus dem Irak fortsetzen, dann wird der Irak auf dem Weg sein, ein Satellit des Iran zu werden. (...)

    Wenn der Irak ein Alliierter oder Satellit des Iran wird, dann werden die irakisch-saudische und die irakisch-kuweitische Grenze faktisch die Grenze zum Iran sein. Der psychologische Eindruck in der Region wird sein, daß die USA keine Lust darauf haben, dem Iran zu widerstehen. (...)

    Mit anderen Worten: Zusammen mit dem Land des Nahen Ostens mit der wichtigsten strategischen Lage - dem Irak - hat der Iran jetzt die Fähigkeit, die Vormacht des Nahen Ostens zu werden und zugleich der Politik auf der arabischen Halbinsel eine neue Gestalt zu geben.)

    George Friedman am 11. Januar bei Stratfor.


    Kommentar: Lesern von ZR ist diese Analyse nicht neu (siehe Die Gefahr eines Kriegs im Nahen Osten wächst; ZR vom 21. 8. 2010, und "Wir geraten unter iranische Besatzung". Präsident Obama erhält die Quittung für seine Irakpolitik; ZR vom 19. 10. 2010). Die Ereignisse in Tunesien, die Friedman noch nicht berücksichtigen konnte, geben ihr aber einen neuen Aspekt; und eine neue Brisanz.

    Friedmans Aufsatz trägt den Titel "The Turkish Role in Negotiations with Iran", die Rolle der Türkei in den Verhandlungen mit dem Iran. Denn am 21./22. Januar beginnen diese Verhandlungen wieder; auf der anderen Seite des Verhandlungstischs sitzen die fünf ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrats sowie Deutschland. Verhandelt wird in Istanbul; und Friedman diskutiert die Frage, ob die Türkei willens und fähig sein könnte, als Ordnungsmacht der Region an die Stelle der USA zu treten.

    Vielleicht ist die Türkei beides (siehe "Diese Region hat das Potential, die Welt zu gestalten". Erdoğan über die imperialen Pläne der Türkei; ZR vom 13. 1. 2011). Aber der Sturz von Präsident Ben Ali in Tunesien fügt der ohnehin schwierigen Situation in der Region eine weitere Komponente hinzu.

    In der Wochenendausgabe der Washington Post untersuchen Liz Sly und Leila Fadel die Auswirkungen der Entwicklung in Tunesien auf die arabischen Länder:
    For the first time in the history of a part of the world long calcified by autocratic rule, a dictator had been forced from office by a popular revolt, and it was all broadcast live on television

    Leaders braced for the fallout. Elites analyzed the potential for the revolution to spread. Ordinary people celebrated, marveled, gossiped and wondered: Will it happen here? What can we do? And, perhaps most important, who will be next?

    Only one certainty stood out: The turmoil in tiny Tunisia, long ignored as a sleepy outpost of relative stability on the fringe of a volatile region, will have profound ramifications for the rest of the Arab world.

    Erstmals in der Geschichte dieses Teils der Welt, der durch autokratische Regierungen verkrustet ist, wurde ein Diktator durch einen Volksaufstand aus dem Amt gejagt, und alles war live im Fernsehen zu sehen.

    Staatenlenker bereiteten sich auf den Fallout vor. Eliten analysierten die Möglichkeit, daß die Revolution sich ausbreitet. Gewöhnliche Bürger feierten, staunten, gaben Gerüchte weiter und fragten sich: Wird es hier geschehen? Was können wir tun? Und, vielleicht am wichtigsten: Wer ist als nächster dran?

    Nur eines ragte als sicher heraus: Der Aufruhr im winzigen Tunesien, das lange als verschlafener Außenposten relativer Stabilität am Rand einer unsteten Region galt, wird tiefe Auswirkungen auf die übrige arabische Welt haben.
    Gestern habe ich darauf aufmerksam gemacht, daß die Revolution in Tunesien keineswegs zu einer demokratischen Entwicklung führen muß, sondern ebenso Islamisten an die Macht bringen könnte ("Das Schlimmste kann kommen"; ZR vom 16. 1. 2011).

    Liz Sly und Leila Fadel weisen darauf hin, daß Islamisten in Saudi-Arabien, in Jordanien, in Ägypten und in Syrien die heftigsten Opponenten der jeweiligen Regimes sind. Vor allem in Ägypten ist die Moslem-Bruderschaft stark. Die Autorinnen zitieren einen jordanischen Analytiker, Labib Kamhawi:
    Change could come not for the better but for the worse, if fundamentalist forces succeed in taking over. (...) Tunisia was not that important at the end of the day. But what if a more important ally, such as Egypt or Saudi Arabia, was at stake? Would the Americans risk serious change in a more important country?

    Es könnte eine Veränderung nicht zum Besseren, sondern zum Schlechteren geben, wenn fundamentalistische Kräfte an die Macht kommen. (...) Am Ende wird Tunesien nicht so wichtig gewesen sein. Aber was, wenn ein wichtigerer Alliierter, etwa Ägypten oder Saudi-Arabien, auf dem Spiel stehen würde? Würden die Amerikaner einen grundlegenden Wandel in einem wichtigeren Land riskieren?



    Präsident Obama hat bisher keinen Hinweis darauf geliefert, daß er überhaupt die bisherige Machtposition der USA im Nahen Osten aufrechterhalten will. Er will raus aus dem Irak, um jeden Preis; unter anderem dürfte er sich davon einen Vorteil erhoffen, wenn 2012 seine Wiederwahl ansteht.

    Er wird damit den Irak dem Iran überlassen. Wenn dann noch revolutionäre Situationen in Ländern Arabiens, ausgelöst durch die Ereignisse in Tunesien, hinzukommen sollten, dann könnte der Nahe Osten im Jahr 2011 sehr unruhig werden.



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    16. Januar 2011

    Zitat des Tages: "Das Schlimmste kann kommen". Jean Daniel über die Lage in Tunesien. Die islamistische Gefahr

    Mais aujourd'hui, en ces moments de célébration, tous les gens qui ont appris l'histoire des révolutions savent que si le pire n'est pas toujours sûr, rien ne l'empêche d'arriver, pour le malheur de tous. Il faut que les révolutionnaires d'aujourd'hui pensent à Lech Walesa et Nelson Mandela, et à toutes les révolutions de velours, plutôt qu'aux émeutes sanglantes de la terreur révolutionnaire de 1793 en France et de 1921 en Russie.

    Il faut éviter les convulsions de la vengeance et la division tragique des héritiers, comme cela s'est passé un peu partout dans le monde arabe. Il faut revenir à l'époque glorieuse des dix premières années de Bourguiba. C'est de tout mon cœur ce que je souhaite aux Tunisiens.


    (Aber heute, in diesen Augenblicken des Feierns, wissen alle diejenigen, die sich in der Geschichte der Revolutionen auskennen, daß das Schlimmste zwar nicht sicher ist, daß aber nichts es daran hindert, einzutreten; allen zum Unglück. Die jetzigen Revolutionäre sollten an Lech Walensa denken, an Nelson Mandela und an alle die samtenen Revolutionen, nicht an die blutige Aufruhr des revolutionären Terrors von 1793 in Frankreich und von 1921 in Rußland.

    Es gilt das Aufzucken der Rache zu verhindern, die tragische Spaltung der Erben, wie sie sich allerorten in der arabische Welt zugetragen hat. Notwendig ist eine Rückkehr zu der ruhmvollen Epoche der ersten zehn Jahre von Burgiba. Das wünsche ich den Tunesiern von ganzem Herzen.)

    Der 90jährige Doyen der französischen Publizistik und langjährige Herausgeber des Nouvel Observateur Jean Daniel heute in der Internetausgabe des Nouvel Observateur über die Situation in Tunesien.


    Kommentar: Jean Daniel, der selbst (als Sohn einer jüdischen Familie) in Nordafrika geboren wurde, ist einer der besten Kenner des Maghreb. Er war zeitweilig Ratgeber von Präsident Burgiba und wurde - wie er sich in dem Artikel erinnert - 1961 bei den Unruhen in Bizerta von französischen Kugeln getroffen, als er sich dort bei tunesischen Freunden aufhielt.

    Sein Kommentar gibt überwiegend der Freude über den Sturz von Zine El Abidine Ben Ali Ausdruck, der - wie so viele Führer von Entwicklungsländern - als Reformer begann und später ein autoritäres Regime errichtete.

    Aber in der zitierten Passage drückt Jean Daniel auch eine simple Wahrheit aus, die mir in der gegenwärtigen Berichterstattung über die Vorgänge in Tunesien zu kurz zu kommen scheint: Der Ausgang von Revolutionen ist völlig offen. Wie "spontan" der jetzige Aufstand ist, scheint im Augenblick unklar zu sein. Welche Kräfte sich durchsetzen werden, kann niemand prognostizieren.

    Wie in Algerien gibt es auch in Tunesien eine starke radikal-islamistische Bewegung. Nach seinem Amtsantritt 1987 hat Präsident Ben Ali ihr durch eine moderate Politik gegenüber dem Islam das Wasser abzugraben versucht. Ein offizieller gemäßigter Islam sollte den Zulauf zu den militanten, terroristischen Islamisten, wie sie Jahrzehnte Algerien terrorisiert hatten, unterbinden.

    Den tunesischen Islamisten wurde es verboten, sich als politische Partei zu organisieren. (Das Instrument dazu waren Gesetze vom Mai 1988 und Februar 1989, die jede politische Organisation verboten, die ausschließlich eine bestimmte rassische, regionale, sprachliche oder religiöse Gruppen repräsentiert). Es kam daraufhin zu einem Aufbegehren der Islamisten, deren Organisationen in den Jahren 1990 und 1991 zerschlagen wurden. Diese harte Konfrontation war einer der Gründe dafür, daß das Regime Ben Alis zunehmend repressiv wurde.

    Inzwischen sind diverse terroristische Gruppen in Tunesien tätig, darunter die Kaida. Wie groß ihre Unterstützung in der Bevölkerung ist, läßt sich nicht sagen.

    Vielleicht - hoffentlich - gelingt es gemäßigten politischen Kräften, die jetzige revolutionäre Situation in Tunesien in den Griff zu bekommen. Aber die mahnenden Worte von Jean Daniel weisen darauf hin, daß eine solche positive Entwicklung keineswegs ausgemacht ist. Tunesien könnte auch den Weg des Iran gehen.

    Dort floh der Schah am 16. Januar 1979 - heute vor 32 Jahren - und leitete damit eine Entwicklung ein, die zum Regime der Islamisten führte. Wie Ben Ali (die Hintergründe von dessen Flucht liegen im Dunkeln) verließ er das Land in einer Situation, in der eine erfolgreiche Revolution noch hätte verhindert werden können. Aber mit seiner Flucht machte er den Weg frei für die Islamisten.



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    15. Januar 2011

    Marginalie: Warum konnte die Partei "Die Freiheit" am Dienstag in Berlin nicht ihren Parteitag abhalten? Neue Informationen

    Am Mittwoch habe ich darüber berichtet, wie in Berlin die neue liberalkonservative Partei "Die Freiheit" einen Wahlparteitag abzuhalten versuchte, und wie das an Linken scheiterte, die ihr eigenes Verständnis von der "Freiheit der Andersdenkenden" haben.

    Jetzt kann man detaillierte Informationen über den damaligen Ablauf lesen, und zwar in einem Interview, das Daniel Fallenstein mit einem der Verantwortlichen der "Freiheit", Benjamin Rösch, führte und das jetzt beim Antibürokratieteam erschienen ist. Rösch gehörte selbst zu den Organisatoren des Parteitags und kann deshalb aus erster Hand berichten.

    Er war beauftragt gewesen, einen Mietvertrag für den Versammlungsort zu schließen und die erforderlichen Absprachen zu treffen. Zunächst wollte man ins Hotel Crowne Plaza gehen. Es gab auch bereits einen Mietvertrag, der aber in beidseitigem Einvernehmen gelöst wurde.

    Auf Seiten der "Freiheit" trug dazu die hohe Zahl der Anmeldungen bei, so daß man einen größeren Saal brauchte, der in dem Hotel teuer gewesen wäre. Das Crowne Plaza hatte nach Aussage von Rösch seinerseits das Motiv, daß es "nicht durch diese Veranstaltung zu sehr in den öffentlichen Fokus geraten wollte".

    Soweit war also alles in Ordnung. Mit der Anmietung des Saals in der GLS Sprachschule gab es zunächst auch keine Probleme. Rösch:
    Ich habe gegenüber meiner Ansprechpartnerin dort ausdrücklich geäußert, dass in den Medien über uns berichtet wird. Sowohl bei meiner Anfrage, als auch später im persönlichen Gespräch, habe ich unter anderem auf den siebenseitigen Spiegel-Artikel über René Stadtkewitz und unsere Partei hingewiesen. Und auch als ich bei der Ortsbegehung mit unserem Sicherheitsfachmann im Beisein dieser Dame darüber sprach, wie wir das Eindringen von Störern in den Veranstaltungsraum verhindern können, hat das zu keiner negativen oder verwunderten Reaktion geführt.
    Wie kam es dann aber zu der abrupten Kündigung? Rösch:
    Der Grund dafür war wohl ein Telefongespräch, in dem Frau Jaeschke [von der GLS Sprachschule; Zettel] von einem stadtbekannten Linksaktivisten über den "wahren Charakter" unserer Partei und vermutlich auch über mögliche Konsequenzen "aufgeklärt" wurde.

    Sie ist dieser Person anscheinend in einem solchen Maße aufgesessen, dass sie selbst nicht merkte, wie absurd es wirkte, als sie in besagter Diskussion mit uns gegenüber einem ukrainisch- und einem iranischstämmigen Mitglied unserer Partei äußerte, dass die GLS Sprachschule eine interkulturelle Institution sei und deshalb DIE FREIHEIT nicht zu ihr passen würde.
    Wie Rösch weiter anmerkt, versagt sich diese Sprachschule bei der Raumvergabe keineswegs politischen Parteien; er habe dort Ankündigungen von Veranstaltungen sowohl der SPD als auch der CDU gesehen.

    Wenn es so war, wie Rösch es schildert, dann ist der Skandal noch größer, als ich am Mittwoch vermutet hatte: Nicht nur versuchten aggressive Linke durch Aktionen auf der Straße die demokratische Freiheit einzuschränken, sondern parallel dazu wurde im Hintergrund gearbeitet; von einem "stadtbekannten Linksaktivisten". Schade, daß Rösch nicht weiß oder nicht sagen wollte, wer das denn wohl gewesen ist.

    Es ist exakt die Doppelstrategie zur "fortschreitenden Machteroberung", wie sie die Vorsitzende der Partei "Die Linke" kürzlich offengelegt hat (siehe Gesine Lötzsch und die Wege zum Kommunismus; ZR vom 7. 1. 2010): Auf der Straße randaliert der eine Teil der organisierten Linken, und ihr legal tätiger Teil wirkt derweil innerhalb der Institutionen; mal offen und manchmal auch im Hintergrund durch den einen oder anderen Anruf.



    Das Interview befaßt sich nicht nur mit diesen Vorgängen am vergangenen Dienstag, sondern auch mit den Zielen der Partei "Die Freiheit". Aber das lesen Sie am besten im Original nach.



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    Kleines Klima-Kaleidoskop (19): Die Todesopfer des Klimawahns

    Daß der sogenannte Klimaschutz viel Geld kostet, ist inzwischen allgemein bekannt; wir werden es dieses Jahr an unseren Stromrechnungen spüren. Aber das ist nur ein Teil der "Kosten" des Klimawahns. Er kostet auch Menschenleben. Beispielsweise bei den jetzigen Überschwemmungen in Australien. Auf den ersten Blick mag das wenig einleuchtend erscheinen: Wie kann Schutz Menschen gefährden? Aber es ist so.

    Zu Überschwemmungen kommt es dann und nur dann, wenn die Eindeichung unzulänglich ist.

    Die großen katastrophalen Sturmfluten des vergangenen Jahrhunderts beispielsweise trugen sich in der Nachkriegszeit zu, als man in Vordringlicheres zu investieren hatte als in die Erhöhung von Deichen.

    Eine der schlimmsten war die Sturmflut in Hamburg von 1962, bei der Helmut Schmidt, damals Hamburger Innensenator, sich durch seinen Überblick und sein entschlossenes Handeln auszeichnete.

    Zuvor hatte es eine noch viel verheerendere Überschwemmung in Holland gegeben; Anfang 1953. Der "Spiegel" (Heft 7/1953 vom 11. 2. 1953) berichtete damals:
    In Holland überschwemmte der blanke Hans ungefähr ein Sechstel des Landes (Bevölkerung des überschwemmten Gebietes: eine Million) Verluste: 1355 Tote (nach den letzten Schätzungen). 15 000 Stück Vieh. Obendrein wurden 175 000 Hektar besten Ackerbodens durch das Salzwasser auf Jahre hinaus sterilisiert. Der Gesamtschaden beläuft sich auf drei bis fünf Milliarden Gulden (etwa drei bis fünf Milliarden DM).
    Als Reaktion auf diese Katastrophe begannen die Niederlande ein gigantisches Deichbau-Programm. Heute gilt Holland als das am besten eingedeichte Land der Welt; eine Katastrophe wie 1953 ist nach Menschenermessen ausgeschlossen. Ebenso reagierte man in Hamburg auf die Katastrophe von 1962 mit einer Erhöhung der Elbdeiche. Auch dort wird es eine Sturmflut mit so verheerenden Folgen nicht mehr geben.

    Nicht anders ist es bei Überschwemmungen von Flüssen. So, wie die mangelnde Eindeichung in der Nachkriegszeit an fehlenden Investitionen in den Deichbau lag, hatte auch der Sozialismus mit seinem chronischen Kapitalmangel (zu dem die Schlamperei hinzutrat) den Deichbau vernachlässigt. Beispielsweise an der Oder, wo es zur großen Flut von 1997 kam. Die Reaktion darauf war ein 2005 abgeschlossenes Deichbau-Programm, das eine Wiederholung dieser Katastrophe verhindern wird.

    Und wie ist es in Australien? Auch dort hat es in der heutigen Überschwemmungsgegend in Queensland, vor allem in Brisbane, eine große Flutkatastrophe gegeben; im Jahr 1974. Tausende von Häusern wurden überflutet; 14 Menschen kamen ums Leben.

    Auch dort bestand die Reaktion zunächst darin, den Bau höherer Deiche zu planen. Bis die Ideologie des Klimawandels kam.



    Der "Mann des Jahres 2007" in Australien heißt Tim Flannery. Eigentlich ist er Känguruh-Forscher und hat als Paläontologe die Knochen von Dinosaurieren ausgegraben. Aber er ist auch "Klimaforscher"; der Titel ist ja nicht geschützt.

    Als solcher hat er ein Buch publiziert, das zu den Heiligen Schriften der Gemeinde der Klimareligiösen gehört: The Weather Makers: The History & Future Impact of Climate Change (Die Wettermacher. Die Geschichte und die künftige Auswirkung des Klimawandels). Darin vertritt Flannery unter anderem die These, daß dann, wenn wir nicht umkehren, eine Weltdiktatur zur Rettung des Klimas unausweichlich sein wird.

    Was hat Flannery mit der jetzigen Flutkatastrophe in und um Brisbane zu tun? Das geht aus dem Artikel eines australischen Bloggers hervor, den am vergangenen Dienstag der britische Daily Telegraph in seiner Online-Ausgabe publizierte. Dieser Blogger, "Memory Vault", wohnt in dem Überflutungsgebiet. Er schreibt:
    I am sitting here in my home in South East Queensland, watching the news come in about the flooding everywhere. Entire suburbs around Brisbane and several smaller towns are either isolated by flood-waters or have been evacuated. Highways are cut everywhere.

    People have been dying. So far about 20 people have died in the past week – nine just this morning when a deluge went through the Lockyer Valley. Most of them children. Another 70 are missing.

    Ich sitze hier in meinem Haus in Südost-Queensland und verfolge die Nachrichten über die Überschwemmung, die überall ist. Ganze Vororte rund um Brisbane und mehrere Kleinstädte sind entweder durch die Fluten völlig von der Umwelt abgeschlossen oder wurden evakuiert. Überall sind die Fernstraßen unterbrochen.

    Die Menschen sterben. In dieser Woche sind bisher 20 Menschen ums Leben gekommen - neun allein heute Morgen, als eine Sintflut über das Lockyer-Tal hinwegging. Die meisten Kinder. Weitere 70 werden vermißt.
    Der Autor weist dann auf die Flut von 1974 hin und die Maßnahmen, die man zunächst ergriffen hatte, um eine Wiederholung unmöglich zu machen:
    Flood mitigation programs were planned. A series of levee banks and diversionary dams would be built. Brisbane and SE QLD would NEVER suffer such devastation again. (...)

    And that’s what we did – or at least started. Wivenhoe Dam got built as the first step, but by the time it was finished clever people like you lot who "knew" that such things were never going to happen again had taken over. CO2 AGW madness had already taken hold.

    Programme zur Eindämmung von Überschwemmungen wurden geplant. Eine Reihe von Uferdeichen und Dämmen zur Ableitung des Hochwassers sollten gebaut werden. Brisbane und Südost-Queensland sollten NIE mehr eine solche Verheerung erleiden. (...)

    Und so machten wir es - oder jedenfalls fingen wir an. Der Wivenhoe-Damm wurde als ein erster Schritt gebaut, aber als er vollendet war, hatten jede Menge schlaue Leute die Macht übernommen, die "wußten", daß dergleichen nie wieder eintreten würde. Der Wahn einer durch CO2 verursachten menschengemachten globalen Erwärmung hatte sich schon festgesetzt.
    Tim Flannery nämlich hatte die australische Regierung beraten. Er hatte ihr erklärt, daß es aufgrund der globalen Erwärmung in der Region von Queensland künftig keine Überschwemmungen mehr geben werde, sondern Dürren. Er hatte dazu geraten, statt Dämmen Anlagen zur Entsalzung des Meerwassers zu bauen, um dem zu erwartenden Wassermangel zu begegnen.

    Das tat die Regierung. Man verzichtete auf weitere Dämme und baute eine Anlage zur Entsalzung, die, da die prognostizierte Dürre sich beharrlich nicht einstellen will, inzwischen eingemottet ist.

    Die Katastrophe von 1974 hat sich jetzt wiederholt; mangels immer noch nicht ausreichender Deiche.



    Ideologen unterscheiden sich von vernünftigen Menschen dadurch, daß für sie bestimmte Wahrheiten und die sich aus ihnen ergebenden Handlungsziele absolut sind. Wer vernünftig ist, der wägt ab: Wie wahrscheinlich ist Fall A, wie wahrscheinlich Fall B? Was sind die Kosten, wenn wir Fall A annehmen und auf diesen reagieren? Was ist dann der Nutzen? Was sind die Kosten und Nutzen, wenn Fall B eintritt?

    Ideologen sind unfähig, solche Überlegungen anzustellen. Sie kennen ja die Wahrheit. Für sie gibt es nicht die Möglichkeit von Fall A und Fall B, sondern eine Offenbarung hat ihnen zuteil werden lassen, daß Fall A mit vollkommener Sicherheit eintreten wird. Wer das bestreitet, der ist ein "Leugner" (siehe Versuch der Inquisition in Deutschland. Die Grünen und die Freiheit der Wissenschaft; ZR vom 12. 11. 2010).

    Also orientieren sie, die Ideologen, ihr Handeln an dieser ihnen offenbarten Wahrheit; und da sie Ideologen sind, versuchen sie auch andere zu zwingen, es ihnen gleichzutun.

    Was sind ein paar Tote in Australien gegen die Rettung der Welt? So denken sie, diese Ideologen.

    Übrigens nicht nur, wenn es um das Klima geht. Auch australische Naturschützer, die in ihrem Öko-Wahn Maßnahmen zum Schutz gegen Waldbrände verhinderten, haben hunderte von Menschenleben auf ihrem Gewissen.



    ©Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Drei Bilder, die sich durch das Schütteln eines Kaleidoskops ergeben. Fotografiert und in die Public Domain gestellt von rnbc. Mit Dank an Thomas Pauli.

    14. Januar 2011

    Marginalie: Warum haben Jungen so gern einen Stock? Eine kleine Frage mit großen Implikationen

    Das Slate Magazine ist eine Internetzeitung, wie sie uns in Deutschland leider fehlt: Ein Ableger der Washington Post, der wie diese darauf angelegt ist, die Leser zu informieren, nicht sie politisch zu beeinflussen. Slate gehört für mich zur unverzichtbaren täglichen Lektüre.

    Dort nun gibt es die hübsche Spalte The Explainer. Leser stellen Fragen; oft auch solche, die dumm oder naiv klingen. Und der Wissenschaftsjournalist Daniel Engber macht sich an die Arbeit, diese Fragen auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft zu beantworten.

    Wenn man die Antwort liest, dann denkt man oft: Sieh an, so dumm war die Frage also gar nicht.

    Am Ende jedes Jahres stellt Engber diejenigen Fragen zusammen, die während des Jahres eingereicht worden, aber noch unbeantwortet geblieben waren. Die Leser dürfen wählen, welche dieser Fragen sie dringend beantwortet haben wollen.

    2007 zum Beispiel siegte die Frage, warum man giftigen Abfall eigentlich nicht in aktive Vulkane entsorgen kann; schließlich seien das doch die "Brennöfen mit den höchsten Temperaturen, die es gibt". (Antwort: Weil sie gar nicht so heiß sind, und wegen der Rückstände).

    2008 war es die Frage, welche Hunderasse am wenigsten treu ist. (Die überraschende Antwort: Es gibt im Verhalten nur vergleichsweise geringe Unterschiede zwischen Hunderassen; viel größer ist die Variabilität innerhalb der jeweiligen Rasse).

    Dieses Jahr nun lag, wie Engber am vergangenen Mittwoch schrieb, an zweiter Stelle die Frage, ob Lippenlesen bei allen Sprachen gleich gut möglich ist (bisher unbeantwortet). Die Siegerfrage aber lautete:
    I've always pondered why boys like having sticks. Whether it be walking down a hiking trail with a stick they picked up or running a stick across a white picket fence, boys (including me when I was small) seem to have a knack for having a stick. Is there some kind of explanation for this behavior?

    Ich habe mich immer schon gefragt, warum Jungen so gern einen Stock haben. Ob sie nun einen Wanderweg mit einem Stock hinunterlaufen, den sie sich geschnappt haben, oder ob sie mit dem Stock einen weißen Lattenzaun entlangschrammen - Jungen (auch ich, als ich klein war) scheinen darauf versessen zu sein, einen Stock zu haben. Gibt es für dieses Verhalten irgendeine Erklärung?



    Tja, was meinen Sie? Ihre erste Reaktion ist vielleicht: Aber das ist doch klar. Ein Stock paßt eben zum Rollenklischee des Männlichen, das schon kleinen Jungen vermittelt wird. Was auch sonst?

    Doch, auch sonst. Denn die wissenschaftlichen Untersuchungen, die Engber dazu gelesen hat, legen einen anderen Schluß nahe. Sie beweisen ihn nicht zwingend; aber sie legen ihn eben nah:
  • Erstens zeigen Untersuchungen, das Jungen schon in sehr frühem Alter, wenn sie die Auswahl zwischen Spielzeug haben, anderes bevorzugen als Mädchen. Wenn man sie zwischen einer Puppe und einem Spielzeug-Brummi wählen läßt, dann bevorzugen die Mädchen die Puppe und die Jungen den Brummi. Das gilt, wie kürzlich nachgewiesen wurde, sogar schon für Babies im Alter von drei Monaten; also zu einer Zeit, zu der sie noch keine Vorstellung von geschlechtlicher Identität (gender) haben können. (In diesem Alter ermittelt man das Interesse für einen Gegenstand, indem man die Blickbewegungen registriert).

  • Solche Ergebnisse sind immer schwierig zu interpretieren; denn wie will man den Einwand widerlegen, daß eben doch auch schon in den ersten Lebenswochen den Babies von ihrer Umgebung bestimmte Präferenzen beigebracht worden sind? Das könnte beispielsweise durch selektives Belohnen bestimmter vom Baby erwarteter oder erwünschter Verhaltensweisen geschehen. Deshalb war es eine entscheidende Entdeckung, daß sich ähnliche Präferenzen auch bei Primaten finden; beispielsweise bei Rhesusaffen. Auch die kleinen männlichen Äffchen interessieren sich mehr für bewegbares Spielzeug, die kleinen Affenmädchen mehr für Plüschiges. Hier scheidet die Hypothese einer Beeinflussung durch die Umwelt aus.

  • Eine Analyse der wissenschaftlichen Literatur bis 2008 hat ergeben, daß es noch eine weitere, verblüffende Übereinstimmung zwischen menschlichen und Affenbabies gibt: Die Präferenz für bestimmtes Spielzeug ist beim männlichen Geschlecht ausgeprägter als beim weiblichen. Die Jungen sind, anders gesagt, wählerischer als die kleinen Mädchen.

  • Eine Reihe von Befunden legt die Vermutung nahe, daß für diese Unterschiede männliche Hormone eine kritische Rolle spielen. Mädchen, die im Mutterleib hohen Dosen männlicher Hormone ausgesetzt gewesen waren, zeigen zum Beispiel ähnliche Präferenzen von Spielzeug wie Jungen.
  • Faszinierende wissenschaftliche Ergebnisse, finden Sie nicht?

    Und wie schade, daß viele Menschen darüber hinweggehen, weil sie ja schon wissen, daß die Unterschiede zwischen den Geschlechtern ausschließlich auf "Rollenklischees" zurückgehen.

    Sie wissen es nicht deshalb, weil die Forschung das ergeben hätte, sondern weil es ihre Vorurteile ihnen sagen. Siehe zu diesen Vorurteilen, die noch immer verbreitet sind, Alice Schwarzer vs. Kristina Schröder; ZR vom 10. 11. 2010, und Kristina Schröder. Gender. Islam; ZR vom 3. 12. 2010.



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    Notizen zu Sarrazin (10): Deutschland, das "Land der Niedertracht"? Jakob Augstein wütet weiter gegen Sarrazin. Und was sagt Stéphane Hessel wirklich?

    Der Journalist Jakob Augstein hat sich in das Thema Sarrazin verbissen. Er polemisiert gegen Thilo Sarrazin in einer Weise, die jede Vernunft vermissen läßt, und bei der auch der Verstand auf der Strecke bleibt.

    Das Pamphlet gegen Thilo Sarrazin, das er kürzlich in seiner Zeitschrift "Freitag" publiziert hat, bestand teils aus rüden Verbalinjurien ("Rassist", "Kulturchauvinist", "gewohnheitsmäßiger Lügner", "gefährlicher Demagoge"); zum anderen Teil aus sachlichen Irrtümern und einer Argumentation bar jeder Logik (siehe Augstein über Sarrazin; ZR vom 27. 12. 2010).

    Nun arbeitet Augstein sich weiter an Sarrazin ab. Diesmal nicht im "Freitag", dessen alleiniger Besitzer er ist, sondern in "Spiegel-Online", das ihm (über seine Beteiligung an der "Spiegel"-Gruppe) nur zum Teil gehört. Überschrift seines gestrigen Artikels: "Im Land der Niedertracht".

    Das Land der Niedertracht ist - Sie ahnen es - für Jakob Augstein, den Sohn Martin Walsers und Erben Rudolf Augsteins, sein eigenes Land, Deutschland. Warum? Weil viele Deutsche das Buch Thilo Sarrazins gekauft haben.

    Rund eine Million von achtzig Millionen mögen das jetzt sein; aber Augstein nimmt die restlichen 79 Millionen in Sippenhaft. Er diagnostiziert eine "deutsche Empörung", die "etwas Böses" habe.

    Wo Schatten ist, da ist auch Licht. Wenn das Böse waltet, dann gibt es auch das Gute. Also kontrastiert der Autor Augstein dem Finsterling Sarrazin eine Lichtgestalt. Also stellt er dem "Land der Niedertracht" - seinem eigenen - ein vorbildliches Land gegenüber, in dem die Empörung nicht etwas Böses sei, sondern "etwas Befreiendes" hätte. Die Lichtgestalt ist Stéphane Hessel. Das Land ist Frankreich.



    Stéphane Hessel ist ein eindrucksvoller Mann. Überlebender von Buchenwald, Mitglied der Résistance, Weggefährte von Charles de Gaulle; mit seinen 93 Jahren immer noch geistig fit wie Helmut Schmidt. Er hat im Oktober vergangenen Jahres in dem kleinen Verlag Indigène eine Broschüre publiziert, deren Titel- und Rückseite Sie hier sehen können: "Indignez-vous!", zu deutsch: "Empört euch!"

    Es eine Broschüre zu nennen ist fast schon übertrieben. Es ist ein Heftchen mit 13 Seiten Text, dazu 16 Seiten mit Anmerkungen und Werbung für Verlagsprodukte. Verkauft wird es für 3 Euro; nicht nur in Buchhandlungen, sondern auch an den Kiosken.

    Wie das Heft zustandekam, hat Hessel gegenüber dem Nouvel Observateur geschildert: Er hatte einen Vortrag über die Werte der Résistance gehalten, den die Verlegerin von Indigène, Sylvie Crossman, hörte. Sie schlug Hessel vor, ihn in erweiterter Form zu publizieren; der Text erschien dann in ihrer Reihe Ceux qui marchent contre le vent - "Die gegen den Strom schwimmen", frei übersetzt.

    Gegen den Strom. Daß es eine Botschaft "gegen den Strom" enthält, dürfte den Verkaufserfolg dieses Hefts in Frankreich ebenso ausmachen, wie es in Deutschland Sarrazins Buch eine Millionenauflage bescherte.

    Beide Texte befassen sich mit einer staatlichen, einer gesellschaftlichen Lebenslüge: Daß alles gut ist, so wie es ist; daß es ruhig so weitergehen kann. Beide verteidigen die nationale Würde gegen diese Nonchalance; beide äußern sich mit Sorge über die Zukunft. In dem Interview mit dem Nouvel Observateur sagt Hessel:
    Il y a beaucoup de gens en France, et c'est largement la responsabilité de M. Sarkozy qui trouvent qu'on ne respecte pas quelque chose qui touche à la dignité de la France - y compris sur le plan de la langue, preuve par "Casse-toi pauvre con!". Et donc, quand quelqu'un s'avance et dit: "Indignez- vous !", on l'écoute. D'autant plus s'il est très vieux et ne prétend pas se faire élire président de la République. Les partis politiques traditionnels inspirent désormais de la méfiance.

    Es gibt in Frankreich viele Menschen, und dafür ist größtenteils Sarkozy verantwortlich, die finden, daß es an Respekt vor Dingen fehlt, welche die Würde Frankreichs berühren - auch auf der sprachlichen Ebene, man nehme "Casse-toi pauvre con!" [Zu dieser vulgären Äußerung von Präsident Sarkozy siehe Sarkozy nervt die Franzosen; ZR vom 26. 2. 2008)]. Wenn also jemand vortritt und sagt: Empört euch!, dann hört man ihm zu. Vor allem dann, wenn er sehr alt ist und sich nicht zum Präsidenten der Republik wählen lassen will. Die traditionellen politischen Parteien erwecken heute Mißtrauen.
    Nicht wahr, so ähnlich hätte auch Sarrazin schreiben können.

    Hessel wie Sarrazin sind Sozialdemokraten. Beide sind besorgt um die Kultur, um die Gesellschaft ihres jeweiligen Landes; um dessen Zukunft. Den einen als den Guten und den anderen als den Bösen zu zeichnen; ihre Texte als ein "Buch der Hoffnung" und ein "Buch der Niedertracht" einander entgegenzustellen, wie Augstein das macht, ist abwegig.

    Aber geht denn nicht aus dem, was Augstein zitiert, hervor, daß Hessel und Sarrazin in Fragen der Einwanderung diametral entgegengesetzte Auffassungen haben? Stimmt denn nicht das, was Augstein schreibt:
    Wenn Hessel sich um Frankreichs Zukunft sorgt, geht es um Gerechtigkeit. Sarrazins Sorge um die Zukunft Deutschlands dreht sich um Geld und Gene.
    Nein, es stimmt nicht. Sarrazin geht es nicht um Geld und Gene, sondern um die Zukunft unserer Kultur und die Sicherung unseres Wohlstands. Nichts, wirklich nichts von dem, was er schreibt, zielt auf Ungerechtigkeit. Und wie sieht Hessel die Einwanderung nach Frankreich? Aus dem Interview mit dem Nouvel Observateur:
    Je considère que la France a un rôle très important à jouer à ce propos de par la multiplicité des cultures présentes sur son territoire. La France devrait être un exemple pour l'Europe entière dans sa façon d'intégrer les immigrés.

    Ich bin der Auffassung, daß Frankreich aufgrund der Vielfalt der Kulturen, die es auf seinem Territorium gibt, in dieser Hinsicht eine sehr wichtige Rolle zu spielen hat. Frankreich sollte durch die Art, wie es die Einwanderer integriert, ein Vorbild für ganz Europa sein.
    Das Problem der Integration von Einwanderern ist auch ein zentrales Thema Sarrazins (nicht das zentrale übrigens, obwohl die öffentliche Debatte das suggeriert).

    Gewiß setzen die beiden Autoren verschiedene Akzente. Der frühere Gaullist Hessel mag heute innerhalb der Sozialdemokratie etwas weiter links stehen als Sarrazin. Vor allem aber ist in Frankreich die Situation eine andere als in Deutschland. Dort hat es immer eine Assimilationspolitik gegeben; Multikulti als offizielle Politik spielte in Frankreich nie eine Rolle. Es gab und gibt aber Maßnahmen gegen Einwanderer, die in Deutschland undenkbar wären, zum Beispiel Abschiebungen in großem Umfang, "une politique scandaleuse d'expulsions massives", wie Hessel sagt; eine skandalöse Politik massiver Abschiebungen.

    Aus der Sicht Sarrazins ist demgemäß die Integration ein Problem der Überwindung der Multikulti-Ideologie. Aus der Sicht Hessels ist sie ein Problem des menschlichen, des auch juristisch einwandfreien Umgangs mit Einwanderern.

    Sarrazin - der Deutsche mit französischen Vorfahren - hätte, wäre er Franzose, einen ähnlichen Text schreiben können wie Hessel, der Franzose mit deutschen Vorfahren; und umgekehrt. Sie haben sich unterschiedlich geäußert; denn jeder reagiert auf die Schwierigkeiten, wie sie in seinem eigenen Land existieren.

    Daraus einen Gegensatz von Gut und Böse zu konstruieren, von "Buch der Hoffnung" und "Buch der Niedertracht", und dies dann auch noch auf die ganze jeweilige Bevölkerung zu generalisieren, ist absurd. Nein, es ist unanständig.

    Neigte ich zu Augsteins Sprache, dann würde ich sagen: Es ist niederträchtig.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Links zu allen Folgen dieser Serie finden Sie hier. Titelvignette: Thilo Sarrazin und Necla Kelek bei der Vorstellung von Sarrazins Buch am 30. August 2010. Vom Autor Richard Hebestreit unter Creative Commons Attribution 2.0 Generic-Lizenz freigegeben.

    13. Januar 2011

    Zitat des Tages: "Diese Region hat das Potential, die Welt zu gestalten". Erdoğan über die imperialen Pläne der Türkei

    The Arabs are our brothers and sisters. We are their brothers and sisters. (...) Our union is political, economic, commercial and cultural. We are members of the same civilization. We share a common history. We wrote our joint history together. We have no goals in this region other than brotherhood and mutual cooperation. (...) With its deep rooted culture, this geography deserves peace, welfare and stability. This region carries the potential to shape the whole world.

    (Die Araber sind unsere Brüder und Schwestern. Wir sind ihre Brüder und Schwestern. (...) Unsere Union ist eine politische, ökonomische, kommerzielle und kulturelle. Wir sind Mitglieder derselben Kultur. Wir teilen eine gemeinsame Geschichte. Wir zusammen schrieben unsere Geschichte, die uns verbindet. (...) Mit ihrer tief verwurzelten Kultur verdient diese Weltgegend Frieden, Wohlstand und Stabilität. Diese Region hat das Potential, die gesamte Welt zu gestalten.)

    Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdoğan vorgestern in Kuwait, zitiert nach der halbamtlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu.


    Kommentar: Eine deutsche Zusammenfassung dieser Rede können Sie in "Welt-Online" lesen.

    Was sich vor einigen Jahren abzuzeichnen begann, nimmt jetzt Gestalt an: Während Erdoğan im Inneren den säkularen Staat Kemal Paschas demontiert und ihn durch eine gemäßigt islamische Republik ersetzen möchte, vollzieht er eine radikale Umorientierung der türkischen Außenpolitik mit dem Ziel einer Wiederherstellung des 1919 untergegangenen Osmanischen Reichs; allerdings nicht mehr in Gestalt eines Imperiums, sondern ein Form einer Union unter der Hegemonialmacht Türkei.

    Zum Osmanischen Reich gehörten auch Teile Südosteuropas; zuletzt allerdings nicht mehr allzu große Teile. Insofern bleibt auch die EU im Blick Erdoğans. Aber es war doch überwiegend ein türkisch-arabisches Reich; mit der Zentrale in Istanbul und dem größeren Teil der Bevölkerung im arabischen Raum, von Tunis bis Basra.

    Zum Hintergrund dieser Neuorientierung der türkischen Politik möchte ich Sie auf einen Artikel aufmerksam machen, den ich vor knapp zwei Jahren geschrieben habe, im Anschluß an einen Aufsatz von George Friedman bei Stratfor: "Es ist unvermeidlich, daß die Macht der Türkei wächst"; ZR vom 3. 2. 2009).

    Damals, Anfang 2009, zeichnete sich diese neue imperiale Politik der Türkei erst ab. In Zettels kleinem Zimmer wurden seinerzeit Friedmans Überlegungen kontrovers und überwiegend ablehnend diskutiert.

    Inzwischen ist unübersehbar geworden, wohin Erdoğan will, im Wortsinn. Ich habe das mit einer Reihe von Artikeln verfolgt; zum Beispiel
  • Jerusalems Kotau vor Ankara. Über die neue Außenpolitik des Tayyep Recip Erdogan; ZR vom 14. 1. 2010

  • Ahmadinedschad, das Weltkind in der Mitten; ZR vom 21. 5. 2010

  • Wer hat eigentlich die "Hilfsflotte" für Gaza finanziert und ausgerüstet?; ZR vom 2. 6. 2010.
  • Als die Türkei sich erstmals um die Mitgliedschaft in der damaligen EWG bewarb, schrieb man das Jahr 1959, und an eine Vormachtstellung der Türkei im arabischen Raum war nicht zu denken. Stattdessen orientierte sie sich als Nato-Mitglied außenpolitisch nach Westen und setzte im Inneren Kemal Paschas Politik der Verwestlichung fort. Es war durchaus angemessen, daß unter diesen Voraussetzungen der Türkei von der EWG bereits 1963 die Mitgliedschaft in Aussicht gestellt wurde.

    Es dauerte dann noch lange, bis 2005 offizielle Beitrittsverhandlungen aufgenommen wurden. Schon bis dahin hatte sich die Situation so verändert, daß dies im Grunde ein Anachronismus war. Heute wäre eine Aufnahme der Türkei in die EU mehr als das: Nicht ein Anachronismus, sondern eine Absurdität.

    Wer im Jahr 2011 immer noch ernsthaft erwägt, diese imperiale, sich in den für die türkische Großmachtpolitik traditionellen arabischen Raum hinein orientierende, zunehmend israelfeindliche Türkei in die EU aufzunehmen, der ist entweder von allen guten Geistern verlassen, oder er will die EU zerstören.



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    12. Januar 2011

    Marginalie: Wie Linke es mit der "Freiheit der Andersdenkenden" halten. Beispiel Thilo Sarrazin. Beispiel die Partei "Die Freiheit"

    Ein einziger, handschriftlicher Satz soll aus der begeisterten Anhängerin des Bolschewismus Rosa Luxemburg eine Demokratin und aus den deutschen Kommunisten eine demokratische Partei machen: "Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden".

    Was es mit diesem Satz auf sich hat, das habe ich kürzlich anhand des Manuskripts, in dem er steht, erläutert (Rosa Luxemburg, die Dikatur des Proletariats und die Freiheit des Andersdenkenden; ZR vom 7. 1. 2011): Rosa Luxemburg dachte nicht im Traum daran, Andersdenkenden - also Nichtkommunisten - irgendeine Freiheit zuzugestehen.

    Sie wollte nur, daß diejenigen innerhalb der revolutionären kommunistischen Bewegung, die anderer Meinung sind als die Parteileitung, diese Meinung äußern dürfen. Sie äußern, wohlgemerkt; von Freiheit des politischen Handelns spricht Luxemburg nicht, auch nicht für Kommunisten mit abweichender Meinung.

    Aber die deutschen Kommunisten tragen diesen einen Satz vor sich her, sozusagen Schwert und Schild zugleich. Ihre Vorsitzende Gesine Lötzsch tritt nach eigener Aussage für "einen demokratischen Sozialismus nach den Ideen Rosa Luxemburgs" ein.

    Wie aber sieht es mit der Praxis der deutschen Linken aus, wenn es um die Freiheit der Andersdenkenden geht? Lesen Sie:
    Am 5. Januar gab es eine Veranstaltung von Thilo Sarrazin in Oldenburg, welche – so viel sei vorweggenommen – leider nicht komplett verhindert werden konnte. Allerdings konnte er­reicht werden, dass die veranstaltende NordWestZeitung (NWZ) die Lesung aus "Sicherheitsbedenken" kurzfristig vom städtischen Kulturzentrum PFL in die einige Kilometer entfernte Weser-​Ems-​Halle (WEH) verlegte. Denn ein beacht­liches gesellschaftliches Bündnis hatte dazu aufgerufen, sich der Hetze gegen Arme, MigrantIn­nen und MuslimInnen entgegenzustellen.
    So steht es auf der linken WebSite "[regentied]"; und die linke Internet-Plattform Indymedia übernimmt es. Weiter im Text:
    Lautstark und gutgelaunt wurde nun demonstriert, die über 200 Sarra­zin-​Fans (zum Großteil ältere Semester aus der Mittelschicht) verhöhnt und der Eingangsbereich der WEH mit diversen Farbeiern bedacht. (...) Auch wenn es nicht gelang, dem Hetzer das Mikro abzudrehen, setzten die zu­sammen über 700 Leute und die mehr als 50 aufrufenden Gruppen und Initiati­ven doch ein eindrucksvolles Zeichen.
    In der Tat. Ein Zeichen gegen die Freiheit des Andersdenkenden. Ein Zeichen dafür, mit welchen SA-Methoden die Linke das erreichen will, was Gesine Lötzsch die "fortschreitende Machteroberung" nennt.

    Zu den "aufrufenden Gruppen", die von "[regentied]" genannt werden und die sich laut dieser WebSite "gemeinsam Sarrazin und seinen ekelhaften Thesen entgegenstellen und ihn aus der Stadt jagen" wollten, gehörten unter anderem die DGB-Jugend Oldenburg, die GEW Oldenburg, der Stadtjugendring Oldenburg sowie Prof. Dr. Rudolf Leiprecht von der Universität Oldenburg. Es sind also keineswegs nur Linksextreme aus dem autonomen Spektrum, für welche die Freiheit des Andersdenkenden dort endet, wo dieser anders denkt als sie selbst.



    Ein zweites Beispiel ist brandaktuell: Bei "scharf links" ("die 'neue' linke online Zeitung") ist zu lesen:
    Als einen Erfolg angemeldeter Proteste gegen den ersten Landesparteitag der "rechtspopulistischen" Stadtkewitz-Partei "Die Freiheit" am 11. Januar sieht das Bündnis "Rechtspopulismus stoppen" die Auflösung des Mietvertrages durch das Hotel "Crowne Plaza Berlin City Centre" (Nürnberger Straße 65). (...) Das Bündnis "Rechtspopulismus stoppen" will aber sicher gehen und wird auf ihre angemeldete Kundgebung auf dem Breitscheidplatz gegen "geistige Brandstifter_innen" und Rassist_innen nicht verzichten. (...) Rassist_innen und ihrer Ideologie der Ungleichwertigkeit von Menschen, die Ausgrenzung wegen ihrer Herkunft, Religion, dem sozialen Status oder ihrer Lebensweise legitimieren soll, muss entschiedener Widerstand entgegengesetzt werden.
    Dieser "entschiedene Widerstand" war inzwischen erfolgreich. Denn auch ein Ersatz-Versammlungsort in einer Sprachschule wurden den Leuten von "Die Freiheit" wieder gekündigt; und eine improvisierte Veranstaltung unter freiem Himmel wurde massiv gestört. Näheres können Sie zum Beispiel in der "Süddeutschen Zeitung" lesen, die gewiß nicht einseitig zugunsten von "Die Freiheit" berichten dürfte.

    Derartige Versuche von "linken Bündnissen", die Freiheit der Andersdenkenden zu beseitigen, haben sich bisher vorwiegend gegen Parteien und Gruppen rechtsaußen im politischen Spektrum gerichtet. Das ist vorbei.

    Sarrazin ist bekanntlich Sozialdemokrat. Die Partei "Die Freiheit" ist konservativ und israelfreundlich; ihr führender Mann René Stadtkewitz war langjähriger Abgeordneter der CDU; auch die anderen Vorstandsmitglieder kommen überwiegend aus der CDU.

    Die Versuche, allen, die nicht weit links stehen, ihre Freiheit zu nehmen, haben die Mitte der Gesellschaft erreicht. Kein Demokrat kann heute noch sicher sein, nicht am Reden gehindert, nicht der Möglichkeit beraubt zu werden, auch nur einen Hotelsaal zu mieten, wenn der linke Mob das verhindern will.

    Und wer empört sich gegen diese SA-Methoden?

    Blogger, manchmal. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf einen neuen Blog lenken, "Calimeros Rumpelkammer", wo unter der Überschrift "Ein normaler Tag im politischen Deutschland" die gestrigen Vorgänge in Berlin trefflich kommentiert werden.



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